Über dem Wasser


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Ganz gleich, wie oft man es macht, einfacher wird es nie. Jeden Tag trägt man dieselbe schmutzige Kleidung. Man wartet stundenlang darauf, dass ein paar von ihnen angreifen, während sie die ganze Zeit über wie Wölfe knurren. Man schwingt sein Schwert, bis man seine Schultern nicht mehr spürt. Man hat so viel Angst davor, sich selbst oder einen seiner Gefährten zu verletzen, wie man sich vor einem Messer im Rücken fürchtet. Am Ende ist man bedeckt mit Blut und Schweiß und hat keine Ahnung, woher das alles stammt. Man geht zurück in irgendein Loch, dass man sich zum Schlafen gegraben hat, und versucht herauszufinden, wer tot ist und wer noch lebt. Dann wird man irgendwann wachgerüttelt und alles geht von vorne los. Manchmal muss man auch erst noch marschieren.

 

Der Junge hatte Tarlo den idiotischsten Blick zugeworfen, den man sich vorstellen konnte. Wahrscheinlich hatte ihm jemand erzählt, dass der Krieg vorbei wäre und die Allianz gewonnen hätte.

 

Klar, sie waren besser dran als die Gegenseite. Orgrimmar war eingenommen, der Orc-Häuptling lag in Ketten und die besiegte Horde leckte ihre Wunden.

 

Doch was hatten sie davon? Pandaria war verwüstet, was wirklich niemanden überraschte. Nun, da ihre Plagen zurückgeschlagen worden waren, bedankten sich die Bewohner vor Ort überschwänglich, doch Tarlo wusste, dass dies nur der Höflichkeit geschuldet war. Wenn Armeen in der eigenen Heimat kämpfen, dann hasst man auch die Leute, die den Krieg begonnen haben.

 

Und die Horde war nicht vernichtet, sondern nur besiegt. Es gab nun einen neuen Kriegshäuptling und nach etwas Eingewöhnungszeit würde es auch einen neuen Krieg geben. Wer auch immer gedacht hatte, dass ein Kannibalen-Troll die Horde in eine Ära des Friedens und der Verständigung führen würde, der hatte noch nie die Zandalari erlebt.

 

Ja, sie waren die Sieger.

 

Tarlo Mondan hatte seit dem ersten Aufruf nach Freiwilligen an dem Pandaren-Feldzug teilgenommen und auch davor schon in vielen anderen Schlachten gekämpft. Orcs, faulende Untote, seltsame Hörnerköpfe, die menschliche Schädel trugen – gegen sie alle war er angetreten und hatte überlebt.

 

Und was hatte ihm das alles gebracht? Genug Narben, um sich den Schädel zu rasieren? Ein bisschen Plündergut auf der Bank? Keine Kinder, keine Frau, kein Haus, das er selbst gebaut hatte, keine Bilder an der Wand. Nichts, womit man angeben könnte. Sie segelten auf der Stolz des Patrons in Richtung Heimat, aber es hätte auch jedes andere große Schiff voller Beute und neuer Rekruten sein können. Zum ersten Mal seit Monaten würden sie saubere Uniformen tragen und billige Medaillen verliehen bekommen. Und dann? Würden sie auf den nächsten Ruf zu den Waffen warten?

 

Der Junge hätte es lieber schnell verstehen sollen. Je eher, desto besser, ehe irgend so ein geistloser Hordenochse auf ihn zustürmte. Wenigstens konnte er aufhören, solang er noch jung war.

 

Natürlich verstand er es nie. Als in der Nacht die dritte große Welle auf das Deck ihres Schiffs klatschte, hatte er wieder diesen idiotischen Blick drauf.

 

Die Welle ließ Tarlo in die Knie gehen. Weißes, schaumiges Wasser spülte über alles hinweg, floss ihm in den Mund und brannte an seinem verletzten Zahnfleisch, doch er blinzelte nur und konzentrierte sich auf den Jungen.

 

Das fast in zwei Teile gerissene Segel peitschte hin und her. Männer brüllten, damit man sie über den Lärm hinweg hören konnte, und rappelten sich wieder auf. Die Stolz des Patrons schlingerte und Tarlos Herz rutschte ihm in die Hose. Dort blieb es auch, als er zu dem Jungen lief.

 

Tarlo hatte das Deck zur Hälfte überquert, doch dann wurde ihm klar, warum sich der Gesichtsausdruck des Jungen nicht geändert hatte: Er war leblos an der Seite des Schiffs zusammengesackt und kleine Wellen spülten seinen Körper hin und her. Dunkle, von Wasser durchtränkte Holzsplitter bedeckten seine Kleidung und schwammen um ihn herum. Seine vormals blaue Tunika war voller Blut und hatte nun ein ekelhaftes Lila angenommen. Vielleicht war eine Kanone zur Seite gerutscht und hatte ihn zerquetscht. Vielleicht hatte ihm ein Holzstück den Schädel gebrochen. Vielleicht ...

 

Während Tarlo noch über die Ursache nachgrübelte, schleuderte eine weitere Welle das Schiff zur Seite. Seine Füße verloren den Kontakt zum Boden und er wurde von Deck geworfen. Eine kurze Zeit lang sah er überall unter sich Meerwasser. Ein paar Stunden zuvor hatte er sich noch darin erleichtert.

 

Tarlo klatschte mit dem Rücken zuerst ins Wasser und seine Lungen waren bereits halb leer. Das Wasser zerrte an ihm und riss seine Gliedmaßen wie die Teile einer Puppe nach links und rechts. Er ging unter.

 

Nein.

 

Die Kälte war durchdringend, als ob ihn ein Speer aus heiterem Himmel getroffen hätte. Seine Finger krallten sich unfreiwillig zusammen. Es schmerzte, die Augen zu öffnen.

 

Nein.

 

Es ging hinab. Sein Körper wurde unablässig herumgewirbelt. Das Wasser traf ihn von allen Seiten gleichzeitig. Seine Arme und Beine schlugen wild um sich.

 

Es fühlte sich an, als würde Tarlo noch weiter hinabgezogen. Er spürte den Schmerz in seinen Lungen, die sich ausdehnen wollten. Sie würden platzen und mit Wasser volllaufen. Er konnte nicht sagen, wann. Er schloss fest die Lippen, schlug um sich und wurde von Wasserblasen umhüllt.

 

Seine Lungen brannten jetzt noch stärker, noch heißer. Die Adern in seinem Hals pulsierten spürbar und die Muskeln waren zum Zerreißen gespannt.

 

Seine Brust gab nach. Sein Körper war eine Marionette. Vielleicht waren auch seine Beine gebrochen, denn sie bewegten sich kaum.

 

Alles wirkte schwer. War er im Begriff, zu ertrinken? Wie passend, dass er hier sterben sollte, ganz in der Nähe seines Schiffs, nachdem er ein Dutzend Schlachten überlebt hatte.

 

Er konnte seinen Mund nicht mehr geschlossen halten. Wie aus dem Nichts traf ihn ein harter Schlag und sein Mund öffnete sich von selbst.

 

Er schluckte Wasser und heißes Salz. Der Schmerz ließ ihm keine andere Möglichkeit, als einzuatmen. Er hasste sich dafür.

 

Luft. Aus seiner Nase kamen Luft, Wasser und Schleim. Tarlo erkannte, dass sich sein Kopf über Wasser befand. Er atmete. Sein Rücken und seine Seiten brannten wie Feuer, seine Arme schmerzten, aber zum ersten Mal seit einer Ewigkeit konnte er wieder geradeaus blicken und sehen, wie das Licht der am Himmel stehenden Zwillingsmonde auf ihn herabschien. Tarlo stieß gegen etwas hinter ihm. Felsen. Scharfe Felsen. Er drückte sich mit den Beinen dagegen und atmete noch einmal tief ein.

 

Tarlo hustete rote, salzige Galle in seinen Mund. Es schmerzte – ein gutes Zeichen. Er lebte.

 

Er konnte sehen, wie die Stolz des Patrons in der Ferne angeschlagen und mit eingefallenen Segeln wackelig forttrieb. Er erwartete nicht, dass sie in diesem Sturm zurückkommen würden. Er hätte es auch nicht getan. Besser ein Mann über Bord als einhundert.

***

 

Das Wasser war eiskalt. Zuerst hatten ihn die Wellen nur schmerzhaft gegen die Felsen gestoßen, allerdings war klar, dass sie ihn hochheben und hinunterdonnern lassen wollten. Tarlos Versuch, nicht an seinen Rücken zu denken, schlug fehl. Hoffentlich war es nur eine Zerrung. Er wagte es nicht, mit den Armen herumzugreifen und ihn zu berühren.

 

Wasser stieg überall sprudelnd um ihn herum auf. Wie lang hatte er noch? Er blickte abermals hoch, suchte nach der Stolz des Patrons und bemerkte eine winzige Welle in der Ferne, die sich immer weiter auftürmte. Wahrscheinlich würde sie nicht so groß werden wie die, durch die ein Schiff der Allianz ins Chaos gestürzt worden war, aber für ihn allein reichte sie aus.

 

Tarlo holte hastig Luft und zitterte. Die Wellen kamen ohne Unterlass. Wenn es nicht diese wäre, würde es die nächste sein. Er atmete unregelmäßig.

 

Als die Welle, die ihm am nächsten war, in sich zusammenfiel, nur um schon bald wieder aufzusteigen, erblickte er auf einmal etwas auf ihrem Kamm. War das ein Trümmerstück? Es sah aus wie eine lange Planke. Wenn er es erreichen könnte, nachdem die Welle ihren Tiefpunkt erreicht hatte, dann vielleicht ...

 

Die Welle stürzte hinab, umhüllte ihn mit Gischt und drückte ihn wieder nach hinten. Tarlo wollte schreien, als die Felsen an seinem Rücken entlangschabten, doch er drückte sich dagegen. Er fühlte sich, als bewegte er sich kaum, und doch kam er zu seiner Erleichterung der Planke irgendwie näher. Wie konnte sie nach diesem letzten Stoß noch immer über Wasser sein?

 

Er bemerkte, dass die Planke auf ihn zukam. Im Mondlicht konnte er genau sehen, wie sie durch eine aufsteigende Welle schlug und direkt vor ihm landete. Sie wurde größer. Und noch größer. War das etwa ein Schiff? Auf jeden Fall irgendein Wasserfahrzeug. Tarlo sah, wie aus der Planke ein langes Holzboot wurde, das an der Seite Netze hinter sich herzog.

 

Die Mannschaft des Bootes war groß und hatte breite Nacken. Sie lehnten sich nach vorn und die Ruder, die in ihren Fäusten wie kleine Stöcke wirkten, stießen immer wieder ins Wasser.

 

Orcs. Tarlo erkannte drei, als sie näherkamen. Er wünschte, er hätte sein Schwert dabei gehabt.

 

Eine Welle warf das Boot auf die rechte Seite, woraufhin die drei Gestalten schnell ihre Positionen wechselten. Sie standen nun aufrecht und stießen ihre Ruder wie Lanzen ins Meer, damit ihr Boot keine Schlagseite bekam. Tarlo hielt den Atem an und klapperte auch nicht mehr mit den Zähnen, während er ihnen zusah. Besser, zu erfrieren oder zu ertrinken, statt gefangen genommen zu werden von ...

 

Nein, das waren keine Orcs. Ihre Gesichter und Hände waren mit komplett nassem Fell bedeckt. Selbst ihre Augen wirkten durchgeweicht. Sie hatten sich in graubraune Umhänge gewickelt, die feuchten Lappen ähnelten, und mit ihren Pfoten, auf denen zotteliges Fell wuchs, klammerten sie sich an die Seite des Boots.

 

Pandaren?

 

Eine riesige Gestalt hatte ihren breiten Mund geöffnet, schien jedoch nichts zu sagen. Sie ... brüllte nur. Eine Welle türmte sich hinter dem Boot auf, das mit gefährlich nach oben geneigter Achternseite nach hinten gezogen wurde. Die brüllende Gestalt hob die Pfote und machte ein Zeichen, als das Boot außer Kontrolle geriet. Ihren Mund schloss sie jedoch nicht.

 

Konnte es sein ... dass sie jubelte?

 

Das Pandaren-Boot glitt einige Sekunden lang über die Spitze der Welle, bevor es nach unten klatschte. Tarlo starrte das Boot aus nicht einmal fünf Metern Entfernung an. Die drei Seeleute waren völlig durchnässt, doch der Größte unter ihnen zeigte mit ausgestrecktem Arm und kräftiger Pfote auf Tarlo. Sein Mund stand immer noch offen. Hinter dem Boot erhob sich eine weitere Welle, die bald gegen die Felsen schlagen würde. Tarlo strampelte mit den Beinen und schwamm um sein Leben.

***

 

Er zitterte und würgte, während die drei Gestalten ihn an Bord hievten, doch als sie sich in Bewegung setzten, schluckte Tarlo das salzige Erbrochene herunter. Die Pandaren hatten genug Kraft, um gegen die aufsteigenden Wellen anzukommen.

 

Sie riefen etwas Unverständliches. Zwei schnelle Schreie, gefolgt von einem weiteren. Sie sangen etwas, als eine Welle sich erhob, und jubelten, nachdem sie sie durchnässt, aber unverletzt passiert hatten. Sie schlugen sich gegenseitig auf den Rücken und brüllten, als wären sie nicht kurz zuvor nur knapp dem Tode entronnen. Jedes Mal, als das Schiff durch eine neue Wasserwand fuhr, fürchtete Tarlo, gleich ins Meer gespült zu werden ... Doch dann ging der Singsang weiter und das Boot sprang gegen die Wellen. Überall spritzte Wasser umher, als ob riesige unsichtbare Hände auf den Ozean schlugen, aber trotzdem hörten die Pandaren nicht auf. Irgendwann ebbten die Wellen schließlich ab und es gab nur noch Jubel.

 

Tarlo hatte aufgehört, die Wellen zu zählen, die ihr Boot fast hatten kentern lassen, und lag irgendwann einfach auf dem Rücken. Es fühlte sich nicht an, als hätte er sich irgendetwas Schlimmes gebrochen – vielleicht eine angeknackste Rippe. Seine Seite schmerzte, aber da das Sitzen weniger wehtat als gedacht, kauerte er sich unter den zusätzlichen Umhang, den die Pandaren ihm übergelegt hatten. Der Himmel sah immer noch düster aus, der Regen prasselte hinab und ihr winziges Boot ruckte nahezu ohne Vorwarnung hin und her, doch das Wasser war ... ruhiger. Er konnte die Stolz des Patrons nirgendwo ausmachen, sah weit entfernt jedoch felsige, dunkle Klippenvorsprünge. Genau die hatten die Männer wahrscheinlich vor dem Sturm umfahren wollen.

 

Tarlo sah sich im Boot um und fühlte sich, als wäre er gerade erst erwacht. Er war sicher. Sicherer. „Ihr ... Danke“, murmelte er.

 

Einer der Pandaren, der große, der nicht aufgehört hatte, zu rufen, hielt gerade so lang inne, um zustimmend zu brummen. Ein anderer – klein und stämmig, mit ausgeprägter Kieferpartie – schaufelte mit einem Krug das Wasser aus dem Boot. Der dritte trug eine Kapuze bis über die Ohren und bewegte abwechselnd zwei Ruder, während er sich gegen etwas stützte, das wie ein großes Bierfass aussah. Der Pandaren drehte sich während des Sprechens nicht um und hörte auch nicht auf zu rudern. Seine Worte waren im unablässigen Regen kaum zu verstehen.

 

„Seid Ihr ... von der Allianz?“ Er sprach mit Akzent. Raue, kratzige Stimme. Männlich?

 

„Ja.“ Tarlo hielt inne. „Wo sind wir? Wohin fahrt Ihr mit diesem Boot?“

 

Das Boot fuhr noch ein Stück weiter, als der Pandaren aufhörte zu rudern. Er drehte sich um und sah Tarlo aus goldenen, hell unter der Kapuze glänzenden Augen wie ein aufgeschrecktes Tier an. Sein dünner Bart aus zwei langen Fellbüscheln zuckte.

 

„Zum Fischen.“

***

 

Tarlo war so trocken, wie es gerade eben ging: also gar nicht. Er zog sich eine weitere Decke über den Kopf, als die Pandaren die Ruder hochzogen und sich hinsetzten, um das Boot auf den Wellen schaukeln zu lassen.

 

Die Klippen waren nun noch weiter entfernt und Tarlo sah sie kaum noch. Er konnte sich nicht vorstellen, wo die Stolz des Patrons sich befand oder ob sie nicht schon ein Wrack war. Am Himmel zuckten Blitze. Die Pandaren plapperten, rollten Leinen auf, überprüften Netze auf Löcher und brachten Köder an den Haken an. Der große, brüllende hatte den Stöpsel vom Fass entfernt und füllte jeweils zwei Krüge gleichzeitig. „Also, ich bin Euch dankbar“, sagte Tarlo zum großen Pandaren, „aber könntet Ihr mich in der Nähe dieser Klippen, an denen wir vorbeigekommen sind, herauslassen?“

 

„Cousin Shi Ga bereitet den Auswurf vor. Wollt Ihr ein Getränk?“

 

Ihre – ihre! – Stimme war erstaunlich sanft. Tarlo konnte kaum glauben, dass sie aus demselben brüllenden Maul kam, das er zuvor gehört hatte.

 

Er nahm den Krug mit schaumigem Bier an, den sie ihm in die Hände drückte. Seine Zähne klapperten, als er ein paar Schlucke nahm. Es war warm ... aber nicht schlecht.

 

„Äh, danke. Tarlo“, sagte er und deutete auf sich.

 

„Ich heiße Mei Pa. Es ist schön, mit Euch zu trinken, Tarlo. Das ist mein Bruder Kuo.“ Mit ihrer Handfläche zeigte sie in Richtung des stämmigen Pandaren mit dem großen Gesicht.

 

Kuo, der die Finger seiner kräftigen Pfote durch die Henkel zweier Krüge gesteckt hatte, während er die Netze richtete, nickte zurück.

 

„Kuo hat uns gerade erzählt, wie er vor der Küste des Jadewaldes mal einen Lungenfisch gefangen hat. Fischt Ihr, Tarlo?“

 

Das tat er nicht. Langweiliger könnte diese Tätigkeit kaum sein. Man saß herum, wartete, beobachtete und wartete noch mehr. Die Leute angelten unter den allerbesten Bedingungen und nannten sich dann Fischer, als wäre das etwas Besonderes. Im Frühling konnte jeder ein Fischer sein. Während eines Gewitters in einem winzigen Boot mitten im Meer zu fischen, während man fast erfriert, war dagegen nicht langweilig – es war einfach nur hirnverbrannt.

 

„Ein Fischer bin ich nicht unbedingt“, sagte er.

 

„Aber Ihr erzählt doch bestimmt Geschichten, oder?“

 

„Geschichten? Ja, natürlich. Ich kenne ein paar.“

 

Sofort hatten Mei Pa und Shi Ga ihn fest im Blick. Sie waren begeistert davon und vielleicht könnte eine Gemeinsamkeit dabei helfen, die Pandaren zu überreden, ihn an einen etwas trockeneren Ort zu bringen ...

 

Tarlo räusperte sich.

 

„Na ja, als ich vor ein paar Jahren im Sumpfland diente, stießen wir auf diese alte Stadt. Ich glaube, es waren, ähm, insgesamt acht Leute in unserem Trupp. Wir sahen ein altes, heruntergekommenes Fort, wahrscheinlich vor langer Zeit von den Zwergen erbaut. Wir hatten es auf einer Spähmission entdeckt und sahen es uns von innen an, aber anscheinend hatte die Horde wohl einen Tipp erhalten, denn schon bald standen zwei komplette Kompanien vor den Toren und suchten einen Weg hinein. Sie hatten die ganze Stadt umstellt. Es gab keine Möglichkeit, unerkannt durch ihre Reihen hindurchzuschlüpfen. Es waren unzählige. Absolut hässliche Mistkerle. Mit riesigen Äxten, Schwertern und allem Drum und Dran.“

 

Mei Pa runzelte die Stirn.

 

„Da hatte Griley folgende tolle Idee: Wir holten alle steinernen Abbildungen und Figuren von den Wänden, nahmen uns ein paar Teppiche, die noch nicht verrotteten, und legten alles auf einen Haufen im Innenhof. Einige zerrissen wir, damit es so aussah, als hätten Plünderer sie zurückgelassen. Dann warfen wir noch ein paar Münzen dazu, denn Orcs können ja bekanntlich keinem Müllhaufen widerstehen, wenn noch ein bisschen Kleingeld drin ist.“

 

Die Pandaren waren wirklich gefesselt von der Geschichte. Shi Ga hatte seine Angelrute zur Seite gelegt und sich Tarlo zugewendet, um ihn beim Erzählen sehen zu können.

 

„Dann haben wir ein halbes Dutzend Ladungen unter all das Zeug in den Haufen gelegt und uns versteckt. Als die Orcs kamen, lief mir der Schweiß in Sturzbächen den Rücken runter. Ungelogen. Mir war nicht klar, ob sie darauf reinfallen würden.

 

„Sie haben eine Zeit lang darüber diskutiert, dann aber schließlich ein paar Goblins geschickt – Ihr wisst schon, diese kleinen grünen Kerle mit den großen Ohren – die alles durchsuchen sollten. Wir warteten, bis immer mehr sich im Haufen befanden, sechs, acht, zehn ... und dann: BUMM! Das hat wahrscheinlich zwanzig von ihnen erledigt, einen Großteil des Fallgatters und der Vordermauer auch. Das war das Lauteste, was ich je in meinem Leben gehört hatte. Während sie die Hälse mit ihren dummen Köpfen darauf verrenkten, um herauszufinden, was geschehen war, warfen wir unsere Seile über das Westtor und schlichen uns davon.“

 

Geschafft. Es wirkte, als hätte Kuo die Luft angehalten. „Und?“, fragte er.

 

„Was?“, fragte Tarlo.

 

Mei Pa schaltete sich ein. „Ich glaube, mein Bruder fragt sich, was die Moral dieser Geschichte ist.“ Ihr Gesicht sah klein und seltsam aus.

 

Moral? „Tja, wir haben sie angelockt. Sie überlistet. Und wir sind entkommen. Keiner unserer Leute wurde verletzt. Wir waren fast zehn zu eins in der Unterzahl!“ Tarlo wurde langsam rot im Gesicht.

 

„Ich ... verstehe.“ Mei Pa wirkte auf jeden Fall verstört.

 

„Wir befanden uns im Krieg, wisst Ihr?“ Tarlo erhob seine Stimme, aber die Pandaren hatten sich weggedreht, fummelten an ihrer Ausrüstung herum, legten Leinen in neue Schlaufen und starrten in die Schwärze des Gewitters. Das Boot schaukelte wie wild, bewegte sich jedoch nicht von der Stelle. Ein peinlicher Moment.

 

„Was macht Ihr überhaupt während eines Gewitters draußen auf dem Meer?“, fragte Tarlo und war sich der Absurdität bewusst, Leute infrage zu stellen, die ihm das Leben gerettet hatten. „Es ist ziemlich offensichtlich, dass Ihr nicht nach unserem Schiff Ausschau gehalten habt.“

 

„Darf ich Eure Frage mit einer eigenen Geschichte beantworten, Tarlo?“, kam Mei Pas sanfte und nicht unfreundliche Antwort. Tarlo nickte. Warum nicht? Nass war er sowieso schon.

***

 

Vor vielen, vielen Jahren, nicht weit von hier, gab es ein winziges Dorf namens Za Xiang. Die Pandaren, die dort lebten, waren angestammte Fischer und füllten ihre Bäuche mit den Früchten des Meeres. Darauf waren sie fast vollkommen angewiesen, da sich nicht ein einziger Bauer oder Jäger unter ihnen befand. Aber sie waren glücklich und gesund, bis eines Tages eine ungewöhnliche Hungersnot über ihr Dorf hereinbrach und die Fische aus dem umliegenden Meer spurlos verschwanden. Sie tranken Regenwasser und Bier, aßen Nüsse, doch schon bald waren ihre Lager geleert. Die Fische kehrten nicht zurück und ihr Leid begann.

 

Nach Wochen des Hungers und der Rationierungen überkam die Dorfbewohner Hoffnungslosigkeit. Sie schickten Boten mit der Bitte um Nahrung in die Hauptstadt und während sie warteten, verließen Familien Za Xiang in Heerscharen. Pandaren saßen in der Hoffnung, etwas zu fangen, stundenlang am Hafen, doch es biss nicht ein einziger Fisch an und sie kehrten stets mit leeren Pfoten heim – bis auf einen ungefähr 12 Jahre alten Jungen namens Xun.

 

Xun hatte einen Dickkopf. Er schwor, ohne Unterlass zu fischen, bis er genug hätte, um nicht nur seine Familie, sondern das gesamte Dorf zu versorgen. Leider hatte er nicht den Hauch einer Ahnung vom Fischen. Folglich wartete er am Hafen, rief nach den Fischen und suchte über dem Wasser nach ihnen. Er hatte einen Stock mit einem darangebundenen Band, jedoch schon wie seine Nachbarn einen Großteil der Köder selbst gegessen und besaß darum nichts, womit er die Fische hätte anlocken können. Also kam Xun auf die Idee, ihnen einen Streich zu spielen: Er polierte Steine, bis sie glänzten, und ließ sie über das Wasser springen, damit die Fische ihnen nachjagten. Was sie aber nicht taten.

 

Eine ganze Woche lang warf er Steine und tat kein Auge zu, bevor er schließlich aufgab. Als Nächstes versuchte Xun die Fische aus dem Wasser zu locken. Er steckte seinen Mund ins Meer und erzählte ihnen Witze in ihrer Sprache. Aber Fische haben einen etwas anderen Humor und falls wirklich einer Xuns Stimme gehört hat, ist jedenfalls keiner an die Oberfläche gekommen, um ihn zu begrüßen.

 

Nach drei weiteren Tagen schien es ihm, als befänden sich überhaupt keine Fische im Meer, und Xun wurde wütend. Er warf seine Steine weg und watete ins Meer hinein, bis es kalt wurde und unter seinen Füßen nur noch Wasser war. Das Ufer und sein Zuhause lagen nun weit hinter ihm.

 

Er hielt die Luft an und steckte seinen Kopf ins Wasser. Mit offenen, brennenden Augen suchte er nach den Fischen, um sie mit seinen Pfoten fangen zu können. Unter ihm entdeckte er einen winzigen, vom Meeresboden bedeckten braunen Fisch, der sich zu verstecken schien. Xun war schnell und schwamm zu ihm, um ihn sich zu schnappen, aber als er sich näherte, verdunkelte ein riesiger Schatten das von oben ins Meer fallende Sonnenlicht. Er sah, wie das Maul einer gigantischen, hungrigen Schlange an ihm vorbeischoss und sich in dem Fisch verbiss.

 

Das Monster, das Xun den Fisch wegschnappte, besaß enorme Größe und wand sich wie ein Aal, war jedoch zusammengerollt, als ob es sich nicht komplett ausstrecken konnte. Sein Bauch war dick und aufgebläht und auf seinen silbernen Zähnen steckten noch lebende Fische. Xun erkannte, dass dieses Monster alle Fische in Za Xiang gefressen hatte. Dies war der Grund, warum nicht einmal die besten Fischer der Stadt es schafften, irgendetwas zu fangen.

 

Xuns ganzer Körper hätte in das Maul der Kreatur gepasst. Sie war so groß, dass Xun schon Angst bekam, nur mit ihr im Wasser zu sein, doch war er zu wütend, um wieder nach Hause zurückzukehren. Er schwamm dem Monster hinterher, bewegte die Arme und Beine im selben Rhythmus und schlängelte sich durch den Ozean, indem er seine Bewegungen nachahmte.

 

Xun hielt die Luft an, so gut es ging, und schwamm direkt auf das offene Maul der Bestie zu. Mit seiner Pfote griff er problemlos durch die riesigen Lücken zwischen den Zähnen und zog einen Fisch heraus. Dann stieß Xun die Luft aus und schoss an die Oberfläche, bevor die Kreatur ihn mit ihrem Maul erwischen konnte.

 

Er brachte seinen Fang sofort nach Hause, legte ihn auf den Tisch und sagte seinen Eltern, Brüdern und Schwestern, dass sie das Dorf nicht verlassen mussten. Um genug Nahrung für alle zu bekommen, mussten sie sich nur eine neue Art des Fischens überlegen.

 

Xun hatte entdeckt – so wie alle, die etwas fangen wollen – dass passives Fischen einfach nicht die beste Option war.

***

 

Tarlo musste seinen Blick senken und seine Lippen hinter dem Bierkrug verbergen, um nicht zu grinsen – trotz der Schmerzen in seinem Rücken, trotz des Regens, der Kälte und all der anderen Dinge, die an den verrückten Pandaren einfach abzuperlen schienen.

 

Natürlich war ein Pandaren-Junge mitten aufs Meer geschwommen, hatte einem riesigen Aal blitzschnell einen Fisch aus dem Maul ziehen können, war entkommen, ohne gefressen zu werden, und hatte sein vom Hunger betroffenes Dorf gerettet. Na klar.

 

Tarlos Antwort: „Hm. Interessante Geschichte.“

 

Mei Pa lächelte ihn an, als könnte sie seine Gedanken lesen. „Es ist nur eine Geschichte, Tarlo, und auch nur ein Teil davon. Aber ich glaube, sie ist wichtig.“

 

Diese Pandaren ließen wirklich niemanden außen vor. Sie hatten ihm nicht nur das Leben gerettet und eine Geschichte erzählt, sondern ihm auch eine winzige, verbogene Angel und einen Köder gegeben, so wie man einem Kind ein Holzschwert zum Spielen gibt. Er hatte seine Leine mit einer Hand ins Wasser geworfen, während Mei Pa immer weiter erzählt hatte. Fischen. Genau. Eine Schnur im Meer baumeln zu lassen, um sich vom eigenen Zittern abzulenken, hätte es schon eher getroffen. Eine Stunde des Wartens und Zuhörens ohne Ergebnis. Nichts hatte angebissen.

 

Jetzt, da sie nicht mehr redete, drehte Tarlo beide Beine in Richtung Meer und starrte konzentriert aufs Wasser hinaus. Warum hatte er denn nach dieser langen Zeit nichts gefangen? Kuo und Shi Ga hievten Netze voller stinkender goldener Fische hinauf.

 

„Keine Sorge, Tarlo. Manchmal kommen die Fische einfach nicht. Das hat nur wenig mit Euch zu tun.“

 

Tarlo riss die Spielzeugangel aus dem Wasser, sah zu ihr hinüber und knurrte gleichgültig, während er die Rute auf das Deck fallen ließ. Die Pandaren waren fertig, also war er es auch. Es konnte losgehen. Innerhalb weniger Minuten bewegte sich das Boot wieder.

***

 

Tarlo sah hinauf zum Himmel. Der Regen prasselte jetzt noch stärker. Seine Decken hatten schon seit Langem nur noch dafür gesorgt, ihn feucht und kalt zu halten. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann er diese Klippen zum letzten Mal gesehen hatte. Vor vielleicht vier oder fünf Stunden? Noch immer war es dunkel.

 

„Fahren wir irgendwo in Richtung Land?“, fragte er in die Runde.

 

„Es gibt noch einiges zu fischen“, kam Shi Gas gekrächzte Antwort. Am Himmel zuckten Blitze und die Wolken schienen sich erneut zu öffnen.

 

Tarlo wäre lieber durch eigene Fehler als die schlechte Einschätzung eines anderen gestorben, also blickte er auf das Wasser und suchte nach etwas, wohin er trotz seiner Verletzungen schwimmen könnte. Treibholz, ein Stück Koralle – irgendetwas. Doch alles, was er sah, waren Regenwände, die so dick waren, dass er die Augen zusammenkneifen musste.

 

Nein, er sah noch etwas. Dort, direkt unter der Oberfläche, befand sich eine gewundene, ölig schwarze Form, die sich bewegte. Tarlo dachte, er hätte eine Flosse gesehen, allerdings konnte man das in dieser Tiefe nicht genau sagen. Ihr Boot schaukelte leicht und Tarlo hielt sich an der Seite fest. Das Gewitter schüttelt uns durch. Nicht ... das, was auch immer es ist.

 

„Hey ...“, setzte er an, doch Kuo und Shi Ga hatten ihre Ruder aus dem Wasser gezogen. Langsam kam das Boot zum Stillstand und der Regen stürzte mit aller Macht auf sie herab.

 

„Tastet die Wasseroberfläche nicht an“, flüsterte Shi Ga mit seiner Pfeifenraucherstimme. „Es wird vorbeiziehen.“

 

Tarlo sah, wie die schwarze Form unter ihnen perfekte Kreise zog, und war sich da nicht ganz so sicher. Sein Hals juckte und er wollte das, was in seinem Rachen hochkam, am liebsten aushusten, aber solang dieses Ding in der Nähe war, würde er nicht einen Laut von sich geben.

 

Kuo hatte diese Skrupel nicht. „Tarlo, soll ich Xuns Geschichte weitererzählen? Das scheint mir jetzt genau der richtige Zeitpunkt zu sein.“ Mit seinen dicken Pfoten schob er noch ein Bier rüber. Der strömende Regen ließ den Schaum im Krug überschwappen.

 

Verrückt.

***

 

Xuns Fang reichte nicht aus, um das gesamte Dorf Za Xiang mit Nahrung zu versorgen. Er war nicht einmal genug für seine Familie, die ihn würfelten, eine Suppe aus den Flossen machten und die Schuppen als Beilage kauten. Aber er bedeutete etwas. Wenn ein Amateur Fische fangen konnte, warum sollten es dann die Meister nicht auch können, die ihr ganzes Leben lang gefischt hatten? Die Dorfbewohner warfen fortan den ganzen Tag und die ganze Nacht über ihre Angeln aus. Es waren so viele, dass gar nicht alle in den kleinen Hafen passten und sich ihre Leinen in dem Gedränge verhedderten. Jene, die nicht fischen konnten, begannen mit dem Ausbau des Piers, um Platz für alle Bewohner zu schaffen, damit sie Seite an Seite mit ihren Angeln am Wasser stehen konnten.

 

Aber obwohl alle zusammenarbeiteten, gab es nur selten etwas zu essen. Pro Tag fingen sie höchstens zwei Fische und die Pandaren schnitten im Dorfzentrum Stücke heraus, die sie kochten und an Schlangen anderer Bewohner verteilten. Das Knurren ihrer Mägen hallte bis zum Ozean. Ihre Körper, Arme und Gesichter wirkten ausgemergelt und sie wanderten schlaflos umher. Die See schien leer zu sein.

 

Xun war unglücklich. Sein Dorf hatte alles gegeben, um Nahrung zu bekommen, aber er wusste, dass das Monster, welchem er begegnet war, in der Tiefe warten, alle Fische fressen und dafür sorgen würde, dass er und seine Familie bis in alle Ewigkeit hungern müssten. Er hatte niemandem von der Bestie erzählt, da er davon ausging, dass die Dorfbewohner dann vor lauter Furcht nicht mehr fischen würden. Stattdessen nahm er sich des Nachts ein Kanu und fuhr damit aufs Meer hinaus. In das Boot hatte er haufenweise leere Fässer und Kochtöpfe gelegt, die ihn mit ihrem Gewicht nach unten drückten. Er paddelte mit einer Lanze, da das meiste Holz für Ruder schon längst zum Ausbau des Hafens verwendet worden war. Er brauchte einen halben Tag, bis er sich außer Sichtweite des Festlandes befand. Der Wind blies nun stärker und da Xun keinen Mantel hatte, fror er. Schlau hätte man diese Aktion nicht gerade nennen können.

 

Als er sein Zuhause nicht mehr sehen konnte, begann Xun zu brüllen und mit seiner Lanze ins Wasser zu stoßen. Er nahm die schweren Töpfe und Fässer, die er mitgebracht hatte, hob sie über den Kopf und warf sie mit aller Kraft ins Meer. Einige trafen auf dem Meeresboden auf und wirbelten große Wolken auf. Er hatte die ganze Nacht hindurch fast bis zum Morgen auf das Wasser eingeschlagen, als er mit scharfem Blick sah, wie das Aalmonster sich in seine Richtung schlängelte und dabei Wellen aufwarf.

 

Xun nahm seine Lanze, um dem Ding einen Stoß zu verpassen, wenn es sein Boot erreichte, erblickte dahinter jedoch weitere sich nähernde Formen. Einige hatten dieselbe Größe wie der riesige Aal, andere waren noch gigantischer. Er sah Mäuler mit Schnäbeln, riesige Panzer und Schwänze mit Flossen. Jede Kreatur war größer als das Haus einer Familie in Za Xiang und Xuns Falle hatte sie hergelockt. Xun war vollkommen überwältigt und bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte, was er tun sollte, erreichten die Ungeheuer sein Boot und zerrissen es mit ihren Kiefern. Xun fiel in das kalte Meer mitten zwischen die Bestien.

 

Der Hunger zog sie mit knirschenden Zähnen zu ihm. Xun schwang seine winzige Lanze nach links und rechts und strampelte so schnell mit den Füßen, dass er sich wie ein springender Fisch aus dem Wasser erhob. Die Kreaturen wurden jedes Mal wilder, als ihre Mäuler in der Luft zuschnappten, und bissen so oft nach einander wie nach Xun. Er fasste die Gelegenheit beim Schopf und stach mit seiner Lanze auf eine Bestie ein, doch das Eisen zerbarst beim Aufprall.

 

Das Getümmel lief weiter, die Sonne ging auf, ging wieder unter und Xun wurde müde. Fünf der riesigen Bestien hatten ihn eingekreist und schlugen aufeinander ein, um die anderen davon abzuhalten, ihn zuerst zu fressen. Dann schlug eine der großen steinartigen Schildkröten unter ihm mit ihren Flossen, öffnete ihr langes Maul sperrangelweit und Xun wurde mit Strömen von Meerwasser hineingezogen. Als er sich im Rachen befand, wurde alles schwarz.

***

 

„Und was soll ich daraus lernen, Kuo?“, platzte es aus Tarlo heraus, der seine Augen vom Wasser abgewandt hielt. „Dass man mit einem winzigen Boot nicht mitten aufs Meer fährt? Mir scheint es nämlich nicht so, als würdet Ihr drei diese Lektion befolgen.“

 

Kuo schaute leicht erstaunt nach hinten. „Oh, nein, nein. Xun lernte, dass es, egal wie groß die Fische sind, die man sieht, immer noch einen größeren gibt. Aber ich bin noch nicht fertig.“

***

 

Im Rachen der Bestie, der voller Meerwasser und dumpfer Geräusche war, war es kalt. Xun konnte nichts sehen, da Dunkelheit und das Maul der Kreatur ihn niederdrückten. Das Wasser bremste seine Schläge im Innern ab und die eisernen Kiefer blieben fest verschlossen.

 

Xun wusste, dass er sich keinen Weg nach draußen freikämpfen konnte. Er wusste jedoch auch, dass die Kreatur auf einen Leckerbissen wartete. Also hielt er seine ihm noch verbliebene Luft an, blies seine Wangen auf, spannte die Brust an und drückte sich gegen die Wand des Rachens der großen Bestie, während sie weiterschwamm, mit ihrer Zunge nach Xun schlug und versuchte, ihn hinab in ihren Magen zu ziehen. Xun war müde und hatte Angst, doch er hielt die Augen fest geschlossen und wartete.

 

Einige Tage später, als die meisten Dorfbewohner von Za Xiang sich am Hafen versammelten hatten und sich mit dem Fischen abmühten, ging ein alter Pandaren am Strand entlang, um nach Holzstücken und Seetang zu suchen. Seine Überraschung war groß, als er meinte, ein Haus am Ufer zu erkennen, und noch größer, als er sich näherte und sah, dass es sich bei diesem „Haus“ um eine Drachenschildkröte handelte. Sie hatte einen schmalen, langen, schlangenähnlichen Kopf und einen Panzer, der sich um den gesamten Körper herum bis zum Bauch erstreckte.

 

Das ganze Dorf musste mitmachen, um die Kreatur unter großer Anstrengung weiter an den Strand zu ziehen. Die Dorfbewohner brachten Hämmer mit, um den Panzer aufzubrechen, und schwangen sie bis spät in die Nacht. Der Krach übertönte sogar das Knurren ihrer Mägen. Als der Panzer geöffnet war, fanden sie weiche Stellen, an denen sie das Fleisch der Schildkröte abschneiden konnten, und das gesamte Dorf war versorgt. Die lauten Hammerschläge hatten Xun aufgeweckt und als die Dorfbewohner den Bauch der Bestie öffneten, kroch er zur Freude seiner Familie und des ganzen Dorfes Za Xiang heraus. Die Bestie war fast so starrköpfig wie Xun gewesen. Sie hatte ihr Maul geschlossen gehalten, um ihre Beute nicht entkommen zu lassen. In ihrer Speiseröhre hatte Xun so lang die Luft angehalten, bis die Kreatur ertrank, allerdings war sie aufgrund der mächtigen Luftwirbel in Xuns Lungen nicht hinab in die Tiefe gesunken.

 

Xun versicherte den Dorfbewohnern, dass sie nichts zu befürchten hätten und von kleinen Fischen bis zu enormen Bestien alles aus dem Meer fischen könnten. Sie kochten das Fleisch der Drachenschildkröte und wurden zum ersten Mal seit langer Zeit satt.

***

 

Nach dem Ende der Geschichte bemerkte Tarlo, dass ihm die gleichmäßigen Geräusche des Regens und der Wellen bewusst waren, die immer und immer wieder anstiegen und abflauten. Noch mehr aber war er sich seiner Furcht bewusst: Seine Hände hielten ein Ruder krampfhaft wie Krallen fest umschlossen und öffneten sich nicht.

 

Die große Form im Wasser hatte sich nach einer gefühlten Ewigkeit des Umherkreisens nun erhoben. Tarlo dachte sich, dass sie wahrscheinlich angreifen würde. Shi Ga hatte sie während der Geschichte von der Seite des Bootes aus betrachtet. Regenwasser floss in Unmengen von seiner Kapuze und dem Bart aus Schnurrhaaren, der aussah, als befänden sich zwei Rattenschwänze an seinem Kinn.

 

Dann, auf einmal, wich die Form wieder zurück und wurde immer kleiner, bis Tarlo sie nicht mehr sehen konnte. Keiner der Pandaren sagte etwas, doch schon nach kurzer Zeit waren ihre Ruder wieder im Wasser.

 

Es war wahrscheinlich sowieso nur ein Hai. Die größten Sorgen musste er sich um die Kälte machen. Tarlo zitterte im Sturm so sehr, dass ihn die Eiseskälte bis auf die Knochen durchdrang. Er konnte kaum seine Hände stillhalten. Die Pandaren halfen ihm dabei, einen durchnässten Umhang auszuziehen, und warfen ihm zwei neue über, die sie aus einer Eisentruhe geholt hatten. Mehr Bier schenkten sie auch noch ein.

 

Vielleicht würden sie ja bald das Land erreichen und er könnte sich wirklich sicher sein, überlebt zu haben.

 

Doch in der Zwischenzeit hatte sich das Boot wieder in Bewegung gesetzt und Tarlo überkam die Neugier, so dumm und ziellos sie auch oftmals sein mochte. Dieser Junge, Xun, war aufgebrochen, um sein Dorf zu retten, hatte dann mit etwas Glück genau den richtigen Ort gefunden und schließlich gegen zähnefletschende Riesenfische gekämpft, ohne sich zu verletzen. Und auf einen Streich hatte er die Probleme der Dorfbewohner gelöst, war in der Nähe seines Hauses an den Strand gespült worden und lebte daraufhin normal weiter? Aber ja!

 

Tarlo tippte Kuo auf die Schulter.

 

„War das alles? Er findet irgendwelche großen Kreaturen, wird von einer verschluckt, überlebt wie durch ein Wunder und als die Bestie an Land gespült wird, erlöst das die Dorfbewohner von ihrem Hunger?“

 

Kuo schüttelte den Kopf. „Natürlich ist Xuns Geschichte noch nicht zu Ende.“

 

„Natürlich nicht“, kam Tarlos scharfe Erwiderung. „Es ist nie zu Ende, wenn man sie währenddessen weiterspinnt. Es muss ja recht angenehm sein, sich nicht auf Dinge zu beschränken, die wirklich geschehen sind. Wie lang hat Xun die Luft angehalten? Zwei Tage?“

 

Tarlo erwartete, in Kuos Gesicht ein Anzeichen von Kränkung zu erkennen, aber es wirkte, als lächelte er, wenngleich mit durchnässtem Fell.

 

„Gut, dass Ihr Euch den Namen gemerkt habt. Shi Ga kann den Rest der Geschichte am besten erzählen, also lasse ich ihn weitermachen.“

 

Kuo und Mei Pa übernahmen die Ruder, Shi Ga lehnte sich an die Bank neben Tarlo und schaute zu ihm hoch, während das Boot weder in Richtung Land trieb noch ein anderes für ihn erkennbares Ziel zu haben schien. Shi Gas Augen waren gewohnt hell und Tarlo beugte sich widerwillig nach unten, um seine kratzige Stimme verstehen zu können.

 

„Viel Zeit war vergangen, seit Xun seine Leute gerettet hatte, und wenn die Zeit vergeht, bleiben Veränderungen nicht aus ...“

***

 

Viele Jahre lang versorgte Xun sein Dorf mit Nahrung. Die Bewohner von Za Xiang aßen Drachenschildkröten, große achtäugige Tintenfische und riesige Aale. Doch niemand aß mehr als Xun selbst, der auch das Öl der Bestien trank. Als er heranwuchs, wurde er größer und stärker, bis man seinen Kopf über den Dächern der Häuser im Dorf sehen konnte. Er hatte einen geraden und festen Gang, unerschütterlich wie eine Eiche. Wie es alle männlichen Pandaren taten, wenn sie in der Nähe der kalten Meereswinde lebten, ließ sich Xun einen langen Bart wachsen, in dem sich das Salz des Ozeans fing und der zerzaust war wie das Fell eines wilden Tieres. Seine Augen wurden rot und blutunterlaufen, seine Pupillen zogen sich wie die eines Fisches zusammen und man erzählte sich, dass er unter Wasser fünf Kilometer weit sehen konnte.

 

Wenn Xun seine Hemden im Meer trug, erzitterte das Wasser vor ihm und floh in seine Kleidung, die daraufhin tagelang durchnässt war. Schließlich fing er damit an, seine großen Hemden, die von einem Dutzend Schneider im Dorf angefertigt werden mussten, am Strand trocknen zu lassen. Das Salz ließ sie verkrusten und hart werden, sodass junge Pandaren über sie stolperten. Was jedoch noch schlimmer war: Wenn er sich im Schlaf drehte, riss er mit seinen breiten Schultern sein Haus nieder, also trug er fortan keine Hemden mehr und schlief am Pier, um dem Dorf die Last seiner Größe zu ersparen.

 

Als Erwachsener begann Xun, die großen Seeungeheuer allein zu fangen. Er wurde unzählige Male gestochen und gebissen, trug jedoch die weißen Narben wie einen Wald auf seiner Brust und seinem Kiefer. Ein riesiger Hai mit einem Zahn für jede Seele auf Pandaria in seinem Maul verbiss sich eines Tages in Xuns Ohr. Da er ihn nicht abschütteln konnte, ging er über den Meeresboden zurück an Land, hob die Bestie aus dem Wasser, sodass sie nicht mehr atmen konnte, und zog sie an den Strand, wodurch die Flüsse gebildet wurden, die in der Nähe von Za Xiang immer noch landeinwärts fließen. Als Dorfbewohner den Hai von Xun losschnitten, ging auch ein Teil seines Ohrs verloren. Was übrig blieb, sah aus wie getrocknetes Leder und Xuns Familie brachte ihm einen großen Ring von der Größe eines Reifens, mit dem junge Pandaren spielen, den er fortan trug. Und alle Bewohner des Dorfes hörten auf zu fischen, da sie es nicht mehr mussten.

 

Xun kümmerte sich gern um alles. Doch im Alter begann er sich Sorgen zu machen. Die Fische im Ozean um Za Xiang herum waren rar geblieben und seit seiner Kindheit hatte er niemals mehr als ein paar von ihnen gleichzeitig gesehen. Der Appetit der Dorfbewohner, welche die mächtigen Bestien aßen, die Xun fing, hatte sogar noch zugenommen, doch kein anderer Pandaren wurde so groß wie er und niemand konnte die Meeresbewohner wie er an Land holen. Er fürchtete, dass die Leute im Dorf nach seinem Tod den Ozean an die Bestien verlieren und gezwungen sein würden, ihre Heimat zu verlassen, wenn sie nicht hungern wollten.

 

Ein weiser Pandaren hätte vielleicht vorgeschlagen, dass Xun die Bewohner seines Dorfes auf der Suche nach einem Neuanfang durch das Land führen sollte. Ein Held von Xuns Größe und Stärke, der so vieles erreicht hatte, hätte zu einem versierten Jäger werden oder einen Platz für seine Familie und Freunde in einer großen Stadt finden können.

 

Aber Xun war nicht weise – er war starrköpfig und liebte seine Heimat. Also entschloss er sich, Za Xiang stattdessen für immer zu versorgen.

 

Während er nachts am Pier ruhte, hatte er alte Fischer reden gehört, Pandaren, die schon zu seinen Kindertagen grauhaarig gewesen waren. Und eine Geschichte hatten sie so oft erzählt, dass Xun sie nun auswendig konnte: die Geschichte eines namenlosen Monsters, groß wie das Meer selbst. Es war dreihundert Meter breit und größer als jede Bestie, die er je an Land gebracht hatte.

 

Als Xun diese Geschichte zum ersten Mal hörte, war das Wesen ein riesiger Hai mit unzähligen, stets kauenden Zähnen. Beim zweiten Mal war es eher so etwas wie eine durchsichtige, mit Stacheln bedeckte Qualle.

 

Für Xun waren diese beiden abweichenden Beschreibungen kein Anzeichen von Unwahrheit. Ganz gleich, welche der Realität entsprach, so dachte er sich, die Bestie war stets so groß, dass alle etwas abbekamen, und es gab reichlich Salz und Rauch, um die Stücke zu trocknen. Ihre Flossen oder Tentakel gaben einer dicken Suppe die Würze; aus ihrem Bauch konnte man gleichermaßen gut frische Steaks und haltbares Fleisch herstellen. Es konnte gewürfelt, gebraten, gepfeffert, gefüllt, mariniert, mit Gemüse belegt, filetiert, gegrillt oder am Spieß zubereitet werden. Von diesem Fang würden sie mehrere Monate essen. Jahre. Generationen. Eine weitere Gemeinsamkeit aller Geschichten über diese gigantische Kreatur bestand darin, dass sie sehr tief im Meer lebte, tiefer als irgendein Pandaren je vorgestoßen war. Also verbrachte Xun Stunden damit, seine Lungen mit Luft zu füllen, indem er auf dem höchsten Hügel in der Nähe des Dorfes saß und die Windstöße hinunterschluckte, die ihm in den Mund bliesen. Er band sich schwere Fässer an die Füße, um bis auf den Meeresboden absinken zu können. Als er in den Ozean watete, brachte die durch seine schweren Schritte ausgelöste Flut Sandbänke zum Vorschein und die Seemöwen, die in seinem Bart genistet hatten, flogen wie ein weißer Pfeil gemeinsam hinauf in den Himmel. Die Dorfbewohner hatten sich an diesen Anblick gewöhnt und winkten den Möwen zu, als wären sie Xun.

***

 

Das Boot hatte wieder angehalten und ohne dass er es wirklich wollte, hielt Tarlo nun seine Angel ins Wasser und ließ die Gedanken treiben. Mei Pa und Kuo hatten es ihm gleichgetan und die Angeln mehrere Male ausgeworfen, bis sie zufrieden waren. Nun saßen sie still wie Statuen, während der Regen an ihnen herunterlief.

 

Als Tarlo in den Dienst der Allianz eintrat, war auch er jung und dumm. Er wusste einfach, dass der Kampf für die Allianz zu etwas anderem führen könnte als neuen Kämpfen und weiteren vernichteten, leeren Körpern, die im Boden alle gleich aussehen. Aber wenn man jung und dumm ist, kann man etwas wissen, ohne dass es stimmt. Es gab immer wieder neue Feinde oder eine Trophäe, die zwei Parteien haben, aber nicht teilen wollten. Leute, die Krieg führten, brachten Generationen hervor, die Krieg führten. Tod führte zu noch mehr Tod. Und so weiter.

 

Warum also war er nicht aus der Armee ausgetreten und nach Hause gegangen?

 

Er hielt inne. Es war absolut seltsam, aber Tarlo hätte schwören können, ein Ziehen an der Leine zu spüren. Vielleicht ließ ihn ja die Kälte zittern ... Aber dann spürte er es noch einmal. Er nahm die Angelrute in beide Hände und Shi Ga hörte plötzlich mit seiner Erzählung auf, um Tarlo beim Fischen zuzusehen. „Ganz vorsichtig jetzt ...“

 

So behutsam er konnte, stand Tarlo langsam auf. Er griff nun fester zu, als hätte er eine Lanze in der Hand gehalten. Ein weiteres Ziehen, dann noch eins. Er riss die Angel schnell nach oben und ...

 

... ein leerer Haken sprang aus den Wellen und klatschte gegen Tarlos Schulter, wobei sich die feuchte Schnur um sein Ohr wickelte.

 

Dieser Mistkerl von Fisch hatte sich den Köder geschnappt. Vielleicht hatten auch zwei zusammengearbeitet, ihn in zwei Stücke gerissen und waren dann damit verschwunden. Er war schon fast so wütend, dass er hinterherschwimmen wollte, sah dann jedoch Shi Gas unergründliches, mit Fell besetztes Gesicht. Konnte ein Pandaren süffisant grinsen?

 

„Ja. Fahrt fort“, knurrte Tarlo.

***

 

Xun verschwand in den Wellen. Er sank länger, als er es ermessen konnte, tausendmal seine Größe hinab in die Tiefe. Das Wasser wurde kälter, die Fische weniger und das Meer um ihn herum dunkler. Er war schon zuvor unter der Meeresoberfläche geschwommen, aber nie so weit, dass es keine Wellenbewegungen mehr gab und die Felswände sich wie in einer Schlucht vor ihm auftürmten. Obwohl ihm Wasser in die Ohren floss, fühlte er in ihnen ein tief im Kopf entstehendes Zwicken. Kurz danach platzte das Innere seiner Ohren auf und Blut strömte heraus. Das Salz des Meeres brannte, aber er wich nicht aus der Tiefe zurück. Xun tauchte in die Dunkelheit hinab, bis er fast nichts mehr sehen konnte, nicht eine Spur von Licht und nicht weiter als bis zu seinen Pfoten vor dem Gesicht. Er sah nicht die schemenhaften Kreaturen, groß wie Wale, die in der Dunkelheit an ihm vorbeischwammen und ihn aufgrund ihrer Größe nicht einmal wahrnahmen, als er ihre schuppige Haut streifte.

 

Er sank hinab, schlief ein, wachte nach einer ganzen Nacht wieder auf und sank noch immer. Von unten kam eine schwache Wärme und Xun schwamm schneller hinab, bis er mit seinen Pfoten schwarzblauen Staub berührte. Unter ihm befand sich ein riesiger Graben, eine Spalte im felsigen Meeresboden. Als er seine Gewichte entfernte und sich hindurchzog, war er sicher, schon bald die Mitte von Azeroth zu erreichen. Im Graben spürte Xun, wie das Wasser an ihm vorbeirauschte, und in seinen verletzten Ohren hörte er den langen Widerhall seiner Bewegungen. Er wusste, dass die Größe der Höhle sie zu einem eigenen Meer machte, und die Wände so weit voneinander entfernt waren, dass man eine Stunde gebraucht hätte, um von einer zur anderen zu schwimmen.

 

Er setzte sich hin, wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit in der Nähe des Bodens der Welt angepasst hatten, und begann schon bald, schwache Umrisse, sich wellenartig bewegende Formen und den vorspringenden Teil eines großen Felsalkoven wahrzunehmen. Vor dem Alkoven befanden sich riesige Grate und Xun ging fest davon aus, dass im Innern die namenlose große Bestie leben würde, da er im ganzen Meer noch keinen tiefer liegenden Ort erlebt hatte.

 

Doch der kleine Berg um die Höhle herum wirkte seltsam. Er hatte eine blasse gelbweiße Farbe und war nicht Braunblau wie die Unterwasserfelsen. Selbst in der Dunkelheit konnte Xun die Farbe klar erkennen. Er war verwirrt.

 

Dann flatterten die Kiemen des Bergs, Steine regneten von ihm herab und Xun wusste, dass dieser Berg lebte.

 

Er war so groß wie Xuns Dorf und die von ihm ausgehende Hitze war so stark, dass sie den Graben auf dem Grund des Ozeans wärmte. Er bewegte sich, nachdem Xuns Anwesenheit ihn hatte aufwachen lassen, und Xun konnte Hunderte von Tentakeln unter seinem Körper sehen, die wie am Stamm eines großen Baumes hingen. An ihren Spitzen befanden sich dicke, mit Widerhaken besetzte Stacheln von der Größe eines ausgewachsenen Pandaren.

 

Sein Maul war eine Sandbank oder ein Korallenriff und die zwischen seinen Zähnen umherschwirrenden und an den Resten seiner Beute nagenden Haie waren so groß, dass sie mit einem Stoß ihrer Schnauze ein Boot hätten kentern lassen können. Seine glatte Haut war bedeckt mit Stacheln, die sich im dunklen Wasser bewegten. Als die Kreatur sich erhob und die auf ihr liegenden Erdschichten abschüttelte, flutete der Gestank ihres Atems den Ozean mit Tod und Fäulnis, die sich seit Urzeiten angesammelt hatten. Xun war zum ersten Mal seit langer Zeit müde.

 

Seine einstmals großartigen Augen und Ohren versagten in der Dunkelheit ihren Dienst; bei seinem rauen, treibenden Bart – er spürte den nicht zu verleugnenden Schmerz des Alters. Seit Tagen hatte er keine frische Luft und keinen kühlen Wind mehr genossen. Verglichen mit der Kreatur vor ihm wirkte Xun nicht nur klein, sondern war klein wie ein Pandarenjunges im Vergleich zur Sonne.

 

Xuns blanke Faust traf einen der großen Zähne. Risse schossen von unten herauf. Ein weiterer Schlag schmetterte durch das Wasser, der Zahn zersplitterte und seine Teile schossen wie Harpunen im Maul dieser Kreatur umher. Nicht weniger als vier Haie, die den Zahnbelag der namenlosen Kreatur verschlangen, wurden mit einem lauten Gurgeln wie durch einen unsichtbaren Strudel in ihre Speiseröhre gezogen.

 

Xun senkte den Kopf und schlug weiter zu. Mit einem entsetzlichen Knirschen, das er in seinen verletzten Ohren noch hören konnte, flogen sechs weitere Zähne in Spiralen ins Meer. Auf ihrem raketengleichen Weg nach oben nahmen sie Seetang, Fische und Wale mit. Als sie schließlich bedeckt mit Pflanzen und Tieren durch die Oberfläche stießen, wirkten sie wie baumgroße Spieße mit Meeresfrüchten.

 

Danach bewegten sich die Kiefer des Wesens aufeinander zu. Xun drückte seine Füße in das treibsandartige Zahnfleisch und stemmte sich dagegen, um die Kreatur davon abzuhalten, ihr Maul zu schließen. Seine Handgelenke waren schmerzhaft verdreht und seine Knochen standen kurz vor dem Zerbersten, doch er schaffte es, das Maul der Bestie wie mit einem Keil offen zu halten. Sie gab jedoch nicht auf und steckte die Tentakel an ihrem Rumpf zwischen ihre Zähne, schlang sie um Xuns Hals, zog an seinen Gliedmaßen und stach ihm immer wieder in den Bauch.

 

Ihre Stiche waren schrecklich und hinterließen rote Wunden in seinem Fell, aber ihr Gift war noch schlimmer. Xun spürte, wie das Blut in seinem Körper brannte. Da er seine Arme nicht bewegen und sich schützen konnte, während das furchtbare Maul sich immer weiter schloss, biss er so fest und lang auf einen der Tentakel ein, bis dieser sich freiwand. Dann ergriff er das sich zurückziehende Körperteil und wurde ins Meer geschleudert.

 

Die im Maul des Wesens lebenden Haie klammerten sich an Xuns Arme und Beine, aber da ihre Bisse einen Teil des Gifts aus ihm herausströmen ließen, hielt er sie wie Schilde vor sich, um von den sich schlängelnden Tentakeln nicht in die Augen gestochen zu werden. Währenddessen schwamm er über das Maul der Kreatur nach oben und begann, auf ihren Kopf einzuschlagen. Die Stacheln auf ihrer Haut standen aufrecht, als wäre sie ein großer Kugelfisch, und Xuns Fleisch zerriss bei jedem Treffer wie ein Lappen, doch er hörte nicht auf. Seine Schläge waren wie in der Tiefe gedämpftes Donnerkrachen. Die Stacheln der Kreatur brachen ab und ihr Fleisch zischte unter der Kraft jedes Hiebs, doch sie blieb still wie ein Tintenfisch.

 

Tagelang kämpften sie ohne Unterlass: Xun schlug auf den Kopf oder gegen den Bauch der Kreatur und zog sich zurück, als ihm die Tentakel zu nahe kamen, das Wesen zog ihn in Richtung seines Mauls oder zerschmetterte seine Knochen. Ihr Kampf war so wild, dass Wellen bis ans Ufer nahe Za Xiang gespült wurden und so hoch aufstiegen, dass die Dorfbewohner um ihr Leben fürchteten. Der Pier zerbrach und wurde hinaus aufs Meer gespült und die Leute flohen in ihre Häuser.

 

Schließlich wurde Xun müde. Das Gift fraß an seinem Herz und die Schläge wurden immer mühsamer. Das Dutzend übrig gebliebene Tentakel umschlang ihn, wickelte sich immer wieder um seine Hüfte und die Beine und drückte zu. Xun wusste, dass er nicht genug Kraft hatte, um sie wegzuschlagen.

 

Bevor sie seine Arme umschlungen, vergrub er seine Finger in zwei der sich windenden Tentakel, steckte seine Beine in den Boden und zog. Xun spürte sein Inneres wie ein Band zerreißen.

 

Der gigantische, mehrere Kilometer große Körper schoss durch das Wasser und baumelte über seinen Tentakeln wie ein Drachen an einer Schnur. Xun zog mit aller Kraft und ließ die berggroße Masse mit einem Knall, den er nicht hörte, gegen den Meeresboden krachen. Grobe graue Erde und Staub schossen durch den Aufprall kilometerweit davon.

 

Xun vergeudete keine Zeit, wickelte die riesigen Tentakel zweimal um seine Handgelenke und versuchte die Kreatur nach vorn zu bewegen. Er hatte sie schon einmal angehoben und musste nun mit ihr nur noch bis an die Oberfläche schwimmen. Er zog und wartete, dass der enorme Kadaver nachgab.

 

Aber er bewegte sich nicht.

 

Xun sah nur noch Punkte. Er bewegte sich wie in Schlamm und seine Lungen sehnten sich nach Luft. Irgendwann kam er wieder zu Kräften und versuchte es noch einmal. Er nahm seinen widerhallenden Herzschlag kaum noch wahr und zog sich in den Alkoven hinein, den das riesige Tier versperrt hatte.

 

In der Dunkelheit huschte ein Schwarm Fische um seinen Kopf. Ihre wallenden Flossen waren winzig und ihre Schuppen glänzten blass golden.

 

Trotz seines ernsten Zustandes regte sich Mitleid in Xun – Mitleid für die goldenen Fische, die hier gefangen waren, aber auch Mitleid für den, der sie gefangen gehalten hatte. Die riesige Bestie hatte einen Großteil der kleinen Fische im Meer gefressen und den Rest für sich selbst eingesperrt. Sein Dorf musste Hunger leiden, weil eine andere Kreatur hungrig war.

 

Für Xun wurde es immer schwieriger, sich an irgendetwas zu erinnern, sein Ziel verlor er jedoch nicht aus den Augen. Er würde sich ausruhen und danach versuchen, das Ding erneut anzuheben. Er legte sich auf den Meeresboden und ließ ein kleines bisschen seines Atems in Tausenden Blasen entweichen, während Fischschwärme in kräftigen Farben über ihm ihre Bahnen zogen.

 

Xun fragte sich, ob er wirklich den tiefsten Punkt des Ozeans gefunden hatte. Er machte sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt der Geschichten, und währenddessen begann sein Geist ihn zu verlassen. Bevor sich seine Augen schlossen, sah er, wie die Fische die Höhle verließen und hinauf ins weite Meer schwammen.

***

 

Shi Ga stand auf. Wahrscheinlich, so dachte sich Tarlo, weil die Geschichte vorbei war. Aber der Pandaren hatte noch etwas zu sagen.

 

„Als Xun kämpfte, sahen die Bewohner von Za Xiang nur die Wellen. Doch beim Fischen geht es nicht einfach nur darum, was man über dem Wasser sieht, sondern darum, was darunter vor sich geht – was die Fische sehen. Es findet ein Kampf auf Leben und Tod statt, auch wenn es einem nicht so erscheint.“

 

Tarlo nickte. „Und was war mit den Fischen in der Höhle?“

 

„Xun wusste es nicht, aber diese Fische“, krächzte Shi Ga, „waren die Vorfahren des Goldkarpfens. Sie schwammen in ungefährliche Gewässer und vermehrten sich. Heute gehören sie zu den am häufigsten anzutreffenden Fischen in unserem Meer und werden von Jung und Alt, von Groß und Klein gegessen.“

 

Tarlo schaute zu einem Eimer auf dem Boot hinüber. Zwei Fische mit goldenen Schuppen wirbelten darin herum. In Ordnung. Nun konnte er zumindest ansatzweise begreifen, worum es ging. Xun hatte sein Dorf durch die zufällige Entdeckung einer neuen Nahrungsquelle gerettet. Eine nette kleine Geschichte, wenn auch mit ein paar Ungereimtheiten.

 

„Wenn Xun in dieser Höhle gestorben ist, woher wisst Ihr dann so viel über den Kampf?“, fragte Tarlo so leise, dass man ihn im Regen nicht genau verstehen konnte. Es war ihm unangenehm, diesen Punkt angesprochen zu haben. Ganz offensichtlich lag die Geschichte diesen Pandaren sehr am Herzen. Xun war wahrscheinlich der Ururgroßvater von jemandem, der zu seiner Zeit ein großes Tier gewesen war.

 

„Hmm.“ Shi Gas Reaktion klang, als würde er sich die Frage auch zum ersten Mal stellen. Keiner der anderen beiden Pandaren sagte etwas, stattdessen schlugen sie weiter mit ihren Rudern auf das Meer ein. Shi Ga nahm sein Ruder hoch, während der Regen immer noch in Sturzbächen auf sie niederprasselte.

 

Sie hatten seit Stunden gerudert. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und Tarlo glaubte nicht, dass sie sich nun näher am Festland befanden. Die drei Pandaren bewegten ihre Ruder nun gleichmäßig. Es wirkte, als würden sie sich nur geradeaus bewegen, doch dann schnupperte Shi Ga und hob sein Ruder aus dem Wasser. „Ahhh“, sagte er, während er einen tiefen Atemzug auf dem schwankenden Boot nahm.

 

„Das ist es.“

***

 

Tarlo zitterte bereits, doch als die Wellen hochschlugen und ihnen Meerwasser auf den Schoß sprühten, vergaß er die Kälte völlig. Mei Pa war zur Eisentruhe herübergerutscht, die nun mitten in einer der größeren Pfützen im Boot stand.

 

Was sie vorsichtig aus der Truhe holte, schien zu groß zu sein, um überhaupt hineinzupassen. Es ähnelte einer rostigen Bootskette mit Haken, die normalerweise mehrere Männer benutzen, um ein Schiff im Hafen festzumachen. Riesige Netze hingen an ihr wie Blütenblätter.

 

Mei Pa stand auf dem Rand ihres winzigen Boots und balancierte, als ob sie jede Sekunde hätte herausfallen können. Doch trotz ihrer Größe bewegte sich das Boot überhaupt nicht. Sie begann, die Kette auszuwerfen, schwang sie in weitem Bogen über ihrem Kopf und Tarlo duckte sich instinktiv weg, als sie mit gewaltigem Platschen auf das Wasser traf. Die auf einem Haufen liegenden Metallglieder liefen über ihre Schulter in Richtung Meeresboden.

 

Tarlos Kopf schmerzte.

 

Mei Pa konzentrierte sich weiterhin auf ihre Aufgabe und starrte minutenlang auf die Wellen. Irgendwann spannte sie ihren Körper an und Tarlo war sich sicher, dass sie ins Meer stürzen würde. Doch dann begann sie, an der Kette zu ziehen, und das erste der an ihr angebrachten Netze landete an Deck. Es war prall gefüllt mit glitzernden Fischen in Gold, Weiß und Grün, die Kuo und Shi Ga herausholten und wie in einen zuckenden Wirbel aus Meerestieren auf das Boot warfen.

 

Langsam tauchte Tarlo die Leine seiner Kinderangel wieder ins Wasser.

 

Während die Pandaren arbeiteten, sah er, wie die Bierkrüge, Töpfe, Netze und Ködereimer übervoll mit sich windenden Fischen waren, die sogar in den Pfützen unter seinen Füßen schwammen. Auf dem Boot ging langsam der Platz aus. Und die Pandaren zogen noch mehr hinauf: einen düster dreinblickenden braunen Fisch mit plattem Gesicht und einem Tentakel über dem Kopf; einen dunkelbraunen Fisch, aus dem der Dampf wie aus einem sich abkühlenden Lavastein schoss; einen kleinen blauen Fisch, dessen Körper von dünnem, schimmerndem ... Eis ... bedeckt war.

 

„Die ... sind sehr köstlich“, sagte Mei Pa, während sie eine kurze Pause beim Sichern der Kette einlegte.

 

Nachdem sich nun einige weitere gefüllte Netze an Bord befanden, wurden Mei Pas Arme langsam müde. Kuo und Shi Ga waren herbeigekommen, um ihr zu helfen. Zu dritt ließen sie wieder ihren Frage-und-Antwort-Singsang erklingen und brüllten vor lauter Anstrengung beim Hochziehen der riesigen Angelkette.

 

Tarlo war zwar müde, hatte aber schon lange zuvor gelernt, dass Nichtstun inmitten einer wilden Aktivität die sicherste Möglichkeit ist, sich Überraschungen einzuhandeln, getötet zu werden oder beides nacheinander zu erleben. Er dachte daran, den Pandaren zur Hand zu gehen, als plötzlich ...

 

... etwas an seiner Leine zog.

 

Diesen würde Tarlo nicht verlieren. Er ignorierte den heißen Schauer des Schocks und spannte seine Arme an. Der Wind kühlte den Schweiß der Anstrengung auf Hals und Gesicht.

 

Was immer sich auch entschieden hatte anzubeißen, zog die Leine scharf nach links und Tarlo spürte, dass er wesentlich mehr als erwartet nachgab. Obwohl sein Rücken schmerzte, spannte er die Schultern an und stand auf, während die Leine sich erneut und scheinbar von dem Wesen unter Wasser gelenkt bewegte. Er zog in die Gegenrichtung, schaffte es so aber nur, die Rute gerade zu halten.

 

Für Tarlo waren Kraftproben nichts Neues. Er war mit brüllenden Tauren in voller Rüstung zusammengestoßen, hatte ihnen Keulen und Schwerter entrissen und ihre säulendicken Arme von seiner Kehle weggezogen. Aber das hier ... war etwas anderes. Die Kreatur, gegen die er kämpfte, um sie aus dem Wasser zu ziehen, schwamm durch Melasse, war behangen mit Gewichten und trat über eine dünne Leine an einem dürren Hölzchen im Armdrücken gegen ihn an. Er riss noch einmal an der Rute, aber seinen Widersacher näher an die Oberfläche, ans Boot oder sogar in eine gerade Bahn zu lenken, war ein ziemlicher Kampf.

 

Mit vor Anstrengung rotem Gesicht stieß er seinen Atem in unregelmäßigen Abständen aus. Die winzige Angelrute sprang in seinen Händen hin und her, zerkratzte sie und ließ seinen Arm so taub werden, als hätte er mit einem Schwert immer wieder auf eine Burgmauer eingeschlagen. Ein dumpfes Klatschen hinter ihm ließ ihn zusammenfahren, aber er wagte nicht, sich umzudrehen.

 

Die Rute war nach unten gebogen und bewegte sich nun immer unregelmäßiger. Tarlo zog sie nach hinten, holte Luft und stellte sich auf seine Zehen, um noch das letzte bisschen Hebelkraft herauszuholen. Seine Leine war so straff gespannt, dass er für kurze Zeit die aufrecht stehenden Fasern daran erkennen konnte, und er wusste, nun würde etwas kommen.

 

Er hatte nur nicht erwartet, dass es ein Fisch wäre. Ohne Vorwarnung ließ der Druck auf seine Arme nach und die goldenen Schuppen des zuckenden Fisches glänzten, als Tarlo ihn aus dem Wasser hievte. Er war wesentlichkleiner, als es eigentlich angebracht gewesen wäre. Auf jeden Fall kleiner, als er es nach dem Kampf, den er ihm geliefert hatte, erwartet hätte.

 

Der Fisch war kaum von den Dutzenden anderen Goldkarpfen zu unterscheiden, die in Unmengen in ihrem Boot umhersprangen, und Tarlo musste sich nur wenig Mühe geben, damit er sich nicht aus seinen Händen wand. Alle drei Pandaren hielten die Kette fest und bewegten sich wie in einer Choreografie, um sie wieder in ihre riesige Ausrüstungskiste zu legen, hielten jedoch gleichzeitig inne, als sie sahen, wie Tarlo seinen Fang über den Kopf hielt und dabei grinste, als hätte er gerade den Krieg gewonnen.

 

Während sie ihm zusahen, entfernte er den Haken aus dem mit dicken Lippen besetzten Fischmaul. Er warf das Tier in einen Wassereimer in seiner Ecke des Boots und lehnte sich zurück. Nummer eins.

***

 

Als sie den Fang des Abends verstauten, schwächte sich der Regen endlich zu einem Nieseln ab. Die Tropfen waren nun kleiner und Tarlo konnte sie sich sogar aus den Augen reiben, statt nur zu blinzeln. Er setzte sich neben Shi Ga.

 

Eigentlich wollte er eine Frage stellen: „Geht es jetzt zurück an Land?“

 

Heraus kam jedoch eine einfache Aussage: „Ich glaube, ich verstehe, warum Ihr mir diese Geschichte erzählen wolltet.“

 

„Hmmm?“ Shi Ga hob eine Augenbraue.

 

„Um zu beweisen, dass Ihr nicht verrückt seid. Aber auch ... als Inspiration, oder?“

 

Shi Ga lächelte. „Wir haben Euch die Geschichte von Xun nur erzählt, weil es eine gute Geschichte ist. Vielleicht bietet sie Euch aber auch noch mehr.“

 

„Und deshalb seid Ihr hier draußen? Um Fische zu fangen und Geschichten zu erzählen?“

 

„Wir setzen Xuns Arbeit fort. Nicht nur, um uns zu versorgen und zu überleben, sondern auch, um unser eigenes Vermächtnis zu finden. Um ... unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Seid Ihr nicht deshalb hierhergekommen?“

 

Tarlo dachte darüber nach. Was hatte er erwartet, auf Pandaria zu finden? Einen kalten Tod fern der Heimat? Ein Ende der Kämpfe? Dass er sein Abendessen fangen würde, hätte er sicherlich nicht gedacht. Beim Tiefseefischen im Gewitter zieht man alles Mögliche hoch.

 

Er nahm ein Ruder und gesellte sich zu den Pandaren. Zu viert im Gleichtakt.


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