Regeln der Herrschaft


Die Orc-Botin mit dem vernarbten Gesicht wanderte auf die Tore von Hochfels zu. Sie kämpfte sich Steinstufen empor, die halb so hoch waren wie sie selbst.

 

Die Oger von Hochfels hielten inne, um ihr zuzusehen. Widerliche Rohlinge grinsten ihr anzüglich aus der Dunkelheit entgegen, die sich über dem Pfad zum Gipfel abzeichnete. Wohlhabendere Gorianer blickten aus hügelförmigen Behausungen heraus, die mit Trophäen ihrer toten Feinde geschmückt waren.

 

Ein weiterer Beobachter sah zu, wie sich die Botin näherte, und Abscheu erfüllte seine beiden Geister. Diese Orcin stampfte über den Berg, den die Blutsfamilien der Oger über Generationen geformt hatten, dessen Fels sie gepresst und aufgebrochen hatten, bis er Stadt und Palast und Festung und Heimat geworden war.

 

Dennoch hatte man sie zum Aufzug, der zur zweiten Anhöhe von Hochfels führte, mit einem wortlosen Senken der Speere durchgelassen. Es war Tradition, einsamen Besuchern mit Neugier zu begegnen. Man könnte sie später immer noch töten.

 

Als der Aufzug zitternd zum Halten kam, sah die Botin ein Dutzend verhärmter Orcsklaven, die die Seilrollen bemannten. Einer nach dem anderen schlichen sie davon und warfen ihr über die Schultern kurze Blicke zu.

 

Die Botin sah weiter den Berg hoch. Sie konnte gerade noch die Umrisse eines gigantischen Balkons entdecken – den Thron des Kaisers, wo sich der Zaubererkönig der Oger aufhielt. Von ihrem Standort aus war es jedoch ein langer Anstieg bis dorthin. Schwer atmend stand sie in der staubigen Umgebung zwischen nach Dreck stinkenden Sklavenhütten. Sie rümpfte die Nase.

 

Eine Gruppe riesiger, in elegante Roben gekleideter Oger stampfte auf sie zu. Sie bewegten sich mit überraschender Schnelligkeit. Der größte und breiteste unter ihnen, der sich offenbar beeilt hatte, um als Erster vor Ort zu sein, brauchte nur Sekunden, um vor ihr zum Stillstand zu kommen wie ein bergab rollender Schubkarren, der wieder unter Kontrolle gelangt. Er stank nach mit Parfüm vermischtem Öl und Tierfett, doch seine strohfarbene, ärmellose Robe war makellos. (Sie war offensichtlich vor kürzerer Zeit gereinigt worden als sein Körper.) Der riesige Bauch des Ogers hing aus seiner Kleidung, und er hob ihn mit einer Hand an, um sich darunter zu kratzen, ohne dabei den Augenkontakt mit der Botin zu verlieren.

 

Seine Stimme war wie Seide. „Ich bin das oberste Ratsmitglied Vareg. Ich spreche für den König. Ihr könnt Eure Nachricht vortragen, bis ich meine Mahlzeit beendet habe. Danach soll es Euch gestattet sein, Hochfels zu verlassen, ohne dass Euch die weichen Knochen gebrochen werden.“

 

Mit diesen Worten zog er ein durchdringend riechendes Stück Elekkschulter hervor und nahm einen knirschenden Bissen daraus, wobei er weißes Fettgewebe versprühte. Sie war bereits halb verzehrt, mit Fleisch und Knochen, und er zog sofort die Lippen zu einem weiteren Biss zusammen – ein nachweislich hilfreiches Mittel, um für Eile zu sorgen.

 

Die Botin sah jeden der Oger der Reihe nach an. „Ich überbringe eine Botschaft von Grommash Höllschrei, Kriegshäuptling der Eisernen Horde, an alle Oger von Nagrand.“ Sie hielt inne. „Wenn Ihr wünscht, auch nur einen weiteren Tag Euer Dasein auf Draenor zu fristen, werdet Ihr es Euch verdienen müssen.“

 

Die Oger – alle Oger – lachten. Als sie fertig waren, rieselte als Resultat Sand vom Aufzug.

 

„Oh?“, wandte Vareg ein, während er mit einem Fingernagel Knorpel aus seinen gelben Zähnen zupfte, ohne sie anzublicken. „Fahrt fort. Wie?“

 

Die Botin zog ihre Worte irritiert in die Länge. „Kriecht mit gesenktem Blick vor der Eisernen Horde. Leert Eure Goldkisten in unsere Hände. Rollt auf Eure Bäuche und bettelt. Mir ist es einerlei. Beweist Euren Wert – oder werdet ausgelöscht.“ Das letzte Wort knurrte sie.

 

Vareg lehnte sich vor, wobei sich sein Körper wand, als würde er wie ein Erdrutsch auf sie stürzen. „Winzling, wir haben einhundert Orcfamilien in Ketten gelegt.“ Mit dem Stück Fleisch gestikulierte er in Richtung eines Sklaven, der hinter einem Futterwagen hertrottete. „Höllschrei mag Eurem Leben keinen Wert beimessen, aber wird er so leichtfertig mit ihrem umgehen?“

 

Die Botin sah den Oger geradeheraus an. „Sie sind bereits tot.“

 

Sie wandte sich um, um zu gehen.

 

Ihre Worte waren sonderbar gewesen. (Beweist Euren Wert, nicht unterwerft Euch oder ergebt Euch.) Die Orcs der Eisernen Horde hatten genug Selbstvertrauen, um dreist zu sein, aber sie stellten keine präzisen Forderungen nach Tribut oder der Rückgabe von Territorien. Es war ein offenes Ultimatum. Es lag am Zuhörer, zu handeln.

 

Der Zaubererkönig hatte selbst schon solche Forderungen gestellt.

 

Kaiser Mar’gok, der zweiköpfige Zaubererkönig der Hochfelsoger, er, dessen Vorfahren Lawine und Wind gezähmt hatten, um die ersten Festungen und Säulengänge und Zisternen im wilden Nagrand zu errichten, rührte sich nicht von seinem Balkon.

 

Der Kaiser hatte aus der Ferne zugesehen, wie sich der Tag entfaltet hatte. Durch eine Linse aus geschnittenem Quarz erstreckte sich sein Blick bis in die Straßen von Hochfels. Normalerweise boten ihm seine vier natürlichen Augen genug zu betrachten, aber die Stunden, die er damit verbracht hatte, durch die Linse zu starren, hatten einen seiner Köpfe schwindelig gemacht. (Gab es noch mehr zu sehen? Ob er wohl aufhören sollte?) Es war seltsam, in seinen Geistern Konflikt zu spüren, da er immer gefühlt hatte, wie seine beiden Gehirne zusammenarbeiteten, wie es zwei Beine tun sollten.

 

Mar’gok blinzelte und versuchte, sich vorzustellen, wie einer seiner Untertanen – ein zweiäugiger, einköpfiger Oger mit einem einzigen Gehirn – auf die Pracht der Stadt hinabblicken würde. Würde er seinen ganzen Blick, all seine Gedanken, auf nur einen Punkt gleichzeitig richten? Es wäre unmöglich, so zu herrschen. Alles würde verschwommen erscheinen.

 

Mar’gok sah, wie die sackförmigen Klumpen, die seine Berater waren, von ihrem Treffen zurückkehrten, wobei sie bei den Gärten Halt machten (vermutlich, um sich zu streiten). Dann sah er zu, wie der rotbraune Punkt, die Botin, davonging.

 

***

 

Der Angriff sollte nicht lange auf sich warten lassen. (Nachrichten wie diese wurden immer als Nachtrag überbracht, nicht als Auftakt.)

 

Aus jeder Richtung hallte Heulen durch Mar’goks Straßen, als wäre Draenor selbst von Wölfen umgeben. Hinter den westlichen Wehrgängen rauschten Kugeln aus Rauch und Flammen durch die Luft auf das ruhmreiche Hochfels zu. Sollten sie die äußeren Wälle treffen, würden Trommeltürme einstürzen und die Wege, die den Berg hinabführten, verbarrikadieren. Die Truppen auf den oberen Anhöhen von Hochfels würden nicht mehr in der Lage sein, die unteren zu unterstützen. Dazu waren die Aufzüge zu langsam. Verstärkungstruppen, die durch die Bresche eilten, würden vermutlich auf dem Geröll den Halt verlieren und in Massen abgeschlachtet werden. Ihre Leichen würden von Instrumenten des Krieges zu Hindernissen für ihre Kameraden werden.

 

Oder die Eiserne Horde würde den östlichen Skulpturengang auf dem Rücken ihrer Wölfe heraufstürmen, ihre Lefzen vor Blut triefend, während sie die Bäuche der Oger aufbissen. Die östliche Verteidigungslinie von Hochfels bestand fast nur aus Schlägern, und sie hatten die Angewohnheit, auf Sturmangriffe zu reagieren, indem sie ihre Speere von sich warfen, weil sie hofften, vor ihrem Tod einige schwächliche Kieferknochen mit den Händen zermalmen zu können. (Waren sie in letzter Zeit ausgepeitscht worden?)

 

Was, wenn die Orcs an ihnen vorbeistürmten und die Sklavenpferche erreichten? Könnten sie die Sklaven bewaffnen und eine Revolte anzetteln?

 

Es gab viele Risiken. Kaiser Mar’gok überdachte sie, während das Prasseln von Pfeilen auf seinem Balkon hörbar wurde. Er traf eine Entscheidung – er befahl.

 

Er hatte angeordnet, dass alle Sklaven in ihren Pferchen verbarrikadiert werden sollten; wer immer Widerstand leistete, sollte auf der Stelle getötet werden. Ihre Leichen, den Fliegen überlassen, würden mit den Lebenden eingesperrt werden.

 

Die niedrigste Ebene von Hochfels, wo die kleineren, ärmeren Gorianer hausten, die sich noch nicht bewiesen hatten, würde den ersten Angriff erfahren. Mar’gok befahl einen Pulk Wächter dorthin, erfahrene Krieger, die den Aufstieg ihrer Feinde aufhalten sollten. Die Wächter trugen die gold- und purpurfarbene Standarte des Kaisers, und ihr Gebrüll ließ Steine von den Hügeln fallen.

 

An der Front stürmten rothäutige gorianische Magiebrecher unversehrt durch die leuchtenden Zauber ihrer Feinde. Sie zerquetschten die Körper der Orcs unter mächtigen Keulenschwüngen und stampften Kehlen flach. Und doch näherten sich noch mehr Krieger der Eisernen Horde.

 

Zerlumpte Reiter des Kriegshymnenklans kämpften Seite an Seite mit anderen Orcs: Heuler mit Kriegsbemalung, deren Gesichter mit Spiralen aus Blut verziert waren, helmtragende Infanteristen, deren rußige Rüstungsplatten keinen Millimeter ihrer Muskeln preisgaben, verstümmelte Fanatiker, die sich dem Gladiator Kargath verschworen hatten und anstelle ihrer Hände Klingen trugen. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war ein Abzeichen – eine stachlige, rote Schmiererei, die Banner und Schilde zierte.

 

Und Waffen. Jeder Hauch von Erfindungsgeist der Eisernen Horde war in ihre Tötungsmethoden geflossen. (Wie hatten sie so schnell so viel erfinden können? Es war, als wären ihnen Generationen des Fortschritts in den Schoß gefallen.)

 

Gruppen von Orcs, die sich hinter ihren Katapultketten ins Zeug legten, ließen Feuerräder kreischend durch die Luft sausen. Sie entzündeten das Fleisch der Oger und schmolzen Mauern zu Mörtel.

 

In den Händen der Orcs wirbelten zweizackige Klingen wie Räder. Stählerne Wagen, die auf spinnengleichen Beinen vorwärtsschwankten, trugen Soldaten über die Gräben, die Mar’goks Stadt einst so uneinnehmbar gemacht hatten. Die Eiserne Horde umzingelte die Verteidiger von Hochfels – selbst auf den schmalen Wegen, auf denen Oger Schulter an Schulter standen.

 

Fünf Orcs standen in einem Rammbock aus Metall, an dessen Spitze eine feuerspuckende Faust saß, und erstürmten mit ihm einen Viehpfad in die Stadt. Vor dem Rammbock fielen Oger wie große, brennende Weidenmänner zu Boden, bevor er in einem Funkenregen beim Zerquetschen eines mit einem Hammer bewaffneten Schlägers zum Stehen kam. Der Schläger fiel vom Weg hinab; seine halbe Brust war durchbohrt und Asche stäubte aus dem Austrittsloch.

 

Die Orcs machten keine Gefangenen. Selbst oben auf dem Kaiserstieg, an der Spitze von Hochfels, stieg der Rauch und der Leichengestank sterbender Oger in alle vier von Mar’goks Nasenlöchern. Sein Bauch rumorte gierig.

 

***

 

Während die Eiserne Horde die Stadt von den Zehen hinauf aufzehrte, stand der Zaubererkönig der Hochfelsoger hoch über dem Blutbad, umgeben von den gemeißelten Schiefersäulen seines ersten großen Projekts, der Hallen des Gorthenon.

 

Mar’goks Ratsmitglieder füllten den großen Saal. Sie waren große, uralte Oger. Manche waren zusammengekauert wie ruhende Tiger, manche posierten wie Götter auf gigantischen Steinen, die sie mehrere Treppen hinaufgetragen hatten. In respektvollem Abstand vom Rat warteten stocksteif Reihen von Militärberatern und Champions mit Hiebwaffen und abgetragener Rüstung. Einige trugen die seltsamen roten, blauen oder grauen Farben und archaischen Tätowierungen, die sie als Magiebrecher auszeichneten – Krieger, die sich Ritualen und Ausbildungsmethoden unterzogen hatten, die sie gegen bestimmte Magieschulen immun machten. Durch einen Erlass des Zaubererkönigs war diese Ausbildung während seiner Herrschaft einem von zwanzig Gorianern aufgezwungen worden. Der geringfügige Erfolg, den die Brecher im Kampf gegen die Eiserne Horde gehabt hatten, zeigte sich in ihrer Haltung; sie sahen aus, als wären sie jederzeit bereit, die Diskussion sprungartig zu verlassen und die Feinde von Hochfels augenblicklich zu zermalmen.

 

Sitzplätze gab es keine. Mehrere Ratsmitglieder schritten im Gorthenon auf und ab und umkreisten den Kaiser. Er war der größte Oger unter ihnen, ein riesenhaftes Geschöpf, dessen Muskeln und Fett seine Erscheinung gleichermaßen bestimmten. Aus seinem rechten Kopf ragte ein langes Horn hervor. Eine purpurne Schärpe umfloss seine Füße. Unter seinen Kapuzen biss Mar’gok konzentriert die Zähne zusammen. Er streckte seine schwieligen Handflächen der Versammlung entgegen.

 

Nur das oberste Ratsmitglied Vareg sah eifriger aus als er.

 

„Unsere Primalisten werden den Nordhang zerschmettern“, spuckte er. „Der nördliche Gipfel wird einstürzen, auf sie niederfallen und all ihre kleinen Köpfe auf einmal zerquetschen.“ Das Öl in seinem Gesicht glänzte.

 

Während sie Vareg zuhörten, sahen einige der Ratsmitglieder aus, als wären sie bereit, sein Blut zu trinken, doch die meisten, besonders die Magiebrecher, stampften zustimmend auf. In diesem Saal waren sowohl politische Führung als auch Gewalt beheimatet; wenn ein Streit zu lange andauerte, würden sich die Streitenden die Schädel einschlagen, um ihre Standpunkte zu verteidigen. Es war unerlässlich, sich zu einigen.

 

Mar’gok knurrte. Seine Stimmen hallten im Saal wider. „Nein.“

 

Der ungeduldige, hungrige Vareg (von niederer Geburt), der immer nur auf den Aufstieg, unaufhörlich auf den Aufstieg bedacht war, sah aus, als wäre er zum Tod im Kolosseum verurteilt worden.

 

Mit einem Kopf starrte Mar’gok Vareg an, der andere ließ seinen Blick über die versammelten Ratsmitglieder schweifen, bis ihr Murmeln verstummte. „Die Zahl der Orcs und ihrer Waffen ist zu groß. Wir werden sie nicht in einem Schlag zerstören können, und Ihr riskiert die Grundfesten der Stadt. Nein. Unsere Legionen an der Front werden sich zum Pfad der Sieger zurückziehen und den Feind zwingen, nach oben zu klettern. Wenn sie Seile brauchen, um unsere Stufen zu erklimmen, können wir sie verlangsamen.“

 

Hochfels hatte jeden Siedlungsversuch in einem meilenweiten Umkreis seiner Pracht zunichte gemacht. Das Reiten und Marschieren würde den Feind ermüdet haben. Eine echte Belagerung der Stadt könnte Tage dauern. (Die Versorgungszüge der Eisernen Horde würden umfangreich sein müssen.)

 

Vareg war mächtig. Er war ein Magierlord, der viele Siege errungen hatte und außergewöhnlich talentiert war, wenn es um Ungehorsam oder das Überleben ging. „Indem Ihr sie in die Stadt lasst, überlasst Ihr ihnen die Initiative. Selbst wenn wir ihre Versorgung stoppen oder ihre Seile zerschneiden, wird unseren Kriegern kaum Hoffnung auf ein Entkommen bleiben.“

 

„Entkommen?“, grübelte Mar’gok. „Ihr glaubt also, dass Hochfels fallen wird?“

 

Stille.

 

Mar’gok drehte einen Stein in seiner Hand. Seine Schwielen hatten ihn glattgerieben. „Ihr glaubt“ – er schnalzte mit einer Zunge – „dass es wichtiger ist, Tode in unserer Armee zu vermeiden, als den Tod von Hochfels abzuwenden?“ Das hatte niemand gesagt, aber niemand hob die Stimme, um es abzustreiten.

 

Varegs Stimme wurde lauter. „Kaiser, Ihr seid weit vom Schlachtfeld entfernt. Ihr könnt weder unsere Soldaten noch unsere Feinde sehen. Wenn Ihr nicht zulasst, dass wir den Berg zum Einsturz bringen, dann lasst uns ihnen mit unserem ganzen Heer entgegentreten. Wenn wir uns zurückziehen, werden wir schwere Verluste erleiden. Ihr werdet jeden davon bereuen, nachdem wir gesiegt haben.“

 

Varegs Worte hallten nach, und die meisten der Ratsmitglieder traten von ihm zurück, um sich neben ihren Kaiser zu stellen. Ihre Wortlosigkeit machte ihre Unterstützung nicht weniger lautstark. Als Vareg sie bemerkte, sah er noch erzürnter aus. „Die Orcs sind so klein, dass sie nicht einmal unsere Toten wegschaffen werden können!“, zischte er.

 

Mar’goks Gesichter blieben äußerlich ungerührt. „Vielleicht ist es einfacher, als ich dachte. Schließt Euch mir an und setzt Euer ausführliches Wissen über die Eiserne Horde ein, um uns zum Sieg zu führen.“

 

„Mich Euch ... anschließen, mein Kaiser? Ihr werdet kämpfen?“

 

„Nein. Während unsere Truppen zurückfallen und die Orcs aufhalten, werden wir zum Kriegshäuptling der Eisernen Horde reisen und ihn dazu bringen, uns Frieden zu zeigen. Indem er seine Botin geschickt hat, hat uns Grommash Höllschrei praktisch freies Geleit versprochen.“

 

Ein paar Zenturionen und ein Magiebrecher dazu würden als Leibwache des Kaisers dienen. Er wagte es nicht, noch mehr von der Front abzuziehen. Mar’gok wandte seine Köpfe den Magiebrechern zu und donnerte: „Der Stärkste von Euch wird mich begleiten.“

 

Bestürzt sah Mar’gok, wie ein blau bemalter Brecher augenblicklich von seinen Gefährten nach vorn gestoßen wurde. Er war mit unsauberen Runen bedeckt, die aussahen, als wären sie mit einem Stein auf seinen Körper geschabt worden. Anscheinend teilte der Brecher die Bestürzung seines Kaisers.

 

„Kaiser“, sprach er mit feierlicher Stimme, „ich habe heute vier Schamanenschädel zerquetscht. Es liegt mir nicht, Nettigkeiten auszutauschen. Lasst mich bleiben und für den Ruhm von Hochfels kämpfen.“

 

„Wie heißt Ihr, Brecher?“ Mar’gok stellte seine Frage langsam, sanft, als würde er mit einer Mahlzeit sprechen.

 

„Ko’ragh, mein Kaiser.“

 

„Ko’ragh“, fuhr Mar’gok fort. „Ihr dürft nicht bleiben. Euer Tod wird Hochfels weniger einbringen, als Euer Leben wert ist. Außerdem“ – Mar’gok unterband jede Hoffnung auf Einsprüche, und der Kiefer des Brechers schnappte zu – „liegt es an Eurem Kaiser, die Art und den Zeitpunkt Eures Todes zu bestimmen. Habt Ihr das verstanden?“ Als Antwort salutierte Ko’ragh. Eine seiner fleischigen Fäuste hämmerte auf seine Brust.

 

Vareg, der nie bereit war, andere länger als einen Moment lang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit verweilen zu lassen, erhob schnell seine Stimme. „Und wie werde ich dienen, Kaiser?“

 

Mar’gok gestattete sich, ein doppeltes Lächeln zu zeigen. „Ihr werdet meinen Karren ziehen.“

 

Das oberste Ratsmitglied starrte ihn mit offenem Mund an. Einige der Versammelten lachten nervös. Das Geräusch ähnelte zwei Steinen, die gegeneinander gerieben wurden.

 

Der Kaiser hatte seinen Rat immer ermuntert, jederzeit gewaltlosen Widerspruch zu zeigen. Sie mussten ihm nur vor die Füße spucken. Keines seiner lebenden Ratsmitglieder zeigte seinen Widerspruch je auf die unhöfliche Art, die er vorgeschlagen hatte, aber dennoch hatte er das Angebot gemacht. Er war großzügig.

 

Mar’gok sah demonstrativ auf seine nackten Zehen, dann zurück zu der Versammlung. Brodelndes Feuer flog an einem Fenster vorbei und ließ einen Schauer heißer, geschmolzener Kiesel auf die Anhöhe niedergehen. Er zog die Brauen zusammen, erst die seines linken Gesichtes, dann die des rechten.

 

Der Kaiser sah erneut zu seinen Füßen hinab. Keine Spucke.



Mar’gok ließ den Blick über seinen Tross schweifen, wobei beide Köpfe ausdruckslos hin und her blickten, als würde er eine Auswahl an Bankettgerichten oder eine Handvoll Wettsteine in Augenschein nehmen.

 

Das oberste Ratsmitglied Vareg, der einen achträdrigen, stoffbedeckten Karren zog, der doppelt so groß war wie er selbst, hatte bereits beträchtliche Lehren aus seiner schmerzhaften Lektion gezogen. Sein Blick war zwar gesenkt, doch er gab keine weiteren Beschwerden von sich, selbst dann nicht, als seine Roben mit winzigen Matschflecken bespritzt wurden. Für den Moment half ihm Ko’ragh bei seinen Mühen.

 

Im Gegensatz zu Vareg mit seinen Roben war der Brecher für den Krieg gekleidet. Er trug eine zusammengestückelte Metallrüstung und eine grausame, mit einem Schädel bestückte Kriegskeule. Sein kahler Kopf und seine muskelbepackten, tätowierten Arme waren ungeschützt, so wie bei allen Mitgliedern von Mar’goks Gruppe. Ein modisches Aussehen würde bei den Hochfelsogern niemals der drohenden Ausrottung zum Opfer fallen.

 

Ko’ragh war nicht in der Lage, sich mit einer diplomatischen Mission abzufinden, während Hochfels belagert wurde, und hatte missmutig ausgesehen, bis Vareg ihm unaufgefordert befohlen hatte, einen besseren Gesichtsausdruck aufzusetzen. Varegs schmerzhafte Lektion kam auch anderen zugute.

 

Vareg mochte ehrgeizig sein und Ko’ragh eigenwillig und stumpfsinnig, doch beide waren mächtige, hochrangige Oger, die sich in Kampfübungen ausgezeichnet schlugen, früh aufstanden, schwere Wunden überstanden hatten (Ko’ragh: Ausweidung; Vareg: einen Schnitt am Oberschenkel, den er hatte verwesen lassen, um seine Stärke zu beweisen) und dutzendfach getötet hatten.

 

Den Rest seines Reisegefolges hatte der Kaiser aus Zenturionen ausgewählt, die nicht dem Rat angehörten. Er hatte sich ihre Leistungen aufmerksam angehört (auch wenn er sich ihre Namen nicht gemerkt hatte). Einer von ihnen hatte jahrelang in einem Schildvulkan geschlafen, bis das Magma ihm bedingungslos gehorchte. Einer war ein gefeierter Kämpfer im Kolosseum, der zehn großen Raubtieren die Klauen ausgerissen und sie in seine Kampfhandschuhe genäht hatte. Einer von ihnen hatte eine so starke Bindung an den Berg, dass kein Pfeil seine Haut durchdringen konnte. Jeder von ihnen konnte einen zwei Tonnen schweren Stein auf die Anhöhe tragen, ohne innezuhalten.

 

Die Zenturionen hatten den Kaiser noch nie persönlich gesehen. Mit ihrem König zu reisen, löste ihre Zungen. Mar’gok führte sie schwerfällig gehend an und versuchte, die Ablenkung ihres Geplappers zu ignorieren. Gelegentlich wandten sich seine Köpfe einander zu, um sich irritierte Blicke zuzuwerfen, bis ihm schwindelig wurde. (Sie zum Schweigen bringen? Sollen sie gaffen.)

 

Der Boden ging in weichen Schlamm über, wo er auftrat, sodass sein Tross von der Anhöhe den Hügel hinab stapfen konnte, ohne zu fallen. Alle paar Schritte wurde ihre behelfsmäßige Rampe hinter ihnen wieder steinig und undurchdringlich. Dann wurden sie schneller, und der Karren riss schlammige Furchen in den Boden. Vareg merkte an, dass die Orcs jetzt ihre erste Straße hätten, und selbst der Kaiser gestattete einem seiner Köpfe ein kleines Grinsen.

 

Mit gigantischen Schritten erreichten die Oger ihr Ziel kurz nach Sonnenaufgang. Der Kaiser selbst blieb zwar ruhig, doch die Gespräche seines Gefolges blieben über die gesamte Reise hinweg von Stolz erfüllt. Sein Volk war am Anfang geboren worden: Als die großen Schmiede das Licht aus dem gigantischen Feuerball gepresst hatten, der Draenor werden würde, hatten sie die Oger aus demselben qualmenden Lehm geformt und ihnen die Herrschaft über Stein und Erdreich übertragen. Die Welt selbst gehörte ihnen. Ihre Hauptstadt ragte über dem Gerüst der Vergangenheit empor.

 

Keiner von ihnen hatte bezweifelt, dass die Verteidiger von Hochfels die ganze Nacht hindurch gekämpft hatten, dass das Kaiserreich noch fortdauerte, bis sie Grommashar erblickten.

 

***

 

Als Mar’gok zuletzt das Lager des Kriegshymnenklans gesehen hatte, war es schwächlich gewesen. Beweglich. Holz und Leder, Hütten und Baracken, die behutsam auf dem Boden errichtet worden waren. Er hatte sich die gesenkten Blicke der Orcs vorgestellt, wenn Wind und Regen ihre Behausungen zum Einsturz bringen würden, wie sie mit stummer Verzweiflung reagieren und sich fragen würden, warum das geschehen war.

 

Jetzt schickte sich das Lager an, eine Zitadelle zu werden. Es war von rasiermesserscharfen Palisaden umgeben. Bis an die Zähne bewaffnete Orcs aus vielen Klans patrouillierten auf den Wällen, in deren Mauerkronen Mörderlöcher gehauen waren, und überall waren die schrecklichen, rasselnden Maschinen, die mehr Rauch und Feuer spuckten, als sie über die Wälle von Hochfels geschleudert hatten.

 

Die Oger trotteten offen durch Grommashar und hielten eine behelfsmäßige Parlamentärflagge hoch. Mar’gok hatte eine seiner eigenen purpur- und goldfarbenen Standarten in der Mitte durchgerissen, doch die Orcs hatten bei ihrem Eintreffen keinen Alarm geschlagen – als hätte man die Oger erwartet. Nur der gigantische, stoffbedeckte Karren zog Blicke auf sich.

 

„Was ist das?“, fragte ein stämmiger, gerüsteter Orc, der zwanzig weitere anführte, von denen alle Handkanonen auf sie richteten, deren poliertes Metall in der Sonne glänzte.

 

Vareg befreite verkrusteten Schleim aus seiner Nase und richtete sich zu voller Größe auf. Seine Handflächen waren, nachdem er einen ganzen Tag lang die Last des Karrens gezogen hatte, schwarz und gerötet. Ko’ragh umfasste aufgeregt die schädelbewehrte Keule, die er trug. Sie waren stark in der Unterzahl. Das Gelände war unbekannt und ihr Feind eifrig.

 

(Humor? Offenheit? Irreführung?) „Es ist nur Tribut“, murmelte Vareg, bevor Mar’gok etwas sagen konnte.

 

Das reichte aus. Einige Mitglieder der Eisernen Horde standen wachsam und schnüffelnd neben dem Karren, hoben den Stoff an und inspizierten das, was darunter lag. (Was könnten sie schon sehen?) Die riesigen Waffen der Oger wurden in die Zangarsee gehievt, auch wenn mehrere Speerspitzen noch immer aus dem Wasser ragten, so sehr sich die Soldaten von Grommashar auch mühten, sie zu versenken. Die Orcs waren irritierend klein. Auf ihren Armen waren kümmerliche Venen sichtbar, winzige Schweißtröpfchen perlten von ihren Gesichtern. Alles an ihnen war angespannt, komprimiert, nahe an der Oberfläche, als hätten sie keinen Platz in ihren Körpern.

 

Der Kaiser befahl seinem Gefolge, regungslos zu bleiben, während sie die Demütigungen der Diplomatie über sich ergehen ließen. Nur seine Blicke erhielten den Eindruck der Huldigung aufrecht, als sie Grommash Höllschrei vorgeführt wurden.

 

So sehr sich seine Heimat auch gewandelt hatte, Grommash hatte das nicht getan. Die Geißel Nagrands sah nicht anders aus, als er es getan hatte, als Mar’gok ihn zuletzt gesehen hatte: an der Spitze eines Kriegstrupps, mit einer Mähne aus dichtem Haar, muskelbepackt wie ein Tier, mit geschürzten Lippen und Zähnen, die in einem Fletschen aufblitzten.

 

Was Mar’gok jedoch überraschte, war der Thron, an den sich Grommash nun lehnte. Es war ein knorriger Baum, dessen dickes Holz unbequem erschien, und es war unwahrscheinlich, dass er auch nur eine weitere Generation von Häuptlingen des Kriegshymnenklans überstehen würde. Er erkannte diesen Baum und wusste, welche Mühe es den Orc gekostet haben musste, ihn in seinen Besitz zu nehmen.

 

Grommash hatte recht viel Zeit damit zugebracht, während der Herrschaft des letzten Zaubererkönigs an diesen Baum gefesselt zu sein. Nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf Hochfels hatte man Grommash gefangen genommen, ihn geschlagen und hungern lassen, bis er halbtot war. (Und dann ...)

 

Ein brauner Ogerkopf mit faulendem Nacken starrte aus leeren Augenhöhlen von den Zweigen des Baums herab. Obwohl nur noch wenige Fetzen identifizierbaren Fleisches am Schädel hingen, war Mar’gok recht sicher, ihn erkannt zu haben. Es wäre kaum möglich gewesen, so lange den Tod seines Vorgängers zu erwarten, ohne sich mit einiger Genauigkeit vorzustellen, wie sein Kopf von seinem Körper getrennt aussehen würde.

 

„Kaiser“, sagte Grommash in seiner fließenden Bassstimme. „Was haltet Ihr von dem letzten Ogerfürsten, der sich mir widersetzt hat?“ Er gab sich keiner Theatralik hin und rührte sich nicht vom Fleck (obwohl seine Geste der Dominanz deutlich war). Seine Augen waren aufmerksam und konzentriert.

 

Die Oger spürten die Stiche, die einige Momente der Stille mit sich brachten, und blickten zu ihrem König.

 

„Ich halte ihn für einen Narren“, donnerte Mar’gok.

 

Vareg entspannte seine Hände. Sie lösten sich voneinander und er ließ sie an seinen Seiten herabhängen.

 

„Er war ein Narr, Euch nicht zu töten.“

 

Einem Orc in der Nähe des Throns entfuhr ein leises Zischen. Vareg und Ko’ragh fuhren zusammen, und ihre Hände griffen instinktiv nach nicht vorhandenen Waffen.

 

„Hätte Euer Leben in meiner Hand gelegen“, fuhr Mar’gok fort, „hätte ich Euch die Kehle aufgeschlitzt und Eure verrottende Leiche ins Meer geworfen – vor den Augen meiner Gefangenen. Dann hätte ich sie neben Euch versenkt.“ Er zeigt auf die Orcs hinter sich. „Euer Volk war gebrochen. Die Hochfelsoger würden jetzt über ganz Nagrand herrschen.“ (Wieder über ganz Nagrand herrschen.) Mar’gok gab sich immer einer gewissen Theatralik hin, wenn sie gerechtfertigt war.

 

Grommash zuckte nicht mit der Wimper, ungerührt von der beiläufigen Erörterung seines eigenen gewaltsamen Todes. Er konnte sich diesen Luxus leisten.

 

Mehrere weitere Orcs traten hinter dem Thron hervor (jetzt waren es zwei Dutzend allein in unmittelbarer Nähe). Einer von ihnen, breitschultrig, mit einem Gesicht voller Tätowierungen, das unter seiner braunen Kapuze kaum zu erkennen war, lehnte sich vor, um Höllschrei ins Ohr zu flüstern. (Wann hatte er je Rat angenommen?)

 

„Ich verstehe“, erwiderte Grommash ausdruckslos. „Dann sagt mir, was die Hochfelsoger wert sind. Erzählt mir von diesem Tribut, den Ihr mir gebracht habt, und vom Wert Eurer Leben.“

 

Dem Kaiser entging nicht, dass der Stand der Sonne ihn zwang, zu blinzeln und seine Köpfe leicht zu neigen. Er widerstand der Versuchung, einen Baum herauszureißen und seine Augen mit ihm zu beschatten. (Grommash sitzt jeden Tag auf einem Überbleibsel seines Grolls. Jede Verhandlung würde einfach und offensichtlich zu seinem Vorteil sein müssen.)

 

Mar’gok schnaufte. „Nun gut. Das Geschenk, das ich Euch bringe, ist Wissen. Die Eiserne Horde ist schwach.“

 

Jetzt lächelte Grommash. „Das sagt Ihr, während wir die Mauern Eurer Heimat zerschmettern.“ Er zeigte, so weit es ihre Größe zuließ, auf einen Punkt hinter den Ogern. „Sag ihnen, was du gesehen hast.“

 

Ein weiterer Orc sprang an Höllschreis Seite, und Mar’gok erkannte die narbengesichtige Botin, die seinem Volk als Erste den Krieg erklärt hatte. Zu schade. Er hatte gehofft, dass sie bei der Belagerung umgekommen wäre.

 

Ihr Gesicht zeigte ausgesprochenen Stolz. „Wir haben die Reihen der Hochfelsoger am Eingang ihrer Stadt durchbrochen. Der Berg ist umzingelt. Sie ziehen sich in ihre Behausungen zurück.“

 

Mar’gok hatte vermutet, dass das geschehen würde, aber nicht annähernd so schnell.

 

***

 

Es war eine List. Es musste eine sein. Nur einen Moment lang, während seine Leute sich stritten und die Orcs das Chaos genossen, schloss Mar’gok die Augen und versuchte, sich die Szene vorzustellen: wie die Oger Boden verloren, Kämpfe in den Straßen, der geschmolzene Stein zerstörter Hügelbehausungen, der vor den Formationen der Gorianer Pfützen bildete.

 

Es kostete ihn keine Anstrengung, sich vorzustellen, wie die Orcs seine Legionen umzingelten, wie die Zacken ihrer Waffen summten, während sie den Ogern die Beine abschlugen, sodass sie auf Stümpfe fielen. Das hatte er schon zu oft gesehen.

 

Danach würden die Orcs seine Statuen niederreißen. Seine Männer, Frauen und Kinder würden aufbrüllen und sich sammeln, zurückschlagen, unermüdlich für ihn skandieren: Der König! Der König. Je öfter sie es sagten, desto weniger klang es wie ein passender Todesschrei.

 

Sicherlich hatten sie diese Silben so lange beibehalten, weil sie einfacher zu rufen waren als Imperator, und nicht, weil sie seinen Titel, seinen Namen nicht aussprechen konnten.

 

Sie würden sicherlich standhalten.

 

Mar’gok wurde der Vorstellungen müde und öffnete die Augen. Er atmete aus und wandte sich an Ko’ragh und Vareg, die hörbar murmelten. Sie waren in Verteidigungshaltung. Ihren Gesichtern nach zu urteilen glaubten auch sie der Botin. Als Grommash zu sprechen begann, verstummten sie.

 

„Und nun erklärt mir, Kaiser“, sagte er, mit so viel Selbstvertrauen, als hätte er in Mar’goks beide Geister geblickt, „inwiefern die Eiserne Horde schwach ist.“ (Endlich.)

 

„Versteht mich nicht falsch, Kriegshäuptling. Ihr seid viele. Vielleicht werden sich Eure Orcs mit der Zeit bis an die Spitze von Hochfels durchkämpfen.“ Der Kaiser begann, auf- und abzuschreiten und gestikulierte lebhaft. „Aber das werdet ihr nicht ohne große Verluste tun, denn Euch fehlt unsere größte Stärke. Ihr steht der Armee eines Zaubererkönigs gegenüber. Unsere Traditionen sind so alt wie Draenor.“

 

Er hob beide Arme der Menge entgegen und presste gigantische Fäuste zusammen. „Wir werden aus dem Inneren unserer Behausungen Lawinen hervorrufen, Eure Wölfe mit Feuer in Angst und Schrecken versetzen, Euer Metall mit Schlamm verrosten lassen. Die Zauber Eurer Schamanen können uns nichts anhaben. Wir werden ihren falschen Donner verlachen und ihre Schädel zu Staub zermahlen.“ Bei diesen Worten sah Grommash beinahe ... fasziniert aus. (Die Orcs verehrten die Elemente. Wie typisch für kleine Kreaturen, etwas außer sich selbst lobpreisen zu wollen.)

 

„Und außerdem“, musste Mar’gok einfach hinzufügen, „seid Ihr klein. Selbst wenn Ihr Hochfels einnehmt, würdet Ihr ein ganzes Jahr allein damit verschwenden, unsere Leichen zu beseitigen.“

 

Mar’gok legte den Meißel seiner Worte beiseite und schloss seine Münder bestimmt. Die Mächtigen lobten ihre körperliche Stärke und ihren Körper über alles; die Klugen ihren grenzenlosen und alles überdauernden Geist; die Charismatischen ihre Führungsqualitäten und Überzeugungskraft. Doch wahre Stärke hatte immer alle Stärken bedeutet (weshalb er der König war), und Grommash würde immer von dem Gedanken verfolgt werden, dass es eine Stärke gab, die er nicht besaß. Mar’gok kannte nichts anderes genau genug, um zu riskieren, einem solchen Umstand die Rettung seines Reiches und seines Lebens anzuvertrauen.

 

Höllschreis Antwort kam schnell. „Wir wollen Eure Stadt nicht. Wir wollen Eure Leichen.“ Während er aufstand, umklammerte er den Griff einer gezackten Axt, die fast so groß war wie er selbst und an deren Klinge an diesem Tag vergossenes Blut zu erkennen war, das sich bräunlich zu verfärben begann. „Jedes Mitglied der Eisernen Horde ist bereit, in der Schlacht zu sterben. Wir siegen. Eure Drohung ist leer.“

 

Ko’ragh regte das auf, doch Mar’gok hielt ihm eine Hand vor, als sich Grommashs Zähnefletschen zu Nachdenklichkeit wandelte.

 

„Ihr sprecht nur eine Wahrheit aus. Eure Magie ist mächtig. Lehrt sie uns, und einige von Euch werden überleben.“



In einem von Varegs Speichelklumpen steckte mehr Flüssigkeit als im Mageninhalt eines Orcs.

 

Der Kaiser hatte um einige Minuten Zeit zur Beratung gebeten und sich in einiger Entfernung zu Grommashs Thron zurückgezogen. Nun starrten all seine Augen auf denselben Punkt. Die Spucke brodelte im Staub, wenige Zentimeter von seinen Zehen entfernt. Blasen bahnten sich einen Weg an die Oberfläche und platzten. Es sah aus, als könne sie sich aus eigener Kraft bewegen.

 

Solch offene Respektlosigkeit hatte sich erst vor Kurzem gezeigt, als Mar’gok beiläufig erwähnt hatte, dass es die vernünftige Entscheidung wäre, Höllschreis „Angebot“ abzulehnen. Noch hatte keiner der Zenturionen die Spucke gesehen. Erfolglos schubste er Steine über sie.

 

Vareg war kurz davor, in Geheul auszubrechen, während er auf und ab raste. Es schien immer wahrscheinlicher, dass sein animalisches Hin- und Herlaufen die Orcs dazu treiben würde, von ihren Waffen Gebrauch zu machen.

 

Ko’ragh kämpfte stumm um Verständnis. „Kaiser, das könnt Ihr nicht ernst meinen. Ihr ... Ihr wollt Zeit gewinnen, um Grommash zu überlisten und ...“

 

„Nein!“, brüllte Vareg, und seine sonst glatte Stimme brach. „Ihr habt es vor dem Rat mit beiden Stimmen geschworen. Ihr sagtet, Ihr würdet Frieden stiften. Jetzt scheut Ihr vor dem Preis zurück.“

 

Mar’gok löste seinen Blick von der Spucke; in den Paletten seiner Gesichter mischten sich Entrüstung und Belustigung.

 

Vareg hatte nicht aufgehört zu toben. „Was sind unsere Traditionen wert, wenn keine Hochfelsoger überleben, um sie fortzuführen? Ist Euch Eure Magie mehr wert als unsere Leben?“ (Faul. Eher eine Einladung als eine Frage.)

 

Mar’gok trat in einem Schritt auf Vareg zu und stampfte fest genug auf, dass Staub aufwirbelte. „Ihr sprecht vom Überleben wie ein Sklave, der nicht weiter sehen kann als bis zu seinen Ketten. Ihr habt das Herz eines Orcs, zufrieden damit, wenn die schlechten Momente ein Ende haben.“

 

Varegs Gesicht war fast purpurfarben. Er knurrte, laut genug, dass das ganze Lager es hören konnte. Die anderen Oger stampften näher an ihre Anführer heran.

 

Mar’gok fuhr fort. „Gog Gronntöter wusste, dass es nur der Anfang sein konnte, frei zu sein, zu überleben. Als er die Körper der Gronn zerschmetterte, ihre Knochen aufbrach und ihr Mark verschlang, um zu beweisen, dass sie keine Götter waren, hob er ihre Skelette empor, damit andere seinen Sieg sehen konnten. Er wollte mehr als das reine Überleben, also baute er seine Halle so, dass sie zu groß war, um von einer einzigen Blutsfamilie ausgefüllt zu werden. Andere fanden sich ein, und schon bald war seine Heimat ein Imperium. Er ist nicht einfach in die Berge geflohen, um sich in seiner Existenz zu suhlen.“

 

Vareg schien einen Teil seines Verstandes behalten zu haben, denn er sagte nichts, während der Kaiser sprach. (Zu Vareg? Zu den anderen? Wo es zwei Geister gab, war es immer nötig, drei Reden zu halten.) „Die Welt gehört uns. Der einzige Grund, aus dem ihre Weiten gezähmt, ihre Größe offengelegt ist, ist, dass wir sie beherrschen, so wie die Schmiede es taten. Wenn Ihr unsere Macht mit Sklaven teilen wollt, wenn Ihr zulassen wollt, dass sie die Erde formen, seid Ihr kein Oger.“

 

Als Antwort spuckte das oberste Ratsmitglied einen weiteren Batzen Speichel auf den ersten. Welch ein Talent er für die wichtigsten Dinge hatte.

 

Vareg hatte seine Schreiterei aufgegeben. Er schnaubte. „Hochfels ist kein Imperium mehr. Es ist nur eine große Stadt. Ich frage mich, ob alle in unserem Klan glauben, dass sie es wert ist, für sie zu sterben.“ (Varegs Stimme war von Schleim beschwert, doch das konnte seinen Eifer kaum verbergen.) Seine Augen huschten zwischen den anderen Ogern hin und her und blickten nie in Mar’goks, als wäre er kurz davor, sich vom Kaiser loszusagen, die Herausforderung herauszubrüllen, die er mit Sicherheit mehrfach einstudiert hatte, bevor er den Karren hatte ziehen müssen.

 

Ko’ragh sprach und lenkte so die Aufmerksamkeit von Mar’gok und Vareg ab, die einander wütend anfunkelten. „Kaiser, die Orcs sagen, dass sie gewinnen. Wenn Ihr Grommash jetzt nicht angreift, müssen wir uns ihm unterwerfen.“ Seine Augen loderten.

 

Mar’gok verschränkte die Arme und imitierte so unbewusst die Pose einer seiner Lieblingsstatuen. „Dann wird das Erbe der Ogerherrschaft, das Erbe meiner Blutsfamilie, ein billiges Tauschobjekt. Was werdet Ihr opfern? Eure Vermögen? Eure Ehrentitel aus dem Kolosseum? Eure Leben?“

 

Vareg zögerte nicht, obwohl er die Zenturionen anblickte, nicht den Kaiser, als er antwortete. „Ich werde alles dafür geben, unser Volk zu retten. Während wir zaudern, stirbt der Klan.“

 

Natürlich. Vareg eilte sich, seine Zustimmung auszudrücken, sich auf die Seite unseres Volkes zu schlagen, bevor Mar’gok es konnte. Er versuchte, sich die Unterstützung des restlichen Gefolges zu sichern. Würde er sie zum Mord anstiften können? In der Geschichte von Hochfels waren mehr Streitgespräche in spontane Revolten ausgeufert, als der Kaiser zählen wollte.

 

Mar’gok sah sich schnell um, bedacht, keine Gefühlsregung zu zeigen. Varegs Augen waren wölfisch, unstet. Er könnte jeden Moment entweder lächeln oder aufheulen. Die anderen hatten ihre nackten Fäuste im Salut gegen die Brust gepresst – aber wem salutierten sie? Sie waren zu fünft, und er war allein.

 

Er schenkte ihnen allen ein doppeltes zustimmendes Nicken. „Nun gut. Ich werde unsere Zauber verkaufen. Sklaven können keine Sklaven machen. Was können Orcs schon mit der Macht der Schmiede anfangen, das wir nicht bereits erreicht haben?“

 

Grimmig aber selbstbewusst marschierten die Oger zu Grommash zurück.

 

Mar’gok blieb hinter ihnen und kämpfte gegen seine Lächeln an. Vareg hatte sich eine Blöße gegeben. Mar’gok hatte sich „überzeugen“ lassen. Das kam einem demütigen Einlenken näher als alles, was er einem seiner Berater je gewährt hatte. Wenn man die Position eines Narren vertrat, konnten die Massen gar nicht anders, als sich zusammenzutun, um sie zu bekämpfen.

 

Es sagte ihnen zu – wie es überhaupt allen Emporkömmlingen, allen Bauerntölpeln zusagte – zu glauben, dass derjenige, der über ihren Leben emporragte, eitel und selbstgefällig war, dass er den Tod einem Opfer vorziehen würde, sein Volk lieber in das Flüstern der Geschichte als mit voller Stimme einen niederen Pfad entlangführen würde.

 

Auch aus diesem Grund war Mar’gok der König.

 

***

 

Die Sonne war schon längst verloschen, und der dichte Rauch der gelben Fackeln, die Grommashar erleuchteten, vermischte sich mit dem Dunst, der über seinen Mauern hing. Mar’gok atmete tief ein. Der beißende Geruch entspannte ihn.

 

Er ließ seine Stimme weich bleiben und neigte einen Kopf stärker als den anderen. „Wir werden Euch die Wege des Magiebrechens lehren, Grommash Höllschrei.“

 

Ein Lächeln, enthusiastisch und unverfälscht, stahl sich in Grommashs Gesicht. Ein Feind, der nur wenige Fußbreit entfernt geschlagen und fügsam dastand, mit offenen, wissenden Augen, hatte eine einzigartige Süße an sich.

 

„Ruft Eure Armee zurück und schickt zehn Eurer wachsten Geister mit uns nach Hochfels zurück. Ich werde sie persönlich unterrichten. Sie werden in einem Jahr einsatzbereit sein, vielleicht sogar früher.“

 

Bei diesen Worten hob Grommash die Augenbrauen. Er verzog das Gesicht, und vier fleischige Finger trommelten auf den Schaft der Axt, doch seine Stimme war beherrscht. „Reizt mich nicht, Kaiser. Ihr werdet alle Orcs unterrichten, die fähig sind zu lernen, und Ihr werdet es hier tun.“

 

Mar’gok breitete die Arme weit aus und grinste, wobei er beide Münder öffnete. Es waren Lächeln voller reicher Verheißung, die er gewöhnlich nur Familienangehörigen schenkte, die er zu töten vorhatte. „Wenn ich meine Magie mit Eurer gesamten Armee teile, werdet Ihr mein Volk nicht brauchen. Was werdet Ihr mit Ogern anstellen, die Euch nicht nützlich sind?“

 

Hätte der Ogerschädel, der schlaff von Grommashs Thron herabhing, noch Augenlider gehabt, hätte er gezwinkert.

 

Grommash feixte ihn an. „Die Wertvollen unter Euch werden leben. Vertraut auf den Wert Eurer Zauber, Oger. Euch bleibt nichts anderes übrig.“

 

Hinter ihnen erklangen Schritte. Sekunden später traten einige weitere Orcs ein, ohne angekündigt zu werden; die Waffen, die in ihren Scheiden von ihren Gürteln baumelten, schlugen ihnen gegen die Beine. Die Botin war die erste von ihnen, und alle Blicke – die der Oger und Orcs gleichermaßen – richteten sich auf sie. Grommash hob eine Hand, um Stille zu befehlen.

 

„Ja?“

 

„Sie haben versucht, Verstärkung über das Meer heranzuholen, Kriegshäuptling Höllschrei.“ Vier Schiffe sind auf Hochfels zugesegelt, aber wir haben sie mit unseren Kanonen beschossen. Keines von ihnen hat das Ufer erreicht.“ Ihre Bewegungen waren überschwänglich. „Die Reste ihrer Armeen haben sich in ihren Türmen verschanzt. Wir werden ihre Festung in Kürze überrannt haben.“ Sie sah aus, als würde sie anfangen zu singen.

 

Mar’gok sah auf seine rechte Hand hinab. Sie hatte dicke Knöchel und war groß genug, einen Elekk zu Fall zu bringen, einem Orc die Rippen durch die Brust zu quetschen. Und sie zitterte.

 

Er wollte sie zwingen, aufzuhören, erst beiläufig, dann aus ganzem Herzen, aber das tat sie nicht.

 

Der Boden bebte. Schreckensschreie trafen auf das Schaben von Klingen. Aus dem Augenwinkel sah Mar’gok, wie Ko’ragh auf Grommashs Thron zustürmte, zwei Orcs zu Boden warf und über sie hinwegtrampelte. Seine säulenartigen Arme waren erzürnt ausgestreckt. Ein dünner Speer sauste durch die Luft und bohrte sich federnd in seine Schulter. Das Blut des Brechers quoll hervor und floss über das Holz, aber wie ein Fels, der durch Schlamm rollte, stürzte er weiter vor.

 

Und Mar’gok umfasste ihn mit einem Arm, schlug mit der Handfläche gegen Ko’raghs Kehle und warf ihn rückwärts auf den Boden, mit solcher Kraft, dass nahe Bäume ihre Blätter in Wolken verloren und Orcs auf den Rücken fielen.

 

Als der Atem pfeifend aus den Lungen des Brechers entwich, stellte Mar’gok einen Fuß auf seinen Bauch und sah zu, wie sich dessen Gesicht vor Schmerz verzerrte. „Idiot!“, brüllte er hinab.

 

Grommash sprang blitzartig auf. Dutzende Orcs zielten mit Klingen und Speeren auf Mar’gok. Mar’gok hob seinen Fuß vom Bauch des Brechers, richtete sich zu voller Größe auf und blickte dem Kriegshäuptling in die Augen, misstrauisch, den Atem angehalten, den Körper vor Erwartung gespannt. Er war größer. Höllschrei war schneller. (Wenn Mar’gok den schlummernden Stein erwecken könnte, bevor der Orc in Axtreichweite käme, und sich dann mit der Schulter in den Schwung würfe ...)

 

„Ihr wagt es, zu versuchen, mich in meinem Heim zu töten?“, brüllte Höllschrei, und es war ein echtes Gebrüll; kein Geräusch in der Nähe maßte sich an, lauter zu sein. Er bog die Finger: anspannen, entspannen. Beide Hände ergriffen die Axt. Er sah zu den anderen Orcs hinüber, vor Wut schwer atmend, und sie schienen als Antwort wie ein Körper zu brodeln.

 

Der Deckmantel der Diplomatie erstarb. Er würde zum Karren sprinten müssen. (Ob sie ihn wohl entfernt hatten?)

 

Vier Orcs schritten mit katzengleichen, weichen Schritten auf Mar’gok zu, hoben ihre Waffen und flankierten ihn. Er umklammerte den glatten Stein, der seinen Weg in seine Hand gefunden hatte. Beide Kiefer kauten auf seinen Zungen, so fest, dass er Blut schmeckte.

 

„Wartet.“ Grommashs Stimme war tiefer, gleichmäßiger.

 

Mar’gok sah, wie ein wenig von der sich aufbäumenden Wut von den anderen Orcs abfiel, wie die gefletschten Lippen und gespannten Knöchel sich lösten, als Höllschrei sprach. „Das war nicht das Werk des Kaisers.“ Der Kriegshäuptling sah zu Ko’ragh auf dem Boden hinab. Einige Waffen senkten sich, aber nur einige.

 

Grommashs kalte Augen blieben jedoch zu Schlitzen verengt. Er atmete schwer, nicht aus Erschöpfung, sondern vor Zorn, in der einfachen Erwartung von Gewalt. „Das ändert nichts an meiner Forderung. Ihr werdet jetzt zustimmen, uns zu unterrichten, oder Ihr werdet alle sterben.“

 

Vier stiernackige Orcs hielten Vareg in Schach. Ihre Speere befanden sich nur Zentimeter vor seiner Brust. Auf dem Boden stöhnte der Brecher und bewegte seinen Kopf hin und her, während die Stiefel der Orcs auf seinen Armen standen.

 

„Dann lasst uns über die Bedingungen sprechen.“ Mar’gok steckte den Stein zurück in seine Roben und zeigte seine erhobenen Handflächen. Wer sich zum Töten auf Waffen verließ, ließ sich oft vom Anblick leerer Hände beschwichtigen.

 

Grommash Höllschrei sagte nichts.

 

„Richtet ihn auf.“ Mar’gok gestikulierte sorgsam, und die Zenturionen zogen Ko’ragh in die Hocke. Sie rissen den Speer unter einem Zittern und einem Blutschwall aus seiner Schulter.

 

Die Orcs und ihr Anführer nickten einander knapp zu. Die Ablenkung durch die zitternden Klingen und Speere, die auf Augenhöhe auf ihn gerichtet waren, ließ widerwillig nach, doch die schiere Anzahl bewaffneter Orcs, die Mar’gok anstarrten, war erdrückend. Schweiß begann, sein Horn zu beflecken, und der Kaiser wischte in weg, wobei er sich einen Moment stahl, um seine Gedanken zu sammeln.

 

Grommash hatte sich schnell beruhigt, viel schneller als sein legendärer Jähzorn suggerieren würde, und das, ohne seinen Blutdurst zu stillen. Wollte er den Angriff in ihre Verhandlung einfließen lassen? Oder war es etwas anderes ... diese neuen Tötungsmaschinen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, das Aufblitzen in Grommashs Augen, wenn man Magie erwähnte, der Brecher, der am Leben gelassen wurde, obwohl er einen Kriegshäuptling angegriffen hatte? (Beweist Euren Wert, hatte die Botin gesagt.)

 

„Unsere Magie ist nicht einfach nur Teil der Abmachung.“ Mar’goks Lippen zogen sich verschwörerisch zusammen. „Ihr braucht sie. Warum?“

 

Grommash blieb stumm.

 

„Welche Macht fürchtet Ihr?“

 

Der Kriegshäuptling reagierte nicht mit dem hündischen Geifer, den Mar’gok erwartet hatte. Stattdessen setzte er sich wieder auf seinen Thron.



„Das ist wahr“, sagte Grommash langsam. „Wir können nicht alles kennen, was sich uns je in den Weg stellen wird.“

 

Er fuhr fort und blickte dabei zu einigen Orcs, die konzentriert aus der Nähe seines Throns zusahen. „Aber ich habe viel gesehen und es ist ... klug, sich vorzubereiten. Ich glaube, dass wir uns bald Zaubern gegenübersehen werden, die man auf Draenor noch nie gesehen hat. Wir werden ihnen nicht unterliegen. Wenn Euer Klan uns mit Eurer Magie zur Seite steht, wenn Ihr der Eisernen Horde Treue schwört, werdet Ihr Eure Leben verdienen.“

 

Mar’gok nickte mit beiden Köpfen. „Abgemacht.“

 

„Aber“ – hier blitzte das Tierische in Grommashs Augen auf – „wenn Ihr je zögert, wenn Ihr Euch nicht vollständig der Sache widmet, werde ich Euch an Kargath Messerfaust übergeben.“

 

Messerfaust. Der Häuptling des Klans der Zerschmetterten Hand war durch das Kolosseum stolziert, als wäre es sein Eigentum. Dann hatten die Hochfelsoger Kargath unter seinen Mauern angekettet. Berühmte Sklaven konnten gefährlich werden.

 

Kargath hatte eine seiner Hände (links? rechts?) entfernt, um zu entkommen, und hatte seinen Häschern auf dem Weg in die Freiheit dennoch gezackte Wunden zugefügt. Mit nur einer Hand hatte er selbst andere Gladiatoren befreit und sie dazu bewogen, sich ihm in seinen wahnsinnigen Racheakten anzuschließen. Angeblich verstümmelten die Orcs der Zerschmetterten Hand nun ihre eigenen Körper in Erinnerung an die Meisterleistung ihres Klangründers.

 

Mar’gok überlegte, wie lange sie wohl versuchen würden, ihn mit nur einem Kopf am Leben zu halten.

 

Grommash kam zum Ende. „Ihr dient uns.“

 

In Mar’goks Kehlen stieg die Galle hoch. Er sah nicht zu seinem Gefolge. „Ich verstehe“, sagte er knapp. „Aber Ihr müsst von Anbeginn dieser ... Partnerschaft ... verstehen, dass manche Magie einfach nicht gelehrt werden kann, und nicht, weil der Wille dazu fehlt.“ Die Botin rollte mit den Augen. (Vielleicht würde sie auf dem Rückweg nach Hochfels auf einer Klippe abrutschen.)

 

„Die Magie, von der ich spreche, formt Körper und Geist, wie ein Meißel Stein formt. Während sie uns Macht verleiht, entfernt sie Teile unseres Wesens. Das kann selbst diejenigen töten, die sich ihr ganzes Leben lang darauf vorbereitet haben.“ Er blickte vielsagend zu Ko’ragh hinüber (der noch lebte).

 

Grommash stützte sein Kinn in eine Hand; er schien davon nicht erschüttert. Der Kaiser eilte sich, die Stille zu füllen. „Ihr zweifelt an meiner Ehrlichkeit, aber ich habe Beweise mitgebracht. Vareg, den Karren.“

 

Vareg warf ihm offen feindselige Blicke zu, zog den Karren jedoch herbei. Er hatte zweifellos angenommen, dass er in einem Überraschungsangriff auf das Lager des Kriegshymnenklans zum Einsatz kommen würde, nicht, dass er zum Tausch angeboten werden würde. Wenn je Hoffnung bestanden hatte, Grommash zu überrumpeln, blieb nun keine Chance mehr dazu.

 

Mar’gok zog den Stoff ab, und ein leichter Geruch umgegrabener Erde stieg ihm in die Nasen.

 

Ein stumpfes Stück Fels stand monolithisch im Karren. Es schwankte keinen Fingerbreit, als er vor Mar’goks Publikum gerollt wurde. Die meisten der Orcs schienen unbeeindruckt zu sein: Es war ein großer Stein, gezackt und unförmig. Einige der komplexen Spiralen und Wirbel, die seine Oberfläche zierten, fanden sich in groben Umrissen auch auf Ko’raghs Haut wieder, doch davon abgesehen erschien er (für ein Artefakt, das die edelsten Blutsfamilien in Hochfels nach einer ein Jahrzehnt andauernden Fehde dem Bauch der Welt entrissen hatten) nicht bemerkenswert.

 

Die glatten Steine, die in Mar’goks Taschen verborgen lagen, wurden etwas wärmer. Er fühlte, wie ihre Hitze in Nadelstichen ausstrahlte. Sie wanden sich, fast, als wollten sie sich befreien. Sicherlich würde es einer der Schamanen unter den Orcs bemerken.

 

„Wenn man ihn erweckt“, sagte der Kaiser mit einer ausladenden Geste, „kann dieser große schlummernde Stein jede Magie dämpfen, die er gespürt hat, selbst die Eurer Schamanen. Doch er ist von größerer Bedeutung. Er ist das Mittel, mit dem wir unsere fähigsten Brecher formen.“

 

In Ko’raghs Gesicht tanzte der Stolz. Mar’gok fuhr fort. „Man wählt sie für ihre Zähigkeit aus. Sie werden von Hitze versengt, von Felsen zermalmt, ihnen wird Wasser, Essen und Luft entzogen. Selbst die Zähesten können dabei sterben.“

 

Grommash nickte.

 

„Erst lernen sie die Zeichen und Muster einer Schule der Magie. Dann müssen sie von kontrollierten Infusionen dieser Magie getroffen werden, etwa von Stichen oder Schnitten, während dieser Stein in der Nähe ist. Mit der Zeit wird ihnen etwas von ihrer Lebensessenz genommen, und ein kleiner Teil davon wird von der Magie ersetzt, die in ihr Dasein selbst gebrannt ist. Sie werden immun.“

 

„Gegen nur eine Art der Magie?“, knurrte Grommash. Mar’gok hatte vor langer Zeit dieselbe Enttäuschung verspürt.

 

„Nur gegen eine Schule“, antwortete der Kaiser. „Wir haben versucht, unsere begabtesten Brecher gegen weitere Schulen immun zu machen. Alle sterben dabei.“ Auf schreckliche Weise. Einer von ihnen war von innen heraus verbrannt.

 

Mar’gok fuhr fort. „Die Zaubererkönige haben Artefakte wie dieses über Jahrhunderte zusammengetragen. Viele von ihnen beeinflussen die Wirkung von Magie auf Lebewesen, andere sind unbeschreiblich. Hier in Nagrand sind noch mehr, tief vergraben. Ich würde ihre Macht mit Euch teilen.“

 

Der Kriegshäuptling umschritt das Artefakt und blinzelte es mit neu erwachtem Interesse an. „Wird das Orcs gegen jede Magie immun machen? Nicht nur Oger?“

 

Mar’gok verkniff sich einen Anflug von Überheblichkeit, der sich zu gern auf beiden Gesichtern gezeigt hätte. „Ja, mit der Zeit. Eure Krieger sind nicht so zäh wie die größten der Hochfelsoger. Es wird dauern – Generationen – bis Ihr Euch angepasst habt, selbst mit unserer Hilfe. Aber es ist möglich.“

 

Grommashs einzige Antwort war ein schweres Grunzen. Jede Antwort ohne Zähnefletschen oder Geschrei konnte als Einverständnis interpretiert werden.

 

Zufrieden legte Mar’gok die Spitzen seiner granitartigen Finger aneinander. „Dann sind wir uns also einig. Der Hochfelsklan wird“ – in seiner Kehle sammelte sich Speichel – „der Eisernen Horde dienen.“ Er sagte nichts über ihre Armeen, Territorien, gemeinsame Verteidigung. Grommash soll um jeden Gefallen einzeln bitten.

 

Der Kaiser blickte auf die narbengesichtige Botin hinab. Jetzt gehörte sie ihm. „Befehlt Eurer Legion, Hochfels zu verlassen und hierher zurückzukehren.“ Er bemerkte nicht einmal, dass ihm das Atmen leichter fiel. Es war vorbei. Bitter, aber vorbei. Klan und Stadt blieben erhalten, und mit der Zeit ...

 

„Nein“, unterbrach Grommash. „Die Belagerung endet, wenn Ihr die Funktion dieses Artefakts vorgeführt habt. Nicht früher.“

 

Mar’goks Köpfe fuhren herum.

 

„Wenn ich mich auf Eure Stärke im Kampf verlassen soll, will ich sie auch im Kampf sehen“, fuhr Grommash fort. „Seid Ihr nicht Arenaveteranen? Es ist ein einfacher Kampf gegen einige meiner Champions. Wenn Ihr die Wahrheit sagt, sollte das schnell gehen.“

 

(Messerfaust. Daran bestand kein Zweifel.)

 

„Kriegshäuptling Höllschrei, jeder Oger, der in Hochfels stirbt, ist einer weniger, der Eure Krieger unterrichten kann ...“

 

Der Blick, den ihm Grommash als Antwort zuwarf, ließ Mar’gok das heiße Blut in den Ohren rauschen. Beide Hände des Kriegshäuptlings schlossen sich um seine Axt, als wäre sie ein Hals, und Mar’gok verstand augenblicklich, wie tief der Hass des Orcs saß. „Weigert Ihr Euch, Kaiser?“

 

Mar’goks Gedanken verdüsterten sich. In ihnen pirschte er auf und ab und fluchte. In seinen Handflächen sammelte sich der Schweiß. Das war also Frieden mit der Eisernen Horde ... keine Übereinkunft, sondern ein Käfig. (Oder hatte Grommash die Verhandlung nur zugelassen, weil sie ihm die Chance bot, ihn zu demütigen?) Er blickte sich zu seinem Gefolge um und versuchte, seine Bewegungen langsam und bedacht aussehen zu lassen. (Würde das gelingen?) Überall waren Orcs. Sie schienen sein gesamtes Blickfeld einzunehmen.

 

„Nein. Ich nehme an.“

 

Grommash Höllschrei führte sie in die Kampfgrube.

 

***

 

Zu keinem Zeitpunkt waren Oger mehr miteinander im Einklang als dann, wenn sie sich zusammentaten, um einen Mord zu planen. Während sie die Haufen von zu kleinen Waffen durchwühlten, die die Orcs ihnen gegeben hatten, und sorgfältig Kettenpanzer und Speere auswählten, war der Enthusiasmus der Gruppe so spürbar wie der in einer großen Vorstellung im Kolosseum. Endlich waren die Diskussionen beendet, und es gab nur noch die gedankenlose Einfachheit des Blutvergießens. Töten. Siegen.

 

Die Zenturionen hatten Mar’goks zerfetztes Banner benutzt, um eine behelfsmäßige Flagge an der Spitze einer Hellebarde herzustellen. Jetzt umklammerten ihre Hände Schwerter der Orcs, als hielten sie eine Faust voller Messer. Selbst Ko’ragh, dessen Wunde an der Schulter unter Moosbandagen schwärte, war auf den Beinen und hielt ein Paar zu kleiner Keulen.

 

Sie wussten nicht einmal, was sie erwartete. (Idioten.)

 

Nur Vareg schien zögerlich. (Zieht er arkane Waffen stählernen vor? Mit Sicherheit.) Er spielte mit einem Schild, hob ihn an und senkte ihn wieder, als warte er auf ein Omen. Mar’gok winkte sie heran. Seine Worte waren Generationen alt.

 

„Seid Ihr bereit, Eure Leben für den Ruhm von Hochfels, den Eures Rates und den Eures Kaisers zu lassen?“

 

Alle Füße stampften auf, alle Fäuste wurden in die Höhe gereckt.

 

„Seid heute siegreich, und Ihr erstreitet uns weitere tausend Jahre auf dem Berg.“ Er sah Ko’ragh an. Der Brecher strahlte zurück.

 

Und wieder bäumte sich Vareg, wenn auch nur leicht, gegen sein Schicksal auf. „Kämpft Ihr nicht an unserer Seite, Kaiser?“ Es hätte wie eine ehrliche Frage erscheinen können, hätte er dabei nicht versucht, den Blick aller Zenturionen gleichzeitig zu erhaschen.

 

„Ich werde mit Euch kämpfen, doch meine Waffe wird der schlummernde Stein sein. Höllschrei muss seine Vorführung bekommen.“ (Ich werde alles opfern, Vareg.)

 

Mar’gok richtete sich auf. „Wir kennen die Natur unserer Gegner nicht. Ihr zwei“, sagte er, wobei er auf Vareg und Ko’ragh zeigte, „seid unsere Verteidigung gegen Zauber, die anderen konzentrieren sich auf das Töten. Zieht den Kampf nicht unnötig in die Länge. Höllschrei interessiert sich nur für den Stein, nicht für Eure Tode.“

 

Die Oger hingen die Standarte von Hochfels an den Rand der Kampfgrube, einer flachen, von Stein gesäumten Kluft, die mit Sand und purpur-schwarzen Blutflecken gefüllt war. Es war offensichtlich, dass die Eiserne Horde über niemanden verfügte, der sie zu säubern hatte (oder sie fand einfach nicht, dass der Kampf solche Zeremonien wert war), obwohl Dutzende von Orcs in der Nähe kauerten oder standen und einander ankläfften. Es gab keine Sitzplätze für das Publikum.

 

Unter den Augen der Orcs schob Mar’gok das Artefakt langsam zum äußersten Rand der Grube, gegenüber von dem Ort, an dem Grommash stand. Vareg folgte ihm und ergriff die Hinterseite des Karrens, um beim Schieben zu helfen.

 

„Kaiser“, flüsterte Vareg, „Ihr braucht Hilfe mit dem Artefakt. Lasst mich Euch helfen.“

 

„Nein“, wehrte Mar’gok mit einer Handgeste ab.

 

„Was, wenn Ihr Euch im Kampf verletzt? Oder getötet werdet? Niemand sonst hat den schlummernden Stein angerufen.“ Seine Augen waren groß und manisch. Er griff nach seinem König; er könnte flehen wollen oder versuchen, ihn zu würgen ...

 

Mar’gok schlug die Hände beiseite. „Nein. Euer Platz ist in der Grube. Geht runter.“

 

Wundersamerweise tat er es. Wenn sie beide sterben sollten, würde Vareg wenigstens zuerst sterben.

 

An beiden Seiten der Kampfgrube gab es keine Eingänge. Einer nach dem anderen sprangen die Oger hinab und wirbelten Sandwolken auf. Sie begannen, die Wände zu überprüfen, Positionen einzunehmen, mit ihren Waffen auf den Boden zu klopfen, wobei sie ihn als gemeinsame Trommel nutzen. Sie schlugen schnell drauflos, ohne den Rhythmus zu verändern. Mehr Sand wurde aufgeworfen. Ein kehliges Schlachtsummen schallte aus ihren Kehlen. Die Töne harmonierten nur gelegentlich.

 

„Ihr seid bereit“, sagte Grommash, und das Reden brach plötzlich ab wie Regen, der in einer Wolke eingeschlossen wurde. Es war keine Frage.

 

Mar’gok hockte vor dem Artefakt. Seine Wärme war tröstlich, doch es fing bereits an, an ihm zu zehren.

 

„Bringt die Gefangenen heraus!“, brüllte Höllschrei.

 

Ein Dutzend verwahrloster Gestalten wurde in Ketten an den südlichen Rand der Grube geführt. Es waren Orcs, von denen keiner größer war als die Krieger an Grommashs Seite, doch ihre mottenzerfressenen violetten Roben, ihre wilden Haarschöpfe und Bärte ließen sie noch kleiner erscheinen. Jeder einzelne von ihnen war unbewaffnet und ungerüstet.

 

Das einzig Ungewöhnliche an ihnen war ihre grüne Haut.

 

Grommash sprach leise mit einem der Gefangenen, dessen Antworten nicht hörbar waren. „Ich werde Euch nicht die Freiheit schenken, Hexenmeister.“ Der Kriegshäuptling erhob die Stimme, damit Mar’goks Krieger ihn hörten. „Aber wer immer von Euch einen Oger tötet, darf sich eine Belohnung aussuchen: eine saubere Pritsche oder einen schnellen Tod.“

 

Was war ein Hexenmeister? Mar’gok hatte dieses Wort nie zuvor gehört. Was hatten sie verbrochen? Der Kaiser fühlte, wie ihm ein Hauch von Ungewissheit in den Rücken fuhr. Ihrem erbärmlichen Aussehen nach zu urteilen waren die Orcs vermutlich Diebe, aber warum würde Grommash Dieben ihre Hände lassen? Die Oger in der Grube wunderten sich über den Anblick ihrer winzigen Gegner, und Ko’ragh kratze sich am Kopf und kicherte, während den Orcgefangenen die Ketten von ihren Hand- und Fußgelenken entfernt wurden.

 

Als sie näher kamen, bemerkte Mar’gok geschwollene Peitschenstriemen auf den Armen und Schultern der Gefangenen. (Einige der Wunden waren noch frisch.)

 

Sie kletterten kraftlos in die Grube herab. Als ihre Füße den Sand berührten, ein Dutzend gegen fünf, reckten die Zuschauer ihre Hälse, um zuzusehen. Mar’gok zog einen Atemzug durch jede Kehle. Mit Sicherheit würden Sie Magie benutzen, aber welche? Sie hielten keine Gegenstände und zeigten keine sonstigen Hinweise.

 

„Fangt an!“, rief Höllschrei.

 

Noch bevor der Kriegshäuptling seinen Mund geöffnet hatte, hatte Vareg bereits beide Füße in den Boden gerammt. Dann zog er eines seiner riesigen Beine in einem Feger zurück und zeichnete mit ausgestreckten Handflächen einen Halbkreis in den Sand. Die Gefangenen wurden überrascht, als Eis wie eine Welle aus dem Sand emporschwoll und zwei von ihnen völlig umgab, sie zermalmte und die sich rot färbenden Trümmer ihrer Körper hinabzog.

 

Mar’goks Fingernägel kratzten gegen seine untere Handfläche, dann drückte er sie gegen das Artefakt. Die Zauber, mit denen er sich jeden Morgen umwob, zogen sich zurück. Sein unsichtbarer arkaner Schild löste sich langsam auf; seine Kleidung wurde heller und lockerer, als sie ihre Undurchdringlichkeit für Feuer ablegte. Er war verletzlich, doch er konnte fühlen, wie die Macht des Steins sich regte. Er blickte den Orcs in die Augen und sah, dass sie trübe und unkonzentriert waren. (Ihre Magie bestand also nicht aus Vereinigung.)

 

Die anderen Oger stürmten dichtgedrängt durch die Grube. Jede Faust umklammerte mehrere kleinere Waffen. Gigantische Füße versprühten Sand und Eis. Sie überbrückten die Distanz schnell, während die Orcs, die sich wie Marionetten an einem Faden im Einklang bewegten, begannen, ihre Magie zu wirken. Es gab Hinweise auf die Schulen ihrer Magie, aber keine Gewissheiten. (Keine arkanen oder schamanistischen Traditionen. Solche Magie hätte er inzwischen erkannt.)

 

Längst erstorbene Worte schlängelten sich von ihren Lippen.

 

„Auseinander!“, donnerte Mar’gok. Sein Gefolge gehorchte in wortlosem Einklang. Sie fächerten ihre Formation aus, um das Risiko, dass mehr als einer von ihnen von einem einzigen Angriff erfasst wurde, einzuschränken.

 

(Wenn die Orcs ihre Magie variierten und jeden Oger mit mehreren Zaubern träfen, würden einige von Mar’goks Gefährten überleben, und das würde reichen.) Er begann, über die Wirbel auf der unteren Hälfte des Artefakts zu streichen.

 

Die Orcs zuckten schneller in obskuren Bewegungen mit den Fingern. Der Kaiser blinzelte in dem Versuch, ihre Magie zu lesen, während sie sie herbeiriefen, doch sie war fremdartig. Er grinste, als Ko’ragh eifrig eine Keule durch die Kehle eines der Orcs schlug ... und hörte auf zu grinsen, als die Haut des Brechers wie Laub unter kochendem Wasser abfiel.

 

Zehn Orcs entfesselten dieselbe Beschwörung. Mar’gok hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Unheilvolle, grünlich-gelbe Flammen verbrannten selbst die Luft, die sie trug, entzogen den Lungen aller Zuschauer sengende Atemzüge, wirbelten durch die Kampfgrube. (Nein.)

 

Sie trafen die Oger mit der Kraft eines Orkans und brühten in einem einzigen, entsetzlichen Moment ihre Haut von ihren Körpern. Die Champions von Hochfels waren verdorrte Klumpen, ihre gesichtslosen Körper im Sand zusammengebrochen. Wenige Haarsträhnen flammten als einziger Beweis, dass sie je Lebewesen gewesen waren, auf. (Nein. Nein.)

 

Mar’gok schlug mit beiden Händen gegen das Artefakt. Es reagierte nicht.



Der Zaubererkönig hatte verloren. Mar’goks Gesichter nahmen den schlaffen Ausdruck des Grabes an. Er sah zu, wie (vermutlich) Vareg schwelte und schmolz, und selbst die gewohnte Freude über einen vernichteten Rivalen entzog sich ihm.

 

Verrußtes, gelbes Fackellicht und leuchtende grüne Flammen, die mitten in der Luft knisterten, spiegelten sich in den glasigen Augen der Orchexenmeister. Sie wandten sich Höllschrei zu, und einer nach dem anderen versuchten sie (höhnisch?) zu salutieren.

 

Hinter ihnen sah Mar’gok, wie sich etwas bewegte. In dem nach Thiol stinkenden Matsch, zu dem die Kampfgrube des Kriegshymnenklans geworden war, wankte Ko’ragh langsam, benommen, auf die Beine. Sein Körper war versengt, seine Haut hing in Fetzen hinunter.

 

Eine Sekunde lang klopfte der Fuß des Kaisers in der Erwartung auf den Boden, das Unmögliche versuchen zu können. Er streckte einen Arm nach dem Artefakt aus. Er hatte bereits versagt. Mit den Leichen der Hochfelsoger als Einsatz zu spielen, barg kein Risiko.

 

Dort, wo er ihn berührte, brannte der graue Stein des Artefakts heiß. Er hatte etwas wie diese Magie nur einige Sekunden lang gekannt, doch vielleicht würde das ausreichen, um zu wiederholen, zu imitieren. Der Zaubererkönig biss die Zähne zusammen und atmete so vorsichtig ein, als würde er ein Wandgemälde in splitterndes Holz ritzen wollen.

 

Dünne Linien aus grünem Feuer begannen, sich in Ko’raghs Haut zu graben, kratzten über seinen Körper und drohten, ihm sein Leben zu entziehen. Mar’goks Inschrift fuhr über ein blaues, runenvernarbtes Stück Haut, und der Brecher schrie vor Schmerz, bevor er wieder in den Sand zurücksank.

 

Mit wölfischer Schnelligkeit fuhren die gefangenen Orcs herum. Einer von ihnen zeigte mit einer grausamen, langfingrigen Hand auf den Brecher. Mar’goks Herz sank, diesmal tiefer um des winzigen Hoffnungsschimmers willen, als die schäumenden, hellen Flammen wieder hervorschossen und sich wie eine Robe um Ko’ragh wickelten.

 

Mar’gok zog den Schwung seiner Inschrift nach oben, blindlings auf seinen Ausgangspunkt zu. Er konnte Ko’ragh nicht sehen. Sein Finger hing ausgestreckt in der Luft.

 

Dann schwebten die Flammen davon und lösten sich in Luft auf.

 

Zwei Schulen der Magie. Der Brecher war nun gegen beide immun. Es war unmöglich gewesen, bis es das nicht mehr war.

 

Langsam, während Mar’gok sengende Luft in seinen Lungen hielt, erstreckte sich Ko’raghs Schatten über die Grubenwand und ragte über den Orcs empor. Er stand aufrecht. Unter seinen dunklen Verbrennungen war er nun blau und grün gezeichnet. Die hastig angefertigten Inschriften des Zaubererkönigs waren auf seinem Körper sichtbar und vermischten sich mit den Runen, als wären sie in Asche geschrieben.

 

Mit zusammengebissenen Zähnen und wilden Augen schritt der Brecher auf die Orcs zu. Stoß um Stoß flammender grüner Energie verflog auf seiner Haut.

 

Ko’raghs Waffen waren zerstört worden, also ging er mit bloßen Händen auf seine Feinde los, zermalmte sie unter seinem Gewicht, zerbrach ihre papierdünnen Körper, zermahlte sie mit seinen stalaktitengleichen Händen und Ellenbogen zu einer rötlich-schwarzen Masse.

 

Einer der Orcgefangenen zog sich aus der Lawine zurück, die seine Gefährten verschlang. Er gab seine Zauber auf und ergriff eine Waffe vom Boden, die er in dem Versuch schwang, den riesigen Oger abzuwehren. Ko’ragh trat von dem Blutbad, das er angerichtet hatte, zurück und ließ zu, dass der Biss des rostigen Stahls seine Schulter fand, wo er kaum die Haut aufritzte.

 

Mit einer Hand ergriff er den Schädel des Orcs, drückte zu und drehte. Die Hände des Gefangenen scharrten und kratzten. Er versuchte, irgendeinen empfindlichen Halt zu finden, der den Klammergriff lösen würde, doch er war zu klein. Langsam und qualvoll begannen die Augen des Orcs hervorzutreten, bis sie über seine Brauen hinausragten. Der Brecher ließ sein Publikum das Geräusch brechenden Holzes hören und schleuderte dann, mit einem letzten Schütteln, seine Last zu Boden.

 

Während die Orcs der Eisernen Horde anerkennend brüllten, hielt der Brecher eine einzige Faust, blutig vom Überfluss des Sieges, seinem Kaiser entgegen. Mar’gok verschränkte die Arme vor der Brust.

 

Grommash Höllschrei sah erfreut und lebhaft aus, während er mit den anderen Orcs gemeinsam brüllte. Er schrie über die Grube hinweg: „Schon bald werden unsere Krieger Hexenmeisterzauber ignorieren!“, und der Jubel schwoll an. „Meinen Glückwunsch, Kaiser. Vielleicht können wir Euren Klan doch noch gebrauchen.“ Er wandte sich der narbengesichtigen Botin zu und sprach laut genug, dass Mar’gok es hören konnte. „Benachrichtigt die Armee. Beendet das Gemetzel. Die Hochfelsoger sind Diener der Eisernen Horde.“

 

Es dauerte einige Minuten, bis die vereinzelten Jubelrufe verstummten. Die Hochfelsoger. Diener. Unter Androhung des Todes würden sie sich verändern. Doch Grommash hatte Mar’gok bei seinem Titel genannt. Noch war er König.

 

Höllschreis nahe Stimme riss den Kaiser aus seinen Gedanken. „Ich weiß, dass Ihr viele Sklaven in Eurer Stadt habt.“

 

Weil er das musste, beugte sich Mar’gok vor, um zu antworten. „Ja.“

 

„Ihr werdet alle Orcs darunter an Kargath Messerfaust übergeben. Sie gehören jetzt zum Klan der Zerschmetterten Hand. Wenn Ihr Eure Stimme gegen mich erhebt, wenn Ihr es wagt, Euch aufzulehnen“, feixte Grommash, während er an ihm vorbeiging, „dann werde ich die Sklaven von Hochfels schicken, um Euer Blut zu vergießen.“

 

Der Kaiser antwortete nicht.

 

Während sich die Orcs von der Grube entfernten, sah Mar’gok zu, wie sich Ko’ragh ihm mit einem erschöpften, selbstzufriedenen Lächeln auf seinem haarlosen Gesicht näherte, dem Lächeln einer Person, die wusste, dass sie nicht nur etwas erreicht hatte, sondern dasselbe wieder erreichen würde.

 

„Kaiser.“ Er salutierte.

 

„Ko’ragh.“ Mar’gok hob nicht die Hand, um ihn zu beglückwünschen. Der Brecher bemerkte es kaum. Er war begeistert.

 

„Kaiser, ich glaube, das kann ich noch einmal.“

 

Mar’gok schnaufte. „Was noch einmal?“

 

„Gegen noch mehr Magie immun werden.“

 

„Ich verstehe. Und wann hattet Ihr vor, mir von diesem ... verborgenen Talent zu erzählen, Ko’ragh?“

 

Ko’ragh schien verwirrt zu sein. „Ich habe es nicht ...“

 

Mar’gok schlug ihn. Hart, ins Gesicht, wo Knochen splitterten. Er wurde zurückgeschleudert. Plötzliche Wut brodelte aus dem tiefsten Inneren des Kaisers hervor; Speichelfetzen flogen aus seinem Mund, während er auf Ko’ragh einschlug, auf den Kopf, die Brust, die Schultern. Die Schläge gingen wie Hagel auf ihn nieder.

 

Seine Faust schmerzte. Der Brecher, auf den Knien, hob beide Hände, um sein Gesicht zu schützen, schlug jedoch nicht zurück. Seine Augen zeigten erst Angst, dann Bestürzung. Dann, als klar wurde, dass Mar’gok ihn nicht mehr schlagen würde, Hass. Er ließ einen blutigen weißen Zahn aus seinem Mund in den Staub tropfen.

 

Mar’gok ignorierte ihn. Außer Atem zog er seine Kapuzen ab und kratzte sich an den verschwitzten Hinterköpfen.

 

Als er sah, wie die narbengesichtige Botin in aller Seelenruhe ihren Beutel mit Vorräten füllte, blaffte Mar’gok sie an. „Bring ihn zu Euren Heilern.“ Mit einer schnellen Drehung seines Handgelenks zeigte er auf Ko’ragh.

 

Die Botin grinste. Sie sagte nichts, nahm ihn nicht weiter zur Kenntnis und fuhr damit fort, gelangweilt ihre Wanderstiefel zu schnüren.

 

„Sofort!“, brüllte Mar’gok.

 

Sie sah Mar’gok leicht irritiert an, als wären seine Stimmen einfach nur zu laut. Eine Sekunde später wandte sie sich wieder ab.

 

Er sah kochend vor Zorn zu, wie sie allein davonging.

 

***

 

Mar’goks Balkon war ruhig. Die Steine schlummerten.

 

Seit seiner Rückkehr aus Grommashar hatte er seinem Thronsaal zwei weitere hinzugefügt. Der Dienst unter der Eisernen Horde machte es möglich, ohne größere Störungen Nagrand zu durchstreifen, wenigstens ohne Störungen durch die Orcs. Sicher ließ Grommash ihn beobachten, aber würde er ihm ein paar Steine neiden, solange seine Armeen ausgebildet wurden?

 

Die Orcs erlernten die Grundlagen der Magieimmunität langsam. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es Jahre dauern, und Jahre könnten sich über Generationen erstrecken. Mar’gok würde Ko’ragh befehlen, für jeden Orc zwei Oger auszubilden.

 

Varegs Platz im Rat war frei. Mar’gok würde ihn besetzen, wenn ihm der Sinn danach stand. Er würde einen Ersatz wählen, der vollkommen risikofrei war. Die beiden stämmigen, halslosen Ogron – eine Evolutionsstufe zwischen Ogern und Schlamm –, die vor seinem Saal Wache standen, waren zu dumm für Ungehorsam. Es war erfrischend.

 

Mar’gok würde warten. Er würde die Eiserne Horde ertragen. Grommash Höllschrei wusste nur, wie man in die Schlacht stürmte, wie man tötete. Der Kriegshäuptling würde die Traditionen des Hochfelsklans niemals auslöschen, solange sie ihm nutzten. Er war lediglich der Krieger mit den größten Waffen. Was wusste er schon von Imperien? Nichts.

 

Die Eiserne Horde nannte sie Diener. Und Mar’goks Volk würde dienen. Sie würden Höllschrei beschwichtigen, ihre Größe verleugnen. Für den Moment.

 

Selbst ein König konnte den Bauern mimen, solang er seine Krone verbarg.


Quellen

  1. WoW-Europe