Die Prüfung der roten Blüten


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Zehn war den Fremden den ganzen Nachmittag über gefolgt. Er war sich sicher, dass sie Geld besaßen. Er merkte es an ihrer Haltung, ihrer Kleidung und der selbstbewussten Art, wie sie über den Markt schlenderten. Zehn hatte es sich angewöhnt, den Wohlstand möglicher Zielpersonen einzuschätzen. Es hielt ihn in diesen schweren Zeiten am Leben.

 

Die Reisenden waren zu viert und ihren dicken Umhängen nach zu urteilen, kamen sie aus dem Norden. Wenn es jedoch trotz der für die Jahreszeit unpassenden Kluft noch eines weiteren Beweises bedurfte, dass es sich bei ihnen nicht um Einheimische handelte, so brauchte man sich nur ihren Führer ansehen: Es war Jogu, der alte, ständig betrunkene Jinyu, der sein halbes Leben am Ufer des kleinen Teiches unweit des Marktes verschlief. Jogu war ziemlich schlank für einen Jinyu. Er hatte die Angewohnheit, undeutlich vor sich hin zu brabbeln, und es fehlten ihm einige Schuppen. Warum diese Männer ausgerechnet ihn zu ihrem Führer auserkoren hatten, war Zehn ein vollkommenes Rätsel. Aber wie dem auch sei, sie mussten Jogu einiges geboten haben, denn der alte Jinyu wirkte so munter und wach wie seit vielen Jahren nicht mehr. Er gestikulierte und deutete auf den eigentlich nur mäßig interessanten Halbhügelmarkt, als wäre dieser eines der Monumente im Jadetempel.

 

Die vier Reisenden selbst sagten kein Wort und zeigten auch keine Reaktion auf die Gebärden des Fischmanns. Es war offensichtlich, dass sich diese Pandaren einen etwas direkteren und ruhigeren Führer gewünscht hatten und ihre Entscheidung für Jogu bereits bereuten.

 

Zehn lehnte sich gegen die Wand in der Gasse und dachte nach. Nachdenken war anstrengend, wenn der Magen so knurrte wie der seine, aber daran würde sich nichts ändern, wenn er sich nicht auf seine Arbeit konzentrierte. Die letzte Ernte war dürftig ausgefallen, selbst hier im Tal der Vier Winde. Die Bauern hatten ein schärferes Auge auf ihre Waren als sonst gehabt und die Handelsstraßen waren stärker bewacht denn je. Seine letzte Mahlzeit war bereits einen Tag her – es war ein Pfirsich gewesen, der von einem Obstkarren gefallen war, als dessen Besitzer den Markt verlassen hatte. Zumindest hatte es so ausgesehen, als der Karren dort vorbeigerumpelt war, wo Zehn in den Schatten verborgen gekauert hatte. Schon einige Male hatte der Junge von Kim Won Gis „Sorglosigkeit“ profitiert. Er war dem großzügigen Händler dankbar ... aber dass er aufhören würde, ihn zu bestehlen, so weit ging seine Dankbarkeit dann doch nicht. Wovon sollte ein Dieb denn sonst leben?

 

Ein Dieb. Zehn war nicht stolz auf das, was er tat, was er tun musste. Wenn sein Vater noch am Leben wäre, hätte er sein Gesicht vor lauter Gram in seinen Pfoten vergraben.

 

Die Jahreszeiten sind unabänderlich.

 

Die Gruppe hatte sich inzwischen in Bewegung gesetzt, nachdem Jogu einen ellenlangen Monolog über den Schrein des Ehrlichen Händlers in epischer Breite und mit einem höchst emotionalen Vortrag unter wilder Gestikulation beendet hatte. Als seine Zuhörer jedoch auf seine Darbietung weder eingegangen waren noch ihm ein Trinkgeld dafür gegeben hatten, als er mit ausgestreckten Armen wie ein großer Taolunbaum dastand, hatte er mit den Schultern gezuckt und war weitergegangen. Die Fremden folgten ihm und einer von ihnen schüttelte den Kopf.

 

Zehn war sich sicher, dass sie zum Ratsgebäude der Ackerbauern gehen würden. Es war das einzige Gebäude in der Richtung, in die sie marschierten. Natürlich wollten diese wohlhabenden Besucher sich mit dem mächtigen Bund der Ackerbauern treffen, vermutlich um über Geschäfte oder Verträge zu verhandeln. Waren es vielleicht Händler? Das würde ihre großen Umhänge erklären, die nicht nur ihre breiten, gut genährten Bäuche verbargen, sondern auch – wenn Zehn sich nicht irrte – tiefe Taschen und so manchen Geldbeutel bis obenhin mit Gold gefüllt. Er beobachtete sie konzentriert und sah, wie der dunkle Stoff um die Hüften der Reisenden gewickelt war. Ja. Darunter musste es Gold geben. Ihm begannen die Finger zu jucken.

 

Die Gruppe überquerte gerade die Fo-Brücke, als das Schicksal seinen Lauf nahm. Gerade hatte Vorratsmeister Nam Eisentatz mit einem Karren voller Lachse den höchsten Punkt der Brücke erreicht, da löste sich auf einmal ein Rad an der Seite des Karrens und als Nam den sich nähernden Reisenden zuwinkte, begann der Karren sich mitsamt der schweren Ladung gefährlich zu neigen. Der kräftige Händler fuhr erschrocken herum, konnte aber nicht mehr verhindern, dass der Karren umkippte und seinen Inhalt – den kompletten Fang einer ganzen Nacht – auf die Brücke ergoss.

 

„Nein! Nein!“, rief er entsetzt, während seine Barthaare vor Verzweiflung bebten.

 

Ein silberfarbener, feuchter Schwall schwappte über die Brücke, deren hohe Seiten die ganze Ladung direkt in Richtung des vor Schreck erstarrten Jogu und seiner Auftraggeber schickten. Auch der arme Jinyu – offensichtlich noch immer betrunken – rief „Nein! Nein!“, als wolle er Nams Rufe imitieren, und versuchte, die Fische mit verzweifelten Gesten zum Stillstand zu bringen. Aber die toten Lachse schenkten ihm keinerlei Beachtung.

 

Unter einem feuchten Schmatzen wurde die Gruppe unter den Lachsen begraben. Zehn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sich vorstellte, wie es sich wohl anfühlte, von den kalten, glitschigen Fischen begraben zu werden. Einen Augenblick später war die Welle vorbei und die übrigen Lachse glitten über den Rand der Brücke und fielen in den Fluss. Die vier Pandarenhändler waren in die Hocke gegangen und hatten ihre Krallen in die Planken gegraben, um nicht zu Boden zu gehen, und halfen sich jetzt gegenseitig wieder auf die Beine. Jogu dagegen war mit den Fischen zusammen ins Wasser gefallen und tauchte nicht wieder auf. Das war eher lustig als alarmierend, denn als Jinyu war der betrunkene Jogu im Wasser mehr zu Hause als an Land. In der Ferne waren Rufe und Gelächter aus der Richtung des Marktes zu hören, als Nams Familie und andere Dorfbewohner zur Brücke gerannt kamen.

 

Zehn wusste, dass jetzt der ideale Zeitpunkt gekommen war, um zuzuschlagen.

 

Er glitt aus den Schatten und mischte sich unter die Leute, die sich auf den umgekippten Karren zubewegten. Für seine vierzehn Jahre war Zehn leicht gebaut und schlank und sein Fell war an den Stellen grau, wo die meisten andere Pandaren weißes Fell besaßen. Es war ihm ein Leichtes, in dem heillosen Durcheinander unentdeckt zu bleiben, so wie meistens. Unentdeckt zu bleiben, war eine der Spezialitäten des jüngsten Sohnes eines mittellosen Rübenbauern. Seinen Namen verdankte er seinen neun Geschwistern, die vor ihm das Licht der Welt erblickt hatten.

 

Seine fünf älteren Brüder hatten den Besitz seines Vaters nach dessen Tod untereinander aufgeteilt, aber schon bald gemerkt, dass fünf einzelne Teile eines daniederliegenden Bauernhofs sie wohl kaum ernähren würden. Warum also sollten Sie den Hof aufteilen, wenn dadurch alle verhungern würden? Darum konnten die fünf jüngeren Brüder entscheiden, ob sie bleiben und helfen wollten oder den Hof verlassen. Zehn hatte sich zur großen Erleichterung seiner Geschwister dazu entschlossen, dem Hof den Rücken zu kehren. Ein Bauernhof hatte für einen jungen Pandaren sowieso nichts zu bieten und er bezweifelte, dass sie seine Abwesenheit überhaupt bemerkten.

 

Unmittelbar vor ihm erkannte er einige Mitglieder der Familie Eisentatz, die den Karren wieder aufzurichten versuchten, während andere damit beschäftigt waren, die Fische einzusammeln und in Körbe, Töpfe und Schürzen steckten. Unterdessen hatte sich Nam den vier Fremden mit gesenktem Kopf genähert und entschuldigte sich überschwänglich für das Missgeschick. Zehn hatte erwartet, dass die wohlhabenden Händler über das glitschige Willkommen in Halbhügel erbost wären, umso überraschter war er, dass sie lachten. Es war ein sanftes, rollendes Lachen, unter dem die Brücke zu wackeln begann, während sie Fischschuppen von ihren Hüten wischten und einander auf die Schultern klopften. Einer der Reisenden zog sogar einen großen Fisch aus seinem Kragen und reichte ihn Nam mit einem Nicken und der Vorratsmeister, sichtlich erleichtert über den Humor der Fremden, kehrte wieder an den Ort des Unglücks zurück, um die Aufräumarbeiten zu dirigieren. Lachs war sehr teuer und es waren viele Monate vergangen, seit sein Karren das letzte Mal so voll gewesen war.

 

Zehn bewegte sich langsam vorwärts, während er gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Familie Eisentatz die Fische einsammelte. Als er dicht genug an den Reisenden heran war, tat er auf einmal so, als würde er ausrutschen, und stolperte gegen den größten unter ihnen. Als der Händler sich umdrehte, stockte Zehn der Atem. Sein Gegenüber besaß nur ein Auge. Über dem anderen trug er eine schwarze Augenklappe und eine lange Narbe verlief von der dazugehörigen Augenbraue bis zum Kinn quer über das Gesicht. Der Händler war allem Anschein nach bereits an diese Art von Reaktion gewöhnt, denn er lächelte Zehn an, half ihm auf und sagte ihm, er solle aufpassen, wenn er auf den nassen Holzplanken lief.

 

Aber warme Gedanken können einen knurrenden Magen nicht besänftigen.

 

Schüchtern verbeugte sich Zehn, so wie es ein einfacher Dorfjunge tun würde, und ging weiter. Der Lederbeutel, den er unter dem Umhang des Händlers zu fassen bekommen hatte, war gut unter Zehns schmutziger Tunika verstaut und er freute sich schon darauf, seine Beute näher in Augenschein zu nehmen. War es Gold? Nicht schwer genug. Edelsteine? Schon möglich. Hoffentlich reicht es für ein paar warme Mahlzeiten und eine weitere Decke, dachte er bei sich. Schon bald würde es Winter sein und Zehn machte sich Sorgen wegen der Kälte. Der kleine Pandaren hatte auch ein paar der kleineren Fische stibitzt, aber er wollte sein Glück lieber nicht herausfordern. Mit einem Knurren meldete sein Magen sich wieder zu Wort.

 

Er erreichte den Rand des Marktes und tat so, als würde er Fischschuppen von seinen Ärmeln wischen, während er im Auge behielt, was hinter ihm geschah. Es war niemandem aufgefallen, dass Zehn verschwunden war, und alle waren noch immer damit beschäftigt, die Fische aufzusammeln, bevor sie vom Fluss verschluckt werden konnten. Er zog den gestohlenen Beutel unter seiner Tunika hervor, entwirrte im Handumdrehen die Lederschlaufe, die ihn zusammenhielt, und leerte den Inhalt in seine Pfote.

 

Doch statt Gold oder Edelsteinen kam lediglich eine Schriftrolle zum Vorschein. Zehn rutschte das Herz in die Hose. Eine dumme Schriftrolle, die um einen einfachen Messingstab mit Enden aus Elfenbein gewickelt war. Er hob den zarten Gegenstand hoch und zerbrach das Wachssiegel, um zu sehen, ober er den Stab auseinanderziehen konnte. Vielleicht konnte er wenigstens das Elfenbein verkaufen.

 

Seine Augen flogen über die Seite, lasen die Wörter, ohne es eigentlich zu wollen. Vor Jahren hatte Sieben seinem jüngeren Bruder das Lesen beigebracht, damit er dabei helfen konnte, die Ernte in Zahlen zu fassen. Zehn hatte es schnell gelernt und profitierte von dieser Fähigkeit, wenn er zum Beispiel wissen wollte, welchen der unbeaufsichtigten Säcke er dem Gemüsehändler stehlen sollte. Die Botschaft auf der Schriftrolle war mit dicken, eindringlich wirkenden Buchstaben verfasst, und als er las, spürte er Panik in sich aufsteigen.

 

Ehrenwerter Haohan Lehmkrall, Anführer der Ackerbauern im Tal der Vier Winde

 

Mit dieser Botschaft möchte ich Euch einen Gruß senden, Eure Felder segnen und nicht zuletzt eine Warnung aussprechen. Unsere Späher berichten uns von mehreren Yaungolstämmen, die sich zurzeit von der Tonlongsteppe nach Osten bewegen und ihr Verhalten könnte auf eine nahende Bedrohung hindeuten. In den vergangenen Jahrhunderten war dies immer dann der Fall, wenn die Mantis expandierten und ihre Schwärme so groß wurden, dass selbst die mächtigen Behuften die Flucht vor ihnen ergriffen. Unsere Kräfte sind verstreut, Haohan, und wir müssen damit beginnen, Vorräte für einen möglichen Konflikt anzulegen. Wir wissen um die schlechte Ernte in diesem Jahr und ebenso wissen wir um Eure Pflicht, die Bevölkerung des Tals und darüber hinaus zu ernähren. Aber unsere Not ist groß. Bitte gebt diesen hochgeschätzten Wächtern alles mit, was Ihr entbehren könnt. Sie werden dafür Sorge tragen, dass Eure großzügigen Gaben sicher ans Ziel gelangen.

 

Das waren nicht die Worte eines Händlers.

 

Hochgeschätzte Wächter. Diese Reisenden waren nicht gekommen, um Handel zu treiben. Als Zehn das Zeichen am Ende der Schriftrolle sah, musste er nach Luft schnappen. Es war ein einfacher Kreis mit gekrümmten Streifen an den Seiten, der Kopf eines fauchenden weißen Tigers.

 

Die Shado-Pan!

 

Auf einmal vernahm er einen Tumult an der Brücke. Zehn wirbelte herum und stopfte die Schriftrolle hastig in seine Tunika. Jogu war aus dem Wasser aufgetaucht. Er rief etwas und deutete dabei in seine Richtung. Er deutete auf Zehn!

 

„Ein Dieb! Meine guten Meister wurden bestohlen! Ein Dieb! Ein Dieb!“

 

Zunächst wusste keiner, was der hysterische Jinyu da überhaupt meinte. Manche warfen Zehn einen misstrauischen Blick zu und andere lachten Jogu aus, während sie ob seines besoffenen Gefasels mit den Augen rollten. Der große Pandaren aber, mit dem Zehn zusammengestoßen war, fasste in seine Tasche und machte dann eine schnelle Geste zu seinen Kameraden. Sie ließen ihre Umhänge zu Boden fallen, woraufhin Waffen zum Vorschein kamen – Schwerter, Speere und Klingen, die gefährlich im Sonnenlicht glitzerten. Ja, sie hatten tatsächlich etwas verborgen. Zumindest darin hatte Zehn recht gehabt.

 

Er musste verschwinden.

 

Während er einen unterdrückten Fluch ausstieß, wandte Zehn sich blitzschnell um und lief quer über den Markt, so schnell er konnte.

 

Ein ganzer Markt voller Bauern, Fischer und Obstverkäufer und wen bestehle ich? Ausgerechnet einen Haufen schwer bewaffneter Krieger.

 

Er dachte angestrengt nach, versuchte sich an das Wenige zu erinnern, was er über die Shado-Pan wusste. Für Geschichte hatte er noch nie etwas übrig gehabt. Die Shado-Pan waren eine militärische Elitetruppe, die man so gut wie nie in diesem friedlichen Tal zu Gesicht bekam. Zehn wusste, dass die Shado-Pan die Mauer im Westen bewachten, die das Land der Pandaren vor üblen Kreaturen wie den Mantis schützte. Er hatte Geschichten von anderen Dieben und Taugenichtsen gehört, die gemeinsam mit ihm in den Gassen der Stadt lebten. Es waren Geschichten über die Shado-Pan und ihre Fähigkeit, auf einer Schwertklinge zu balancieren, einen Pfeil aus dem Flug zu fangen und einen Feind so zu treffen, dass ihm sein Herz in der Brust zersprang. Er hatte gehört, dass die Shado-Pan niemandem vergaben, der sie hintergangen hatte, und dass sie es niemals vergaßen, wenn ihnen unrecht getan wurde.

 

Zehn griff sich im Rennen an die Brust und fühlte, wie sein Herz hämmerte. Bei jedem Schritt hüpfte die Schriftrolle auf und ab, sodass die Enden aus Elfenbein gegen seine flache Brust trommelten. Es war beinahe, als würde sie Zehns Verfolger um Hilfe rufen.

 

Schon hörte er schwere Schritte hinter sich. Diese Krieger waren verflucht schnell. Er vernahm ein pfeifendes Geräusch und duckte sich, als ein Speer den Pfosten eines der Verkaufsstände vor ihm traf. Der Verkäufer schrie auf und ein voller Suppentopf flog in hohem Bogen durch die Luft. Die heiße Bouillon klatschte einem leicht reizbaren Ho-zen, der am nächsten Stand Kochutensilien verkaufte, mitten ins Gesicht. Blind vor Wut sprang der Affe auf und nieder und schleuderte eine Schöpfkelle nach Zehn, der dem sich drehenden Wurfgeschoss ausweichen konnte, während er verzweifelt nach einem Fluchtweg suchte.

 

Er sah sein Spiegelbild in einem der Töpfe, die am Stand des Suppenkochs baumelten. Zwei der Shado-Pan kamen von beiden Seiten schnell näher ... und es gab keinen Ausweg.

 

Also hörte er auf zu suchen. Stattdessen machte er einen Satz und landete mit einem Fuß auf dem Schaft des Shado-Pan-Speers, der in dem Pfosten vor ihm steckte. Er betete, dass der stabile Bambusstab sein Gewicht halten würde. Zehn ging in die Hocke, als der Speer sich zu biegen begann, dann aber wieder nach oben schnellte und ihn über den Stand katapultierte. Die beiden Shado-Pan blieben verdutzt zurück und blickten mit zusammengekniffenen Augen in die grelle Nachmittagssonne.

 

Dieser Speer war gut gefertigt. Wenigstens lag ich in einem Punkt richtig: Die Reisenden sind wohlhabend.

 

Er landete und rollte sich auf dem Gras hinter dem Markt ab. Von allen Seiten hallte Geschrei wider. Noch hatte Zehn seine Verfolger nicht abgeschüttelt, denn schon kamen die beiden Shado-Pan um die Marktbuden gerannt. Offensichtlich waren sie von Zehns Akrobatikeinlage nicht sonderlich beeindruckt. Der Dieb wusste, dass er den ebenso stärkeren wie schnelleren Pandaren im offenen Gelände hoffnungslos ausgeliefert wäre. Er musste also versuchen, sie im Dorf abzuschütteln. Zehn stieß einen weiteren Fluch aus und begab sich vom Rand des Marktes in Richtung der Häuser. Über ihm ertönte der Ruf eines Falken.

 

Das Dorf lag nur den Hügel hinauf und die Shado-Pan hatten ihn fast eingeholt, als er das Gasthaus Zur Faulen Rübe erreichte. Gastwirtin Lei Lan stieß ein erschrecktes Jaulen aus, als Zehn auf einmal durch die Tür stürmte, und ihr dabei das Tablett mit Getränken aus den Händen riss. Zehn kamen beinahe die Tränen, als das gute Sturmbräu durch seine Hast verschüttet wurde, aber er konnte nichts daran ändern. Der erste Shado-Pan hinter ihm rutschte prompt auf dem mit Bier besudelten Boden aus und stürzte über die Gastwirtin, die gerade erst dabei war, wieder auf die Beine zu kommen. Der zweite Verfolger sprang über seinen Kameraden hinweg und rannte Zehn mit einem hörbaren Knurren in Richtung Küche hinterher. Scheinbar hatte dieser Bauerntölpel von einem Taschendieb den Shado-Pan bereits mehr Schwierigkeiten bereitet, als sie es erwartet hätten.

 

Zehn sprintete in die Küche und erschreckte Gewürzmeister Jin Jao so sehr, dass dieser seine Lieferung unter einem lauten Fluch in die Luft schleuderte. Zehn rannte weiter und schlitterte unter Jin Jaos Beinen hindurch, bevor er die Treppe hochwetzte. Kurz darauf hörte er den Shado-Pan durch die Küche poltern und vernahm die wütenden Proteste des Gewürzmeisters wegen der ruinierten Waren und weil er von diesen „ungehobelten Schurken“ zur Seite gestoßen worden war. Zehn erreichte das obere Ende der Treppe und rannte den Gang hinunter, wobei er jede der Türen zu öffnen versuchte. Hier wohnten die Mitarbeiter des Gasthauses und natürlich hatten sie ihre Zimmer abgeschlossen. Zehn fluchte, weil er wusste, dass ihm nicht genügend Zeit blieb, um die Schlösser zu knacken.

 

Die letzte Tür war nicht abgeschlossen und der Geruch verriet Zehn, dass dies Den Dens Zuhause sein musste. Den Den war ein Ho-zen und der Schankwirt des Gasthauses. Er war kein schlechter Kerl für einen Vertreter des Affenvolks und bestimmt um einiges angenehmer als sein Schöpfkellen werfender Cousin. Einmal hatte Den Den mit ihm einen Krug mit Sturmbräu gegen einen Granatapfel getauscht – den hatte Zehn natürlich von Gis Karren gestohlen – und er hatte Den Dens Großzügigkeit immer geschätzt. Aber das Zimmer roch unangenehm und ähnelte mehr einer Müllhalde als einem Zuhause. Dreckiges Bettzeug, Säcke mit Saatgut, ein Fass voller Obstschalen und ein ... Ding, das aussah wie eine Ho-zen-Puppe aus verfilztem Haar. Zehn rümpfte die Nase und begann damit, sich durch den Müll zu wühlen, um das Fenster auf der anderen Seite des Zimmers zu erreichen. Als schließlich ein Lichtstrahl zwischen seinen Fingern hindurchfiel, wusste er, dass er es geschafft hatte.

 

„Weg von der Wand, Dieb!“

 

Die Stimme klang zornig, aber gefasst. Zehn konnte den auf ihn gerichteten Speer in seinem Rücken beinahe spüren. Langsam drehte er sich mit erhobenen Pfoten um, wobei er versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. In der Tür standen zwei Shado-Pan und kurz darauf kam noch ein dritter hinzu, dem Bier aus dem Fell tropfte.

 

„Guten Tag, meine Herren. Willkommen in Halbhügel. Ich wollte gerade nach Medizin für meine kranke Mutter suchen und ...“

 

„Sei still, du Wurm!“, brüllte der dritte Krieger wutentbrannt, während er wild mit seinem Schwert herumfuchtelte. Er war offensichtlich ziemlich wütend – zum einen wegen des Biers und zum anderen, weil er auf so höchst unritterliche Weise mit der liebreizenden Gastwirtin zusammengestoßen war.

 

Einer der anderen Shado-Pan – es war derjenige, der unten auf dem Markt seinen Speer nach Zehn geworfen hatte – legte seinem Kameraden eine Pfote auf die Schulter. Er trug einen roten Schal um den Hals. Die anderen beiden traten zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Obgleich er seinen Speer wieder an sich genommen hatte, war Zehn sich im Klaren darüber, dass dieser Krieger keine Waffe benötigte, um zu töten. Er sah es an seinen perfekten Bewegungen, den Narben an den Pfoten und am eindringlichen Blick seiner goldfarbenen Augen.

 

„Du wandelst auf dünnem Eis, kleiner Dieb. Mein Freund hier glaubt, dass du ein Spion bist, der unsere Botschaft abfangen und unseren Feinden übergeben soll. Ich denke jedoch, dass du nur ein Narr bist und dass dich deine unbedachte Tat in größere Gefahr gebracht hat, als du es eigentlich wolltest.“

 

Der Shado-Pan trat nach vorn und streckte ihm eine Pfote entgegen.

 

„Mach schnell. Mein Meister wartet unten. Gib mir die Schriftrolle, die du uns gestohlen hast. Und keine plötzlichen Bewegungen, sonst wird Tao-Long hier dich mit seinem Speer aufspießen. Wenn du sie uns jetzt gibst, dann bringen wird dich zum Rat der Ackerbauern, der dich vermutlich zu Strafarbeit in der Kornkammer verdonnern wird.“

 

Zehn atmete tief durch. Langsam griff er in seine Tunika und holte die Schriftrolle hervor. Er reichte sie dem Shado-Pan, der ihm stumm zunickte, hielt dann aber inne.

 

„Gibt es ... keine andere Möglichkeit?“

 

Der Krieger mit dem roten Schal runzelte die Stirn und sein Gesichtsausdruck wurde kühl.

 

„Du kannst natürlich auch das Angebot ablehnen, das ich dir gemacht habe, und damit Tao-Longs Verdacht bestätigen. Dann werden wir uns die Rolle einfach nehmen und du wirst dabei dein Leben verlieren. Aber glaub ja nicht, dass wir dich einfach nur töten werden, Dieb, denn wenn die Shado-Pan ein Leben nehmen, geht es in unseren Besitz über. Wir werden dich fesseln, dir die Augen ausstechen, die Füße abschneiden und alle Finger abhacken bis auf zwei, damit du noch essen kannst. Dann werden wir dich zu unserem Kloster auf dem Kun-Lai-Gipfel mitnehmen, wo du auf einem eisbedeckten Vorsprung auf unsere Wahrheitsfinder warten wirst.“

 

An dieser Stelle grinste der biertriefende Shado-Pan namens Tao-Long und machte eine leichte Bewegung mit seinem Schwert. Es war offensichtlich, welche der beiden Möglichkeiten er bevorzugte.

 

„Die Wahrheitsfinder der Shado-Pan werden dir zeigen, dass das Ausstechen deiner Augen nur das erste und gütigste unserer Geschenke war. Sie werden herausfinden, wie du vom Sha korrumpiert wurdest, was du über es weißt und ob wir dich in den Abgrund stoßen und dem Wind die Entscheidung über dein Schicksal überlassen sollen.“

 

Während der Shado-Pan gesprochen hatte, waren Zehns Augen immer größer geworden und er hatte die Schriftrolle vor sein Gesicht gehoben, als wollte er seine Angst verbergen.

 

„Das ... das will ich auch nicht.“

 

Der Pandaren im roten Schal lächelte ernst und streckte ein weiteres Mal seine Pfote aus.

 

„Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit.“

 

Und dann blies Zehn durch die Schriftrolle. Wie eine rote Wolke hüllte das Glühmagenpfefferpulver, das er Jin Jao gestohlen hatte, die Gesichter der in der Tür stehenden Pandaren ein und im nächsten Augenblick erfüllten überraschte und schmerzerfüllte Schreie den kleinen Raum. Es gab ein dumpfes Geräusch, dann einen Schlag und mit einem Mal schien das Sonnenlicht durchs Fenster. Zehn war verschwunden.

 

Die Shado-Pan gerieten nicht in Panik. Schon nach wenigen Sekunden, in denen sie lauthals fluchten und sich durch die beißende Pulverwolke kämpften, versammelten sie sich schnell vor dem Zimmer im Gang. Der Shado-Pan mit dem roten Schal hatte den Großteil des Pulvers abbekommen und er verbarg seine geschwollenen Augen hinter zornig zusammengekniffenen Lidern. Er bat Tao-Long darum, ihn zu dem zerbrochenen Fenster zu führen und zu beschreiben, was er sah.

 

Tao-Long, der sich wegen seines zornigen Auftritts von vorhin schämte, führte seinen Kameraden ans Fenster. Mit blinzelnden tränenfeuchten Augen beschrieb er die beschädigten Bambusstangen entlang der Dachleiste unterhalb der Öffnung. Er beschrieb die gebogenen Äste des Taolunbaums neben dem Haus, einige niedergedrückte Büsche am Boden und dann ... einen Fluss, der sich gemächlich durchs Dorf und in die Feuchtgebiete jenseits davon schlängelte. Es gab zahllose Orte, an denen man sich verstecken konnte. Der Dieb war ihnen entwischt.

 

„Vorerst“, brummte der Shado-Pan mit dem roten Schal. „Er ist nur so lange verschwunden, bis wir ihn gefunden haben. Und dann wird dieser arrogante Dieb die Grenzen unserer Gnade erfahren.“

 

Er trat zurück und wandte sich an seine Kameraden.

 

„Unser Ziel ist in das Flachland hinter diesem jämmerlichen Hügel von einem Berg geflohen. Ein Agent des Sha hat sich unserem Griff entzogen, Brüder. Wer sind wir?“

 

„Wir sind das Schwert in den Schatten.“

 

„Und werden wir ruhen?“

 

„Wir werden nicht wanken!“

 

Sie sprachen das Mantra leise und mit kalter Inbrunst, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie Ihre Bestimmung erfüllen würden. Dann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, eilten die Shado-Pan die Treppe hinunter, verließen das Gasthaus und verschwanden im Marktgewimmel.

 

Vom Dach oberhalb des Fensters aus beobachtete Zehn, wie die Shado-Pan verschwanden. Er lehnte sich gegen das Reetdach und zitterte. Sie hatten sich von der Spur des Fasses täuschen lassen, das er durch das Fenster gestoßen hatte. Sie waren nicht auf den Gedanken gekommen, oberhalb des Fensters nachzusehen. Warum auch? Welcher Narr würde sich selbst auf einem Dach in die Falle begeben, wenn er stattdessen in jede denkbare Richtung entkommen konnte?

 

Ein Narr, der zu klein war, um weit weg zu laufen.

 

Er war ihnen zwar fürs Erste entwischt, aber nun würde er von diesen Kriegern unerbittlich gejagt werden und sie würden niemals Ruhe geben. Die Überzeugung in ihren Worten hatte ihm Angst eingejagt. Die Intensität. Noch nie hatte Zehn Worte von solcher Bestimmtheit vernommen. Doch hinter seiner Furcht verbarg sich noch etwas anderes.

 

Bewunderung?

 

Im Himmel über ihm erklang der Schrei eines weiteren Falken. Zehn schüttelte den Kopf und antwortete mit flüsternder Stimme:

 

„Du kannst dich glücklich schätzen, mein Freund. Du bist ein Jäger. Du kannst wählen, welchen Weg du einschlägst und du weißt, dass du ihn bis zum Ende gehst ...“

 

Er ließ den Satz offen, erfüllt von Sehnsucht. Diese Form des Lebens würde einem Dieb wie ihm auf immer verwehrt bleiben.

 

„Sie heißt Weißfeder“, erklang eine tiefe, seltsam vertraute Stimme. „Und es ist in der Tat angenehmer, der Jäger zu sein als die Beute, kleiner Dieb. Aber nur ein Jäger, der weiß, was es heißt, Beute zu sein, wird am Ende Erfolg haben.“

 

Zehn wirbelte herum, wobei er fast sein Gleichgewicht verlor. Es war der einäugige Händler – nein, der einäugige Shado-Pan. Er saß auf der Spitze des Daches oberhalb von ihm, den langen Speer über die Knie gelegt. Der Falke rief erneut. Dann glitt er hinunter und ließ sich auf der Schulter des großen Pandaren nieder. Zehn versuchte etwas zu sagen, aber ihm stockte der Atem. Dieser Speer ... Er war groß genug, um ihn in zwei Hälften zu teilen, geführt von einem grauhaarigen Krieger, der sich auf dem Dach des Gasthauses mit der Schnelligkeit und Gewandtheit des Abendwindes bewegte. Hatte der Shado-Pan mit dem roten Schal nicht von einem Meister gesprochen?

 

Ich werde sterben.

 

Der Shado-Pan-Meister runzelte die Stirn.

 

„Du hast etwas, das mir gehört. Ich hätte es gerne zurück.“

 

Den Mund weit geöffnet, fummelte Zehn unter seiner Tunika herum und zog die Schriftrolle hervor. Er schüttelte sie leicht, damit der Rest des Pulvers hinausfiel, und tatsächlich löste sich eine kleine Prise des roten Staubs, die sofort vom Wind erfasst und ihm direkt ins Gesicht geweht wurde. Er stieß ein mitleiderregendes, kurzes Jaulen aus und begann zu husten, während ihm die Tränen in die Augen schossen.

 

Der Fremde beugte sich nach vorn, nahm die Schriftrolle an sich und verstaute sie wieder unter seiner weiten Robe.

 

„Wie heißt du, kleiner Dieb?“

 

Zehn blinzelte, bis er wieder etwas sehen konnte, und musste dann erneut husten.

 

„Mein Name ist Zehn, Herr.“

 

„Zehn, wie die Zahl Zehn?“

 

„Ja, Herr. Meinem Vater waren nach dem fünften Sohn keine interessanten Namen mehr eingefallen.“

 

„Nun, Zehn. Die Strafe für das Bestehlen eines Boten der Shado-Pan hat dir mein Stellvertreter ja schon in allen Einzelheiten geschildert. Aber er hat dir auch eine gnadenvolle Alternative angeboten, die du ihm im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geblasen hast.“

 

Zehn war sich nicht sicher, ob seine Augen ihn täuschten, aber er meinte, im Mundwinkel des Shado-Pan-Meisters die Andeutung eines Lächelns zu sehen.

 

„Ich bin nicht so weichherzig wie Feng, was vermutlich daran liegt, dass ich so viele Jahre auf der Mauer verbracht habe. Ich habe gegen das Sha gekämpft, war ständig in seiner Nähe ... Da stumpft man ein wenig ab, was andere Aspekte des Lebens angeht, selbst wenn es sich dabei um die Dinge dreht, für deren Erhalt man kämpft.“

 

Zehn wusste nicht genau, wovon dieser große Krieger mit dem Speer da sprach – was er mit Sha meinte – aber er hielt es für das Beste, einfach stumm sitzen zu bleiben und mit dem Kopf zu nicken. Er spürte, dass sein Leben in diesem Augenblick auf des Messers Schneide stand.

 

Der Shado-Pan-Meister blickte mit seinem einen Auge auf Zehn hinunter und schien zu überlegen. Zehn verließ jeglicher Mut unter dem starren Blick. Er sah flüchtig auf den Speer. Es war ein schwerer Speer mit einer breiten Spitze, den der Shado-Pan mühelos führte. Zehn durchlief ein Schaudern, als der Krieger den Speer noch fester packte. Er schloss die Augen und senkte den Kopf.

 

„Ich schlage dir eine dritte Möglichkeit vor, Zehn von der Pfefferrolle. Und eine vierte.“

 

Zehn blickte auf. Er war nicht sicher, was der Shado-Pan vorhatte. Er war aufgestanden und berührte Zehns Brust mit einem Finger.

 

„Ich kann dich entweder auf der Stelle töten, als gnadenvolle Alternative zu der Strafe, die der getreue Feng dir beschrieben hat. Es wäre kurz und schmerzlos. Meine Klinge würde deinen Hals durchtrennen, noch bevor du mit den Augen zwinkern kannst.“

 

Und auf einmal, so schnell wie ein Gedanke, spürte Zehn kaltes, silbernes Metall unter seinem Kinn. Einen Augenblick später folgte ein leiser Windhauch der Bewegung des Speers. Zehn zitterte und als er durch diese Bewegung versehentlich die Speerspitze berührte, spürte er einen leichten Schmerz und ein Blutstropfen rann die Klinge herab. Der Shado-Pan fuhr fort.

 

„Die andere Möglichkeit, die grausamere, würde bedeuten, dass du dich der Prüfung der Roten Blüten unterziehst.“

 

Zehn hob fragend die Augenbrauen und mit einem Seufzen senkte der Shado-Pan seinen Speer.

 

„Lass dich von dem Namen nicht in die Irre leiten. Alle sieben Jahreszeiten wachsen an den heiligen Bäumen unseres Klosters feuerrote Blüten. Das ist das Zeichen für uns, dass wir mit den Prüfungen beginnen sollen. Wer sich unserem Orden anschließen will, der muss diesen ebenso schmerzvollen wie harten Test bestehen. Die meisten, die sich ihm unterziehen, sterben dabei. Doch wer ein Shado-Pan werden will, der muss alle Qualen überstehen, die der Test bereithält.“

 

Mit einer schnellen Bewegung zog der Krieger den Speer zurück und verbarg ihn hinter seinem Umhang.

 

„Aber“, fuhr er fort, während er seinen Blick über das Tal schweifen ließ, „wenn du die Prüfungen bestehst und ein Akolyth der Shado-Pan wirst, wird die Strafe für deinen Diebstahl verfallen.“

 

Zehn konnte nicht glauben, was er da gerade hörte. Ich ein Shado-Pan? Er war ein Niemand. Ein Dieb. Ein Wurm. Der zehnte Sohn eines verstorbenen Bauern. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

 

„Aber wie kommt Ihr darauf, dass ich so werden könnte wie Feng? Wie ... wie Ihr?“

 

Der Krieger blickte ihn schweigend an.

 

„Du bist schnell, Zehn. Schnell auf den Beinen, mit deinen Pfoten und im Kopf. Ein Shado-Pan muss zwar stark sein, aber das lässt sich antrainieren. Unser Feind ist schnell und wir brauchen Krieger, die das Sha in seiner Erbarmungslosigkeit in nichts nachstehen, aber genauso brauchen wir Krieger, die seinen Angriffen ausweichen, ihm Pfeffer ins Gesicht pusten und es in die Irre führen können.“

 

Zehn nickte. Ihm fehlten die Worte. In der Brust des jungen Diebes regte sich ein kleiner Funken Hoffnung.

 

Könnte ...?

 

Der große Pandaren griff in seinen Gürtel und zog einen Ring hervor. Er sah einfach aus, war kunstvoll aus Elfenbein gefertigt und erinnerte Zehn an die beiden Endstücke der Schriftrolle. Das Tigersymbol des Ordens aus Silber war in die Oberseite des Ringes eingelassen und glitzerte wie Eis.

 

„Wie ich sehe, hast du deine Entscheidung bereits getroffen. Nimm diesen Ring. In drei Monaten wirst du dich damit am Eingangstor des Shado-Pan-Klosters zeigen. Der Ring wurde aus dem Zahn eines Tigers gefertigt. Mit ihm hast du freies Geleit durch unser Tor. Um das Kloster zu erreichen, musst du all dein Geschick aufbringen. Der Kun-Lai-Gipfel hat seine Tücken, besonders in der kalten Jahreszeit. Du wirst allein kommen und weder Waffen noch Rüstung tragen, denn sie werden dir keine Hilfe sein.“ Prüfend griff er nach Zehns schäbiger Tunika und runzelte die Stirn. „Aber du solltest dir etwas Wärmeres zum Anziehen besorgen.“

 

Zehn nickte stumm und der Shado-Pan ließ die Tunika wieder los. Dann fuhr er mit harter Stimme fort.

 

„Wenn die Prüfungen beginnen und du bist nicht erschienen, werde ich davon ausgehen, dass du mein Angebot ausgeschlagen hast. In diesem Fall werden die Shado-Pan dich töten. Und ich versichere dir, dass Feng bei der Beschreibung unserer Methoden untertrieben hat. Hast du alles verstanden, was ich dir gesagt habe, Zehn?“

 

Zehn war sich zwar nicht ganz sicher, aber er konnte kaum mehr nicken. Seine Muskeln fühlten sich vor Kälte taub und starr an. Der Krieger wertete sein Schweigen als Zustimmung.

 

„Ich bin Nurong, Meister der Wukao. Wir sehen uns in drei Monaten, kleiner Dieb.“

 

Meister Nurong flüsterte Weißfeder etwas zu und ließ den Vogel dann wieder in den Abendhimmel aufsteigen. Zehn wandte sich um und blickte dem Falken nach, wie er über das Sumpfland nach Nordosten hinter den anderen Kriegern herflog. Dann hatte er endlich seine Stimme wiedergefunden.

 

„Drei Monate. Wie soll ich denn in drei Monaten den höchsten Berg der Welt besteigen – geschweige denn erklimmen?“

 

Zehn erhielt keine Antwort. Er blickte über die Schulter zurück und stellte fest, dass er allein auf dem Dach war. Der Shado-Pan war fort.

 

Ein weiterer Gongschlag hallte durch den Innenhof. Zehn versuchte auf den schwankenden Planken der Brücke nicht das Gleichgewicht zu verlieren und den anderen Bewerbern gegenüber so imposant wie möglich auszusehen. Es klappte nicht.

 

Er war natürlich der Kleinste unter dem Dutzend hoffnungsvoller junger Anwärter, die sich unter den roten Blüten versammelt hatten, deren kräftige Farbe sich leuchtend vom Weiß des Schnees abhob. Selbst der bescheidene Wu aus Binan, der mindestens drei Jahre jünger war als er, überragte ihn um anderthalb Köpfe und trug einen Brustpanzer wie ein echter Krieger. Zehn blickte zu Wu hinauf, der seinen Blick kurz erwiderte. Keiner der Anwärter war glücklich, gegen einen schäbigen Wurm wie Zehn antreten zu müssen, als wäre schon seine reine Anwesenheit bei den Prüfungen eine Beleidigung.

 

Zehn warf einen mürrischen Blick auf seine Füße. Allein der Weg hierher war bereits eine Prüfung gewesen und er bezweifelte, ob irgendeiner dieser übergroßen Dreikäsehochs die Reise, die er unternommen hatte, auch nur im Ansatz überlebt hätte. Er war den Pfad der hundert Schritte gegangen, in der Uralten Passage an hungrigen Saurok vorbeigeschlichen und schließlich den mörderisch steilen Weg den Kun-Lai hochgestiegen. Schon die kleinste Windbö konnte einen von diesem schmalen Steig pusten, sodass man auf die Felsen viele Meilen tiefer stürzte – wenn man vorher nicht bereits erfroren war.

 

Sein Umhang flatterte im Wind und er zog ihn enger um die Schultern. Im Tal der Vier Winde brachte ein kalter Tag meist etwas Regen und eisige Winde mit sich, die einen davon abhielten, auf die Felder hinaus zu gehen. Hier dagegen, konnte die Kälte den Tod bedeuten. Zehn hatte versucht, Meister Nurongs Rat zu befolgen. Er hatte seine schäbige Decke zusammen mit ein paar Münzen gegen einen dicken Reiseumhang getauscht. Das erbärmlich zusammengeflickte Stück hatte ihm das Leben gerettet, ihm Schutz und Wärme geboten und sogar als Tarnung gedient, als ihm in den dunklen Schluchten der Berge riesenhafte Yetis begegnet waren. Bevor er Halbhügel verließ, hatte Den Den ihm seinen Hut mit der breiten Krempe, der nach fauligem Obst roch, zum Dank dafür geschenkt, dass er den Zustand seines Zimmers – und die Haarpuppe – niemandem gegenüber erwähnt hatte. Der Hut schützte ihn vor Regen und Schnee, diente ihm als Teller und ließ ihn laut Chan dem Schweren wie einen runzeligen Pilz aussehen.

 

Chan der Schwere war der Anwärter aus der Handelsstadt Einfass. Er war der Sohn eines wohlhabenden Alchemisten, eitel wie ein Pfau und zehnmal so groß wie Zehn. Er war mit einer ganzen Armee Grummeldiener angerückt, von denen jedoch keiner das Kloster betreten durfte. Zehn erinnerte sich, wie er auf dem Weg zum Gipfel an der kleinen Ansammlung von Seidenzelten vorbeigekommen war. Der Duft von brutzelndem Fleisch hatte ihm dabei das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

 

Wäre ich nicht so erschöpft gewesen und hätte ich keine Erfrierungen gehabt, hätte ich das Lager wohl um das überzählige Essen erleichtert. Chan braucht es jedenfalls nicht.

 

Auf einmal verstummten die Anwärter und als Zehn sich umdrehte, sah er, dass die Meister erschienen waren. Sie standen gegenüber der Brücke, wo der Meditationshain bis zum Ufer des zugefrorenen Sees hinabreichte. Reglos wie Statuen betrachteten die drei Meister das Dutzend hoffnungsvoller Initianden. Die Morgensonne schien hell auf den Nebel, der über dem Kloster lag, sodass Zehn nicht erkennen konnte, ob Meister Nurong unter den dreien war. Er wollte sichergehen, dass seine Anwesenheit bemerkt wurde und niemand ihm mehr nach dem Leben trachtete. Er hatte das Kloster am letzten Tag der dreimonatigen Frist erreicht. Vollkommen erschöpft hatte er das Tor passiert und war an dem Torwächter der Shado-Pan vorbeigelaufen, der Zehn stumm zugenickt hatte, als dieser ihm im Vorbeilaufen seinen Ring hinhielt.

 

Über ihnen erschallte der Ruf eines Falken und Zehn blickte mit zusammengekniffenen Augen nach oben.

 

„Macht schon“, murmelte Wu leise. „Noch roter werden die Blüten nicht.“ Zehn deutete Wus mürrischen Kommentar als Zeichen der Nervosität. Auch den anderen Bewerbern war das Unbehagen deutlich anzumerken: Sie traten von einem Fuß auf den anderen, kneteten Ihre Pfoten oder bissen sich auf die Lippen. Sogar Chan der Schwere drehte gedankenverloren den goldenen Armreif, den er um das Handgelenk trug, ein ziemlich protzig anmutendes Schmuckstück, das bei Pandaren von normaler Größe auch als Halsreif durchgegangen wäre.

 

Hübsches Ding.

 

Einer der Meister trat vor und Zehn runzelte die Stirn. Es war nicht Meister Nurong, sondern eine finster dreinblickende Pandaren, die ihr graues Haar hinter den Ohren zusammengebunden hatte. Die Shado-Pan-Meisterin hob eine Pfote und ergriff das Wort und ihre Stimme wurde über das zugefrorene Wasser getragen.

 

„Initianden, ich heiße Euch zur Prüfung der Roten Blüten willkommen. Ihr seid aus dem ganzen Land zu uns gekommen und jeder von Euch wurde von unseren Agenten als würdiger Kandidat erachtet. So will es der Brauch seit unzähligen Jahren und so wird es immer sein. Ich bin Meisterin Yalia Weisenwisper von der Disziplin Omnia, den Shado-Pan, die in unserem Orden für die Bewahrung von Weisheit, Wissen und heiligen Traditionen verantwortlich sind. Es ist mir eine Ehre, Euch hier bei uns willkommen zu heißen und ich bewundere Euren Mut, dass Ihr tatsächlich am verabredeten Tag hier erschienen seid. Die Prüfung der Roten Blüten besteht aus drei einzelnen Prüfungen: der Prüfung der Entschlossenheit, der Prüfung der Stärke und der Prüfung des Geistes. Jede dieser Prüfungen wird für all jene unter Euch, die sich als ungeeignet erweisen, unter dem Banner der Shado-Pan zu dienen, einen tödlichen Ausgang nehmen.“

 

Die letzten Worte wurden von einer kühlen Brise begleitet, die zu einer Böe anschwoll, einem kalten Wind, der von den umgebenden Bergspitzen wie eine Raubkatze ins Tal schoss und durch das Kloster fegte. Rote Blätter wirbelten wie Blutstropfen durch die Luft und die Brücke begann zu schwanken. Zehn umfasste die Balustradenkette fester. Wu bemerkte seine Panik und kicherte, während Meisterin Weisenwisper fortfuhr.

 

„Dies ist Eure letzte Chance, den Pfad zu verlassen, der Euch hierher geführt hat. Wenn Ihr Zweifel an Eurer Teilnahme an den Prüfungen hegt oder wenn Ihr Bedenken habt, so tretet jetzt von der Brücke der Initiation und kehrt nach Hause zurück. Wer diese Entscheidung trifft, wird seine Ehre nicht verlieren, aber er wird niemals wieder einen Fuß hinter diese Mauern setzen dürfen.“

 

Für einen Moment wurde es still. Dann war ein Räuspern zu hören. Man hörte ein paar leise Entschuldigungen und schlurfende Schritte, als einer, nein, zwei Pandaren die Brücke verließen. Es waren der groß gewachsene Holzfäller von den Südlichen Inseln und eine klug aussehende Pandaren aus Steinpflug. Beide hatten ihren Kopf gesenkt, als sie gingen. Zehn wünschte, er hätte die Freiheit, Ihnen zu folgen.

 

Nein. Nein, eigentlich wünsche ich mir das gar nicht.

 

Er war überrascht von dem Gedanken, der ihm auf einmal in den Sinn kam. War er denn glücklich, hier in der beißenden Kälte zu stehen und über einem halb zugefrorenen See herumzuschaukeln?

 

Nun, vielleicht bin ich nicht glücklich, aber ... aber wenigstens habe ich das Gefühl, etwas tun zu können. Jemand zu sein. Natürlich, die Jahreszeiten sind unabänderlich, aber ich werde einen glücklichen Wind nicht einfach vorbeiziehen lassen.

 

Die kalte Brise kroch unter seinen Umhang und Zehn begann zu zittern.

 

Mehr oder weniger.

 

Meisterin Weisenwisper wartete, bis die beiden Pandaren von den Wachen im Hof fortgebracht worden waren, und fuhr dann mit ihrer Ansprache fort.

 

„Hiermit beginnt die Prüfung der Roten Blüten. Es sind Shado-Pan unter Euch, Initianden. Wenigstens hoffen wir das. In den vergangenen Jahrhunderten ist unsere Zahl immer kleiner geworden, während unsere Feinde an Stärke gewonnen haben. Der Tempel des Weißen Tigers prophezeit das Erscheinen unheilvoller Vorzeichen, sowie sich die Nebel um Pandaria lichten. In den letzten Monaten wurden neue schreckliche Bedrohungen an unsere Ufer gespült und unsere heiligsten Stätten wurden eingenommen, korrumpiert oder zerstört. Die Weisen singen, dass uns dunkle Tage bevorstehen.“

 

Zehn wundert sich, was Meisterin Weisenwisper mit den Worten „neue schreckliche Bedrohungen“ meinte. Anscheinend war etwas von Bedeutung … und Beängstigendes geschehen, seitdem er das Tal der Vier Winde verlassen hatte. Er erinnerte sich daran, halb geflüsterte Gespräche auf dem Weg hierher belauscht zu haben, Gerüchte von seltsamen Bestien und Besuchern aus fernen Ländern. Er war allerdings auf seiner Reise in Richtung Norden so auf sein Überleben bedacht gewesen, dass er diese Unterhaltungen als albernes Geschwätz nervöser Reisender abgetan hatte. Jetzt wünschte sich Zehn, er hätte besser hingehört.

 

Meisterin Weisenwisper macht einen Schritt nach vorne und erhebt ihre geballte Pfote.

 

„Doch wir sind keine untrainierte Armee aus eilig rekrutierten Bauern, die das Kämpfen nicht gelernt haben. Wir sind die Shado-Pan. Unsere Zahl war schon immer geringer als die unserer Feinde, doch jede Shado-Pan-Klinge ist so viel wert wie ein Dutzend gewöhnlicher Soldaten. Darum konnten wir die Mantis in die Schranken weisen. Darum konnten wir die Yaungol zurückschlagen. Darum konnten wir uns das Sha vom Leibe halten. Und so wird es immer sein.“

 

Sie deutete über den See hinüber zur anderen Seite des Klosters, wo zwei Shado-Pan-Akolythen mit weißen Schals ein Kohlenbecken in Tigerform aufstellten.

 

„Der feurige Tiger wird Eure Entschlossenheit auf die Probe stellen. In seinem Inneren, unter den Kohlen, liegen sechs Silbermünzen mit dem Symbol unseres Ordens verborgen. Ihr werdet in das Maul des Tigers greifen, eine der glühend heißen Münzen hervorholen und sie mir im Hain übergeben.“

 

Die zehn verbliebenen Bewerber warfen sich aufgeregte Blicke zu. Das schlanke Mädchen aus Krasarang versuchte, sich auf der Brücke nach vorne zu drängeln und sich einen Vorsprung zu verschaffen. Aber nur wenige Augenblicke später fand sie sich in einem Gewirr von Armen wieder, da einige der anderen nun ihrerseits versuchten, an ihr vorbei als Erste zum Ufer zu gelangen. Die Brücke begann wild zu schaukeln und Zehn umfasste die Kette noch fester.

 

Ein Wettlauf soll unsere Entschlossenheit zeigen? Sie muss uns etwas verschwiegen haben.

 

Meister Weisenwisper wandte sich zum Gehen, während die beiden anderen Meister bereits auf dem Rückweg zum Hain waren. Über ihre Schulter rief sie:

 

„Es gibt nur sechs Münzen, aber ihr seid zu zehnt. Ihr solltet besser schnell schwimmen.“

 

Schwimmen?

 

Mit einem Rasseln löste sich die Kette, die eine Seite der Brücke hielt, aus der Verankerung, die Brücke kippte und die Bewerber fielen hinab auf den zugefrorenen See, durchbrachen die Eisdecke und klatschten ins Wasser. Einen Augenblick später tauchten sie planschend und schreiend wieder auf. Einer der Pandaren schrie um Hilfe, weil er nicht schwimmen konnte. Ein paar Sekunden lang herrschte völliges Chaos, da einige der Prüflinge sich vor lauter Panik an den anderen festhielten, die wiederum um sich schlugen und lauthals fluchten, um nicht in die eisige Tiefe gezogen zu werden. Diejenigen, die aufwendige Rüstungen trugen, kamen gar nicht erst wieder an die Oberfläche. Die Schnellsten unter ihnen konnten sich ihrer schweren Ausrüstung entledigen und schwammen mit schnellen Zügen zur anderen Seite des Sees. Ihnen war klar, dass sie mit jeder Sekunde, die sie länger in dem eiskalten Wasser verbrachten, dem Tod bedrohlich nahekamen.

 

Zehn baumelte an der verbliebenen Kette über ihren Köpfen. Weil er sich festgehalten hatte, war er nicht mit den anderen Initianden ins Wasser geworfen worden. Aber jetzt blieb er zurück. Er zog sich hoch, um sich auf die Kette zu setzen und überlegte, ob er auf ihr bis zur Verankerung entlangkriechen und dann einfach um den See herum zum Kohlenbecken laufen konnte.

 

So leicht werden sie es mir bestimmt nicht machen.

 

Seine Befürchtungen sollten sich schon bald bewahrheiten, als ein weiterer Akolyth mit weißem Schal zu der zweiten Verankerung hinüberging und damit begann, die Kette zu lösen. Scheinbar musste man Bekanntschaft mit dem Wasser machen, um ein Shado-Pan zu werden, aber ihm war eines klar: Wenn ihn das Wasser nicht umbringen würde, würde es der eisige Wind tun, der durch seinen nassen Umhang wehte, selbst wenn er diese dumme Prüfung überstand. Er hatte weder die Größe noch die Hilfsmittel der anderen Initianden. Er musste einfach trocken bleiben.

 

Er setzte eine Hand vor die andere und hangelte sich zu der Stelle, an der die Kette am tiefsten hing. Dort angekommen ließ er sich nach unten auf die Planken hinunter. Die Brücke war so gebaut, dass sie auf einer Seite heruntergeklappt und nach den Prüfungen problemlos wieder eingehängt werden konnte. Nicht dumm, dachte Zehn. So müssen sie nicht alle sieben Jahreszeiten eine neue Brücke bauen.

 

Zu seinem Glück – oder Unglück – fiel die siebte Jahreszeit mitten in den Winter, weswegen das Eis auf großen Teilen des Sees ziemlich dick sein musste. Vielleicht dick genug, um darauf zu laufen. Der Akolyth hatte die Kette fast gelöst und Zehn spürte bereits, wie ihre Spannung nachließ. Da bemerkte er einen Streifen dicken Eises direkt unterhalb der Stelle, an der er hing. Er begann mit den Beinen zu treten, um die Brücke hin- und herzuschaukeln und genug Schwung zu erhalten, sodass er ...

 

In diesem Moment löste sich die zweite Kette und Zehn ließ sie los, als er den höchsten Punkt seines Schwungs erreichte. Mit ausgebreiteten Armen flog er durch die Luft und landete schließlich mit einem dumpfen Geräusch auf dem Eis. Einen kurzen Augenblick lang stand er nur da und lauschte nach dem leisesten Knacken. Nichts.

 

Er hielt nach weiteren Stellen mit dickem Eis Ausschau und entdeckte in unmittelbarer Nähe eine größere Eisscholle im Wasser. Zehn machte einen Satz, landete auf der Eisplatte und rutschte beinahe ins Wasser. Durch seinen Schwung glitt das Eis etwas näher an sein Ziel heran, aber Zehn musste wild mit den Armen rudern, um die Balance zu halten. Überall auf dem See schwammen Eisschollen, aber solange er nur so langsam vorankam und die Eisscholle derartig wackelte, würde er verlieren, früher oder später baden gehen und schließlich in einem einsamen Grab in den Bergen enden. Er wusste, was er zu tun hatte.

 

Er sprang von seiner Eisscholle ab und landete auf der nächsten, die ein wenig kleiner war. Aber statt anzuhalten, um die Balance zurückzugewinnen, nutze er seinen Schwung aus und sprang in Richtung der nächsten Scholle und so weiter. Wie ein springender Stein hüpfte er quer über den See, hatte schon nach kurzer Zeit die Schwimmer überholt und näherte sich dem anderen Ufer.

 

Am felsigen Ufer des Sees ragten sechs mit Eis überzogene Ketten aus dem Wasser. Sie reichten etwa sechs Schritt senkrecht nach oben zu dem Felsvorsprung, auf dem das Kohlenbecken stand. Es würde für alle schwierig werden, sich an den Ketten nach oben zu ziehen, besonders für die nach dem Schwimmen durchnässten Pandaren, deren Pfoten von der Kälte taub waren. Eine wahre Prüfung der Entschlossenheit.

 

Zu Zehns Unglück wurden die Eisschollen vor ihm immer kleiner und lagen immer weiter auseinander. Seine Füße waren durch die vielen Wasserspritzer bereits durchnässt und er konnte seine Zehen nicht mehr spüren. Zu allem Überfluss waren im unmittelbaren Umkreis um die Ketten weit und breit keine Eisschollen zu sehen. Noch zwei Sprünge und er würde im See landen, daran führte kein Weg vorbei.

 

Nicht vorbei, sondern wie neulich auf dem Markt – drüber hinweg!

 

Er griff im Sprung nach oben und löste behände den Kinnriemen seines Hutes. Als er von der letzten Eisscholle abgesprungen war, zog er den Hut vom Kopf, beugte sich nach vorn und warf ihn über das eiskalte Wasser unter ihm. Der Hut traf auf die Wasseroberfläche auf, unmittelbar bevor Zehns Fuß darauf landete. Sein Schwung ließ ihn mit einem Bein auf dem Hut übers Wasser gleiten. Der Hut war groß genug, um ihn ein paar Sekunden lang über Wasser zu halten und dann sprang er erneut – diesmal auf die Kette, die vor ihm aus dem Wasser ragte.

 

Einer der Vorteile, ein verschrumpelter Pilz zu sein.

 

Zehn kletterte, so schnell er konnte, die Kette hoch. Der kleine Pandaren war von seinem Sprint über den See wie elektrisiert und hatte kaum Gewicht zu tragen. Er krabbelte über den Rand des Vorsprungs und näherte sich dem glühend heißen Ziel.

 

Das Kohlenbecken war geschickt konstruiert. Es befand sich im Inneren der Statue eines fauchenden Tigers, an deren Außenseite sich quer verlaufende Eisenstangen vor der gelb-orangefarbenen Glut wie schwarze Tigerstreifen abhoben. Zehn biss die Zähne zusammen, steckte seine Pfote in das Maul der Statue und zog unter hörbarem Zischen eine der weiß glühenden Münzen heraus. Als Dieb beherrschte er die Kunst, Münzen blitzschnell an sich zu nehmen, und so kostete es ihn nicht mehr als eine verbrannte Pfote, etwas versengtes Fell und verbrühte Fingerspitzen, während er das glühende Stück Metall jonglierend zu einem Flecken Schnee brachte. Mit einem erleichterten Seufzer tauchte er seine Pfote in das harsche Weiß.

 

Das ist das erste Mal, dass ich froh bin, Schnee zu sehen.

 

Er wandte sich um, als auf einmal eine der Ketten hinter ihm rasselte. Der nächste Initiand war angekommen. Das Mädchen aus Krasarang zog sich nach oben und brach unter heftigem Zittern vor dem Kohlenbecken zusammen. Verwirrt blickte sie Zehn an und rollte sich dann bibbernd zusammen.

 

„S-s-so k-k-kalt!“, brachte sie mit kratzender, leiser Stimme hervor.

 

Zehn blickte an ihr vorbei. Das Rasseln dreier weiterer Ketten kündigte die nächsten Ankömmlinge an. Es wurde Zeit zu gehen. Am schnellsten wäre er, wenn er einfach über den See schwimmen würde, aber schon beim Gedanken daran durchlief ihn ein Zittern. Sein Hut war fort, seine Zehen steif gefroren und er hatte die Eisgeister für heute bereits genug an der Nase herumgeführt. Er ging um den See herum.

 

Zehn erreichte den Hain ohne weiteren Zwischenfall, in dessen Mitte Meisterin Weisenwisper seelenruhig in einem Pavillon wartete. Wenn sie überrascht war, den kleinen Initianden als Ersten zu sehen – noch dazu trocken – ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Stattdessen streckte Meisterin Weisenwisper ihm einfach nur ihre Pfote entgegen und nickte ihm zu, als Zehn die Münze hineinfallen ließ. Dann bedeutete sie dem Initianden schweigend, auf einer Seite des Pavillons zu warten.

 

Der nächste Ankömmling war nicht das Krasarang-Mädchen, sondern ein kräftiger, langhaariger Junge, der Zehn zuvor noch nicht aufgefallen war. Der Junge war triefend nass und sein rechter Arm dampfte noch von seiner Begegnung mit dem Maul des Tigers. Zehn vermutete, dass er einige Zeit gebraucht hatte, um seine Münze zu finden. Das Fell an seinem Handgelenk war teilweise verbrannt und an seinen Pfoten bemerkte er einige sicherlich schmerzhafte Verbrennungen.

 

Wie auch immer, der Junge hatte es geschafft und nahm wortlos seinen Platz neben Zehn ein. Der kleine Dieb fand, dass der Junge einen durch und durch entschlossenen Eindruck machte. So gingen wahre Krieger mit Schmerzen um. Zehn bewunderte ihn.

 

Er hat die Prüfung bestanden. Ich bin ihr bloß ausgewichen.

 

Zehns bisheriges Siegesgefühl war inzwischen verflogen. Er war eben doch nur ein Dieb.

 

Das Mädchen aus Krasarang kam als Nächstes und ihre Zähne klapperten vor Kälte. Zehn konnte nur erahnen, wie fremd und schmerzvoll das eiskalte Wasser für jemanden sein musste, der eigentlich an die feucht-warmen Dschungel des Südens gewöhnt war. Wenigstens sah ihr Arm besser aus als der des Jungen. Man brauchte wohl schnelle Pfoten, um ihm Dschungel zu überleben.

 

Auf einmal ertönten nacheinander ein tiefes Knurren und ein lautes Niesen. Dann kam Chan der Schwere angestampft. Der große Pandaren war mehr als durchnässt. Er hatte es geschafft, seinen prachtvollen Umhang im See abzustreifen, aber seine restliche Kleidung gluckste und gurgelte und troff vom eisigen Wasser. Es tropfte von seiner Nase, seinem Kinn, seinem Bauch und um seine riesigen Füße bildeten sich Pfützen, als er Meisterin Weisenwisper erreichte. Er war so nass, dass Zehn glaubte, Chan der Schwere sei tatsächlich vom Kohlenbecken aus zurückgeschwommen, statt wie alle anderen um den See zu laufen. Erneut streckte Meisterin Weisenwisper Ihre Pfote aus.

 

Chan der Schwere hob seinerseits die Pfote und da bemerkte Zehn etwas, das ihm vorhin von der Seite aus nicht aufgefallen war: Chans Pfote war in Metall gehüllt. Es waren Streifen aus Metall in der Form eines Tigers.

 

Der große Pandaren verbeugte sich zitternd vor der Shado-Pan.

 

„Ich konnte meine Pfote nicht mehr aus dem Tigermaul ziehen, als ich die Münze in der Pfote hielt, Meisterin. Das Maul war zu eng und sehr heiß ...“ Chan der Schwere blickte zu Meisterin Weisenwisper auf, die Augen starr auf sie gerichtet. „... Darum habe ich das ganze Kohlenbecken mitgenommen und bin damit zurück in den See gesprungen.“

 

Er musste erneut niesen. Es war ein lautes Geräusch, das im ganzen Hain zu hören war. Einige rote Blüten schwebten zu Boden und Zehn sah, dass die beiden anderen Initianden Chan mit großen Augen anstarrten. Er ist tatsächlich beide Wege geschwommen. Und die Hälfte des Weges hatte er einen eisernen Tiger bei sich.

 

Chan der Schwere hob seinen Arm und schmetterte das Kohlenbecken auf einen der Steine zu seinen Füßen. Durch das kalte Wasser bereits porös geworden, brach es mit einem Krachen auf und Chan ließ drei Münzen in Meisterin Weisenwispers Pfote fallen.

 

„Hinter mir war keiner mehr.“

 

Zehn war neugierig, wie viele Anwärter ertrunken oder erfroren waren und wie viele aufgegeben hatten, als sie sahen, dass Chan das Kohlenbecken an sich nahm.

 

Meisterin Weisenwisper stand auf und bedeutete den Initianden, ihr zu folgen. Alle machten einen weiten Bogen um Chan, während er hinter ihr herwatschelte und dabei versuchte, das überschüssige Wasser aus seiner Kleidung zu wringen. Er musste erneut niesen und bemerkte dann, dass Zehn ihm folgte und dabei versuchte, in keine von Chans Pfützen zu treten.

 

„Nicht schlecht, du Wurm. Mal sehen, ob du die Prüfung der Stärke auch auf deinem Hut bestehen kannst.“

 

Der langhaarige Junge lachte und Zehn zuckte mit den Schultern. Er überholte Chan den Schweren und knuffte ihn freundschaftlich auf den Arm.

 

„Leider gibt's keine Prüfung der Nässe. In deinen Riesenhosen trägst du ja den halben See mit dir rum.“

 

Chan der Schwere grummelte und versuchte, nach dem kleineren Pandaren zu schnappen. Aber der hatte mit einer solchen Reaktion gerechnet und konnte mit Leichtigkeit ausweichen. Jetzt lachte auch das Mädchen aus Krasarang und Zehn schüttelte theatralisch Wasser aus der Pfote, mit der er Chan berührt hatte. Der große Pandaren blickte ihn böse an und nieste noch einmal – selbst seine dicken Speckrollen konnten nicht verhindern, dass das eiskalte Wasser seine Wirkung tat.

 

Meisterin Weisenwisper führte die vier Initianden durch zwei schwere Türflügel in ein Trainingsdojo. Im Inneren befand sich eine einfache Arena, die von Steinsäulen umgeben war. Zehn konnte die Geschichte dieses Ortes beinahe spüren. Jahrhunderte des Trainings und der Disziplin lagen in der Luft. Die Shado-Pan-Meisterin nickte zum Abschied und kehrte leise in den Hain zurück. Die Initianden blickten sich derweil nervös im Dojo um und fragten sich, was die nächste Prüfung wohl für sie bereithalten würde.

 

Zehn fiel etwas Seltsames auf. In der Mitte der Arena standen drei massive Glocken. Sie waren uralt und mit Schriftzeichen der Macht überzogen. Ihre Größe war in etwa die eines ausgewachsenen Pandaren und sie waren so ausladend wie Chan der Schwere. Zehn trat etwas näher heran und hoffte inständig, dass es in dieser Prüfung nicht darum ging, eine der Glocken tragen zu müssen.

 

Hinter den Initianden ertönte auf einmal eine tiefe Stimme.

 

„Ihr alle habt wahre Entschlossenheit gezeigt, die eines Shado-Pan würdig ist. Nun wünsche ich, dass Ihr mir eure wahre Stärke zeigt.“

 

Zehn blickte sich um und ihm stockte der Atem. In der Tür stand der größte Pandarenkrieger, den er jemals gesehen hatte. Er war mindestens drei Handspann größer als Chan der Schwere und hatte breitere Schultern – dieser Shado-Pan war ein wahrer Muskelberg. Sein Fell war fast ganz weiß und seine Augen musterten die Initianden mit einem raubtierhaften Blick, der sofort jede Stärke und Schwäche erkannte.

 

Zehn erschauderte. Er hatte das Gefühl, als würde er einer unmittelbar losbrechenden Lawine mit tödlicher Wucht gegenüberstehen.

 

„Ich bin Meister Wan Schneewehe von der Schwarzwache. Die Krieger der Shado-Pan unterstehen meinem Befehl und ich unterstehe dem Befehl von Meister Taran Zhu. Ich kenne jeden einzelnen Krieger auf unseren Mauern und habe meine Klinge mit jedem von ihnen gekreuzt. Wenn Ihr die Proben überlebt und Shado-Pan werdet, müsst Ihr eines Tages gegen mich antreten, denn man kennt einander erst dann richtig, wenn man sich im Kampf gegenüberstand.“

 

An dieser Stelle ballte Meister Schneewehe seine mächtige Faust und das Knacken von Knöcheln hallte wie das Echo fallender Felsbrocken durch das Dojo. Zehn verzog das Gesicht.

 

„Aber heute ist es noch nicht so weit. Ihr seid jung und untrainiert. Ein Initiand ist noch keine Waffe, sondern nur ein Stück Eisen, das darauf wartet, geschmiedet zu werden. In diesem Zustand zeigt Eisen Stärke, erst danach erhält es eine Schneide.“

 

Der Meister schritt zu den drei Glocken hinüber, wobei sein geschmeidiger Gang Zehn an einen schleichenden Tiger erinnerte.

 

„Ihr steht vor heiligen Artefakten, vor Relikten aus längst vergangenen Jahrhunderten, die mithilfe von Magie und Metallkunde erschaffen wurden und dem Zahn der Zeit widerstehen. Jede einzelne Glocke ertönt mit einem perfekten Klang, wenn sie angeschlagen wird.“

 

Er klopfte mit einem Knöchel an die Glocke, die ihm am nächsten stand, und es war ein dumpfer Klang zu hören.

 

„Wunderschön, nicht wahr?“ Meister Schneewehe lächelte. „Die Glocken werden erst dann erklingen, wenn sie in die Höhe gehoben und mit großer Kraft angeschlagen werden. Das ist Teil ihrer Magie.“

 

Zehn runzelte die Stirn. Das Heben von Riesenglocken gehörte nun wirklich nicht zu seinem Repertoire ... und hatte er eben unter der Glocke nicht ein gedämpftes Geräusch gehört? Ein Zischen?

 

Meister Schneewehe fuhr fort: „Unter jeder Glocke ist eine bestimmte Art des Todes versteckt, Initianden. Der raubende Tod, der heimliche Tod und der rettende Tod. Ich werde im Hain warten, bis alle drei Glocken ertönt sind. Danach komme ich zurück. Jeder von Euch, der stark genug war, um zu überleben, darf dann zur nächsten Prüfung antreten.“

 

Chan der Schwere nieste und der Shado-Pan-Meister deutete auf den tropfenden Initianden.

 

„Die siebte Jahreszeit war diesmal besonders kalt und ich weiß, dass Ihr erschöpft seid. Darum fangen wir am besten gleich an.“

 

Mit einer fließenden Bewegung wandte sich Meister Schneewehe um und trat gegen die Glocke hinter sich. Sie wirbelte in hohem Bogen durch die Luft und krachte gegen einen Pfeiler auf der anderen Seite der Arena. Der Pfeiler zerbarst und einen Moment lang regnete es kleine Steinbrocken. Die Glocke rollte jedoch unversehrt über den Boden.

 

Meister Schneewehe ging zur Tür zurück und die Initianden beobachteten ängstlich, wie er die Arena verließ.

 

„Ich erwarte nicht, dass Ihr gut kämpft“, rief er. „Aber ich erwarte, dass Ihr kämpft.“

 

Die Türflügel schlossen sich und das Schloss wurde verriegelt.

 

„Seht nur!“, rief der langhaarige Junge mit entsetzter Stimme.

 

Zehn drehte sich um und stieß ein Keuchen aus. Dort, wo sich eben noch die Glocke befunden hatte, lag jetzt eine riesige aufgerollte Schlange. Langsam hob sie ihren muskulösen Hals, bis sie die Initianden überragte.

 

„Ein Bambuspython!“, schrie das Mädchen. „Zurück! Er greift gleich a...“

 

Wie ein grüner Blitz griff die Schlange an. Sie warf den langhaarigen Jungen zu Boden und grub ihre Fangzähne tief in seine Schulter. Der Junge schrie auf und versuchte, den schuppigen Kopf der Schlange wegzuschlagen. Die Schlange aber hatte sich festgebissen und fing an, den Jungen mit ihrem kräftigen Körper zu umschlingen. Die drei anderen Initianden zogen sich aus der Reichweite der Schlange zurück und suchten nach einem geeigneten Versteck. Wie sollten vier unbewaffnete und untrainierte Jugendliche nur so eine tödliche Bestie besiegen?

 

Das Krasarang-Mädchen fluchte leise vor sich hin und Zehn konnte ihr zornerfülltes Geflüster neben sich hören.

 

„Ich weiß, wie man diese Dinger tötet. Wenn ich doch nur meinen Speer dabei hätte. Warum durfte ich nicht meinen Speer mitbringen? Ich könnte ihn retten!“

 

Der rettende Tod.

 

„Chan!“, rief Zehn. „Bestimmt sind unter einer der Glocken Waffen versteckt! Schau nach, schnell!“

 

Der groß gewachsene Pandaren warf Zehn einen Blick zu, als sei dieser verrückt geworden.

 

„Netter Versuch, Wurm. Glaubst du wirklich, dass ich da rüber gehe?“

 

Er zeigte auf die zwei übrigen Glocken, die hinter der Schlange und ihrer Beute zu sehen waren. Sie befanden sich in ihrer Reichweite.

 

„Woher“, schrie Chan der Schwere, „willst du denn wissen, dass dort Waffen versteckt sein sollen?! Es könnten doch auch noch mehr Schlangen sein!“

 

Der langhaarige Junge hatte den Kampf verloren und die Schlange schüttelte ihn ein letztes Mal, bevor sie von ihm abließ und sich zu voller Größe aufrichtete. Sie war mit smaragdgrünen Schuppen bedeckt und hatte kalte schwarze Augen. Von den langen Fangzähnen tropften Blut und widerlicher Geifer die Pfützen auf dem Boden bildeten. Zehn blickte zu dem toten Jungen hinüber, der zwei herzförmige rote Bissspuren an der Schulter trug. Die Größe der Bisse überraschte ihn.

 

Der raubende Tod – Gift oder eine andere schädliche Flüssigkeit aus den Sümpfen gelangt durch kleine Öffnungen in den Körper und raubt ihm die Seele.

 

Ein Dieb.

 

Die Schlange kroch nun auf das Krasarang-Mädchen zu, das bereits die Rückwand der Arena erreicht hatte und nicht weiter fliehen konnte.

 

Zehn wusste, dass er diese Prüfung nicht bestehen würde, wenn die anderen beiden tot wären. Er konnte die Glocke nicht alleine anheben. Ihm kam eine seltsame Erkenntnis: Er brauchte sie.

 

„Chan, du musst mir vertrauen, sonst sterben wir alle. Der Python ist der raubende Tod. Unter einer dieser Glocken ist der rettende Tod verborgen. Ich glaube, dass damit Waffen gemeint sind – Werkzeuge des Todes, mit denen wir unser Leben retten können.“

 

Zehn ballte seine Fäuste und stürmte wie wild mit wedelnden Armen auf die Bestie zu. Die Kreatur zischte und wandte sich von dem Mädchen ab.

 

„Ich versuche, die Schlange abzulenken und locke sie weg!“, rief er. „Ihr müsst an die Glocken klopfen und horchen, ob ihr im Inneren ein Geräusch hört.“

 

Der Python kroch nun auf Zehn zu, der sich schnell umdrehen und weglaufen musste. Könnte er sich zwischen den Säulen verstecken? Als er über die Schulter blickte, konnte er sehen, dass Chan der Schwere und das Mädchen auf die Glocken zugingen, sobald die Kreatur ihn verfolgte.

 

Sie war schneller, als er angenommen hatte, und Zehn zweifelte daran, dass er die Säulen noch rechtzeitig erreichen würde. Die Glocke, die Meister Schneewehe beiseite getreten hatte, lag vor ihm auf dem Boden und der kleine Dieb warf sich genau in dem Moment dahinter in Deckung, als die Fänge nach seinen Fersen schnappten.

 

Blitzschnell drehte Zehn sich nach dem Python um. Die Schlange hatte sich vor ihm aufgetürmt, sodass die Glocke ihm kaum noch Schutz bot. Die Schlange griff erneut an und Zehn konnte sich gerade noch unter den herabschnellenden Schuppen und Fangzähnen wegducken. Hinter der sich windenden Bestie konnte er sehen, wie Chan der Schwere an eine der übrigen Glocken klopfte und das junge Mädchen ein Ohr daran presste und mit konzentrierter Miene lauschte.

 

Da erkannte Zehn einen großen Fehler an seinem Plan: Er half seinen beiden Rivalen dabei, sich zu bewaffnen, und diese brauchten nur zu warten, bis der Python ihn getötet hatte, um die Prüfung mit einem Konkurrenten weniger zu beenden.

 

Chan der Schwere blickte zu ihm hinüber, lächelte Zehn zu und winkte ihm zum Abschied. Er umfasste eine der Glocken mit beiden Armen und kippte sie langsam um.

 

Zehn knirschte mit den Zähnen, aber er konnte es den anderen Initianden nicht verübeln. In dieser Prüfung ging es ums Überleben, nicht darum, Freundschaften zu bilden. Aber er würde nicht zulassen, dass die beiden anderen über seine Leiche zu Shado-Pan würden.

 

Er rannte zur Öffnung der Glocke und baute sich tollkühn direkt vor der Riesenschlange auf. Erstaunt wich sie mit einem verärgerten Zischen vor seiner dreisten Bewegung zurück.

 

Als Dieb hatte Zehn gelernt, verräterische Zeichen an seinen Zielen zu erkennen wie einen bestimmten Ausdruck im Gesicht, eine Geste oder eine Bewegung, die auf einen Angriff hindeuteten. Dieses Talent hatte ihm auf der Straße schon unzählige Male das Leben gerettet.

 

Auch dieser Python machte so ein verräterisches Zeichen. Zehn hatte die Bestie beobachtet, als sie den langhaarigen Jungen und ihn selbst angegriffen hatte. Unmittelbar vor dem Angriff würde sie die Zunge aus dem Maul schnellen lassen, um damit die Angst des Opfers vor dem Tod zu schmecken. Die Beine angewinkelt beobachtete Zehn das hypnotisierende Wiegen des Ungetüms und wartete darauf, dass die Zunge herausschnellte ... Da!

 

Zehn sprang senkrecht in die Luft, als der Python genau an der Stelle zubiss, an der er eben noch gestanden hatte. Zum Leidwesen der Bestie war das direkt vor der Öffnung der Glocke gewesen, sodass der Kopf des Pythons mit voller Wucht gegen die schwere Bronze krachte und ein wunderschöner klarer Ton erklang.

 

Nummer eins.

 

Zehn landete auf dem Rücken der Kreatur und rollte sich ab, wobei er der sich windenden Schlange auswich, die sich aus der Glocke befreien wollte.

 

Er war wieder bei den anderen beiden Initianden angelangt, als das Krasarang-Mädchen mit einem heiseren Lachen einen Speer unter der Glocke hervorzog. Zehn ging in die Hocke, um zu sehen, was sonst noch unter der Glocke verborgen war – der rettende Tod, in der Tat! Auf dem Boden lagen, ordentlich gestapelt, einige einfache Waffen: ein Schwert, ein Knüppel, eine Axt und ein Dolch. Zehn holte sie eilig unter der gekippten Glocke hervor und sicherte sich den Dolch. Er streckt seinen Arm nach oben und schlug mit dem schweren Knauf der Waffe mit aller Wucht gegen die Glocke. Ein reiner, klarer Ton erfüllte das Dojo.

 

Nummer zwei.

 

Chan der Schwere fluchte, forderte die anderen beiden auf, ihm eine Waffe zu geben und meinte, dass er die Glocke nicht mehr länger halten konnte.

 

„Hier, nimm“, sagte Zehn und ließ eine Axt über den Boden schlittern.

 

„Wurde aber auch langsam Zeit“, keuchte Chan unter großer Anstrengung. „Achtung!“

 

Mit diesen Worten ließ er die Glocke los. Es gab ein dumpfes Läuten und einen kurzen Windstoß, als das schwere Ungetüm auf dem Boden auftraf.

 

Mit einem Lächeln hob Chan der Schwere die Axt vom Boden auf. Das Krasarang-Mädchen lächelte zurück und wog ihren Speer prüfend in der Hand.

 

„Darauf habe ich gewartet“, sagte Chan. „Jetzt zeigen wir der Schlange, wie unser Tod schmeckt.“

 

Eine gedämpfte Stimme erklang aus dem Inneren der Glocke.

 

„Viel Glück, ihr beiden!“

 

Chan der Schwere erstarrte und das Lächeln gefror ihm im Gesicht.

 

„Wo ist der Wurm?“

 

Das Krasarang-Mädchen zuckte mit den Schultern.

 

„Es gibt nur einen Ort, an dem er sein kann“, sagte sie.

 

Chan schlug gegen die glatte, feste und schützende Oberfläche der Glocke.

 

„Ich verfluche deine Familie, du erbärmlicher Wurm! Schämst du dich denn nicht? Was für ein Feigling bist du?“

 

„Ich gehöre zu der Art Feiglinge, die immer noch am Leben ist, Chan. Und jetzt hör zu: Der Python wird sich bald aus der Glocke befreit haben. Er ist schneller, als du denkst. Achte auf seine Zunge – sie schnellt direkt vor seinem Angriff heraus.“

 

Zehn lehnte sich gegen die kühle Wand der Glocke und hörte zu, wie die beiden Initianden darüber diskutierten, was sie mit dem Dieb anstellen sollten. Am Ende entschied die Schlange für sie. Er hörte Schreie, Verspottungen und ein ärgerliches Zischen. Ein Schrei, ein Gebrüll.

 

Wie gut, dass ich nicht da draußen bin.

 

Da die Initianden nun voll bewaffnet waren, war Zehn sich sicher, dass das Dschungelwissen des Mädchens und die Stärke von Chan dem Schweren ausreichen würden, um die Schlange zu besiegen. Er konnte weitere Schreie und ein Zischen vernehmen. Er spürte, wie etwas auf den Boden krachte, gefolgt von einer lang anhaltenden Stille. Dann ertönte schließlich das Klopf-Klopf-Klopf von Knöcheln an der Glocke.

 

„Python? Bist du das?“, gab Zehn zurück.

 

Chans Stimme klang müde und verärgert.

 

„Die Schlange liegt in mehrere Stücke zerschlagen auf dem Boden verteilt, du Wurm. Pei-Ling und ich werden jetzt die dritte Glocke umstoßen, die Prüfung beenden und dich in deiner kleinen Metallhöhle verrotten lassen. Oder wer weiß? Vielleicht komme ich ja auch zurück, sobald ich Shado-Pan bin, und sperre eine Schlangemit dir zusammen unter der Glocke ein.“

 

Zehn konnte hören, wie das Krasarang-Mädchen – anscheinend war ihr Name Pei-Ling – über diesen Einfall lachte.

 

Fantastisch. Ich habe den Initianden Waffen besorgt und ihnen das Leben gerettet und dafür hassen sie mich jetzt.

 

Aber das war nichts Neues für ihn. So war es auch mit seinem Vater, seinen Brüdern und selbst mit den anderen Taschendieben in den Gassen gewesen. Warum sollte er von diesen Initianden etwas anderes erwarten?

 

Die Jahreszeiten sind unabänderlich.

 

Zehn klopfte an die Glocke.

 

„Chan, sieh mal an deinem Handgelenk nach. Ich glaube, du hast etwas verloren.“

 

Es herrschte einige Sekunden lang Stille, dann war ein Wutschrei zu hören.

 

„Dieb! Kümmerling! Ho-zen-liebender Wurzelfresser!“

 

Die Beschimpfungen gingen noch einige Zeit weiter, dann war ein dumpfer Schlag zu hören. Das war Chan, der an der Glocke zusammengesackt war.

 

„Der Armreif war ein Geschenk meiner Mutter, du missratene Kröte. Krabbel da unten raus und gib ihn mir.

 

Dann waren ein Grunzen und ein Niesen zu hören und die Glocke wurde ein Stück angehoben. Zehn rollte unter ihr hervor und landete mit seinem Rücken an der dritten Glocke. Pei-Ling saß auf dem Boden und wischte Blut von ihrem Speer. Sie blickte zu ihm auf, salutierte spöttisch und wendete sich dann wieder ihrer Waffe zu. Zehn war von ihrem Verhalten verwirrt. Selbst im Spaß hatte er so etwas noch nie erlebt.

 

Ein Zeichen des Respekts.

 

Chan der Schwere ließ die Glocke fallen und drehte sich um. Er zitterte so heftig, dass er kaum noch seine Axt heben konnte. Er war im Kampf verwundet worden, ein Hosenbein war blutig und zerrissen, als ob der dicke Junge über den Boden geschleift worden wäre. Die Wunde, das eisige Bad und das mehrfache Anheben der Glocke hatten den Initianden geschwächt und er schien sich erkältet zu haben. Aber Chans Wut trieb ihn immer weiter an.

 

„Gib mir den Armreif, du Wurm“, keuchte er. Er ließ seine Axt krachend auf die Glocke niedersausen, die er gerade fallen gelassen hatte und Zehn schreckte zurück, als durch diesen unkontrollierten Schlag Funken aufstoben.

 

„Beruhige dich, Chan. Hier ist dein kostbares Schmuckstück ...“

 

„Gib es auf der Stelle her!“

 

Kurz nach Chans Schrei begann der Boden zu erzittern. Das Beben schien irgendwie aus der dritten Glocke zu kommen und hob Chan von den Füßen. Da er dachte, dass es sich wieder um einen von Zehns Tricks handelte, rappelte er sich grollend auf.

 

„Du dreckiger Wurm. Chan der Schwere lässt sich von niemandem bestehlen!“

 

Pei-Ling schrie auf und zeigte aufgeregt auf die Glocke. Endlich reagierte Chan und drehte sich mit erhobenen Augenbrauen um.

 

Die Glocke wackelte. Sie schwankte von einer Seite zur anderen. Dann war ein Aufprall zu hören, das Geräusch von verdrehtem Metall und schließlich ein blubberndes Knurren ...

 

... gefolgt von einem lauten Krachen. Die dritte und letzte Glocke war in der Mitte geborsten. Die uralte Magie, welche die Glocke über Jahrhunderte lang zusammengehalten hatte, wurde von glühenden Energiewirbeln zerstört, als mit einem Mal eine schattenschwarze Klaue die dicke Bronzehülle zerriss. Die beiden Glockenhälften fielen mit einem lauten Dröhnen auf den Boden und wirbelten eine Wolke aus Rauch auf, aus der eine tiefschwarze Flamme emporzüngelte.

 

Nein, das ist ein lebendiges Wesen. Ein Monster.

 

Das Schattenwesen sah aus wie ein fleischgewordener Alptraum. Zehn schaute genauer hin und erschauderte. Das grässliche Ding kauerte über dem Körper eines toten Tigers. Da ahnte er, dass etwas schiefgelaufen sein musste.

 

Der Tiger sollte unser Gegner sein. Der heimliche Tod, ein geschmeidiger Jäger. Nicht dieses Ding.

 

Er erinnerte sich, dass Meister Nurong einen Feind erwähnte, von dem Zehn noch nie zuvor gehört hatte — das Sha. Was hatte der Shado-Pan noch mal erzählt?

 

„Wenn man gegen das Sha kämpft oder sich auch nur in ihrer Nähe aufhält ... stumpft man gegenüber den anderen Aspekten des Lebens ab.“

 

Er kroch hinüber zu Chan und Pei-Ling und versuchte, sie von diesem Sha wegzuschieben. Beide waren starr vor Schreck und Zehn konnte sehen, dass die Kreatur zu wachsen schien, genauso wie ihre Angst. Sie pulsierte jetzt im Takt der panischen Atemzüge der Initianden. Das Sha war bereits größer als alle drei zusammen und ihm wuchsen mit jeder Sekunde neue Klauen und Tentakel. Solange es sich an ihrer Angst laben konnte, schien das Monster nicht angreifen zu wollen. Aber Zehn wusste, dass das nicht auf Dauer so sein würde.

 

„Seht mich an! Alle beide!“

 

Die beiden blickten ihn mit vor Schreck geweiteten Augen an. Sie waren im Kampf ausgebildet, ja, aber sie waren noch keinem Feind von solcher Bosheit begegnet. Es war eine Sache, zu wissen wie man einen Gegner besiegte. Aber es war etwas vollkommen anderes, zu wissen wie man die Angst besiegte.

 

Zehn kannte Angst. Er zog seinen Dolch und hielt ihn schützend vor sich.

 

„Hört zu! Wir sind keine verängstigten Kinder mehr. Wir sind Shado-Pan. Wir haben den eisigen See überquert, wir haben die brennenden Münzen zurückgebracht und wir haben den raubenden Tod besiegt. Das ist unsere Prüfung, das ist die Gelegenheit, unseren Wert zu beweisen und in die Reihen derjenigen aufgenommen zu werden, die die Dunkelheit jagen. Wir schaffen das!“

 

Die anderen beiden nickten schweigend und schöpften neuen Mut aus Zehns Worten. Zehn griff in seine Tunika und zog den goldenen Armreif heraus.

 

„Hier, es tut mir leid, dass ich ihn dir gestohlen habe, Chan. Dadurch habe ich die Wut entfacht, von der dieses Ding zehrt.“

 

Chan der Schwere blickte über Zehns Schulter und hielt dann mit einem verwunderten Ausdruck im Gesicht inne.

 

„Das Monster! Es ist gerade geschrumpft, als du dich entschuldigt hast.“

 

Als ob es antworten würde, gab das Sha ein Knurren von sich und kroch über den Arenaboden auf sie zu. Zehn verzog das Gesicht.

 

Oje. Vielleicht war das doch keine so gute Idee.

 

Der Dieb half den Initianden auf die Füße und sie stolperten rückwärts, weg vom Sha. Er flüsterte Pei-Ling einen schnellen Befehl zu und sie salutierte erneut, bevor sie auf die andere Seite des Monsters glitt. Es knurrte erneut, als sich seine Beute aufteilte, konzentrierte sich aber weiterhin auf die zwei Pandaren vor sich.

 

Als Zehn sich zurückzog, löste er den trockenen Umhang von seinem Rücken und bot ihn Chan an, der vom Schwimmen immer noch nass war.

 

„Den sollte ich dir lieber auch geben. Binde dir damit dein Bein ab, um die Blutung zu stoppen.

 

Chan der Schwere überlegte einen Augenblick und streckte dem kleinen Dieb dann seine riesige Pranke hin. Der Griff des riesigen Pandaren war schwach und kalt.

 

„Ich ... ich habe zu große Angst, Wurm. Das ist der reinste Alptraum. Aber ich vertraue dir, dass du einen Weg findest, so wie du über den See gehüpft bist, als ob du ein verdammter Kieselstein wärst. Behalte den Armreif. Meine Mutter würde sagen, dass du ihn dir verdient hast.“

 

Zehn steckte den Reif wieder in seine Tunika und packte Chans Pfote so fest, wie er konnte.

 

„Halte deine Angst unter Kontrolle. Beweg dich um das Monster herum, wenn ich mich ihm nähere. Greif aber auf keinen Fall an.“

 

Zehn ließ die Pfote des Initianden los und wandte sich dem Sha zu.

 

„Übrigens, ich heiße Zehn.“

 

Mit grimmigem Lächeln schlang sich Chan der Schwere den Umhang um sein Bein und trat zurück. Das Monster stieß ein Grollen aus und schien dem größeren Pandaren folgen zu wollen, weshalb Zehn mit gezücktem Dolch auf es zu lief. Da wirbelte das Sha herum, um ihn mit erhobenen Klauen und Tentakeln anzugreifen. Der kleine Dieb betrachtete die Schreckensgestalt ganz ruhig – zumindest hoffte er, dass er ruhig wirkte.

 

„Du gehörst nicht hierher, Monster.“

 

Das Sha kam näher, die schattenhaften Tentakel zum Angriff erhoben.

 

„Dieses Kloster ist ein Ort der Meditation und Konzentration. Dein Eindringen ist gegen ...“

 

Mit einem Knurren griff das Sha Zehn mit zwei seiner Tentakel an, die wie riesige Äste durch die Luft peitschten. Nicht einmal Zehn konnte diesem Angriff ausweichen. Der Schlag warf ihn nach hinten auf den Boden des Dojos.

 

Autsch. Das hat wehgetan.

 

Zehn rappelte sich unter Schmerzen wieder auf. Eine seiner Rippen war gebrochen und aus seinem kleinen Mund tropfte ein dünner Blutfaden. Es gelang ihm, seinen Dolch zu packen und er hob ihn mit letzter Kraft hoch, als sich das Sha auf ihn zubewegte.

 

„Ich bin seit meinem siebten Lebensjahr ein Waisenjunge. Ich habe in Kanälen geschlafen und ich habe gegen Gruppen von Shed-Ling gekämpft, um etwas zum Beißen zu haben und zu überleben. Ich habe zusammen mit Dieben und Mördern in zwielichten Gassen Schutz vor Regen gesucht.“

 

Das Sha knurrte erneut und schlug noch einmal zu. Zehn wurde erneut auf den Boden gestoßen und sein Dolch schlitterte über den Steinboden. Eine weitere gebrochene Rippe. Konnte er jetzt überhaupt noch stehen? Er musste es. Mit einem Stöhnen kam er zurück auf die Füße. Die eine Seite seines Gesichts war blutüberströmt.

 

„Glaubst du etwa, ich sei noch nie verprügelt worden, Monster? Erst in der letzten Jahreszeit hat mich ein Metzger grün und blau geschlagen, weil ich seinen Abfall gestohlen habe und auch ein Schmied hat mich verdroschen, nur weil ich mir in seiner Schmiede die Pfoten gewärmt habe.“

 

Ein dicker Tentakel schnellte hervor, wand sich um Zehn, packte ihn mit festem Griff und hob ihn hoch. Das Sha zog Zehn an seinen mit Zähnen bestückten Schlund heran. Zehn hatte seinen Dolch verloren, deshalb griff er in seine Tunika und wühlte mit seinem freien Arm darin. Chans Armreif fühlte sich kühl und fest in seiner Pfote an.

 

„Ich habe mein ganzes Leben lang im Schatten von Hunger, Schmerz und Tod verbracht“, fauchte der Dieb. „Du machst mir keine Angst.“

 

Blitzschnell ließ er seine Pfote in Richtung des Sha schnellen und Chans großer goldener Armreif zischte durch die Luft. Mit einem Schmatzen fuhr der Reif durch eines der glühenden Augen der Kreatur. Das Sha kreischte laut auf, ließ seine Beute fallen und zog sich mit vor Schmerzen windenden Tentakeln zurück. Zehn kämpfte sich hoch auf die Knie und hustete Blut. Das Sha war jetzt kaum noch größer als er.

 

„Jetzt, Pei-Ling!“, rief er und hoffte, dass seine Stimme im Geheul des Ungeheuers nicht unterging. Das Mädchen aus Krasarang sprang mit ausgestrecktem Speer aus dem Schatten. Sie stieß den Speer durch das Sha hindurch und schob das sich windende Ding an Zehn vorbei in Richtung Chan des Schweren, der wartend neben der ersten Glocke stand.

 

„Die Glocke, Chan!“, brüllte Zehn und versuchte, auf die Füße zu kommen. Er betete inbrünstig, dass der riesige Pandarenjunge noch genügend Kraft für diese letzte große Anstrengung besaß.

 

Chan der Schwere nickte, da er Zehns Plan bereits ahnte. Er ging in die Hocke und umfasste die Glocke mit beiden Armen. Dann hob er sie mit einem lauten Schrei hoch.

 

Pei-Ling trieb das zuckende Sha in vollem Lauf auf Chan zu. Das Monster wand sich wie wahnsinnig vor Schmerzen und seine Tentakel und Klauen schlugen gefährlich durch die Luft. Sie trafen das Mädchen, sodass es an Schultern und Armen blutete.

 

Mit einem Schrei warf sie ihren Speer – und mit ihm das Sha – direkt in die Glocke. Der heftige Aufprall ließ Chan ein wenig nach hinten taumeln, aber mit einem letzten Knurren rammte er die Öffnung der Glocke auf den Boden. Die Wucht des Aufpralls war so enorm, dass der Boden Risse bekam.

 

Die Glocke wackelte, als die unter dem Rand der Glocke eingeklemmten Tentakel wild um sich schlugen. Chan der Schwere zog die Axt aus seinem Gürtel und begann mit großer Verbissenheit, einen Tentakel nach dem anderen abzuhacken. Pei-Ling half ihm, indem sie die Tentakel mit ihrem Fuß einklemmte, bevor die Axt mit einem Donnern auf sie herniederfuhr.

 

Zehn stolperte zu den beiden hinüber und hielt sich die Seite.

 

„Das Monster dürfte darin eingesperrt bleiben, solange wir unsere Gefühle unter Kontrolle halten.“

 

Pei-Ling lachte heiser auf.

 

„Ich denke“, sagte sie, „das dürfte kein Problem mehr sein.“

 

Zehn und Chan blickten nach unten. Unter der Glocke war es ruhig geworden. Eine blubbernde und rauchende dunkle Flüssigkeit sickerte durch die Risse im Boden. Zehn wischte sich das Blut von der Braue, damit es ihm nicht in die Augen tropfte.

 

„Wir sollten versuchen, die Teile der dritten Glocke zum Klingen zu bringen. Ich glaube, dass wir die Prüfung der Stärke bestanden haben.“

 

Meisterin Weisenwisper und Meister Schneewehe standen auf der Terrasse, die den gefrorenen See überblickte, und unterhielten sich leise. Auf diese Art und Weise trugen die Shado-Pan ihre Meinungsverschiedenheiten aus. Und nach der Begegnung und dem Kampf mit dem Sha ergab das in Zehns Augen auch großen Sinn. Der kleine Dieb lehnte sich nach vorne und strengte seine Ohren an, um zu hören, was sie besprachen, aber die Stimmen der Meister wurden vom kalten Wind fortgeweht. Die Bewegung schmerzte in den Rippen, die noch nicht vollständig verheilt waren. Zehn zuckte vor Schmerzen zusammen und setzte sich wieder auf die Fersen.

 

Die Entdeckung des Sha innerhalb des Klosters hatte Alarm ausgelöst und die Initianden waren wiederholt über das Geschehene befragt worden. Es waren Shado-Pan-Agenten ausgesandt worden, um den Vorfall zu untersuchen. Während sich Zehn im Lazarett erholte, hatte er erfahren, dass der Tiger unter der dritten Glocke ein Geschenk des Dorfes Feuerzweigwinkel gewesen war. Aber im Dorf schien niemand etwas von dem Geschenk zu wissen. Zehn hatte aus dem Geflüster der Akolythen etwas über eine Intrige der Mantis oder sogar eine Moguverschwörung heraushören können. Wie dem auch sei, jemand hatte versucht, die Prüfung der Roten Blüten zu stören und die heilige Tradition der Shado-Pan zu beschmutzen. Zehn war sich im Klaren darüber, dass die Sache noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Wenn es dem Sha gelungen wäre, alle Initianden zu töten, hätte es sich einfach im Kloster verstecken und die Shado-Pan an ihrer verletzlichsten Stelle treffen können. Niemandem wäre etwas aufgefallen, denn bei jeder Prüfung sterben Initianden.

 

Mit anderen Worten, Zehn, Pei-Ling und Chan der Schwere waren Helden.

 

Zehn blickt zu Pei-Ling rüber, die neben ihm kniete. Sie trug eine Akolythenuniform und der weiße Schal brachte ihr schneeweißes Fell, das um ihre Ohren herum gelockt war, hervorragend zur Geltung. Das Mädchen aus Krasarang lächelte und nickte der großen Gestalt zu, die neben ihr kniete. Chan der Schwere war ebenfalls in eine Akolythenuniform gekleidet, aber anstatt eines Schals trug er einen schmutzigen, ausgetragenen Umhang um den Hals. Der kleine Dieb verdrehte die Augen. Anscheinend hatte Chan sich entschlossen, Zehns Umhang als Zeichen der Ehre zu tragen, solange er ein Shado-Pan sein würde.

 

Wenn wir wirklich Shado-Pan sind.

 

Aus diesem Grund waren die drei hergerufen worden. Anscheinend wurde diskutiert, ob sie sich einen Platz im Orden verdient hatten oder nicht. Nach den vielen Befragungen waren Zehn, Chan und Pei-Ling von Meister Schneewehe im Lazarett besucht worden. Er hatte sie sehr gelobt, dass sie die Prüfung überlebt hatten. So eine Prüfung hätte er nicht einmal seinen erfahrensten Schülern zugemutet. Er sagte, dass er stolz sei, welche Stärke die Initianden bewiesen hätten und dass keine weiteren Prüfungen notwendig wären, um sich der Aufnahme in den Orden als würdig zu erweisen. Sobald die drei wieder bei Gesundheit und bereit wären, könnten sie ihr Training im Dojo beginnen. Daraufhin waren hinter Meister Schneewehe einige Akolythen mit weißen Schals erschienen, die mit einer Verbeugung den Initianden ihre Uniformen überreicht hatten.

 

Am nächsten Tag war Meisterin Weisenwisper mit einer Handvoll eigener Akolythen erschienen. Sie hatte sich bei den Initianden für deren Mut bedankt, aber mit ernsten Worten von drei Prüfungen gesprochen und betont, dass die Prüfung der Roten Blüten noch nicht abgeschlossen sei. Das Eindringen des Sha sei zwar eine sehr bedauerliche Sache gewesen, die ihnen wertvolle Erfahrung im Kampf gebracht hätte und durchaus als Prüfung der Stärke gelten würde. Aber sie war nicht, wie Meisterin Weisenwisper wiederholte, eine Prüfung des Geistes. Sollte sie etwa diese Initianden in den Orden aufnehmen, nur weil sie während der Prüfung der Entschlossenheit im See fast erfroren wären, da diese siebte Jahreszeit nun einmal auf einen der kältesten Winter der Geschichte gefallen war? Ihre Akolythen nahmen die Uniformen von Zehn, Chan dem Schweren und Pei-Ling unter Verbeugungen wieder an sich und verschwanden. Am nächsten Tag erschien Meister Schneewehe erneut und brachte ihnen ihre Uniformen wieder zurück. So ging das eine Woche lang hin und her.

 

Und jetzt waren sie alle hier versammelt. Die beiden Meister drehten sich um und näherten sich den knienden Initianden. Meisterin Weisenwisper hob eine Augenbraue.

 

„Ich möchte mich für unsere Unentschlossenheit entschuldigen, junge Pandaren. Ich bin mir sicher, dass sich Meister Schneewehe bei Euch ebenfalls entschuldigen möchte. Das geschieht, wenn die Tradition nicht befolgt wird: Chaos bricht aus.“

 

Der größere Shado-Pan-Meister nickte und der Hauch eines Lächelns glitt über sein breites Gesicht, als er ihr bedeutete fortzufahren.

 

„Wir haben den ganzen Morgen über die Feinheiten von Tradition und praktischer Umsetzung diskutiert und sind uns nun einig geworden. Wir haben entschieden ... dass diese Entscheidung nicht bei uns liegt.“ Nachdem sie geendet hatte, trat Meisterin Weisenwisper zurück und Meister Schneewehe nahm ihren Platz ein. Die Entscheidung, ob Ihr Initianden eine dritte Prüfung ablegen müsst, sollte der Shado-Pan treffen, der für die dritte Prüfung zuständig ist. Leider musste er uns kurz nach Eurer Begegnung mit dem Sha verlassen. Die Pflicht rief, denn sämtliche Angelegenheiten, die unseren verabscheuungswürdigen Feind betreffen, fallen in die Zuständigkeit des Meisters der Wukao.“

 

Der Ruf eines Falken erschallte in der Morgenluft.

 

„Ich danke Euch für Eure Geduld, Meister.“

 

Meister Nurong trat auf die Terrasse. Seine Stiefel waren schwer von Schnee und sein Umhang wies noch Spuren der letzten Reise auf. An einem Ärmel bemerkte Zehn dunkelrote Spuren. In der einen Pfote hielt der Shado-Pan-Meister eine große Armbrust, in der anderen trug er einen Sack. Der Speer, den Zehn bereits vor einigen Monaten auf den Dächern kennengelernt hatte, war auf den Rücken geschnallt. Meister Nurong warf den Sack Meister Schneewehe und Meisterin Weisenwisper vor die Füße.

 

Der Sack ging auf und drei Köpfe kullerten auf die Steine. Erst dachte Zehn, es wären Schädel, doch dann bemerkte er die hervorstehenden Insektenaugen und die Mundwerkzeuge.

 

Mantis.

 

Bei jedem Kopf war ein Auge mit einem Armbrustbolzen durchbohrt und Meisterin Weisenwisper hob mit wissbegierigem Blick eines der grässlichen Gebilde auf.

 

„Ich habe diese Mörder in ihrem Versteck am Rand von Feuerzweigwinkel aufgespürt“, sagte Meister Nurong. Seine Stimme klang fest und tief, so wie Zehn sie in Erinnerung hatte. „Ich konnte nur wenig über sie in Erfahrung bringen, bevor sie starben. Mantis-Spione sprechen unter Folter nicht. Ich habe ihre Gliedmaßen trotzdem entfernt, um sicherzugehen.“

 

Meister Schneewehe nickte und winkte dann eine Akolythin zu sich, die an der gegenüberliegenden Wand stand. Die Dienerin mit dem weißen Schal eilte herbei, steckte die Köpfe in den Sack zurück und nahm den von Meisterin Weisenwisper angebotenen Kopf mit einer Verbeugung entgegen.

 

„Jetzt wissen wir, woher der Angriff kam oder zumindest haben wir Beweise, die darauf hindeuten“, sagte Meisterin Weisenwisper. „Leider ändert das unsere Taktik an der Mauer nicht. Wir werden sie verstärken, wo wir können, aber wir sind noch immer in der Unterzahl.“

 

Meister Nurong lächelte und blickte zum ersten Mal auf die Initianden.

 

„Zumindest haben wir drei fähige neue Mitglieder für unseren Orden ... oder zumindest bald, wenn sie die letzte Prüfung bestehen.“

 

Meister Schneewehe räusperte sich und sagte erstaunt „Ich hätte gedacht, dass vor allem Ihr von dem Mut dieser jungen Initianden über den Kampf und Sieg gegen den Sha-Eindringling beeindruckt sein müsstet. Gibt es denn einen besseren Weg, um den Geist der Shado-Pan unter Beweis zu stellen?“

 

Meister Nurong antwortete mit ernster Stimme „Ich bin beeindruckt. Nach allem, was ich gehört habe, haben die Initianden Mut, Stärke und ... erstaunlichen Einfallsreichtum bewiesen.“ Hier nickte er in Zehns Richtung, der verlegen blinzelte und den Kopf senkte.

 

„Aber die Tradition verlangt drei Prüfungen. Und die Initianden werden drei Prüfungen ablegen müssen, bevor sie von den Shado-Pan aufgenommen werden.“

 

Meisterin Weisenwisper verbeugte sich mit gelassener Mine – was bei ihr einem Lächeln wohl am nächsten kam. Sie trat einen Schritt zurück, als Meister Nurong vor die jungen Pandaren trat. Der einäugige Shado-Pan verschränkte die Arme.

 

„Steht auf, Initianden.“

 

Zehn, Pei-Ling und Chan der Schwere erhoben sich.

 

„Ich bin Meister Nurong von den Wukao. Die Wukao sind Späher, Jäger, Spione und Assassinen. Wir bringen aus dem Schatten Tod und lehren die Monster, die Nacht zu fürchten. Ihr habt alle die erste Prüfung bestanden und tragt nun ein Zeichen Eurer Entschlossenheit. Blickt auf Eure Pfoten, dort tragt Ihr unser Zeichen.“

 

Die drei Initianden blickten nach unten und sahen auf ihren Handflächen die runde Narbe, die gerade erst verheilt war. Die Narbe entsprach der Prägung auf der Münze – der Kopf eines Tigers. Zehn konnte sehen, wie Chan lächelte.

 

Natürlich. Er hat drei.

 

Meister Nurong fuhr fort „Ihr habt alle an der zweiten Prüfung teilgenommen und Ihr tragt ein Zeichen eurer Stärke. Diese Narben sind zahlreicher und ich verspreche Euch, dass noch unzählige mehr hinzukommen werden, wenn wir Euch als würdig erachten.“

 

Zehn spürte den Verband an seiner Stirn und nickte feierlich.

 

„Ihr habt einen Feind besiegt, dem sonst nur unsere erfahrensten Soldaten entgegentreten. Ihr habt den Schrecken der Sha kennengelernt und die dunkle Präsenz dieser Kreatur in Euren Herzen und Gedanken gespürt. Und während Euer Mut und Eure Stärke Euch das Leben gerettet haben, sind die Kosten dieses Kampfes größer, als Ihr ahnt. Es gibt einen Grund, warum wir keine untrainierten Krieger gegen einen solchen Feind schicken. Von dem Augenblick an, als Euer Kampf begann, seid Ihr vom Sha gekennzeichnet worden. Sobald ihr das Kennzeichen eines Sha tragt, tragt Ihr es für immer. Jede Begegnung mit den Sha wird von diesem Tag an schwieriger und schrecklicher sein. Das Sha kennt Euch jetzt. Es kennt Eure Gedanken, Eure Schwächen und Eure Ängste.“

 

Und Zehn merkte, dass er wirklich Angst hatte. Es war eine Angst, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Was Meister Nurong sagte, stimmte. Er war gekennzeichnet. Zehn unterdrückte ein Schaudern und schaute mit verletztem Blick zu den Meistern auf.

 

Ihre Gesichter waren unergründlich. Meister Nurong schloss sein verbleibendes Auge.

 

„Und nun kommen wir zur dritten und letzten Prüfung. Das Sha verkörpert all die Angst, den Hass und das Böse in unserem Land. Es zeigt keine Gnade und wird niemals müde. Die geschworene Pflicht der Shado-Pan ist es, das Sha zu vernichten. Wir sind Schwert und Schild unseres Volkes und kämpfen gegen den Schrecken, den das Sha verbreitet. Wir sind die letzte Bastion, die sich dem Bösen entgegenstellt, mit dem es Pandaria überschwemmen will. Wenn Ihr den Schwur unseres Ordens sprecht, entschließt Ihr Euch damit bewusst, wieder gegen das Sha in den Kampf zu ziehen. Und wieder. Euer ganzes Leben lang. Wir werden Euch lehren, es zu vernichten, und wir werden Euch die Kraft geben, der Angst zu widerstehen, die es verbreitet, aber eines ist sicher: Es wird niemals enden. Eure letzte Prüfung soll der Schwur der Shado-Pan sein. Im Angesicht des Wissens, das Ihr erworben habt, im Angesicht der Narben, die Ihr davongetragen habt, werdet Ihr fortan an unserer Seite stehen?“

 

Zehn wurde auf einmal kalt. Es war eine Kälte, die tief aus seinem Inneren kam.

 

Einem Sha erneut gegenübertreten? Es ... es hätte uns beinahe umgebracht. Und jetzt kennt es mich. Ich kann es nicht wieder tun. Ich kann der Angst nicht wieder in die Augen sehen. Sie wird mich zerquetschen. Ein kalter Windhauch zog über die Terrasse und Zehn zitterte. Der kalte Wind dieses verfluchten Berges ließ seine Rippen schmerzen. Er betrachtete die kleine runde Narbe auf seiner Pfote, dachte daran, wie er nach Halbhügel zurückkehren würde, zurück in die Gassen, die sein Zuhause waren.

 

Das Leben dort war doch gar nicht so übel. Ich bin gut über die Runden gekommen. Ich war ein guter Dieb.

 

Ein Dieb.

 

Er hörte Weißfeder am blauen Winterhimmel über sich schreien. Und dann erkannte Zehn, dass diese Bezeichnung nicht mehr zu ihm passte. Sie war einfach zu unbedeutend.

 

Die Jahreszeiten sind unabänderlich.

 

Zehn stellte sich vor Meister Nurong auf und nahm dessen Pfote.

 

„Ich werde den Schwur ablegen und mich den Shado-Pan anschließen, Meister Nurong.“

 

Pei-Ling trat neben Zehn und Chan der Schwere auch.

 

„Ich werde den Schwur ablegen, Meister Nurong.“

 

„Ich ebenfalls.“

 

Meisterin Weisenwisper blickte sie mürrisch an, trat nach vorne und legte Ihre Pfote auf Meister Nurongs breite Schulter.

 

„Aber sie können den Schwur der Shado-Pan nicht als Prüfung für Ihre Tauglichkeit ablegen! Der Schwur ist erst möglich, nachdem sie die Prüfung bestanden haben. So ist es seit Jahrhunderten Tradi...“

 

„Ihr braucht mich nicht zu belehren, Yalia!“

 

Meister Nurongs eindringliche Worte hallten auf der Terrasse wider. Sein Ton war nicht zornig, aber er klang bedrohlich und warnend. Mit verdutztem Blick trat Meisterin Weisenwisper wieder zurück.

 

„Die Tradition verlangt, dass der Meister der Wukao die letzte Prüfung stellt. Dies habe ich hiermit getan. Diese Initianden haben sich entschieden, ihrem Volk zu dienen, wohl wissend, welche Schrecken sie in den nächsten Jahren erwarten werden. Sie haben den Mut und die Stärke des Geistes gezeigt, den die Shado-Pan in diesen Tagen brauchen.“

 

In diesem Moment kam Weißfeder angeflogen und landete auf der Schulter ihres Meisters.

 

„Ihr habt die letzte Prüfung bestanden, junge Shado-Pan. Ihr werdet Euren Schwur vor Meister Taran Zhu bei Sonnenuntergang auf der Brücke der Initiation leisten und nein, diesmal werdet Ihr nicht im See landen.“

 

Die anderen beiden Meister verließen die Terrasse mit ihren Akolythen im Gefolge. Zehn fiel auf, dass Meisterin Weisenwisper seinem Blick auswich. Er fragte sich, ob sie wohl immer so grimmig war, und freute sich nicht besonders auf das Training unter ihrer Leitung. Aber darum konnte er sich ein andermal kümmern.

 

Heute werde ich ein Shado-Pan.

 

Er verbeugte sich und folgte Pei-Ling und Chan. Sie würden sich jetzt in die Schlafquartiere zurückziehen und Zehn freute sich auf ein eigenes Bett – hoffentlich in der Nähe seiner neuen Freunde.

 

„Zehn von der Pfefferrolle, ich würde dich gerne einen Moment sprechen.“

 

Er wandte sich um und sah Meister Nurong auf einer Steinbank am Ende der Terrasse sitzen. Der einäugige Shado-Pan lehnte an der Wand und war offensichtlich erschöpft von seiner langen Reise. Zehn ging zu ihm hinüber und verbeugte sich respektvoll.

 

„Ja, Meister?“

 

Meister Nurong sah Zehn mit seinem müden Auge an und streckte ihm die Pfote entgegen.

 

„Du hast etwas, das mir gehört. Ich hätte es gerne zurück.“

 

Zehn lächelte und griff in seine Tunika.

 

„Entschuldigt bitte, Meister. Die Jahreszeiten sind unabänderlich ... alte Gewohnheiten leider auch.“


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