Die Jadejäger


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Königin-Regentin Moira Thaurissan erbittet Eure Anwesenheit. Umgehend.

 

Fenella Dunkelader wartete vor der riesigen zu den königlichen Gemächern führenden Eichentür und wiederholte die Worte in ihren Gedanken. Sie leckte sich über die trockenen Lippen und wischte die schweißnassen, mit Ruß verschmierten Hände an ihrer Arbeitskleidung ab. Sie hatte auf einen Amboss im Herzen von Eisenschmiede gehämmert, als ein königlicher Berater ihr die Nachricht überbracht hatte. Sie wünschte, sie hätte Zeit gehabt, etwas Vorzeigbareres anzuziehen.

 

Aber Moira ließ man nicht warten.

 

Fenella klopfte an.

 

„Herein“, erklang eine gedämpfte Stimme von innen.

 

„Bleib hier, Koveth.“ Fenella drehte den Kopf so weit, dass sie den riesigen, sich hinter ihr auftürmenden Golem sehen konnte – einen Berg aus Metall, Magie und Genialität der Dunkeleisenzwerge.

 

„Bestätigt“, grollte das Konstrukt.

 

Die Tür knarrte, als Fenella sie aufdrückte. Sie hatte noch nie einen Fuß in die königlichen Gemächer gesetzt. Nur wenige hatten das. Edle Zwergenteppiche mit Abbildungen historischer Ereignisse bedeckten die Wände. Moira saß mit geradem Rücken hinter einem Holztisch, der groß genug war, um als Handelsschiff durchzugehen. Darauf lagen zerbrochene Federkiele und Schriftrollen – Opfer in einem mit Versprechungen, Drohungen und Halbwahrheiten geführten Krieg. Im Krieg der Politik.

 

Fenella schluckte und fragte sich, ob sie zuerst sprechen sollte. Sie hatte Moira bereits bei verschiedenen Anlässen getroffen, einmal nachdem sie den Bau der mittlerweile berühmten Rubinausstellung in Schattenschmiede abgeschlossen hatte. Trotzdem machte sie die Anwesenheit der Königin nervös.

 

„Fenella“, sagte Moira schließlich mit einem entspannten Lächeln. Sie hielt ein kleines Objekt in ihren Händen: eine Statuette in Form einer sich spiralförmig windenden Schlange aus dunkler Jade.

 

„Eure Hoheit.“

 

„Danke, dass Ihr gekommen seid. Ich schätze, diese Knaben kennt ihr.“ Moira deutete zu einer Seite des Gemachs.

 

Fenella war so auf die Königin konzentriert, dass sie die anderen Zwerge im Raum gar nicht bemerkt hatte. Einer war ein Bronzebart – und zwar ein absurd großer, der den Rest seiner Art um zwei Köpfe überragte. Der zweite war ein kräftiger Wildhammer mit lohfarbener, von Dutzenden blauen Tätowierungen verunstalteter Haut. In einer Schlaufe auf seinem Rücken hing ein riesiger Hammer. Als er Fenella sah, verzog er das Gesicht.

 

„Nicht unbedingt, Eure Hoheit“, log Fenella, jedoch eher, um die anderen Zwerge zu ärgern, und nicht, um ihre Königin zu täuschen. Natürlich waren sie ihr bekannt. Seit der Wiedervereinigung der Klans Wildhammer, Dunkeleisen und Bronzebart war Eisenschmiede übervoll von Steinmetzen und Schmieden. Die meisten von ihnen waren Größenwahnsinnige, die glaubten, für Ruhm und Ehre bestimmt zu sein. Jeden Tag sah sie, wie die beiden durch die Große Schmiede streiften, als ob sie ihnen gehörte, und die Arbeit der anderen schlechtmachten.

 

„Dann ist wohl eine Vorstellung angebracht“, sagte Moira.

 

Fenella wurde von Unbehagen ergriffen. Warum hatte man sie hierher gerufen? Und warum waren die beiden hier?

 

„Das ist Carrick Eisengrien.“ Moira deutete zum Wildhammer. „Ein Schmied und Bergarbeiter von legendärer Stärke. Wie ich hörte, kann er auch mit den Steinen sprechen. Stimmt das, Carrick?“

 

„Aber natürlich.“

 

„Und hier haben wir Fendrig Rotbart, die ‚Hand von Khaz‘.“ Moira wandte sich dem Bronzebart zu. „Ein Mitglied der Forscherliga. Er hat in den Tiefen von Uldaman, in der Boreanischen Tundra, in Bael Modan und an vielen anderen gefährlichen Orten im Berg gearbeitet. Nach allem, was man weiß, ist seine Tapferkeit ohnegleichen.“

 

Fendrig stieß einen langen Seufzer aus, als wäre seine Anwesenheit absolute Zeitverschwendung.

 

„Und schließlich Fenella Dunkelader, aus meinem eigenen Dunkeleisenklan ...“ Moira hielt inne. „Steinmetzin, Schmiedin, Ingenieurin und versierte Architektin.“

 

Und die Tochter eines Verräters. Diesen Teil ließ sie aus. Nicht, dass es von Belang gewesen wäre. Jeder wusste, dass Fenella die Nachfahrin von Fineous Dunkelader war, dem verstorbenen Chefarchitekten des Dunkeleisenklans. Ein Zwerg, der dafür verunglimpft worden war, wie er sich in diese begehrte Position gemogelt hatte. So erzählte man es sich zumindest.

 

Carrick murmelte sich irgendetwas zusammen. Fenella beachtete ihn nicht. Als Mitglied des Dunkeleisenklans und Tochter von Fineous war sie Verachtung gewöhnt. Es störte sie nicht. Sie hatte schon lange zuvor gelernt, dass sie allein besser arbeiten konnte. Das machte es für sie und alle anderen einfacher.

 

„Ihr fragt Euch, warum ich Euch hierher bestellt habe.“ Moira drehte die Statuette in den Händen. „Ich habe Euch als Mitglieder einer Sondereinsatztruppe ausgewählt – für einen Auftrag, der die besten Steinmetze in ganz Eisenschmiede erfordert.“

 

„Eine Truppe?“, platzte es aus Carrick heraus. „Mit diesen beiden?“

 

„Soll ich die etwa anführen?“, fragte Fendrig unter schallendem Gelächter.

 

„Nein.“ Moira nickte in Fenellas Richtung. „Ich möchte, dass sie das übernimmt.“

 

Fenellas Magen zog sich zusammen. Sie wollte schon fast dagegen protestieren, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück. Sich der Königin offen zu widersetzen, wäre keine gute Idee gewesen.

 

„Eine vom Dunkeleisenklan? Das steht außer Frage!“, brüllte der Wildhammer.

 

„Da stimme ich zu.“ Fendrig schüttelte angewidert den Kopf und ging zur Tür. „Ich hab Besseres zu tun, als meine Zeit bei so 'nem Wahnsinn zu vergeuden.“

 

„Muradin wird sicherlich daran interessiert sein, zu wissen, was Ihr von dieser Idee haltet – einer Idee, die er voll und ganz unterstützt“, sagte Moira.

 

Der Name des Bronzebart-Klananführers ließ Fendrig innehalten. Langsam drehte er sich um.

 

„Der Rat der drei Hämmer unterstützt dieses Projekt einstimmig“, fuhr Moira fort. „Ich habe die Aufgabe, die Einzelheiten zu beaufsichtigen.“ Die Königin stellte die Schlangenstatuette vorsichtig zur Seite und entrollte ein langes Pergament. Sie winkte die Steinmetze herbei.

 

Fenella und die anderen versammelten sich am Tisch und versuchten, sich an die besten Positionen zu drängeln. Die Siegel von Muradin, Moira und dem Wildhammer-Klananführer Falstad waren auf der Unterseite deutlich zu erkennen, genau so wie die mit dicken, schwarzen Linien niedergeschriebenen Namen der drei Steinmetze.

 

„Mein Name ... Ich hab nix zugestimmt.“ Carrick blickte mürrisch drein. „Was is' das für ein Unsinn?“

 

„Das ist eine Chance, der Allianz unsere Größe unter Beweis zu stellen – zu zeigen, dass wir nicht mehr eine Nation sich bekriegender Rivalen, sondern ein vereintes Volk sind. Und wenn Ihr Euch weigert ...“ Moira lehnte sich nach vorn. „Dieser Beschluss wird belegen, dass ihr Euch den Anstrengungen des Rates zum Schmieden einer neuen Zukunft für alle Zwerge widersetzt habt.“

 

Fendrig verschränkte die Arme und zog die Augenbrauen zusammen. „Für mich riecht das nach Erpressung.“

 

„Erpressung ist ein riskantes Spiel. Ein Werkzeug, das Verzweifelte nutzen.“ Moiras Lächeln wurde breiter, doch ihre Augen waren eiskalte Dolche. „Für mich gibt es nur alles oder nichts, alter Knabe. Ich habe Eure Namen hinzugefügt, weil ich wusste, dass Ihr nicht so dumm sein würdet, Eure eigenen kleinen Feindseligkeiten über das Gemeinwohl unseres Volkes zu stellen.“

 

Der Blick der Königin wanderte zwischen Carrick und Fendrig hin und her. Sie forderte sie auf, ihr das Gegenteil zu beweisen. Der Wildhammer trat von einem Fuß auf den anderen, sagte jedoch nichts, genau wie der Bronzebart. Dann schaute Moira Fenella an. So sehr sie die Vorstellung – und allein der Gedanke daran –, mit einem Bronzebart und einem Wildhammer zu arbeiten, auch abstieß, was konnte sie schon tun? Moira war ihre Königin, die Wächterin ihres Klans.

 

Fenella zwang sich zu nicken und hoffte insgeheim, dass dieser „Auftrag“ schnell vorüber sein würde.

 

„Gut. Nun, da wir das geklärt haben, können wir uns mit den Einzelheiten beschäftigen.“ Moira nahm die Jadestatuette vom Tisch, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte. „Was wisst Ihr über Pandaria?“

***

 

Eine Pandaren-Akolythin der Himmlischen Erhabenen fragte einst: „Hat das Land die Erhabenen geboren oder haben sie dem Land Leben eingehaucht?“

Ihr Meister kicherte wissend, da auch er schon über genau diese Frage nachgedacht hatte. Doch die Zeit hatte ihm Weisheit verliehen. „Ich habe eine wesentlich simplere Frage – eine Frage, deren Antwort Euer Rätsel lösen wird“, antwortete er. „Was kam zuerst, Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?“

– Die Schriftrollen der Erhabenen

 

Die Aufgabe war einfach: Die Schlangenherzstatue musste wiederaufgebaut werden. Jeder Steinmetzlehrling mit ein bisschen Talent hätte das in kürzester Zeit geschafft. Fenella war jetzt schon drei Wochen im Jadewald gewesen, ohne Ergebnisse vorweisen zu können. Die Pandaren-Steinmetze, mit denen sie arbeitete, bewegten sich im Schneckentempo, doch die Dunkeleisenzwergin zögerte, sie anzutreiben. Laut Moira war sie eine „Botschafterin“.

 

„Erfüllt mich mit Stolz“, hatte die Königin vor Fenellas Abreise aus Eisenschmiede befohlen.

 

Fenella dachte über die Worte nach, während sie zur Baustelle unterwegs war, einer Lichtung an der östlichen Seite des Waldes. Vorarbeiter Raiki, der leitende Pandaren-Steinmetz, hatte ein Treffen anberaumt. Worum es dabei ging, wusste die Dunkeleisenzwergin nicht. Sie hoffte nur, dass die Dinge in Gang kommen würden.

 

Als sie eintraf, hatten sich schon Massen von Pandaren versammelt. Vielversprechend. Fenella blinzelte im grellen Sonnenlicht, als sie sich an einen Felsblock setzte. In der Ferne ragte der Jadetempel in den Himmel hinauf und Hitze ließ die Luft über dem mit grünen Ziegeln gedeckten Dach flimmern.

 

Raiki ging langsam in die Mitte der Versammlung. „Ihr alle kennt die vor uns liegende Aufgabe!“, rief er und zeigte zu einem nahe gelegenen Trümmerfeld.

 

Hinter ihm stand eine große, runde Steinsäule. Um sie herum lagen die abgebrochenen Stücke des Schlangenherzens. Die Statue war nach dem Bild der Jadeschlange, einem der vier legendären Himmlischen Erhabenen, erbaut worden. Nach dem, was Fenella wusste, waren sie gottähnliche Wesen aus Pandaria, allerdings hatte sie noch keinen von ihnen zu Gesicht bekommen. Das Schlangenherz war zerstört worden, als Horde und Allianz in dieser Region miteinander im Krieg lagen. Laut der Geschichte, die Moira ihr erzählt hatte, sollte die Jadeschlange nach dem Wiederaufbau durch die Steinmetze ihre Lebensessenz in die Statue übertragen und „wiedergeboren“ werden, allerdings war sich Fenella nicht ganz im Klaren darüber, was das bedeutete.

 

„Für den Wiederaufbau benötigen wir mehr Jade“, fuhr Raiki fort. „Daher schlage ich eine große Jadejagd vor!“

 

Ein Raunen ging durch die Menge, doch Fenella verstand die Aufregung nicht. Ihre Augen wanderten über die Steinmetze, bis sie Fendrig entdeckte, der wie Blut auf Neuschnee aus den Anwesenden herausstach. Der Bronzebart starrte zurück, selbstgefällig und herablassend wie immer. Auf der anderen Seite der Baustelle fand Fenella Carrick, der sie mit vor Ärger verzogenem Gesicht ansah.

 

Das letzte Mal hatten sie auf der Überfahrt nach Pandaria miteinander geredet. Diese Mistkerle kamen einfach nicht damit zurecht, dass Fenella das Sagen hatte. Trotz all des Geredes in Eisenschmiede über Gleichheit war es nicht so leicht, den alten Hass ruhen zu lassen. Von einem Mitglied des Dunkeleisenklans angeführt zu werden, war ein Berg, den sie nicht erklimmen konnten.

 

So ist's einfacher, dachte sich Fenella. Erledige den Auftrag und dann geht das Leben weiter.

 

„Die Jagd beginnt bei Sonnenaufgang und endet bei Sonnenuntergang. Wagen sind nicht erlaubt, Taschen und Beutel schon. Viel Glück!“ Raiki legte eine Pause für eine Runde Applaus ein.

 

„Fenella!“ Der Vorarbeiter stapfte zur Dunkeleisenzwergin, während die Pandaren-Steinmetze Gruppen bildeten. „Habt Ihr noch Fragen zur Jagd?“

 

„Nein“, antwortete sie. „Alles verstanden.“

 

„Ich würde das nicht zu ernst nehmen. Das ist eine Art Tradition, um die Stimmung zu heben.“

 

„Ein Dunkeleisenzwerg nimmt eine Bergbauherausforderung nie auf die leichte Schulter, alter Knabe“, sagte sie nüchtern.

 

Raiki kicherte wohlwollend. „Das habe ich schon gehört. Daher freue ich mich schon darauf, dieses berühmte Können der Zwerge in Aktion zu erleben.“ Er warf einen Blick zurück zu Fendrig, dann zu Carrick. Keiner von beiden hatte sich bewegt. „Braucht Ihr und Eure Gruppe Ratschläge für Abbaustellen?“

 

Fenella nahm einen Hauch von Zweifel beim Wort „Gruppe“ wahr. Die Spannungen zwischen den Zwergen waren den Pandaren nicht entgangen. Sie waren einfach nur zu höflich, sie mit diesem Problem zu belästigen. „Das bekomme ich hin.“

 

„Na dann, gute Jagd. Möge die Jadeschlange über Euch wachen.“ Raiki verbeugte sich tief und ging.

 

Bevor sie in ihr Lager zurückkehrte, warf Fenella Fendrig und Carrick einen Blick zu. Sie waren Zwerge. Förmlichkeit hin oder her, diese große Jadejagd hatte das Feuer des Wettkampfes in ihrem Blut geschürt. Die Dunkeleisenzwergin schaute beide von ihnen mit schmalen Augen lang an. Sie bewegte ihren Kopf von einer Seite zur anderen, sodass ihr Hals knackte.

 

Fendrig gähnte. Carrick spuckte auf den Boden, trat Gras in ihre Richtung und stürmte dann los.

 

Die Jagd hatte begonnen.

 

Koveth wartete mit initiierten Wachprotokollen im Lager auf sie. Fenella stöberte in ihren Sachen, bis sie einige Karten mit bekannten Abbaustellen fand. Raiki hatte sie ihr beim ersten Eintreffen in Pandaria gegeben. Sie sah die Schriftrollen durch, kreiste vielversprechende Stellen mit einem Stück Holzkohle ein, berechnete die Zeit dorthin, dachte über den benötigten Proviant nach und ...

 

„Hallo.“

 

Ein Pandaren-Junges in einem blauen Kleid und mit zu zwei Knoten gebundenem obsidianfarbenem Haar stand am Rand des Lagers.

 

„Hoppla.“ Die Dunkeleisenzwergin lachte nervös. „Hast du mich erschreckt.“

 

„Du gehörst zu den Zwergen. Aus Eisenschmiede“, sagte das Junge neugierig.

 

„Ja.“

 

„Ihr drei scheint ziemlich wütend aufeinander zu sein.“

 

„Du musst noch viel über Zwerge lernen, Kleines.“ Fenella beließ es dabei. Sie wandte sich wieder ihren Karten zu und hoffte, das Kind würde sie allein lassen.

 

„Erzähl mir was.“

 

„Was?“

 

„Erzähl mir was über Zwerge.“

 

Fenella seufzte. Was sollte man da erzählen? „Vor langer Zeit lebten wir alle in Eisenschmiede. Dann bekamen wir Probleme miteinander und gingen getrennte Wege. Jetzt sind wir alle wieder in Eisenschmiede.“ Sie beschloss, die eher „umstrittenen“ Dinge auszulassen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Dunkeleisenzwerge bis kurz zuvor von Ragnaros, dem Elementarfeuerfürsten, versklavt und unerbittlich auf einen Pfad des Bösen geführt worden waren.

 

„Aber ihr seid nicht richtig zusammen.“

 

„Wir sind unterschiedlich“, antwortete die Dunkeleisenzwergin und wurde von Wut übermannt. „Und werden es auch immer sein.“

 

„Du wirst also nicht mit ihnen auf die Jagd gehen?“

 

Wie viele Fragen wollte das Mädchen denn noch stellen? „Sie können mitkommen, wenn sie wollen. Mir egal. Ich werd' mehr Jade finden, als die beiden in 'ner ganzen Woche abbauen können.“

 

Das Mädchen runzelte die Stirn. „Ich verstehe.“ Vorsichtig ging sie auf die Zwergin zu und zeigte auf die Karte in ihrer Hand. „Dann solltest du diese ganzen Stellen meiden. Da wird es von Pandaren nur so wimmeln. Und die Jade dort wurde schon größtenteils abgebaut. Aber ich kenne einen guten Ort, den niemand anrührt ...“

 

„Ach, wirklich?“

 

„Dort.“ Das Mädchen zeigte auf der Karte auf eine nordwestlich vom Schlangenherz gelegene Stelle. „Der Eingang ist mit Unkraut und Steinen bedeckt, aber wenn du danach suchst, wirst du ihn finden. Das ist eine uralte Mine voller Jade, die schöner und reiner ist als alles, was die anderen abbauen.“

 

Fenella markierte die Stelle. „Wenn die so besonders ist, warum gehen dann die anderen nicht dahin?“

 

„Du musst noch viel über Pandaren lernen.“ Das Mädchen grinste. „Sie gehen an Orte, die sie kennen. Routine wirkt beruhigend.“

 

Fenella nickte. „Halt' bei Sonnenuntergang nach mir Ausschau, Kleines. Vielleicht ...“

 

Sie brach ab, als sie nach oben blickte und zum ersten Mal die Augen des Mädchens bemerkte. Sie waren seltsam und rot – so uralt wie Elementium. Fehl am Platze bei diesem kleinen, harmlosen Mädchen.

 

Die Dunkeleisenzwergin fing sich wieder und sagte: „Vielleicht heb' ich ein bisschen Jade für dich auf.“

 

„Das hoffe ich doch.“ Nach einer höflichen Verbeugung flitzte das Mädchen davon.

 

Fenella blätterte die nächste Stunde in den Karten, kam aber immer wieder zu der zurück, die sie auf den Rat des Mädchens hin markiert hatte. Jade, die schöner und reiner ist als alles, was die anderen abbauen. Es gefiel ihr nicht, wenn andere – besonders Kinder – ihr sagten, was sie beim Abbauen zu tun und zu lassen hatte, aber sie war fremd in diesem Land. Das könnte der Vorteil sein, den sie brauchte. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

 

„Koveth“, rief Fenella. „Bist du bereit, 'n bisschen zu graben, alter Knabe?“

 

Die Augen des Golems leuchteten violett auf. „Bestätigt.“

***

 

Fenella brach noch in der Dunkelheit auf. Die Regeln besagten, dass die Jagd bei Sonnenaufgang beginnen würde. Ob das die Vorbereitungen und den Weg oder nur das eigentliche Abbauen umfasste, ließ sie einfach offen. Kurz vor Sonnenaufgang fand sie die Mine. Der Eingang war von Steinen und einem Geflecht aus dicken, dornigen Ranken halb bedeckt. Ein kleines grünes Ding schwirrte an einer Seite der Öffnung umher.

 

Eine Schieferspinne.

 

Fenella verzog das Gesicht. Die Pandaren hatten einen passenden Spitznamen für diese ekligen kleinen Viecher: „Beißer“. Sie konnten sich durch festen Stein kauen und die Stücke runterschlucken. Die Kreatur blieb stehen und bäumte sich vor Koveth auf. Ihre Kiefer klickten wie wild zusammen.

 

„Analyse: Sie will Koveth verschlingen.“ Der Golem brachte es wie immer auf den Punkt.

 

„Ja. Aber das wollen wir nich' zulassen, oder?“

 

Koveth antwortete, indem er einen Ausfallschritt nach vorn machte und die Spinne mit einem präzisen Hieb zu Brei schlug.

 

„Geh voran.“ Fenella war froh, Koveth an ihrer Seite zu haben. Der Golem war das einzige „Gruppenmitglied“, das sie brauchte. Er war verlässlich, folgte ihr blind und konnte mehr abbauen, als es zehn Steinmetze je schaffen würden.

 

Der Golem beseitigte den Rest der Ranken und Steine mit einem Schwung seiner Eisenhand und verschwand dann in der gähnenden Dunkelheit. Als auch sie im Innern war, zog sie einen kleinen violetten Kristall aus einer Tasche an ihrem Gürtel und schlug damit einige Male gegen die Wand. Der von einer Zauberin in Eisenschmiede gefertigte Edelstein rappelte und begann, den Durchgang zu erleuchten. Auf ihrem Weg durch den Tunnel fand sie nichts Besonderes und ihre Gedanken schweiften ab.

 

Warum war sie hier?

 

Die Dunkeleisenzwerge hatten kurz zuvor Respekt in Eisenschmiede erlangt, indem sie eine wichtige Rolle beim Zurückschlagen einer brutalen Troll-Invasion gespielt und viele Leben gerettet hatten – darunter auch Zwerge anderer Klans. Fenella war verblüfft, dass Moira sie – ausgerechnet eine Dunkelader – nach solch einem Sieg als Anführerin der Expedition ausgewählt hatte.

 

Entging ihr vielleicht etwas?

 

„Jade.“ Koveth zeigte auf den Boden.

 

Ein Dutzend kleiner, mit einer Staubschicht bedeckter Objekte lagen auf dem Boden verstreut. Eines war eine Figurine der Jadeschlange, die anderen stellten die restlichen Himmlischen Erhabenen dar: Xuen den Weißen Tiger, Niuzao den Schwarzen Ochsen und Chi-Ji den Roten Kranich. Sie hob die Jadeschlangenstatue auf und spürte, dass sie Hitze ausstrahlte. Eine seltsame Hitze, warm genug, dass Fenella sie durch ihre Lederhandschuhe spüren konnte.

 

Zauberei. Ein Teil von ihr schrie sie an, zu gehen. Warnte sie, dass sie nicht hierher gehörte.

 

„Wie ein richtiger Dunkeleisenzwerg ...“

 

Fenella machte einen Satz nach hinten. Koveth ging in Verteidigungsstellung in die Hocke.

 

Vor ihnen trat Carrick mit einer auf seinem Stahlhelm brennenden Flamme aus den Schatten.

 

„Was macht Ihr hier?“, fragte Fenella.

 

„Ich würd' Euch ja dieselbe Frage stellen, nur dass ich die Antwort schon kenne. Ihr seid mir gefolgt!“

 

„Feindliche Absichten entdeckt“, knurrte Koveth. „Soll ich ihn auslöschen?“

 

„Wenn Euer kleiner Freund auch nur einmal nach mir schlägt, mach ich ihn zu Altmetall.“ Carrick zog seinen Hammer hervor, um der Drohung Nachdruck zu verleihen. Eine schwachblaue Energie umströmte ihn knisternd. Die meisten Bergleute benutzten für ihre Arbeit Spitzhacken oder Geologenhämmer. Fenella wusste, dass Carrick anders war. Er hatte einen spitzen Sturmhammer, versehen mit der Kraft der Blitze. Eine Waffe, die viele Mitglieder seines Klans trugen.

 

„Zurück, Koveth“, befahl Fenella und sagte zu dem Wildhammer: „Ich hab diesen Ort selbst gefunden, sturköpfiger Mistkerl.“

 

„Ach ja? Nun, das Wort der Tochter des Schwindler-Fineous is' für mich ungefähr so viel wert wie Stroh am Hintern eines Greifs.“

 

„Hört auf mit der Quasselei. Keiner von Euch hat diesen Ort hier selbst gefunden.“ Fendrigs raue Stimme hallte von dort wieder, woher Fenella gekommen war. Der gewaltige Bronzebart kam langsam näher, bis er die anderen Zwerge überragte. „Wir drei hatten wohl alle Besuch von diesem Pandaren-Mädchen.“

 

„Das Mädchen ...“ Carrick schlug mit seinem Hammer gegen die Wand. „Was hat sie vor?“

 

„Sie hat versucht, uns zu helfen“, sagte Fenella. „Sie versteht das böse Blut zwischen uns nicht.“

 

Die drei Zwerge standen still da und warfen sich mit vor lauter Nachdenken zerknautschten Gesichtern zornige Blicke zu. Fenella wusste, dass sie alle mit demselben Dilemma zu kämpfen hatten. Jade, die schöner und reiner ist als alles, was die anderen abbauen. Zu gehen, hieße nachzugeben – sich geschlagen zu geben. Keiner bewegte sich.

 

„Und?“ Carrick grinste spöttisch. „Ihr könnt jetzt beide gehen.“

 

„Wir alle sind Fremde in diesem Land“, erwiderte Fendrig. „Ihr habt auch nich' mehr Anspruch auf diese Mine als wir.“

 

Die Venen auf Carricks schweißglänzender Hand traten hervor. „Eure Entscheidung, wenn ihr beide mir folgen wollt. Kommt mir nur nich' in die Quere!“, brüllte er und stampfte den Tunnel entlang.

 

Fenella bemerkte einen Hauch Unbehagen – Furcht – auf Fendrigs Gesicht, wie dunkler Boden, der durch den Schnee des späten Winters zum Vorschein kommt. Als er sah, wie die Dunkeleisenzwergin ihn beobachtete, verhärteten sich seine Gesichtszüge wieder. „Es könnt' den Spaß wert sein, zu sehen, wie ihr beide Euch abmüht.“ Er stapfte weiter.

 

Die Dunkeleisenzwergin stand allein mit Koveth und kaute auf ihrer Unterlippe. Sie schätzte, dass die Sonne schon aufgegangen sein musste. Es könnte einige Stunden dauern, überhaupt eine andere passende Mine zu finden. Wenn sie Glück hätte.

 

„Komm.“ Sie gab Koveth einen Wink.

 

Der Golem folgte ihr tiefer in den Schlund des Berges hinein.

 

Die Geschichte der Pandaren enthält ein dunkles Kapitel – das Reich der Mogu. Für uns ist es schwierig, sich vorzustellen, wie sehr unsere Vorfahren während dieser Zeit gelitten haben. Die schrecklichen Mogu trampelten die Kultur der Pandaren nieder. Sie verbannten jegliche Anbetung der Erhabenen. Allein schon ihren Namen auszusprechen, wurde mit Folter und Tod bestraft. Mit der Zeit lernten selbst jene, die sie gekannt hatten, ihre weisen Lehren zu vergessen.

– Die Schriftrollen der Erhabenen

 

Ich hätte den Rat des Mädchens nicht beachten und 'ne eigene Mine suchen sollen, dachte sich der vor Wut schäumende Carrick.

 

Die bleischwere Stille um ihn herum fachte seinen Zorn nur noch weiter an. In seiner Jugend hatten seine Eltern die Gabe bei ihm bemerkt – die Gabe, mit den Steinen zu sprechen. Ein Wildhammer-Ältester hatte ihn für eine schamanische Ausbildung vorgesehen, aber das war nicht das Richtige für Carrick. Er war von ganzem Herzen Bergarbeiter und seine angeborene Verbindung mit den Elementen machte ihn zu einem der Besten im ganzen Klan. Einem der Besten auf der ganzen Welt.

 

Zumindest, als er die Steine noch hören konnte. Nun war ihre Stille wie ein scharfes Objekt, das man ihm zwischen die Rippen gestoßen hatte, eine ständige und schmerzhafte Erinnerung daran, wie tief er gefallen war.

 

Carrick dachte darüber nach, als er weiterging und schließlich einen großen runden Raum erreichte. Die Flamme auf seinem Helm ließ schwaches Licht auf die gegenüberliegende Seite der Kammer fallen. Er erkannte mit Rissen durchzogene und verblasste Wandbilder, die alle Xuen, den Weißen Tiger, darstellten. Auf einem Bild kämpfte Xuen gegen einen riesigen Mogu in Rüstung, aus dessen Körper Blitze zuckten. Auf einem anderen lag der Weiße Tiger in Ketten auf einem Berggipfel. Die Kreatur kämpfte brüllend und mit vor unkontrollierter Wut verzerrtem Gesicht gegen die Fesseln an. Die Mogu-Bestie schaute mit siegreich erhobenen Armen aus der Ferne zu.

 

„Was ist das hier für ein Ort?“, fragte Fenella, als sie mit ihrem Golem den Raum betrat. Die Dunkeleisenzwergin schwenkte ihren Edelstein, der die Kammer in ein blasses Violett tauchte.

 

Fendrig kam kurz danach. „Hat keiner von Euch dran gedacht, sich vorher mal 'n bisschen schlau zu machen? War ja klar.“ Der Bronzebartzwerg seufzte und ging zu einer Reihe von in die Wand geritzten Pandaren-Runen. Er zog eine lange Schriftrolle aus seinem Gürtel, auf deren abgenutztem Papier sich ähnlich aussehende Symbole befanden. Daneben standen Zwergenbuchstaben.

 

Carrick beäugte den Code. „Was steht denn da?“

 

„Wenn Ihr das wissen wollt, macht die Lauferei doch selbst.“ Fendrig drehte dem Wildhammerzwerg den Rücken zu und beschäftigte sich wieder mit den Runen.

 

Carrick öffnete und schloss seine Hände schnell mehrmals nacheinander. Ein schönes Bild kam ihm in den Sinn: Seine Faust, die gegen Fendrigs übergroßes Maul knallte und ihm das selbstgefällige Grinsen vom Gesicht fegte.

 

Fenella fluchte und schnalzte mit der Zunge. Sie stand auf der anderen Seite des Raums. Ein monströser, zu einem Gesicht eines knurrenden Mogu gemeißelter Stein versperrte den einzigen Durchgang, der tiefer in die Mine hinein führte. „Davon hat das Mädchen nichts erzählt.“

 

„Hier war seit Generationen niemand mehr. Wahrscheinlich sollte hier nich' jeder rumschnüffeln“, erwiderte Fendrig. „Wir müssen durchbrechen.“

 

Carrick untersuchte den Stein. Fest. Stabil. Er ging näher heran und legte seine Hand darauf, um ihn probehalber zu verschieben. Als seine Haut den Stein berührte, schoss ein schmerzhafter Energieblitz seinen Rücken hinauf. Die Luft im Raum wurde plötzlich wärmer und knisterte mit einer Kraft, die Magie glich.

 

Vor seinen Augen veränderte sich das Mogu-Gesicht langsam zu etwas anderem.

 

Zu einer scheußlichen, vernarbten Visage. Zu einem Drachenmal-Orc.

 

Carrick stolperte nach hinten und schüttelte den Kopf.

 

Der Orc bewegte sich nicht. Seinen Feind dort zu sehen, wie er ihn aus steinernen Knopfaugen anstarrte und herausforderte, ließ Carricks Herz rasen. Er drehte seinen Hals und streckte die Arme. Die Muskeln schwollen an. Er nahm seinen großen Hammer in die Hände und schwang ihn mit aller Kraft nach vorn.

 

Mit Donnerschlag und blendendem Lichtblitz traf das Metall auf den Stein. Der Hammer rutschte Carrick aus den Händen und flog davon.

 

Fendrig kicherte. „Ich weiß nich', ob Ihr den Stein getroffen habt oder er Euch.“ Der Bronzebart hob lässig seine Spitzhacke. „So, alter Knabe, jetzt zeig ich Euch mal, wie so was geht.“

 

„Ihr schafft das auch nich'. Ich kümmer mich drum.“ Fenella winkte ihren infernalischen Golem herbei.

 

Carrick nahm sich seinen Hammer und wirbelte zu den anderen Zwergen herum. „Zurück!“

 

Er wartete nicht auf ihre Antwort, bevor er dem Drachenmal-Orc einen weiteren Schlag verpasste.

 

Dann noch einen.

 

Und noch einen.

 

Carrick bekam gar nicht mit, dass er dem Orc keinen einzigen Kratzer verpasste. Seine Wut kochte glühend heiß in ihm hoch und veränderte alles um ihn herum. Schon bald befand er sich wieder auf den grünen Hügeln. Damals in Norderon.

 

Der Geruch von Rauch lag ihm in der Nase, die Klänge des Kampfes in den Ohren. Zwergen-Greifenreiter glitten durch den von Asche erfüllten Himmel und tauschten Schläge mit Orcs auf ihren schrecklichen versklavten roten Drachen aus. Carrick sah, wie ein Schwarm Drachenmal-Orcs sich auf ein rauchendes Dorf unten am Hügel stürzte.

 

Auf sein Dorf.

 

Er hatte diese Erinnerungen in seinem Kopf schon Tausende Male durchlebt: Wie er aus der Mine stürmte, als er von dem Angriff erfuhr, und den Hügel zu seinem hell in Flammen stehenden Haus hinunterlief. Aber wie schnell er auch lief und welche Abkürzungen er auch nahm, er konnte es niemals schnell genug schaffen. Diesmal schien es jedoch anders zu sein. Die Erinnerung ging tiefer als die vorherigen und erfüllte ihn mit Zuversicht.

 

„Hallo“, sagte eine kleine Stimme.

 

Eine junge Wildhammerzwergin in einer weißen Robe mit einem Busch brauner Greifenfedern in ihrem roten Haar kam auf Carrick zu.

 

Das kann nich' sein, dachte er. Er rieb sich die Augen, aber das Mädchen war immer noch da.

 

„Rhona!“ Carrick hob seine Tochter hoch und drückte sie fest an sich. In einem entfernten Teil seines Geistes wusste er, dass dies eine Illusion war. In seinen anderen Träumen oder Erinnerungen an diesen Tag war sie niemals erschienen. Aber jetzt konnte er sie spüren. Er konnte die Pollen der auf dem Hügel wachsenden Gänseblümchen in ihrem Haar riechen.

 

„Was machst du hier?“, fragte das Mädchen, nachdem er sie wieder hinuntergelassen hatte.

 

Carrick blickte hinunter zum Fuß des Hügels, auf das brennende Dorf.

 

„Ich versuch's zu schaffen“, sagte er.

 

„Es ist zu spät.“ Rhona nahm eine Feder aus ihrem Haar und drehte sie zwischen den Fingern.

 

„Nein. Diesmal ist's anders. Ich kann's spüren.“

 

„Es ist wie immer.“ Rhona lachte naiv, als wäre das eine Art Spiel für sie.

 

Etwas in Carrick brach entzwei – etwas so tief liegendes, dass er keine Kontrolle darüber hatte.

 

„Sag das nicht!“, brüllte er. Der Zorn ebbte schnell wieder ab und schlechtes Gewissen trat an seinen Platz.

 

Rhona ging langsam nach hinten und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

 

„Es ... es tut mir leid.“ Carrick kniete sich hin und streckte seine Hände aus. „Bitte, Kleines. Verzeih mir.“

 

„Wenn du mir was versprichst.“

 

„Alles.“

 

Rhona kam näher und legte ihre Arme um den Hals ihres Vaters. Der Geruch von Gänseblümchenpollen verschwand. Der stechende Hauch des Todes, von brennendem Fleisch und einem zu Asche zerfallenden Traum umhüllte Carrick. Mit winziger Stimme flüsterte seine Tochter: „Komm nicht mehr. Hier gibt's nichts mehr für dich.“

 

Rhona gab ihm einen Kuss auf die Wange und tänzelte hinfort. Der Wind wurde plötzlich stärker und blies ihr die Feder aus den Fingern. Sie lachte und jagte ihr den Hügel hinunter nach.

 

„Warte!“, rief Carrick.

 

Er begann ihr hinterherzulaufen, wurde jedoch von Händen ergriffen und weggezogen. Er zwinkerte und Norderon verschwand. Er war wieder in diesem verdammten Loch unterhalb von Pandaria und wand sich auf dem Boden. Schmerz schoss seine Arme hinauf. Blut tropfte aus seinen Fingerknöcheln. Sein Hammer lag einen Meter neben ihm.

 

„Hey!“, sagte Fenella. „Seid Ihr verrückt geworden, euch durch den Stein schlagen zu wollen?“

 

Carrick schaffte es durch den Nebel aus Verwirrung, der sich über ihm gebildet hatte, gerade noch „Was?“ zu sagen.

 

„Was war mit den Drachenmal-Orcs?“, fragte Fendrig.

 

„Ihr habt sie angeschrien, als wär'n sie hier im selben Raum“, fügte Fenella hinzu.

 

Carrick dachte daran, abzuwinken oder eine Erwiderung zu brüllen. Aber als er an sich heruntersah, wie er blutig und mit blauen Flecken auf dem staubigen Boden saß, erlosch alles Feuer in ihm. Der mächtige Carrick Eisengrien. Es war nicht mehr zu verbergen, wie jämmerlich und nutzlos er geworden war.

 

Er hatte seit Jahren niemandem vom Angriff der Drachenmal-Orcs erzählt, aber als er seinen Mund öffnete, drangen die Worte hinaus und er war zu erschöpft, um sie aufzuhalten. Er erkannte, dass er sie schon viel zu lang verborgen hatte. Wie Wasser an einem Damm wollten sie frei fließen. Also ließ er es zu.

 

„Seit dem Tag kann ich die Steine nich' mehr hören“, sagte er am Ende der Geschichte.

 

Er konnte die anderen Zwerge nicht einschätzen, allerdings machten sie ihn nicht schlecht, wie er es erwartet hatte.

 

„Wartet einfach hier“, seufzte Fendrig. „Ich kümmer' mich um den Stein.“

 

„Halt.“ Carrick wischte sich den Staub ab und ging auf den Felsblock zu. Der knurrende Orc war immer noch da. Er blickte ihm in die steinernen Augen und fragte sich, wie lange er sich noch von seiner Wut verzehren lassen sollte – wie viele Freunde er noch mit seiner Reizbarkeit vertreiben würde. Trotz all seines Redens hatte er seit den Tagen in Norderon nichts mehr von Bedeutung geschaffen. Er hatte keine Geduld mehr dafür.

 

Er hätte den Drachenmal-Orcs alle Schuld dafür geben können, letztendlich hätte es aber nichts geändert.

 

Carrick holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Er legte seine Handfläche auf den Stein und starrte den Orc an. Das spöttische Grinsen des Drachenmal-Orcs wurde breiter. Die Wut kehrte zurück und der Rauch zog Carrick in die Nase. Der Drang, diese Erinnerungen zu bekämpfen, sie zu etwas Besserem zu machen, wie Stein, der abgebaut und für die Formung vorbereitet wird, überwältigte ihn. Er schloss die Augen, kämpfte dagegen an und ließ den Erinnerungen ihren Lauf.

 

Ich bin fertig mit euch.

 

Er spürte eine Bewegung an seiner Haut. Der Stein vibrierte. Es war das alte, vertraute Gefühl der Steine, deren Singen er hörte. Der Rausch der Freude und Erleichterung ließ Carrick die Hand schon fast wegziehen, aber er hielt sie an Ort und Stelle. Er öffnete sich den Elementen und ließ sich von ihnen wie einstmals leiten. Jeder Fels, jeder Berg hat einen Schwachpunkt. Das vermittelten sie ihm.

 

Als Carrick seine Augen öffnete, starrte der Mogu ihn an. Seine Hand berührte eine Stelle rechts neben der Nase der Figur. Na also. Der Wildhammerzwerg schwang seinen Hammer und biss sich vor lauter Schmerz in den Händen auf die Lippe.

 

KNACK.

 

Statt zu zerbröckeln, rollte der riesige Stein zur Seite und gab den Blick auf einen dahinter liegenden düsteren Durchgang frei.

 

Carrick ließ die anderen Zwerge zuerst durch die Öffnung gehen. Als sie verschwunden waren, lehnte er eine lange Zeit an der Wand und jeder Muskel in seinem Körper zitterte heftig. Es fühlte sich an, als hätte er einen Sack mit Eisen getragen und endlich einen Platz gefunden, an dem er ihn abstellen konnte.

 

Manche Pandaren waren auf Rache aus. Sie verstärkten ihre Kampfkraft für den Tag, an dem sie die Mogu angreifen konnten. Wut war der Antrieb hinter allem. Aber was bedeutet Stärke ohne Kontrolle? Schon bald wurden diese armen Sklaven Marionetten ihres Zorns, die den Hass gegen alles und jeden wandten. Sie hatten Xuens grundlegendste Lektion vergessen: „Der einzige Feind seid Ihr selbst.“

– Die Schriftrollen der Erhabenen

 

Schweißperlen liefen langsam an Fendrigs Nacken herunter. Die Furcht kam zurückgekrochen, wütete in seinen Eingeweiden und grollte wie ferner Donner. In den Tiefen dieses vom Licht verlassenen Bergs fragte er sich, ob der Sturm ihn irgendwann überwältigen würde. Er konnte ihn nicht ewig in Schach halten.

 

Düstere Gedanken jagten durch seinen Kopf. Wer wusste schon, wie stabil dieser Ort war? Welche Sicherheitsvorkehrungen trafen die Pandaren überhaupt in ihren Minen? Vielleicht keine beim Bau dieser Tunnel. Vielleicht mieden ihre Steinmetze sie genau aus diesem Grund.

 

Fendrig machte sich Vorwürfe, nicht im Lager geblieben zu sein, aber was hätte das schon gebracht? Die Dunkeleisen- und Wildhammerzwerge wären zurückgekehrt und hätten gesehen, dass er nichts abgebaut hätte. Dann wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass die „Hand von Khaz“ schon seit mehr als einem Jahr keine Mine mehr betreten hatte.

 

„Noch 'ne Kammer“, rief die Dunkeleisenzwergin.

 

Erleichterung durchströmte Fendrig. Die unebenen Wände waren schmaler geworden und hatten sich enger um ihn gelegt. Er hatte Probleme mit dem Atmen bekommen. Er nahm sich einen Moment, um sich wieder zu fangen und die Maske der Fassung anzulegen, die er meisterhaft tagein, tagaus tragen konnte.

 

Der langgezogene, rechteckige Raum war wesentlich größer als der letzte. Zum Glück gab es auf der anderen Seite einen offenen Durchgang. Decke und Wände waren unnatürlich eben – kunstvoll gefertigt.

 

Trotz seiner Nachforschungen war Fendrig nicht auf den Zweck dieser Kammern gestoßen. Offensichtlich hatten die Pandaren sie zu Ehren der Erhabenen erbaut. Aber warum? Die in die Wände gemeißelten Runen gaben keine Antworten. Sie waren kryptisch und unklar. Hauptsächlich alte Pandaren-Sprichwörter.

 

In der Mitte des Raums war ein flaches Relief von Niuzaos Kopf in der Größe eines Rundschilds in den Boden eingelassen. Das Licht der offenen Flamme auf Fendrigs Helm ließ die saphirfarbenen Augen des Ochsen funkeln.

 

Fenella trat auf die Scheibe, als sie mit dem hinter ihr herstampfenden Golem den Raum durchquerte. Carrick betrat die Kammer und folgte der Dunkeleisenzwergin, nachdem er die Umgebung kurz untersucht hatte. Fendrig bemerkte sie kaum. Seine Aufmerksamkeit war auf die in die Wände kunstvoll eingearbeiteten Bilder gerichtet. Zu sehen war Niuzao, der Schwarze Ochse. Fendrig hatte sich auf der Überfahrt nach Pandaria mit dieser Kreatur beschäftigt. Sie war ein mächtiges Wesen, das sich ganzen Armeen entgegenstellen konnte. Kein Wunder, dass die Pandaren den Ochsen verehrten und hofften, seiner Stärke gleichzukommen. Doch auf diesem Wandbild war Niuzao alles andere als furchtlos. Der Schwarze Ochse kauerte auf einem Hügel, umzingelt von Scharen von Mogu-Kriegern. Bei näherer Betrachtung erkannte Fendrig, dass die Soldaten nicht echt waren, sondern nur aus Ton bestanden. Die echten Mogu sahen sich die Szene von den Rändern des Wandbildes aus vergnügt an.

 

Plötzlich knisterte die Luft vor Energie, die sich in Fendrigs Magen wandte. Das war ein seltsamer Ort. Er fragte sich, ob er bei seinen Nachforschungen irgendwelche Einzelheiten übersehen hatte. Vielleicht hatten die Mogu diese Tunnel gefunden. Vielleicht hatten sie sie mit einem Fluch belegt.

 

Als Fendrig bemerkte, dass er allein war, lief ihm ein Schauer über den Rücken. „He! Wo seid Ihr?“

 

„Im Tunnel!“, schallte Fenellas Stimme aus dem Durchgang.

 

Der Bronzebartzwerg eilte zu der Öffnung. Mit seinem Fuß trat er in eine Rille auf dem Boden. Er blickte nach unten und bemerkte, dass er auf Niuzaos Emblem stand. Der zuvor stoisch dreinblickende Schwarze Ochse hatte nun den gleichen erschrockenen Gesichtsausdruck wie auf dem Wandbild angenommen.

 

Fendrig sprang nach hinten, als die Scheibe sich einmal komplett drehte und dann anhielt. Das Grollen von Stein, der über Stein kratzte, erschütterte den Raum. Hinter den Wänden hörte Fendrig etwas, das wie Räder und Flaschenzüge klang – das Knarren von altem Holz und der Zug auf einem starken Seil, das gespannt wurde.

 

„Was war das?“, brüllte Fenella aus dem Tunnel.

 

„Dassss ...“ Fendrig bekam die Worte nicht heraus.

 

Das Grollen wurde ohrenbetäubend. Dicke Steinplatten senkten sich mit erschreckender Geschwindigkeit über die beiden Öffnungen der Kammer. Er ging einen Schritt, doch seine Beine waren schwer wie Ambosse. Er stolperte und fiel hin. Sein Bergarbeiterhelm krachte auf den Boden und der Aufprall ließ die auf ihm brennende Flamme erlöschen.

 

„Bronzebart!“, rief Fenella.

 

Fendrig hob seinen Kopf und sah das violette Licht des Edelsteins der Dunkeleisenzwergin. Die Steinplatte rutschte immer noch hinab. Fenella, Carrick und der Golem, deren Gesichter in der Entfernung kaum zu sehen waren, duckten sich. Alle drei versuchten zu verhindern, dass sich der Durchgang schloss, jedoch vergebens.

 

Er hätte die Beine in die Hand nehmen können. Stattdessen sah er wie ein hilfloses neugeborenes Lamm zu, wie die Tür sich schloss. Dunkelheit verschlang ihn. Doch in seinem Geist hielt der Lärm des schleifenden Steins an. Das Geräusch veränderte sich. Es wurde zum Geräusch der auseinanderfallenden Welt, eines Berges und seines auf ihn herunterkrachenden uralten Zorns.

 

„Fendrig! Wo seid Ihr, alter Knabe?“, rief eine Person, die er nicht sah.

 

Er erkannte sie. Er hatte die Stimme seit mehr als einem Jahr nicht mehr gehört. Seit ...

 

„EINSTURZ!“, schrie jemand anders.

 

Fendrig versuchte aufzustehen, doch seine Beine versagten. In der Dunkelheit verlor er jeglichen Orientierungssinn. Eine Welle von Übelkeit führte dazu, dass sich alles in seinem Kopf drehte. Seine Lungen füllten sich mit einer eisigen Kälte und er wusste genau, wo er war.

 

Eisklamm.

 

„Nein. Nich' hier ... Nich' hier ...“, stammelte Fendrig, als er sich umschaute. Es war immer noch dunkel, aber er spürte etwas Neues, Riesiges in der Kammer. Er war nicht mehr in Pandaria – er war in diesem höhlenartigen Bergtunnel tief im Gebiet der Zwerge. Dort hatte er mit zwölf anderen Bergleuten gearbeitet, als der Kataklysmus hereinbrach und Erdbeben die Welt zerschmetterten.

 

Fackellicht flackerte aus unbekannter Quelle durch den Raum. In den kurzen Momenten, in denen er etwas erkennen konnte, sah er, wie riesige Schatten fielen und Steine von der Größe eines Wagens vom Dach regneten. „Wo is' Fendrig?“

 

Wieder diese Stimme. Noch lauter. Ein Chor anderer vertrauter Sprecher folgte.

 

„Noch da drin! Ich geh' zurück!“

 

„Ich komme mit!“

 

„Nein.“ Fendrig würgte das Wort heraus. „Bringt Euch in Sicherheit!“

 

Sie hörten nicht zu. Ihre Fackeln wurden heller. Kamen näher.

 

„Hier entlang!“, schrie einer. „Er ist ...“

 

Ein scharfes, entsetzliches Krachen brachte die Stimme für immer zum Schweigen.

 

Doch die anderen gingen weiter und riefen Fendrigs Namen. Er hörte, wie die riesigen Steine einer nach dem anderen hinabfielen. Er hörte die Bergleute schreien und sah zu, wie ihr Fackelschein langsam dunkler wurde und verschwand.

 

Währenddessen blieb Fendrig wie angewurzelt sitzen und hatte viel zu viel Angst, um aufzustehen oder die Toten und Sterbenden ausfindig zu machen. Zitternd, aber sicher in einem aus den herabfallenden Steinen gebildeten Hohlraum. Pures, schmachvolles Glück.

 

So plötzlich wie es begonnen hatte, hörte das Erdbeben auch wieder auf. Alles war still.

 

Fendrig blinzelte und sagte sich, dass es nur ein Traum wäre. Aber nichts um ihn herum hatte sich verändert. Die Luft war immer noch bitterkalt und trocken in seinem Hals, der Staub zermahlener Steine lag dick auf seiner Zunge.

 

„He.“ Ein Stiefel trat ihm fest in die Rippen.

 

Fendrig sah nach oben und erwartete, die Rettungsmannschaft zu sehen, die ihn im Geröll des Passes gefunden hatte. Von den dreizehn Bergleuten, die ihn an diesem Tag betreten hatten, kam nur einer lebend wieder heraus, und zwar noch nicht mal auf eigenen Füßen. Die Retter hatten ihn in Sicherheit getragen, da ihm die Kraft zum Gehen fehlte.

 

Das war allerdings nicht die Rettungsmannschaft, an die er sich erinnerte.

 

Eine Gruppe aus nebelhaften, schwach und in verschiedenen Farben leuchtenden Gestalten stand um ihn herum. Es waren insgesamt zwölf und alle trugen Bergarbeiterausrüstung. Die zwölf tapfersten Zwerge, die Fendrig jemals gekannt hatte.

***

 

„Genug, Koveth." Fenella lehnte sich gegen die Tunnelwand und Schweiß lief ihr über die Stirn.

 

Ihr Golem trat von der in die verschlossene Kammer führenden Steintür zurück. Er hatte eine Zeit lang auf sie eingehämmert, jedoch ohne Erfolg. Währenddessen hatten Fenella und Carrick den Tunnel nach einer Möglichkeit abgesucht, die Tür zu öffnen, jedoch nichts gefunden.

 

„Dummkopf ...“, murmelte der in der Nähe stehende Carrick. „Warum is' er nich' losgelaufen, als er die Möglichkeit dazu hatte?“

 

Fenella schüttelte den Kopf. Sie und Carrick waren losgestürmt, als die Tür sich zu schließen begann. Als sie wieder zurückgekommen waren, hatte sich die Steinplatte schon halb gesenkt und selbst mit Koveths ungeheurer Kraft hatten sie nicht verhindern können, dass sie sich schloss.

 

Fenella erkannte, dass sie für Fendrig erst einmal nichts tun konnten. Sie mussten mit Sprengpulver zurückkehren oder sich Hilfe von den Pandaren holen, bevor die Luft in der Kammer zur Neige gehen würde. Die Dunkeleisenzwergin winkte Koveth herbei und machte sich auf den Weg durch den Tunnel.

 

„Wollt Ihr ihn einfach da drin lassen?“, fragte Carrick.

 

„Wir brauchen Hilfe, um ihn zu befreien, und die kriegen wir erst, wenn wir selbst einen Ausgang finden.“

 

Carrick blieb einen Moment lang mit gesenktem Kopf vor der Tür stehen und folgte dann Fenella.

***

 

Fendrig starrte die Geister der Bergleute an und fragte sich, ob sie gekommen waren, um sich an ihm zu rächen. Was hatte er auch schon getan, um ihre Opfer zu ehren? Bis zu seinem Eintreffen in Pandaria hatte er sich in keine Mine mehr gewagt und gelogen, um aus solchen Aufträgen herauszukommen. Er hatte seine Zeit damit verbracht, Geschichten seiner vergangenen Bergbautaten zu erzählen und sich bemüht, seine Fassade der Furchtlosigkeit aufrechtzuerhalten. Das war das Einzige, was er noch gut konnte.

 

„Was wollt Ihr von mir?“, zischte Fendrig.

 

Die Phantome antworteten nicht. Sie kamen näher. Der Bronzebartzwerg griff sie mit einem heftigen Schwung an.

 

„Wir werden Euch nich' wehtun, alter Knabe“, sagten die Geister im Chor. „Wir sind hier, um Euch auf die Beine zu helfen. Ihr wart schon viel zu lang unten.“

 

Fendrig holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Er ließ sich von den schemenhaften Gestalten berühren und es fühlte sich an, als würden Luftwirbel gegen seinen Körper drücken. Sie hoben ihn hoch, bis er auf den Beinen stand.

 

„Geschafft.“

 

„Es tut mir leid, Leute.“ Fendrig senkte den Blick, da er sich zu sehr schämte, um die Geister anzusehen. „Ich hätt' in dem Pass zu Euch kommen sollen. Ich hätt' was tun sollen. Irgendwas. Ich ... ich hatte Angst.“

 

„Wir auch. Aber wir haben uns nich' davon aufhalten lassen. Es wird Zeit, dass Ihr's jetzt genauso macht. Wir lassen jetzt los.“ Die Phantome lockerten ihren Griff und ein Gefühl des Schreckens durchzuckte Fendrig.

 

„Nein!“ Das Wort kam aus seinem Mund gesprungen. „Ich bin hier drin gefangen. Ich kenn' den Weg hinaus nich'.“

 

„Wir können Euch nur auf die Beine stellen, alter Knabe. Ob Ihr Euch wieder hinlegt oder stehen bleibt, liegt an Euch.“

 

Fendrig schluckte und sein Hals schmerzte von der kühlen Bergluft des Passes. „Ich ...“ Er versuchte, etwas zu sagen, wusste aber, dass das nur eine Ausrede sein würde, damit die Geister nicht von seiner Seite wichen.

 

„Es wird Zeit, wieder zu leben“, fuhren sie fort. „Seid Ihr bereit?“

 

Fendrigs Herz pochte wie wild in seiner Brust. Sein Atem wurde schneller. Wenn seine Zeit kommen und er die Welt jenseits von dieser betreten würde, was sollte er den Geistern der zwölf Bergleute sagen? Oft hatte er über diese Frage nachgedacht. Würde er ihnen sagen, dass er den Rest seiner Tage in Furcht verbracht oder mit Zielen, offenen Augen und heiß in seinem Blut brennendem Feuer gelebt hatte?

 

Und da waren sie nun.

 

Er räusperte sich. „Tut es.“

 

Die Geister ließen los.

 

Fendrig sackte leicht hinab, stolperte nach hinten und versuchte, im Gleichgewicht zu bleiben. Er fand Halt und merkte, dass ein Teil von ihm noch immer unter den Steinen in Eisklamm feststeckte. Er war müde und die Muskeln in seinen Beinen brannten und schmerzten vor lauter Anstrengung. Doch der Schmerz fühlte sich gut an. Er fühlte sich echt an.

 

Irgendwo im Raum begann ein schwaches blaues Licht zu scheinen. Fendrig sah das Relief mit Niuzao in der Nähe. Die saphirblauen Augen des Ochsen glühten intensiv – heller und immer heller. Ohne zurückzublicken ging er einen Schritt nach vorn und setzte einen Fuß entschlossen auf die Scheibe.

***

 

Fenella war schon weit in den Tunnel vorgedrungen, als sie hinter sich das Schleifen von Steinen hörte. Sie stürmte mit Koveth und Carrick zurück und sah gerade noch, wie sich der Durchgang zum Niuzao-Raum öffnete. Vorsichtig schlich sich die Dunkeleisenzwergin mit dem Leuchtedelstein in der Hand in die Kammer und entdeckte Fendrig.

 

Ein seltsames Grinsen ging über das ganze Gesicht des Bronzebarts.

 

„Was ist passiert?“ Carrick eilte in den Raum.

 

Fendrig lachte von ganzem Herzen. „Das würd' ich zu gern wissen, alter Knabe.“ Er deutete hinab auf Niuzaos Gravur, auf der er stand. „Das is' 'ne Art Schalter. Da muss ich beim Reinkommen drüber gestolpert sein.“ Fenella beäugte die Scheibe argwöhnisch. Auch sie war daraufgetreten, aber nichts war geschehen. Die Gravur sah noch genau so aus wie zuvor. Es handelte sich um nichts weiter als ein Bildnis des Schwarzen Ochsen – stoisch, unnachgiebig und furchtlos.

 

„Dann is' alles in Ordnung?“, fragte sie. „Ihr habt hier drin festgesteckt.“

 

„Ja. Ich hab mich ... nur 'n bisschen verlaufen.“ Fendrig blickte der Dunkeleisenzwergin in die Augen. Seine zuvor an den Tag gelegte Kälte war verschwunden und nun hatte etwas anderes ihren Platz eingenommen. Etwas Echtes. „An diesem Ort gibt's Magie. So viel steht fest.“

 

Der Bronzebart blickte zu Carrick, der kurz nickte.

 

„Aber jetz' is' alles in Ordnung“, sagte Fendrig. Der riesige Zwerg zündete mit einem Feuerstein die Flamme auf seinem Helm wieder an und ging mit hoch erhobenem Kopf voraus, tiefer in den Berg hinein.

 

Andere Pandaren waren in Angst und Schrecken versetzt. Allein den Namen ihrer Peiniger zu hören, lähmte sie vollends. Diese Furcht drang in alle Aspekte des Lebens ein. Sie bekamen Angst vor jedem Schatten und jedem Geräusch. Sie bekamen sogar Angst vor dem Leben und gaben sich damit zufrieden, in einem selbst geschaffenen Gefängnis dahinzuvegetieren. Hätten sie sich doch nur an das Mantra von Niuzao erinnert: „Furcht trachtet danach, Euch klein zu machen. Lasst sie stattdessen Euer Selbst zum Vorschein bringen.“

– Die Schriftrollen der Erhabenen

 

Der Tunnel wandte sich endlos. Bilder von Chi-Ji, dem Roten Kranich, schimmerten auf beiden Seiten an den Wänden. Der Erhabene – ein Symbol der Hoffnung, wie Fendrig unterwegs erklärte – flog auf den ersten Wandbildern über Scharen jubelnder Pandaren-Sklaven hinweg. Doch als Fenella tiefer in den Tunnel vorstieß, wurden die Darstellungen düsterer: Mogu-Krieger fingen Chi-Ji, legten seine Flügel in Ketten und präsentierten den Roten Kranich den Pandaren, die ihre Blicke senkten und weinten.

 

Die Mosaike wurden immer weniger an der Zahl und schließlich ersetzt durch ein Meer aus funkelnden Edelsteinen. Rubinrote, die Beleuchtung der Zwerge widerspiegelnde Kristalle bedeckten die Wände und die Decke. „Wundervoll“, sagte Fenella leise. Das war echte Schönheit, nicht die an der Oberfläche wachsenden Wälder und Blumen. Diese Kristalle, diese Steine – das waren Dinge, welche die Zeit überdauerten.

 

Sie bemerkte einen dunkelgrünen Fleck an der Wand und trat näher heran. Ein großer Stein war zwischen zwei Kristallen verkeilt. Fenella leuchtete mit ihrem glühenden Edelstein an der Decke entlang und fand weitere dieser seltsamen, nahezu perfekt geformten Steine. Irgendwo hatte sie die schon einmal gesehen ...

 

Neugierig streckte sie die Hand aus, um einen von ihnen zu berühren.

 

Er kreischte.

 

Fenella machte einen Satz nach hinten, als dünne Beine sich unter dem Körper der Schieferspinne ausstreckten. Ihr Panzer rappelte. Eine Ansammlung grüner Augen leuchtete in der Dunkelheit. Die Störung versetzte auch die anderen Kreaturen in Aufruhr. Dutzende von ihnen erwachten mit klickenden und klappernden Beinen an den Decken und Wänden zum Leben.

 

„Koveth!“, rief Fenella. „Angriff!“

 

„Bestätigt.“ Der Golem versetzte der nahe gelegensten Spinnengruppe einen Hieb und ließ sie gegen die Wand spritzen.

 

Aber es gab noch mehr. Sie regneten auf die Zwerge herab und stießen ihre rasiermesserscharfen Beine in ihre Haut. Ein Teil der Decke brach ein und eine Gruppe riesiger Spinnen, die fast halb so groß wie Fenella waren, fiel auf den Boden.

 

„Zu viele!“ Carrick schwang seinen Hammer und zerschmetterte den Panzer einer der größeren Spinnen. „Lauft weg!“

 

Er und Fendrig flüchteten zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Fenella versuchte, ihnen zu folgen, doch die wimmelnde Masse von Spinnen versperrte ihr den Weg. Ein Teil von ihnen löste sich, um dem Bronzebart und Wildhammer nachzujagen. Fenella blickte in die andere Richtung. Der Weg vor ihr war frei.

 

„Koveth“, zischte sie. „Defensiver Rückzug!“

 

Fenella sprintete, und hinter ihr erklangen die donnernden Schritte des Golems. Sie legte keine Pause ein, um darüber nachzudenken, wohin sie lief oder wie lang sie schon unterwegs war. Sie rannte weiter, bis sie eine Gabelung erreichte. Hoch oben in den kristallenen Wänden befand sich eine Statue von Chi-Ji. Die Flügel des Roten Kranichs waren gefesselt und der Kopf des Erhabenen zeigte mit tränenerfüllten Augen zum rechten Tunnel.

 

Fenella hielt an, um zu Atem zu kommen. Außer Koveth, dessen Eisenkörper von gezackten Rillen gezeichnet war, folgte ihr nichts.

 

Ein gellender Schrei erklang aus der Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Schrei eines Zwergs. Fenella standen die Haare zu Berge. Die Luft in der Höhle wurde plötzlich wärmer und verströmte einen Hauch von Zauberei.

 

Ich kann nichts für sie tun. Der Gedanke kam aus einem dunklen Teil von ihr gekrochen und stieg in Fenella empor. Wenn ich zurückgehe und wir drei sterben, bringe ich Schande über meinen Klan. Moira hat mir die Verantwortung übertragen. In Eisenschmiede wird man darüber flüstern, wie ich den Auftrag verpfuscht, wie ich einem Bronzebart und Wildhammer den Tod gebracht hab. Aber wenn ich weitermache und überlebe, wird eine Dunkeleisenzwergin dort erfolgreich sein, wo andere versagt haben.

 

Je mehr sie darüber nachdachte, desto logischer erschien ihr dieser Gedankengang. Carrick und Fendrig würden sich ihr gegenüber genauso verhalten, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Sie hassten sie. Das war in sie eingebrannt – etwas, das weder Zeit noch Erfahrung jemals auslöschen könnten.

 

Fenella schaute hinüber zur Gabelung.

 

„Erfüllt mich mit Stolz“, hatte Moira gesagt, und zwar vor allem zu Fenella. Das hatte sie doch damit gemeint, oder? Warum sonst hätte sie die Tochter von Fineous Dunkelader bitten sollen, die Gruppe anzuführen? Fenella nahm eine Bewegung war. An den Wänden, reflektiert auf jeder Facette der Kristalle, befanden sich Bilder von ihr. Sie winkten ihr zu, riefen sie, drängten sie dazu, den rechten Tunnelabzweig zu nehmen. Fenella folgte den Reflexionen, wobei ihr kaum bewusst war, ob Koveth Schritt hielt. Der Tunnel verlief spiralförmig nach unten und die Luft wurde kälter. Sie stolperte beinahe über etwas auf dem Boden Verstreutes – Knochen. Der Form des Schädels nach zu urteilen handelte es sich um das Skelett eines Pandaren.

 

„Hier gibt's nichts für dich, Kleines. Hier unten läufst du nur im Kreis.“

 

Das zarte Flüstern war kaum wahrnehmbar.

 

Fenella wirbelte mit pochendem Herzen herum. „Wer is' da?“

 

„He. Erinnerst du dich nicht an deinen eigenen Papa?“

 

Dann sah sie ihn. Fineous Dunkelader, der sich auf einem Dutzend Kristalle spiegelte. Der berüchtigte Steinmetz trug seinen Lieblingsmonokel und einen protzigen Anzug – wie immer. Er zündete seine Pfeife an und nahm einen tiefen Zug. Der süße Geruch des Rauchs zog aus ihrer Erinnerung hoch. Das letzte Mal hatte sie ihn Jahre zuvor gesehen, kurz bevor eine Gruppe Fremder das Gebiet der Dunkeleisenzwerge überfallen und die ruchloseren Mitglieder ihres Klans abgeschlachtet hatte. Darunter auch ihren Vater.

 

Das ist nicht echt. Fenella schüttelte den Kopf, doch Fineous war immer noch da.

 

„Willst du die beiden sterben lassen, Kleines?“, hakte er nach.

 

Fenella beachtete ihn nicht. Sie ging weiter. Ihre Reflexionen winkten immer noch, aber die Bewegungen waren nun hektischer und drängender – fast schon manisch. Beeilung.

 

„Ich hab dir 'ne zweite Chance gegeben und was machst du daraus?“

 

Fenella drehte sich wütend um und öffnete ihren Mund, um Fineous für seine Heuchelei zu verfluchen.

 

Aber er war fort. In den Kristallen, in denen er gestanden hatte, sah sie eine jüngere Ausgabe von sich selbst, mit leuchtend orangefarbenen Zöpfen bis zur Taille. Diese andere Fenella kroch durch die Gänge von Schattenschmiede und trug ein Bündel Baupläne unter dem Arm. Sie hatte sie einer Reihe bekannter Architekten gestohlen und mit dem falschen Siegel ihres Vaters versehen. Fenella sah, wie ihre Reflexion durch die Hauptstadt der Dunkeleisenzwerge huschte und die Baupläne ihrem Kaiser Thaurissan vorlegte.

 

Der Herrscher des Klans war so angetan von der Arbeit, dass er Fineous schon bald in den Rang des Chefarchitekten erhob. Gerüchte kamen auf, dass Fineous die Baupläne nicht selbst erstellt hätte. Thaurissan leitete Nachforschungen ein, doch nie hatte irgendjemand etwas beweisen können. Zumindest war sich Fenella da sicher. Ihr Verbrechen war so solide und bis ins kleinste Detail geplant wie ein tausendfach geschliffener Diamant.

 

Und die Entscheidung, es auszuführen, hatte sie ganz allein getroffen.

 

Fineous war nicht wütend, als er es herausgefunden hatte, doch sie erinnerte sich daran, wie etwas in seinen Augen aufgeblitzt war. Es war weder Bedauern, noch ein Schuldgefühl, noch Traurigkeit. Es war eine Verbindung aus allem, eine Mischung aus Emotionen, die sich ihren Weg durch die Dunkelheit in seinem Herzen gebahnt hatte.

 

„Ich hab nie jemandem erzählt, was du gemacht hast.“ Fineous' Bild erschien wieder. „Ich hab die Schuld und den Zorn auf mich genommen. Schließlich bin ich als Schurke gestorben. Ich beschwer' mich nicht. Ich war kein guter Zwerg, das weißt du. Aber ein Teil von mir war's, für kurze Zeit. Ich hatte die Chance, was Gutes zu tun. Dir 'ne Zukunft zu verschaffen.“

 

Fenella konnte Fineous nicht in die Augen sehen, obwohl er nur eine Reflexion oder ein Produkt der Magie war. In Wahrheit gab es nämlich nie einen Tag, an dem sie nicht darüber nachdachte, was sie getan hatte – und was er für sie getan hatte. Immer, als sie hörte, wie die Leute über ihren Vater sprachen und seinen Namen in den Dreck zogen, trafen sie die Schuldgefühle mit voller Wucht. Sie erkannte dann wieder einmal, dass sie nichts getan hatte, um sich zu ändern und seine noble Tat zu ehren.

 

Aber welche Alternative gab es schon? Ein Versuch birgt immer die Gefahr des Scheiterns in sich. Ein Versuch hätte bedeutet, sich anderen anzuvertrauen und daran zu glauben, dass auch andere ihr vertrauen. Das wäre sinnlos, da sie in ihrem tiefsten Inneren wusste, dass sie immer diese Diebin bleiben würde, die durch Schattenschmiede schleicht und bereit ist, Betrug an einer ganzen Nation zu begehen. „Ich bin eine Dunkelader“, sagte sie.

 

„Der Name ist keine Entschuldigung. Die Sache ist, dass ich niemals eine echte Wahl hatte, mich zu ändern. Du schon. Es braucht nur einen Schritt, Kleines. Seltsam, dass du so etwas Simples nicht schaffst, wo du schon so viele andere Dinge erreicht hast.“

 

Fineous stellte seine Pfeife hochkant und leerte sie. Geisterhafte Glut verschwand zwischen den Kristallen. „Tja, mehr hab ich nich' zu sagen, Kleines. War schön, dich wiederzusehen.“ Langsam verblasste er. Als er verschwunden war, konnte Fenella noch immer den Rauch in der Luft riechen.

***

 

Eine Sackgasse.

 

Fendrig stellte sich mit dem Rücken an die Kristallwand. Heißes Blut schoss aus den Wunden an seinen Armen und durchtränkte seine Lederhandschuhe.

 

Carrick stand mit gefletschten Zähnen in der Nähe. Fendrig hatte nie viel für Wildhammerzwerge übrig gehabt, aber der Knabe an seiner Seite war ein Guter. Tapfer und leidenschaftlich.

 

„Da kommen sie wieder!“ Fendrig umklammerte seine Spitzhacke jetzt noch fester.

 

Vor ihnen rollte eine Welle Schieferspinnen auf sie zu. Carrick schleuderte seinen Hammer auf die Kreaturen. Gezackte Blitze schossen aus der Waffe, als sie gegen eine besonders große Spinne krachte und in einer Explosion aus Licht und Lärm nur noch eine schwelende Hülle zurückließ. Als die Sterne, die Fendrig sah, wieder verschwunden waren, sah er, wie der Hammer in einem Bogen durch die Luft flog und zu Carricks Hand zurückkehrte.

 

Doch die Spinnen hörten mit ihrem blinden Angriff nicht auf. Ganz gleich, wie viele die Zwerge töteten, aus den Nischen und Ritzen kamen immer mehr dieser Viecher gekrochen.

 

Da bemerkte Fendrig ein kurzes violettes Aufblitzen. Eine monströse Form tauchte aus der Dunkelheit auf.

 

Der Dunkeleisengolem stürmte durch die Spinnen, wobei er Unmengen von ihnen unter seinen Füßen zerquetschte und auf weitere mit seinen gigantischen Händen einschlug. Die Kreaturen stürzten sich auf die neue Bedrohung. Sie kletterten an den Beinen des Golems hoch und bissen sich mit ohrenbetäubendem Kreischen durch seine Eisenhaut.

 

Hinter dem Konstrukt wedelte Fenella mit ihrem Leuchtedelstein und rief: „Bewegung, Leute!“

 

Fendrig und Carrick traten sofort in Aktion, sprangen über die Spinnen hinweg und liefen Fenella nach. Sie folgten ihr durch den Gang, bis sie sich schließlich an einer Tunnelgabelung ausruhten. Über ihnen erhob sich ein riesiges Relief des Roten Kranichs mit ausgestreckten Flügeln über den vor ihnen liegenden beiden Abzweigungen. Chi-Jis Kopf war nach links gedreht und sein schlanker Schnabel war weit geöffnet, als würde er singen.

 

„Was ist mit dem Golem?“, fragte Carrick besorgt.

 

„Wir können nich' riskieren, auf ihn zu warten oder zurückzugehen.“ Fenellas Stimme war fest wie Stahl, doch Fendrig bemerkte ein feuchtes Glitzern in ihren Augen. „Das is' unsere einzige Chance.“

 

Carrick senkte seinen Kopf. Er ballte die Faust und legte sie ehrfurchtsvoll auf seine Brust, was für Fendrig wie eine Art Wildhammergruß aussah.

 

„Ich hätt' nicht gedacht, dass Ihr unseretwegen zurückkommen würdet“, sagte der schwer atmende Fendrig zu Fenella.

 

Sie schaute ihn einen langen Moment an. „Ich auch nicht.“

 

Die Dunkeleisenzwergin erklärte nicht weiter, was das bedeutete, doch Fendrig brauchte keine Erklärungen. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass er froh war, sie zu sehen. „Aber jetzt seid Ihr hier. Nur das ist von Bedeutung.“

 

„Wir sind noch nicht in Sicherheit“, sagte Carrick. „Wir wissen nicht, welchen Abzweig wir nehmen sollen.“

 

„Ich aber.“ Fenella starrte auf das Relief von Chi-Ji und dann in den rechten Tunnel. Fendrig folgte ihrem Blick, sah jedoch nichts Ungewöhnliches – nur das an den Kristallwänden flackernde violette Licht ihres Edelsteins.

 

„Hier lang“, sagte sie, als sie den linken Weg nahm.

 

Doch andere Pandaren sahen die Mogu als unbezwingbaren Feind an. Sie verloren jeglichen Ehrgeiz. Sie stumpften gegenüber jeglicher Emotion ab, wie Puppen fest eingewickelt in Selbstverachtung. Man sagt, diese Sklaven hätten sogar die Fähigkeit verloren, zu träumen. Denn welchen Zweck hätten Träume schon haben können, wenn ihr Schicksal bereits feststand? Doch sie mussten nur ihre Herzen öffnen – an ihre eigene Kraft glauben –, um zu erkennen, dass dem nicht so war. Chi-Ji drückte es immer folgendermaßen aus: „Hoffnung ist die Sonne hinter einem Gewitterhimmel – stets im Herzen, doch dem Auge verborgen.“

– Die Schriftrollen der Erhabenen

 

Der enge Gang führte mit steilem, aber gleichmäßigen Anstieg immer weiter hinauf. Es gab nur wenige Kurven und der Weg war relativ gerade. Schon bald erreichen die drei Zwerge einen Eingang. Eine in den Stein gehauene zusammengerollte Jadeschlange rahmte die Passage ein.

 

Fenella ging zuerst hindurch und betrat eine riesige Höhle. Ihr stockte der Atem.

 

Überall aus den Böden und Wänden sprossen Jadevorkommen. Selbst der unbearbeitete Stein war glänzend und tiefgrün. Er glitzerte in der schweren Dunkelheit, als ob eine eigene Lebensenergie in ihm pulsieren würde. Eine bogenförmige Spur aus leuchtenden Saphiren zog sich wie ein Blitz an der Decke entlang.

 

Carrick pfiff. „Die Kleine hat nich' gelogen, was?“

 

Die drei Zwerge schritten voller Ehrfurcht durch die Höhle. In der Mitte stand eine große Steinsäule, in die Pandaren-Symbole eingraviert waren. Daran gelehnt stand ein langes Stück Bambus, so dick wie Fenellas Arm.

 

Fendrig nahm den Bambus und beäugte ihn neugierig. Er griff hinein und zog mehrere Schriftrollen heraus. Der Bronzebartzwerg setzte sich auf einen Stein in der Nähe und öffnete vorsichtig das Pergament, auf dem elegante Pandaren-Schrift zum Vorschein kam. Fendrig holte seinen Code heraus und studierte die Runen.

 

„Was is' das?“, fragte Fenella.

 

„Das sind die Schriftrollen der Erhabenen“, antwortete Fendrig. „Soll ich sie vorlesen?“

 

„Ja“, sagte Fenella. Carrick nickte, während er sich in der Nähe des Bronzebartzwergs auf den Boden setzte.

 

Fendrig las mit stockender Stimme vor und schaute zwischendurch immer wieder auf seinen Code. Auf den Schriftrollen wurde die Geschichte der Erhabenen erzählt und vom Aufstieg des Mogu-Reichs berichtet. Auch zu lesen war, wie die Pandaren in dieser schrecklichen Zeit zerbrachen und Zorn, Furcht, Verzweiflung und Ungewissheit zum Opfer fielen.

 

„Die Erhabenen, jeder einzelne von ihnen, versuchten den Sklaven zu helfen“, sagte Fendrig. „Doch das erregte den Zorn des Donnerkönigs. Einen nach dem anderen bezwang der Mogu-Kaiser die sich einmischenden Erhabenen, bis nur noch Yu'lon, die Jadeschlange, übrig blieb. Sie hatte damit begonnen, den Bergleuten im Jadewald ihre Weisheit zu vermitteln, woraufhin einige von ihnen ihren Pflichten nicht mehr nachgingen, um Wissen zu erlangen. Auf einer ihrer Reisen zu einem Sklavenlager schleuderte der Donnerkönig einen Blitz durch den Himmel, der ihre Seite durchbohrte. Yu'lon stürzte in das Dickicht des Waldes und wusste nicht, wie ihr geschehen war.

 

„Als sie erwachte, fand sie sich tief unter der Erde wieder. Pandaren-Bergleute hatten sie schnell an ihren heiligsten Ort gebracht – vor den Mogu-Anführern versteckte Kammern. Ermutigt durch Yu'lons Lehren, hatten diese Pandaren heimlich eine Zuflucht zur Anbetung der Erhabenen gebaut. Da die Jadeschlange so bewegt von dem war, was sie sah, erfüllte sie den Ort mit ihrer Magie, um den Bergleuten dabei zu helfen, die Weisheit, Hoffnung und Stärke wiederzufinden, die sie in ihrem Leben verloren hatten. Dann sprach sie einen Wunsch aus ...“

 

„Es sollte eine Statue für sie errichtet werden ...“, unterbrach Fenella ihn. Mit ihrer Hand fuhr sie über die Steinsäule. Sie war wunderschön und fast identisch mit der Säule auf der Baustelle beim Schlangenherz. „Ja“, sagte Fendrig. „Einhundert Jahre lang mühten sich Generationen von Bergleuten dran ab. Währenddessen rückte der Tod der immer noch vom Angriff des Donnerkönigs verletzten Jadeschlange näher. Im Augenblick der Vollendung des Werks tat sie ihren letzten Atemzug. Die Bergleute weinten. Sie dachten, sie hätten es nicht geschafft, sie zu retten. Doch dann bewegte sich die Statue. Ihre Augen öffneten sich. Ihr Schwanz rollte sich zusammen. Sie war zu einer neuen Jadeschlange geworden. Die wiedergeborene Yu'lon blickte auf die weinenden Bergleute und sagte: ‚Es gibt nur eine Gewissheit – dass jedes Ende ein neuer Anfang ist.‘“ „Die Bergleute verbreiteten die Weisheit von Yu'lon weiter und vermittelten anderen Pandaren die großartigen Eigenschaften der Himmlischen Erhabenen – genug zumindest, um zu überleben, bis der Tag kam, an dem der legendäre Sklave Kang, die Faust der Morgendämmerung, sich erhob und sein Volk in die Freiheit führte. Viele Jahre später, als Kaiser Shaohao alle Pandaren lehrte, wie sie Furcht, Ungewissheit, Verzweiflung und Wut überwinden konnten, erbauten die Nachkommen der Bergleute gigantische Tempel zu Ehren der Erhabenen und gründeten einen Orden, der sich der Aufrechterhaltung ihrer Lehren widmete – den Orden der Himmlischen Erhabenen.“

 

Fenella schloss ihre Augen und ließ alles in ihr Bewusstsein dringen, ließ sich von der Atmosphäre dieses uralten Ortes umhüllen.

 

Die Stille hielt an, bis Carrick kicherte. „Wisst Ihr was? Ich hatte erwartet, hierherzukommen und Euch vorzuführen. Stattdessen hab ich mich nur zum Narren gemacht.“

 

„Wir alle haben uns zum Narren gemacht“, erwiderte Fenella. „Wir sind nichts weiter als drei Steinmetze, die ihren Zenit überschritten haben. Ich versteh' nur nicht, warum der Rat gerade uns für den Auftrag ausgewählt hat.“

 

Ja, warum? Fenella war sich nicht sicher. Ein Teil von ihr fragte sich, ob dies alles ein politischer Schachzug von Moira und dem Rat war. Wir lassen die abgehalftertsten Steinmetze in ganz Eisenschmiede zusammen losziehen und hoffen, dass sie in einem Stück zurückkommen. Wenn sie versagen, ist das nur ein weiteres Beispiel für bedauerliche Spannungen zwischen den Klans. Wenn sie es schaffen, ist der Sieg unbezahlbar.

 

Dann kam ihr ein anderer Gedanke. Tatsächlich hatten alle drei in der Vergangenheit Großes geleistet. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, glaubten die Leute deshalb immer noch, dass sie es wieder tun würden. Alle außer ihnen selbst.

 

„Wer weiß schon, was denen durch den Kopf geht?“, sagte Fenella. „Aber hier sind wir nun.“

 

„Die Sonne geht wahrscheinlich bald unter“, fügte Carrick hinzu. „Zum Abbauen bleibt nicht genug Zeit.“

 

„Das interessiert mich nicht mehr.“ Fenella reichte den beiden sitzenden Zwergen ihre Hände. „Wir müssen 'ne Statue bauen, wenn ihr Jungs dazu bereit seid.“

 

Carrick und Fendrig starrten kurz auf Fenellas offene Handflächen und warfen sich einen Blick zu. Mit einem leichten Achselzucken nahm der Wildhammerzwerg ihre Hand und zog sich hoch. Der Bronzebartzwerg tat es ihm gleich.

 

„Dann mal frisch ans Werk“, sagte Carrick.

 

Fenella ging zu einem Jadeauswuchs und schätzte ihn ab. Sie schwang ihren Hammer und brach gekonnt ein Stück ab, das so groß wie ihre Faust war. „Damit können wir anfangen.“ Sie warf Carrick den Brocken zu. Der Wildhammerzwerg steckte die Jade in einen an seinem Gürtel befestigten Beutel. „Hoffen wir, das Rauskommen wird einfacher als das Reinkommen.“

 

„Ich glaub nich', dass das ein Problem sein wird, alter Knabe.“ Fendrig hielt immer noch die Schriftrollen der Erhabenen in der Hand und untersuchte etwas. „Hier steht, dass ein weiterer, bis direkt zu diesem Raum führender Gang angelegt wurde.“

 

Schnell verteilten sich die drei Zwerge und suchten die Wände nach einer Öffnung ab.

 

„Hier!“, rief Carrick von einem Ende der Höhle.

 

Fenella und Fendrig eilten zu ihm. Eine runde Steinplatte, zweimal so groß wie die Dunkeleisenzwergin, war in den Fels eingelassen. Fenella zog einen ihrer Handschuhe aus und hielt die Hand in die Nähe der Kante. Ein sanfter Lufthauch wehte gegen ihre Haut. Der Stein selbst wies bis auf eine kleine Gravur von Yu'lon in der Mitte keine Besonderheiten auf.

 

Carrick seufzte. „Wär' nett gewesen, wenn das Mädel es uns gesagt hätte.“

 

„Ich hab's nur auf den Schriftrollen gelesen.“ Fendrig zuckte mit den Achseln.

 

„Los, Leute.“ Fenella stemmte sich gegen den Stein.

 

Carrick spuckte in die verletzten Hände und legte seine Handflächen auf die Platte. Fendrig ging in die Hocke und drückte seinen massigen Oberkörper dagegen.

 

„Drei ... zwei ... eins ...“, sagte Fenella. „Hauruck!“

 

Die Steinplatte gab leicht nach.

 

„Hauruck!“

 

Der Stein rutschte mit einem Ächzen zurück in den Tunnel. Ein Luftschwall strömte in den Raum und über Fenella hinweg. Ganz oben in dem pechschwarzen Durchgang schimmerte das Tageslicht.

***

 

Als die Zwerge zurückkehrten, war der Wettbewerb schon längst vorbei und die Nacht war hereingebrochen. Eine von einem Pandaren namens Hao Mann angeführte Truppe hatte gewonnen und fünf prall gefüllte Taschen Jade mitgebracht. So, wie die Steinmetze feierten, konnte man jedoch unmöglich sagen, ob es Gewinner oder Verlierer gegeben hatte.

 

Vorarbeiter Raiki war sprachlos, als er den Stein der Zwerge sah. Er versammelte die anderen Pandaren und sofort hörte die ausgelassene Feier auf. Die Steinmetze starrten die glänzende Jade mit offenem Mund an. Keiner von ihnen hatte jemals einen solch wunderschönen Stein gesehen.

 

Zwischen all den Glückwünschen, die danach folgten, entdeckte Fenella das Pandaren-Mädchen auf der anderen Seite des Lagers.

 

„Leute.“ Fenella stieß Fendrig und Carrick an. „Da is' die Kleine. Meint ihr, wir sollten ihr danken?“

 

„Ja“, antworteten die beiden anderen Zwerge.

 

Als sie auf sie zugingen, flitzte sie in Richtung Norden davon.

 

„He“, rief Fenella. „Warte!“

 

Die Zwerge bahnten sich ihren Weg durch die Pandaren-Steinmetze, aber als sie den Rand der Baustelle erreichten, war das Mädchen verschwunden. Vor ihnen erstreckte sich nur ein leerer Hügel.

 

„Wo is' sie hin?“, fragte Fendrig.

 

Fenella öffnete den Mund, um zu sprechen, als sie über ihnen etwas durch die Luft huschen sah. Die Jadeschlange schaute hinab auf die Zwerge. Ihre Blicke trafen sich kurz und Fenella verlor sich in Yu'lons seltsamen Augen – Augen so uralt wie Elementium.

 

Die Dunkeleisenzwergin stand noch eine lange Zeit neben den anderen beiden. Schweigend beobachtete sie, wie die Himmlische Erhabene gleich einer Jadeader vor einem Himmel aus Diamanten immer höher hinaufstieg.


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