Höllschrei

Von Robert Brooks


Teil Eins

 

Garrosh nahm die Landschaft Nagrands genau in Augenschein. Seit Tagen waren keine Späher des Kriegshymnenklans in Sichtweite gekommen. Warum sollten sie auch? Dieser Hügel befand sich am Rand des Klangebietes, und in Friedenszeiten gab es kaum einen Grund, hier zu patrouillieren. Oger auf Beutezügen würden aus dem Westen kommen. Andere Orcklans würden sich aus dem Osten nähern. Selbst zur Jagd war die Gegend zu dieser Jahreszeit nicht geeignet, wie sich Garrosh erinnerte.

 

Er war noch sehr jung gewesen, als er zuletzt auf dieser Hügelkuppe gesessen hatte, und—

 

Nein. Garrosh hatte als Kind nie auf dieser Hügelkuppe gesessen oder war auf diese Bäume geklettert oder war mit den Fingern über diese Grasbüschel gestrichen. Dies war eine andere Welt.

 

Kairozdormu hatte ihm geraten, sich auf einige seltsame Entdeckungen einzustellen. Ich habe mein Leben damit verbracht, die Zeitwege zu erforschen. Wenn Ihr versucht, Grashalme zu zählen und zu vergleichen, werdet Ihr Euch selbst in den Wahnsinn treiben, hatte er gesagt. Meine Pläne setzen einige ... günstige Bedingungen voraus, und hier werden wir sie vorfinden. Dieser Zeitweg ist für uns ideal. Kein perfektes Spiegelbild, aber nichtsdestotrotz perfekt.

 

Das würde sich zeigen müssen. Garrosh schützte seine Augen mit der Hand vor der untergehenden Sonne und starrte auf die Landschaft, die knapp unter ihr lag. Wenigstens wusste er, dass diese Hügelkuppe ein sicherer Ort zum Rasten war. Die offenen Wiesen, saftig und grün, würden mögliche Eindringlinge lange sichtbar machen, bevor sie Garrosh entdeckten.

 

Hinter ihm entspannte sich Kairoz. Er lag beim verglühenden Lagerfeuer auf dem Rücken und hielt eine große, gezackte Glasscherbe über seine Augen. Das Licht des Feuers und die untergehende Sonne ließen bronzefarbene Schimmer auf ihrer Oberfläche spielen. „Habt Ihr darüber nachgedacht, was wir besprochen haben, Höllschrei? Ihr habt schon genug Zeit verschwendet—“

 

Garrosh schnellte herum und starrte ihn wütend an. „Nennt mich nicht noch einmal bei diesem Namen. Nicht hier. Niemals.“

 

Kairoz richtete sich unbeholfen auf. Der Bronzedrache konnte sich in seiner neuen Orcgestalt noch nicht anmutig bewegen. „Nicht? Euer Nachname würde beim Kriegshymnenklan sicherlich Aufmerksamkeit erregen. Uns weiterbringen.“

 

„Er könnte mit Blutschrei meinen Hals durchtrennen. Und auch den Euren“, sagte Garrosh.

 

Kairoz grinste. Die Form seines Mienenspiels gehörte unverkennbar einem Quel’dorei und passte nicht zu einem Orcgesicht. „Euer Vater und seine Waffe können mir nichts anhaben. Nicht, solange er nicht fliegen kann.“

 

Garrosh antwortete nicht. Ich hoffe, dass Ihr Eure Drachengestalt vor Grommash Höllschrei zeigt. Das hoffe ich wirklich.

 

Kairoz legte die Glasscherbe in seinem Schoß ab. Selbst diese einfache Bewegung sah falsch aus. „Also. Habt Ihr eine Entscheidung getroffen?“

 

„Das habe ich.“

 

„Und?“

 

Garrosh achtete darauf, seine Stimme ruhig zu halten. „Es ist Zeit, dass sich unsere Wege trennen.“

 

„Ach was?“, gluckste Kairoz. „Ich kann mich nicht entsinnen, Euch in dieser Hinsicht die Wahl gelassen zu haben.“

 

„Ihr mögt aussehen wie ein Orc, aber Ihr verhaltet Euch nicht wie einer. Sie werden Euch wittern. Ich muss allein an sie herantreten“, sagte Garrosh.

 

„Aha. Und wann kann ich zu Euch stoßen?“ Kairoz' Grinsen wurde breiter.

 

„Wer weiß? Wenn die Zeit reif ist—“

 

„Also nie, wollt Ihr sagen.“ Kairoz schüttelte den Kopf. „Oh, Garrosh, Garrosh, Garrosh. Raffinesse war noch nie eine Eurer Stärken. Macht Euch nicht lächerlich.“

 

Garrosh unterdrückte eine giftige Antwort. „Schön.“ Seine Stimme war beherrscht. „Ich werde mich klar ausdrücken: Meine Horde braucht keine Hilfe von Drachen.“

 

„Mmm. Eure Horde?“ Kairoz stand langsam auf, wobei er die Glasscherbe vorsichtig in einer Hand balancierte. „Eure Horde hat Euch abgesetzt. Ohne mich würdet Ihr noch immer in einer Gefängniszelle verrotten. Der Luxus, mich fortzuschicken, steht Euch nicht zu.“ Der falsche Orc legte seinen Kopf schräg. „Und wenn Ihr Euch weigert, Euch zu benehmen, kann ich dafür sorgen, dass Ihr Euch nach der Möglichkeit der Erlösung durch eine Henkersaxt sehnt.“

 

Kairoz' andere Hand steckte in seiner Schärpe, dem einzigen Kleidungsstück, das er von seiner Hochelfengewandung beibehalten hatte. Garrosh konnte darunter das Klappern von Metall hören. Vielleicht eine versteckte Waffe?

 

Eine Vorahnung von Gewalttätigkeiten überkam Garroshs Geist. Die Welt wurde klarer, deutlicher. Er ließ kein äußerliches Anzeichen davon zu. „Mein Volk hat Besseres verdient als das, was das Schicksal ihm zugewiesen hat. Ich werde das berichtigen. Ohne Euch“, sagte Garrosh.

 

„Ihr habt mir nicht zu befehlen“, sagte Kairoz. „Ich—“

 

Genug. Ohne Vorwarnung schnellte Garrosh vor; sein wortloser Schlachtruf erfüllte die Luft. In drei Schritten war er über das Lagerfeuer gesprungen und hatte Kairoz bei der Kehle ergriffen. Er drückte zu und hob ihn hoch.

 

Ein bronzefarbenes Licht blitzte auf. Die Glasscherbe in Kairoz’ Händen schimmerte.

 

Garrosh blinzelte. Seine Hand drückte nichts als Luft. Das Lagerfeuer war wieder vor ihm, drei Schritte entfernt, als hätte er sich nie vom Fleck gerührt. Kairoz war verschwunden. Ein Moment verstrich in Verwirrung, dann wand sich ein Arm um Garrosh Kehle und hob ihn von den Beinen.

 

Die Welt wurde kopfüber gedreht. Kaltes Metall – vertrautes Metall – schloss sich mit einem Klicken um seine Handgelenke.

 

Er prallte hart in den Staub. Kairoz’ Knie hielt ihn am Boden, sein Unterarm war fest gegen Garroshs Hals gedrückt.

 

„Nur, weil ich jetzt sterblich bin, haltet Ihr mich für schwach?“, zischte Kairoz. „Ihr seid kein Kriegshäuptling mehr, Höllschrei. Ihr seid frei, weil ich es so will. Ihr seid am Leben, weil ich es so will. Ihr werdet Euch Eurem Vater anschließen und die alten Orcklans zusammenführen, weil ich es so will.“ Kairoz’ Tarnung verschwand vom Hals an aufwärts, und sein Orckopf wandelte sich plötzlich zu etwas viel größerem, echsenhafteren. Die riesigen Augen des Bronzedrachens senkten sich herab, bis sie nur wenige Zoll von Garroshs Gesicht entfernt waren. „Ihr seid eine Spielfigur. Nichts weiter. Bleibt mir nützlich, oder Ihr werdet entsorgt.“

 

Garrosh bleckte die Zähne. Seine Handgelenke waren mit denselben Fesseln aneinander gekettet, die er getragen hatte, als er diesem absurden Theater einer Gerichtsverhandlung entkommen war. Jetzt verstand er, warum Kairoz sie so sorgsam entfernt hatte, statt sie einfach zu brechen.

 

Kairoz hatte sie verborgen und bereithalten wollen. Er hatte eine Konfrontation erwartet. Nein, er hatte eine Konfrontation provoziert.

 

Langsam, Stück für Stück, gewann Garrosh Beherrschung über seinen Zorn. Er zügelte seinen Atem. Regelmäßige Atemzüge. Narr. Er hat dich geködert. Mach diesen Fehler nicht noch einmal. Der rote Schleier verschwand aus seiner Wahrnehmung. Seine Stimme war gepresst, doch beherrscht, als er schließlich sprach.

 

„Und wenn Ihr mich nicht brauchen würdet, Drache, hättet Ihr mich in Pandaria gelassen“, sagte der Orc. „Also spart Euch die Drohungen.“

 

Kairoz' reptilischer Mund verzerrte sich zu einem Lächeln. „Solange wir einander verstehen.“ Er wandelte sich wieder vollständig zu seiner Orcform und erhob sich, wobei er von Garrosh zurücktrat.

 

„Oh, das tue ich“. Garrosh rollte sich über den Boden und benutzte seine gefesselten Hände, um sich auf die Beine zu hieven. „Das könnt Ihr mir glauben.“

 

Ein Lichtschimmer fiel ihm auf, während er sich erhob. Die Glasscherbe lag in der Nähe. Während der Rangelei war sie in den Staub gefallen. Kairoz zeigte darauf. „Hebt das auf.“

 

Garrosh warf einen Blick darauf. „Sammelt Euer Spielzeug doch selbst wieder ein.“

 

„Es ist jetzt Eures.“ Kairoz sprach mit ihm wie mit einem ungezogenen Kind. „Ihr werdet es brauchen.“

 

Garrosh betrachtete die Scherbe, rührte sich jedoch nicht. Das gebogene Glas pulsierte und schimmerte mit einem schwachen bronzefarbenen Licht, demselben Licht, das er gesehen hatte, als der Drache seinem Griff entkommen war. Die Kanten sahen scharf aus. Mit gefesselten Händen wäre es ein Kunststück, sie zu halten, ohne sich die Handflächen aufzuschlitzen. „Ich dachte, Ihr hättet gesagt, dass es keine Macht mehr hätte.“

 

„Ich habe gesagt, dass es nicht mehr die Macht hat, die es einst hatte. Das bedeutet nicht, dass es keine Macht hat, wie Ihr soeben feststellen konntet“, sagte Kairoz. Sein Grinsen war wieder da.

 

Garrosh hob seine gefesselten Handgelenke. „Und die?“

 

„Die scheinen noch mehr als genug Macht zu haben, oder nicht? Sie werden bleiben, bis Ihr mich davon überzeugt habt, dass Ihr Eure Rolle versteht“. Kairoz kehrte zum Lagerfeuer zurück und begann, mit den Füßen Erde über das glimmende Holz zu schieben. „Hebt. Es. Auf.“

 

Ruhig atmen. Lass dich nicht noch einmal von ihm provozieren. Garrosh hob die Scherbe sorgsam auf und balancierte sie auf seinen Handflächen. Als es während seiner Verhandlung noch ganz gewesen war, hatten zwei Skulpturen von Bronzedrachen sich um das Glas gewunden. Der Kopf und Hals einer dieser Figuren waren noch immer mit dieser Scherbe verschmolzen. Sie bildeten einen praktischen Griff.

 

„Ich vermute, dass es in meinen Händen über keine Macht verfügt“, sagte Garrosh mit gepresster Stimme. Sonst hättest du es mich nicht einmal berühren lassen. Der Gedanke brachte Garroshs unterdrückten Zorn zur Weißglut.

 

„Selbstverständlich. Aber verliert es nicht. Das würde mich betroffen machen“, sagte Kairoz. Er schlenderte vom Lagerfeuer weg, zupfte gelangweilt ein Blatt von einem niedrigen Ast und zerquetschte es zwischen den Fingern, bis es nur noch grüner Matsch war. „Ihr habt ganz Recht, Garrosh. Ihr. Ich. Wir sind hier zwei Fremde. Es könnte zum Besten sein, wenn wir uns dem Kriegshymnenklan getrennt nähern. Vielleicht sogar mit einigen Monaten Abstand. Das wird es unwahrscheinlicher machen, dass Euer Volk glaubt, dass wir ... zusammenarbeiten.“ Er ließ das zerquetschte Blatt zu Boden fallen und wischte sich die Hand an seinem Oberschenkel ab. Ein hellgrüner Fleck blieb an seiner Handfläche zurück. „Zeigt ihnen das Glas. So primitiv Euer Volk auf dieser Welt auch war, hattet ihr doch wenigstens etwas Ahnung vom Übernatürlichen, nicht wahr? Euer Schamane wird reichen. Jeder Narr mit etwas Talent kann das, was Ihr in den Händen haltet, anzapfen. Es wird reichen, um einen Blick auf unser Azeroth und die Schätze anderer Welten zu erhaschen. Sobald Ihr sie davon überzeugt habt, Eurer idealen Horde beizutreten und alles zu erobern, was ihnen vor die Nase kommt, werde ich eintreffen. Nur ein weiterer Orc, der der neuen Richtung seines Volkes folgt.“ Kairoz breitete seine Arme aus. „Ich werde wundersame neue Verwendungsmöglichkeiten für die Scherbe finden. Wir werden sie benutzen, um in jede Welt zu reisen, die uns beliebt.“

 

„Mich interessiert nur eine“, sagte Garrosh.

 

„Weil Ihr nie das große Ganze im Auge habt. Ihr wollt eine Horde, frei von dämonischer Verderbnis. Ich will mehr. Wir können unendlich viele Horden kultivieren –“

 

Garrosh lachte.

 

Kairoz ließ die Arme sinken. Seine Miene wurde bedrohlich. „Ihr zweifelt an mir?“

 

Garrosh begegnete seinem Blick geradeheraus. „Das Stundenglas wurde zerstört, als es uns hierher brachte. Ich habe es zerschmettert auf dem Boden des pandarischen Tempels liegen sehen.“ Er erhob die Scherbe. „Hiermit könntet Ihr vielleicht ein paar Kunststückchen vollführen, aber tut nicht so, als wäre dies noch immer die Vision der Zeit.“

 

„Denkt es zu Ende, Höllschrei.“ Kairoz’ Stimme war unbekümmert. „Weil der Großteil des Stundenglases sich noch immer in unserem Azeroth befindet, schwingt dieses Stück mit unserem Zeitpfad mit. Man könnte es einen Augenblick nennen ... Ein Aufblitzen der Zeit. Mit ein wenig Arbeit meinerseits –“

 

„Wir können zurückreisen.“ Garrosh fühlte sein Herz rasen und seine Haut prickeln. Pläne begannen, sich in seinem Geist zu entfalten. „Nicht nur zurück in unser Azeroth. Es könnte uns zurück in unsere Zeit bringen.“

 

„Und das ist nur der Anfang“, sagte Kairoz. Er wandte sich um und deutete in Richtung der Sonne, die tief am Horizont von Nagrand unterging. „Erst Azeroth. Dann andere Welten. Alle von ihnen. So viele wir brauchen.“ Der Bronzedrache begann, zu lachen. „Nichts wird uns einschränken. Nicht einmal die Zeit. Die Möglichkeiten sind unendlich. Ich werde unendlich werden ...“

 

Drei Schritte, und Garrosh rammte die Scherbe in Kairoz’ Rücken.

 

Gelächter wurde zu Kreischen. Das gezackte Glas zerfetzte Fleisch mühelos und brach selbst dann nicht, als es Muskeln durchtrennte und von Knochen abglitt. Garrosh hielt die Bronzeskulptur der Scherbe fest in seinen gefesselten Händen.

 

Energie strömte in das Glas. Bronzene Schuppen erschienen und verschwanden auf Kairoz’ Haut. Er versuchte, die Scherbe zu benutzen, versuchte, seine Drachengestalt wiederzugewinnen. Es funktionierte nicht.

 

Garrosh warf ihn nieder und folgte ihm zu Boden. Er zog die scharfe Kante über Kairoz’ Schulter, bis sie auf das Schlüsselbein traf und er sie herausziehen musste. Das Kreischen wurde lauter. Schwache orcische Hände schlugen um sich und versuchten, Garrosh wegzudrücken. Er senkte den Kopf, bis sein Gesicht nur wenige Zentimeter von den Augen des Bronzedrachen entfernt war und versenkte die Scherbe in seiner Kehle. Schreie wurden zu Gurgeln.

 

Garrosh hielt die Scherbe fest und ignorierte die Energieströme, die aus dem Glas und in es hineindrangen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die völlige Überraschung in Kairoz’ Augen.

 

„Es reicht“, sagte Garrosh. „Keine Marionettenspieler mehr, die sich in den Schatten verbergen. Keine Sklaventreiber, die verderbte Macht anbieten. Keiner mehr von deiner Sorte. Die Orcs werden frei von aller Herrschaft sein.“

 

Garrosh drehte die Scherbe und zog sie zu Kairoz’ Brust herab, dann stieß er wieder und wieder zu. Blut ergoss sich auf die Hügelkuppe. Nicht orcisches Blut oder das Blut irgendeiner Kreatur, die je in dieser Welt gewandelt war, und doch würde das Land es trinken.

 

Schließlich zog er die Scherbe heraus und stand auf.

 

Kairoz wand sich auf dem Boden. Garrosh sah interessiert zu. Er hatte noch nie einen Bronzedrachen getötet. Die Scherbe zitterte in seiner Hand und pulsierte im Rhythmus der letzten Herzschläge des Drachens. Ein bronzefarbener Dunst, jeder Partikel so dick wie ein Sandkorn, schwebte von Kairoz fort. Er verwehte nicht wie Rauch, sondern zog sich zu einem dünnen, seilartigen Wirbel zusammen, der sich ins Nichts davondrehte, als würde er aus dieser Welt fortgezogen.

 

Nachdem der bronzene Dunst verschwunden war, verstummte die Scherbe. Kairoz’ Augen waren weit aufgerissen. Er atmete nicht mehr. Garrosh wartete. Er wollte sicher sein. Minuten verstrichen, bevor er knurrte und nickte.

 

„Ein angenehmeres Ende, als du verdient hast.“

 

Er ließ die Leiche an Ort und Stelle liegen. Wenn jemand sie finden würde, würde er nur einen Orc sehen, der den falschen Gegner erzürnt hatte.

 

Nun, kam das der Wahrheit nicht nahe? Garrosh lächelte.

 

Er fand einen kleinen Bach in der Nähe und wusch das Blut von sich und der Scherbe ab. Seine Handgelenke waren noch immer gefesselt und hatten sich wundgescheuert. Daran würde er jetzt nichts ändern können. Der Schlüssel war Welten entfernt.

 

Wie sollte er nun verfahren? Komplizierte Ideen entstanden und verflogen schnell wieder. Kairoz hatte recht gehabt: Raffinesse gehörte nicht zu Garroshs Stärken. Würde er sich mit zu viel Gerissenheit annähern, zu viel Manipulation erkennen lassen, würde ihm sein Vater den Kopf abschlagen. Grommash Höllschrei war kein Narr.

 

Oder etwa doch?

 

Angst sickerte in Garroshs Magengrube. Er war so jung gewesen. Er konnte sich kaum an seinen Vater erinnern. Was, wenn er nicht der Orc ist, den ich erwarte? Grommash Höllschrei war getäuscht worden, mit einer List dazu gebracht, ein Sklave von Dämonen zu werden. Am Ende hatte er sich rehabilitiert und sein starkes Herz unter Beweis gestellt, doch er war nicht unfehlbar gewesen.

 

Garrosh hatte dieses Problem tagelang gewälzt und wusste noch immer keine Antwort. Wie überzeugt man einen der stärksten Orcs überhaupt davon, dass er schwach ist?

 

Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden. Garrosh saß still am Bachufer. Vielleicht sollte er abwarten. Es würde Stunden dauern, das Lager des Kriegshymnenklans zu Fuß zu erreichen, und die Fesseln an seinen Handgelenken sowie die Scherbe würden ihn als jemanden ausweisen, der dort nicht hingehörte. Es könnte sich als sicherer herausstellen, morgen oder übermorgen anzukommen statt mitten in der Nacht.

 

Nein, beschloss er. Keine Warterei mehr. Er wickelte die Scherbe in Kairoz’ Schärpe und steckte sie hinter seinen Hüftgurt. Grommash würde die Stärke in Garroshs Herz erkennen ... oder eben nicht.

 

Garrosh begann, zu gehen. Bei Sonnenaufgang würde er erfahren, ob er an der Seite seines Vaters leben oder durch seine Hand sterben würde.

 

„Lok-tar ogar“, flüsterte er.



Teil Zwei

 

„Höllschrei.“

 

… Ich habe genug …

 

„Häuptling Höllschrei?“

 

… bring es zu Ende …

 

Grommash Höllschrei öffnete die Augen. Sein Zelt war leer, wie immer, und doch hatte er den Arm über sein Bett aus Tierhäuten in dem Versuch ausgestreckt, jemanden zu umarmen, der dort nie wieder liegen würde. So wie immer.

 

Noch einmal, von draußen: „Häuptling Höllschrei?“

 

Er grunzte und entspannte sich. Die Stimme hatte doch außerhalb seiner Träume gesprochen. „Tretet ein“, sagte er.

 

Ein Rüstungsschmied des Kriegshymnenklans trat ein. „Häuptling, der Räuber Riglo hat mich beleidigt. Wir wollen uns im Mak’Rogahn beweisen.“

 

Grommash blinzelte den Schlaf aus seinen Augen. „Ihr habt doch beide gestern Abend gekämpft“, sagte er.

 

„Gegen andere. Aber er hat meine Ehre in Frage gestellt, und ich werde ihm das Gegenteil beweisen. Er soll nie wieder behaupten, dass …“

 

Und so weiter und so fort. Minuten verstrichen.

 

Grommash rieb sich die Stirn und unterbrach schließlich. „Na schön. Ihr dürft kämpfen. Bei Sonnenuntergang—“ Er sah durch die offene Zelttür. Die Nacht war bereits hereingebrochen. Er hatte den ganzen Tag lang geschlafen. „Nein, bereitet Euch jetzt vor. Fangt nicht an, bevor ich eintreffe.“

 

„Jawohl, Häuptling Höllschrei.“ Der Rüstungsschmied ging.

 

Das ist das Dumme am Frieden, sinnierte Grommash. Viele seiner Kriegshymnenorcs waren nicht in den Klan geboren worden. Sie hatten sich auf der Suche nach Krieg und Ruhm um Höllschreis Banner geschart, und eine Zeit lang hatten sie beides gefunden. Nun waren ihre Feinde besiegt. Selbst rivalisierende Orcklans scheuten sich, einander zu bekriegen, dank Gul’dan und seiner Warnungen vor einer Bedrohung von außen. Bis die Klans sich entscheiden würden, wie sie diese Bedrohung bekämpfen sollten, gab es nichts anderes zu bekämpfen. Manchen von ihnen fiel es schwer, sich die Zeit zu vertreiben.

 

Mak’Rogahn. Es hatte nie dazu dienen sollen, kleinliche Beleidigungen zu ahnden. Grommash atmete schwer aus, erhob sich und schnallte seine Handschuhe um.

 

„Narren“, flüsterte er und bereute es sofort. Sie waren keine Narren. Nicht mehr als er selbst. Er verstand das ruhige Chaos des Friedens, die Art und Weise, auf die es einen müßigen Geist bedrücken konnte. Reue konnte den Willen eines Kriegers mürbe machen, wenn sie lange genug an ihm nagen konnte. Reue ist eine Schwäche, erinnerte sich Grommash. Im Kriegshymnenklan gab es keinen Platz für Schwäche, nicht einmal beim Klanshäuptling. Der Genuss eines Kampfes, wenn auch ohne Bedeutung, würde ihm einen klaren Kopf verschaffen.

 

… lass mich den Kriegertod sterben, den ich verdiene …

 

Blutschrei, die Axt der Blutlinie der Höllschreis, lag neben seinem Schlafplatz. Sie hatte schon viel zu lang kein Blut mehr getrunken, und es war unwahrscheinlich, dass sie es heute Abend tun würde. Trotzdem ergriff Höllschrei sie und schritt durch das Lager zur Kampfgrube. Es hatte sich bereits eine Menge zusammengefunden – natürlich nicht der ganze Klan. Nur ein Zehntel eines Zehntels ihrer Zahl war schon aus der Jagdsaison zurückgekehrt, und nur einige von ihnen hatten Interesse an den Geschehnissen in der Grube. Dennoch waren genug von ihnen da, um den Rand zu umgeben und ihm den Blick zu versperren, bis er den Häuptlingssitz erreichte. Der Rüstungsschmied und der Wolfsmeister standen unten in der Grube, bereit zum Kampf. Sie grüßten ihn.

 

Die Menge wurde still. „Normalerweise gäbe es Worte auszusprechen, aber Ihr habt sie alle bereits gehört“, sagte Höllschrei und ließ zu, dass sich etwas Schärfe in seine Stimme stahl. „Nur diejenigen mit einem wahrlich eisernen Willen dürfen sich Mitglieder des Kriegshymnenklans nennen —“

 

… siehst du denn nicht, dass es zu spät ist? …

 

Höllschreis Stimme wurde zu einem Knurren. „Aber Ihr habt Euren Wert schon unter Beweis gestellt. Tut es noch einmal. Fangt an!“

 

Die beiden Orcs gingen aufeinander los, schlugen und packten, wanden sich und rissen.

 

Die Menge brüllte und trommelte mit den Waffen, laut genug, um diese andere Stimme zu übertönen, diejenige, die nur der Häuptling hören konnte und die aus seinen Erinnerungen herausschrie.

 

Grommash setzte sich und verschränkte die Arme, die Axt über seinen Schoß gelegt. Wenige Minuten später schlug der Wolfsmeister dem Rüstungsschmied die Faust gegen die Schläfe, hart, und der Kampf war beendet. Der Sieger stolzierte durch die Grube und badete in der Bewunderung seines Klans. Der andere lag bewusstlos am Boden.

 

Im Großen und Ganzen recht gewöhnlich. Aber sie waren den Standards des Kriegshymnenklans gerecht geworden. „Ein guter Kampf. Keine Kapitulation. Ehrt den Wolfsmeister für seinen Sieg, und ehrt den Rüstungsschmied für den Willen, bis zum bitteren Ende zu kämpfen“, sagte Grommash. „Trinkt heute Abend so viel Ihr wollt. Ihr habt beide bewiesen, das Herz eines Kriegshymnenorcs zu haben.“ Vermutlich zum achten Mal in zwei Wochen.

 

Zwei Orcs hoben den Rüstungsschmied aus der Grube und gaben ihm leichte Ohrfeigen, bis er aufwachte, benommen aber guter Dinge. Es gab keine gebrochene Gliedmaßen zu richten, diesmal nicht.

 

Die Menge lungerte herum, begierig auf eine weitere Runde. Grommash stimmte zu. Ein Kampf war nie genug, um die Vergangenheit zum Schweigen zu bringen.

 

Grommash hob eine Faust, und die Menge wandte sich zu ihm um. „Wer noch?“, fragte er. „Wer will mir heute Abend noch das Herz eines Kriegshymnenorcs zeigen?“

 

In der Masse hoben einige beide Fäuste und brüllten nach Grommashs Aufmerksamkeit. Ein Orc schob sich durch die Menge und sprang in die Grube hinab. „Ich!“, rief er.

 

Grommash lächelte. Die anderen bitten. Er handelt. Der Häuptling konnte sich nicht sofort an den Namen des Orcs erinnern, und die wenigen Fackeln um die Kampfgrube herum beleuchteten ihn nicht ausreichend. Grommash kniff die Augen zusammen und betrachtete sein Gesicht. Seltsam. Seine Gestalt schien ihm vertraut, aber der Name fiel ihm einfach nicht ein.

 

Ein unruhiges Flüstern wogte durch die Menge.

 

„Wer ist das?“

 

Niemand wusste es. Das Gemurmel weitete sich aus.

 

Etwas stimmte nicht. Grommash lehnte sich vor und starrte. Vieles stimmte nicht. Handfesseln verbanden die Handgelenke des seltsamen Orcs. Seine Kleidung ähnelte nichts, das Grommash je gesehen hatte, weder ihr Stoff noch ihr Schnitt. Der dunkle Schatten, der seinen Kiefer bedeckte, war kein kurzgeschorener Bart, sondern eine Tätowierung – die Tätowierung eines Häuptlings, unglaublich detailliert.

 

Die Menge wogte vor Unbehagen. Bald senkte sich Stille über den Kriegshymnenklan, und wer eine Waffe zur Hand hatte umklammerte sie fest. Der Orc stand aufrecht und stolz in der Grube, den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, und genoss die Verwirrung.

 

Grommash legte die Hand auf Blutschreis Schaft. Er hatte gelernt, seiner inneren Stimme zu vertrauen, und in diesem Moment schrie sie, dass dieser Orc gefährlich war, ein Fremder, einer, der nicht hierher gehört. Ein Meuchelmörder? Wenn ja, wäre er ein mutiger oder dummer Mörder, mit zusammengeketteten Händen in eine von Kriegshymnenorcs umgebene Grube zu treten.

 

Die Vorahnung von Gewalttätigkeiten überkam Grommashs Geist. Es war lange her, seit seine Axt getrunken hatte.

 

Und doch: Dieselbe innere Stimme … weckte seine Neugier. Warum sieht er so vertraut aus? „Ihr behauptet, das Herz eines Kriegshymnenorcs zu haben?“, fragte Grommash.

 

„Das tue ich“, sagte der Orc mit kräftiger Stimme. Er sprach ebenso zu der Menge wie zu Grommash.

 

„Sagt uns Euren Namen.“

 

Der Orc hob sein Kinn. „Ich komme als Fremder zu Euch, nicht mehr.“

 

Grommash begutachtete ihn einen Moment lang still. „Ihr habt keinen Klan, Fremder? Kein Erbe? Keinen Namen, der aus den Geschichten über Eure unglaublichen Siege auf dem Schlachtfeld erwachsen ist?“ Er ließ ein wenig Verachtung sichtbar werden, und angespanntes Gelächter schwebte durch die Menge.

 

„Geschichten sind Worte, und Worte sind Wind“, sagte der Fremde. „Nur Taten zeigen, was im Herzen liegt.“

 

„Und doch kann selbst eine kurze Geschichte oder zwei so manche Frage beantworten.“ Grommash zeigt auf die Handfesseln des Fremden. „Welchen Klan habt Ihr verstimmt, um Euch die da einzuhandeln? Und wann seid Ihr geflohen? Liegt Euch eine Armee von Verfolgern im Rücken, Fremder, die sich anschickt, mein Lager zu überfallen?“ Er wandte seinen Blick in Richtung der Menge und machte keinen Hehl aus seinem Zorn. „Und wie seid Ihr überhaupt in mein Lager gekommen? Wer unter Euch war dafür verantwortlich, in die Nacht zu spähen, und hat stattdessen in die Grube geblickt? Zeigt Euch!“ Sein kehliges Gebrüll hallte von den Zeltreihen des Kriegshymnenklans wider. Das Gelächter der Menge verstarb.

 

Vier Orcs schlurften langsam zum Rand der Grube. Die leisen Geräusche ihrer Bewegungen schienen in der Stille ohrenbetäubend. Ihre Gesichter waren vor Sorge verzerrt, doch sie gingen erhobenen Hauptes und nannten sich selbst beim Namen. Grommash ließ sie dort stehen und warten, bis sich Schweißperlen auf ihren Stirnen bildeten.

 

„Das Herz eines Kriegshymnenorcs ist ohne Bedeutung, wenn man das Hirn eines Ogers hat“, sagte er mit leiser Stimme. „Ihr habt zugelassen, dass dieser in unsere Mitte tritt. Es ist nur gerecht, dass Ihr das Schicksal dieses Fremden teilt, was auch immer es sein mag. Stimmt Ihr zu?“

 

Sie murmelten: „Ja, Häuptling Höllschrei.“

 

Grommash sprach leise weiter. „Dann gesellt Euch zu ihm.“ Sie zögerten, sprangen jedoch ohne Widerrede in die Grube. Der Fremde trat zurück und bot ihnen Platz. Sie warfen ihm hasserfüllte Blicke zu. Er erwiderte sie ohne mit der Wimper zu zucken.

 

„Fremder. Ihr beansprucht keinen Klan?“, fragte Grommash.

 

„Wie ich sagte, mein Herz ist das eines Kriegshymnenorcs. Aber ich habe keinen Klan“, sagte er.

 

Grommash rieb sich das Kinn. „Erklärt das Eure Zeichnung? Ihr habt keinen Klan; Ihr seid also Euer eigener Häuptling?“

 

Wieder bahnte sich Gelächter durch die Menge. Der Fremde lächelte nicht. „Es sind Spuren einer anderen Zeit. Eine Narbe. Nichts weiter.“

 

„Meine Kriegshymnenorcs antworten auf meine Fragen nicht mit Rätseln und Ausflüchten, Fremder, und Ihr beherrscht beide nicht gut genug, um mich zu beeindrucken“, blaffte Grommash. „Antwortet mir geradeheraus. Warum seid Ihr hier?“

 

Der Fremde lächelte. „Ihr seid schon der Zweite, der mir das heute sagt.“ Er ließ kurz den Kopf sinken, um seine Gedanken zu sammeln. Als er hochblickte, war das Lächeln verschwunden. An seiner Stelle stand absolute Überzeugung. „Grommash Höllschrei, ich bin weit gereist und habe viel geopfert, um vor Euch zu stehen. Ich bin hier, um dem zu trotzen, was das Schicksal Euch und allen Orcs bestimmt hat.“

 

„Und das wäre?“

 

„Sklaverei. Der Verlust unserer Seelen und von allem, das uns Größe verleiht“, sagte der Fremde mit Bestimmtheit.

 

Die Menge der Kriegshymnenorcs blickte auf der Suche nach einer Reaktion zu Grommash. Er ließ sie nicht lange warten.

 

Er lachte. Laut. Explosionsartig. Die Spannung löste sich, und alle Kriegshymnenorcs brüllten mit ihm. Selbst die Orcs in der Grube stimmten ein. Nur der Fremde blieb teilnahmslos. Und ich habe ihn tatsächlich für gefährlich gehalten, dachte Grommash reumütig. Als die Welle der Heiterkeit sich gelegt hatte, stand Grommash auf, Blutschrei mit lockerem Griff in der Hand.

 

„Manche könnten Euch für diese Worte tot sehen wollen, Fremder. Ich selbst sehe keine Ehre darin, Schwachsinnige zu töten“, sagte Grommash. Zu den zurechtgewiesenen Orcs in der Grube sagte er: „Bringt ihn zum Zelt des Schmieds. Nehmt ihm die Ketten ab, gebt ihm zu Essen und einen Schlauch Wasser, dann geleitet ihn fort. Ihr werdet keine weitere Strafen erhalten.“ Die vier Orcs entspannten sich. „Vielleicht ist es nicht gänzlich Eure Schuld. Hättet Ihr ihn gesehen hättet Ihr ihn vielleicht getötet, und die Geister schützen Narren. Schickt ihn fort und lernt Eure Lektion. Keine Versehen mehr.“

 

Die vier Orcs in der Grube umringten den Fremden. „Ihr glaubt, dass ich lüge?“, sagte er, wobei er zurücktrat.

 

„Nein“, sagte Grommash sanft, „Ich glaube, dass Euer Geist versehrt ist. Die Kriegshymnenorcs ergeben sich nicht. Für uns ist die Sklaverei das eine Schicksal, von dem wir wissen, dass wir es nie erleiden werden. Selbst in der Niederlage, selbst in der Gefangenschaft wehren wir uns bis zum Tod.“

 

Eine der Wachen in der Grube ergriff den Arm des Fremden. Der gefesselte Orc stemmte seine Füße auf den Boden, faltete die Hände und holte zum Schwung aus. Seine Fäuste trafen auf den Kiefer der Wache und schleuderten den Orc zurück. Die anderen gingen auf ihn los.

 

„ Halt!“, brüllte Garrosh. Sie hielten ein. „Fremder, Ihr strapaziert meine Geduld. Die Gnade des Kriegshymnenklans ist nicht weitreichend, selbst für Narren nicht.“

 

Der Fremde weigerte sich, nachzugeben. „Der Weg zur Versklavung des Kriegshymnenklans wird nicht aus Krieg oder Niederlage entspringen. Ihr werdet Euer Schicksal aus freien Stücken und freudig annehmen“, sagte er mit lauter werdender Stimme, „und Ihr werdet es sein, Grommash Höllschrei, der darauf bestehen wird, sich als erster in die Ketten der neuen Herren der Orcs zu legen. Die anderen werden folgen. Wir werden uns nie davon erholen.“

 

Totenstille folgte auf seine Worte. Nur das leise Rascheln der Brise an den Zelten des Kriegshymnenklans und das Prasseln der brennenden Fackeln um den Ring machten irgendein Geräusch.

 

Grommashs letzte Reste von Mitleid waren längst verflogen. „Eure Prophezeiungen sind absurd. Und jetzt habt Ihr meine Ehre beleidigt.“ Sein Blick wurde hart. „Aber wie Ihr schon sagtet – Worte sind Wind. Nur Taten sind von Bedeutung. Kennt Ihr das Mak’Rogahn, Fremder?“

 

Der gefesselte Orc legte den Kopf schräg und bewegte die Lippen, als er die Wörter aussprach. Duell des Willens. „Ich kenne das Mak’Gora. Ich kenne es nur zu gut. Ist es sehr anders?“, sagte er.

 

„Mak'Gora ist ein Kampf bis auf den Tod“, sagte Grommash. „Im Mak’Rogahn beweisen die Kriegshymnenorcs ihren Wert. Sie betreten die Grube und kämpfen. Sie hören nicht auf, bis ihre Körper versagen. Es gibt keine Kapitulation. Keine Gnade. Nur eine reine Zurschaustellung des Willens, jede Härte, jeden Schmerz zu überleben. Wer aufgibt, wird verbannt. So könnt Ihr beweisen, das Herz eines Kriegshymnenorcs zu haben. Unser Klan wird nie wieder Schwäche dulden.“

 

„Wieder?“, fragte der Fremde.

 

… lass mich den Kriegertod sterben, den ich verdiene …

 

Grommash unterdrückte die Erinnerung gnadenlos. „Wenn Eure Worte wahr sind, kämpft. Zeigt uns Eure Ehre.“

 

Der Fremde betrachtete kurz seine gefesselten Hände. „Ich nehme an.“

 

„Ausgezeichnet. Mak'Rogahn soll kein Kampf bis auf den Tod sein, aber Unfälle kommen vor“, sagte Grommash. „Ihr habt nicht nur mich, sondern alle Kriegshymnenorcs beleidigt. Vielleicht wollt Ihr vier in der Grube die Gelegenheit ergreifen, unsere Ehre zu verteidigen.“

 

„ Wir nehmen an!“ brüllten sie ohne zu zögern zurück. Die Augen des Fremden weiteten sich leicht.

 

„Fangt an“, sagte Grommash milde und lehnte sich in seinem Sitz zurück.

 

Das taten sie.



Teil Drei

 

Die vier Kriegshymnenorcs warfen sich Garrosh entgegen und rissen ihn zu Boden. Er prallte hart auf seinem Rücken auf, knurrte und bedeckte sein Gesicht mit seinen zusammengeketteten Händen. Fäuste und Füße hagelten auf ihn ein. Die Menge brüllte ihr Wohlgefallen heraus.

 

Unfälle kommen vor, hatte sein Vater gesagt. Ganz offensichtlich sollte jetzt ein Unfall vorkommen. Die Glasscherbe war hinter Garroshs Schärpe gesteckt, in ein Tuch gewickelt, doch sie drückte sich schmerzhaft in seine Haut. Es war ein verlockender Gedanke, sie hervorzuholen … nein. Nein. Das würde ihm keinen Vorteil verschaffen. Eine verborgene Waffe hervorzuholen war ehrlos und würde seinen Tod besiegeln.

 

Der alte, vertraute Blutdurst senkte sich in seinen Geist, doch er widerstand dem Drang, in Rage zu verfallen. Vier gegen einen – das war keine Frage roher Gewalt. Er wiegte sich hin und her, damit jeder Schlag Muskeln traf und nicht Knochen. Trotzdem strahlte der Schmerz schon bald über seinen ganzen Körper aus.

 

Immerhin waren noch keine Rippen gebrochen. Noch hatte kein Schlag sein Kinn oder seine Schläfe getroffen.

 

Seine Angreifer hatten sich der Rage hingegeben. Jeder Schlag und jeder Tritt wurde wie ein tödlicher Stoß geführt. Sie vergeudeten ihre Stärke.

 

Garrosh blieb in Bewegung, trat immer wieder um sich, kämpfte weiter, vermied weiter die Schläge, die ihn verletzen oder hilflos machen könnten.

 

Er war zu weit gekommen, um jetzt zu sterben.

 

Einer der Kriegshymnenklans zielte mit Tritten auf seinen Kopf und verfiel in einen Rhythmus. Bumm. Bumm. Bumm. Vorhersehbar. Garrosh holte aus. Die Kette zwischen seinen Handgelenken wickelte sich um den Knöchel des Orcs.

 

Garrosh lächelte.

 

***

 

Grommash schüttelte den Kopf und wandte sich an einen der Kriegshymnenkrieger, die zu seiner Linken standen. „Wenn es vorbei ist, werdet ihn schnell los. Er mag ja schwachsinnig sein, aber vielleicht war er jemandem wichtig. Wir sollten eine Blutfehde über diesen Narren vermeiden, wenn möglich“, sagte Grommash.

 

Der Krieger lachte. „Wenigstens sterben kann er“, stellte er fest.

 

„Ja, das kann er.“ Grommash konnte nicht weiter sehen als bis zu dem Sturm aus Angriffen in der Grube, aber er konnte kurze Blicke auf den Fremden erhaschen, der sich noch immer bewegte und auf dem Rücken liegend kämpfte. Er weigerte sich, aufzugeben. „Er hat sich meine Anweisungen zu Herzen genommen.“ Sein Pech.

 

Plötzlich sprang einer der vier Kriegshymnenorcs zurück und brüllte vor Schmerz. Sein linker Fuß baumelte in einem unnatürlichen Winkel herab. Grommash und die anderen lachten. Hat so hart zugetreten, dass er sich verletzt hat. Der verletzte Orc biss die Zähne zusammen und stürzte sich knurrend zurück in den Kampf; Er ließ seine Fäuste auf den Kopf des Fremden prasseln. Einen Moment später erschallte ein weiterer Schmerzensschrei, und derselbe Orc schwankte zurück, das linke Handgelenk zermalmt und gebrochen.

 

Einige der Zuschauer wurden still. Auch Grommash. Er hatte gesehen, was sie gesehen hatten: Der Fremde hatte seine Ketten als Waffe eingesetzt.

 

Und das war nur der Anfang. Ein Tritt traf das Knie eines anderen Kriegshymnenorcs und zerschmetterte es. Ein weiterer Tritt traf einen dritten Orc zwischen den Beinen, sodass dieser in die Knie ging. In wenigen Momenten hatte der Fremde drei Gegner verkrüppelt oder betäubt.

 

Der Jubel um die Grube erstarb schnell.

 

Der letzte Kriegshymnenorc knurrte und machte einen Schritt zurück, außer Trittweite, und ließ den Fremden auf die Beine kommen. Er atmete tief und regelmäßig. Er bat seinen letzten Kriegshymnengegner zu sich. Sie stürmten aufeinander zu.

 

Grommash wagte es kaum, zu blinzeln. Er konnte nicht glauben, was er sah. Keine Furcht. Kein Zögern. Die personifizierte Gewalt. Ein Blutrausch, der zu reiner Macht kanalisiert wurde. Ein Geist, der sich nur auf den Sieg konzentrierte und sich von nichts ablenken ließ.

 

So kämpfe ich selbst, dachte Höllschrei.

 

Der Kriegshymnenorc schlug dem Fremden einmal, zweimal, dreimal in den Magen, dann ergriff er ihn bei der Kehle. Der Fremde faltete die Hände zusammen und schwang sie wie einen Hammer; er traf ihn unter dem Kinn. Der Kiefer des letzten Orcs schloss sich mit einem Übelkeit erregenden Knirschen. Zwei Zähne lösten sich und flogen durch die Luft. Er fiel um und seine Augen rollten zurück.

 

Es war vorbei.

 

Die drei verletzten Kriegshymnenorcs begannen, sich zu erheben, krochen auf den Fremden zu, weigerten sich, aufzugeben, obwohl sie offensichtlich geschlagen waren. Das Mak’Rogahn verlangte es. Solange sie kämpfen konnten, mussten sie kämpfen.

 

Der Fremde trat aus ihrer Reichweite zurück. „Habe ich mein Kriegshymnenherz unter Beweis gestellt, Höllschrei? Haben sie das getan?“, fragte er. „Oder muss ich sie töten?“

 

Grommash antwortete nicht. Er beobachtete. Lauschte. Die Umstehenden murmelten: „Er kämpft … er kämpft wie Höllschrei …“

 

Der Orc mit dem zerschmetterten Knie zwang sich auf alle Viere und schlurfte auf den Fremden zu; mit jeder Bewegung keuchte er vor Schmerzen. Der Fremde trat wieder zurück, bis zum Rand der Grube. „Häuptling Höllschrei, ich bin nicht gekommen, um Eure Kriegshymnenorcs zu töten. Ich bin gekommen, um sie zu retten“, sagte er.

 

„Genug“, sagte Grommash. „Der Kampf ist beendet.“ Die verletzten Kriegshymnenorcs brachen zusammen.

 

Höllschrei trat in die Grube herab, Blutschrei in der Hand. Der Fremde blieb regungslos. Der Klan hielt den Atem an.

 

Grommash trat bis auf eine einzige Schrittbreite auf den Fremden zu und betrachtete ihn eingehend. Die Tätowierung im Gesicht, die Narben, die wilden Augen, die seltsam vertrauten Gesichtszüge. Der Kampfstil. Die Handfesseln, mit dem Emblem eines Tieres versehen, das Grommash noch nie gesehen hatte. „Was ist das?“, fragte er ruhig.

 

„Das ist Xuen, der Weiße Tiger, das Siegel der Shado-Pan“, antwortete der Fremde.

 

„Wer?“

 

„Ich bin weit gereist, Höllschrei.“ Der Fremde sprach leise. In seinen Augen lag Verzweiflung, doch kein Wahnsinn. „Mein Weg ist jetzt nicht wichtig. Nur Eurer ist von Bedeutung, und seinetwegen bin ich hier.“

 

Das Flüstern der Menge waberte noch immer in die Grube. „Er kämpft wie Höllschrei.“

 

Grommash hob Blutschrei über seinen Kopf und ließ die Axt niedersausen. Sie kreischte durch die Luft.

 

Klirr.

 

Die Hände des Fremden fielen an seine Seiten, die Kette, die seine Handfesseln verbunden hatte, war gebrochen.

 

„Ich glaube nicht, dass ich je einen Orc wie Euch getroffen habe“, sagte Grommash. „Kommt. Wir werden reden. Aber eins versichere ich Euch“, fügte er hinzu und legte Blutschreis Klinge an den Hals des Fremden. „Wenn Ihr meine Zeit verschwendet, wenn Ihr meinem Klan Böses wollt, werde ich Euch den Kopf nehmen.“

 

Der Fremde zuckte nicht zusammen, zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Wenn meine Worte Eure Zeit verschwenden, werde ich keinen Einwand dagegen haben. Wenn ich hier versage, ist mein Leben ohne Bedeutung.“

 

„Nun gut.“ Grommash verließ die Grube und ging zu seinem Zelt zurück. Der Fremde folgte ihm.



Teil Vier

 

Grommash entzündete eine kleine Fackel in seinem Zelt und setzte sich auf den Boden. Er bedeutete Garrosh, es ihm gleichzutun. Das schwache, flackernde Licht tanzte über die Zeltwände aus dicken Tierhäuten, während sie in der Nachtbrise flatterten. Ein kühler Hauch wirbelte durch das Zelt.

 

Garrosh ließ sich langsam zu Boden sinken. Die Schmerzen, die der Kampf verursacht hatte, würden vermutlich einige Tagen lang anhalten, aber er spürte keine Anzeichen für eine schwere Verletzung. „Ich hatte in der Grube einen Vorteil“, sagte er. Seine Stimme war ruhig und ließ nichts erahnen.

 

„Erzählt“, sagte Grommash.

 

„Überraschung.“ Garrosh legte seine Hände auf seine Knie. „Sie dachten, dass ich in dem Moment, als ich zu Boden ging, erledigt wäre.“

 

Der Klanhäuptling grunzte. „Ihr habt ihnen etwas beigebracht, das sie schon hätten wissen sollen: Der Feind ist nicht tot, bis er tot ist.“

 

„Eine Lektion, die Ihr Euren Feinden nahegebracht habt, wie ich höre“, sagte Garrosh. Grommash Höllschrei … der Orc mit dem eisernen Willen … mein Vater. Es kostete ihn etwas Mühe, sich ein Lächeln zu verkneifen. „Ich bin neugierig. Mak’Rogahn. Mir ist kein anderer Klan bekannt, der es praktiziert.“

 

„Wieviel wisst Ihr über mich, Fremder?“

 

„Ein wenig“, antwortete Garrosh vorsichtig.

 

Zu Grommashs Linken lag ein Weinschlauch. Er bot ihn Garrosh an, der ihn ablehnte. Der Häuptling nahm einen langen Zug, bevor er sprach. „Einst hat der Kriegshymnenklan schwere Zeiten durchlitten. Ein Überfall der Oger hat uns fast ausgelöscht.“

 

Garrosh kannte diese Geschichte. Der Tod seiner Mutter, die Wiedergeburt des Kriegshymnenklans, der Anfang von Höllschreis Legende. „Das war die Zeit, als Ihr Eure Gefährtin verloren habt, oder? Es ist schwer, Familie in der Schlacht fallen zu sehen.“

 

„Wir werden nicht über sie sprechen.“ Grommashs Stimme war eisern.

 

Seine Wut war überraschend. Garrosh zögerte. „Ich hatte gehört, dass Golka kämpfend starb und selbst mehrere Oger tötete, bevor sie selbst fiel“, sagte er.

 

„Mein Klan hat an diesen Tag Schwäche gezeigt. Sie blieben zurück“, knurrte Grommash. „Ich musste dem Kriegshymnenklan zeigen, wie man sich dem Tod stellt. Mit Blut an den Händen und der Kehle des Feindes zwischen den Zähnen!“ Er schleuderte den leeren Schlauch durch das Zelt. „Mak’Rogahn merzt die Schande dieses Tages aus meinem Klan aus. Wer auch immer sich als Kriegshymnenorc bezeichnen will, muss diese Prüfung bestehen.“

 

Garrosh wusste nicht, was er sagen sollte. Ganz offensichtlich war mehr an dieser Geschichte, als er als Kind gehört hatte. „Aber Eure Gefährtin, Sie –“

 

„Ich sagte, dass wir nicht über sie sprechen werden.“

 

Was entgeht mir? dachte Garrosh. Ein ehrenvoller Tod sollte gefeiert werden, selbst wenn der Krieger in einer aussichtslosen Schlacht gefallen war. Es sei denn …

 

Erinnerungen an Garroshs Jugend strömten wieder auf ihn ein. Ein Tag nach dem anderen, von Schuld und Scham erfüllt, das Tragen eines Namens, den er für verflucht gehalten hatte. Wir sind nicht so verschieden. Gar nicht so verschieden.

 

„Ich verstehe, wie Ihr Euch fühlt.“ Garrosh wählte seine Worte mit Bedacht. „Als mein Vater starb, war seine Axt in der Brust seines Feindes versenkt. Ein guter Tod. Doch der Weg, der ihn dorthin geführt hatte, war mit Unehrenhaftigkeit gepflastert und einer einzigen Fehlentscheidung entsprungen. Ich habe zu lange mit Zorn auf ihn gelebt. Es war verschwendete Wut. Der Tod Eurer Gefährtin und der Moment der Schwäche Eures Klans mag Euch noch Schmerzen bereiten, aber der Sohn, den sie Euch geschenkt hat –“

 

„Mein Sohn? Sie hat mir nie einen Sohn geschenkt.“

 

Grommash starrte in Garroshs Augen, erwägend, beurteilend. Garrosh gestattete sich nicht einmal ein Blinzeln. „Das wusste ich nicht“, war alles, was er sagte.

 

Kairoz. Garrosh fühlte einen Muskel in seiner Wange zucken. Grashalme zählen. Er nahm sich einen Moment, um die Erinnerung daran zu genießen, wie er den Torso des Drachen aufgeschlitzt hatte und fühlen konnte, wie Kairoz’ heißes Blut über seine Hände floss. Sie beruhigte ihn. Tiefe Atemzüge. Ich wurde in dieser Welt nie geboren. Grommash ist nie ein Vater gewesen. War es das, was der Bronzedrache mit „der perfekte Zeitweg“ gemeint hatte?

 

Garrosh legte sich seinen Scharfsinn zurecht. Es ist Zeit, ihm zu sagen, warum ich hier bin. „Doch ich muss Euch fragen, Häuptling Höllschrei …“

 

***

 

„… wenn Ihr zurückreisen und sie retten könntet, würdet Ihr das nicht tun?“, fragte der Fremde. „Ich würde es. Mein Vater hatte ein ehrbares Herz. Er wurde fehlgeleitet. Er hat ein besseres Vermächtnis verdient. Vielleicht verdient auch Golka eines.“

 

… siehst du denn nicht, dass es zu spät ist? Bring es zu Ende!

 

Vermächtnis. Grommashs Gesicht verzerrte sich zusehends. „Worte sind Wind. Solange Ihr mich nicht tatsächlich zurückbringen könnt, werde ich nie wieder von ihr sprechen“, sagte er. Golka. Er hatte sich lange Zeit nicht erlaubt, ihren Namen auszusprechen. Woher kannte der Fremde ihn?

 

Der andere Orc griff hinter seinen Rücken. „Ich kann Euch nicht helfen, zurück zu reisen, aber ich kann Euch helfen, nach vorn zu blicken.“ Er zog ein Stoffbündel hervor und wickelte es aus. Darin befand sich eine Glasscherbe mit gezackten Kanten. Er legte sie zwischen den beiden auf den Boden. „Hiermit werdet Ihr vermeiden, Euren eigenen unverzeihlichen Fehler zu begehen.“

 

Grommash fasste es nicht an. „Das habt Ihr die ganze Zeit über bei Euch getragen?“

 

„Ja, Häuptling Höllschrei.“

 

Es hatte eine Kante, mit der ein motivierter Orc hätte töten können. Und Ihr habt sie nicht benutzt, selbst als vier Orcs versucht haben, Euch das Leben aus dem Leib zu treten? Solche Zurückhaltung hatten nur die wenigsten. „Was ist es?“

 

Der Fremde lächelte. „Ein Freund nannte es ein … Aufblitzen der Zeit. Er fand die Kanten zu scharf, also habe ich es jetzt.“ Er klopfte mit einem Knöchel auf die Scherbe. Das Geräusch war fast melodiös. „Das hier wird meine Worte beweisen.“

 

„Dann sprecht.“

 

„Lasst mich etwas beschreiben. Waffen.“ Die Augen des Fremden funkelten.

 

Grommash hörte zu. Der Fremde sprach von magischer Energie, die in einen einzigen explosiven Moment konzentriert wurde, eine „Manabombe“. Geschickte, mächtige Kreaturen namens „Zauberer“, die sie verbessern und verfeinern konnten, bis sie das Potenzial hatte, einen ganzen Klan in einem Augenblick auszulöschen.

 

„Eine solche Waffe existiert“, sagte der Fremde.

 

Er fuhr fort und beschrieb Waffen, die jeder Vorstellungskraft trotzten. Gerätschaften aus Metall und Feuer, die massiven Felsen sprengen konnten, wirbelnde Klingen, die groß genug waren, Feinde bei der leichtesten Berührung zu zerfetzen, Belagerungswaffen, die an Land ebenso wie zu Wasser eingesetzt werden konnten. „Solche Waffen existieren.“

 

„Ich habe sie noch nie gesehen“, sagte Grommash.

 

„Noch nicht“, sagte der Fremde, „aber ich kann Euch lehren, sie zu bauen, sie einzusetzen, wie Feinde sie bekämpfen könnten. Aber die Kriegshymnenorcs können sie nicht allein bauen. Ihr werdet die anderen Klans brauchen, ihre Ressourcen und Fähigkeiten.“

 

Grommashs Augen verengten sich zu Schlitzen. „Dann hätte ich sie lieber nicht. Warum sollte ich den anderen Klans die Möglichkeit geben, mein Volk in einem einzigen, heimtückischen Angriff auszulöschen?“ Den Kriegshymnenklan mit anderen Klans zu vereinen kann für uns alle nur ein schlimmes Ende nehmen. Er gestikulierte in eine Richtung hinter den Zeltwänden. „Uns gehören die fruchtbarsten Ebenen Nagrands, und mit ihnen genug zu essen, Zuflucht, und Jagdgründe, die noch jahrelang Ausbeute liefern werden. Kein Klan hat das Rückgrat, uns herauszufordern. Sie wissen, dass sie es teuer bezahlen würden.“

 

„So leben die Kriegshymnenorcs jetzt also? Selbstgefällig und zufrieden mit dem, was sie haben? Ohne mehr zu wollen?“ Der Mund des Fremden zuckte und zeigte den Anflug eines Lächelns.

 

Die Worte trafen ihn schwer, doch Grommash fühlte keinen Zorn. Der Überfluss an Mak’Rogahn-Kämpfen war Beweis genug, dass sein Volk alles andere als zufrieden war. Seltsam, dass der Fremde über solche Erkenntnis verfügte. „ Mehr zu wollen ist noch ein großes, großes Stück davon entfernt, Eure unmöglichen Waffen zu brauchen.“

 

… gib mir den Kriegertod, den ich verdiene …

 

Grommash verdrängte ihre Stimme gnadenlos. Warum erinnerte der Fremde ihn immer wieder an sie? Der Gedanke an sie erinnerte ihn nur an die Schande seines Klans, und doch wollte sie nicht begraben bleiben.

 

„Das stimmt. Aber Ihr müsst die anderen Klans nicht fürchten. Sie werden sich nicht gegen Euch wenden, Höllschrei.“ Das Licht der Fackel schimmerte in den Augen des Fremden. „Ihr würdet diese Waffen gegen einen gemeinsamen Feind einsetzen.“

 

„Gegen wen?“ Die Antwort lag sofort auf der Hand, und er lachte. „ Die Draenei? Seid Ihr einer von Gul’dans Anhängern? Er spricht von solchen Dingen.“ Gul’dan hatte heimlich Nachforschungen über Höllschrei angestrengt, und mit ziemlicher Sicherheit auch über die anderen Klanhäuptlinge, was andeutete, dass er eine neue Machtquelle gefunden hatte, die die schamanischen Künste übertraf. Diese Macht könnte sich, wie Gul’dan behauptete, als entscheidend für den Sieg über die Draenei erweisen. Grommash war noch nicht überzeugt, dass diese blauhäutigen Kreaturen gefährlich waren, aber Gul’dans Visionen waren zweifellos verstörend. „Ist das seine geheime Macht, Fremder? Baut Ihr diese Waffen auf seinen Befehl?“

 

„Nein, Häuptling Höllschrei. Ich bin Gul’dan noch nie begegnet …“

 

***

 

„… aber meine Waffen werden ihn aufhalten“, sagte Garrosh barsch.

 

Die Flammen der Fackel knackten und knisterten. Kein anderes Geräusch erfüllte das Zelt, bis auf das leise Flattern der Zeltwände in der Brise. Garrosh sah Misstrauen im Blick seines Vaters. Nicht Misstrauen vor Gul’dan. Misstrauen vor Garrosh.

 

„Gul’dan aufhalten. Wovor?“

 

„Davor, Euch und jeden anderen Orc davon zu überzeugen, Sklaven zu werden“, sagte Garrosh. „Gul’dan wird einen Krieg anzetteln, den die Orcs nicht allein gewinnen können. Er wird die Klans zusammenführen und ihnen ein Geschenk anbieten, eines, das den Sieg garantieren könnte. An diesem Tag –“

 

Grommash unterbrach. „Was für ein Geschenk?“

 

Es war gefährlich, einem Klanhäuptling ins Wort zu fallen, doch Garrosh hielt nicht inne. Seine Wut auf Gul’dan färbte seine Worte. „An diesem Tag, Häuptling Höllschrei, werdet Ihr der erste sein, der diese Gabe annimmt, nicht, weil Ihr schwach seid, sondern weil Ihr keinen anderen Orc ein solches Risiko zuerst eingehen lassen wollt.“ Garrosh blinzelte und seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. „Diese Gabe wird Euch alles kosten. Eure Gedanken, Euren Geist, Euren Willen … alles Spielzeug für Eure neuen, unsichtbaren Gebieter. Mein Vater wurde auf diese Art hinters Licht geführt. Ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass es nicht auch Euch geschieht.“

 

Sein Vater hob eine Augenbraue. „Wenn das, was Ihr sagt, wahr ist“, sagte er, obwohl Grommash es offensichtlich noch nicht glaubte, „dann besteht kein Bedarf an Euren neuen Waffen. Die alten sind durchaus in der Lage, Gul’dan das Herz herauszuschneiden. Ein leichtes Ende.“

 

Leichter, als es der Verräter verdient hat. „Gul’dan ist nur eine Marionette. Wenn Ihr ihn tötet, werden seine Meister einen neuen Diener finden, vielleicht erst in Generationen, wenn Ihr und ich und alle, die sich an ihn erinnern, nicht mehr sind“, sagte Garrosh. „Ihre Erinnerung reicht weit zurück, und sie sind geduldig, wenn es nötig ist. Nein. Wir werden ihnen keine Chance geben, sich wieder zu sammeln. Wir locken sie an, entlarven sie und vernichten sie.“

 

Grommash atmete langsam aus. „Ihr sprecht von unmöglichen Gefahren, Fremder. Es ist mein Schicksal, von einem Feind hintergangen zu werden, den ich nie gekannt habe, der mir Macht anbietet, die ich mir nicht vorstellen kann, und ich kann das vermeiden, indem ich Waffen benutze, die ich noch nie gesehen habe?“ Er schüttelte den Kopf. „Worte sind Wind. Wie wollt Ihr mir das beweisen? Die Scherbe?“ Er nickte zu dem seltsamen, geschwungen Glasstück hinab, das zwischen ihnen lag.

 

Garrosh nickte. „Ja, Häuptling Höllschrei.“

 

„Wie?“

 

Das hatte Garrosh sich selbst gefragt. In Wahrheit konnte er nur raten. Aber er konnte gut raten. Während er im zerstörten, zerschmetterten Draenor aufgewachsen war, hatte er oft einen heiligen Ort besucht und die Geister um Antworten und Führung angefleht. Sie hatten ihm jahrelang keine Beachtung geschenkt.

 

Dann war Thrall angekommen, und die Geister hatten Garrosh gezeigt, wie sein Vater seine Schuld getilgt hatte. Dieser Moment hatte ihn auf einen neuen Weg geführt.

 

„Ich würde die Scherbe gern zu den Prophetensteinen bringen“, sagte Garrosh. „Mein eigenes Schicksal wurde von den Geistern Nagrands verändert. Ich glaube, dass das auch mit Eurem geschehen kann.“

 

***

 

Grommash kratzte sich am Kinn. Die Prophetensteine.

 

Viele Schamanen aus verschiedenen Klans waren zu diesen Menhiren gepilgert, doch nur wenige erhielten Antworten von den Geistern, die sich dort aufhielten. Nur wer den Donner im Herzen trägt, erhält Weisung von den Stürmen des Schicksals, wie ein altes Sprichwort lautete. Grommash hatte den weisen Schamanenältesten getroffen, der den Ort bewachte, hatte sich jedoch nie die Mühe gemacht, den Ort selbst aufzusuchen. Er war kein Häuptling des Blutenden Auges, der sich selbst verstümmeln musste, um einen Blick auf sein Schicksal zu erhaschen. Er glaubte lieber, dass sein Schicksal in seiner eigenen Hand lag.

 

Und doch behauptete dieser Fremde, dass die Geister ihn geführt hatten. Interessant. „Seid Ihr ein Schamane?“, fragte Grommash.

 

„Nein.“

 

„Ihr könnt Zwiesprache mit den Elementen halten?“, bohrte er weiter nach.

 

„Nein, Häuptling Höllschrei, aber ich glaube, dass sie Euch helfen werden”, sagte der Fremde.

 

„Wieso?“

 

„Das Schicksal aller, die auf dieser Welt leben, ruht auf Euren Schultern. Nicht nur das der Orcs. Die Elemente werden auf unsere Notlage reagieren.“

 

„Und wenn nicht?“, fragte Grommash.

 

Der Fremde zögerte nicht. „Nehmt meinen Kopf. Ich werde ihn nicht mehr brauchen.“

 

Langsam erhob Grommash Blutschrei sich und legte die Klinge an den Hals des Fremden. Die Augen des anderen Orcs blickten in seine, ohne zu blinzeln. „Ihr bietet einen sehr gefährlichen Preis an, Fremder“, sagte Grommash.

 

„Lok-tar ogar. Wenn ich Euch nicht überzeugen kann, habe ich versagt.“

 

Grommash ließ seine Axt sinken und versank tief in Gedanken. Der Fremde war ein wandelndes Rätsel. Ein Sturm aus Fragen wirbelte durch Grommashs Geist, und doch sprach er keine davon aus. Fragen würden warten können.

 

Was war wirklich wichtig?

 

Schicksal? Sklaverei? Ehre? Wille?

 

Schwäche.

 

… siehst du denn nicht, dass es zu spät ist? Bring es zu Ende!

 

Grommash schloss die Augen. Schwäche. Das war der Schlüssel. Dieser Fremde, der stark genug war, vier Krieger des Kriegshymnenklans selbst gefesselt zu überwinden, der gekämpft hatte, als hätte er das Herz eines Höllschreis, warnte Grommash vor Schwäche, und behauptete, es beweisen zu können. Er setzte sein Leben darauf.

 

Er würde den Fremden eine Weile länger aushalten können, wenn er so die Wahrheit erfahren würde. Der Kriegshymnenklan durfte nie wieder schwach sein.

 

Das Herz eines Kriegshymnenorcs ist ohne Bedeutung, wenn man das Hirn eines Ogers hat, hatte Grommash vorhin gesagt. Grommash hatte diese Lektion auf schmerzliche Art gelernt. Er war so darauf versessen gewesen, seine Willensstärke unter Beweis zu stellen, dass er blind in einen Kampf gerannt war, den er nicht gewinnen konnte. Ein unsichtbarer Feind hatte darauf gewartet – nein, darauf gezählt –, dass er leichtsinnig sein würde.

 

… Ich bin am Ende …

 

Grommash öffnete die Augen und lächelte. „Wir werden zusammen zu den Prophetensteinen gehen, Fremder, und ich werde Euch beim Wort nehmen“, sagte er.

 

Der andere Orc sah zufrieden aus. „Das freut mich.“

 

Der Klanhäuptling betrachtete die Beulen und Schürfwunden des Fremden. „Habt Ihr die Kraft, mitzuhalten?“

 

„Ja.“

 

Grommash erhob sich. Er warf einen Blick aus der Zelttür und sah, wie das erste Morgenlicht sich über den Horizont stahl. „Die Steine sind nicht sehr weit entfernt, und wir haben viel zu bereden. Wenn diese Gefahr echt ist, wie soll ich es überhaupt schaffen, die anderen Klans zu überzeugen? Ich werde außerhalb des Kriegshymnenklans nicht von vielen geschätzt, Fremder.“

 

Auch der andere Orc stand auf. „Aber sie respektieren Euch, und Ihr werdet ihnen Dinge bieten können. Kriegsbeute, die jede Vorstellungskraft übersteigt …“

 

Gemeinsam traten sie in die wechselnden Farben der Morgenröte, und ein Lächeln zuckte um die Mundwinkel des Fremden.



Teil Fünf

 

Die Geister bei den Prophetensteinen waren seit Tagen beunruhigt.

 

Einen Abend und einen Morgen lang waren sie panisch gewesen. Das Schicksal ist verzerrt. Jemand ist gekommen. Die Ereignisse verändern sich bereits. Das Raunen hatte sich seitdem in verwirrtes, sporadisches Murmeln verwandelt.

 

Der Älteste Zhanak hatte schon Schlimmeres gesehen. In den Jahrzehnten, in denen er über die Steine gewacht hatte, hatte er gelernt, dass die Elemente nicht friedvoll sondern energiegeladen waren, nicht passiv sondern adaptiv. Manchmal wurden sie wütend. Manchmal bekamen sie Angst. Manchmal wollten sie reden. Heute nicht. Nicht mit Zhanak, ganz bestimmt nicht mit Pilgern. Er akzeptierte das – was hätte er auch sonst tun können? – und setzte sich in den Schatten, meditierte und sah ab und zu ein Fragment der Unruhe der Elemente.

 

Verzerrt und verwandelt. Gehört nicht hierher. Wer ist er? Wer ist er?

 

Solche Worte ängstigten ihn nicht. Das Schicksal war eine zerbrechliche Angelegenheit. Manchmal ließen die Geister sich dazu herab, einen Blick darauf zu gewähren, was geschehen könnte – könnte – oder was bereits geschehen war, doch den Schritten eines Orcs konnten sie nicht folgen, selbst dann nicht, wenn sie es gewollt hätten. Die Elemente konnten nur von dem sprechen, was sie wussten, und sie wussten nicht alles.

 

Ein Flüstern führte ihn zurück in die Welt. „Ältester Zhanak.“ Es war einer der Schamanenlehrlinge. „Pilger nähern sich.“

 

Zhanak machte sich nicht die Mühe, die Augen zu öffnen. Sein Augenlicht wurde seit drei Jahrzehnten immer schlechter, und alles, was weiter als zwei Armlängen entfernt war, war nur ein Fleck aus Licht und Schatten. Aber wenn man mit den Elementen verbündet war, erwiesen sich versagende Sinne als nicht allzu große Behinderung. „Drei davon, richtig?“

 

„Vier.“

 

Zhanak verzog das Gesicht. Die Geister waren nur dreier Orcs gewahr, die sich näherten. „Seid Ihr sicher?“

 

„Einer ist Häuptling Grommash Höllschrei. Er hat zwei Wachen des Kriegshymnenklans bei sich. Den vierten erkenne ich nicht“, sagte der Lehrling.

 

„Verstehe.“ Zhanak hob eine knöchrige Hand. „Bitte, helft mir hoch.“ Vorsichtig zog der Lehrling ihn auf die Beine. Weiche Knie zitterten einen Moment lang, gaben aber nicht nach. Der Schamane nickte zufrieden. Sein Gehstock würde ihn lange genug aufrecht halten. „Ihr solltet Euch entfernen, junger Mann.“

 

„Nein.“

 

„Das war keine Bitte“, sagte Zhanak sanft. Höllschrei und ich verstehen uns, aber ich glaube, heute wird es ein wenig anders sein. Er wird möglicherweise nicht erfreut sein, wenn ich ihm sage, dass er gehen soll. Ich habe nichts von ihm zu befürchten. Er könnte meinen Kopf abschlagen, aber was würde er mir damit nehmen, abgesehen von dem bisschen Zeit, das mir noch bleibt? Euch würde er viel mehr nehmen. Geht.“ Der Lehrling zögerte, schritt jedoch schließlich davon.

 

Zhanak stand allein da und wartete darauf, dass die Kriegshymnenorcs – und ihr seltsamer Gast – eintrafen. Er fing an, genau zuzuhören – ganz außerordentlich genau – als das Murmeln der Geister lauter und lauter wurde.

 

Er ist es. Er ist hier. Er ist hier. ER IST HIER.

 

Die Geister brachen wieder in Panik aus. Zhanaks Hände umklammerten seinen Gehstock. Das Schicksal ist eine zerbrechliche Angelegenheit, dachte er verbissen. Dann wollen wir mal sehen, ob wir es heute schützen können.

 

***

 

„Der Schwarzfelsklan ist nicht so einladend, Fremder“, sagte Grommash Höllschrei. Er schritt über einen kleinen Stein, der mitten im Weg lag. Zwei Wachen des Kriegshymnenklans folgten ihm und hielten einen respektvollen Abstand von einigen Schrittlängen. „Der Klan der Zerschmetterten Hand ebenfalls nicht. Sie werden mehr wollen als leere Versprechungen.“

 

„Wenn sie erst überzeugt sind, dass eine neue Welt zur Eroberung reif ist, werden sie nur einen größeren Anteil an der Beute haben wollen. Ihr werdet Nagrand nicht aufgeben müssen“, sagte Garrosh. „Es gibt einen Ort namens Eisenschmiede – der Schwarzfelsklan wird viel opfern, um von ihm Besitz zu ergreifen. Die Zerschmetterte Hand? Gebt ihnen das Land bei einem Ort namens Sen’jin. Ich werde ihnen sogar dabei helfen, es zu erobern.“ Und ich werde es genießen.

 

Garrosh verbarg seine diebische Freude. Sein Vater dachte ernsthaft über seine Worte nach. Grommash überlegte bereits, wie man ein vereintes Orcvolk, eine Horde, führen könnte. Ich schätze, ich sollte dir dankbar sein, Kairoz, dachte Garrosh. „Und wenn das für den Moment nicht reicht, erzählt ihnen von den Wunderdingen, die wir von den Draenei plündern werden.“

 

„Ihr sagtet doch, sie wären nicht die Bedrohung, als die Gul’dan sie verkauft“, sagte Grommash.

 

„Das sind sie auch nicht, aber früher oder später werden sie im Weg sein. Man sollte sich besser früher als später um sie kümmern. Ihr werdet schon sehen“, sagte Garrosh.

 

Grommash sah nicht überzeugt aus. „Vielleicht.“ Er wurde still, als sie endlich die letzte Hügelkuppe erklommen hatten. Die Prophetensteine waren nicht mehr weit entfernt.

 

Ein Orc erwartete sie. Er stand neben einem nahen Baum. „Ältester Zhanak“, rief der Klanhäuptling aus, „Es ist gut, Euch wiederzusehen.“

 

Der alte Orc, dessen Hände sich im Alter verkrümmt und verknöchert hatten, stützte sich schwer auf einen Stock. „Es ist schon zu viele Monde her, dass ich Euch zuletzt gesehen habe, Häuptling Höllschrei, aber die Geschichten über Eure Eroberungen sind mir zu Ohren gekommen. Ihr habt dem Kriegshymnenklan viel Ehre bereitet“, sagte er mit Wärme und Respekt.

 

Garrosh trat vor. Wenn mein Vater mit ihm befreundet ist, sollte ich das auch sein. „Grüße, Ältester. Ich bin weit gereist und –“

 

Der Älteste fiel ihm ins Wort. „Ich weiß.“ Die Wärme war verschwunden. „Wie heißt Ihr?“

 

„Ich komme als Fremder und nicht mehr.“

 

„Wie heißt Ihr, Fremdling?“ Die Galle in Zhanaks Stimme machte Garrosh sprachlos. Der Älteste hob einen krummen Finger und sagte: „Ihr gehört nicht hierher. Die Geister verabscheuen Eure Anwesenheit. Eure bloße Existenz bringt Chaos in diese Welt.“

 

Garrosh blickte zu seinem Vater und sah, wie sich ein Schleier des Zweifels über seine Augen legte. Dieser alte Schamane könnte alles ruinieren. „Ich komme in der Tat aus einem fernen Land, aber –“

 

„Ich kann Eure Lügen riechen, noch bevor Ihr sprecht, Fremdling.“ Der Schamane zischte wortwörtlich vor Zorn. Er machte langsame, bedächtige Schritte vorwärts und starrte Garrosh direkt ins Gesicht. Seine Venen traten aus seiner faltigen Haut hervor. „Das Schicksal selbst erbricht sich. Ihr wollt alles in dieser Welt niederreißen.“

 

Eine erdrückende Präsenz schien sich auf Garroshs Geist zu legen. Die Geister verabscheuten ihn tatsächlich. Wenn du wüsstest, was ich mit Freuden deinen Brüdern in Durotar angetan habe, würdest du mich auf der Stelle töten. Er griff nach der Scherbe hinter seinem Rücken und wickelte sie flink aus. „Das wird beweisen –“

 

Der Schamane schlug sie Garrosh aus der Hand. „Ich interessiere mich nicht für Eure widerlichen Tricks“, sagte Zhanak mit lauter werdender Stimme. Er hatte seine Hand an den gezackten Kanten der Scherbe schwer verletzt, schien sein Blut, das auf den Boden tropfte, jedoch nicht zu bemerken. „Häuptling Höllschrei, es wird Euch unaussprechliches Leid und Schmerzen ersparen, diese Obszönität ohne Zögern zu töten. Jeder seiner Schritte wird den Tod tausender Unschuldiger zur Folge haben. Passt auf: Er wird es bestreiten.“

 

„Ich bestreite nichts“, knurrte Garrosh. Er zeigte auf die Scherbe, die im Gras lag. „Ich werde alles niederreißen. Das muss ich. Das da wird Euch zeigen, warum.“

 

„Ein Schuldbekenntnis von seinen eigenen Lippen“, sagte Zhanak leise. „Tötet ihn. Tötet ihn jetzt.“

 

„Glaubt Ihr, dass es ein Schicksal geben könnte, das schlimmer ist, als der Tod, Ältester?“ Es fiel Garrosh schwer, einen respektvollen Ton beizubehalten. Das leiseste Anzeichen der Verachtung könnte seinen Vater gegen ihn wenden. „Ich bringe keinen Frieden. Ich bringe Krieg. Chaos. Tod. Jeder von uns könnte tausendfach in Qualen sterben, und es wäre ein gerechter Preis dafür, zu vermeiden, was das Schicksal allen Orcs bestimmt hat.“

 

„Ältester Zhanak“, sagte Grommash, „dieser Fremde behauptet, dass alle Orcs bald in Sklaverei geraten werden.“

 

„Was sein muss, muss sein“, sagte Zhanak.

 

Mit diesem einen Satz hatte Garrosh einen Ansatzpunkt gefunden, und er wusste es. „Nein. Ich werde nicht tatenlos dasitzen und auf die Vernichtung warten.“ Garrosh wandte sich flehend an Grommash. „Und das werdet Ihr auch nicht. Das weiß ich.“

 

„Zhanak“, sagte Grommash, „Ich muss es selbst sehen. Wenn er … Schwäche … in unserem Volk gefunden hat, muss sie entfernt werden.“

 

Zhanak schüttelte den Kopf. „Die Geister werden heute nicht mit Euch sprechen.“

 

„Ich habe das Recht, darum zu bitten.“

 

„Aber er nicht.“ Zhanak zeigte erneut auf Garrosh. „Besteht darauf, ihn mitzunehmen, und ich werde mich Euch in den Weg stellen. Ihr werdet mich töten müssen.“

 

Garrosh unterdrückte den Drang, den Finger des Ältesten abzubrechen. Ich werde deinen Tod genießen, du seniler Schwachkopf, dachte er. „Ich werde hier beim Ältesten bleiben, Häuptling Höllschrei. Nehmt die Scherbe. Sprecht mit den Geistern. Es ist zu wichtig, um zu warten.“

 

Grommash stand einen langen Moment stumm da und erwog Garrosh mit seinen Blicken. „Ältester Zhanak, ich muss es tun. Ich muss es mit Sicherheit wissen.“

 

Zhanaks Gesichtsausdruck verzerrte sich zu einer Grimasse, als hätte er etwas Abscheuliches geschmeckt. „Nun gut. Bringt es hinter Euch.“

 

Sorgsam hob Grommash die Glasscherbe auf. „Ihr, bleibt hier“, sagte er der männlichen Wachen des Kriegshymnenklans. Der weiblichen Wache sagte er: „Begleite mich.“ Sie gingen den Pfad zu den Menhiren hinunter.

 

Garrosh sagte kein Wort. Er hielt den Blick auf seinen Vater gerichtet und ignorierte das giftige Starren des Ältesten. Der zurückgebliebene Wächter des Kriegshymnenklans beobachtete Garrosh genau.

 

„Wenn das für Euch nicht gut ausgeht“, sagte die Wache, „lauft nicht weg. Es wird viel, viel leichter für Euch, wenn Ihr Euer Schicksal akzeptiert.“

 

„Es mag für mich nicht gut ausgehen, aber wenn ich sein Schicksal nicht ändern kann, wird es für Euch noch schlimmer ausgehen“, sagte Garrosh, „und ich habe nicht vor, es mit anzusehen.“

 

Die Wache grunzte. Garrosh starrte auf die Steine. Eine bleierne Schwere machte sich in seiner Magengrube breit.

 

Jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand.

 

***

 

Grommash trat in die Mitte des Steinkreises, nachdem er Blutschrei an seine Wache übergeben hatte. „Störe mich nicht, und verliere das nicht“, sagte er ihr.

 

„Ja, Häuptling Höllschrei.“

 

Die Luft bebte vor Macht. Jede von Grommashs Bewegungen schien die Geister zu verstören. Zhanak hatte nicht gelogen – sie hassten den Fremden. Vielleicht bedeute das, dass es überhaupt keine Hoffnung auf Antworten gab. Aber dafür wird der Fremde bezahlen, nicht ich, dachte Grommash verbittert. Es wäre eine Schande, einem so bemerkenswerten Orc den Kopf abzuschlagen, aber versprochen war versprochen.

 

Grommash hielt die Glasscherbe flach auf den Handflächen und betrachtete sie eingehend. Winzige, stecknadelkopfgroße bronzene Lichtpunkte schimmerten durch das gesamte Glas, wie kleine Sandkörner, die in seiner Masse gefangen waren. Ein faszinierendes Objekt.

 

Vielleicht gab es irgendeine traditionelle Art, die Geister zu begrüßen. Wenn dem so war, kannte Grommash sie nicht. Er würde direkt sein. Wenn sie nicht antworteten, sollte es so sein. „Der Fremde glaubt, dass das Schicksal dieser Welt von meinen Entscheidungen abhängt“, sagte Grommash und erhob die Scherbe. „Außerdem behauptet er, dass dies den Beweis enthält. Straft ihn Lügen, und er wird auf der Stelle sterben. Zeigt mir die Wahrheit, was immer sie ist.“

 

Die Luft wirbelte. Kleine Feuerfunken, Wassertröpfchen und Steinpartikel wurden in einen Strudel aus Wind gesogen, der sich auf die Scherbe senkte.

 

Grommash blieb regungslos, während Macht die Scherbe erfüllte, als gleißendes Licht ihm in den Augen stach und sich ein Nebel zwischen den Prophetensteinen erhob, und plötzlich wurde Grommash davongetragen –

 

***

 

In einem Augenblick war Grommash verschwunden. Eine massive Nebelwand, die keinem Nebel glich, den Garrosh je gesehen hatte – ganz bestimmt nicht, als Thrall ihm eine Vision gezeigt hatte – erfüllte den Kreis der Menhire. Die Wache, die am Rand der Steine stand, lehnte sich nach links und rechts und versuchte, den Klanhäuptling im Dunst ausfindig zu machen.

 

Die Wache neben Garrosh versteifte sich. „Wenn Ihr unseren Häuptling getötet habt, Fremder, seid Ihr als nächstes dran“, blaffte er.

 

Garrosh schüttelte den Kopf. „Es geht ihm gut.“ Seine Worte täuschten über die plötzliche Angst hinweg, die sein Herz ergriff. Wie würden die Geister darauf reagieren, eine andere Welt zu sehen, eine andere Zeit? Würden sie in Panik verfallen? Könnten sie Grommash töten? „Das ist alles wie erwartet.“ Es muss einfach funktionieren. Selbstvertrauen. Er musste Selbstvertrauen zeigen.

 

Plötzlich schien Licht aus dem Nebel.

 

Der Älteste Zhanak schrie: „Nein!“

 

Die anderen beiden Orcs wandten sich um. Der Schamane war zu Boden gefallen. „Nein!“, schrie er erneut. „Das darf nicht sein!“ Die Wache kniete sich neben ihn und hielt seine Schultern fest, während der alte Orc zitterte und zuckte.

 

Er sieht, was mein Vater sieht. Das erdrückende Gefühl von Abscheu und Hass schwand. Und die Geister sehen es auch.Sie waren so entsetzt wie der Älteste Zhanak.

 

Garrosh wandte sich wieder den Prophetensteinen zu und wartete.

 

***

 

—Tage und Wochen und Monate rasten mit jedem Blinzeln vorbei. Grommash starrte überwältigt.

 

Es war alles wahr. Alles, was der Fremde gesagt hatte, war wahr.

 

Ein Krieg, den die Orcs nicht gewinnen konnten. Das blaue Blut der Draenei und das dunkle, purpurrote Blut der Orcs vermischten sich auf dem Schlachtfeld. Die erschreckende Größe eines vereinten Orcvolkes, weit größer als alles, was der Kriegshymnenklan je allein hätte auf die Beine stellen können. Das ist die Horde. Grommash konnte ihre Macht kaum fassen. Der Fremde war ihrem Potenzial in seinen Beschreibungen nicht annähernd gerecht geworden.

 

Die Zeit rauschte weiter vorüber. Er sah dem langsamen Verfall des Landes zu, während eine neue Macht – die Hexenmeister – Akzeptanz fand. Er sah, wie sich die Hautfarbe der Orcs veränderte, wie grüne Flecken selbst bei denen auftauchten, die die verderbte Energie nie berührt hatten.

 

Er sah Gul’dans „Wunder“, ein Geschenk unsagbarer Macht von einem unsichtbaren Gönner. Und, ja … es war Grommash, der vortrat und als erster von der Gabe trank.

 

Aber der Fremde hatte sich geirrt. Grommash scherte sich nicht um die Gefahr, die davon für andere Orcs ausging. Er würde der erste sein, weil er einen einzigen Gedanken nicht ignorieren konnte: Niemand wird stärker sein als ich. Keine Sekunde lang. Ich werde niemals schwach sein.

 

Höllschrei starrte in den Nebel der Prophezeiung und sah sich selbst dabei zu, wie er die leuchtende Flüssigkeit trank, und er spürte ihre Wirkung so deutlich, als wäre er dort. Er fühlte, wie sich sein Körper veränderte. Er fühlte den Kitzel der Rage, während sich seine Haut vollständig grün färbte. Er fühlte, wie die Macht alles vereinnahmte, was ihn ausmachte.

 

„Ich fühle mich … prachtvoll!“ brüllte er in der Vision. „ Gebt mir Draeneifleisch zu schlitzen und reißen! Draeneiblut auf meinem Gesicht … ich werde es trinken, bis ich nicht mehr kann! Gebt mir ihr Blut!“

 

Es war prachtvoll.

 

Und es war falsch. Seine Gedanken waren nicht mehr seine eigenen. Auch das konnte er fühlen.

 

Der Nebel trug ihn voran.

 

***

 

Der Schamanenälteste schrie wieder auf. „ Darf nicht sein!“ Er bebte, zuckte, seine Augen waren zugekniffen. Speichel tropfte aus seinen Mundwinkeln.

 

Die Kriegshymnenwache sah immer wieder zu den Prophetensteinen. „Stirbt er? Stirbt Höllschrei?“, fragte er.

 

Garrosh deutete auf die Straße. „Geht. Ich bleibe hier. Wenn nötig, zieht Höllschrei aus dem Nebel.“

 

Die Wache ließ sich das nicht zweimal sagen. Er sprintete auf die Steine zu. Garrosh kniete sich neben Zhanak und spürte eine seltsame Erleichterung. „Versteht Ihr?“, fragte er den Ältesten. „Deshalb bin ich hierher gereist. Um das zu verhindern.“

 

Der Schamane griff nach seiner Brust. Seine Finger gruben sich knapp über seinem Herzen in seine Haut, während er sich wand und murmelte. Der Schnitt in seiner Hand, dort, wo er sich an der Scherbe geschnitten hatte, hinterließ rote Striemen auf seiner Robe. „Soll nicht sein. Darf nicht geschehen. Soll nicht sein. Darf nicht geschehen.“ Seine Atemzüge waren flach und schnell. Er öffnete die Augen. „Noch Hoffnung. Erlösung. Erlösung.“

 

„Ja“, sagte Garrosh leise. „Erlösung. Darum bin ich hier.“ Er ergriff einen der Arme des alten Orcs und fühlte den rasenden, flatternden Puls. Lag er im Sterben? Möglicherweise. „Ich werde unserem Volk Erlösung bringen.“

 

Zhanak schien ihn nicht zu hören. „Höllschrei hat das Herz. Das Herz, alles zu ändern.“

 

„Ja“, stimmte Garrosh zu.

 

„Das Herz, zu widerstehen. Zu kämpfen. Alle Orcs zu vereinen. Zu führen.“

 

Garrosh saß im Schneidersitz und legte den Kopf des Schamanen in seinen Schoß. „Ja. All das und mehr.“ Er klopfte dem Ältesten sanft auf die Schulter. Wenigstens versteht der alte Narr es jetzt.

 

„Frieden … wir könnten Frieden erleben …“

 

Garroshs Hand hielt inne.

 

***

 

Lok-tar ogar. Sieg oder Tod. Die Vision zeigte beides. Ein Sieg gegen die Draenei, dann der Tod dieser Welt, als die Teufelsmagie sie gänzlich verderbte.

 

Die Elemente selbst würden in den Verfall getrieben werden. Grommash konnte fühlen, wie ihr Entsetzen die Prophetensteine erschütterte. Diese Vision war für sie so überraschend wie für ihn selbst.

 

Dann kam eine weitere großartige Idee von Gul’dan – eine neue Welt zu überfallen. Azeroth. Die Horde stürmte durch ein Portal, errang Siege, zerstörte Städte und schlachtete jeden ab, der sich ihr in den Weg stellte.

 

Die Siege hielten nicht an. Als die Niederlage kam, war sie absolut. Die Orcs, die überlebten, wurden zusammengetrieben und in Lagern gefangen gehalten.

 

Und sie wehrten sich nicht.

 

Selbst die nicht, die zum Kriegshymnenklan gehört hatten. Sie wehrten sich nicht. Ihre verderbte Macht war verflogen und hatte sie antriebslos zurückgelassen.

 

Unsere Seelen. Unsere Seelen werden verloren sein. Grommash wollte weinen.

 

***

 

Noch einmal richteten sich Zhanaks Augen auf Garroshs Gesicht. „Ihr habt gesehen. Ihr wisst. Ein vereintes Volk. Schützt einander. Herrlich. Höllschrei könnte sein Volk dort führen. Er hat das Herz. Herrlich …“

 

„Das ist die Horde, Ältester“, sagte Garrosh.

 

„Höllschrei kann es ertragen. Er kann es überwinden. Die Verderbnis wird nicht das Ende sein.“ Tränen strömten über Zhanaks Gesicht. Seine Stimme war von Freude und Hoffnung erfüllt. „Eine Welt in Schutt und Asche, doch die andere stärker als je zuvor. Höllschreis Opfer rettet uns alle. Ihr habt es gesehen …“

 

Die Vision überkam ihn wieder, und er begann erneut, zu zittern.

 

Garrosh sah sich verstohlen um. Die beiden Wachen schritten am Rand des Nebels umher und fragten sich offensichtlich, ob sie die Vision unterbrechen sollten. Niemand sonst war zu sehen. Wenn der Schamane Arbeiter oder Lehrlinge beschäftigte, waren sie nicht in der Nähe.

 

„Ich habe es gesehen, Ältester“, sagte Garrosh. Er griff nach unten, hielt dem alten Schamanen mit einer Hand die Nase zu und drückte ihm die andere fest über die Lippen. „Und ich werde es nicht noch einmal sehen.“

 

Unterdrücktes Grunzen drang unter Garroshs Fingern hervor, doch der Schamane konnte keine Luft in seine Lungen bringen. Zhanaks Hände kratzten Garrosh.

 

„Die Ahnen werden Euch zu Hause willkommen heißen“, murmelte Garrosh und starrte geradeaus.

 

Er wartete darauf, dass das gedämpfte Grunzen, das Zappeln und der Herzschlag erstarben. Sie taten es. Trotzdem behielt er seine Hände dort, wo sie waren, und zählte bis dreißig.

 

Dann legte er den Schamanen sanft nieder. „Die Ahnen werden Euch zu Hause willkommen heißen“, sagte Garrosh erneut und meinte es ernst. Der Älteste hatte selbst den Respekt Grommash Höllschreis gehabt. Es war zu schade, dass er hatte sterben müssen.

 

Garrosh schritt zu den Prophetensteinen hinunter. Vielleicht wären die Elemente erbost darüber, was er gerade getan hatte. Oder vielleicht hatten sie überhaupt nichts gesehen. Die Vision schien sie ganz vereinnahmt zu haben.

 

Und dabei fällt mir ein…

 

Blutschrei lag in den Armen von einer der Wachen Grommashs. Garrosh lächelte und ergriff die Axt.

 

***

 

Gefangenschaft. Entsetzen. Tod. Selbst die Orcs, die sich nicht in den Lagern befanden, konnten in dieser fremden Welt kaum eine Existenz zusammenklauben. Selbst Grommash Höllschrei, der Orc mit dem eisernen Willen, der Orc mit dem Herz eines Riesen, der furchteinflößende Anführer des Kriegshymnenklans … er kämpfte eine aussichtslose Schlacht gegen Lethargie und Verzweiflung, verbrachte seine Tage damit, sich vor den Bezwingern der Orcs zu verstecken und sehnte sich insgeheim nach dem Tod.

 

Seine Gedanken spiegelten ihre Stimme wider. Golkas Stimme. Endlich verstand er. Sie war nicht schwach gewesen. Keine Sekunde lang. Wie hatte er das nicht sehen können?

 

… lasst mich den Kriegertod sterben, den ich verdiene …

 

„Das kann nicht sein!“, heulte Grommash. „Das darf nicht sein!“

 

Seine Gefühle wurden von den Elementen widergespiegelt. Darf. Nicht. Sein. Die dämonische Verderbnis würde auch sie fast auslöschen. Sie würden alle gemeinsam leiden.

 

Das darf nicht sein. Niemals. Grommash fühlte, wie ihm Überzeugung in Mark und Bein überging. Überzeugung und Wut. Mein Klan wird nie so tief fallen. Jeder Preis ist recht, um dieses Schicksal abzuwenden.

 

Jeder.

 

Die Vision ging weiter. Ein neuer Orc, von Menschen großgezogen, wurde gezwungen, zu ihrer Unterhaltung zu kämpfen. So stark er auch war, wurde er immer und immer wieder gedemütigt und geschlagen, man gab ihm sogar den Namen Thrall, Sklave. Doch schon bald träumte er davon, zu fliehen, und –

 

„Ihr Narren, zieht ihn heraus!“

 

Die Stimme kam von außerhalb der Vision. Grommash ignorierte sie. Was könnte wichtiger sein als dies? Er sah zu, während der Nebel zeigte, wie der junge Orc das Lesen erlernte und–

 

„Es hat den Schamanen getötet! Wir müssen die Vision sofort unterbrechen!“

 

Sein Blick erfasste Blutschreis Griff – sein wahrer Blick –, und er wurde nach unten gestoßen. Schmerzen schossen durch Grommashs Handgelenk. Seine Hand öffnete sich reflexartig, und die Glasscherbe, die so entsetzliche Visionen kanalisiert hatte, fiel zu Boden. Die Nebel verflogen. Die Bilder und Töne verschwanden.

 

Es war vorüber.

 

Grommash fiel auf die Knie und keuchte.

 

„Häuptling Höllschrei!“ Der Fremde kniete an seiner Seite. Er hielt Blutschrei. „Geht es Euch gut?“

 

Grommash gewann langsam die Fassung wieder. Sehr langsam. Er blickte nicht auf, bis sich seine Atmung normalisiert hatte. Die Luft umwirbelte sie weiterhin. Die Elemente waren verstört.

 

Endlich stand Grommash auf. „Gebt mir das“, sagte er und streckte die Hand aus. Der Fremde reichte ihm Blutschrei. „Warum habt Ihr eingegriffen?“

 

Der Fremde zeigte an den Steinen vorbei auf den Baum, wo der Schamane gewartet hatte. „Die Vision hat den Ältesten getötet, Höllschrei“, sagte er. „Ich hätte nie gedacht, dass sie so gefährlich sein könnte. Ich befürchtete, dass sie auch Euch töten würde.“

 

„Sein Herz hätte nicht ertragen können, was ich gesehen habe.“ Grommash ergriff den Fremden bei der Kehle und schleuderte ihn rücklings gegen einen der Steine. Den Bruchteil einer Sekunde später legte Grommash Blutschrei an seinen Hals. „Was ist als nächstes passiert?“

 

„Was?“, fragte der Fremde.

 

„Ich habe Sklaverei und Tod gesehen. So kann es nicht geendet haben. “Blutschreis Klinge drückte sich tief ein, kurz davor, die Haut aufzuritzen. „Was ist mit mir geschehen? Was ist mit meinem Klan geschehen?“

 

„Ihr habt bis zum Ende gekämpft, Höllschrei. Ihr und andere.“ Das klang wie ein Zugeständnis, das der Fremde nicht machen wollte. „Aber es war zu spät. Uns waren die Herzen entrissen worden. Der Preis für Gul’dans Macht ist –“

 

„Alles“, unterbrach ihn Grommash. Seine Stimme war heiser. Langsam entfernte er Blutschrei. „Sie wird uns alles kosten.“

 

„Ja. Aber Ihr habt noch etwas anderes gesehen, Höllschrei.“

 

Grommashs Blick sah getrieben aus. „Was?“

 

„Ihr habt die Macht der Einheit gesehen“, sagte der Fremde ruhig. „Alle Orcs marschieren unter einem Banner. Stellt Euch das ohne Herren vor. Ohne Verderbnis. Stellt es Euch vor. Eine Horde unter Führung des Kriegshymnenklans. Was könnte es noch für Grenzen geben? Welche Welt könnte sich uns erwehren?“

 

Grommash wandte sich ab. Sein Geist war noch immer benebelt. „Schwäche. Ich habe mich für stark gehalten, und das hätte mich ins Verderben geführt.“ Oh, Golka. Ich schwöre, dass ich deine Stärke haben werde. Wenn ich falle, werde ich in der Schlacht fallen … ich werde Meere aus Blut vergießen, um das Schicksal abzuwenden, das der Fremde mir gezeigt hat. Selbst mein eigenes. Das schwöre ich.

 

„Ja, Häuptling Höllschrei“, sagte der Fremde. „Aber jetzt wisst Ihr, was auf Euch zukommt. Feinde warten darauf, uns zu versklaven. Gul’dans Meister. Die auf dieser anderen Welt. Wer könnte sich einer solchen Herausforderung stellen, wenn nicht Ihr? Wer könnte der Vater aller Klans sein, wenn nicht Ihr?“

 

Niemand. Niemand sonst. Niemand außer ihm würde das nackte Grauen ihres Schicksals kennen. Niemand außer ihm würde irgendetwas tun, um es abzuwenden.

 

„Diese andere Welt hat uns erobert. Sie sind stark. Wir müssen stärker sein.“ Grommash fühlte, wie sich seine Seele aufschwang. Ich werde stärker sein. „Wir mögen versagen, Fremder, aber wenn das geschieht, werden wir im Versuch sterben, nicht wahr?“

 

„Lok-tar ogar“, sagte der Fremde.

 

Die beiden Kriegshymnenwachen wiederholten es leise. „Lok-tar ogar.“

 

Grommash hob Blutschrei auf Augenhöhe und betrachtete sein Spiegelbild in dem polierten Metall. „Wir werden niemals Sklaven sein. Nicht auf dieser Welt und nicht auf irgendeiner anderen.“ Jeder Preis ist recht, um dieses Schicksal abzuwenden, dachte er erneut. Grommash sah sein Spiegelbild an, dann zum Fremden hinüber. „Ihr erinnert mich an jemanden.“

 

„An wen?“

 

An sie, sagte Grommash nicht laut. Es war unmöglich. Aber hatte er nicht soeben das Unmögliche mit eigenen Augen gesehen? „Das ist unwichtig. Wieviel Zeit bleibt uns, Fremder?“

 

„Monate. Darüber hinaus – weiß ich es nicht.“

 

„Das muss vor Gul’dan geheim gehalten werden. Wir wollen, dass er blind bleibt, bis der Tag gekommen ist.“ Er wandte sich an die zwei Wachen. „Lauft zurück zum Lager. Sagt unseren Spähern, dass sie sich schnell vorbereiten sollen. Wir werden im Geheimen Nachrichten an alle anderen Klans senden müssen. Geht!“

 

Sie zögerten nicht. Grommash und der Fremde sahen ihnen nach, als sie davonliefen.

 

„Wir müssen sie davor warnen, noch nicht einmal darüber nachzudenken, mit Gul’dans neuer Macht in Berührung zu kommen“, knurrte Grommash. „Das wird nicht leicht.“

 

„In der Tat.“

 

Grommash betrachtete den Fremden eingehend. „Werdet Ihr mit dem Kriegshymnenklan kämpfen?“

 

„Bis zum Tod.“

 

„Das dachte ich mir“, sagte der Klanhäuptling. „Ihr habt tatsächlich das Herz eines Kriegshymnenorcs. Bleibt an meiner Seite. Wir haben einen langen Weg vor uns.“

 

Die Augen des Fremden leuchteten.

 

„Ich werde jeden Schritt genießen“, sagte er.


Quellen

  1. WoW-Europe