Anbruch der Nacht

Von Dave Kosak


EISKRONE

 

Sylvanas Windläufer treibt in einem Meer des Wohlbefindens, in dem alle Körperlichkeit der Reinheit des Gefühls weicht. Seligkeit umspült ihre Hände, Glück erscheint vor ihren Augen, Frieden klingt in ihren Ohren. Dies ist ihr Leben nach dem Tod, ihr Schicksal. Das ewige Meer, in das sie abgetaucht ist, nachdem sie bei der Verteidigung von Silbermond gefallen war. Hier gehört sie hin. Mit jeder Erinnerung wird ihr Bild dieses Ortes blasser. Die Klänge rücken in weite Ferne, die Wärme kühlt sich langsam ab. Und bald schon ist ihre Vision nur noch das fahle Abbild eines halb vergessenen Traums. Doch die Erinnerung endet immer mit der gleichen, schrecklichen Klarheit: Sylvanas' Geist wird weggerissen. Der Schmerz ist so intensiv, dass er ihre Seele für immer zerreißt. Das grinsende Gesicht von Arthas Menethil mit seinem schiefen Lächeln und den toten Augen erscheint vor ihr, als er sie wieder zurück in die Welt zerrt. Sie verletzt. Sein Lachen ... dieses hohle Lachen ... Schon der Gedanke daran jagt ihr eine Gänsehaut ein.

 

* * *

 

„Du verdammter Hurensohn!“, schrie Sylvanas und trat ein zerschmettertes Stück der gefrorenen Rüstung des Lichkönigs fort. Ihre Stimme, leer und furchteinflößend, brach unter der Anstrengung ihres Hasses. Der Klang hallte von den Gipfeln Eiskrones wider und glitt durch die Täler wie die abscheulichen Nebel, die diesen schrecklichen Ort bis in alle Zeit heimsuchten.

 

Allein war sie hierher gereist, zum früheren Sitz seiner Macht. Bis ganz hinauf zur Spitze der Eiskronenzitadelle, wo sein Frostthron bedrohlich auf einer Ebene aus weißem Eis aufragte. Der egoistische kleine Junge von damals hätte sich keinen besseren Ort für seinen Sitz aussuchen können als hier, am höchsten Platz der Welt. Doch wo war er jetzt? Zerschlagen. Sie konnte seine Boshaftigkeit nicht mehr an den Enden ihres Bewusstseins zerren spüren. Seine zerbrochene Rüstung lag in Scherben auf dem weißen Gipfel vor seinem Thron, umgeben von schwarzen Lachen gefrorenen Blutes ... die Überreste derer, die ihn endlich in die Knie gezwungen hatten.

 

Sylvanas bereute tief, dass sie nicht da gewesen war, um seinen Fall zu beobachten. Sie nahm einen zerbrochenen Panzerhandschuh auf, der einst die Hand geschützt hatte, die Frostgram führte. Er ist endlich tot. Doch warum fühlte sie sich so leer? Warum tobte der Zorn nicht mehr in ihr? Sie schleuderte die Rüstung vom Gipfel und sah zu, wie sie in den wabernden Nebeln verschwand.

 

Hochaufgelöstes Bild herunterladen

Sie war nicht allein. Neun glitzernde Geister umkreisten die Bergspitze. Ihre mit Masken verdeckten Gesichter waren ihr zugewandt, während ihre vergänglichen Gestalten auf anmutigen, körperlosen Schwingen in der Luft schwebten. Sie waren die Val'kyr, uralte Kriegsmaiden, die Arthas einst seinem Willen unterworfen hatte. Warum verließen sie diesen Ort nicht? Sylvanas wusste es nicht und scherte sich auch nicht darum. Sie kamen ihr nicht in die Quere, verharrten stumm und bewegungslos, während Sylvanas tobte und schrie. Beobachteten sie sie? Verurteilten sie sie? Sie ignorierte sie und ging mit knirschenden Schritten durch den Schnee auf Arthas' Machtsitz zu.

 

Jemand saß darauf.

 

Zuerst dachte Sylvanas, dass es Arthas' Leichnam sei, den man als Verhöhnung dieses ehrenhaften Ortes in einem Block aus Eis auf den Thron gesetzt hatte, doch die Silhouette stimmte nicht. Sie trat näher und wischte mit der Hand über die Oberfläche des Eises, um die verzerrte Gestalt im Inneren betrachten zu können. Ein Mensch, ja. Deutlich erkannte sie das Profil einer Schulterplatte der Allianz. Doch der Körper hatte schlimmer Verbrennungen erlitten und das Fleisch war aufgeplatzt wie bei einem Spießbraten. Er trug Arthas' Krone und in seinen Augen ... dieses aufflackernde Bewusstsein ...

 

Man hat ihn ersetzt. Ein neuer Lichkönig saß auf dem Thron!

 

Erneut schrie Sylvanas auf, und ihr Schock verwandelte sich in brennenden Zorn. Mit der flachen Hand schlug sie auf das Eis, trommelte mit den Fäusten dagegen. Das Eis knackte. Hinter einem Netz aus Sprüngen brach das unbewegliche Gesicht auf. Ihr Heulen verebbte und verklang hohl in den Nebeln, die den Gipfel umschlossen. Man hat ihn ersetzt. Soll das bedeuten, dass es immer einen Lichkönig geben wird? Idioten. Wie naiv zu glauben, dass ihr Marionettenkönig nicht eines Tages die Welt nach seinem eigenen Willen formen würde. Oder noch schlimmer, dass er zu einer stumpfen Waffe für etwas noch Schrecklicheres werden könnte.

 

Es war ein herber Schlag. Sie hatte erwartet, hier ihren Triumph auskosten zu können, nicht eine weitere Niederlage einstecken zu müssen. Der Sieg hinterließ einen schalen Beigeschmack. Doch schließlich wandte sie sich vom Thron ab, richtete sich auf und akzeptierte, dass der Kreis sich nicht schließen würde. Arthas war tot. Was machte es schon, dass ein weiterer Leichnam seinen leeren Thron füllte? Sylvanas Windläufer hatte ihre Rache bekommen. Die Vision, die sie und ihr Volk so viele Jahre angetrieben hatte, war endlich wahr geworden. Und mit keiner Faser ihres vertrockneten, belebten Körpers kümmerte es sie, was von nun an mit der Welt geschehen würde.

 

Es war vorbei. Ein Teil von ihr war überrascht, dass sie überhaupt noch da war, nun, da seine Präsenz nicht mehr tief in ihrem Geist lauerte. Sie kehrte dem Thron den Rücken zu und betrachtete die kalte, graue Welt um sich herum. Ihre Gedanken wanderten an diesen Ort der Seligkeit, den kurzen Blick auf das Jenseits, an den sie sich nur noch halb erinnern konnte. Zuhause. Es war Zeit.

 

Langsam schritt sie zum zerklüfteten Rand der eisigen Plattform. Tausend Fuß unter ihr schlummerte ein Wald aus Saronitstacheln, den sie zuvor ausgekundschaftet hatte, unter dem Wolkenschleier. Der Sturz allein würde sie nicht töten. Ihr wiederbelebtes Fleisch war nahezu unzerstörbar. Doch die Stacheln, das gehärtete Blut eines alten Gottes, würde nicht nur ihren Körper zerreißen, sondern auch ihre Seele vernichten. Sie sehnte sich so sehr danach. Eine Rückkehr zum Frieden. Die Aufgabe, die sie in den Wäldern von Silbermond begonnen hatte, war mit Arthas' Tod endlich abgeschlossen.

 

Sie nahm ihren Bogen von der Schulter und warf ihn beiseite. Scheppernd fiel er auf das unebene Eis. Dann legte sie ihren Köcher ab. Pfeile fielen heraus und sprangen einer nach dem anderen an den Seiten der Eiskronenzitadelle hinab in den Nebel. Leise rutschte der leere Köcher zu ihren Füßen auf den Boden.

 

Ohne ihre Waffen flatterte ihr zerlumpter, dunkler Umhang im bitteren Wind um ihren Hals. Sie spürte die Kälte nicht, nur einen stumpfen Schmerz. Bald schon würde sie gar nichts mehr spüren. Schon merkte sie, wie ihr Geist zum ersten Mal seit fast zehn Jahren zur Ruhe kam. Langsam verlagerte sie ihr Gewicht zum Abhang hin. Sie schloss die Augen.

 

Gleichzeitig drehten die Val'kyr sich stumm zu ihr um.


GILNEAS

 

„Vorwär—“, schrie der Marschall, als sein Befehl von einer Musketenkugel unterbrochen wurde, die seinen Unterkiefer zerschmetterte. Der Wall vor ihm war gebrochen, bot jedoch noch ausreichend Deckung für die Scharfschützen, die sich oberhalb im Regen verbargen. In weißen Schwaden stürzte das Wetter aus dem Himmel und durchnässte sowohl die Angreifer als auch die Verteidiger. Der Marschall stolperte und schlitterte einen Geröllhaufen hinab wie ein Sack Holzspäne, bis er schließlich im dicken Schlamm liegenblieb. Wie die im Schlick steckengebliebenen Verwüster und die Fleischwagen seiner Artillerie kamen auch seine Truppen nicht voran. Jeden normalen Mann hätte dieser Treffer getötet, aber da der Marschall bereits tot war, wuchtete er sich schon bald aus dem Schlamm und spuckte geronnenes Blut und Wundsekret aus den Überresten seines Gesichts.

 

Im Norden, jenseits eines breiten Streifens zerfurchter Felder auf der einen und einem undurchdringlichen Regenschleier auf der anderen Seite, versuchte Garrosh Höllschrei auszumachen, was an der Front geschah. Er erkannte die grauen Umrisse des gilnearischen Walls, der von riesigen, schrägen Rissen durchzogen war, die der Kataklysmus in ihn geschlagen hatte. Hätten seine Kor'kron an der Front gekämpft, wären sie einfach durch ihn hindurch marschiert. Er grunzte, als der Spähertrupp der Verlassenen zerlumpt und geschlagen durch den Matsch zurückgetrottet kam. Selbst im Sieg sahen die Verlassenen aus wie Leichen, doch in der Niederlage noch viel mehr.

 

„Eure Späher sind nutzlos. Ich habe sie losgeschickt, um den Verteidigern des Walls auf den Leib zu rücken, doch stattdessen kommen sie wie geprügelte Hunde zurückgekrochen", schnaubte Garrosh, ohne seinen Begleiter auch nur eines Blickes zu würdigen. Der große, braunhäutige Orc hatte seine furchteinflößendste Kriegstracht angelegt. Unter den hauerbewehrten Schulterstücken quoll sein sehniger, tätowierter Bizeps hervor. Obwohl er direkt vor seinem Zelt stand, weigerte er sich, aus dem Regen zu treten. Tropfen rannen sein finsteres Gesicht und seinen schwarzen Kiefer hinab.

 

Neben ihm, im Schutz des Zeltvordachs, wirkte Apothekermeister Lydon regelrecht zerbrechlich. Unter dem stumpfen, grauvioletten Wirrwarr, das er Haar nannte, zuckte sein pockennarbiges Gesicht bei dem Versuch, eine Antwort zu formulieren, mit der er keine weitere Schimpftirade des Kriegshäuptlings auf sich ziehen würde. „Ich versichere Euch, dass sie ihr Bestes geben", sagte er in einem wohlüberlegten Tonfall mit rauer und flacher Stimme. „Sicher stiften sie Verwirrung unter den gilnearischen Verteidigern.“

 

„Und warum kommen sie dann zurückgehumpelt, statt nach vorne zu drängen?" Garrosh trat ein Fass beiseite. Hinter ihm harrten seine eigenen Truppen im Regen aus: vier Kompanien persönlich ausgewählter Elitekrieger der Orcs und Tauren, unterstützt von fünf Bataillonen der härtesten Kämpfer Orgrimmars. Sie waren über die Felder des Silberwalds verteilt, ein Meer aus grünen und braunen Gesichtern vor leuchtend roten Bannern. „Und wo sind die versprochenen Regimenter aus Lordaeron? Sie sollten den Riss überschwemmen. Wir verschwenden kostbare Zeit."

 

Lydon wusste, dass er mit dem dickköpfigen Kriegshäuptling besser nicht über Taktik sprechen sollte, aber mit jeder Stunde, die der Angriff näher rückte, wuchs seine Verzweiflung. Er leckte sich mit der dunkelvioletten Zunge über die grauen Lippen und versuchte, ganz beiläufig zu antworten, in der Hoffnung, auf Vernunft zu stoßen. „Der Regen hält sie sicher auf, aber sie werden bald eintreffen. Sie sind ... mit Abstand ... die Besten Lordaerons. Das Herz unserer Infanterie und das Rückgrat unserer gesamten Unternehmung ..."

 

Garrosh fuhr sich mit den Fingerknöcheln über die Seite seines Gesichts. Während Lydon sprach, musterte er das Gebiet und stellte im Geiste die eintreffende Infanterie und Kavallerie auf.

 

„Aber man kann sie nicht einfach so durch den mittleren Riss im Wall schicken", fuhr Lydon fort. „Es ist ein ... ein Flaschenhals. Sehr gut befestigt und streng bewacht. Schwer gepanzerte Truppen zu Pferd würden es nicht durch den Riss schaffen. Sie wären ein leichtes Ziel für die Musketenschüsse vom Geröll herab. Sicher erkennt Ihr, dass—"

 

„Natürlich erkenne ich das!", antwortete Garrosh. „Die Tür ist einen Spalt weit geöffnet und muss nur noch eingetreten werden. Genau dafür ist Euresgleichen gut." Jetzt blickte der Kriegshäuptling den Apothekermeister direkt an, seine kühlen Augen fest auf das blassgelbe Licht gerichtet, das die Augenhöhlen seines Gegenübers erfüllte. „Ihr seid bereits Leichen und fast nicht umzubringen. Ihr erobert den Flaschenhals und macht den Weg für den Rest der Horde frei, die ihn dann frisch und unbehelligt durchdringen wird. Und wenn wir über eine Brücke zerschlagener Leichen marschieren müssen. So durchbricht man Befestigungen. So gewinnt man Kriege."

 

Der Apothekermeister hob zwei knochige Finger. „Aber wenn wir nur einen ... nur einen Hauch der Seuche verwenden könnten. Nur um eine Lücke zu öffnen. Nicht einmal genug, um ... nur ein Tröpfchen! Mehr, um Furcht und Panik zu säen, als tatsächlich—"

 

Garroshs Rückhand schoss durch den Himmel und warf einen glitzernden Bogen Regenwasser auf das Zelt, als sie auf Lydons Wange krachte. Der Apothekermeister taumelte zurück, als hätte ihn ein Pferd getreten, ging aber dank schierer Willenskraft unter dem Schlag nicht zu Boden.

 

„Wenn Ihr vorschlagen wollt, auch nur ein Fünkchen dieses Drecks einzusetzen, den Ihr versteckt habt, werde ich Euch und Eure Abwasserkanalstadt dem Erdboden gleich machen", grunzte Garrosh. Er drehte sich wieder dem Geschehen zu.

 

Erniedrigt murmelte Apothekermeister Lydon ein kaum hörbares „Ja, Kriegshäuptling" durch seine zusammengebissenen Zähne. Doch im Inneren kochte er vor Zorn. Wo ist die Dunkle Fürstin Sylvanas? fragte er sich und richtete die leeren Augenhöhlen zum grauen Himmel. Warum ist sie nicht hier, um dieser Bestie die Stirn zu bieten?


EISKRONE

 

Sylvanas schwankte mit geschlossenen Augen am Rand des Eiskronengipfels. Sie hob die Arme. Obwohl die Winde schneidend kalt waren, fühlte sie nur einen dumpfen Schmerz.

 

Als sie eine Präsenz in der Nähe spürte, öffnete sie die Augen. Die Val'kyr waren näher an sie herangeschwebt, so nahe, dass sie die Waffen an ihren geisterhaften Schenkeln glitzern sehen konnte. Was wollten sie nur?

 

Ohne Vorwarnung erfüllte eine Vision ihren Geist. Eine Erinnerung. Sie befand sich in einem warmen, sonnendurchfluteten Schlafzimmer. Goldene Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster ins Innere, erleuchteten die tanzenden Staubpartikel und warfen Muster auf den Boden. Es war ihr Zimmer. Vor einer halben Ewigkeit. Sie war noch keine zwanzig Herbste alt, und doch war die junge Sylvanas bereits die vielversprechendste Jägerin ihrer Familie. Sie schlüpfte in ihre schenkelhohen Lederstiefel, maß gewissenhaft die Länge der Senkel ab und schlang sie elegant um das Schuhwerk. Sie glättete die blätterförmige Stickerei und stieß sich dann vom Bett ab, um sich im Spiegel zu bewundern. Ihr hüftlanges blondes Haar floss in Wellen herab und wirkte im Sonnenlicht fast durchsichtig. Sie starrte in den Spiegel und bändigte die Strähnen, bis sie sich perfekt um ihre langen, schlanken Ohren schmiegten. Die beste Jägerin in der Familie zu sein, reichte ihr nicht. Sie musste auf der Pirsch einfach jedem den Atem rauben. Sie war so eitel.

 

Diese merkwürdige, vergessene Erinnerung brachte Sylvanas dazu, einen Schritt vom Rand zurückzutreten. Was hatte sie ausgelöst? Dieses Leben war längst verloren.

 

Eine weitere Erinnerung strömte in ihren Geist. Jetzt duckte sie sich hinter einer Ausbuchtung aus glattem Stein im Immersangwald. Über ihr rauschte das Herbstlaub und übertönte die Schritte ihres Begleiters, als er vorsprang und neben ihr in Deckung ging. „Es sind so viele!", bellte er und verstummte sofort, als sie einen Finger hob. „Wir haben nur zwei Dutzend Waldläufer da oben", sagte er jetzt flüsternd. „Das überleben sie nie!" Sylvanas wandte den Blick nicht von der dunklen Masse schlurfender Leichen ab, die sich immer näher an das Flussbett schoben. Der Dritte Krieg war im vollen Gange, und in nur ein paar Stunden würde Silbermond Arthas' Armee zum Opfer fallen.

 

„Sie müssen sie nur aufhalten, während wir die Verteidigung des Sonnenbrunnens verstärken", antwortete sie gemessenen Tons.

 

„Sie werden sterben!"

 

„Sie sind Pfeile im Köcher", sagte Sylvanas. „Wenn wir das hier gewinnen wollen, müssen wir sie opfern."

 

Sie war unbesonnen. Leer? Nein ... eine Kämpferin. Sie hatte das Herz eines Kriegers.

 

Und plötzlich eine weitere Erinnerung, genauso unerwartet wie die letzte. „Rechtmäßige Erben Lordaerons!", rief Sylvanas mit gespanntem Bogen. Ihr Unterarm, immer noch schlank und muskulös, hatte jetzt eine gräulich-blaue Farbe angenommen. Tot. Die Szene war deutlich anders als die restlichen. Diese Vision war von dem kalten Hauch einer Erinnerung benetzt, die nach dem Tod gesammelt wurde. Vor ihr wartete eine groteske, wabernde Meute von Leichnamen mit geschundenen Köpern in zusammengewürfelten Rüstungen, die von einem erbärmlichen Gestank umgeben waren. Ihre wehleidigen, verzweifelten Mienen erinnerten sie mit einem Mal an Kinder. Sie verabscheute sie. Und doch gab es Stärke, von ihnen gebraucht zu werden. „Die Macht des Lichkönigs schwindet. Euer Wille gehört nur Euch allein. Wollt Ihr zulassen, dass Ihr Ausgestoßene in Eurem eigenen Land werdet? Oder nehmt Ihr das grausame Blatt an, das das Schicksal uns ausgeteilt hat, um Euren Platz in dieser Welt zurückzuerobern?"

 

Ihre Fragen wurden erst mit einem Gurgeln, dann mit einem kratzigen, fast verzweifelten Jubel begrüßt. Knochige Fäuste wurden gen Himmel erhoben. Diese armen Leute: Bauern, Viehzüchter, Priester, Krieger, Edelmänner und Adlige ... Sie hatten noch nicht verstanden, was gerade mit ihnen geschehen war. Aber dass jemand – irgendjemand – ihnen versicherte, dass sie irgendwo hingehörten, war für sie elektrisierend. „Wir sind die Aufgegebenen. Wir sind ... die Verlassenen. Doch wenn sich morgen die Sonne erhebt, wird die Hauptstadt uns gehören", verkündete sie. Und die Menge brüllte.

 

"„Aber was ist mit den Menschen?", fragte ein junger Alchemist, als das Getöse verebbte. Sylvanas erkannte ihn aus den Kämpfen in der letzten Nacht. In seinen Augenhöhlen leuchtete eine kühle Intelligenz. Sein Name war Lydon. Er hatte sich bereits mit der Situation arrangiert und bezeichnete die Menschen so, als wären sie ein anderes Volk. Sie machte sich eine gedankliche Notiz, dass er später vielleicht von Nutzen sein könnte.

 

"„Die Menschen werden ihren Zweck erfüllen", antwortete sie, während sie im Geiste bereits mit der Planung beschäftigt war. „Sie glauben, sie würden die Stadt befreien. Lasst sie an unserer Stelle kämpfen und sich für unseren Vorteil opfern. Sie sind ..." – ihr fiel ein Vergleich ein, den sie zuvor schon einmal verwendet hatte – „Pfeile in unserem Köcher."

 

Die schwankende Menge der Untoten klatschte und hustete und keuchte vergnügt zum Zeichen der Zustimmung. Sylvanas betrachtete die Meute kalt. Genau wie ihr, dachte sie sich. Pfeile, die ich auf Arthas' Herz richten werde.

 

Immer noch das Herz eines Kriegers? Sie war eiskalt geworden. Nein, sie war die Gleiche. Im Tod wie zu Lebzeiten.

 

Sylvanas schüttelte den Kopf und mit ihm die Vision ab. Es waren ihre Erinnerungen, aber es war nicht sie, die sich an sie erinnerte. Die Val‘kyr hatten sie aus ihr hervorgezogen. Herausgelockt. Die stummen Geister schwebten um sie herum und betrachteten sie schweigend. Sie stellen mich auf die Probe! fiel es Sylvanas wie Schuppen von den Augen. Sie urteilen über mich!

 

Sie sog die kalte Luft in ihre Lungen ein, und mit einem Mal erwachten ihre Augen zum Leben. „Ich lasse mich nicht richten!", schrie sie und drehte sich vom Abgrund weg, um ihren Richterinnen in die Augen zu blicken. „Von Euch nicht. Von niemandem." Zorn wallte in ihr auf. Würde ihr Wehklagen der Banshee etwas gegen diese ... Dinger ausrichten können?

 

Doch sie musste gar nicht kämpfen. Sie war fertig. „Bleibt zurück", befahl sie. „Und bleibt aus meinem Kopf!"

 

Sylvanas trat einen Schritt zurück. Der Wind ergriff ihr Haar und spielte mit ihrem zerfransten Umhang. Die Erinnerungen daran, wer sie gewesen war und was aus ihr geworden war, hatten einen Knoten in ihrem Magen hinterlassen, den sie mit diesem Schritt lösen würde. Nie mehr würde sie die rachsüchtige Anführerin eines Bastardvolks aus verrottenden Leichen sein. Ihre Arbeit war getan und endlich sollte sie die lang erwartete Belohnung dafür erhalten. In süßer Sehnsucht nach dieser vergessenen Glückseligkeit ließ sie sich rückwärts von der Spitze der Eiskronenzitadelle fallen. Der Wind strich mit einem anschwellenden Klagen an ihr vorbei. Die Spitze und die stummen Val'kyr verschwanden ...

 

Mit einem Endgültigkeit verheißenden Schlag krachte ihr Köper auf die Saronitsteine unter ihr.


GILNEAS

 

Wie in einem Traum stürmte das Herz der untoten Armee Lordaerons vor. Die Befehle, die aus allen Ecken kamen, wirkten sonderbar gedämpft. Skeletthufe fanden irgendwie Halt auf den zerschmetterten Überresten des Walls, als die schwere Kavallerie durch den Riss strömte. Die Verlassenen quetschten sich mit aller Gewalt durch die Lücke, die stellenweise nur vier Mann breit war.

 

Dann eröffneten die Verteidiger das Artilleriefeuer mit einem dumpfen, wiederhallenden Krachen. Wo die Geschosse auftrafen, zerfielen Männer und Pferde zu Staub und Blut. Musketenfeuer erklang wie die Schläge ferner Trommeln, als eine Reihe nach der anderen fiel. Doch diese Veteranen hatten die Schrecken von Eiskrone erlebt. Unnachgiebig drängten sie weiter vor, um den Kampf zu den Verteidigern jenseits des Risses zu tragen. Die zweite Welle traf ein und schleuderte Wurfanker auf den Wall, während heißes Öl nach unten geschüttet wurde. Und plötzlich ging die gesamte Front in Flammen auf. Das Gewehrfeuer donnerte, und die Verlassenen stürmten.

 

Einige gelangten auf den Wall, nur um dort niedergemäht zu werden. Die Verteidiger waren keine Menschen. Man hatte diese tollwütigen, wolfsartigen Wesen, die hinter jedem Baum im Silberwald lauerten, tatsächlich in eine kämpfende Streitmacht verwandelt. Wo Gewehre und Schwerter nichts ausrichten konnten, gruben Zähne und Klauen sich in die untote Armee.

 

Erneut bäumten die Verlassenen sich mit blutbefleckten Klingen und triefend vor Regenwasser auf. Der Nebel hüllte die kämpfenden Gestalten in ein stumpfes Grau und die Schreie der in Stücke Gerissenen hallten wider wie ein dumpfes Echo. Sogar die Verteidiger gerieten langsam ins Schleudern. Sie hatten schon so viele getötet. Konnte es denn noch mehr von ihnen geben?

 

Die erste Welle der Orcs traf die Gilneer völlig unvorbereitet. Mit Siegeslust in Augen und Kehlen schoben die Streitmächte der Orcs sich über einen Teppich aus Leichen. Jetzt war alles still. Und dann war es fort.

 

An seinem Ort stand das Bollwerk, die halb fertiggestellte Befestigung, die die Grenze Lordaerons zu dem Gebiet bildete, das als Pestländer bekannt war. Apothekermeister Lydon war da. Sein linker Arm fehlte und in seinem Gesicht klaffte ein riesiger Schnitt. Er redete eindringlich auf sein Volk ein, doch kein Laut drang nach außen. In letzter Minute organisierte er eine Verteidigung am Bollwerk, doch viel stand ihm nicht zur Verfügung. Das Herz der Armee der Verlassenen war in Gilneas geopfert worden.

 

Die traurigen Überreste stellten sich einer gut organisierten Streitmacht aus Menschen und Zwergen, die nach Westen marschierten und von ihrem Sieg in Andorhal noch ganz beflügelt waren. Es bestand kaum eine Hoffnung auf einen Sieg für die geschlagenen Kämpfer am Bollwerk. Der Rest der Horde war nirgends in Sicht.

 

Das ist nicht echt, bemerkte Sylvanas und wurde sich plötzlich bewusst, wie sie diese geisterhaften Ereignisse beobachtete. Sie war tot. Sie könnte es fühlen. Doch ihr Geist war in der Zwischenwelt gefangen. Was ist das?

 

Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, was ihr Sturz in den Tod. Diese Visionen ... Sie erschienen ihr wie Erinnerungen an Ereignisse, die noch nicht eingetreten waren. Woher kamen sie? Wo war sie jetzt?

 

Plötzlich war die Hauptstadt unter Belagerung. König Wrynn stand vor den brennenden Überresten des Zeppelinturms und zeichnete Pläne von Unterstadt für seine Generäle. Er hatte die Stadt bereits zuvor gestürmt und war sich seines Sieges sicher.

 

Innerhalb der Stadtmauern brannten Lagerfeuer. Sylvanas kochte vor Zorn. Die Allianz war bereits dabei, die Leichen zu verbrennen. Nein. Halt. Sie versuchte, einen Sinn in dieser nebelhaften Vision zu erkennen. Die wenigen Verlassenen, die noch übrig sind, werfen sich selbst in die Lagerfeuer, erkannte sie, statt sich ihren Henkern zu stellen.

 

„Das ist nicht echt!", verkündete Sylvanas. Ihre Stimme schallte in ihrem Kopf und klang, als wäre sie noch am Leben. War ihr Volk wirklich so schwach? Nein ... nein! Garrosh hatte ihre besten Truppen in seinen eigenen verschwenderischen Kriegszügen regelrecht ermordet. Die Führung der Verlassenen war ausgenommen worden. Das war es, was diese Visionen ihr zeigten.

 

Die Nebel schlossen sich völlig, als die Zukunft verschwamm. Sylvanas konnte ihren Köper nicht mehr spüren. Sie schwebte in einer Art Zwischenwelt. Sie bemerkte, dass sie sich selbst sehen konnte, und hob die Hände in schweigsamer Verwunderung. Ihre Haut schimmerte wieder in einem goldenen Rosarot, so fest und strahlend wie zu ihren Lebzeiten. Aber sie war nicht allein.

 

Mit einem Keuchen erkannte sie, dass sie umzingelt war. Neun Kriegerfrauen schwebten in einem Kreis im sie herum, noch viel schöner als sie selbst. Die Val'kyr erschienen ihr, wie sie ausgesehen hatten, als sie noch am Leben waren. Einige hatten rabenschwarzes Haar, das sonnengebräunte Gesichter mit juwelenartigen blauen Augen einrahmte. Einige hatten blonde Mähnen in der blassen, strahlenden Farbe eines Sonnenstrahls auf unberührtem Schnee. Ihre Gesichter waren sanft, doch ihre Kiefer hart. Ihre Arme waren glatt und muskulös, ihre Schenkel breit und stark. Jede von ihnen hielt eine andere Waffe: einen Speer, eine Hellebarde, ein großes zweihändiges Claymore, dessen schimmernde Schneide sich in poliertem Stahl vom Kinn bis zum Boden ergoss. Jede war die beste Kriegerin ihrer Generation.

 

Sie waren alle genau wie ich, sah Sylvanas. Eitel, siegreich und stolz.

 

„Ja, das waren wir", sagte die blonde Val'kyr mit dem Claymore, ganz als hätte Sylvanas ihre Gedanken laut ausgesprochen. Ihre Stimme war voll und schwingend. „Ich bin Annhylde die Ruferin. Dies sind meine Schlachtmaidschwestern. Es sind nur noch neun von uns übrig. Zu Lebzeiten dienten wir den Kriegern des Nordens und haben auch im Tod unseren Dienst fortgesetzt."

 

„Als Lakaien des Lichkönigs."

 

Annhyldes Erscheinung erzitterte. „Habt Ihr Euch freiwillig entschieden, dem Lichkönig zu dienen?", fragte sie.

 

„Was soll das hier? Was sind das für Visionen?", verlangte Sylvanas zu wissen.

 

„Visionen der Zukunft", erklärte Annhylde. „Jedes Leben, das schwindet, hinterlässt eine Spur. Dies ist die Eure."

 

„Man braucht nicht gerade eine Kristallkugel, um vorauszusagen, dass Höllschrei die Ressourcen der Horde verschleudert und in seiner Lust nach Eroberung aufreibt." Sylvanas fühlte, wie der alte Zorn wieder in ihr aufflammte, aber ihr Körper reagierte nicht. Sie konnte nichts spüren. „Wohin habt Ihr mich gebracht? Ich sollte tot seid."

 

„Das seid Ihr auch", sagte eine Val'kyr mit kohlefarbenem Haar.

 

„Ich kenne die Vergessenheit ", protestierte Sylvanas. „Ihr haltet mich in der Zwischenwelt gefangen. Warum?"

 

Annhylde blieb ruhig und sprach mit entspannter und kontrollierter Stimme weiter. „Um Euch die Folgen Eures Ablebens zu zeigen und Euch vor die Wahl zu stellen ..."

 

„Ich habe meine Wahl getroffen", unterbrach Sylvanas sie.

 

„Euer Volk wird untergehen!" sagte die dunkelhaarige Val'kyr. Sie war zu Lebzeiten eindeutig die jüngste der Schlachtmaiden gewesen und war jetzt in ihrem Untod die ungeduldigste.

 

Sylvanas dachte an ihr Volk. Es hatte einen weiten Weg von seinen dezimierten Ursprüngen zurückgelegt und war schon lange nicht mehr die sehnsuchtsvolle, verwirrte Meute von frischen Leichnamen, die in den Ruinen der zerstörten Hauptstadt Lordaerons gekauert hatte. Die Verlassenen waren zu einer echten Nation herangewachsen, einer stinkenden, blutverklebten, widerlichen Masse von leblosen Hüllen, die geschickt im Kampf, vernichtend in der arkanen Kunst und befreit von den Fesseln der Sterblichkeit waren. Sie waren zu einer perfekten Waffe geworden. Ihrer Waffe. Und sie hatten den Todesstoß ausgeführt, für den Sylvanas sie geschmiedet hatte. Ihr Schicksal war ihr egal.

 

„Dann lasst es untergehen!", schrie Sylvanas. "Ich bin fertig mit ihnen!"

 

Annhylde hob die Hand, um ihre jüngeren Waffenschwester zum Schweigen zu bringen. „Still, Agatha. Sie weiß es nicht. Sie muss mehr sehen." Die Anführerin der Val'kyr richtete ihre leuchtenden grünen Augen auf Sylvanas. In ihren Rändern schimmerte Trauer. „Sylvanas Windläufer, das Ende, nach dem Ihr strebt, soll das Eure sein. Wir werden Euch nicht aufhalten."

 

Annhyldes Augen schlossen sich, und die Gestalten verschwammen schlagartig zu ihren gesichtslosen spektralen Erscheinungen.

 

Dann fühle Sylvanas, wie sie weggezogen wurden und ihre Sinne sich zu überschlagen schienen. Alles verschwand und die Zeit stand still.

 

„Sie ist verloren!", klagte Agatha.


GILNEAS

 

Der Regen prasselte erbarmungslos weiter und verwandelte den Boden vor dem gilnearischen Wall in einen Sumpf. Als Garrosh die Ränge der Verlassenen inspizierte, sanken die Pfoten seines großen Kriegswolfs tief in den Schlamm ein. Regenwasser tropfte von seinem Gesicht und dampfte in Schwaden von seinem stoppelig geschorenen Kopf.

 

„Die Gilneer verschanzen sich hinter ihren hohen Steinmauern", rief der Kriegshäuptling. Seine donnernde Stimme erhob sich laut über das Getöse aus Regen und Donner. „Ihr, die Bürger von Lordaeron, kennt ihre Geschichte. Als ihre menschlichen Verbündeten sie brauchten, was haben sie da getan? Sie haben eine Mauer gebaut und sich verkrochen."

 

Schwerter schlugen gegen Schilde. Nicht alle Verlassenen klammerten sich an die Erinnerungen aus ihrem Leben, aber diejenigen, die es taten, hatten keinerlei Sympathie für das Königreich, das der Welt in ihrer düstersten Stunde den Rücken gekehrt hatte.

 

Garrosh fuhr mit hoch erhobenem Kopf fort, und seine Worte erfüllten die Luft. „Sie leben in Schande. Wie glaubt Ihr wohl, dass sie kämpfen werden? Mit Ehre?" Kehliges Lachen ertönte. „Nein! Sie werden als Feiglinge den Tod finden und auch so in Erinnerung bleiben. Aber Euer Ruhm wird in Wort und Sang weiterleben." Garrosh Höllschrei drehte sich zum zerborstenen Wall von Gilneas um und zog seine legendäre Axt Blutschrei vom Rücken. Mit ihrer schartigen Schneide zeigte er auf die zerschlagene Befestigungsanlage. „Wälle mögen fallen, aber die Ehre ist unsterblich!"

 

Apothekermeister Lydon fuhr sich mit den knochigen Fingern durch das wirre Haar. Das Brüllen der Orcs, Tauren und Verlassenen schallte lauter als der Donner. Wie macht er das? frage Lydon sich. Meine verlassenen Brüder jubeln ihrer eigenen Vernichtung zu.

 

Verzweifelt versuchte Lydon in einem letzten Flehen um Vernunft gegen Garroshs Plan die richtigen Worte zu finden. Er malte sich aus, was die Dunkle Fürstin sagen würde, wie sie seinen Blutdurst stillen würde. Sein Kiefer öffnete sich, aber es kamen keine Worte heraus.

 

Im hinteren Bereich des Vorpostens der Verlassenen Getöse aus.

 

Garrosh gab seinem Kriegswolf die Sporen und lenkte ihn an die Seite der Armee, um den Weg für den Ansturm freizugeben. „Helden der Verlassenen! Ihr seid die Spitze meines Speers. Erhebt Eure Arme! Erhebt Eure Stimmen! Und lasst nicht nach, bis Ihr das Banner der Horde auf diesen Wänden schwingt!" Blutschrei fiel. „Aaaaangriff!"

 

„HALTET EIN!" kreischte eine Stimme aus dem Norden. Der Ruf der Bansheekönigin schwang mit einer solchen furchteinflößenden Macht und Reinheit, dass selbst der Regen auf ihren Befehl hin stillzustehen schien. Der Himmel riss mit einem Blitz auf und Donner krachte wie ein Hammer auf Stein. Alle Köpfe drehten sich zu ihr um, der Dunklen Fürstin auf ihrem Skelettreittier. Ihr schwarzer Umhang wehte in ihrem zornigen Ansturm. Eine regennasse Kapuze bedeckte ihre Augen. Als die Verlassenen sie erblickten, senkten sie die Waffen in den Schlamm, knieten nieder und neigten das Haupt.

 

Apothekermeister Lydon fiel nicht auf die Knie, obwohl diese ihm beim Anblick der Retterin der Verlassenen zitterten. Seine langen Roben schliffen achtlos durch den Matsch, als er bebenden Schrittes auf sie zutrat, die Zügel ihres Rosses ergriff und es zum Halt brachte. „Dunkle Fürstin", flüsterte er, vor Erleichterung ganz atemlos.

 

Dann blinzelte er überrascht. Fürstin Sylvanas wurde auf beiden Seiten von den abscheulichen Val'kyr flankiert, deren schimmernde Körper an durchscheinenden Flügeln in der Luft schwebten.

 

Garrosh näherte sich ihr auf der zerfurchten Straße. Die kniende Armee der Verlassenen schien wie ein Meer von schweigenden Statuen. Blutdurst flackerte in ihren Augen. Lydon wandte sich eingeschüchtert ab.

 

Doch Sylvanas blinzelte nicht einmal und nahm auch ihre Kapuze nicht ab, wie es der Respekt geboten hätte. In einer kaum merklichen Bewegung hob sie das Kinn. Dann erklangen ihre Worte. Sie waren für Garrosh bestimmt, aber laut genug, dass alle sie hören konnten.

 

„Höllschrei. Gilneas wird fallen. Und die Horde wird ihren Preis bekommen", sagte sie. „Aber wenn Ihr mein Volk einsetzen wollt, dann tun wir es auf meine Art." Sie warf ihren Umhang über eine Schulter und gab den Blick auf ihre gefleckte graue Haut und die federgeschmückten Lederplatten ihrer schwarzen Rüstung frei. „Meine drei schnellsten Schiffe sind bereits auf dem Weg zur südlichen Küste, um die gilnearische Hauptstadt abzulenken. Und genau in diesem Moment sammle ich Verstärkung aus Todesend."

 

Apotheker Lydon legte seinen Kopf nach dieser rätselhaften Bemerkung schief. Soweit er wusste, war in Todesend nichts außer einem Friedhof übrig.

 

Weitaus wichtiger jedoch war, dass sich etwas an der Präsenz seiner Herrscherin geändert hatte. In ihrer Stimme, die schon immer furchteinflößend war, schwang eine Entschlossenheit mit, als spräche sie das Urteil der Götter selbst. Und was hatte es mit diesen Val'kyr auf sich, die stumm neben ihr schwebten?

 

„Meine Fürstin", flüsterte Lydon. „Wo wart Ihr?"

 

Sie blickte auf ihren Untergebenen hinab. Apotheker Lydon trat instinktiv einen Schritt zurück. Die Zügel ihres Hengstes rutschten aus seinen zitternden Händen.


DUNKELHEIT

 

Fürstin Sylvanas Windläufer stürzte im freien Fall. Jedoch nicht im körperlichen Sinn, da ihr Körper am Fuße der Eiskronenzitadelle sein Ende gefunden hatte. Es war ihr Geist, der stürzte. Verloren, wie ein ruderloses Schiff im Sturm.

 

Wie war sie hierhergekommen? Sie konnte sich nicht erinnern. Hatte Arthas sie getötet? Hatte sie Selbstmord begangen? Hatten die Val'kyr sie ins Fegefeuer geschickt? Zeit war hier ohne Bedeutung. Ihr ganzes Leben schien keine Abfolge von Ereignissen mehr zu sein, sondern ein einziger Moment, ein kurzer Blitz des Bewusstseins in einer unendlichen Leere.

 

Sie sah nur noch Dunkelheit.

 

Und dann fühlte sie, fühlte zum allerersten Mal seit einer langen Zeit wieder wahrhaftig. Sie wand sich. Vor Schmerz.

 

Da war sie nun, und ihr Geist fühlte sich wieder als Ganzes, nur um zu leiden. Fühlte ein letztes Mal, und fühlte doch nur erbärmliche Pein. Kälte. Hoffnungslosigkeit.

 

Angst.

 

Da waren noch andere in der Dunkelheit. Dinge, die sie nicht erkannte, da etwas so Schreckliches in der Welt der Lebenden nicht existierte. Klauen rissen an ihr, doch sie hatte keinen Mund, um zu schreien. Augen starrten sie an, aber sich konnte nicht zurückschauen.

 

Reue.

 

Sie spürte eine vertraute Präsenz. Erkannte sie. Die spottende Stimme, die sie einst in ihren Klauen gehalten hatte. Arthas? Arthas Menethil? Hier? Seine Essenz eilte zu ihr, verzweifelt, und zog sich dann erschreckt zurück, als er sie erkannte. Der Junge, der einst der Lichkönig werden sollte. Nur ein verängstigtes blondes Kind, das nun für die Folgen eines Lebens voller Fehler büßen musste. Wäre nicht jeder Teil von Sylvanas' Seele in diesem Moment zerrissen und gequält gewesen, hätte sie vielleicht zum allerersten Mal einen Funken Mitleid für ihn empfunden.

 

In der großen Weite des Leids der ganzen Welt und all des Bösen der Unendlichkeit war der Lichkönig jedoch ... bedeutungslos.

 

Jetzt hatten die anderen sie. Umzingelten sie. Jubelnd und quälend rissen sie an ihrem Bewusstsein und ergötzten sich an ihrem Leid.

 

Schrecken.

 

Das sollte ihre Ewigkeit sein: die endlose Leere, die Dunkelheit, das unbekannte Reich der Qualen.

 

Dauerte es nur einen Moment oder ein ganzes Leben, bis ein einzelner Lichtstrahl die Dunkelheit durchbrach? Dann kamen sie zu ihr, mit ausgebreiteten Armen. Die neun Val'kyr mit einer nach diesem Ort fast unerträglichen Schönheit hüllten Sylvanas in einen einzelnen Lichtschein.

 

Sie fühlte sich klein und nackt. In sich selbst zusammengerollt. Als sie ihre Stimme wiederfand, entfuhr ihr nur ein Schluchzen. Sylvanas Windläufer war gebrochen. Und dennoch verurteilten die Val'kyr sie nicht.

 

„Fürstin Sylvanas", sagte Annhylde mit beruhigender Stimme. Sie strich sanft über die Wange der elfischen Waldläuferin. „Wir brauchen Euch."

 

„Was ... Was wollt Ihr?"

 

„Wir sind an den Willen des schlafenden Lichkönigs gebunden. Eingesperrt auf dem Gipfel von Eiskrone, womöglich für alle Ewigkeit. Wir lechzen nach unserer Freiheit, so wie Ihr es einst getan habt." Annhylde kniete sich neben Sylvanas nieder. Die anderen versammelten sich dicht um die beiden und hielten sich an den Händen. „Wir brauchen ein Gefäß. Eine wie uns. Eine Schwester des Kriegs. Stark. Die Leben und Tod versteht. Die Licht und Dunkelheit gesehen hat. Die es wert ist ... der Macht über Leben und Tod wert ist."

 

„Wir brauchen Euch", wiederholte Agatha. Ihr schwarzes Haar wehte lose im Licht.

 

„Meine Schwestern werden frei sein, für immer frei vom Lichkönig sein. Doch ihre Seelen werden an Eure gebunden sein", fuhr Annhylde fort. „Sylvanas Windläufer, Dunkle Fürstin, Königin der Verlassenen ... Mit der Schwesternschaft der Val'kyr könnt Ihr wieder unter den Lebenden wandeln. So lange sie leben, werdet auch Ihr leben. Freiheit, Leben ... und die Macht über den Tod. Dies ist unser Pakt. Nehmt Ihr unser Geschenk an?"

 

Sylvanas antwortete, jedoch nicht sofort. Die lauernde Vergessenheit erfüllte sie mit Schrecken. Selbst jetzt konnte sie das Gewitter um sich herum toben spüren. Dies war ihr einziger Ausweg. Doch sie wollte ihre Zustimmung nicht aus Furcht geben. Sie wartete, bis sie mehr spürte. Ein Bündnis. Eine Schwesternschaft. Schwestern. Getrennt waren sie alle gefangen. Doch gemeinsam waren sie frei ... und mit ihnen konnte sie ihr Schicksal aufschieben.

 

„Ja", sagte sie. „Wir haben einen Pakt."

 

Annhylde nickte entschlossen und erhob sich mit verschwommenen und geisterhaften Zügen. „Der Pakt ist geschlossen, Sylvanas Windläufer", sagte sie. „Meine Schwestern sind Eure, und Ihr habt die Macht über Leben und Tod." Eine lange Pause ... und dann: „Ich werde Euren Platz einnehmen."

 

Das Licht war blendend.

 

Dann erwachte Sylvanas mit verdrehtem aber unversehrtem Körper. Über ihr ragte die Eiskronenzitadelle wie ein Grabstein in die Höhe.

 

Annhylde war fort. Sylvanas war von den acht verbleibenden Val'kyr umgeben.

 

So lange sie lebten, würde auch sie leben.


GILNEAS

 

„Wer seid Ihr, dass Ihr meine Befehle aufhebt?", fragte Garrosh zornig und trieb seinen Kriegswolf nach vorne. Der riesenhafte Orc drängte seinen massigen Körper dicht neben sie und funkelte sie an.

 

Sylvanas bewegte sich nicht und schreckte nicht zurück. „Ich war einst wie Ihr, Garrosh", antwortete sie mit ruhiger und fester Stimme, gerade laut genug, dass nur der Kriegshäuptling sie hören konnte. „Diejenigen, die mir dienten, waren für mich nichts als Werkzeuge. Pfeile in meinem Köcher." Sie griff nach oben und legte behutsam ihre Kapuze ab. Dann richtete sie ihren dunklen Blick direkt auf ihn. Ihre Augen lebten. Die übergroßen pechschwarzen Pupillen bebten vor Zorn und rote Glut flackerte in ihrem Inneren.

 

In diesem Moment wagte niemand, Sylvanas Windläufer in die Augen zu blicken. Niemand außer Garrosh Höllschrei.

 

Was er sah, war eine große, schwarze Leere, eine unendliche Dunkelheit. Furcht lag in diesen Augen, aber auch etwas anders. Etwas, das sogar dem großen Kriegshäuptling einen Schrecken einjagte. Sein Wolf wich instinktiv ein paar Schritte zurück.

 

„Garrosh Höllschrei. Ich bin im Reich der Toten gewandelt. Ich habe die ewige Dunkelheit gesehen. Nichts, was Ihr sagt, nichts, was Ihr tut, könnte mich auch nur im Geringsten einschüchtern."

 

Die Armee der Untoten, die die Dunkle Fürstin umgab und beschützte, gehörte noch immer mit Leib und Seele ihr. Aber sie waren nicht länger Pfeile in ihrem Köcher. Sie waren ein Bollwerk gegen die Unendlichkeit. Sie mussten mit Bedacht eingesetzt werden. Kein närrischer Orc würde sie vergeuden, solange sie noch in der Welt der Lebenden wandelte.

 

Der Orc steckte seine Axt wieder in die Halterung auf den Rücken, während sein Reittier nervös von ihrem wegtänzelte. Nach einem langen Moment nahm er endlich den Blick von ihren Augen.

 

„Nun gut, Dunkle Fürstin", sprach er laut genug, damit alle es hören konnten. „Wir werden Gilneas einnehmen ... auf Eure Weise."

 

Er trieb seinen Wolf weiter und ritt durch den Schlamm zu seinen eigenen Truppen zurück. Doch ich werde Euch im Auge behalten, sagte er sich selbst.

 

Höllschreis Augen sind fester auf Euch gerichtet als auf jeden anderen.


Quellen

  1. WoW-Europe