Die blutende Sonne


Diese Kurzgeschichte steht auch als PDF-Datei zur Verfügung: Hier klicken!


Dezco umklammerte eine Locke seiner toten Frau und wartete auf den Beginn des Rituals.

 

Der Schrein der Zwei Monde zeichnete sich hinter ihm dunkel und still in der Nacht ab. Selbst auf der normalerweise belebten Goldenen Terrasse der Bergstadt herrschte Stille. Dafür war Dezco dankbar. Er und sein Stamm der Morgenjäger hatten die große Steinplattform ganz für sich. Ablenkungen waren nun nicht erwünscht.

 

Eine warme Böe wehte über die Terrasse und ließ die Federn des weißen Ebenenfalken und die kleinen erdfarbenen Holzamulette an Dezcos Hörnern, Handgelenken und Lederweste rascheln. Enttäuscht betrachtete er die zeremonielle Ausstattung. Zuhause in Mulgore hätte er angemessene rituelle Kleidung getragen. Aber hier, in diesem seltsamen und weit entfernten Land Pandaria, war er gezwungen, sich mit den verfügbaren Mitteln zu behelfen.

 

Leza würde es verstehen, sagte er sich. Es würde ihr nichts ausmachen.

 

Dezco legte seine Bedenken ab und starrte von der Terrasse auf die mondbeschienenen Hügel und Waldgebiete des Tals der Ewigen Blüten hinab. Selbst bei Nacht bot dieser Ort einen faszinierenden Anblick.

 

„Eine Quelle der Veränderung“ – so hatte Leza ihn genannt. „Ein Tal voller goldener Blüten, die erfüllt sind mit der Hoffnung auf Frieden.“

 

Monatelang hatte sie von dem Tal geträumt. Dezco und andere Tauren hatten es ebenfalls in Visionen gesehen, Leza jedoch am intensivsten. Ohne sie hätte der Stamm die anstrengende Reise nach Pandaria und in das tief im Herzen des Kontinents versteckte Tal niemals überstanden.

 

Die Suche war grausam gewesen. Heftige Stürme hatten drei Schiffe mit Dezcos Stammesmitgliedern zerstört. Freunde. Familie. Nachdem das letzte verbliebene Schiff den schwülen Dschungel an der Küste Pandarias erreicht hatte, gab es weitere Tote. Lezas Schwangerschaft hatte Dezco in dieser verzweifelten Situation noch weiter beunruhigt. Dann bekam seine Frau ein Fieber, das trotz aller Anstrengungen des Stamms unheilbar schien. Doch Leza blieb stets unerschütterlich – eine Hoffnungsträgerin, so wie es jeder Sonnenläufer zu sein strebte.

 

„Noch ist es Nacht“, hatte sie gesagt, „aber schon bald geht die Sonne auf. Ich kann es spüren.“

 

Als die Wehen schließlich einsetzten, war die Anstrengung zu groß für ihren kranken Körper. Sie starb Wochen, bevor der Stamm das Tal finden sollte, immer noch der festen Überzeugung, dass die Strapazen fast überstanden waren. Dezco erinnerte sich mit schmerzhafter Klarheit an diesen düsteren Tag: der letzte gequälte Schrei seiner Frau, als das Fieber das Leben aus ihren Adern saugte, seine vergeblichen Versuche, sie dem Tode zu entreißen, und später der Rauch und das Feuer, die bei ihrer Einäscherung aufstiegen ...

 

„Die blutende Sonne!“ Der Ruf eines der Tauren in Dezcos Rücken holte ihn wieder zurück in die Gegenwart.

 

Gedämpftes Licht vertrieb die Dunkelheit und legte sich in violetten und goldfarbenen Schattierungen über das Tal. Es war der Zeitpunkt vor der Morgendämmerung, dieser kurze Moment, in dem An'she, die Sonne, sich noch nicht zeigte, aber schon ein Schimmern seines Lichts in die Welt gelangte.

 

„Holt die Kinder.“ Dezco machte eine Handbewegung, hielt seinen Blick aber nach Osten gerichtet.

 

Lezas Cousine Nala kam still mit zwei Taurenkleinkindern auf dem Arm herbei. Zeremonielle Federn und Perlen baumelten an ihren winzigen Hörnern. Das erste Kind hieß Rothorn, das zweite Wolkenhuf. Dezco gab Nala die Locke aus der Mähne seiner Frau und nahm Lezas letzte Geschenke an ihn in die Arme.

 

„Fangt an!“, befahl Dezco. Sofort hämmerten zwölf hinter ihm sitzende Tauren mit ihren Fäusten auf kleine Ledertrommeln. Der Rhythmus war schnell, wie der Herzschlag eines Kriegers vor der Schlacht.

 

Während Nala Lezas Haar in Dezcos Mähne flocht, lehnte er sich zu seinen Söhnen hinunter. „Seht genau hin, meine Kleinen“, flüsterte er. Sie waren zu jung, um zu verstehen, was da vor sich ging, trotzdem wollte er es ihnen sagen. Seine Kinder gähnten und starrten mit halb offenen Augen nach vorn.

 

„Jeden Morgen blutet An’she“, fuhr Dezco fort. „Er opfert einen Teil seines Lichts, um uns zu zeigen, dass der Tag anbricht. Aber er ist nicht allein. Die Yeena'e helfen ihm. Eure Mutter hilft ihm.“

 

Am Tag zuvor waren die Zwillingsmonde zum ersten Mal seit Lezas Tod während des Tages erschienen – ein Zeichen dafür, dass ihr Geist sich endlich den Yeena’e angeschlossen hatte, den „Verkündern der Morgendämmerung“. Nun war sie in guter Gesellschaft, an der Seite aller anderen großen Ahnen, die gestorben waren, während sie Leben retteten oder, wie in Lezas Fall, Leben erschufen.

 

Der Trommelrhythmus wurde langsamer, als An’she über den unüberwindlichen Bergen des Tals zum Vorschein kam. Das Sonnenlicht glänzte auf den Feldern mit honigfarbenem Gras. Goldene Blätter raschelten an großen hellen Bäumen. Dezco hatte den Sonnenaufgang hier schon viele Male erlebt, war jedoch immer noch erstaunt über den Glanz von An’shes Licht. Es wirkte, als ob sein Blick nur auf das Tal gerichtet wäre und alle anderen Landstriche in der Reflexion seiner Helligkeit badeten.

 

Die Schönheit dieses Ortes war auf eine gewisse Weise auch grausam. Nachdem Dezco und sein Stamm im Tal eingetroffen waren, hätte es eigentlich einfacher werden sollen, doch das wurde es nicht. Es tobte ein Kampf. Die Winkelzüge der Horde wurden zu einem täglichen Ärgernis. Dutzende Flüchtlinge aus den vom Krieg gezeichneten Landstrichen nördlich der Region strömten auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und einer Pause von den Auseinandersetzungen zu allen Tages- und Nachtzeiten zum Schrein.

 

Vor einigen Tagen waren seine Jungen dann schließlich erkrankt, weinten nur noch und weigerten sich zu essen. Dezco und Nala hatten vergeblich versucht, herauszufinden, woran sie litten. An’she sei Dank schien es Rothorn und Wolkenhuf an diesem Morgen jedoch normal zu gehen. Vielleicht hatte das Ritual sie irgendwie geheilt, überlegte sich Dezco.

 

„Da.“ Nala trat einen Schritt vor und zeigte hinunter ins Tal.

 

Dezco warf einen Blick über das Geländer der Terrasse. Eine Gruppe von Personen war auf einem der ausgetretenen Trampelpfade unterwegs zum Schrein. Im Licht der Dämmerung wirkten ihre Schatten wie ausgestreckte Arme.

 

„Der Goldene Lotus“, sagte Dezco – er erkannte, dass ein Mitglied sich vom Rest der Gruppe unterschied. Mokimo der Starke besaß einen selbst aus der Ferne charakteristischen Gang. Wie alle Ho-zen hatte er lange, muskulöse Arme, die beim Gehen fast über den Boden schleiften. Dezco konnte die anderen Lotus-Mitglieder nicht erkennen, war jedoch überrascht, dass so viele der uralten Wächter des Tals zum Schrein kamen. Normalerweise hielten sie sich in der Goldenen Pagode auf, ihrem Sammelpunkt in der Mitte des Landes.

 

„Glaubt Ihr, dass es mit den Gerüchten zu tun hat?“ In Nalas Stimme lag ein Hauch von Besorgnis.

 

„Auf Gerüchte sollte man nie vertrauen“, antwortete Dezco. Er hatte das Getuschel gehört über die Hüter des Tals, die sich heimlich treffen und aus unbekannten Gründen verschiedene Orte in der ganzen Region aufsuchen sollten. Als Vermittler zwischen dem Lotus und Dezcos Volk hätte Mokimo es eigentlich erklären können, hatte sich jedoch seit mehr als einer Woche nicht mehr beim Schrein blicken lassen. Trotzdem gab es Dezcos Meinung nach keinen Grund zur Sorge. Der Lotus war zwar ein geheimnisvoller Orden, aber auch ein treuer Verbündeter.

 

„Ich weiß.“ Nala nickte langsam. „Aber die Jungen machen mir mehr Sorgen. Wir wissen nicht, ob die Krankheit schon verschwunden ist. Ein Besuch könnte es noch verschlimmern.“ Sie streichelte Rothorns Wange. Seit Lezas Tod ging der Schutz der Kinder ihrer Cousine über alles. Dezco hatte Verständnis für sie. So weit von zu Hause entfernt waren die Kleinkinder fast die einzige Familie, die sie hatte.

 

„Bringt sie rein, solange der Lotus hier ist“, sagte Dezco und fügte hinzu: „Nach der Zeremonie.“

 

Danach drehte er sich wieder zur aufsteigenden Sonne. Laute Stimmen und schwere Schritte hallten über die Terrasse, als Frühaufsteher aus den katakombenartigen Hallen des Schreins strömten. Händler stellten ächzend ihre klapprigen Stände auf. Flüchtlinge hockten beieinander und teilten sich ihr Essen. Orcs, Blutelfen und andere Mitglieder der Horde, die Dezco in das Tal gefolgt waren, fanden sich auf der Terrasse ein.

 

Das Trommeln verstummte, als An’she in seiner ganzen strahlenden Pracht über den Bergen aufstieg.

 

Einen Moment lang spürte Dezco ein Gefühl des Friedens. Vielleicht würden heute die Probleme ein Ende haben, dachte er mit vorsichtigem Optimismus. Vielleicht war der Morgen, von dem Leza immer gesprochen hatte, schließlich doch noch gekommen.

***

 

Dezco wies zusätzliche Wachen an, in Vorbereitung auf die Besucher für Ruhe und Ordnung auf der Terrasse zu sorgen. Er wohnte nun schon seit Wochen beim Schrein und hatte als effektiver Anführer der Stadt nahezu täglich mit Kämpfen und Streitigkeiten unter den Mitgliedern der Horde zu tun gehabt. Nie hatte es ernste Probleme gegeben, aber ihm graute davor, dass der Lotus sah, wie chaotisch die Zustände sein konnten. Der Orden hatte Dezco und sein Volk in einem Land, das der Lotus seit vielen Jahrhunderten bewachte, mit offenen Armen empfangen. Es lag in der Verantwortung des Tauren, dieses Vertrauen zu ehren.

 

Nachdem er seine rituelle Kleidung abgestreift und die Rüstung angelegt hatte, wartete Dezco mit vier Morgenjägerwachen an einer der großen geschwungenen Treppen, die zur Terrasse führten, auf den Lotus. Zwei goldene Statuen erhoben sich zu beiden Seiten der Stufen. Die monströsen Figuren hatten wilde Fratzen und hielten Speere mit langen Klingen in Richtung der Treppe, als ob sie jeden vertreiben wollten, der den Aufstieg wagte. Allein ihr Anblick brachte Dezcos Blut zum Kochen.

 

Es waren Mogu, ein brutales Volk, das einst über das Tal geherrscht und mit dessen Macht ein Reich des Hasses und der Überlegenheit errichtet hatte. Dezco hatte schon gegen einige von ihnen gekämpft – mächtige und erbarmungslose Gegner ohne jede Ehre. Zum Glück war ihr Reich schon vor langer Zeit zerfallen.

 

Aber alles war im Umbruch. Ein Clan der Mogu, die Shao-Tien, hatte es geschafft, ins Tal einzudringen. Dezco waren zahlreiche Berichte über ihre wachsende Anzahl zu Ohren gekommen. Während er an der Treppe wartete, fragte er sich, ob der Krieg zwischen den Shao-Tien und dem Lotus eine neue Wendung genommen hatte. Warum sonst sollten so viele Hüter des Tals sich auf den Weg zum Schrein machen?

 

Die Frage ging ihm durch den Kopf, bis die Besucher eintrafen. Dezco war froh, dass er sich die Zeit genommen hatte, auf der Terrasse für Ordnung zu sorgen, als er Zhi den Harmonischen unter den Hütern erkannte. Nur wenige auf diesem Kontinent respektierte er mehr als den weisen Pandarenanführer des Goldenen Lotus.

 

„Ich hoffe, wir stören niemanden. Wir haben Trommeln gehört“, sagte Zhi, als Dezco ihn und die anderen Mitglieder des Lotus in den Schatten eines Buzaobaums in der Mitte der Terrasse führte.

 

„Nein, überhaupt nicht. Das war ein Ritual zu Ehren meiner Frau, aber es war bei Anbruch der Dämmerung zu Ende.“

 

„Eure Frau, ja.“ Zhi nickte mit ernstem Blick. „Ehren alle Tauren ihre Toten auf diese Art?“

 

„Einige. Das Ritual ist sehr alt. Bevor die Sonnenläufer es mit neuem Leben erfüllten, war es schon fast in Vergessenheit geraten. Die Zeremonie passte gut zu unserem Glauben.“

 

„Interessant.“ Zhi strich sich über seinen geflochtenen grauen Bart. „Ich habe viele Fragen über Euren Orden. Ich erkenne viele Gemeinsamkeiten mit dem Lotus. Wenn die Tumulte im Tal beigelegt sind, müssen wir uns unterhalten.“

 

„Sehr gerne“, sagte Dezco, während er zu den anderen in der Nähe stehenden Mitgliedern des Lotus hinüberschaute. Der Tauren hatte bei seinem Eintreffen im Tal einige von ihnen schon kennengelernt, doch nur kurz. Ein bekanntes Gesicht gehörte Weng dem Gnädigen, einem rundlichen, leise sprechenden Pandaren, der beim Schrein zum lebenden Inventar gehörte.

 

Und dann war da noch Mokimo. Der riesige Ho-zen trug Teile einer stabilen Rüstung aus Holz und Eisen. Sein Haar hatte er zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Büschel aus weißgrauem Fell umrahmten sein langes, unbehaartes und mit blaugrüner Farbe bemaltes Gesicht. Mokimo schaute sich verstohlen auf der Terrasse um und spuckte ein Kauderwelsch in seiner Muttersprache aus.

 

„Keine Jungen?“, fragte der Ho-zen schließlich, sodass es auch Dezco verstehen konnte.

 

„Sie benötigen leider Ruhe, da sie schon vor der Morgendämmerung aufgewacht sind.“

 

„Ich verstehe.“ Enttäuscht ließ Mokimo seinen weißen Schwanz fallen.

 

„Vielleicht später.“ Dezco klopfte dem Ho-zen herzlich auf den Rücken, obwohl er froh war, dass sich seine Söhne bei Nala im Schrein befanden. Zu Dezcos Bestürzung war die Krankheit nach der Yeena’e-Zeremonie zurückgekehrt. Außerdem hatte er das Gefühl, dass jeden Moment etwas Schlimmes passieren könnte, wann immer sich Mokimo in der Nähe seiner Kinder aufhielt. Die Ho-zen waren ein wildes Volk, das zu spontanen Aktionen und Schabernack neigte. Mokimo sprach und verhielt sich zwar eher wie ein Pandaren, aber die Kinder schafften es immer wieder, den Ho-zen in ihm hervorzulocken.

 

„So wie Mokimo von ihnen spricht, könnte man denken, es seien seine Jungen“, lachte Zhi. „Ich habe aber auch schon an die Kinder gedacht. Sind sie gesund?“

 

„Nun ja ...“, sagte der Tauren und hielt inne. Er wollte Zhi mit der Krankheit nicht beunruhigen, besonders da er nicht wusste, wie schwerwiegend sie war. „Sie wachsen schnell. Alles normal.“

 

„Ich verstehe.“ Zhi schien einen Moment lang tief in Gedanken versunken zu sein. Dann schüttelte er den Kopf, als ob er wieder klar werden wollte, und schaute Dezco an. „Wir sollten an die Arbeit gehen. Ich weiß, dass Ihr sehr beschäftigt seid. Ich möchte Euch nicht noch länger von Euren Pflichten abhalten, als ich es bereits getan habe.“

 

Zhi gab den wartenden Mitgliedern des Lotus ein Handzeichen und alle setzten sich sofort in Bewegung. Einige liefen zu einer Flüchtlingsgruppe in der Nähe des Eingangs zum Schrein. Die anderen öffneten die Schlösser einer großen Holztruhe, die sie mitgebracht hatten.

 

„Teilt es mir bitte mit, wenn ich Euch irgendwie helfen kann“, sagte Dezco mit wachsender Neugier.

 

„Ich wünschte, das könntet Ihr. In Wirklichkeit sind wir jedoch auf Geheiß der Erhabenen gekommen.“

 

Dezco versuchte, sein Erstaunen zu verbergen. Die Erhabenen hatten sie hierher geschickt? Zhi hatte ihm einst erzählt, dass die vier großen Geister schon über Pandaria wachten, als es noch keine Geschichtsaufzeichnungen gab. Nach Dezcos Verständnis glichen sie Göttern. Es waren die Erhabenen, die das Tal vor nicht allzu langer Zeit für Außenstehende geöffnet hatten, da sie glaubten, dass Leute wie Dezco und seine Tauren dem Lotus bei der Verteidigung der Region helfen konnten.

 

„Wie Ihr wisst“, fuhr Zhi fort, „ist das Tal groß und der Lotus zählt nur wenige Mitglieder. Da die Shao-Tien langsam vordringen, fürchte ich, dass wir bald noch weiter dezimiert werden. Wir sind gekommen, um nach neuen Mitgliedern Ausschau zu halten.“

 

„Manche Hordenkämpfer würden sich geehrt fühlen, dem Lotus beizutreten“, sagte Dezco.

 

„So einfach ist das leider nicht. Die Erhabenen leiten uns bei dieser Aufgabe. Sie teilen uns genau mit, nach wem wir suchen sollen ... Zumindest bis jetzt. Die großen Geister sind verstört. Ihre Botschaften sind unklar geworden. Vor Kurzem haben sie mir gesagt, dass es hier im Tal einen würdigen Hüter gibt. In der Vergangenheit hat unser Orden immer außerhalb der Region nach neuen Mitgliedern gesucht. Dann erkannte ich, warum die Geister uns hierher geführt haben: In diesem Land sind nun auch viele andere Völker zu Hause.“

 

„Meister Zhi!“, rief Weng über die Terrasse. „Wir sind bereit!“

 

Neben Weng hatte man einen silbernen Gong aufgestellt, verziert mit den Symbolen der vier Erhabenen: Niuzao der Schwarze Ochse, Yu'lon die Jadeschlange, Xuen der Weiße Tiger und Chi-Ji der Rote Kranich. Einige Pandarenflüchtlinge hatten sich vor dem Gong versammelt.

 

„Einen Moment noch!“, antwortete Zhi und drehte sich wieder zu Dezco um. „Vor uns steht nur noch eine einfache Prüfung. Sie wird nicht lange dauern. Danach können wir reden.“

 

„Ich ...“, setzte Dezco an, aber Zhi war bereits auf dem Weg zum Gong. Der Tauren starrte enttäuscht hinterher. Er hatte gehofft, dass der Lotus ihn um etwas bitten würde, um irgendeine Art von Hilfe. Die Horde bot zwar Unterstützung für den Krieg, aber Dezco fühlte sich immer nutzloser. Er verbrachte fast seine gesamte Zeit damit, über den Schrein zu wachen.

 

Mokimo lief zu Dezco, während Zhi seine Worte an die Flüchtlinge richtete.

 

„Oh, ich hoffe, dass es funktioniert“, sagte der Ho-zen händeringend. „Diese Woche sind wir in jedem Winkel des Tals gewesen. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Jungen wir dieser Prüfung unterzogen haben.“

 

„Junge?“, fragte Dezco. Plötzlich bemerkte er, dass alle beim Gong stehenden Flüchtlinge kleine Kinder auf den Armen hatten.

 

„Unsere Mitglieder werden immer im frühen Kindesalter auserwählt. Als ich noch ein Kind war, reiste Zhi zu meinem Dorf im Jadewald, um mir ein neues Leben zu ermöglichen. Aber nun müssen wir auf andere Mittel zurückgreifen, um Mitglieder zu finden. Vor drei Tagen haben wir den Singenden Gong angeschlagen. Er schickt einen Ruf an alle Kinder, die auf irgendeine Art und Weise mit den Erhabenen verbunden sind. Nun ja, so steht es zumindest in den alten Schriften. Erst vor Kurzem haben wir diese Prüfung zum ersten Mal abgehalten.“

 

„Vor drei Tagen ...“, sagte Dezco, eher zu sich selbst. Er versuchte sich zu erinnern, wann Rothorn und Wolkenhuf krank geworden waren. Es hätte vor drei Tagen sein können. Oder war es vielleicht doch schon länger her? Er konnte es nicht genau sagen.

 

„Was geschieht, wenn der Gong erklingt?“, fragte er Mokimo.

 

„Ich weiß es nicht. Niemand weiß das so genau. Ich schätze, dass die Kinder sich unwohl fühlen werden. Fast wie bei einer Krankheit. Hierdurch soll klar werden, welche Kinder Potenzial besitzen. Das zweite Anschlagen des Gongs soll bei den betroffenen Jungen für eine Linderung sorgen und bestätigen, dass sie auserwählt wurden. Danach gibt es dann eine Art Zeichen der Erhabenen.“

 

Dezcos Herz schlug schneller. Schweißperlen tropften von seiner Schnauze. Eine Krankheit ...

 

Ein Mitglied des Lotus überreichte Zhi einen eisernen Klöppel. Der Älteste nahm ihn in seine Pfoten und schlug den Gong kräftig an. Die silberne Scheibe vibrierte und schwang nach vorn, doch ohne einen Klang von sich zu geben – zumindest keinen, den Dezco oder sonst jemand hören konnte. Keines der Pandarenpaare oder ihrer Jungen reagierte. Und es gab kein Zeichen der Erhabenen.

 

„Es ist nichts geschehen.“ Erleichtert dachte Dezco an seine Kinder. Und warum sollte mit ihnen auch etwas geschehen sein? Der Goldene Lotus bestand aus Mitgliedern der pandarianischen Völker: Jinyu, Pandaren, Ho-zen und andere, die seit vielen Tausend Jahren mit diesem Ort verbunden waren. Seine Kinder waren Tauren. Fremde.

 

„Nichts ...“ Mokimo senkte den Kopf. Die anderen Mitglieder des Lotus schauten sich um, als ob sie nach einer Erklärung suchten für das, was passiert war. Traurig drehte Zhi den Klöppel in seiner Pfote um. Er tat Dezco leid. Die Mitglieder des Ordens hatten so lang in Frieden gelebt. Nun stand der Krieg vor der Tür. Nun waren die Erhabenen, die sie geleitet hatten, –

 

Jemand in der Menge schrie.

 

Der Gong vibrierte stark. Wie Spinnennetze bildeten sich von der Mitte der Scheibe ausgehende Risse. Das silberne Artefakt zerbrach in tausend Stücke und fiel auf den Boden der Terrasse. Eine goldblaue Lichtkugel schwebte in der Luft. Langsam verformte sie sich und wurde zu einem riesigen Kranich. Die Kreatur streckte ihren Hals nach vorn und schüttelte ihr gelbes, rotes und weißes Federkleid.

 

„Chi-Ji“, sagte Zhi mit aller Ruhe. Er und die anderen Mitglieder des Lotus verbeugten sich gemeinsam.

 

„Der Ruf wurde beantwortet“, sagte der Avatar des Roten Kranichs mit donnernder, überirdischer Stimme. Der Erhabene war mehr als doppelt so groß wie Dezco. Er schaute sich nacheinander alle Pandarenjungen an.

 

„Hier nicht“, sagte er schließlich. Der Kopf des Erhabenen schnellte in Richtung der aus dem Berg herausragenden vergoldeten Vorderseite des Schreins. Plötzlich durchquerte er das riesige Tor der Stadt. Die Menge blieb einen Moment lang stehen und stürmte dann dem Roten Kranich hinterher.

 

In Gedanken bei Rothorn und Wolkenhuf drängte sich Dezco nach vorn. Durch die gewölbten Gänge des Schreins lief er zur Sommerrast. Er ging davon aus, dass Nala die Jungen in das Gasthaus an der östlichen Seite der Festung gebracht hatte.

 

Davon ging auch Chi-Ji aus.

 

Zu Dezcos Entsetzen war der Rote Kranich bereits dort und ragte über eine der aus Holz und Papier gefertigten Trennwände zur Unterteilung der „Zimmer“ des Gasthauses. Im Innern stand Nala in Verteidigungsstellung vor zwei kleinen Wiegen.

 

„Ihr seid nicht die Mutter“, sagte Chi-Ji verwundert.

 

Dezco eilte an dem Erhabenen vorbei und legte seine Hand auf Nala, um sie zu beruhigen. Rothorn und Wolkenhuf schauten aus ihren Wiegen nach oben. Zum ersten Mal seit Tagen kicherten sie und streckten ihre Arme nach Chi-Ji aus.

 

„Das kann nicht stimmen.“ Mit aller Kraft hielt Dezco seine Stimme im Zaum.

 

„Ihr seid der Vater.“ Die unerbittlichen und feurigen Augen des Erhabenen brannten wie zwei Sonnen, als er seinen Blick auf Dezco richtete. Der Tauren spürte, wie der Rote Kranich in ihn hineinblickte und seine Gedanken und Erinnerungen durchsuchte. „Die Mutter ist fort. Sie starb bei der Geburt. Aber im Tode gebar sie zwei neue Leben.“

 

Chi-Ji legte seinen Kopf auf die Seite. „Ihr nennt sie Rothorn und Wolkenhuf, doch das sind nicht ihre wahren Namen.“

 

„Nicht ihre wahren Namen?“ Mokimo drängte sich durch die Flüchtlinge, die Mitglieder des Goldenen Lotus und die Kämpfer der Horde, die sich neugierig um die Trennwand versammelt hatten.

 

„Nein.“ Dezco schaute den Roten Kranich entgeistert an. Rothorn und Wolkenhuf waren ihre Kindernamen – eine von seinem Stamm fortgeführte seltene Tradition. Eines Tages würden sie ihre wahren Namen annehmen: einen für einen alten und lieben Freund, der im Dschungel an der Küste Pandarias gestorben war, und den anderen für einen neuen Freund, der seinem Stamm geholfen hatte.

 

„Zwillinge habe ich nicht vorhergesehen.“ Chi-Jis Avatar drehte sich zu Zhi. „Nur einer muss dem Tal dienen.“

 

„Ich verstehe.“ Zhi nickte. Die ruhige Fassade des Ältesten war zerbröckelt. Auf seinem Gesicht lag eine tiefe Erschütterung. Dezcos und sein Blick trafen sich. „Kinder aus der Ferne ... Das habe ich nicht erwartet, mein Freund“, sagte der Anführer des Goldenen Lotus. „Natürlich ist es mir in den Sinn gekommen, aber ich hätte nie gedacht, dass es wirklich passieren könnte.“

 

„Das sind meine Söhne.“ Dezco bemühte sich, diesem Geschehen einen Sinn abzugewinnen. Alles hatte sich so schnell entwickelt. „Ihr bittet mich ...“

 

„Das zu beschützen, zu dessen Schutz Ihr solch eine weite Reise unternommen habt“, antwortete der Rote Kranich. „Den Traum Eurer Frau zu ehren. Dem Tal ein Opfer zu bringen, wie sie es getan hat. Es ist gut, dass Ihr zwei Kinder habt. Eines wird dem Tal helfen, das andere wird bei Euch bleiben. Nun müsst Ihr nur noch die Wahl treffen.“ Chi-Jis Avatar begann, sich wie Rauch in Luft aufzulösen.

 

„Wartet!“, rief Dezco.

 

Aber es gab keine Antwort. Der Rote Kranich war verschwunden. Die Mitglieder des Lotus klatschten zur Feier dieses Ereignisses. Hinter ihnen drängten sich einige Flüchtlinge zu den Kindern vor. Man sah nur ein Meer aus Gesichtern. Nala stieß einen Pandaren, der seine Hand nach Rothorn ausstreckte, krachend gegen die Trennwand.

 

Jemand gab Dezco einen harten Klaps auf den Rücken. Er drehte sich in Abwehrhaltung um und sah den breit grinsenden Mokimo. „Was für ein Tag!“, brüllte der Ho-zen über den Lärm der Menge hinweg. „Was für ein glorreicher Tag das doch geworden ist!“

***

 

Die Wahl treffen ...

 

Chi-Jis Befehl spukte wie ein unruhiger Geist stundenlang in Dezcos Kopf. Als ihn sein zielloses Umherlaufen auf die Goldene Terrasse führte, war An’she schon längst am westlichen Horizont verschwunden.

 

Rothorn und Wolkenhuf schliefen friedlich in zwei Körben, die Dezco nach ihrer Geburt gebaut hatte – einen trug er auf dem Rücken und einen an seiner Brust. Die Körbe waren durch ein Seil verbunden, das über seinen Schultern hing. Die gesamte Konstruktion hatte sich während seiner Reisen durch Pandaria als großer Segen erwiesen, da so nicht nur seine Jungen in der Nähe, sondern auch Schild und Streitkolben immer griffbereit waren. In diesen Landstrichen gab es so viele Gefahren, dass er seine Kinder niemals auch nur für kurze Zeit aus den Augen ließ.

 

Meine Waffen helfen mir jetzt aber herzlich wenig, dachte er, als er über die Terrasse schaute. So spät in der Nacht war sie fast völlig leer. Ein paar Orcs kauerten unter dem Buzaobaum und schärften im Licht einer einzelnen Laterne ihre Schwerter mit Wetzsteinen. In der Nähe des Eingangs zum Schrein führten Blutelfen in langen, wallenden Roben eine hitzige Diskussion über die magischen Eigenschaften des Tals. Normalerweise hätte Dezco sie gegrüßt, aber in dieser Nacht ging er wortlos an ihnen vorbei.

 

„Eine einmalige Gelegenheit, wenn Ihr mich fragt“, hört er einen der Orcs seinen Kameraden zuflüstern. „Das Tal birgt Macht in sich, oder? Deshalb sind wir hier. Nun ja, die Allianz ist auch hier. Momentan liegen wir gleichauf. Aber wenn wir ein Mitglied der Horde im Lotus hätten ...“

 

„Seid kein Dummkopf“, antwortete ein anderer. „Der Kleine würde nicht mehr zu uns gehören. Die Horde würde dem Kind nichts bedeuten. Seht euch Mokimo an. Der verhält sich auch nicht wie die anderen Ho-zen, die wir getroffen haben. Der Lotus hat ihm seine Kultur genommen. Seine Identität.“

 

Dezco ging schnell außer Hörweite der Unterhaltung. Er hatte diese Auseinandersetzungen schon Hunderte Male mitbekommen. Der Tag war wie im Traum vergangen. Nein – wie in einem Alptraum. Er konnte sich nur noch bruchstückhaft daran erinnern: an den Goldenen Lotus, dessen Mitglieder ihm gratuliert hatten und in Windeseile wieder verschwunden waren, an endlose Besprechungen mit den anderen Hordenkämpfern über das, was geschehen war, und an einen stetigen Strom von Flüchtlingen, die seine Kinder sehen wollten, als wären sie zu heiligen Relikten geworden.

 

Er war froh, nun allein zu sein. Schon vor Stunden hatte er die Geduld verloren und seine Berater – selbst Nala – weggeschickt. Dezco seufzte, frustriert darüber, wie der Tag so gut begonnen hatte und dann so sehr im Chaos versunken war.

 

Er stellte seinen Kristallstreitkolben und den gezackten Schild an das lackierte Holzgeländer am Rand der Terrasse. Vor ihm sah er vereinzelte Fackeln und Lagerfeuer in dem dunklen Gelände. Fünf hochheilige Teiche leuchteten gespenstisch blau in der Ferne. Mokimo hatte oft von ihnen erzählt. Sie waren die Macht des Tals – seine Lebenskraft. Vielleicht waren Dezco und sein Volk hierher geführt worden, um sie auf irgendeine Weise zu beschützen oder zu verwenden.

 

Es gab insgesamt sechs Teiche, von denen jedoch einer tief im Mogu'shanpalast verborgen lag. Gerade eben noch konnte er die Fassade der kolossalen Festung erkennen, des in das östliche Gebirge des Tals gebauten einstigen Sitzes des Mogureichs.

 

Er fand es seltsam, dass der Lotus die Statuen und Gebäude der ehemaligen Herrscher des Tals nie abgerissen hatte. Sie stehen zu lassen erschien ihm wie eine Einladung an die Mogu, zurückzukehren. Als er sich mit diesen Bedenken einmal an Mokimo gewandt hatte, bekam er folgende Antwort: „Die Mogu glaubten, das Tal diente ihnen. Der Lotus glaubt, wir dienen dem Tal. Wir lassen die Statuen als Mahnung vor Arroganz und Eitelkeit stehen.“

 

Damals hatte Dezco diese Weisheit fasziniert, aber nun erschienen ihm die Worte leer. Eine Ausrede für Untätigkeit. Wenn die Erhabenen so mächtig waren, warum hatten sie dann die Moguangreifer nicht vertrieben? Wenn das Tal eine Quelle der Hoffnung und des Friedens war, wie Leza gedacht hatte, warum halfen die aus diesem Land aufsteigenden Energien dem Goldenen Lotus nicht, den Krieg schnell zu beenden? Dezco atmete lang und tief ein. Zu viele Fragen. Zu viele Ungewissheiten.

 

„Eine schöne Nacht, nicht?“, fragte jemand.

 

Der Tauren drehte sich um, als Mokimo langsam auf ihn zuging.

 

„Ihr seid zurückgekehrt“, sagte Dezco schroff. Der Ho-zen war mit den anderen Mitgliedern des Lotus nach der Prüfung verschwunden und hatte es dem Tauren überlassen, den Ereignissen des Tages einen Sinn zu geben. Mokimo schien nie da zu sein, wenn man ihn brauchte.

 

„Gerade eben.“ Der Ho-zen lehnte sich neben Dezco an das Geländer. „Zhi hat mich gebeten, ihn zu begleiten. Wir haben einige Mitglieder meines Ordens getroffen, die aus der Schlacht zurückgekehrt sind. Es kommen mehr Shao-Tien in das Tal, als wir erwartet haben. Ich bin froh, dass Ihr die Verteidiger nicht gesehen habt. Sie standen kurz vor der Verzweiflung ... Sie hatten solche Angst.“

 

„Das tut mir leid.“ Dezcos Frustration verschwand bei dem Gedanken an weitere Siege der Mogu.

 

„Aber als wir ihnen vom Roten Kranich und euren Jungen erzählt haben ... waren sie wie verändert! Gerade noch herrschte Sorge und kurz darauf schon Freude. Aus der Verzweiflung ist Hoffnung geworden!“ Mokimo hüpfte auf seinen stämmigen kurzen Beinen auf und ab.

 

„Es sind Kinder“, sagte Dezco. „Sie würden den Krieg nicht beeinflussen.“

 

„Wir vom Lotus leben und sterben für das Morgen. Der Rote Kranich hat uns eine Zukunft versprochen. Er wäre nicht hierher gekommen, wenn er nicht glauben würde, dass wir eine neue Generation von Beschützern brauchen.“ Mokimo zog eine kleine Holzschnitzerei aus seiner Tunika und stellte sie vor Dezco auf das Geländer. „Hier. Das hat jemandem aus meinem Orden gehört. Gestern wurde er getötet. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, ihn zu ehren, als es euch zu geben.“

 

Dezco sah sich das Objekt genauer an: eine kunstvoll gefertigte Schnitzfigur, die den Roten Kranich darstellte. Seltsame Zeichen einer Sprache, die er nicht verstand, liefen in Spiralen von den Füßen bis zum Schnabel um Chi-Jis Körper. Es war zwar nur ein Stück Holz, aber es bewirkte eine innere Unruhe in ihm.

 

„Die Worte bedeuten: Das Schicksal ist der sich stets verändernde Wind. Das Leben ist die sich im Nu auflösende Wolke. Das Tal ist der endlose Himmel. Ein altes Sprichwort unseres Ordens. Es erinnert uns daran, dass selbst die schlimmsten Zeiten Hoffnung bergen. Dass unser Kampf im Tod nicht endet. Ich dachte, dass es Euch vielleicht gefällt. Ihr sprecht oft von Eurer Frau und dem Morgen, die sie kommen sah.“

 

„Mokimo, Ihr wisst, dass ich Euch helfen möchte. Aber ich ...“, setzte er an, hielt jedoch inne, als er den freudigen Ausdruck im Gesicht des Ho-zen sah. Er konnte sich nicht dazu überwinden, Mokimos Traum zu zerstören. Er war sich nicht einmal sicher, ob der Hüter es verstehen würde. Der Lotus ging anscheinend davon aus, dass kein Zweifel daran bestand, dass Dezco sich entscheiden würde. Man erwartete es von ihm. „Wir müssen jetzt nicht darüber reden“, sagte Mokimo. „Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Zhi hat mir gesagt, dass ich erst mit Euch reden soll, wenn Ihr mehr Zeit zum Nachdenken und Entscheiden hattet. Ich wollte Euch einfach nur dieses Geschenk geben. Ich wollte Euch danken.“ Der Ho-zen entfernte sich vom Geländer. „Ich gehe besser. Wahrscheinlich suchen sie mich schon bei der Pagode.“

 

Mokimo eilte die Treppe der Plattform hinunter. Dezco nahm die Schnitzfigur von Chi-Ji vom Geländer. Nun müsst Ihr nur noch die Wahl treffen, dröhnte die Stimme des Erhabenen in seinem Kopf. Welche denn?, wollte er zurückrufen. Der Lotus sah seine Kinder nun als Erlöser an. Wenn Dezco sich widersetzte und im Tal blieb, wusste er, dass man ihn und seine Söhne als Schande betrachten würde, als ständige Erinnerung an einen geplatzten Traum.

 

Dezco stellte die Figur zurück auf das Geländer und nahm Rothorn und Wolkenhuf aus ihren Körben. Er hielt sie fest in den Armen und stellte sie sich in den kommenden Jahren vor, wie sie die Gepflogenheiten der Sonnenläufer erlernen, ihm beim Durchführen von Ritualen zu Ehren von An’she und der Erdenmutter helfen und von Lezas Tapferkeit im Angesicht des Todes erfahren würden.

 

„Leza ...“, flüsterte Dezco. Er wünschte, sie wäre an seiner Seite, und fragte sich, was sie wohl getan hätte. Plötzlich kam ihm etwas in den Sinn, das seine Frau kurz vor ihrem Tod gesagt hatte. Mein Liebster ... was auch immer geschieht ... Du musst unser ... unser Kind beschützen ... Sie hatte keine Ahnung, dass sie Zwillinge gebären würde. Auf Dezco wirkte ihr letzter Wunsch daher umso eindringlicher.

 

Und seine Entscheidung war klar.

 

„Das werde ich“, sagte er, während er hinunter zu seinen Jungen blickte.

 

„Nala!“, rief Dezco und drehte seinen Kopf. Er ging davon aus, dass sie sich irgendwo in den Schatten in der Nähe aufhielt. Obwohl er sie fortgeschickt hatte, kannte er sie zu gut, um nicht zu erwarten, dass sie ihm folgen würde.

 

Lezas Cousine kam hinter dem Buzaobaum hervor. „Die Mitglieder des Lotus verstehen es nicht, oder?“

 

„Es ist nicht ihre Schuld.“

 

„Was sollen wir tun?“, fragte Nala, als sie zum Geländer ging.

 

„Wir ...“, sagte Dezco. „Ich übertrage Euch die Verantwortung für den Schrein.“

 

„Was?“ Nala starrte ihn völlig perplex an. „Wie lang?“

 

Dezco warf einen letzten Blick auf die Statue von Chi-Ji. „Für immer.“

***

 

Bei Anbruch der Morgendämmerung verließ Dezco den Schrein mit Rothorn und Wolkenhuf, die in ihren Körben warm eingepackt waren. Beim Abschied von Nala waren zwar reichlich Tränen geflossen, letztendlich hatte sie jedoch verstanden. Sie war eine Sonnenläuferin und wusste, dass es immer nur einen wahren Weg und eine richtige Entscheidung gab.

 

Was könnte der wahre Weg sein, wenn nicht für die Sicherheit der Familie zu sorgen? Die Familie zusammenzuhalten?

 

Nalas Sorgen rührten eher von ihrem Wunsch her, Dezco zu begleiten und sich um die Kinder zu kümmern, aber er brauchte sie beim Schrein. Niemand sonst hätte seiner Meinung nach sicherstellen können, dass dort nicht alles im Chaos endete. Wie Leza wusste auch Nala, wann sie resolut auftreten und wann sie nachgiebig sein musste. Sie war eine geborene Anführerin.

 

Außerdem wollte Dezco so viel Abstand wie möglich von seinen Kameraden bekommen. Es war seine Entscheidung und nur seine. Er wusste nicht, wie der Goldene Lotus – oder, was noch viel wichtiger war, der Rote Kranich – reagieren würde. Auf keinen Fall wollte er die Position der Horde im Tal gefährden. Dieses Land hatte trotz der jüngsten Ereignisse eine Bedeutung für die Zukunft seines Volks.

 

Dezco schämte sich, Mokimo im Dunkeln gelassen zu haben, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Ein klarer Schnitt, auch wenn er den Tauren schmerzte, war die beste Entscheidung. Er würde es den Mitgliedern des Lotus erleichtern, weiterzumachen.

 

Der Tauren legte in den Morgenstunden eine weite Strecke zurück. Er blieb den Hauptstraßen fern und nahm den Weg durch das nördliche Vorgebirge. Er rechnete damit, vor Einbruch der Nacht das aus dem Tal führende Tor der Himmlischen Erhabenen zu erreichen.

 

Gegen Mittag hielt er am Fuß eines kleinen Hügels an und setzte seine Kinder auf den Boden. Er holte einen Schlauch mit einem Gemisch aus Kräutern und Yakmilch hervor, das Nala ihn gelehrt hatte zuzubereiten. Sie hatte ihm versichert, dass dieses Getränk für die Gesundheit seiner Söhne sorgen würde, bis er Mulgore erreichte und eine weibliche Tauren fand, die sich richtig um sie kümmern konnte. Sie hatte ihn allerdings nicht davor gewarnt, wie sehr seine Jungen das Gebräu verabscheuen würden. Nach einem Schluck begannen beide zu weinen und weigerten sich, zu trinken.

 

„So schlimm ist das doch gar nicht“, grummelte Dezco und nahm einen Schluck der Mixtur. Das dickflüssige, unerträglich bittere Getränk löste bei ihm einen heftigen Hustenanfall aus, woraufhin Rothorns und Wolkenhufs Weinen sich schnell in Lachen verwandelte.

 

„Es ist nicht klug, sich Älteren gegenüber so respektlos zu verhalten“, knurrte Dezco scherzhaft.

 

Dezco wollte gerade noch einmal versuchen, ihnen die Mischung einzuflößen, als der Boden zu beben begann. Drei von Yaks gezogene, bis zum Rand mit Pandaren gefüllte Wagen donnerten über die Hügelkuppe. Die Yaks schnaubten und vor ihren Mäulern schäumte der Speichel.

 

„Mogu!“, schrie einer der Passagiere, als die Wagen an Dezco vorbeirasten. „Am Tor!“

 

Unmöglich. Schnell legte Dezco seine Kinder in ihre Körbe und stieg mit erhobenem Schild langsam den Hügel hinauf. Auf der Kuppe traf ihn ein Windstoß, der nach Rauch und Kampf roch.

 

In der Ferne sah er das Tor der Himmlischen Erhabenen. Feuer brannten überall. Am Eingang zum Tal drängte sich eine Armee von Shao-Tien mit dunkelblauer Haut. Gruppen von Kämpfern in leichter Rüstung – der Goldene Lotus – stürmten auf die vorrückenden Mogu zu. Kanonenfeuer donnerte durch das Tal. Ein kompletter Verteidigertrupp des Lotus wurde in einem Schwall von Feuer und Blut vernichtet. Die restlichen Krieger des Ordens zogen sich hastig zurück. Die Mogu waren ihnen dicht auf den Fersen und schlachteten die Nachzügler ab.

 

Dezco fluchte leise vor sich hin. Sein Weg war versperrt. Er drehte sich um und stieg den Hügel hinab, während er seine Möglichkeiten durchdachte. Der Tauren hatte von einem weiteren Tor im Westen gehört, wusste jedoch nicht, ob es offen war. Vielleicht könnte er aber auch einen anderen Weg finden ... einen geheimen Gebirgspass oder Tunnel, den nur die hiesige Bevölkerung kannte.

 

Sicher war nur, dass er nicht zum Schrein zurückkehren konnte. Er gehörte nicht mehr dorthin, nicht nach der Wahl, die er getroffen hatte. Halte dich an deine Entscheidung. Bleib stark, sagte er sich. Am Fuße des Hügels erwartete ihn einer der Flüchtlinge – ein alter Pandaren mit langem, dünnem Kinnbart. „Wenn Ihr hier entlanggeht, erwartet Euch nur der Tod“, sagte er.

 

„Wohl wahr. Wohin wollt Ihr?“, fragte Dezco.

 

„Nach Nebelhauch. Viele von uns wurden von unseren Familien getrennt. Wir haben gehört, dass einige von ihnen sich vielleicht dort aufhalten. Ich suche nach meinen Enkelkindern. Wohin verschlägt es Euch?“

 

Dezco dachte an die wenigen Dinge, die er über Nebelhauch wusste. Das kleine Flüchtlingslager befand sich an der südwestlichen Seite des Tals. Dort könnte Dezco Informationen über das andere Tor erhalten. Und sollte dieser Weg auch blockiert sein, würde er wenigstens Zeit abseits des Schreins verbringen. Vielleicht sogar genügend Zeit, bis der Lotus die Shao-Tien besiegt und das Tor der Himmlischen Erhabenen zurückerobert hatte.

 

Falls sie stark genug dafür sind, dachte er düster.

 

„Auch nach Nebelhauch“, sagte Dezco.

***

 

Dezco und die Flüchtlinge nahmen eine Abkürzung durch die östliche Hälfte des Tals und brachten die beiden sich in der Mitte der Region erhebenden Berge zwischen sich und die Front der Mogu. Da auch verletzte und alte Pandaren dabei waren, verlief die Reise im Schneckentempo, was Dezco jedoch nicht störte. Er genoss die Zeit mit seinen Kindern und hielt sich meist von den anderen fern. Seine einzige wirkliche Sorge bestand darin, Mitgliedern des Lotus über den Weg zu laufen, doch er sah nichts vom Orden.

 

Am zweiten Tag näherte sich die Karawane kurz vor Einbruch der Nacht dem südlichen Rand des Tals und dem Gebirgspass, der sie nach Nebelhauch führen würde. Das verblassende Sonnenlicht brachte die hochheiligen Teiche im Süden, Osten und Westen zum Leuchten. So nah bei den Gewässern schien die Luft von einer seltsamen, fast greifbaren Kraft erfüllt zu sein. Dezco betrachtete bewundernd die entfernt liegenden Teiche, als die Karawane zum Stehen kam.

 

„Vor uns ist etwas!“, war ein Ruf von der Spitze des Flüchtlingszugs zu vernehmen.

 

Dezco kämpfte gegen seine Müdigkeit an und begab sich an den anderen Reisenden vorbei, um von seiner Position am Ende der Karawane nach vorn zu gelangen. Er hatte während der Reise kaum geschlafen. Die Flüchtlinge waren gutherzig, allerdings mangelte es ihnen an militärischer Ausbildung. Der Tauren vertraute ihnen nicht genug, als dass er seine Kinder nachts auch nur einige Stunden unbewacht gelassen hätte. Eine Gruppe Flüchtlinge stand in eine Diskussion vertieft in der Nähe des Führungswagens. In der Ferne erspähte Dezco ein großes Lagerfeuer beim Eingang zum Pass, das den Weg versperrte. „Habt Ihr eine Ahnung, wer das ist?“, fragte er die versammelten Pandaren.

 

„Wir haben jemanden geschickt, der nachsehen soll“, antwortete ein junger Flüchtling in abgewetzter Kleidung. Mit seiner Pfote zeigte er auf die anderen Pandaren, die in der Nähe standen. „Einige glauben, dass es die Mogu sind. Aber die würden kein offenes Feuer machen.“„Seit wann seid Ihr denn ein Experte für Mogu?“, fragte ein anderer Pandaren herausfordernd. „Ich habe gehört, dass Angriffstrupps der Shao-Tien überall durch das Tal streifen, jeden töten, auf den sie treffen, und dann wie Geister wieder verschwinden. Dieses Feuer könnte eine Falle sein, um uns anzulocken.“

 

Eine unbehagliche Stille legte sich über die Gruppe. Dezcos Schwanz peitschte hin und her, während er versuchte, seine Sorge zu unterdrücken, indem er sich sagte, dass die Mogu nicht bis hierher ins Tal vorgedrungen sein konnten.

 

Kurze Zeit später kehrte der Späher zurück und winkte die Karawane weiter. „Alles sicher!“

 

Die Pandaren um Dezco herum seufzten erleichtert, doch er blieb misstrauisch.

 

„Noch mehr Flüchtlinge?“, rief er dem entfernt stehenden Späher zu. Neben den Mogu bereitete ihm ein weiter Feind Sorgen: die Allianz. Die Gegenspieler der Horde hatten in diesem Abschnitt des Tals eine Botschaft in einer Festung errichtet, die dem Schrein der Zwei Monde ähnlich war. Dezco verstand sich mit einem der Anführer der Allianz recht gut, sein Name war Prinz Anduin Wrynn. Wie der Tauren wollte auch der junge Mensch keinen Konflikt. Getrieben vom Versprechen der Hoffnung des Friedens war er in das Tal gekommen. Trotzdem wusste Dezco nicht, wie viel Gewicht diese Kameradschaft besaß. Bei der Allianz gab es ebenso viele fanatische Kriegshetzer wie bei der Horde.

 

„Nein“, antwortete der Späher. Dezco konnte ein Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. „Es ist der Goldene Lotus!“

***

 

„Hinsetzen! Essen! Ausruhen!“, rief Mokimo mit erhobenen Armen.

 

Hinter dem Ho-zen prasselte ein großes Feuer. Dampf stieg aus über den Flammen hängenden Eisentöpfen auf. In der Nähe füllte Weng der Gnädige Reis aus den Kesseln in glatte Holzschalen mit Verzierungen der vier Erhabenen. Ein Pandaren, dem Dezco zuvor noch nie begegnet war, holte Tassen aus ledernen Reisebeuteln. Er war riesig, überragte sogar den Tauren und trug eine schwere, dunkle Rüstung. Bis auf einen braunen Haarknoten und Bart war sein Fell vollkommen weiß.

 

Ausgehungert und erschöpft stürmten die Flüchtlinge an Dezco vorbei zum Feuer. Auch der Magen des Tauren knurrte, als der Wind den appetitlichen Duft des warmen Essens zu ihm herübertrug. Doch er blieb stehen. Die Anwesenheit des Goldenen Lotus ärgerte ihn. Mittlerweile hatten sie bestimmt von seiner Entscheidung erfahren. Ehrenhaft wäre es gewesen, ihn ziehen und mit den Konsequenzen seiner Entscheidung leben zu lassen.

 

Stattdessen waren sie ihm gefolgt.

 

„Dezco!“ Mokimo winkte ihm zu. „Kommt! Ihr müsst doch schon halb verhungert sein!“

 

Verärgert über den lockeren Ton zuckte Dezco mit den Ohren und schnaubte. So wie Mokimo ihn ansprach, wirkte es, als wäre es für ihn keine Überraschung, Dezco mitten im Tal anzutreffen.

 

Ohne zu antworten, entfernte sich der Tauren einige Schritte vom Lager und suchte nach einer unbewachsenen Stelle. Schon bald hatte er ein eigenes Lagerfeuer entzündet, das in der Nacht prasselte und knallte. Er nahm Wolkenhuf und Rothorn aus ihren Körben und begann sie mit der Yakmilch-Mischung zu füttern, was einfacher geworden war. Seine kleinen Jungs mochten das Getränk mittlerweile sogar.

 

Die Kinder hatten ihr Mahl gerade beendet, als Mokimo sich Dezcos Feuer näherte. „Ich wäre ja schon eher gekommen, aber die Flüchtlinge hatten großen Hunger“, sagte der Ho-zen. „Den Erhabenen sei Dank, dass es Euch und den Jungen gut geht. Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Er hockte sich hin und schenkte Rothorn und Wolkenhuf ein breites Lächeln. Die Jungen kicherten und schlugen gegen die langen weißen Fellbüschel an den Wangen des Ho-zen.

 

„Ihr erinnert Euch doch noch an Weng.“ Mokimo zeigte zu seinen beiden Begleitern, die bei den Flüchtlingen waren. „Und der Große heißt Rook. Mit Förmlichkeit hat er es nicht so, aber er ist absolut loyal. Als Freund ist er sanft, als Feind kämpft er hart. Ich glaube, Ihr würdet ihn mögen. Warum kommt Ihr nicht zu uns? Wir haben noch viel Platz an unserem ...“

 

„Ihr seid mir gefolgt“, sagte Dezco.

 

„Nun ja ... nicht so ganz“, erwiderte Mokimo. „Wir haben Eure Reiseroute vorhergesehen. Da das Tor der Himmlischen Erhabenen versperrt ist, gibt es im Tal keine große Auswahl an Orten, zu denen man gehen könnte.“

 

„Ich habe meine Wahl getroffen, Mokimo“, sagte Dezco mit fester Stimme. „Es war falsch, es Euch nicht persönlich zu sagen. Das tut mir leid. Aber mir zu folgen, wird nichts ändern. Meine Kinder gehören nach Hause, nach Mulgore. Beide. Das ist meine Entscheidung.“ Er fügte hinzu: „Die anderen beim Schrein hatten damit nichts zu tun.“

 

„Nala hat es mir gesagt. Ich habe mich mit Zhi getroffen und auch er ist der Ansicht, dass ihr jederzeit gehen könnt, wenn es Euer Wunsch ist.“

 

Dezco war sich nicht sicher, wie er reagieren sollte. Er hatte Widerstand der einen oder anderen Art erwartet. „Erst neulich habt Ihr davon gesprochen, wie wichtig meine Söhne für die Zukunft Eures Ordens sind“, sagte der Tauren.

 

„Und ich war glücklich darüber. Genau wie alle Mitglieder des Lotus. Aber das ist nicht meine Entscheidung, oder? Sie liegt ganz bei Euch.“

 

„Und warum seid Ihr dann hier?“

 

„Eure Kinder wurden auserwählt. Sie sind an Chi-Ji und damit auch an das Tal gebunden. Der Lotus hat geschworen, dieses Land jederzeit zu verteidigen. Bis zum Tage, an dem Eure Jungen es verlassen, werden wir über sie wachen. Aber warum Ihr gehen wollt, verstehe ich nicht. Ich dachte, Ihr wärt so weit gereist, um hier zu sein.“

 

„So ist es ... so war es auch.“ Dezco senkte den Kopf. „Wenn Chi-Ji mich gebeten hätte, allein gegen die Reihen der Mogu zu kämpfen, wäre ich seinem Wunsch ohne nachzudenken gefolgt. Ich hätte alles getan. Alles außer das ...“ Er schaute zu Mokimo hoch. „Dafür bin ich nicht hierher gekommen.“

 

„Woher wisst Ihr das?“

 

„Es ist einfach so“, sagte Dezco mit zunehmender Wut. Ihm dämmerte, was gerade geschah: Mokimo versuchte, ihn zu überzeugen. Zhi hatte den Ho-zen und die anderen wahrscheinlich losgeschickt, um ihn davon abzubringen, das Tal zu verlassen.

 

„Ich habe schon zu viel verloren“, fuhr der Tauren fort. „Ich bin nicht hierher gekommen, um alles zu verlieren. Meinem Stamm wurde Frieden versprochen. Hoffnung. Wir ... ich habe nichts von dem gefunden, was ich erwartet hatte.“ Der Tauren holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Ohne es zu bemerken, war er auf seine Hufe gesprungen. Weng, Rook und die Flüchtlinge am anderen Lagerfeuer starrten ihn schweigend an.

 

Mokimo schien das nicht zu beeindrucken. „Erwartungen ... eine gefährliche Sache.“ Er stocherte mit einem Stock im Feuer herum. „Als ich mich dem Lotus anschloss, hatte ich auch hohe Erwartungen. Aber im Laufe der Jahre begann ich diesen Ort zu hassen. Alles war so seltsam und verwirrend. Ich wollte nach Hause. Tja, und eines Tages entschied ich mich, genau das zu tun, doch Zhi erwischte mich, als ich versuchte, mich aus dem Tal zu stehlen. Eine Predigt hat er mir aber nicht gehalten. Er verstand mich. Er versprach sogar, dass ich meine Familie sehen dürfte. Ein Mitglied des Lotus verlässt nur selten das Tal, wenn es nicht um offizielle Angelegenheiten geht. Er hat mir eine große Ehre erwiesen.

 

„Als dieser Tag kam, reisten wir in mein Dorf in den nebligen Hügeln des Jadewalds. Ich hatte Angst, freute mich aber auch. Ich hatte meine Familie seit Jahren nicht gesehen.“ Mokimo löste ein kleines blaugrünes Band aus seinem Pferdeschwanz und hielt es Dezco hin. Der Anblick war nichts Besonderes: ein einfaches, altes und abgenutztes Lederband. „Das gehörte meiner Mutter. Wir fanden es in den Überresten der alten Hütte meiner Familie. Das gesamte Dorf war zerstört worden. Alle waren tot. Die Ho-zen-Stämme führen oft Krieg, wisst Ihr.“

 

„Das tut mir leid“, sagte Dezco, beschämt über seinen Ausbruch.

 

„Warum? Wenn man mich nicht auserwählt hätte, wäre ich heute tot. Wir können nicht vorhersehen, wohin uns das Leben führen wird. Man sollte nicht gegen Dinge ankämpfen, die man nicht kontrollieren kann. Erst dann, wenn man seine Erwartungen loslässt, ist man wirklich frei. Wir können nur dem Tal dienen und wissen, dass wir unser Leben in den Dienst einer höheren Sache gestellt haben, unabhängig davon, wohin es uns verschlägt. Uns reicht das.“

 

Mokimo stand auf und staubte seine Kleidung ab. „Kommt zurück zum Schrein. Um mehr bitte ich Euch nicht. Warum wollt Ihr die Jungen hier draußen in Gefahr bringen? Im Tal gibt es keinen sicheren Ort mehr. Nirgendwo.“

 

Dezco holte tief Luft und starrte auf die flackernden und tanzenden Flammen. Stets waren sie in Bewegung und veränderten sich – unvorhersehbar, wie so vieles in Pandaria. Die einzige Konstante war er selbst, waren seine Entscheidungen. Mit seinen Söhnen hatte er den Dschungel an der Küste, das Gebirge im Norden und andere Regionen durchquert. Er hatte sich brutalen Feinden wie den Mogu gestellt, die in jedem dunklen Winkel des Kontinents lauerten. Und stets hatte er seine Kinder beschützt.

 

Der Schrein war keine uneinnehmbare Festung. Dezco vermutete sogar, dass die Mitglieder des Lotus ihn nur dort haben wollten, um ihn für sich zu gewinnen. Er wäre in die Enge getrieben. Gefangen.

 

Dezco schüttelte den Kopf. „Ihr habt recht damit, dass dieses Land gefährlich ist, aber für meine Söhne gibt es einen sicheren Ort: an meiner Seite. Und dort werden sie auch bleiben. Wenn Ihr uns folgen möchtet, nur zu, aber unser Ziel heißt Nebelhauch.“

***

 

Es war noch dunkel, als Dezco plötzlich erwachte.

 

Er stützte sich auf die Ellbogen und ärgerte sich darüber, eingeschlafen zu sein. Er hatte vorgehabt, die ganze Nacht über Wache zu halten, doch die lange Reise hatte schließlich doch ihren Tribut gefordert. In der Nähe schnaubten die Yaks und stampften ängstlich mit ihren Hufen auf den Boden.

 

Sofort dachte Dezco an Rothorn und Wolkenhuf. Sie waren sicher und schliefen fest auf ihren Decken beim Feuer. Vorsichtig legte er seine Kinder in die Körbe und schnallte diese um seinen Körper. Im anderen Lager wachten einige Flüchtlinge auf und rieben sich die Augen. Mokimo, Weng und Rook standen regungslos beim Feuer und spähten in die Dunkelheit.

 

„Was ist los?“, fragte Dezco, als er zu ihnen ging.

 

Mokimo legte seinen Finger über den Mund. „Rook sieht etwas“, flüsterte er.

 

Rook gab ein tiefes Knurren von sich. In seiner Pfote hielt er einen riesigen eisernen Streitkolben mit gefährlichen Stacheln fest umklammert. „Rook mag diese Felsen nicht“, brummelte der weiße Pandaren. „Warum mögt Ihr sie nicht?“, fragte Weng.

 

„Sie stehen nicht still.“ Rook knirschte mit den Zähnen. „Böse Felsen. Dumme Felsen.“

 

Dezco dreht sich mit dem Rücken zum Feuer, damit sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten. Langsam nahm er Details wahr: einen steilen Abhang, eine Seite des Gebirgspasses, den sie überqueren wollten. Felsbrocken verschiedener Größen waren über den Hang verstreut. Aber nichts schien ungewöhnlich. Es war nur ein ...

 

Plötzlich bewegte sich etwas vor dem Hang – zwar nur einen Augenblick lang, aber Dezco sah es.

 

„Weng“, sagte Mokimo. „Weckt die Flüchtlinge auf. Leise. Spannt die Yaks vor die Wagen.“

 

Weng nickte und huschte davon.

 

Dezco hielt seinen Blick auf den Berg gerichtet und war sich nicht sicher, ob das, was er gerade gesehen hatte, real oder nur Einbildung war. Dann sah er es wieder. Nur diesmal hörte die Bewegung nicht auf.

 

„Lauft.“ Mokimo dreht sich zu Dezco. „Lauft!“

 

Zehn riesige Felsbrocken stürzten in einem Erdrutsch den Hang hinab.

 

Nein, erkannte Dezco, sie stürzten nicht hinab. Sie liefen hinab.

 

Rook hob seine Arme und brüllte, als die Felsbrocken vom Hang hinuntersprangen und die Einzelheiten ihrer stämmigen, hundeartigen Körper und knurrenden Gesichter im Licht des Feuers sichtbar wurde.

 

„Qilen.“ Dezco atmete hastig ein.

 

Die Bestien stürmten auf das Lager zu, wobei sich ihre granitartige Haut in seltsamen, unnatürlichen Wellen kräuselte. Es waren die Hunde der Mogu, grausame Wesen aus lebendem Stein, so wie viele ihrer Herren.

 

Die Yaks bäumten sich auf und nur zwei waren an Wagen gespannt. Weng hielt sie an den Zügeln fest und hatte Mühe, sie davon abzuhalten, loszulaufen. Flüchtlinge rannten im Lager umher und zündeten herumliegendes Holz an, um es als Fackeln zu verwenden. Rothorn und Wolkenhuf brüllten vor Angst.

 

Die Qilen griffen jedoch nicht an. Stattdessen bildeten sie einen großen Halbkreis um das Lager und versperrten den Flüchtlingen den Weg zum Tal im Norden, wobei sie einen Durchgang zum Gebirgspass offen ließen.

 

„Der Weg nach Nebelhauch ist sicher!“, rief Weng. „Geht alle dort ...“

 

„Bleibt, wo Ihr seid!“, brüllte Dezco, dem bewusst war, was gerade geschah. „Sie versuchen, uns zum Pass zu treiben.“

 

„Er hat recht.“ Mokimo rannte schwer atmend zu Dezco. Die Qilen schnappten mit ihren Mäulern und näherten sich dem Lager, hielten sich mit ihrem Angriff aber noch zurück. „Wir müssen nach Norden, zurück in die Mitte des Tals.“

 

„Rook macht Weg frei.“ Mit zitternden Armen, dick wie Baumstämme, hob der weiße Pandaren den leeren Wagen über seinen Kopf und warf ihn mit einem ohrenbetäubenden Brüllen nach vorn. Der Wagen explodierte mitten in der Linie der Qilen in tausend Stücke und zwang die Bestien, sich nach links und rechts zu zerstreuen.

 

„Jetzt!“ Dezco gab mit seiner Hand ein Zeichen.

 

Die Flüchtlinge liefen los. Qilen kamen von allen Seiten. Einen von ihnen erwischte Rook im Sprung mit seinem Streitkolben. Vier weitere stürmten auf Dezco zu. Er sprach ein Gebet an An’she und die kalte Luft um ihn herum war plötzlich erfüllt mit Kraft. Sie erwärmte und erhellte sich, als ob die Nacht plötzlich zum Tag geworden wäre.

 

Er band seinen Schild von seinem Unterarm los und warf die Scheibe aus gezacktem Eisen auf die Qilen. Leuchtend drehte sie sich in der Luft und bohrte sich in den Kopf der ersten Bestie. Die Wucht stieß die Kreatur gegen einen Artgenossen und teilte den anderen Qilen in zwei Hälften.

 

Die anderen beiden Bestien blieben unbeschadet und griffen weiter an. Auf seinen langen Armen sprang Mokimo auf sie zu und erwischte einen der Qilen mit seinem Fuß. Dezco konnte sich gerade noch zur Seite drehen und seine freie Hand über die Brust legen, um Wolkenhuf zu schützen, als der andere Hund nach vorne sprang und mit ihm zusammenprallte.

 

Irgendetwas riss. Dezco spürte, wie ein Gewicht von seinen Schultern fiel. Der Qilen hatte das Seil durchtrennt.

 

Der Tauren fing Wolkenhufs Korb in der Luft auf. Mit hoch erhobenem Streitkolben wirbelte er herum, nur um zu sehen, wie der Qilen zum Gebirgspass davonlief.

 

An den Überresten des Seils zog er den anderen Korb hinter sich her. Der darin eingepackte Rothorn schrie aus Leibeskräften.

 

Der Tauren lief seinem Sohn hinterher und seine Hufe rissen tiefe Furchen in den Boden. Mokimo rannte zu ihm und zog so fest an Dezcos Arm, dass er stehen blieb.

 

„Ich hole ihn“, sagte der Ho-zen. „Nehmt Wolkenhuf und geht mit den anderen Flüchtlingen.“

 

„Ich lasse Rothorn nicht zurück!“ Dezco riss seinen Arm aus Mokimos Umklammerung.

 

„Dann gebt mir Wolkenhuf, damit ich ihn in Sicherheit bringen kann“, flehte der Ho-zen.

 

Von Unentschlossenheit zerrissen blieb Dezco stehen. Die Flüchtlinge zogen sich unorganisiert zurück, zahlreiche Qilen dicht auf ihren Fersen. Zwei der Bestien hatten Rook auf den Boden geworfen. Wie verrückt schlug er mit seinen Pfoten auf ihre Köpfe.

 

„Wohin denn?“, rief der Tauren. „Ich habe Euch doch schon gesagt, dass ...“

 

Vom Gebirgspass ertönte ein markerschütternder Schrei.

 

Dezco schob Mokimo zur Seite und rannte mit Wolkenhufs Korb fest im Arm in Richtung des Geräuschs. Er flüsterte ein Gebet an An’she und erzeugte einen Schild aus Licht um Wolkenhuf, um ihn vor dem anstehenden Kampf zu schützen.

 

Dem Tauren war bewusst, dass Mokimo ihm folgte, als er sich dem dunklen Pass näherte, aber seine ganze Aufmerksamkeit galt Rothorns Schreien in der Ferne. Weiter vorne flackerte Feuer, dessen mattes orangefarbenes Licht die Berghänge beleuchtete. Dezco folgte dem Licht und das Blut toste in seinen Ohren.

 

Nach ein paar Schritten auf dem Pass fand Dezco seinen Jungen.

 

Rothorn baumelte von der massiven kantigen Faust eines Shao-Tien. Außer einem kunstvoll gefertigten Lederkilt trug der muskulöse Mogu keine Rüstung. Seine steinartige dunkelblaue Haut schimmerte im Licht der Fackel, die er in der anderen Hand hielt. Der Qilen sowie zwei weitere Shao-Tien, die schwere Rüstung trugen und Speere mit langen Klingen in der Hand hielten, standen vor dem Mogu.

 

Die Mogu sagten kein Wort. Dezco hätte es auch nicht erwartet. Sie waren kein Volk, mit dem man diskutieren konnte. Ihrem Verhalten mangelte es an der Logik, nach der ehrenwerte Leute lebten. Sie beobachteten Dezco lediglich mit mürrischem Gesichtsausdruck. Der Anführer riss Rothorn hoch, als ob er den Tauren herbeiwinken wollte.

 

Er nahm die Herausforderung an.

 

„Dezco!“, rief Mokimo vom Eingang des Passes, doch der Tauren beachtete ihn nicht. Er hörte nur das Weinen von Rothorn und Wolkenhuf sowie die in der Ferne bittende Stimme seiner Frau.

 

Mein Liebster ... was auch immer geschieht ... Du musst unser ... unser Kind beschützen ...

 

Die Rüstung tragenden Mogu und der Qilen machten einen Satz nach vorn. Dezco schmetterte seinen Streitkolben auf den Hund und brach ihm den Schädel. Der Schlag löste eine Lichtwelle aus, die auf einen der Shao-Tien zuraste. Der Mogu wich aus, jedoch nicht schnell genug. Umhüllt von An’shes Licht zerfiel sein halber Körper zu Staub.

 

Der vor Dezco stehende Mogu stolperte nach hinten und hielt sich die Hände schützend vor die Augen. Er schüttelte den Kopf, warf die Fackel auf den Boden und zog ein kurzes Schwert aus seinem Kilt. Wie Ranken krochen purpurrote und schwarze Energien aus der Waffe und wanden sich um den Stahl.

 

Voller Schrecken sah Dezco, wie der Shao-Tien seinen Schwertarm hob und sich bereit machte, Rothorn einen Schlag zu versetzen.

 

Das Licht der Fackel verlosch langsam ... Dunkelheit legte sich über den Pass. Über ihm bewegte sich ein Schatten: Mokimo, der einen Sprung durch die Luft machte. Der letzte gepanzerte Mogu landete mit einem Satz vor Dezco und versperrte ihm die Sicht. Der Shao-Tien drehte seinen Speer in den Händen und griff an. Der Tauren wich der schweren Klinge aus, doch der hölzerne Schaft traf sein Handgelenk und schlug den Streitkolben weg. Der Mogu stampfte herbei und stieß mit Dezco zusammen, um ihn von den Hufen zu holen. Der blieb jedoch stehen und rammte seinen Kopf gegen das Gesicht des Shao-Tien. Benommen stolperte der Shao-Tien zur Seite.

 

Dezco fiel auf die Knie. Er konnte nichts mehr sehen, da das Blut ihm von der Stirn in die Augen lief.

 

Hektisch tastete er nach einer Waffe. Nach irgendetwas. Mit seiner freien Hand fand er den toten Qilen.

 

Dezco griff die Bestie an ihren Hinterbeinen, stand auf, warf sein Gewicht nach vorn und drehte sich. Jeder Muskel in seinem Körper wurde hart wie Stahl. Stille legte sich über den Gebirgspass. Das Weinen hörte auf.

 

„Rothorn!“, brüllte er, als er den Qilen mit einer Hand und lautem Krachen gegen die Brust des Mogu in Rüstung schleuderte. Der Mogu flog nach hinten auf den Boden und blieb regungslos liegen.

 

Vor Dezco flackerten Schatten. Er stürmte auf sie zu. Er spürte, wie sich Wolkenhufs Korb unter seinem linken Arm bewegte. Er wischte sich das Blut aus den Augen, bis er wieder sehen konnte. Mokimo kniete auf dem Boden. Der Anführer der Mogu lag mit seiner eigenen Klinge, die ihm aus dem steinernen Kopf ragte, daneben.

 

„Wo ist er?“, fragte Dezco.

 

„Hier.“ Mokimos Stimme klang krächzend und feucht. Blut quoll aus einer tiefen Wunde an seinem Hals. Er streckte die Hände aus, in denen er Rothorn hielt. Die Augen des Kindes waren geschlossen. Er war bedeckt mit Blut, auch mit seinem eigenen.

 

Bevor Dezco nach seinem kleinen Jungen griff, flehte er An’she an, die Wunden des Kindes zu heilen. Hellgelbes Licht umhüllte den Jungen, doch als es verschwand, öffnete er die Augen immer noch nicht.

 

„Nein ...“ Voller Wut knirschte Dezco mit den Zähnen. Er war machtlos. Konnte nichts tun. Genau wie bei Lezas Tod. Er hatte so sehr versucht, sie zu retten, sie in seinem Leben zu behalten. Es hatte nicht funktioniert. Nichts hatte funktioniert.

 

„Die Klinge des Mogus hat ihn erwischt“, sagte Mokimo heiser. „Die Waffe war vergiftet. Ihr werdet es nicht schaffen, seine Wunden zu heilen ... oder meine. Aber es gibt noch Hoffnung.“ Kraftlos nahm Mokimo Dezcos Hand und legte sie auf Rothorns Brust. Sein Herz schlug noch – zwar schwach und kaum wahrnehmbar, aber es schlug. „Der Junge lebt.“

 

„Ich kann ihm nicht helfen ...“ Frustriert hämmerte Dezco mit seiner Faust auf den Boden.

 

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit.“ Langsam stand Mokimo auf. Einen Moment lang schwankte er von einer Seite zur anderen und fiel fast hin. „Die hochheiligen Teiche. Solang noch Leben in dem Jungen ist, kann das Wasser des Tals ...“

 

Seine Stimme wurde schwächer und er riss die Augen auf. „Wolkenhuf“, sagte der Ho-zen.

 

Dezco schaute hinunter zu seinem Jungen, den er sicher unter seinen Armen eingepackt hatte.

 

„Ist er ...?“ In Mokimos Augenwinkeln sammelten sich Tränen. „Oh nein.“

 

Der zerstörte Korb hing an dem Kind. Der zerquetschte Körper von Wolkenhuf lag auf Dezcos Arm. Der Tauren fiel auf die Knie, lockerte seinen Griff und ließ das Kind in seinen Schoß fallen. Er erstarrte und hielt seinen kleinen Jungen in den Händen, als die Erkenntnis sich wie eine Klinge durch sein Herz bohrte.

 

Er hatte sich nur auf Rothorn konzentriert. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass Wolkenhuf gestorben war.

***

 

"Hier entlang!“, rief Mokimo. Irgendwie hatte der Ho-zen die Energie gefunden, sich trotz seiner Verwundungen zu bewegen. Hektisch schwang er die Mogufackel durch die Luft, um Dezco herbeizuwinken. Der Tauren folgte ihm und hielt vorsichtig Rothorn und den toten Wolkenhuf in den Armen.

 

Hinter dem Ho-zen erhellte das schwache Leuchten eines großen Teichs die Nacht. Er war umgeben von kunstvollen hölzernen Torbogen, die auf flachen, um das heilige Wasser herum angeordneten Steinen standen. Es war der südlichste Teich im Tal, nicht weit entfernt vom Pass, an dem der Angriff stattgefunden hatte.

 

Dezco hatte Schwierigkeiten, mit Mokimo mitzuhalten. Zum hundertsten Mal ging ihm der Kampf durch den Kopf. Er ließ die Ereignisse Revue passieren und versuchte herauszufinden, wann Wolkenhuf gestorben war. Wann? Als der Mogu mit ihm zusammengestoßen war und ihn fast zu Boden geworfen hatte? Oder hatte er selbst den Tod zu verantworten?

 

Hatte er ihn zerquetscht?

 

Dem Tauren wurde schlecht und er fiel zu Boden. „Bei An’she, ich war es“, sagte er. „Ich weiß es.“

 

„Steht auf!“ Mokimo verpasste Dezco mit dem unteren Teil der Fackel einen Schlag auf den Kopf, der den Tauren aus seiner Benommenheit holte. Er schaute sich um, bis er den blutüberströmten Ho-zen erblickte.

 

„Er ist von uns gegangen. Wie, das werdet Ihr niemals herausfinden“, sagte Mokimo. „Jetzt zählt nur noch Rothorn.“

 

Dezco kämpfte sich auf die Hufe und folgte Mokimo zum Rand des Teichs.

 

„Die Mogu benutzten dieses Wasser einst für bösartige Taten, aber auch zu Gutem ist es fähig“, sagte der Ho-zen. „Jeder dieser Teiche steht für eine andere Emotion. Mut ... Frieden ...“ Mokimo ging einen Schritt hinein, wobei er zusammenzuckte. Das Blut aus seiner Wunde trübte das Wasser. „Das ist der Teich der Hoffnung.“

 

„Was ... was soll ich tun?“, fragte der Tauren. Einige von den Energien des Teiches beleuchtete Fische schwammen fort, als er sich ihnen näherte.

 

„Gebt mir Rothorn.“

 

Ohne zu zögern, reichte Dezco ihm seinen Jungen. Er konnte nichts weiter tun. Nichts. Der Tauren konnte nur zusehen, wie Mokimo Rothorn vorsichtig – und liebevoll – bis zum Hals in das Wasser eintauchte.

 

Plötzlich war er ergriffen von diesem Bild: davon, wie Mokimo seinen Sohn hielt, als wäre er sein eigener, und davon, wie viel der Ho-zen riskiert hatte, um Rothorn eine Überlebenschance zu geben, wie klein sie auch sein sollte. Im Nachhinein wurden ihm die Ereignisse während des Kampfes klar. Mokimo hatte sich selbst zwischen die Klinge des Mogu und sein Kind geworfen. Obwohl die Waffe Rothorn verletzt hatte, wusste Dezco, dass der Ho-zen dem Jungen das Leben gerettet hatte.

 

„Kommt.“ Nur mit Mühe konnte Mokimo ihn herbeiwinken. Die Kräfte verließen ihn. „Legt ... Wolkenhuf an den Rand.“

 

Zögernd legte Dezco Wolkenhufs Leiche neben den Teich und lief ins Wasser.

 

„Nehmt ... eine Handvoll“, sagte Mokimo. „Schüttet es ... über Rothorn.“

 

Mit pochendem Herzen folgte Dezco der Aufforderung. Er ließ das Wasser über den Kopf seines Sohnes laufen. Mokimo tat das Gleiche. Das leuchtende Nass tropfte von Rothorns Nase herab. Es schien bei dem Kind keine Wirkung zu erzielen.

 

„Es geschieht nichts.“ Dezco schöpfte mehr Wasser ab, doch Mokimo nahm seine Hand.

 

„Lasst ... das Tal arbeiten“, sagte der Ho-zen mit flachem Atem. „Ihr könnt es nicht steuern. Ihr könnt nur ... hoffen. Glauben, so wie Leza es getan hat. War sie ... im Angesicht des Todes ... verzweifelt?“

 

„Nein.“ Dezco kniff die Augen zusammen. Sie hatte immer geglaubt. Sie war immer so stark gewesen. Leza hätte hier sein sollen. Nicht er. Dann wäre all dies nicht –

 

Eine Welle aus Hitze schwappte über Dezco hinweg und er öffnete die Augen. Ein durchsichtiges Bild von Chi-Ji ging über das Wasser, als wäre es fester Boden. An den Stellen, an denen seine Klauen den Teich berührten, strömte goldenes Licht wellenförmig nach außen. Mit jedem Schritt erklang ein leises Läuten wie von einer winzigen Glocke.

 

Der Erhabene öffnete ruckartig die Flügel und der plötzliche Windstoß blies das Wasser über den Tauren und den Ho-zen. Mokimo richtete sich auf und klopfte auf seinen Hals. Die Wunde hatte sich geschlossen. Chi-Ji lehnte sich nach vorn, tauchte mit seinem Schnabel in das Wasser ein und berührte Rothorns Brust. Dezco sah zu und wartete. Die Zeit schien stillzustehen. Und gerade, als er begann, das Schlimmste zu befürchten, bewegte sich das Kind. Dezco starrte seinen Sohn ungläubig an. Rothorns Augen öffneten sich und sein Blick schoss umher, bis er seinen Vater sah. Dann streckte er sich schreiend nach Dezco aus.

 

„Danke!“ Dezco nahm sein Kind fest in die Arme. Dann erinnerte er sich an Wolkenhuf und drehte sich zum Rand des Teichs, wo er die Leiche seines Sohns abgelegt hatte. „Mein kleiner Junge. Roter Kranich, gibt es noch eine Möglichkeit, ihn ...“

 

Seine Worte verstummten, als er sich zu Chi-Ji umdrehte. Der Rote Kranich war verschwunden.

***

 

„Qilen tot. Flüchtlinge bei Weng.“ Rook schlug sich mit seiner riesigen Pfote gegen die Brust. Er war kurz nach Chi-Jis Erscheinen beim Teich eingetroffen. Nachdem der riesige Pandaren erfahren hatte, was mit Wolkenhuf geschehen war, setzte er sich hin und schluchzte eine lange Zeit, bevor er sich wieder erholte. Dezco hätte nie erwartet, dass der Tod Rook so mitnehmen würde. Er hatte die Kinder ja kaum kennengelernt.

 

Aber es nahm ihn mit. Aus irgendeinem Grund sorgte sich der Lotus so sehr um die Kleinen. Dezco wünschte, dass er verstehen könnte, warum. Er wusste nur, dass die Sorge des Ordens aufrichtig war. Auf eine gewisse Weise waren die Jungen für sie ein Teil der Familie.

 

„Gut!“, sagte Mokimo zu Rook und drehte sich dann zu Dezco. „Wir sollten am besten erst einmal zum Schrein zurückkehren. Ich weiß, dass Ihr gehen wollt, aber wir müssen Vorbereitungen treffen. Ich werde alles tun, um für Euch und Rothorn einen Weg nach Hause zu finden.“

 

Nach Hause. Dezco dachte an die kleine Enklave seines Stammes auf den sonnigen Ebenen von Mulgore. Nachdem er und Leza sie verlassen hatten, fragten sie sich, ob sie sie jemals wiedersehen würden. Er war davon ausgegangen, wusste jedoch, dass seine Frau eine andere Meinung gehabt hatte. Über das Land in ihren Visionen hatte sie immer gesprochen, als wäre es ihr Zuhause – ein Zuhause, wohin sie immer gehört, aber das sie noch nicht gekannt hatten. Nun verstand er endlich, was sie gemeint hatte. Er hatte die Kraft des Tals erlebt, die Möglichkeiten, die es nicht nur ihm, sondern vielen auf der ganzen Welt bieten könnte.

 

„Ich werde nicht gehen“, sagte Dezco.

 

„Wirklich?“, fragte Mokimo.

 

„Es gibt noch etwas“, fügte Dezco hinzu. Er blickte hinunter auf den in seinen Armen liegenden Rothorn. „Werdet Ihr trotzdem ...“, setzte er an, aber es war zu schwierig. Er hielt Mokimo das Kind hin.

 

„Das ist nicht nötig.“ Mokimo schüttelte den Kopf. „Wenn Ihr glaubt, dass Chi-Ji etwas für seine Tat fordert, liegt Ihr falsch. Für dieses Geschenk müsst ihr keine Gegenleistung erbringen.“

 

„Nehmt ihn“, bat Dezco. „Deshalb sind wir gekommen. Das ist der Grund.“ Bei An’she, dachte er, ich war so dumm, es nicht früher zu erkennen. Sie waren von so weit her gekommen, um das Tal zu suchen, um es mit eigenen Augen zu sehen, um dort zu wohnen. Aber ein Teil davon zu sein ... eins mit ihm zu sein – das war wesentlich mehr.

 

„Wenn Ihr es möchtet“, sagte Mokimo, “wenn ihr es wirklich möchtet, dann gerne.“

 

„Ich möchte es“, antwortete Dezco. „Gibt es noch etwas zu tun? Etwas, durch das es offiziell wird, meine ich.“

 

„Wir ...“ Mokimo senkte seinen Kopf. „Ja, es gibt Rituale. Ich werde das Kind zu Zhi bringen und er wird es für die Salbung Chi-Ji präsentieren. Leider darf dabei nur der Goldene Lotus anwesend sein. Es tut mir leid.“

 

„Ich verstehe.“ Dezco bekam die Worte nur schwer heraus. „Dann geht nun.“

 

„Es muss noch nicht jetzt sein“, sagte der Ho-zen. „Wir können auch erst zum Schrein zurückkehren.“

 

„Geht. Bevor ich es mir noch anders überlege.“

 

„Sobald die Rituale beendet sind, könnt ihr ihn sehen“, fügte Mokimo hinzu, als er Rothorn in seine Arme nahm. „In den nächsten Jahren wird er viel trainieren, aber er wird hier im Tal sein.“

 

„Als Mitglied des Goldenen Lotus.“

 

„Und als Euer Sohn“, sagte der Ho-zen. „Das wird er immer sein, aber nun wird er noch mehr werden.“

 

Mokimo schaute auf den an Dezcos Brust hängenden Korb, in dem Wolkenhuf lag. Der Tauren hatte den zerstörten Korb repariert und mit einem Seil um den Hals gebunden. „Und er?“, fragte der Ho-zen.

 

„Ich werde einen Scheiterhaufen aufschichten und ihn in der Morgendämmerung entzünden, damit An’she dem Ableben meines Sohnes beiwohnen kann“, sagte Dezco. „Das ... würde ich lieber allein tun.“

 

Mokimo nickte langsam. Ohne ein weiteres Wort gab er Rook ein Handzeichen. Als sie aufbrachen, erinnerte sich Dezco an etwas und rief ihnen hinterher.

 

„Wartet.“ Der Tauren suchte nach Lezas Locke in seinem Haar und band sie los. Er flocht sie in Rothorns Mähne, lehnte sich nach vorn und berührte die Stirn des Kindes mit seiner Schnauze.

 

Dann zogen Rook und Mokimo los. Dezco verbrachte die nächste Stunde mit dem Sammeln von Holz für den Scheiterhaufen und dachte über die kommenden Tage nach. Er würde seine Pflichten beim Schrein wieder aufnehmen, würde aber Nala und den anderen nur ungern erzählen, was geschehen war. Was würde er sagen? Würden sie ihm den Verlust von Wolkenhuf verzeihen? Würde er sich je selbst verzeihen? Vielleicht nicht. Aber das hatte er verdient. All das war seine eigene Entscheidung gewesen, doch eine schreckliche und falsche.

 

Dezco setzte sich hin, um sich vor dem Beginn der Begräbniszeremonie auszuruhen. Es war noch dunkel, aber der Morgen würde bald anbrechen. Er konnte es spüren. Über das Wann machte er sich keine Gedanken mehr.

 

„Wir sind zu Hause“, sagte Dezco laut. Er hatte Wolkenhuf auf seinen Schoß gelegt und streichelte die Mähne des Kindes. Er wandte sich nach Osten und wusste, dass die Yeena’e schon bald erscheinen würden.


Kommentare: 0