Die leere Schriftrolle


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„Nur, damit ich dich richtig verstehe“, sagte Ziya, während sie ihre Dolche schärfte. „Du willst, dass ich dir eine Geschichte erzähle?“

 

Sie hockte mit Arko einigermaßen windgeschützt an einer Klippenwand an der Nordküste Pandarias. Ein Feuer wäre zu riskant gewesen; die über den ganzen Kontinent verteilten zehn Plündertrupps der Goblins hatten schon seit Wochen Schatzkammern, Tempel und Waffenlager überfallen. Beliebt waren sie bei der Bevölkerung nicht gerade.

 

Ziyas Trupp hatte schon bessere Tage gesehen. Luki lag auf der Krankenstation, mit einer Dornzangenwunde an einer ... sensiblen Stelle. Zuzaks Fachkenntnis über Bomben hatte sich nicht auf Zündschnüre erstreckt. Und Strax hatte entgegen Ziyas Befehl versucht, einen einsamen Pandaren-Wanderer auszurauben, der sich als Shado-Pan-Mönch ohne auch nur ein Fünkchen Humor herausstellte.

 

Arko, der andauernd seine Robe mit den eigenen Zaubersprüchen in Brand steckte, war als Letzter übrig geblieben. Wobei Ziya schleierhaft war, wie er das geschafft hatte.

 

„Ja!“, sagte der kleine Magier. „Das wird eine lange Nacht. Ihr habt doch schon viel erlebt, oder? Wie wäre es mit einer Geschichte aus dem Krieg?“

 

„Aus welchem Krieg?“ Ziya schnaubte. Ein kalter Wind wehte vom Meer herüber und traf sie mitten ins Gesicht. Mit tränenden Augen starrte sie auf den in der Ferne schwebenden, leuchtenden und warmen Megazeppelin des Handelsprinzen Gallywix.

 

Zur Überraschung und zum Schrecken seiner Goblins auf Pandaria hatte Gallywix sich entschlossen, die Plündertruppaktion persönlich zu beaufsichtigen und seinen Truppen einen „Ansporn“ zu geben. Das Einzige, was er bisher angespornt hatte, war jedoch – wie üblich – Verachtung. Selbst aus dieser Entfernung noch konnte man gelegentlich die über das Wasser herbeiwehende Festmusik hören.

 

Bibbernd rutschte Arko an der Wand näher zu ihr heran, um sich zu wärmen. Ziya steckte wie beiläufig einen Dolch in den Sand zwischen ihnen.

 

„Was meint Ihr mit aus welchem Krieg?“, fragte Arko, während er traurig auf den Dolch starrte.

 

Ziya seufzte. Selbst für einen Goblin war er noch ziemlich grün hinter den Ohren.

 

„Also“, sagte sie, steckte ihren Dolch weg und zählte an ihren Fingern ab. „Ich habe gegen die Allianz gekämpft. Gegen Schattenhammerkultisten. Elementare. Untote. Mantis. Die Sha. Auch schon mal gegen einen Drachen. Oh, und gegen Gallywix, als er uns damals alle versklaven wollte. Hoppla, meine Finger reichen nicht mehr.“

 

„Das wird eine lange Nacht“, wiederholte sich Arko. „Och, bitte, seid doch so gut.“

 

Ziya verdrehte die Augen.

 

„In Ordnung, aber keine Kriegsgeschichten“, sagte sie.

 

„Warum?“

 

„Weil“, sagte sie, während sie hinaufgriff, um den um ihren Hals hängenden Ring zwischen den Fingern zu drehen, „die sehr persönlich sind. Hmmm ... Kennt Ihr die Geschichte von Rakalaz?“

 

„Nein.“

 

„Ihr kommt von der Oberfläche, was? Ich bin in Pyrix aufgewachsen, in einer dieser Schleusenstädte in Lorenhall, von denen noch nie jemand was gehört hat ...“

 

„Ich hab schon mal davon gehört!“, sagte Arko zuvorkommend.

 

„Sehr gut“, erwiderte Ziya. „Dann haltet den Mund und hört zu.

 

„Vor einhundert Jahren schickte Handelsprinz Leeko die Arbeiter tiefer hinunter in die Kaja'minen als je zuvor. Sie mussten eine ganze Wagenladung voller Erz finden, bevor die Aufseher sie nach Hause gehen ließen. Spät eines Nachts, tief unten im Dunkeln, durchbrach ein Minenarbeiter namens Miz etwas, das er für eine Steinwand gehalten hatte und fand ...“

 

Ziya hielt inne. Arko hatte nichts gesagt. Selbst der Wind wehte nicht mehr. Aber sie glaubte, mit leichter Verzögerung das geflüsterte Echo ihrer Worte zu hören.

 

„Ein Loch. N-nein“, sagte Ziya und erinnerte sich erst jetzt wieder daran, wie sie diese Geschichte als Kind gehasst hatte. „Eine gähnende Leere. Und an ihrem Grund zwei Monde, blass und rund. Die Augen von Rakalaz, die ihn ansahen.“

 

Die Brandung schlug gegen das Ufer. Arko schluckte. Ziya leckte sich die Lippen und sagte: „Er donnerte und stieg auf ...“

 

Ziya war mit beiden an die Unterarme gelegten Dolchen auf die Beine gesprungen, bevor sie überhaupt mitbekommen hatte, warum.

 

Die Sterne waren verschwunden.

 

„Was? Was ist los?!“, kreischte Arko.

 

Ohne es zu wollen, lächelte Ziya. Arko dachte wahrscheinlich, dass Rakalaz angreifen würde.

 

Es lief ihr kalt den Rücken hinunter.

 

Das Ufer war verschwunden und die Wellen klangen gedämpft. Die Luft roch abgestanden, ölig und vertraut.

 

Der Geruch von Lorenhall.

 

Wie auf ein Stichwort schoss eine riesige, fahle, achtfingrige Hand einige Meter von ihnen entfernt aus dem Boden und griff in den Sand. Rakalaz stieg auf und jedes seiner beiden reptilienartigen, wie Laternen leuchtenden Augen war auf einen der Goblins gerichtet.

 

Innerlich schrie Ziya auf. Ihr Körper jedoch zog Arko an seiner Robe hoch.

 

„Gib dem Zeppelin ein Zeichen“, zischte sie in sein Ohr. Rakalaz hatte Probleme, seine Beine zu befreien, schlug nach den beiden, verfehlte sie und heulte auf. Ihnen schlug ein Atem entgegen, der den Gestank von tausend Müllkippen in Lorenhall verströmte.

 

Arko wimmerte, bewegte sich jedoch nicht.

 

„Arko!“, rief Ziya. „Signalisier dem Megazeppelin, dass wir hier sind! Vielleicht ist ja jemand nüchtern genug, um Verstärkung zu schicken. Achtung!“

 

Sie griff sich den winzigen Arko, wirbelte herum und nutzte sein Gewicht, um beide aus dem Weg zu befördern. Krallen gruben sich an der Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatten, in den Fels und rissen ein Stück der Klippe heraus.

 

Arko kam als Erster wieder auf die wackeligen Beine. Er stellte sich breitbeinig hin und begann Formeln zu skandieren, um ein arkanes Leuchtfeuer in seinen gewölbten Händen zu beschwören und Rettung herbeizurufen. Doch dann machte er den Fehler, zu Rakalaz herüberzuschauen. Er griff nach ihm. Dicker schwarzer Geifer floss in Fäden aus seinen Lefzen.

 

Arko kreischte, warf das halbfertige Leuchtfeuer in die Luft und rannte über den Strand davon.

 

Ziya schaute ihm hinterher. Dann sah sie hinauf und konnte gerade noch erkennen, wie der winzige Punkt des Leuchtfeuers erlosch.

 

„Na toll“, sagte sie.

 

Rakalazs Pranke schloss sich fast schon sanft um sie und hob die zappelnde Ziya in Richtung seines tropfenden Mauls.

 

Doch da kam aus der Dunkelheit ein Stein geflogen und traf eines der Mondaugen. Die Pranke, die Ziya gerade noch gehalten hatte, zuckte und sie fiel ...

 

... in ein pelziges Paar Arme.

 

„Hallo“, sagte die Pandaren und ließ sie mühelos zu Boden. Sie nickte in Rakalazs Richtung. „Die kenne ich glaube ich noch nicht.“

 

„Wie bitte?“

 

„Diese Figur“, antwortete ihre Retterin, die mit in die Hüften gestemmten Pfoten und professionellem Blick diesen Alptraum aus Ziyas Jugend betrachtete. Rakalaz knurrte und schaute mit seinem unverletzten Auge zwischen den beiden hin und her – vielleicht um herauszubekommen, wie er beide gleichzeitig verschlingen könnte. „Ihr habt eine Geschichte erzählt und dann ist dieses Ding aufgetaucht, nicht wahr? Nur aus Neugier: Wie geht denn die Geschichte aus?“

 

„Meint Ihr das gerade ernst?“ Ziya hielt nach dem Megazeppelin Ausschau, der sich überraschenderweise langsam in ihre Richtung drehte.

 

„So wie fast immer“, antwortete sie. „Beeilt euch.“

 

„Miz wirft ihm seine letzte Dynamitstange in den Rachen.“

 

Das sanfte Lächeln der Pandaren fror ein.

 

„Oh, eine Goblin-Geschichte“, sagte sie. „Natürlich endet die mit einer Explosion. Nicht fallen lassen!“

 

Ziya zuckte zusammen. Ihre rechte Hand war plötzlich schwerer. Und zischte.

 

Eine ruhige Gewissheit überkam sie. Sie war mit dieser Geschichte groß geworden. Sie hatte sich an Mizs Stelle gesehen und diesen Moment mit der lebhaften Vorstellungskraft eines Kindes mit durchlitten.

 

Ohne weiter nachzudenken, lehnte sie sich zurück und warf das Dynamit aus der Geschichte in Rakalazs riesigen Rachen.

 

Rakalaz starrte sie erstaunt an und schluckte. Ziyas Blick schoss zwischen der Kreatur und ihrer nun leeren, ausgestreckten Handfläche hin und her.

 

„Wie?“, sagte sie verdutzt.

 

Die Pfote der Pandaren schoss aus Ziyas Fußgegend nach oben und zog sie hinunter in den Sand.

 

Nach einem kurzen, ereignisreichen Moment voller Lärm und umherspritzender Innereien hob Ziya ihren Kopf und sah, wie die brennenden Überreste nach und nach verschwanden. Das Loch im Boden füllte sich mit Sand. Kurz darauf war alles wieder so, als wäre nichts geschehen.

 

Ihr ging ein Licht auf.

 

„Das war mein Werk“, sagte sie.

 

„Das war es“, sagte die Pandaren und putzte sich mit gewissenhafter Anmut sauber. Gallywixs Megazeppelin war jetzt so nah, dass man die Badewannen voller Rum und Pudding auf den unteren Decks des Luftschiffs mit bloßem Auge erkennen konnte. „Ihr habt eine Geschichte begonnen. Ihr habt sie beendet. So ist das beim Erzählen. Der Rest ist nur Ausschmückung.“

 

„Aber wir haben überlebt.“

 

„Was ist damit?“, fragte die Pandaren und schaute mit gerunzelter Stirn zum Megazeppelin empor.

 

„Miz hat die Explosion nicht überlebt. In der Geschichte.“

 

Die Pandaren lächelte. Ihre Zähne waren spitz und blendend weiß.

 

„Tja. Gut, dass Ihr das nicht vorher gesagt habt.“

***

 

Irgendetwas stimmte nicht.

 

Der Megazeppelin schwebte über den Wellen. Scheinwerfer wanderten zwischen Ziya, der Pandaren Shuchun und dem Loch hin und her, das Rakalaz in der Klippe hinterlassen hatte.

 

Shuchun war eine Lehrensucherin – eine Berufung, von der Ziya kaum etwas verstand. Lehrensucher erzählten Geschichten. Sie suchten nach Artefakten aus Pandarias weit zurückliegender Vergangenheit. Und wenn man Shuchun als Beispiel heranziehen konnte, sprachen sie mit vollem Mund und lächelten oft.

 

Die Lehrensucherin stand im blendend hellen Lichtkreis, schaute nach oben, biss noch einmal von ihrem Wildgeflügelbrötchen ab und kaute bedächtig darauf herum.

 

„Ihr solltet hier wirklich verschwinden“, sagte Ziya. „Da oben ist Gallywix. Er könnte auf die Idee kommen, uns aus Spaß mit Bomben zu bewerfen.“

 

„Ach ja?“, sagte Shuchun beim Herunterschlucken. „Ich habe schon von ihm gehört. Aber ich glaube, ich bleibe.“

 

„Warum?“

 

„Wollen wir hoffen, dass Ihr es nicht herausfindet.“

 

Eine Zeit lang saßen sie in unangenehmer Stille nebeneinander. Dann meinte Ziya schließlich: „Danke für die Rettung. Also, ich sollte Euch vielleicht sagen, dass ...“

 

„Dass Ihr hier seid, um Schätze und Artefakte zu stehlen?“, fragte Shuchun. „Das weiß ich doch. Ich bin gekommen, um Euch aufzuhalten.“

 

„Aber Ihr habt mich gerettet!“

 

„Ich habe gesagt aufzuhalten, nicht zu töten“, sagte Shuchun mit sanfter Stimme.

 

„Oh. Und wie habe ich Rakalaz erscheinen lassen?“

 

„Durch Magie“, sagte Shuchun.

 

„Durch Magie?“

 

„Ja, durch Magie“, bestätigte die Lehrensucherin. „Ich bin froh, dass wir das geklärt haben.“

 

„Das erklärt aber rein gar nichts!“

 

„Erinnert Ihr Euch noch“, fragte Shuchun, „wie ich Euch gesagt habe, dass ich hoffe, Ihr findet nicht heraus, warum ich noch immer hier bin?“

 

„Ja. Das habt Ihr vor ungefähr zehn Sekunden gesagt.“

 

„Also, das meinte ich auch wirklich so.“

 

Auf dem Deck hoch über ihnen wurde ein Seil ausgerollt und erreichte kurz vor ihnen seine volle Länge.

 

Hoch oben sprang eine nur schemenhaft zu erkennende Person über die Reling und glitt an einer Hand mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zu ihnen hinunter.

 

Als sie auf halber Strecke angekommen war, fluchte Ziya. Das war keine Assassine, kein Gauner oder irgendein Auftragsmörder. Das war jemand Schlimmeres.

 

Druz, Gallywixs Hauptvollstrecker, landete im Sand. Seine Lederrüstung war ihm wie ein Anzug auf den Leib geschneidert. Unter seinem muskulösen Arm trug er einen flachen Kasten.

 

Man erzählte sich, dass er zusammen mit Gallywix in Kezan aufgewachsen war. Er war nicht für seine Vollstreckungen berüchtigt, weil man ihn nie bei irgendetwas wirklich Schrecklichem erwischt hatte. Aber manchmal widerfuhren Gallywixs Feinden einfach äußerst grausame Dinge und Druz war immer einer der ersten Goblins, der sein Beileid aussprach.

 

„Feldwebel“, sagte er und nickte Ziya zu. „Lehrensucherin Shuchun. Einen Moment, bitte.“

 

Er kniete sich in den Sand und öffnete den Kasten von ihnen abgewandt. Unter der Lederverkleidung war ein sanftes Klicken zu hören.

 

Ziya stöhnte leise auf. Das war auch irgendwie furchteinflößend. Druz schien immer zuviel über jeden zu wissen, dem er begegnete. Namen. Ränge. Stärken. Schwächen. Ihr war nicht klar, ob das mit Nachforschungen, Spionage oder Magie zu tun hatte.

 

Es überraschte sie nicht, dass der Vollstrecker die Lehrensucherin beim Namen genannt hatte. Wahrscheinlich kannte er die Namen, Schuhgrößen und Lieblingsgetränke aller Einwohner Pandarias.

 

„Ich habe Rakalaz von der Brücke aus gesehen“, sagte Druz, während er noch mit dem Kasten beschäftigt war. „Das war ja ein Ding. Diese Geschichte habe ich als Kind gehasst.“

 

Klick. Klack, klick.

 

„Also“, sagte er schließlich. „Danke, dass Ihr unsere Mitarbeiterin gerettet habt, Lehrensucherin. Ich wünsche eine gute Nacht.“

 

Er wartete. Shuchuns Lächeln wurde breiter. Druz nickte und griff dann in den Kasten. Instinktiv umfasste Ziya ihre Dolche ...

 

Dem angenehmen Klimpern nach zu urteilen, warf Druz der Lehrensucherin einen großen Beutel voller Gold vor die Füße.

 

„Natürlich gibt es dafür eine Belohnung. Grüßt mir die kleine Fen. Wie ich hörte, hat sie bald Geburtstag.“

 

„Ist das eine Drohung?“, fragte Shuchun mit leiser Stimme und erhob sich langsam.

 

Druz seufzte.

 

„Nein. Ich bin nur höflich. Ich biete Euch eine Belohnung an. Ich gebe Euch Grüße für Eure Lieben mit auf den Weg. Noch weniger könnte das mit einer Drohung eigentlich gar nicht zu tun haben.“

 

In Windeseile nahm Druz ein riesiges Gewehr aus dem Kasten, legte es auf Shuchun an und spannte den Hahn. Die Teile der Waffe fügten sich geschmeidig ineinander.

 

„Nun“, sagte er, „das ist eine Drohung. Also sage ich es noch einmal: Nehmt die Belohnung. Geht nach Hause.“

 

„Ihr habt sie gesehen, oder?“, fragte Shuchun.

 

„Was gesehen?“, fragte Ziya.

 

„Hinter dem Loch in der Felswand befindet sich eine goldene Tür“, sagte Druz und zeigte auf die Stelle, an der Rakalaz die Klippe getroffen hatte. Die schwere Waffe mit einer Hand zu halten schien ihm keine Probleme zu bereiten. „Und wir werden sie und was auch immer sich dahinter verbirgt mitnehmen.“

 

„Mir ist egal, welche Waffen Ihr auf mich richtet“, sagte Shuchun und schob einen Fuß elegant nach hinten. „Ich werde nicht zulassen, dass Ihr die Lehrenkammer betretet.“

 

„Also“, sagte Druz sachlich. „Karten auf den Tisch. Dort scheint eine Waffe verborgen zu sein, mit der man Ungeheuer aus dem Nichts erschaffen kann. Wir wollen sie haben, und Euer Leben ist sie nicht wert.“

 

„Wenn ich muss, werde ich Euch aufhalten“, erwiderte Shuchun.

 

„In Ordnung. Gehen wir mal davon aus, dass Ihr mich bezwingt.“ Ein Scheinwerfer des Luftschiffs strahlte ihn an und er hielt sich die Hand über die Augen. „Der Megazeppelin wird das ganze Gebiet mit Kanonenfeuer eindecken, bis die Kammer freiliegt. Dann habt Ihr trotzdem verloren.“

 

Plötzlich hatte er einen Dolch an seiner Kehle.

 

„Ich habe dieses seltsame Gefühl“, sagte die hinter ihm stehende Ziya, „dass Ihr sie erschießen werdet, wenn sie sich umdreht.“

 

„Wahrscheinlich nicht“, sagte Druz. Er nahm sein Gewehr nicht herunter.

 

„Mit dem wahrscheinlich habe ich noch ein Problem. Ich mag sie irgendwie. Außerdem habe ich noch so ein seltsames Gefühl, dass Ihr vorhabt, die Kammer allein zu betreten.“

 

„Ja. Und?“

 

„Da wäre noch eine kleine Nebensache: mein Finderlohn.“

 

„Euer Trupp hat bisher noch nichts gefunden.“

 

„Eben.“

 

Shuchun sah den beiden Goblins neugierig dabei zu, wie sie sich über vertragliche Pflichten und Risikozuschläge zankten. Sie setzte sich wieder, aß ein paar Currybällchen aus ihrem Rucksack, wartete und schenkte der auf sie gerichteten Waffe keinerlei Beachtung.

 

Schließlich sagte sie: „Das ist keine Kammer.“

 

Ihre feste und volle Stimme schnitt sich wie eine glühende Klinge durch das Streitgespräch. Beide Goblins schauten zu ihr hinüber.

 

Druz beäugte sie mit unverhohlenem Misstrauen. „Ihr habt doch gesagt ...“

 

„Ich habe gesagt, dass es sich um eine Lehrenkammer handelt. In ihr kommen Pandarengeschichten als Fallen zum Einsatz, um gefährliche Artefakte zu schützen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was mit jemandem geschehen würde, der sich ohne sachkundige Führung dort hinein begibt. Currybällchen?“, fragte sie und hielt eines hoch.

 

„Ihr bietet Eure Dienste an?“, fragte Druz.

 

„Gegen Bezahlung? Auf keinen Fall“, entgegnete Shuchun. „Aber ohne mich würdet Ihr beide gefressen werden. Oder noch Schlimmeres erleben. Also werde ich Euch hineinführen und mein Bestes geben, um Euch davon zu überzeugen, dass Ihr einen Fehler macht.“

 

Sie starrte auf das Gewehr und auf den Dolch, bis die Goblins sie wegsteckten. Danach stand sie lächelnd auf und rief mit der Stimme einer Geschichtenerzählerin, die sich über die grollenden Wellen erhob: Die Lehrensucherin hatte ihre Entscheidung getroffen, rezitierte sie. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der Lehrenkammer zu. Die Kammer erkannte ihre Funktion und öffnete sich.

 

Mit einem dröhnenden Krachen entstand eine Öffnung in der Klippe, während Sand und Felsbrocken herabfielen.

 

In der Dunkelheit dahinter befand sich eine runde goldene Tür, die so groß war, dass ein Drache hätte hindurchfliegen können. Gestalten waren in jeden Zentimeter ihrer Oberfläche eingraviert – Tausende Figuren aus Tausenden Geschichten aneinandergereiht. Die über die Tür zuckenden Scheinwerfer erweckten den Eindruck, als bewegten sich die Schnitzereien ...

 

Die Tür öffnete sich und eine nach unten führende Treppe kam zum Vorschein.

***

 

Lehrensucherin Shuchun stieg vor den beiden Goblins den sanft gewundenen steinernen Gang hinab. Als klar war, dass keiner den anderen betrügen würde – jedenfalls nicht unmittelbar –, entspannten sich die Goblins. Die Luft war kühl und es herrschte eine erwartungsvolle Stille.

 

Ziya durchbrach das Schweigen. „Ich verstehe das nicht.“

 

„Was?“, fragte Druz.

 

„Euch. Ihr seid so zurückhaltend und kompetent. Wie seid Ihr in den Diensten von ‚Ich bin der Größte‘ Gallywix gelandet?“

 

„Von Herrn Gallywix“, berichtigte sie Druz. „Oder Handelsprinz Gallywix. Niemals einfach nur Gallywix. Und vielleicht kennt Ihr ihn nicht so gut wie ich.“

 

„Da gibt es nichts zu kennen“, sagte Ziya. „Er ist ein Ungeheuer. Ich bin schon in tiefgründigere Pfützen getreten.“

 

„Genau“, sagte Druz. „Und irgendwie hat er trotzdem das Sagen, obwohl die meisten anderen Handelsprinzen und Goblins ihn lieber tot sähen. Tja, sogar seine eigene Mutter hat zweimal versucht, ihn umzubringen. Da kommt man schon ins Grübeln.“

 

Der Gang machte plötzlich eine Biegung nach rechts. Nach und nach wichen die bislang glatten Wände uralten, zerklüfteten Ziegeln. Stinkender Schlamm floss aus den Rissen. Keiner der Goblins bemerkte es. Shuchun grinste in Richtung Decke.

 

„Nein, kommt man nicht“, blaffte Ziya ihn an. „Er hat uns versklavt, als wir Kezan verlassen haben! Sein eigenes Volk!“

 

„Es ist ja nicht seine Schuld, dass Ihr kein eigenes Boot hattet“, sagte Druz. „Aber Ihr habt Euch doch freigekämpft. Schön für Euch. Und ich wette, dass Ihr jetzt nicht mehr jedem so schnell vertraut.“

 

Aus der sanften Biegung wurde eine Kreuzung, die in vier Richtungen abzweigte. Shuchun ging ohne Pause weiter und die Goblins folgten ihr.

 

„Lassen wir das mal außen vor“, knurrte Ziya (da er recht hatte). „Wollt Ihr Gallywix diese Waffe – was immer sie auch sein mag – wirklich geben? Ihr wisst doch, wie er sich bei unserem durchgedrehten Kriegshäuptling anbiedert.“

 

„Herr Gallywix“, sagte Druz zurechtweisend. „Aber mal ganz unter uns: Wir wollen Einfluss, keine Macht. Ursprünglich wollten wir Frieden zwischen der Horde und der Allianz, aber nach Theramore ...“

 

„Frieden“, sagte Ziya. „Gallywix möchte, dass die Horde Frieden schließt. Mit der Allianz.“

 

„Ja“, sagte Druz und hob die Augenbrauen aufgrund des Zorns in ihrer Stimme.

 

„Aber die sind noch schlimmer als er! Wenn wir jetzt klein beigeben, war alles für die ...“

 

„Wartet mal“, sagte Druz. Sie hatten einige weitere Kreuzungen passiert, ohne anzuhalten. „Lehrensucherin, wo sind wir?“

 

„In einer Geschichte“, erwiderte Shuchun. Sie konzentrierte sich auf den Boden.

 

„In welcher?“

 

„In keiner fröhlichen, wenn ich mich nicht irre“, antwortete sie und verlangsamte ihren Schritt, damit die Goblins aufholen konnten. „Aber ich möchte mir sicher sein, bevor ich ... Ach, egal.“ Sie zeigte auf etwas. „Ich bin mir sicher.“

 

Vor ihnen befanden sich ihre Fußabdrücke. Anscheinend waren sie im Kreis gelaufen, aber irgendetwas stimmte nicht.

 

Andere Fußabdrücke, schief und bedrohlich wirkend, jagten ihren hinterher. Und wenn sie im Kreis gelaufen waren ...

 

„Nicht umdrehen“, sagte Shuchun.

 

„Aber ...“, sagte Ziya, während das Grauen in ihr aufstieg. Hinter ihnen näherten sich schnell auf den Stein patschende Schritte.

 

„Nicht umdrehen“, wiederholte sie. „Das hier ist nämlich das Labyrinth des wahnsinnigen Kaisers Ku“.

 

„Kaiser Ku“, sprach Lehrensucherin Shuchun, „wurde von seinen Ängsten beherrscht. Er glaubte, die Mogu würden zurückkehren. Durch den Schleier seines Verfolgungswahns sah er Verrat hinter jedem Lächeln, Verschwörung hinter jedem Schwur der Ergebenheit und raffinierte Fallen in den ruhigen Prophezeiungen der Jinyu-Wassersprecher.

 

„Daher ließ er sich unter seinem Palast ein Labyrinth mit einem sicheren Raum in der Mitte erbauen. Als die Furcht wieder Besitz von ihm ergriff, floh Ku dorthin, verschloss die Tür und wartete darauf, dass der Schrecken nachließ. Was jedoch nicht geschah. Das Labyrinth war so raffiniert konstruiert, dass der Kaiser den Weg nach draußen vergessen hatte.“

 

Druz biss sich auf die Lippen, ließ seinen Blick umherschweifen und griff nach seinem ...

 

Ohne ihre Augen vom vor ihnen liegenden Tunnel abzuwenden, schnippte Shuchun gegen sein Ohr.

 

„Aua. Lasst das.“

 

„Das kann Euch doch egal sein“, sagte Shuchun ruhig, während das leise, knurrende Stöhnen des Wesens immer näher kam. „Zum Hören benutzt Ihr sie ja offensichtlich nicht. Also: Nicht. Hinsehen.“ „Warum?“

 

„Ich glaube, das versucht sie uns gerade mitzuteilen“, sagte Ziya mit vor Furcht – oder im Gebet – geschlossenen Augen.

 

„Suchtrupps haben ihn manchmal rufen gehört“, fuhr Shuchun fort. „Aber die Jahre verstrichen. Gelegentlich betrat ein Forscher das Labyrinth und kam schreiend und wahnsinnig vor Schrecken wieder herausgerannt, da Kus Zeit in der Finsternis ihn in eine abscheuliche Bestie verwandelt hatte.“

 

„Und was machen wir jetzt?“, flüsterte Ziya. Klauen kratzten die Wände hinter ihnen entlang. Druz hatte den Mund zu einem Strich gepresst und seine Hand schwebte über dem im Halfter steckenden Gewehr.

 

„Wir spielen die Geschichte nach“, antwortete die Lehrensucherin. „Ein Junge namens Li Tao jagte seinen kleinen Beuteldachs in das Labyrinth. Doch schon bald bemerkte er, dass er verfolgt wurde.“

 

Außerhalb ihres Blickfelds hing ein riesiger Kopf. Tiefe Atemzüge wehten in einem bitteren Schluchzen heiß über ihre Gesichter.

 

„Obwohl er zu verängstigt war, hinzusehen, wusste der kleine Li Tao, dass hier jemand noch mehr Angst hatte als er. Also streckte er seinen Arm nach hinten aus ...“

 

Sie streckte ihren Arm nach hinten aus. Eine riesige, unförmige Pfote umfasste die ihre.

 

„... und führte den armen Kaiser Ku aus dem Labyrinth.“

 

Vor ihnen erschien gleißend weißes Sonnenlicht. Ziya und Druz, die sich beide bemühten, gelassen zu bleiben, gingen schnell in seine Richtung.

 

Sie betraten das Licht. Die beiden Goblins blickten zurück und zuckten gleichzeitig zusammen.

 

Der Kaiser war verschwunden. Und das Labyrinth ebenfalls. Lehrensucherin Shuchun starrte traurig auf ihre leere Pfote.

 

„Furcht und Verfolgungswahn lassen unsere Feinde zu Ungeheuern werden“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Einer muss als Erster die Hand ausstrecken.“

***

 

Sie folgten der Lehrensucherin weiter durch das Licht.

 

„Wo sind wir?“, fragte Druz.

 

„In der Lehrenkammer“, antwortete Shuchun.

 

„Eine sehr nützliche Auskunft“, sagte Ziya. „Und wie heißt die Geschichte? Das Licht der immerwährenden Langeweile?“

 

„Ich mag Langeweile“, erwiderte Druz. „Die versucht einen nur äußerst selten umzubringen.“

 

„Ja, Ihr lebt bestimmt gefährlich“, meinte Ziya.

 

Druz hob eine Augenbraue. „Möchtet Ihr Euch etwas von der Seele reden?“

 

„Jetzt, da Ihr fragt – ja“, sagte Ziya und drehte sich zu ihm um. „Für Euch ist es einfach, von Frieden zu reden. Ihr lebt seit Jahren bei Gallywix im Luxus, während ich auf den Schlachtfeldern bin. Alle, an deren Seite ich gekämpft habe, sind tot. Es kann keinen Frieden geben, Druz. Wenn Ihr mal an der Front gewesen wärt, wüsstest Ihr das!“

 

Das Licht pulsierte einmal sanft. Lehrensucherin Shuchun blieb stehen und schnupperte.

 

Ziya hielt den Ring an ihrem Hals so fest, dass es wehtat und erwartete, dass Druz sie anschreien würde. Sie wollte es sogar. Stattdessen seufzte er.

 

„Erinnert Ihr Euch an die Handelskriege, Feldwebel?“, fragte er.

 

„K-kaum“, sagte Ziya. „Da war ich noch zu jung.“

 

„Ich nicht. Ein Kartell kämpfte gegen das andere. Bruder gegen Schwester. Wie Ihr wisst, stand ich bereits damals im Dienste von Herrn Gallywix.

 

„Und Ihr habt recht. Ich war nie an der Front, da es so etwas in den Handelskriegen nicht gab. Wir haben um Tunnel und Lagerräume in ganz Lorenhall gekämpft. Hinterhalte lauerten nicht in Form von ausgeklügelten Zangenmanövern im offenen Feld, sondern von Mistkerlen, die einen durch die Wand traten, von der man dachte, sie sei eigentlich massiv. Natürlich war der Friedenskrieg noch schlimmer.“

 

Das Licht pulsierte nun schneller. Druz schaute sich um und zog sein Gewehr, während er weitersprach.

 

„Den Krieg kann man nicht aufhalten, Feldwebel. Jedenfalls nicht lang. Er kommt immer wieder. Und Herr Gallywix gewinnt ihn immer wieder. Manchmal mit der richtigen Bombe zur richtigen Zeit. Manchmal durch ein Bündnis mit einem mächtigen Narren. Und manchmal mit einer furchteinflößenden Waffe, die er zur Abschreckung nutzen kann.“

 

„Und nun glaubt Euer Meisterstratege, dass Frieden die beste Vorgehensweise ist“, sagte Ziya, während sie die Augen verdrehte.

 

„Genau“, sagte Druz mit ruhiger Stimme.

 

„Unmöglich“, sagte Ziya. „Wenn die Allianz die Horde nicht Stück für Stück auslöscht, wird sie uns versklaven, wie sie es mit den Orcs getan hat.“

 

„Rein zufällig“, sagte Druz, „stimme ich mit Euch überein.“

 

„Wirklich?“

 

„Ja. Ich hätte nie gedacht, dass Herr Gallywix mal falsch liegen würde, aber ich schätze die Chance auf nicht mehr als ein Prozent, dass er einen Frieden zustande bringt. Er mag andere Handelsprinzen und -prinzessinnen gegeneinander aufbringen und dabei wirken, als könnte er kein Wässerchen trüben – aber gegen die Rosahäute und ihre Verbündeten? Ich glaube, wir müssen weiterkämpfen.“

 

„Hört auf“, sagte Lehrensucherin Shuchun – zwar äußerst sanft, aber trotzdem mit der Bestimmtheit eines Befehls. Das Licht um sie herum flackerte nun wie ein Waldbrand aus weißem Feuer. Hitze legte sich wie eine trockene, kratzige Decke über sie. Das Weiß löste sich zu Dünen auf, die sich in alle Richtungen erstreckten. Eine unendliche Wüste.

 

Ein Panzerhandschuh aus Sand schoss aus der nächstgelegenen Düne. Dann ein weiterer. Danach nochmals sieben.

 

„Habe ich es mir doch gedacht“, sagte Lehrensucherin Shuchun erfreut. „Das ist eine meiner Lieblingsgeschichten Di Chen und die Wüste.“

 

„Der stolze Di Chen war der beste Kämpfer seiner Zeit“, erklärte sie. „Kein Mönch konnte ihn besiegen. Er schlug Pfeile problemlos aus der Luft. Berge waren kleine Unannehmlichkeiten, die man überspringen oder durch die man hindurchtreten konnte.

 

„Er langweilte sich zu Tode. Verzweifelt bat Di Chen die Wüstenhexe Lui Ka um eine wahre Herausforderung.“

 

„Amüsiert von seiner Arroganz, gewährte die Hexe ihm seinen Wunsch und ließ ihn gegen die Wüste selbst kämpfen. Jedes Sandkorn wurde ein wilder Krieger, der Di Chens Tod wollte.“

 

Die Krieger kamen näher. Sie sahen aus wie Mogu in Plattenrüstung und spannten ihre Hände in den Panzerhandschuhen.

 

„Die wollen also unseren Tod?“, fragte Druz und rümpfte die Nase.

 

„Aber ja“, bestätigte Shuchun.

 

„Gut“, sagte Druz und feuerte. Drei Köpfe aus Sand explodierten. „Ich dachte schon, ich hätte das Gewehr umsonst mitgebracht. Feldwebel?“

 

„Bin schon dabei“, sagte Ziya. Druz stützte sich zum Nachladen auf dem Knie ab und Ziya sprang über seinen breiten Rücken, um dem nächsten Krieger beide Dolche in die Brust zu stoßen. Er stolperte und fiel zu einem Berg aus Sand zusammen. Sie warf eine Klinge in das knurrende Gesicht hinter ihm, sprang durch den sich auflösenden Feind, um ihre Waffe zu fangen, ging in die Hocke und stürzte sich zwischen die verbleibenden drei Krieger. Stahl wirbelte herum und die Soldaten fielen Glied für Glied auseinander.

 

Eine heiße Brise fegte über die leere Wüste. Grinsend kam Ziya zurück und steckte ihre Dolche weg ...

 

Dreißig weitere Krieger kamen brüllend vor Zorn und Hass aus den Dünen geschossen.

 

„Zurück zu mir, Feldwebel“, rief Druz, während er das Patronenlager seines Gewehrs zuschnappen ließ. Ziya biss die Zähne zusammen, ging an seine Seite und wartete mit gezückten Dolchen.

 

„Ich habe Euch den Rest der Geschichte noch gar nicht erzählt“, sagte Lehrensucherin Shuchun.

 

„Bei allem Respekt, Lehrensucherin“, sagte Druz, während er einen weiteren Schuss abgab. Zwei Krieger fielen. Drei weitere erhoben sich. „Das ist jetzt nicht gerade der richtige Zeitpunkt.“

 

Shuchun zuckte mit den Schultern und setzte sich auf eine Düne in der Nähe. Summend griff sie in ihren Rucksack, holte einen Apfel heraus, nahm einen großen Bissen und verfolgte den Kampf interessiert. Ein einzelner Krieger sprang knurrend in ihre Richtung. Sie zeigte ihm ihre fast leeren Pfoten, woraufhin er stehen blieb und zu Sand zerfiel. Danach belästigten sie keine weiteren Kreaturen mehr.

 

Schließlich ließ sie das Kerngehäuse des Apfels fallen und runzelte die Stirn.

 

„Irgendetwas stimmt nicht“, rief sie.

 

„Ach, wirklich?“ Ziyas Dolche stießen in schneller Folge in den Sand. „Stirb, du hässlicher Lakratz! Stirb!“

 

Shuchun kratzte sich ratlos am Kinn und schnippte dann mit den Fingern.

 

„Genau“, stellte sie zufrieden fest. „In der Geschichte hatten die Wüstenkrieger Waffen.“

 

„Was? Druz! Runter!“, rief Ziya. Die schwere Eisenkeule eines Kriegers summte durch die Luft und schlug knirschend im Sand auf.

 

„Das trifft es schon eher“, sagte Shuchun. Nun kämpften alle Krieger mit einer unglaublichen Vielfalt an Schwertern, Streitkolben und Stangenwaffen. Sie legte ihr Kinn in die Pfoten und schaute zu.

 

„Habt Ihr das gemacht?!“, brüllte Druz zwischen zwei Gewehrschüssen.

 

„Nein“, sagte Shuchun. „Die Geschichte.“

 

„Und Ihr! Und Ihr!“

 

„Stimmt wahrscheinlich“, sagte Shuchun. „Ich hätte aber auch erwähnen können, dass ihre Waffen noch brannten ...“

 

WUSCH!

 

„Aah!“

 

„In Ordnung, das war unvorsichtig“, gab Shuchun zu, deren erhobene Pfoten im Schein des Feuers orange glimmten. „Ich bin still. Macht weiter.“

 

Von Ächzen, Knurren und waghalsiger Akrobatik durchzogene Minuten vergingen. Schließlich stand Shuchun auf und ging über die Düne ins Kampfgetümmel.

 

„Jedes Sandkorn wurde ein wilder Krieger, der Di Chens Tod wollte“, wiederholte sie, während sie die Soldaten wie beiläufig zur Seite schob, die verwirrt innehielten, als könnten sie sie nicht sehen. „Der Kampf endete, als Di Chen zugab, dass selbst für ihn einige Herausforderungen zu groß waren.“

 

Sie befand sich nun inmitten Hunderter von Soldaten. Druz und Ziya standen, komplett umzingelt, Rücken an Rücken. Brennende Waffen versperrten die Sicht auf den Himmel.

 

„Wollt ihr damit sagen“, keuchte Ziya, „dass wir aufgeben müssen?“

 

„Das ist eine Option“, sagte Shuchun.

 

„Ich bin dabei“, sagte Druz und ließ seine Waffe fallen. Ziya tat es ihm hastig gleich.

 

Von oben heulte ein vom Lachen der Wüstenhexe erfüllter Wind und trug die Soldaten Korn für Korn fort. Die Goblins sahen zu, wie sie verschwanden.

 

„Das hättet Ihr auch vorher sagen können“, knurrte Ziya.

 

„Sie hat versucht, uns den Rest der Geschichte zu erzählen“, sagte Druz grinsend, während er sich bückte, um sein Gewehr aufzuheben. „Aber wir wollten ja kämpfen ...“

 

Er hielt inne und warf Shuchun einen misstrauischen Blick zu. „Wartet mal. Gerade eben haben wir uns darüber unterhalten, dass wir kämpfen müssen. Und dann gab es eine nicht zu gewinnende Schlacht.“

 

Ziyas Mund stand offen. „Vorher haben wir uns über Ungeheuer unterhalten und darüber, dass es keinen Weg zurück gibt, und schließlich hat uns ein Ungeheuer in einem Labyrinth verfolgt!“

 

„Lehrensucherin“, sagte Druz mit fester Stimme. „Stellen wir etwa Fallen auf, wenn wir uns streiten?“

 

„Natürlich“, sagte Shuchun mit versteinertem Gesicht. „Ich dachte, das wüsstet Ihr.“

 

„Woher sollten wir das denn wissen?“

 

„Wenn sich Mitglieder meines Volkes streiten, rufen sie einen Lehrensucher“, sagte Shuchun. „Ich höre mir beide Seiten an und erzähle ihnen eine Geschichte, die ihre Meinungen infrage stellt. Habt Ihr das etwa nicht getan?“

 

„Nein!“

 

„Oh“, sagte Shuchun.

 

„Wir hätten sterben können!“

 

„Auf keinen Fall“, sagte die Lehrensucherin. „Immerhin hat Di Chen nicht mal einen Kratzer abbekommen. In der Geschichte.“

 

„Was ist überhaupt mit ihm geschehen“, fragte Ziya. „Hat er auch aufgegeben?“

 

Der Wind erhob sich wieder und der Kreis der Sonne am Himmel wurde zu einer großen Decke aus weißem Licht. Shuchun schüttelte den Kopf und zeigte zu einer Gestalt auf einer weit entfernten Düne. Sie sahen dabei zu, wie der Kämpfer müde die Faust schwang und einen Krieger zu Staub zerschlug.

 

„Er kämpft bis zum heutigen Tag“, sagte sie. „Es gibt immer Gründe für einen Kampf. Aber man sollte wissen, wann man aufhören sollte.“

***

 

Schulter an Schulter standen die Goblins schweigend in der Mitte eines kleinen weißen Raums.

 

„Was ist los?“, fragte Druz aus dem Mundwinkel.

 

„Die Lehrenkammer wartet darauf, dass Ihr sprecht, damit sie die letzte Herausforderung erschaffen kann“, sagte die an eine Wand gelehnte Shuchun.

 

Druz nickte.

 

„Das habe ich mir gedacht“, sagte er und schwieg wieder. Die Zeit verging.

 

Schließlich erbarmte sich Shuchun.

 

„Ihr könntet darüber reden, wie sehr Ihr Sonnenuntergänge mögt“, schlug sie vor.

 

„Gibt es darüber irgendwelche Geschichten?“

 

Shuchun dachte nach.

 

„Einige“, antwortete sie.

 

Schweigen.

 

„Ich verstehe das nicht“, sagte Ziya. Druz stieß sie an, sie beachtete ihn jedoch nicht. „Warum benutzen die Pandaren ihre Geschichten, um Probleme zu lösen?“

 

„Das machen nicht nur wir so“, sagte Shuchun. „Jedes Volk hat Geschichten, die erzählt und nacherzählt werden. Wir mögen sie, weil sie einfache Antworten bieten, die uns dabei helfen, die schwierigen zu finden. Aber Geschichten sind gefährlich.“

 

„Was Ihr nicht sagt“, bemerkte Druz. Die Lehrensucherin lächelte.

 

„Manchmal vergessen wir, dass Geschichten Regeln brechen“, sagte Shuchun. „Den einfachen Antworten sind die Konsequenzen egal – und von denen gibt es viele.“

 

„Ich verstehe“, sagte Druz. „Euer Artefakt ist eine einfache Antwort. Aber Ihr seid neutral, Lehrensucherin. Wir besitzen nicht diesen Luxus ... Wir müssen schwierige Entsch... oh, verdammt.“

 

Tief unter ihren Füßen, unter dem zuvor undurchsichtigen weißen Boden, bewegte sich etwas Dunkles und Schreckliches.

 

„Ihr wusstet, dass das geschehen würde“, sagte er.

 

Shuchun zuckte mit den Schultern.

 

„Ich habe Euch nicht gezwungen, die Lehrenkammer zu betreten“, sagte sie.

 

„Welche ist es?“

 

Shuchun schaute kurz auf den Schrecken, der sich unter ihnen anbahnte.

 

„Wenn ich raten müsste, dann Die Spinnen von Te Zhuo“, antwortete sie.

 

Druz und Ziya schlossen die Augen. Die schwarze Wolke unter ihnen wurde größer, während tausend winzige Körper – die sie jedoch liebend gern noch winziger gehabt hätten – in Richtung des Lichts über ihnen huschten.

 

„Mögt Ihr Spinnen?“, fragte Ziya.

 

„Nicht besonders. Lehrensucherin? Gibt es eine Möglichkeit, vielleicht direkt zur Moral dieser Geschichte zu springen? Irgendetwas mit Handlungen und Konsequenzen. Wir haben es schon verstanden.“

 

„Wirklich?“, sagte Shuchun freundlich. „Sie kommen aber immer noch.“

 

Die weißen Wände wirbelten wie graue Wolken in einem starken Wind fort. Die Goblins und die Lehrensucherin standen auf nacktem Stein, auf einer Plattform inmitten eines riesigen, lärmerfüllten Raumes. Tausende Beine huschten von unten herauf und riesige, schwere Schatten wirbelten um die Plattform in der Dunkelheit.

 

„Nun, dann erzählt uns, wie die Geschichte ausgeht“, sagte Druz mit zusammengebissenen Zähnen. „Lasst es aufhören.“

 

„Das wird ein Problem“, sagte Shuchun. „Kein Entdecker, der den verlorenen Tempel von Te Zhuo betreten hat, wurde jemals wiedergesehen. Es ist also eher eine Warnung als eine Geschichte.“

 

„Eine Warnung, den Tempel nicht zu betreten, in dem wir uns bereits befinden?“, fragte Ziya müde.

 

Shuchun strahlte.

 

„Wartet mal“, sagte Druz. „Niemand ist je zurückgekehrt, oder? Also wurden niemals Leichen gefunden.“

 

Shuchun legte den Kopf auf die Seite. „Ja?“

 

„Woher wissen wir dann, dass das hier ein böser Ort ist?“, fragte Druz. „Könnte es nicht sein, dass es hier so wundervoll ist, dass niemand wieder hinaus wollte?“

 

„Das ist durchaus möglich“, gestand Shuchun ein, während Ziya ihre Hände über das Gesicht legte. „Außer dass die Geschichte aus einem bestimmten Grund nach den Spinnen benannt wurde.“

 

„Wirklich?“, sagte Druz. Er und Ziya rückten in stillschweigendem Einvernehmen aneinander, sodass sie Schulter an Schulter standen.

 

„Nun“, fuhr Shuchun fort. „Ich habe nicht gesagt, dass man von den Entdeckern nie mehr etwas gehört hat. Sie schreien.“

 

„Lasst mich raten. Sie schreien wegen den Spinnen“, sagte Ziya.

 

„Aber ja.“

 

Eine tödliche Welle aus Unmengen behaarter Beine schoss aus der Grube unter ihnen. Und blieb stehen. Glitzernde Augen brannten vor Hunger.

 

„Wenn wir also dieses Te Zhuo betreten“, sagte Druz nach einem bewusst ruhigen Atemzug, „könnten wir alles vorfinden. Fallen. Äußerst beeindruckende Spinnen.“

 

„Vielleicht auch Diener der Alten Götter“, sagte Ziya. „Die sind überall.“

 

„Eine Handlung“, sagte Druz langsam. „Ein Ergebnis: Wir kommen hier niemals raus.“

 

„Es gibt keinen Ausweg, oder?“, fragte Ziya. „Unsere Handlungen haben uns hierher gebracht. Nun müssen wir mit den Konsequenzen klarkommen.“

 

„Ja“, sagte Shuchun lächelnd. „Sehr gut.“

 

Finsternis überflutete die Plattform und spülte die Goblins fort.

***

 

Ziya öffnete die Augen. An ihrer Wange spürte sie die Kälte eines langen, hellen Marmorbodens, der sich weithin erstreckte ...

 

... bis zu einer Schriftrolle, die an der gegenüberliegenden Wand einer engen, türlosen Kammer hing. Geister von Worten rasten wie vergängliche Gedanken über ihre Oberfläche. Das strahlende Weiß eines Auges ohne Pupille starrte sie wartend an.

 

Shuchun machte einen Schritt über ihren Kopf und versperrte so bedächtig und genau mit dem Fuß ihre Sicht auf die Rolle, als wäre dies vorhergesagt gewesen.

 

Stöhnend erhob sich Ziya.

 

„Das ist es?“, ächzte Druz. Er nahm die Wand zur Hilfe, um auf die Beine zu kommen, und sah noch schlimmer aus, als sie sich fühlte.

 

„Ja“, sagte Shuchun.

 

„Was genau ist es?“

 

„Für manche ist es eine Waffe“, sagte Shuchun. „Für andere eine Lektion oder Strafe. Ich weiß nur, dass die Lehrensucher es vor langer Zeit erschufen und die Last tragen müssen, die Welt vor den Konsequenzen zu beschützen.“

 

„Was ist so gefährlich daran?“, fragte Ziya.

 

„Eine leere Schriftrolle – jede leere Schriftrolle – birgt Möglichkeiten in sich. Sie könnte zur Geschichte von Rakalaz werden“, erwiderte Shuchun. Ziya richtete den Blick nach oben. In der Decke befand sich ein Riss, aus dem Sand rieselte. Irgendwo dort oben hatte sie eine Geschichte erzählt. Hatte die Schriftrolle sie gehört?

 

„Sie könnte auch die Legende einer unendlichen Armee aus Sand oder einer Legion von Spinnen aufzeichnen“, sagte Shuchun. „Oder Schlimmeres.“

 

„Ihr sagt also, dass sie Figuren zum Leben erweckt, wie es die Lehrensucher tun?“, fragte Druz.

 

„Nein“, sagte Shuchun. „Ihr versteht es nicht. Ich kann Di Chen herbeirufen, damit er sich mit der Wüstenhexe streitet und gegen die legendäre Armee kämpft. Ich könnte ihn nicht auf meine Feinde hetzen.“

 

Druz hob eine Augenbraue. „Kann dieses Ding das?“

 

Ziya hörte die Gier in seiner Stimme. Ob Shuchun dies wohl auch tat?

 

„Vielleicht“, sprach sie leise. „Unseren Legenden nach kann es Worte zu Fleisch werden lassen. Hoffnung zu Realität.“

 

„Tut mir leid, aber für mich hört sich das einfach nach Beschwörungen an“, sagte Druz. „Hexenmeister machen so etwas andauernd. Wenn man mal von ein paar Dämoneninvasionen absieht, ist das nichts Schlimmes.“

 

„Nicht?“, fragte Shuchun.

 

Der Hahn einer Waffe wurde gespannt.

 

„Nein. Ich streite nicht ab, dass es gefährlich ist“, sagte Druz entschuldigend, während er sein Gewehr auf Shuchun richtete. „Aber eine Waffe ist eine Waffe. Sie schießt erst, wenn man den Abzug drückt. Sozusagen. Ziya, nehmt die Schriftrolle.“

 

Shuchun schaut Druz so bekümmert an, dass Ziya sich fragte, wie er das ertragen könne.

 

„Ich habe Euch doch gesagt“, erwiderte Shuchun, „dass ich nicht zulassen werde, dass Ihr sie bekommt.“

 

„Das hier ist keine Diskussion“, sagte Druz. „Ziya. Die Schriftrolle.“

 

„Glaubt Ihr, sie beherrschen zu können, obwohl wir es nicht geschafft haben?“

 

„Ich?“, fragte Druz. „Nein. Herr Gallywix wollte haben, was immer hier auch drin ist. Er wird sie bekommen.“

 

Und so entschlossen sich die Goblins, die Schriftrolle zu nehmen, sprach Shuchun sanft.

 

Ihre Worte rasten über die Rolle, die wie eine einzige elfenbeinerne Flamme pulsierte. Die Wände des Raums rissen auf und weißes Licht strömte durch die Lücken.

 

Instinktiv drückte Druz den Abzug.

 

Instinktiv drückte Druz den Abzug und ...

***

 

... die Kugel flog.

 

Mit der Schriftrolle unter dem Arm verließen die Goblins die Lehrenkammer und betraten die Privatgemächer des Handelsprinzen Gallywix.

 

Ziya geriet ins Stolpern und kämpfte gegen ihre Übelkeit an. Druz stieß schwankend gegen sie und hielt sich an ihrer Schulter fest.

 

Wie waren sie hierher gekommen? Ihre letzte Erinnerung war das Abfeuern des Gewehrs auf Lehrensucherin Shuchuns ernstes Gesicht – scheinbar vor nur wenigen Sekunden.

 

Nun waren sie an einem anderen Ort. Das gedämpfte Geräusch der Motoren des Megazeppelins dröhnte hinter den Wänden. Ziya und Druz standen in einem dunklen, engen Raum. Das Arbeitszimmer eines Tüftlers mit einem einfachen Holzschemel. Eine Werkbank. Sorgfältig aufgereihtes Werkzeug.

 

Jastor Gallywix saß an der Werkbank, zeichnete freihändig einen Bauplan und Ziyas Orientierungslosigkeit verflüchtigte sich. Es war einfach nur ein langer Tag gewesen.

 

Gallywix war dünner, als sie ihn in Erinnerung hatte, aber nicht wesentlich. Sein Bauch quoll aus einer einfachen, offenen Weste. Früher hatte er auch einen extrem übergroßen Zylinder, glitzernde Ringe und ein schrecklich breites Grinsen getragen.

 

Dieser Gallywix trug keine Klunker und grinste nicht. „Vielleicht kennt Ihr ihn nicht so gut wie ich“, hatte Druz gesagt ...

 

Druz richtete sich neben ihr auf.

 

„Das ist es, Boss“, sagte er mit heiserer Stimme und warf die Schriftrolle auf die Werkbank. Gallywix rührte sie nicht an.

 

„Die Lehrensucherin?“, fragte er.

 

Ziya wurde von einer Welle von Schuldgefühlen erfasst. Sie hatte gesehen, wie die Kugel flog. Shuchun war tot. Ganz bestimmt.

 

„Tot“, sagte Druz, klang jedoch unsicher.

 

„Wie schade“, sagte Gallywix und nickte in Richtung der Schriftrolle. „Was ist das?“

 

„Anscheinend eine Art Portal, das Geschichten Wirklichkeit werden lässt“, sagte Druz. „Alles ist außer Kontrolle geraten, bevor die Lehrensucherin noch mehr erklären konnte.“

 

Der Handelsprinz betrachtete die Schriftrolle. Ziya machte sich auf etwas Schreckliches gefasst ...

 

„Hört sich nicht gut an“, sagte Gallywix. „Ich lege sie in die untere Kammer, wenn wir wieder in Azshara sind.“

 

Ziyas Mund stand offen.

 

„Boss“, sagte Druz fast flehend. „Wenn Ihr sie nicht benutzt, wird jemand anderes es tun.“

 

„Ihr kennt meine Antwort“, sagte Gallywix und schaute ihn kurz an.

 

„Ja“, sagte Druz mit einem Seufzen.

 

„Gut. Das Letzte, was wir brauchen, ist noch eine riesige Waffe“, sagte Gallywix. „Bringt sie raus.“

 

„Und das war es jetzt?“ Die Worte standen im Raum, bevor Ziya erkannte, dass sie sie gesprochen hatte.

 

Gallywix schaute sie an. Sie konnte geradezu sehen, wie es in seinem Kopf ratterte.

 

„Was habt Ihr erwartet, Feldwebel?“, fragte er.

 

„Ich habe erwartet, dass Ihr sie benutzt!“, knurrte Ziya. „Das macht Ihr doch. Ihr benutzt Dinge. Ihr seid ein Ungeheuer!“

 

Zu ihrer Überraschung nickte Gallywix.

 

„Ja, das bin ich“, sagte er. „Aber nicht so eins.“

 

„Ihr seid genau so eins!“

 

„Nein“, sagte Gallywix. „Da wir uns noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden haben, Feldwebel, möchte ich etwas klarstellen. Ich habe kein Problem damit, Euch zu verkaufen, wenn Ihr unachtsam werdet. Ich würde Euch sogar in den Tod schicken, wenn es den Finanzen des Kartells hilft. Aber ich lasse nicht zu, dass Ihr für nichts und wieder nichts aus Dummheit oder durch eine große dämliche Waffe getötet werdet. Das ist nicht mein Stil.“

 

Er warf einen kurzen Blick auf den Ring an ihrem Hals. Schützend legte sie ihre Hände darum. Ein undefinierbarer Ausdruck huschte über sein Gesicht.

 

„Wie auch immer“, sagte er. „Mir tut leid, was mit Eurem Mann auf dem Hyjal geschehen ist. Aber mir tut nichts leid, was ich getan habe. Also ja, ich bin ein Ungeheuer. Aber ich passe auf meinen Besitz auf. Wenn es mir möglich ist.

 

„Und momentan bedeutet das, diese große Waffe zu verstecken, bevor jemand davon erfährt.“

 

Aber natürlich war das schon geschehen, flüsterte Lehrensucherin Shuchuns Stimme und der Raum um Ziya herum kristallisierte sich allmählich, so als ob die Zeit verlangsamt würde. Die Gerüchte verbreiteten sich in der ganzen Welt: Gallywix hatte eine mächtige Waffe in Pandaria gefunden und behielt sie für sich.

 

Garrosh Höllschrei, der Kriegshäuptling der Horde, konnte sich nur einen einzigen Reim auf solch einen Verrat machen: Rebellion. Garrosh führte die zersplitterte Horde nach Bilgewasserhafen.

 

Der Megazeppelin schmolz dahin. Unter Ziyas Füßen erhob sich fester Boden.

 

Aus der kalten Höhe von Gallywixs Palast sah sie, wie ihr Zuhause brannte. Druz stand wankend an ihrer Seite und in seinen Augen lag Erschöpfung.

 

„Legt Eure Rüstung an“, sagte ein Vollstrecker hinter ihr. „Sie werden bald da sein.“

 

Garroshs Truppen griffen den Palast an. Die Goblins zogen sich durch die unterirdischen Gänge zurück, um die Kammer und die darin verborgenen Geheimnisse zu schützen, sprach Lehrensucherin Shuchun.

 

Mit gezückten Dolchen zog Ziya sich zurück. Ein Blutelf hob eine Armbrust. Druz stieß Ziya zur Seite und bekam den Bolzen in die Schulter. Mit einem Ächzen stolperte er gegen sie und Ziya zog ihn mit sich.

 

Schon bald hatten die wenigen überlebenden Goblins keine Rückzugsmöglichkeit mehr, sprach Lehrensucherin Shuchun ruhig und bestimmt.

 

Ziya wurde von einem Pfeil getroffen und setzte sich. Druz lehnte gegen sie und schnappte nach Luft. Das Vorzimmer der Kammer war ein großer Raum mit Stahlwänden, in dem unzählige gefallene Goblins lagen. Die Angreifer der Horde kamen näher, bewegten sich widerwilliger angesichts des bevorstehenden Gemetzels. Sie kannte einige vom Hyjal und aus anderen Schlachten. Wenn sie nur zu Atem käme, könnte sie sie bestimmt davon überzeugen, dass sie einen Fehler machten ...

 

Hinter ihr öffnete sich die Tür zur Kammer ...

 

Das Bein eines Spinnenpanzers machte einen Schritt über die Goblins hinweg. Dann ein weiteres. Handelsprinz Gallywix stürmte mit brüllendem Lachen auf die Massen der Angreifer zu. Garrosh schob sich mit der Axt in der riesigen roten Faust durch seine Truppen.

 

„Zurück“, knurrte der Kriegshäuptling. „Der Verräter gehört mir.“

 

Das Duell war nur kurz, lief jedoch auch nicht wie erwartet, sprach Shuchun.

 

„Helft mir“, keuchte Druz und hantierte mit seinem Gewehr. Ziya hob ihren Arm vom Boden und richtete den Lauf auf ...

 

Das Duell. Der Mechanopanzer stolperte nach einem Axthieb zur Seite und Funken sprühten zischend aus seinen gesprungenen Gelenken. Gallywix verlor. Natürlich verlor er.

 

Aber warum lachte er dann noch?

 

Gallywix sprang aus dem Wrack des Mechanopanzers, hielt sich an den Stoßzähnen des muskulösen Orcs fest und rammte wie der Straßenkämpfer, der er in früheren Zeiten einmal gewesen war, dem Kriegshäuptling seine Stirn ins Gesicht. Garrosh fiel auf ein Knie.

 

Mit hängendem Kopf und benebelt von Schmerzen gab Druz einen Schuss aus seinem Gewehr ab, der jedoch daneben ging.

 

Gallywix zitterte und fiel zu Boden.

 

Und Garrosh nahm den Schatz der Kammer an sich, sprach Lehrensucherin Shuchun.

 

Ziya lag in einer stetig größer werdenden Lache aus Blut, von dem sie nicht wusste, ob es ihr eigenes war. Sie sah, wie Garrosh niederkniete, um die Schriftrolle an sich zu nehmen.

 

Monate vergingen, flüsterte Lehrensucherin Shuchun über ihr. Und die Welt veränderte sich.

 

Ziya gab sich der Geschichte hin, schloss ihre Augen und ...

***

 

... mühte sich, sie wieder zu öffnen. Blut rann in ihr unverletztes Auge. Der Helm hatte den Schlag des Orcs zum Großteil abgefangen. Ziya knurrte, schüttelte ihre Orientierungslosigkeit ab und rollte nach links. Das Schwert des Orcs schlug knirschend an der Stelle in den Boden, an der sie gerade noch gelegen hatte. Sie sprang auf und stieß in einem raffinierten Bogen mit beiden Dolchen zu.

 

Der Orc starrte sie mit Klingen in seiner Kehle leblos an und fiel.

 

Doch schon bald erhob er sich wieder.

 

Garrosh glaubte an eine von den Orcs beherrschte Welt und die Schriftrolle hatte sie Realität werden lassen. Die Orcs überrannten Kalimdor, diesmal versklavt von einem anderen Meister als dem Dämonenblut, das sie einst beherrscht hatte. Nichts konnte sie töten, und die blasse Leere des Artefakts, von dem sie angetrieben wurden, leuchtete in ihren stumpfen Augen.

 

Teldrassil war brennend ins Meer gestürzt. Eine verkohlte Grube war alles, was noch von der Exodar übrig blieb. Die Tauren und Trolle waren entsetzt über die Verwüstung über das Große Meer geflohen und hofften, dass Garrosh sich mit seinen Erfolgen zufriedengeben würde.

 

Doch das tat er nicht.

 

Ziya stand in der Nähe des Hafens von Sturmwind. Ein letztes Gefecht an der Seite ihrer Verbündeten und ehemaligen Feinde. Ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnten.

 

Der Klang von Schritten ließ sie mit gezogenen Dolchen herumfahren.

 

„Ihr“, sagte sie.

 

„Ich“, sagte Druz, während er eine ausgefranste Bandage über eine lange Schnittwunde an seinem Arm wickelte. „Schön, Euch zu sehen, Feldwebel.“

 

Er trug keine Waffe. Vielleicht war sie verloren gegangen. Vielleicht hatte er aufgegeben und sie abgelegt. So oder so konnte sie ihm keine Schuld geben.

 

Sie standen Schulter an Schulter. Die Orc-Flotte strömte in die überfüllte Bucht und spuckte Hunderte heulende Krieger auf den Anleger. Tauren starben an der Seite von Menschen, Zwergen und Blutelfen, doch es war alles zu spät.

 

Der Orc zu Ziyas Füßen zuckte und seine klaffenden Wunden verschwanden.

 

„Gute Absichten, was?“, sagte Druz.

 

„Das ist alles unsere Schuld“, sagte Ziya leise.

 

Druz kicherte. „Zumindest werden wir keine Gelegenheit mehr haben, es zu bedauern.“

 

Ziya stürzte sich in die Schlacht. Druz folgte ihr.

***

 

Sturmwind fiel. Die Orcs herrschten über alles. Zumindest eine Zeit lang.

 

Das schutzlos zurückgelassene Dunkle Portal wurde von der Brennenden Legion zurückerobert. Schrecken erhoben sich aus der See und es gab keine Kämpfer mehr, die sie hätten aufhalten können.

 

Azeroths Berge brannten und schmolzen dahin. Seine Ozeane kochten, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb. Dann wurde alles dunkel.

***

 

Alles war Licht.

 

Die nun dunkler werdende Schriftrolle warf noch einen langen Schatten vor Lehrensucherin Shuchun und verwandelte die Spuren aus Wassertropfen an den Wänden der Lehrenkammer in ein Netz aus schimmernden Perlen.

 

Die Kugel hing wie eingefroren vor Shuchun – das letzte Bindeglied zwischen den beiden Goblins und ihrer schrecklichen Zukunft.

 

Lehrensucherin Shuchun streckte den Arm aus, nahm die Kugel aus der Luft und legte sie bedächtig auf den Boden.

 

Lehrensucherin Shuchun wandte sich der Schriftrolle zu, sprach sie. In gewisser Weise hatte Druz recht. Die Schriftrolle war so einfach wie eine Waffe. Aber mit Waffen kann man unbeabsichtigt schießen. Kugeln können die falschen Ziele treffen. Also zielte Lehrensucherin Shuchun genau und sagte ...

 

Die Bilder, welche die beiden Goblins gesehen hatten, waren nicht wirklich.

 

Der Raum drehte sich und warf die Goblins zu Boden. Shuchun bewegte sich keinen Zentimeter.

 

Keiner dieser Schrecken hatte sich wirklich zugetragen.

 

Ziya senkte ihren Kopf unter den entsetzlichen, nachlassenden Wellen der Erinnerung an die Verluste und alten Wunden, die nicht mehr existierten.

 

Sie hörte: Und alles war wieder wie zuvor.

 

Plötzlich wurde es still und Ziya schaute nach oben. Shuchun verstaute die fest umwickelte Schriftrolle hinter ihrer Schulter.

 

„War das wirklich?“, fragte Ziya. „Irgendetwas davon?“

 

Shuchun dachte über die Frage nach.

 

„Ihr werdet besser schlafen“, sagte sie, „wenn ich Euch darauf keine Antwort gebe.“

 

Sie streckte ihre Pfoten aus, um ihnen hochzuhelfen. Ziya nahm eine. Druz nicht.

 

„Ihr hättet die Schriftrolle jederzeit so einsetzen können?“, fragte er. Es klang wie eine Anschuldigung.

 

„Ja.“

 

„Und mich dazu bringen können, Dinge zu tun, die ich ...“

 

„Euch dazu bringen können?“, fragte Shuchun, in deren Stimme keine Sanftheit mehr lag. „Ihr glaubt, dass Frieden unmöglich zu erreichen sei, weil Ihr es noch nicht versucht habt. Ihr glaubt, der Krieg würde weitergehen, weil er noch nie geendet hat, und Ihr trefft schwierige Entscheidungen ohne Furcht vor deren Konsequenzen.

 

„Ihr wählt Euren Weg“, sagte Lehrensucherin Shuchun und holte Luft. „Ich habe Euch davor gerettet.“

 

Druz spannte den Kiefer. „Warum habt Ihr uns dann überhaupt durch die Lehrenkammer geführt? Warum habt Ihr uns nicht vergessen lassen, dass wir etwas gefunden haben?“ Ziya bemerkte seinen flehenden Ton. Shuchuns Lächeln war ebenso freundlich wie zermürbend scharf.

 

„Vielleicht musstet Ihr herausfinden, mit welchen Kosten einfache Antworten verbunden sind“, antwortete sie.

***

 

Sie verabschiedeten sich in der frischen, salzigen Luft am Strand.

 

„Habt Ihr einen sicheren Ort für dieses Ding?“, fragte Druz und nickte in Richtung der Schriftrolle. In ihm war irgendetwas zerbrochen – so viel war klar. Aber daraus war etwas Neues geschmiedet worden. Etwas Stärkeres.

 

„Ja“, sagte Shuchun.

 

„Gut. Feldwebel, nehmt Euch ein wenig Urlaub. Bezahlten, natürlich“, fügte er hinzu, als Ziya ihren Mund öffnete. „Sorgt dafür, dass die Lehrensucherin dorthin gelangt, wohin sie gehen muss.“

 

Danach hangelte er sich ohne ein weiteres Wort am Seil zum Megazeppelin hinauf.

 

Ziya und Shuchun entfernten sich über einen aufsteigenden Pfad von der Küste. Der Megazeppelin verschwand taumelnd in der Ferne, als wäre der Pilot betrunken. Vermutlich war er es auch.

 

„Wohin?“, fragte Ziya.

 

„Hier entlang“, antwortete Shuchun und wies in eine Richtung. „Wir haben eine längere Reise vor uns.“

 

Ziya drehte den an ihrem Hals hängenden Ring. Zu ihrer Überraschung lächelte sie. Es würde schön sein, zur Abwechslung mal zu beschützen, statt anzugreifen. Daran zu glauben, dass der Krieg und all die Schrecken, die er mit sich brachte, enden könnte.

 

Schweigend gingen sie nebeneinander her.

 

„Wollt Ihr eine Geschichte hören?“, fragte Shuchun.


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