Die Stärke des Stahls


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Koak fiel. Er stürzte endlos hinab durch Regen und unzählige Wolken und der Boden unter ihm schien stets außer Sicht zu bleiben. Um ihn herum flogen die Drachen, mit Schuppen so rot wie Blut und Augen aus geschmolzenem Gold, purpurfarbene Phantome in einem immerwährenden Sturm. Koak konnte spüren, wie ihr brennender Hass gegen seinen Orc-Körper schlug.

 

Er erhob eine Faust und rief mit der Autorität des Drachenmalklans. „Gehorcht mir!“, befahl er ihnen, aber seine Stimme war befleckt von Furcht und Zweifel.

 

„NEIN!“, brüllten sie gemeinsam. Ihre unzähligen Schatten verbanden sich zu einem, größer als der Himmel selbst. Blitze zuckten und Koak erhaschte einen kurzen Blick auf das in der Ferne liegende Grim Batol, eine rauchende Ruine, die einstmals sein Zuhause gewesen war.

 

„Koak!“, rief jemand.

 

Der Drachenatem gebar ein Feuer und der Himmel brannte. Koak heulte vor Schmerz auf, als die Gewitterwolken und seine Welt von Flammen verschlungen wurden. Plötzlich und ohne Vorwarnung fiel er schneller hinab. Der harte Boden kam rasend schnell auf ihn zu ...

 

„KOAK!“

 

Beim Aufprall erwachte er abrupt und eine Explosion hallte immer noch in seinen Ohren nach. Unter ihm befand sich ein Deck aus abgeschliffenem und poliertem Holz, über ihm die massige Hülle eines Goblin-Zeppelins. Das Schiff war ein flammendes Inferno und die Besatzung versuchte mit aller Kraft, es in der Luft zu halten.

 

„Verlasst das Schiff!“, schrie der Kapitän.

 

Koak stellte sich auf seine wackeligen Beine und Blut tropfte aus einer offenen Wunde über seiner Braue hinab. „Die Allianz ...“, sagte er benommen. Über der Hülle sah er, wie ein sich zurückziehendes Kriegsschiff in den Wolken hoch über dem Jadewald verschwand.

 

Mit dem Kreischen sich verbiegenden Metalls legte sich der Zeppelin schwerfällig auf die Seite. Koak versuchte sich schnell an irgendetwas festzuhalten, als er das Wasser der Nebelschleiersee am Steuerbord-Bug erblickte. Dann schlug ihn eine weitere Explosion nieder und warf ihn über die Kante in die Luft. Die Hilfeschreie des Kapitäns erstarben in der Meeresbrise.

***

 

Als Koak an Land gespült wurde, fiel ein leichter Regen auf ihn herab und der Küstenwind flüsterte ihm ins Ohr. In seinem Bein pochte ein unaufhörlicher Schmerz, da es einen Großteil der Wucht abbekommen hatte, als er von der Strömung gegen die Felsen geschlagen worden war. Während er vollkommen erschöpft und blutend im Sand lag, fragte er sich, ob Höllschrei mit seinem Befehl, den Kontinent rot zu färben, das im Sinn gehabt hatte.

 

Er befand sich auf einer kleinen Insel mit einer einzelnen, in die Wolken hoch über ihm aufragenden Steinspitze. Um ihn herum lagen Teile des brennenden Zeppelinwracks von der Küste bis zur Spitze verteilt, die während des letzten Abstiegs des Schiffs heruntergefallen waren. Der Rest schwamm mit den verkohlten Leichen seiner ehemaligen Besatzung auf dem Meer.

 

Für die Horde, dachte er voller Verbitterung. Diese Worte hatten Koak einst etwas bedeutet. Der Schmerz in seinem Bein flammte auf, als er sich hinstellte.

 

Auf eine behelfsmäßige Krücke gestützt humpelte Koak an den verstreuten Überresten des Schiffs entlang landeinwärts, um nach Überlebenden zu suchen. Beißender Rauch aus den gerissenen Treibstofftanks stach in seinen Augen und brannte in den Lungen. Als er um ein Teil der zerstörten Zeppelinhülle ging, ließen ihn die Dämpfe fast ersticken.

 

Vor ihm türmte sich eine monströse Wolkenschlange auf, deren scharlachrote, mit Blut bedeckte Schuppen feucht glänzten.

 

Koak keuchte und stolperte nach hinten, wobei sein verletztes Bein ihm wegknickte. Die Schlange lag in einem Nest aus flachen Steinen an der Unterseite der Steinspitze und ihr Körper war übersät mit Verbrennungen und Blutergüssen. Sie hob ihren riesigen Kopf und schaute Koak direkt in die Augen.

 

„Ruhig ...“, flüsterte Koak so beschwichtigend wie möglich. Die Schlange bestand aus zehn Metern reiner Muskelmasse und hatte Klauen, die sich mühelos um Koaks Oberkörper hätten legen und seine Rippen brechen können, während die gigantischen Kiefer der Kreatur ihn in Stücke rissen. Aber sie machte keine Anstalten eines Angriffs und Koak erkannte, dass sie im Sterben lag. Er sah sich das verbogene Metall und das versengte Holz um das Nest herum an.

 

Das war unser Werk, dachte er. Plötzlich wurde ihm schlecht.

 

Langsam, als ob sie ihm etwas zeigen wollte, rollte sich die Schlange auf. Inmitten des Nests lag ein einzelnes Ei, das die Größe von Koaks Brustkorb hatte – makellos und unbeschädigt, mit einer Hülle, die wie polierter Granat glänzte. Die Schlange tätschelte es sanft, wobei ihre Zartheit im Widerspruch zu ihrem schrecklichen Erscheinungsbild stand. Sie hätte ihrem Schicksal entrinnen können, war aber stattdessen geblieben, um ihr Ei zu beschützen. Aus irgendeinem Grund erfüllte Koak dies mit Wut.

 

„Du hast dich vergebens geopfert“, knurrte er leise vor sich hin. „Dein Junges wird trotzdem einsam und verlassen sterben.“ Er verzog das Gesicht, als weiterer Schmerz gnadenlos durch sein Bein zuckte. Das Blut floss wie ein Sturzbach heraus und befleckte den Boden unter seinen Füßen. „Und ich wahrscheinlich mit ihm.“

 

Die Schlange hob ihren Schwanz, schlang ihn um Koaks Handgelenk und zog ihn zum Nest. Sie kroch neben ihn und stieß ihn von hinten an, bis er vor dem Ei stand.

 

Sie will, dass ich mich darum kümmere? Ich?

 

„Nein“, protestierte Koak, doch konnte er seinen Blick nicht abwenden.

 

Er streckte seine Hand in Richtung des Eis aus. Der Raum zwischen ihnen fühlte sich dick und schwer an, wie die Ruhe vor einem Sturm. Als er es berührte, kroch ein stechender Schmerz seinen Arm hinauf. Koak konnte spüren, wie das Ei unter seiner Handfläche zuerst leicht erzitterte, doch schon bald wurde es so heftig durchgeschüttelt, dass er voller Furcht einen Schritt zurücktrat.

 

Plötzlich platzte die Oberseite des Eis auf und Stücke der zerbrochenen Hülle fielen auf Koak hinab. Ein heller Ring aus rotem Rauch stieg aus dem Riss in die Luft und legte sich wie eine Nebelbank über den Boden. Aus dem Inneren stieg eine glitzernde neugeborene Wolkenschlange mit rubinroten Schuppen. Sie hatte Augen wie Saphire, so tief und sanft, dass der Blick in sie dem Versuch gleichgekommen wäre, bis auf den Grund des Meeres zu schauen.

 

Das ausgeschlüpfte Jungtier schaute Koak in die Augen und wandte seinen Blick nicht ab. Koak streckte die Hand aus und das Junge kroch nach vorne, um mit seinen winzigen Kiefern in das Fleisch der Handfläche zu beißen. Koak zuckte nicht zurück und hielt den Schmerz aus, bis die junge Schlange sich beruhigte und ihren Körper um seinen Arm legte.

 

Koak sah, wie seine Mutter sie mit kummervollem Blick betrachtete. Sie warf Koak einen letzten, starrenden Blick zu, der ihn erschaudern ließ. Sie schloss ihre Augen und ihr Körper erhob sich. Dann fiel er mit einem letzten schweren Atemzug zu Boden und blieb regungslos liegen. Das Jungtier sah seine Mutter und an seinen gequälten Schreien erkannte Koak, dass es wusste, was geschehen war. Mit stoischer Ruhe beobachtete er, wie die Schlange zu ihrer verstorbenen Mutter kroch, sie sehnsüchtig mit der Schnauze berührte und sich in ihrem Schatten aufrollte.

 

In den darauffolgenden Tagen mühte sich Koak ab, das Jungtier und sich selbst am Leben zu halten, während er auf eine Rettungsmannschaft wartete, die General Nazgrim wohl sowieso nicht schicken würde. Warum sollte er auch? Das Leben eines einzelnen Orcs interessierte Höllschrei nicht, genauso wie das Leben eines einzelnen Drachen den Drachenmalklan nicht interessiert hätte. Koak war auf sich allein gestellt.

 

Der Regen versorgte sie nur mit einer begrenzten Menge Süßwasser und ganz gleich, wie viele Zuckerelritzen er fing, den unbändigen Appetit der Schlange konnte er damit nicht stillen. Sein Bein quälte ihn unablässig – genau wie die Frage, was er mit dem Jungtier machen sollte.

 

Am fünften Tag hörte der Regen auf. Als Koaks Hoffnungen, gerettet zu werden, sich in Luft auflösten und die Schlange zitternd in der Kälte saß, entdeckten sie Umrisse am aufklarenden Himmel. Zwei voll ausgewachsene Wolkenschlangen mit jeweils einem Pandaren-Reiter huschten mühelos zwischen den anderen Felsspitzen über dem Ozean umher. Geschickt umkreisten sie die Berggipfel und kehrten mit atemberaubender Geschwindigkeit zu den Klippen des Jadewalds zurück. Koak erinnerte sich an eine Geschichte, die er Wochen zuvor von einem der Einheimischen gehört hatte.

 

Der Orden der Wolkenschlange.

***

 

Die windgepeitschten Klippen des Jadewalds ragten hoch und steil über der Nebelschleiersee auf. Koak und das Jungtier waren auf einem Floß übergesetzt, das er aus der zerstörten Zeppelinhülle zusammengezimmert hatte. Sie gingen über einen steilen, schmalen und beschwerlichen Weg hinauf zum Wald. Koaks Bein meldete sich unablässig mit dumpfen Schmerzen und heftigen Stichen. Es half nicht gerade, dass die Schlange bei jedem qualvollen Schritt an dem ausgefransten Stück Seil zog, das Koak ihr als Leine umgelegt hatte.

 

„Beruhig dich“, schnaubte Koak und Erschöpfung legte sich über seine Stimme. „Wir werden schon bald da sein und dann soll sich der Orden mit dir herumschlagen.“

 

Die Voraustrupps der Horde waren erst kurz zuvor an der Küste Pandarias eingetroffen, doch Koak hatte schon viel über den Orden der Wolkenschlange gehört – über mächtige Krieger, die auf dem Rücken der wilden Bestien ritten. Man sagte den Schlangenreitern nach, sich schnell wie der Wind in die Schlacht zu stürzen und mit der Macht des Sturms und des Himmels zuzuschlagen. Insgeheim hatte Koak den Wunsch gehegt, sie kennenzulernen, ihre Macht zu erleben und sie mit der Stärke des Drachenmalklans zu vergleichen.

 

Natürlich wusste Koak nicht viel über den Drachenmalklan. Er war noch ein Kind, als der Rote Drachenschwarm Grim Batol zerstört hatte und er sich als einer der wenigen der Gefangennahme durch die Allianz nicht entziehen konnte, als der Rest des Klans ins Schattenhochland flüchtete. Was er von seinem Klan wusste, hatte er aus Geschichten von Veteranen des Zweiten Krieges und Träumen, die ihn in ruhelosen Nächten plagten, gelernt. Er hatte noch nie einen Drachen seinem Willen unterworfen und mit dem sturen Schlangenjungtier hatte er schon alle Hände voll zu tun.

 

Der Orden der Wolkenschlange muss wirklich furchteinflößend sein, dachte Koak, wenn er solch starrsinnige Bestien zähmt.

 

Als sie oben ankamen, dachte Koak kurz, sie hätten die falsche Klippe bestiegen. Er hatte eine Festung aus Stahl und Eisen erwartet, eine mächtige Zitadelle, umkreist von patrouillierenden, mit Rüstungen geschmückten Schlangen, die bereit sind für den Krieg. Stattdessen sah er ein bescheidenes Landhaus und einen großen Pavillon aus einfachem Holz und Stein inmitten von Schlammpfützen und Heuballen.

 

„Das kann nicht der richtige Ort sein“, murmelte er. Doch als er das Jungtier am Landhaus vorbei zum dahinter liegenden Gebiet führte, bot sich Koak der Anblick von Wolkenschlangen aller Größen und Farben dar. Einige lagen in offenen Ställen, wo sie gebürstet wurden und Futter erhielten. Andere flogen ruhig neben ihren Begleitern, die auf dem Gelände einen Nachmittagsspaziergang machten. Ein paar Jungtiere lagen zusammengerollt und friedlich im Schoß von Pandaren, die still an einem kleinen Bach meditierten.

 

Koak war äußerst verwirrt. Wo waren die legendären Krieger?

 

„Ah, wir haben einen Besucher!“, rief eine sanfte Stimme hinter ihm.

 

Koak drehte sich um und sah, wie eine ältere Pandaren aus dem Pavillon kam. Ihre Haare und ihr Fell wurden schon langsam grau, doch in ihren Augen glänzte die Jugend. Begleitet wurde sie von anderen Pandaren, die jeweils eine Wolkenschlange unterschiedlicher Farbe führten. Sie trat hervor und verbeugte sich.

 

„Willkommen in unserem Zuhause, Reisender“, sagte sie mit einem Lächeln. „Ich bin die Älteste Anli und wir sind der Orden der Wolkenschlange.“

 

„Ist alles in Ordnung?“, fragte einer der anderen Pandaren. „Ihr seht nicht besonders gut aus.“

 

„Oh und wer ist denn dieser Kleine?“, trällerte ein anderer mit fröhlicher Stimme.

 

Das Jungtier versteckte sich vor den Blicken der Umstehenden hinter Koaks Bein. Koak trat einen Schritt zur Seite, um ihnen die Schlange zu zeigen. Er schüttelte seine Verwirrung ab, während die Pandaren mit sanften Stimmen und ehrerbietig über das Junge sprachen.

 

„Er gehört Euch“, antwortete er und hielt Anli das Ende des Seils hin. „Und mir geht es nicht gut. Ich bin verletzt und benötige einen Transport zum nächstgelegenen Außenposten der Horde. Wenn Ihr dafür sorgen könntet, stünde ich in Eurer Schuld.“

 

Anli schaute ihn nachdenklich an, bevor sie den Kopf schüttelte. „Ich fürchte, das wird nicht möglich sein.“

 

„Ihr möchtet Euch nicht in unseren Konflikt einmischen.“ Koak bemühte sich, keinen Hauch von Verachtung in seine Stimme zu legen und das Bild der verstümmelten Mutter des Jungtiers aus seinem Kopf zu bekommen.

 

„Wenn Ihr mich stattdessen nach Morgenblüte bringen würdet ...“

 

„Nein“, unterbrach Anli ihn. „Ich meinte damit, dass Ihr diese Schlange nicht bei uns lassen und gehen könnt.“

 

Koak runzelte die Stirn. „Was genau möchtet Ihr mir sagen, Pandaren?“

 

„Das Tier scheint sehr an Euch zu hängen“, erwiderte sie mit ruhiger Stimme. „Ihr wart bestimmt beim Schlüpfen dabei. Und aus diesem Grunde müsst ihr es auch aufziehen.“

 

Sie ging einen Schritt auf ihn zu, schloss seine Hand um das Seil und drückte es wieder an seine Brust. Die Mitglieder des Ordens beobachteten ihn und streichelten die Schuppen ihrer Schlangen, als wären sie Haustiere. Koak warf ihnen einen unverhohlen enttäuschten Blick zu. Angeblich sollten das große Krieger sein, aber hier sah er nichts weiter als einen Kindergarten. Da würde er nicht mitmachen.

 

„Ich sehe das anders“, sagte er abweisend.

 

Koak ließ das Seil auf den Boden fallen, drehte sich um und wollte gehen, doch schon nach wenigen Schritten schoss ein plötzlicher Schmerz durch sein Bein. Er stützte sich auf seine Krücke, fiel auf ein Knie und fluchte über seine Verletzungen. Er spürte, wie jemand an seinem Handgelenk zog.

 

„Wenn Ihr mich nicht nach Morgenblüte bringt ...“ Koak verstummte, als er seinen Kopf umdrehte und sah, dass sich kein Pandaren, sondern das Jungtier neben ihm befand. Es hatte seinen winzigen Schwanz um sein Handgelenk gerollt und zog ihn mit flehendem Blick zurück zu den anderen.

 

Auch das Tier wollte nicht, dass er ging.

 

Koak sah, wie zwei Reiter durch die Wolken über ihnen flitzten, verschlungene Drehungen machten und wie beiläufig todesmutige Manöver ausführten, während sie gegeneinander in einem Rennen antraten. Der Orden der Wolkenschlange bestand nicht aus den Kämpfern, die Koak erwartet hatte, aber es war nicht zu verleugnen, dass seine Mitglieder fliegen konnten.

 

In Koak bewegte sich etwas. Als er das Jungtier betrachtete, sah er plötzlich keine Belastung mehr, sondern eine Gelegenheit – eine Chance, endlich ein wahrer Drachenmal-Orc zu werden, sein eigenes Streitreittier zu trainieren, es in die Schlacht zu führen und den Himmel zu erobern. Sollten die anderen doch ihre Schlangen auf ein Leben voller Frieden und Spielereien vorbereiten. Er würde sie fit für den Krieg machen.

 

„Nun gut“, sagte er zu seinem Jungtier und Anli. Er nahm die Schlange in die Hände und hob sie über seinen Kopf. Die Sonne wurde von ihren purpurfarbenen Schuppen reflektiert, die so rot waren wie die Drachen, die sein Klan befehligt hatte.

 

Ich werde den Drachenmalklan stolz machen, schwor Koak.

 

Ich werde meiner Schlange Gehorsam lehren.

***

 

Die erste Trainingswoche lief nicht ganz so, wie Koak es sich erhofft hatte. Die Schlange erwies sich als starrsinniger und sturer als alle anderen Jungtiere, um die sich der Orden kümmerte. Sie schien alles zerkauen und verschlingen zu wollen – bis auf das, was Koak ihr zu fressen gab. Und wann immer er das Tier herbeizurufen versuchte, verfolgte es stattdessen lieber die anderen Jungtiere mit schnappendem Maul. Die Schlange war schnell und wendig und Koaks verletztes Bein behinderte ihn immer noch, sodass er keine andere Möglichkeit hatte, als dem Jungtier so lang hinterherzubrüllen, bis sein Gesicht rot anlief und die Schüler des Ordens ihn mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung ansahen. Dank der liebevollen Fürsorge der Pandaren heilte sein Bein jedoch langsam und Koak wurde bewusst, dass jeder Orden, der solch wilde Bestien reiten wollte, auch gut in der Behandlung von Knochenbrüchen sein musste.

 

Als am achten Tag beim Orden die Sonne über den Gipfeln der Steinspitzen auf dem Meer aufging, fand Koak den Pferch seines Jungtiers verlassen vor. Anli stand mit einem warmen Lächeln am Zaunpfahl.

 

„Mein Jungtier scheint heute besonders früh seine Streiche spielen zu wollen“, grummelte Koak.

 

„Oh, nein“, erklärte Anli. „Jenova wird sich heute um die Pflege Eurer Schlange kümmern. Begleitet mich doch bitte.“

 

Ihr stiller Spaziergang führte sie an verschiedene Orte. Anli ging mit Koak durch die ruhige Pracht des von Sonnenlicht gesprenkelten und einer sanften Brise gestreichelten Arboretums, bis sie die Windspitzenbrücke erreichten. Wie der Name schon vermuten ließ, erstreckte sie sich zwischen mehreren der natürlichen, aus dem Meer herausragenden Spitzen. Jeder ihrer Bögen war ein architektonisches Juwel, ein Monument des Maurerhandwerks, das sich der Schwerkraft zu widersetzen schien und unerschütterlich den heftigen Küstenwinden trotzte. Die Brücke ähnelte einer Wolkenschlange – sie war wie eine riesige Kreatur aus Holz und Stein, die sich über die Nebelschleiersee nach oben schlängelte und einen Blick auf den Jadewald gewährte.

 

Anli wartete, bis sie einen Großteil der Brücke überquert hatten, bevor Sie sich an Koak wandte.

 

„Habt Ihr Eurer Schlange schon einen Namen gegeben, Koak?“, fragte sie.

 

„Nein“, antwortete er. „Und das werde ich erst tun, wenn sie ihn sich verdient hat. So ist es beim Drachenmalklan üblich.“

 

„Wir sind aber nicht der Drachenmalklan“, erwiderte Anli. „Und bei uns sind andere Dinge üblich.“

 

Koak war empört. „Ich werde es so machen, wie es beim Drachenmalklan Sitte ist. Einen anderen Weg gibt es nicht.“

 

„Das scheint Euch ziemlich wichtig zu sein“, merkte sie an.

 

Koak hielt einen Moment lang inne und suchte nach den richtigen Worten, bevor er weiterging. „Als die Allianz mich gefangen nahm, wurde ich von meinem Klan getrennt. Nach dem Kataklysmus hatte ich die Gelegenheit, mich ihm wieder anzuschließen, nahm sie allerdings nicht wahr.“

 

„Und warum nicht?“, fragte Anli.

 

„Ich erwarte nicht, dass Ihr es versteht“, antwortete Koak, „aber ich habe mich und den Drachenmalklan dadurch entehrt, dass ich in Ketten lag. Wie könnte ich ihnen gegenübertreten, ohne mich zuvor als würdig zu erweisen?“

 

Koak drehte sich von Anli weg und schaute nach Norden über das Meer, in Richtung der Östlichen Königreiche. „Dem Namen nach bin ich ein Orc des Drachenmals, dem Handeln nach jedoch nicht. Indem ich meine Schlange auf unsere Art zähme, kann ich das ändern und mich wieder meinem Volk anschließen.“

 

„Ich verstehe“, murmelte Anli. Sie hatten das Ende der Brücke und den verzierten Schrein auf der höchsten und abgelegensten Spitze erreicht. Hinter ihnen lag ein atemberaubendes Panorama der Küste Pandarias sowie der verschlungenen Brücke über dem Himmel und dem Wasser. Die goldenen Pagoden des Tempels der Jadeschlange waren verschwommen in der Ferne auszumachen.

 

Koak strengte sich an, seinen Blick von der Kante der Spitze und dem langen Abhang bis zur Meeresoberfläche fernzuhalten. Zwar reichte diese Anstrengung nicht ganz aus, aber er konnte die in ihm aufsteigende Furcht verbergen.

 

„Der Orden der Wolkenschlange“, setze Anli an, während sie auf das Meer hinausblickte, „wurde vor Tausenden von Jahren von Jiang gegründet, einem jungen Mädchen aus Morgenblüte. Sie fand ein verletztes Jungtier, nannte es Lo und pflegte es gesund.“

 

„Zu dieser Zeit fürchteten die Bewohner Pandarias die Wolkenschlangen. Man sah sie als gewalttätige und aggressive Bestien an. Sich einer von ihr zu nähern, galt schon als Spiel mit dem Tod. Alle glaubten, dass Jiangs Aktionen im Unheil enden würden.“

 

„Ein Monster zu zähmen, ist keine Aufgabe für ein junges Mädchen“, knurrte Koak.

 

„Aber sie hatten unrecht“, fuhr Anli fort. „Als die Zandalari das Pandaren-Reich angriffen und unsere Armeen kurz davor standen, eine Schlacht auf einer Brücke wie dieser zu verlieren, kam Jiang auf Los Rücken herbeigeflogen und wendete das Blatt im gesamten Krieg. Gemeinsam holten Jiang und Lo die Fledermausreiter vom Himmel und warfen die Trolle von der Brücke. Kurz danach gründete Jiang den Orden und seitdem erfüllt der Anblick einer Wolkenschlange die Pandaren stets mit Hoffnung.“

 

Koak lachte. „Und nun folgt Ihr also alle ihrem Beispiel? Diese Schlangen sind zum Jagen und Töten geboren. Man kann das Wesen einer Bestie nicht durch Mitgefühl ändern, genauso wenig, wie man das Wesen des Krieges ändern kann.“

 

„Es geht nicht darum, etwas zu ändern, Koak, sondern sich zu entscheiden.“ Anli dreht sich zu ihm um. „Wolkenschlangen sind in der Tat von Natur aus wild und stürmisch und wenn man sie falsch behandelt, können sie auch im ausgewachsenen Alter so sein. Aber eine Wolkenschlange ist nicht mehr an ihr Wesen gebunden als Ihr oder ich. Jiang zwang Lo nicht zum Kämpfen – Lo entschied sich dazu, weil Jiang sich entschied, ihm zu vertrauen und ihm Mitgefühl zuteil werden zu lassen. Daher folgen wir ihrem Beispiel. Wir alle entscheiden uns für das, was wir sein möchten.“

 

Koak schwieg lange. Konnte so etwas wirklich stimmen? Konnte ein Reiter, dessen Gesundheit und Leben auf dem Spiel standen, die Zügel locker lassen und seinem Tier vertrauen? Für ihn war das Wahnsinn.

 

„Eine interessante Sichtweise“, sagte er schließlich, „aber ich finde trotzdem, dass Ketten effektiver als Entscheidungen sind.“

 

„Ach, wirklich?“, dachte Anli insgeheim.

 

Sie trat einen Schritt zurück und fiel von der Kante der Spitze hinab.

 

„NEIN!“, brüllte Koak. Er machte einen Satz nach vorn und vergaß einen Moment lang den Schmerz in seinem Bein. Aber er kam zu spät. Anli war verschwunden und übrig blieb nur noch der Klang ihres Lachens im Wind. Das verwirrte Koak, denn Anli hatte nicht gelacht, als sie hinunterfiel.

 

Doch nun lachte sie. Unter dem nächsten Bogen der Brücke tauchte sie auf dem Rücken ihrer onyxfarbenen Wolkenschlange wieder auf. Sie erhob sich wiegend und wogend wie flüssiger Rauch vor Koak.

 

„Seid Ihr verrückt?!“, rief Koak. „Was, wenn Eure Schlange Euch hätte herunterfallen lassen?“

 

„Kennt Ihr den Unterschied zwischen Stahl und Eisen?“, fragte sie mit ruhiger Stimme.

 

Koak zögerte. Sie ist wirklich verrückt , dachte er.

 

„Stahl ist widerstandsfähiger“, antwortete er. „Jeder erfahrene Krieger weiß das.“

 

Anlis Mundwinkel verzogen sich zu einem geheimnisvollen Lächeln. „So ist es.“

 

Sie berührte die Seite des Nackens ihrer Schlange, die sich daraufhin in Richtung der entfernten Küste drehte. „Ich glaube, Ihr findet den Weg, Koak!“, rief sie ihm über die Schulter zu, während sie so schnell in Richtung des Jadewaldes schoss, wie sie erschienen war. „Möge die Jadeschlange Euch leiten!“

 

Koak sah zu, wie sie verschwanden. Er stützte sich auf seiner Krücke ab, der Wind wehte ihm durchs Haar und viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf.

***

 

„Ich habe dem nicht zugestimmt!“, rief Koak. „Ihr habt mich absichtlich in die Irre geführt!“

 

„Wovon redet Ihr?“, fragte Flitze. „Anli sagte, Ihr hättet zugestimmt, Euch auf unsere Weise trainieren zu lassen!“

 

Flitze Langpranke war anders als die restlichen Anhänger des Ordens. Während jene Bescheidenheit durch einfache Kleidung und sportliches Verhalten zum Ausdruck brachten, trug Flitze feine Seidenhemden und extravaganten Schmuck. Sein Schnurrbart war immer gewachst, sein Haar meisterhaft frisiert und er ließ sich nie eine Gelegenheit entgehen, über seine Erfolge am Himmel und beim schönen Geschlecht zu prahlen. Koak fand sein übermütiges Wesen mehr als nur ein bisschen nervig – besonders, da der Orden scheinbar dachte, sie würden sich sehr ähneln. Aber Anli hatte ihn als Koaks persönlichen Tutor auserwählt und nach den Wochen, in denen er das Kindermädchen des Jungtiers gespielt hatte, war er nun begierig darauf, das echte Training beginnen zu lassen.

 

Das hier hatte er allerdings nicht im Sinn.

 

„Ich habe dem Training zugestimmt“, sagte Koak. Er griff in die Tasche, die Flitze ihm mitgebracht hatte und holte ein Dutzend Lederbälle hervor. „Aber so etwas spielen Kinder!“

 

„Dann müsste es doch perfekt für Euch beide sein“, kam Flitzes scharfe Erwiderung, unterlegt mit einem unerträglichen Grinsen. „Alle Reiter des Ordens spielen Fangen mit ihren Tieren“, erklärte er. „Es lehrt einen, die Bewegungen des anderen vorauszuahnen und baut zwischen Schlange und Reiter eine enge Beziehung des Austauschs auf. Eine sehr wichtige Lektion!“

 

„Das ist dumm“, spottete Koak. „In der Hitze der Schlacht kann ein einziger Moment des Überlegens zum Tode führen. Es muss einen Herrn und einen Diener geben. Für ‚Austausch‘ ist da kein Platz.“

 

„Ach, Koak“, seufzte Flitze. „Versucht es doch einfach mal, ja?“

 

Koak blickte mürrisch drein und schaute vom Ball zu seinem Jungtier. Er hatte nichts zu verlieren, nachdem Flitze ihn hierher gebracht hatte – auf ein offenes Feld, das eine Stunde Fußweg vom restlichen Orden entfernt war. Er pfiff, um die Aufmerksamkeit der Schlange zu erhalten und warf den Ball in ihre Richtung. Sie sah ihn und stieß ihn mit ihrem Kopf zurück zu Koak.

 

„Seht Ihr?“, sagte Flitze, als Koak den Ball fing. „War doch gar nicht so schlimm, oder?“ Er drehte sich in Richtung des Ordensgeländes. „Jetzt macht das fünfundzwanzig Mal – aber hintereinander – und dann sehen wir uns zu Hause.“

 

„Fünfundzwanzig Mal?“, zischte Koak. Aber Flitze war schon auf dem Heimweg und ließ Koak mit einer Tasche voller Lederbälle sowie einem Jungtier zurück, das ein Talent dafür hatte, Koak das Leben schwer zu machen. „Bringen wir es hinter uns“, murrte Koak. Er warf dem Jungtier noch einmal den Ball zu. Die Schlange drehte sich in einem engen Kreis herum und schlug den Ball mit der Seite ihres Schwanzes. Er kam in einem so hohen Bogen zurück, dass Koak ihn nicht erreichen konnte und sein schmerzendes Bein knickte unter seinem Gewicht weg, als er es doch versuchte. Er zog sich an seiner Krücke hoch, schaute über das Feld zu seinem Jungtier und hätte schwören können, dass er es grinsen sah.

 

Die kleine ... , dachte Koak. Das hat sie absichtlich gemacht!

 

„Du hast einen schweren Fehler gemacht“, sagte er bedrohlich. Er holte einen weiteren Ball aus der Tasche, während das Jungtier ihn genau beobachtete. Er hielt den Ball niedrig und versteckte ihn hinter seiner Hüfte.

 

„Also“, sagte er mit einem Knurren, „dann wollen wir mal spielen.“

 

Koak spannte den Arm an und warf den Ball mit großer Kraft und Geschwindigkeit zum Jungtier. Es riss die Augen auf und flitzte aus dem Weg, sodass der Ball mit einem dumpfen Knall hinter ihm aufschlug und Erde nach oben spritzen ließ. Das Jungtier kreischte ihn an und Koak lachte.

 

„Hatte ich es mir doch gedacht!“, rief Koak. „Vielleicht solltest du nächstes Mal besser nachdenken ...“

 

Das Jungtier legte seinen Schwanz um den Ball und schoss ihn mit der Geschwindigkeit einer Kugel direkt auf Koaks Brust. Er traf ihn mit einem dumpfen Knall, haute ihn von den Beinen und ließ ihn bunte Lichtblitze sehen, als die Luft aus seinen Lungen entwich.

 

Wie in aller Welt, dachte Koak, als er nach Luft schnappte, kann etwas so Kleines so stark sein?

 

Als er mit dem Ball in der Hand wieder aufstand und die Sterne verschwanden, warf Koak einen wütenden Blick über das Feld. Die Schlange tat es ihm gleich und Koak wusste, dass sie es verstanden hatte. Die Schlacht sollte beginnen.

 

Koak warf den Ball mit aller Kraft. Das Jungtier schlug herum, nahm den Volley ebenfalls kraftvoll an und schickte den Ball raketenschnell zu ihm zurück. Koak fing ihn kurz vor dem Aufprall und das Klatschen des Leders gegen seine Handfläche hallte über das Gras. Dann schleuderte er ihn zurück zum Jungtier und alles begann aufs Neue.

 

Mit der Zeit wurden Koak und das Jungtier müde und die Wildheit wich der Erschöpfung. Ihre Vergeltungsschläge wurden nach und nach zu halbherzigen und schwachen Würfen. Als die Sonne schließlich untergegangen war und die Monde ihren Platz eingenommen hatten, fingen die beiden einfach nur noch die Bälle und warfen sie zurück. Trotzdem schien es dem Jungtier zu gefallen und es wirkte vollkommen enttäuscht, als sich Koak schließlich entschloss, den Ball nicht mehr zu werfen.

 

„Jetzt reicht es“, sagte Koak. Er ging zu dem Ball, den das Jungtier zu weit geworfen und das Scharmützel dadurch erst ausgelöst hatte. „Es wird Zeit, dass wir etwas essen.“

 

Als er sich hinkniete, um den Ball aufzuheben, hörte er hinter sich ein schlurfendes Geräusch. Er blickte über seine Schulter und sah, wie das Jungtier gegen die Erschöpfung ankämpfend die Tasche an den Zähnen hinter sich herzog. Als es ihn erreichte, zog es die Oberseite zurück und hielt sie offen.

 

Das überraschte Koak. „Danke“, sagte er leise.

 

Koak legte den Ball in die Tasche und verschloss sie. Das Jungtier legte seinen Körper um seinen Arm und ließ die Augen zufallen. Kurz darauf war es eingeschlafen und sein Atem strömte friedlich in kleinen Stößen aus seinen Nasenlöchern. Koak schaute es sich kurz an, bevor er die Tasche über seine Schulter legte und den Rückweg zum Orden antrat.

***

 

Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Die Jahreszeiten in Pandaria glichen sich sehr und Koak konnte nicht mehr sagen, wie lange er schon beim Orden war. Seine Schlange war schnell gewachsen und hatte mittlerweile bestimmt das Zehnfache ihrer Größe beim Ausschlüpfen erreicht. Eine Krone aus langen und scharfen elfenbeinfarbenen Hörnern zierte nun ihren Kopf. Ihr einstmals glattes und rundes Gesicht war mittlerweile äußerst konturiert und kantig und knapp über ihren gefährlichen Zähnen hingen lange Schnurrhaare herab. Ihre winzigen Klauen hatten sich zu rasiermesserscharfen Krallen entwickelt, mit der sie eine komplette Rüstung in Stücke reißen konnte. Eine helle und stachelige Flosse schmückte ihren langen Hals, der mit einer vollen, dichten Mähne bedeckt war. Ihre rubinartigen Schuppen hatten nun ein dunkles Scharlachrot angenommen.

 

Koak hatte seinem Tier täglich beim Aufwachsen zugesehen und sich mit der Zeit an das idyllische Leben im Arboretum gewöhnt. Doch seine Wunden waren schon seit Langem verheilt und er wurde immer unruhiger. Der Krieg tobte ohne ihn weiter und Nachrichten von Schlachten waren durch ganz Pandaria bis zu ihm vorgedrungen. Die Horde hatte ihre Position an der Küste der Krasarangwildnis gefestigt und Höllschreis Leute durchsuchten den Kontinent nach vergrabenen uralten Relikten voller Macht, wobei sie sogar ein Loch in das Tal der Ewigen Blüten gerissen hatten. Vol'jin und die Dunkelspeere hatten sich in offener Rebellion gegen den Kriegshäuptling aufgelehnt und die Horde brach auseinander, als sich ihre Krieger auf verschiedene Seiten schlugen.

 

Koak wusste, wo der Drachenmalklan stehen würde. Kriegsfürstin Zaela machte aus ihrer Bewunderung für Garroshs Führungsstil keinen Hehl, da der Drachenmalklan Ungehorsam genauso wenig duldete. Sie würden sich für Höllschrei entscheiden und Koak bot sich die perfekte Gelegenheit, seine Stärke unter Beweis zu stellen. Er konnte nicht mehr länger warten – die Zeit des Aufbruchs war gekommen, selbst wenn das bedeuten sollte, gegen die Orcs zu kämpfen, die im Lager über ihn gewacht und ihm Geschichten über seinen verlorenen Klan erzählt hatten, als er ganz allein war. Der Drachenmalklan verzeiht keinen Ungehorsam, sagte sich Koak, und ich sollte es auch nicht tun.

 

„Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist“, warnte ihn Flitze. „Wenn Ihr mich fragt, seid weder Ihr noch Eure Schlange bereit.“

 

„Ein wahrer Drachenmal-Orc würde schon längst mit seinen Kameraden bei einem Rennen durch den Himmel reiten“, erwiderte Koak. Er hielt einen Sattel in der Hand und ging in großen Schritten auf den Hügel zu, der das Ende der Rennstrecke markierte.

 

„Oh, hoppla!“, kicherte Flitze. „Ich wusste nicht, dass die Drachenmal-Orcs Rennen mögen! Passt mal auf: Wenn Ihr es schafft, Eure Schlange zu reiten, schulde ich Euch ein Rennen.“

 

„Abgemacht“, antwortete Koak. Er musste zugeben, dass Flitze trotz seiner Poltereien und seines Draufgängertums gelegentlich recht angenehme Gesellschaft bot.

 

Mit einiger Mühe stieg Koak den Hügel hinauf. Sein Bein schmerzte immer noch, wenn sein gesamtes Gewicht darauf lag und der Hang war nicht einfach zu erklimmen. Mürrisch fragte er sich, wie Ka Salzkoch es jeden Tag schaffte, seine Wagen bis zur Spitze zu ziehen.

 

Koak sah, wie seine Schlange ruhig im Schatten eines Baumes lag. In den überfüllten Rängen an der Ziellinie und rund um den Hügel herum standen alle Schüler und Reiter des Ordens.

 

Koak schaute zu Flitze herüber, der gespielt unschuldig mit den Schultern zuckte. „Vielleicht habe ich ein paar Leuten gesagt, dass Ihr versuchen werdet, Eure Schlange zu satteln“, gab er kleinlaut zu. „Egal“, murmelte Koak. So viele waren gekommen, um ihn zu sehen und zu beurteilen. „Das wird kurz und schmerzlos.“

 

Ohne die Zuschauer zu beachten, ging Koak zu seiner Schlange. Sie hob ihren Kopf, als sie ihn bemerkte und kniff beim Anblick des Sattels die Augen argwöhnisch zusammen. Die Schlange war in jeder Hinsicht gewachsen, doch das tiefe Blau ihrer Augen hatte sich nicht verändert.

 

Koak setzte an, den Sattel auf den Rücken der Schlange zu schwingen, die jedoch zur Seite wich. „Halt still“, sagte Koak. Er versuchte es noch einmal, aber die Schlange erwischte den Sattel mit ihrem Schwanz und schleuderte ihn fort. Das Tier schnalzte mit der Zunge und Koak wurde langsam wütend. Er glaubte zu hören, wie die zuschauenden Pandaren flüsterten und sich auf Kosten seines Stolzes über ihn lustig machten.

 

„Keine Spielchen mehr“, knurrte Koak. „Dafür haben wir trainiert!“

 

Er hob den Sattel auf, warf ihn der Schlange erneut über den Rücken und hielt sie mit seinem Arm fest. Sie heulte laut auf und rutschte zur Seite, woraufhin Koak das Gleichgewicht verlor. Er verdoppelte seine Anstrengungen und legte seinen Arm halb um die Schlange, während er versuchte, die Riemen des Sattels zuzuschnallen.

 

Aber die Schlange machte nicht mit. Sie schlug mit aller Kraft und aufgeregt um sich, wobei sie mit ihrem Schwanz fast einen Baum in der Nähe entwurzelte. Koak versuchte die Kontrolle zu erlangen, doch die Schlange war gelenkig und stark.

 

„Halt still!“, befahl er und schlug fest mit seiner Hand auf ihren Rücken. „Ich sagte: Halt still!“

 

Als die Situation zu eskalieren drohte, schnappte die gesamte Zuschauermenge nach Luft. „Koak, vielleicht solltet Ihr es etwas lockerer angehen!“, hörte er Flitze über den Lärm hinweg schreien.

 

Doch Koak und die Schlange rangen weiter miteinander, schlugen sich gegen den Baum und taumelten in die Ränge. Schnell zogen sich die Zuschauer auf die andere Seite des Hügels zurück. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte den Rücken der Schlange nicht erreichen und wurde mit einem letzten wilden Schlag gegen einen der Pfosten geschmettert, an dem das karierte Banner der Ziellinie angebracht war. Der Pfosten splitterte und krachte beim Aufprall, woraufhin er mit flatternden Seilen und Flaggen zusammenbrach. Doch Koak dachte nur an sein erst kürzlich verheiltes Bein, das beim Fallen unter ihm lag.

 

Schmerz durchzuckte seinen Körper und Koak spürte, wie ihm heißes Blut in die Wangen schoss und einen roten Schleier über seinen Blick legte. Wie konnte die Kreatur es wagen, sich ihm zu widersetzen? Nach allem, was er für sie getan hatte, nach all dem Training und der Hingabe! Er nahm sich ein Stück Seil, zielte damit, schwang es über seinem Kopf und ließ es nur wenige Zentimeter vom Gesicht der Schlange entfernt knallen.

 

„GEHORCHE MIR!“, brüllte er.

 

Seine Worte hallten in der erstaunten Stille wider. Die von diesem Ausbruch schockierte Schlange kauerte sich geräuschlos vor ihn. Gut! , dachte Koak. Lerne, mich zu fürchten! Lerne, wo dein Platz ist! LERNE, ZU GEHORCHEN! Koak schlug erneut mit dem Seil in die Luft und die Schlange kroch von ihm fort, als er sich näherte. Koak war wütend und er spürte seinen Puls laut und heftig in den Ohren.

 

Er hob den Sattel über den Rücken der Schlange und wollte die Riemen befestigen. Das Tier jaulte protestierend auf und wehrte sich.

 

„Du wirst gehorchen!“, knurrte Koak. Wieder schlug er mit dem Seil zu und traf diesmal die Schuppen der Schlange. Der angstvolle Schmerzensschrei der Kreatur hallte durch das Arboretum.

 

Sie wird mich hassen.

 

Koak schob den Gedanken beiseite. Natürlich würde die Schlange ihn hassen. So war das eben und Koak interessierte es nicht. Sie würde ihn hassen, wie die Drachen den Drachenmalklan und er Höllschrei gehasst hatte. Sie würde ihn hassen, wie jeder Sklave seinen Herrn hasst. Koak ergriff die Schlange bei den Hörnern und riss ihren Kopf herum, bereit, ihren Hass zu erleben und mit einem verhärteten Herz abzuwehren. Doch als er der Schlange in die Augen blickte, sah Koak keinen Hass. Er sah Enttäuschung, Verwirrung und Kummer, der so tief war, dass er darin hätte ertrinken können. Er sah kein schreckliches Monster, das gezähmt werden musste, sondern das verängstigte und verwaiste Jungtier, dessen Stimme in der Nacht, in der seine Mutter ihr Leben für seine Rettung geopfert hatte, vor lauter Schreien heiser geworden war. Er glaubte auch, Tränen in den Augen der Schlange zu sehen, erkannte dann jedoch schnell, dass es seine eigenen waren. Das Seil glitt ihm aus den Fingern, als sein Zorn in ihm erstarb. Bei den Ahnen, was hatte er getan?

 

„Ich wollte nicht ...“, stammelte er. „Das war nicht ...“

 

Die Schlange unterbrach ihn mit einem schrecklichen Brüllen, das Koak bis ins Mark erschütterte. Sie holte tief Luft, Brust und Hals blähten sich auf, dann stieß sie den Schrei mit der Gewalt eines Sturms aus. Koak ging in Deckung, als der Blitz über seinen Kopf hinweg zuckte und die ihm zu Berge stehenden Haare versengte. Die Schlange wand sich hinauf in die Luft und blickte auf ihn herab.

 

Koak wusste nicht, was er sagen oder denken sollte. Schweigend sah er, wie der Sattel vom Rücken der Schlange rutschte, auf den Boden krachte und in hundert Teile zerbrach.

 

Die Schlange drehte sich weg und verschwand über dem Meer. Koak stellte sich zitternd auf die Beine. Die Zuschauer hatten alles miterlebt. Seine plötzliche und vollkommene Schmach wurde nur noch von seiner Wut verborgen.

 

„Was habt Ihr erwartet?“, fragte er sie. „Was habt Ihr erwartet?! Ich bin ein Drachenmal-Orc! So machen wir das! So bin ich!“

 

Als er in die Menge schaute, entdeckte er eine Person mit grau werdendem Haar und jugendlichen Augen. Anli stand schweigend zwischen den Zuschauern und ihr vormals strahlender Blick war nun voller Traurigkeit.

 

Wir alle entscheiden uns für das, was wir sein möchten.

 

Die Pandaren gingen, ohne ein Wort zu sagen. Sie trotteten schweigend den Hügel hinab und Koaks Versagen lag wie ein Sargtuch über der Ziellinie. Flitze blieb noch einen Moment länger, aber Anli legte ihre Hand auf seine Schulter und schüttelte den Kopf. Dann waren auch sie verschwunden und Koak blieb allein zurück.

 

Er dreht sich zum Meer, in die Richtung, in welche die Schlange geflüchtet war. Er wusste, wohin es für sie ging, da er aus eigener leidvoller Erfahrung wusste, dass es nur einen Ort gab, an den alle Kreaturen zurückkehrten, wenn ihre Welt zerbrochen und ihr Herz in tausend Stücke zersprungen war.

 

Seine Schlange war auf dem Weg nach Hause.

***

 

Urplötzlich hatten sich dunkle Wolken am Himmel über dem Jadewald zusammengebraut, aus denen heftiger Regen auf das Meer prasselte. In den Stunden, seit die Schlange ihn verlassen hatte, war die Nacht hereingebrochen und Koak bemühte sich, die Kontrolle über seinen Körper zu behalten, während der Regen seine Kleidung durchnässte. Er hatte das Floß an derselben Stelle gefunden, an der er es Monate zuvor versteckt hatte und wie durch ein Wunder hatten ihm weder umherziehende Diebe noch die Elemente etwas anhaben können. Koak hatte diesen Elementen niemals sonderlich gehuldigt und als das Floß die Küste der Insel erreichte, fragte er sich, ob sie nur auf die richtige Gelegenheit gewartet hatten, ihn für diese Frechheit zu bestrafen.

 

Geplagt von den Kräften des Windes und Wassers nahm Koak seine alte Krücke in die Hand und trottete über den schlammigen Strand in Richtung des festen Bodens, entlang seiner eigenen Fußabdrücke aus jener schicksalhaften Nacht, in der er das Ei gefunden hatte. Kurze Zeit später erreichte er die Stelle, von der er wusste, dass er dort die Schlange finden würde.

 

Das Nest aus Stein war vollkommen zerstört – so, wie Koak es damals vorgefunden hatte. Von der Mutter war allerdings nichts zu sehen. Koaks Schlange saß zusammengerollt in der Mitte des Nests und ihre Mähne hing vom Regenwasser schwer herunter. Als sie sah, wie Koak sich näherte, zischte sie und zog sich in den hinteren Teil des Nests zurück. Der Anblick tat Koak in der Seele weh und erfüllte ihn erneut mit Scham.

 

„Ich bin nicht gekommen, um dir etwas anzutun!“, rief Koak über das Geräusch des strömenden Regens hinweg und genau so meinte er es auch. Er streckte seine Arme zur Seite, als er langsam auf das Nest zuging. Die Schlange heulte ihn an und stieg in die Luft auf. Sie zischte an ihm vorbei, landete auf einer Felsnase hoch über ihm und beobachtete ihn weiter mit offensichtlichem Argwohn. Koak warf seine Arme verzweifelt hoch, wobei er Regentropfen in alle Richtungen schleuderte.

 

„Selbst jetzt?“, fragte er eingeschnappt. „Selbst, wenn ich zu dir komme, um dich mit zerbrochenem Stolz um Verzeihung zu bitten? Selbst jetzt widersetzt du dich?“ Er platschte auf die gegenüberliegende Seite des Nests und seine Krücke fiel klappernd auf die Felsen. „Warum musst du immer so starrsinnig sein? Auf jeden Befehl reagierst du mit Aufsässigkeit – einfach nur so. Selbst jetzt, nachdem ich diesem verflixten Sturm auf der Suche nach dir getrotzt habe! Ein wahrer Drachenmal-Orc würde so etwas niemals durchgehen lassen! Ein wahrer Drachenmal-Orc ...“ Aber er verstummte, da seine Wut durch den Regenguss und seine eigenen unüberwindlichen Zweifel gelindert wurde.

 

„Ein wahrer Drachenmal-Orc“, krächzte er. „Als ob ich darüber etwas wüsste. Ich bin kein Drachenmal-Orc. Und ich werde niemals einer sein.“

 

Er sprach diese Worte, die schwer im strömenden Regen zwischen ihnen hingen, fast flüsternd. Plötzlich überkam Koak eine große Müdigkeit. Die Haut an seinen durchnässten Händen war verschrumpelt und seine Haare klebten an seinem Kopf. Er stieß einen lauten Seufzer aus, ließ ein Leben voller Qual in die kalte Nacht fahren und schloss seine Augen, während ihm der Regen über Brauen und Bart lief.

 

„Ich bin in einem Internierungslager aufgewachsen“, sprach Koak in die Stille, „doch geboren wurde ich in Grim Batol. Mein Vater hat mir immer erzählt, dass ich eines Tages auf dem Rücken eines großen Drachen reiten würde, dass der Drachenmalklan den Himmel und danach auch die restliche Welt beherrschen würde.“

 

Er schluckte den Frosch herunter, den er im Hals hatte. „Das war, bevor genau diese Drachen sich erhoben und den Klan bei lebendigem Leibe verbrannten. Wir verloren die Kontrolle und waren zu schwach, sie zurückzuerlangen.“

 

„Danach fanden mich die Menschen und legten mich in Ketten, weil mir die Kraft fehlte, mit dem Rest meines Klans zu fliehen. Mein Leben als Sklave endete erst, als Thrall die Mauern des Lagers einriss, so wie es der rote Drachenschwarm mit den Drachenmal-Orcs getan hatte. Nun ja, so ist die Welt eben. Stärke bringt Freiheit, Schwäche bringt Knechtschaft.“

 

„Nun gehört der Drachenmalklan zu Höllschrei“, sagte er und die Erkenntnis schnürte ihm die Kehle zu. „Sie sind abhängig von seinen lebenswichtigen Lieferungen und seiner militärischen Unterstützung. Sich ihm zu widersetzen, würde die Vernichtung bedeuten. Man kann die Ketten zwar nicht sehen, aber trotzdem gibt es sie. Solang sie nicht zerbrochen sind, stehen wir unter Höllschreis Befehl. Und nach all diesen Jahren suche ich immer noch eines – die Kraft, die Kontrolle zurückzuerlangen.“

 

Koak atmete langsam und tief ein und danach wieder aus, bis seine Lungen nach Luft schrien. Er schaute in den Himmel, zu den Gewitterwolken und auf den herabfallenden Regen. Er weinte und die Tränen liefen so frei wie in der Nacht, als sein Klan vernichtet worden war. Ein Teil von ihm wollte glauben, dass ihre Geister sich seinem Wehklagen anschlossen.

 

Er hört ein kratzendes Geräusch über sich und sah, wie die Schlange die Felsenspitze zu ihm hinunterkroch und sich zum Schutz gegen Wind und Regen zusammenrollte. Koak streckte vorsichtig die Hand aus, legte sie auf ihren Kopf und streichelte sanft ihre Mähne. Einen kurzen Augenblick lang spürte er in ihr eine Anspannung, die jedoch schnell wieder verflogen war.

 

Still saßen sie nebeneinander und warteten auf das Ende des Gewitters – so, wie sie es in den ersten fünf Lebenstagen der Schlange getan hatten. Als der Regen aufhörte, der Wind verstummte und Koak die Reflexionen der Monde auf dem Meer sehen konnte, schlummerte die Schlange friedlich und kleine Rauchfahnen strömten aus ihren Nasenlöchern.

 

Koak legte seinen Arm um die Schlange, schloss die Augen und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

***

 

Koak hatte den Morgen nach einer Nacht mit heftigem Regen schon immer gemocht. Die klare Luft und das glitzernde Blätterwerk nach einem Regenguss, die Art und Weise, wie alles frisch und neu war, munterten ihn auf. Er erwachte unter grauem Himmel, roch den Duft des Regens und sah einen Nebel, der so dicht war, als läge die gesamte Welt unter einer Wolke verborgen. Koak war überrascht, jedoch nicht erschrocken, als die Älteste Anli wie ein Geist in einem Traum aus dem Nebel trat.

 

„Es war recht einfach, Euch zu finden“, erklärte die alte Pandaren. Sie betrat einen engen, gewundenen Pfad an der Seite der Spitze und winkte sie herbei. Beide folgten ihr, wobei Koak allerdings davon ausging, dass die Schlange es nur wegen Anli tat.

 

„Die meisten Schlangen finden ihr Zuhause auf der Windwärtsinsel“, fuhr Anli fort, „aber manche – die eigensinnigen, die die Unabhängigkeit und das Alleinsein schätzen – rasten auf den verlassenen Spitzen um die Insel herum.“

 

„Und Ihr habt geglaubt, meine Schlange käme nach ihrer Mutter“, sagte Koak.

 

Anli lächelte. „Oder vielleicht nach ihrem Reiter.“

 

Sofort stieg Kummer in Koak auf. „Ich bin nicht ihr Reiter. Das ist wohl unmissverständlich klar.“

 

„Warum seid Ihr dem Tier dann den ganzen Weg gefolgt?“, fragte sie.

 

Koak schaute hinauf in den Himmel und dachte an das Kriegsschiff der Allianz, das ihn abgeschossen hatte und den Suchtrupp, der nie gekommen war. „Höllschrei hat mich auf dieser Insel zurückgelassen“, antwortete er. „Das werde ich meiner Schlange nicht antun.“

 

„Ihr scheint diesen Höllschrei nicht zu mögen“, bemerkte Anli.

 

Koak dachte lange über seine Antwort nach. „Die Horde ist seine Armee“, sagte er schließlich, „aber wir sind nicht sein Volk.“ Diese Worte kamen einem Verrat gleich, aber nur Anli konnte sie hören. „Garrosh verlangt Loyalität, was für ihn allerdings nur bedeutet, auf seinen Befehl hin zu sterben. Er weiß überhaupt nicht, was Loyalität ist. Thrall hat Loyalität hervorgebracht. Was Garrosh will, ist Gehorsam.“

 

Anli nickte verständnisvoll. „Das ist nicht immer das Gleiche.“

 

Koak warf seiner Schlange einen Blick zu. „Nein“, räumte er ein, „wohl nicht.“

 

Sie gingen schweigend weiter und erreichten schließlich den Gipfel der Spitze. Die Gebirge und die sattgrüne Küste, die er vor langer Zeit von der Windspitzenbrücke aus erblickt hatte, lagen unter dem Nebelschleier des Meeres. Ein leichter Nieselregen ließ kalte Tropfen auf Koaks Schultern und Brust fallen.

 

„Ihr seid zu uns gekommen“, sagte Anli, „weil Ihr glaubtet, wir wären große Krieger. Und als ihr saht, wie liebevoll wir unsere Schlangen behandeln, dachtet ihr, dass die Geschichten nicht stimmen.“

 

„Aber als ich Euch nach dem Unterschied zwischen Stahl und Eisen fragte“, fuhr sie fort, „habt ihr mir gesagt, dass Stahl widerstandsfähiger sei.“

 

„Ja, ich erinnere mich“, antwortete Koak leicht verwirrt. „Worauf wollt Ihr hinaus?“

 

Anli schlenderte zur Kante der Spitze und blickte in den undurchdringlichen Nebel. „Ihr schreckt vor Fürsorglichkeit zurück, aber den widerstandsfähigsten Stahl erhält man durch Liebe. Ein Schmied faltet ihn mit äußerster Sorgfalt, hunderte und aberhunderte Male. Und so macht es auch der Orden der Wolkenschlange. Wir sind die Schmiede und die Schlangen sind unser Stahl.“

 

Anli winkte ihn herbei. Als er neben ihr stand, legte sie eine Pfote auf seine Brust und sah ihm in die Augen.

 

„Bei Eisen ist es anders“, sagte sie. „Der Schmied erhitzt das Metall und bearbeitet es mit dem Hammer, um es in die gewünschte Form zu bringen. Wenn es abkühlt, wird es schwarz und brüchig. Und obwohl es eine Zeit lang widerstandsfähig erscheinen mag, wird es doch genau dann brechen, wenn man es am meisten braucht. Versteht Ihr, Koak?“

 

Es schmerzte ihn, das zu hören, aber Koak wusste, dass es die Wahrheit war. So war der Drachenmalklan und so war auch seine grausame Verbindung zwischen Orcs und Drachen. „Ich verstehe“, sagte er, während er die still hinter ihnen sitzende Schlange anschaute, „aber was geschieht, wenn der Schmied einen Fehler macht?“

 

„Dann muss er ihn beheben“, antwortete sie, „solange das Metall noch heiß ist.“

 

Anli tat einen Schritt von der Kante der Spitze. Koak blieb stehen und war nicht überrascht, als sie auf dem Rücken ihrer Schlange wieder auftauchte. „Ihr habt mir einmal gesagt, dass Ketten effektiver als Entscheidungen sind. Nun, Ihr habt versucht, Eure Schlange in Ketten zu legen. Vielleicht solltet Ihr einmal versuchen, sie eine Entscheidung treffen zu lassen.“

 

Koak sah zu, wie Anli fortflog. Er fragte sich, ob er jemals das Gleiche tun würde. Sie verschwand im Nebel und Koak blieb allein mit seiner Schlange zurück. Der Schleier war überall und verbarg den Rest der Welt, doch er wusste, dass einen Schritt weiter ein gefährlicher Abgrund lag – so wie der, der ihn in seinen Träumen verfolgte. Er fühlte sich, als wäre er sein ganzen Leben lang gefallen. Und er war es leid. Anli wollte, dass er seine Schlange eine Entscheidung treffen ließ? Dann sollte es auch eine richtig schwere werden.

 

„Schlange“, rief Koak. Er bemerkte, dass er ihr immer noch keinen Namen gegeben hatte. Die Schlange schaute zu ihm hinauf und blickte ihm in die Augen. Sie sah, was er vorhatte und öffnete protestierend das Maul. Aber er gab ihr keine Gelegenheit dazu.

 

Koak machte einen Schritt von der Spitze und in die Leere.

 

Sofort stürzte er kopfüber durch Wolken und Nebel auf den unsichtbaren Strand unter ihm zu und sein Alptraum wurde zu einer schrecklichen Realität. Meine Schlange wird mich nicht retten, dachte Koak plötzlich. So werde ich also sterben.

 

Er hörte einen vertrauten Schrei von oben, schaute hinauf und sah einen langen, gewundenen Schatten, der zu ihm hinunterflog. Seine Schlange tauchte aus dem Nebel auf und flitzte ihm zur Seite. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

 

Koak war noch nie glücklicher darüber gewesen, Unrecht zu haben. Aber als sich die Schlange näherte, dachte er mit einem unheilvollen Gefühl daran, dass es keinen Sattel und keine Zügel gab, die ihm auf ihren Schuppen Halt bieten könnten. Panik bohrte sich tief in Koaks Herz. Verzweifelt und mit den Armen fuchtelnd griff er nach der Schlange.

 

Die Schlange brüllte, reckte den Hals und schaute ihm in die Augen. Koak erwartete, Furcht, Zweifel oder Trübsinn zu sehen. Aber auch hier lag er falsch.

 

Was er sah, war Stärke.

 

Koak lockerte seinen Griff und gab die Kontrolle ab. Schnell stürzte sich die Schlange unter ihn und fing ihn mit einer Krümmung ihres Rückens auf. Koak erkannte ihre Bewegungen instinktiv und legte seine Arme im Moment des Aufpralls um ihren Körper, so wie sie ihren Körper als Jungtier viele Male um seinen Arm geschlungen hatte.

 

Mit einem Brüllen, das den Himmel erschütterte und über dem Meer widerhallte, zog die Schlange mit aller Kraft nach oben. Koak spürte, wie das Wasser gegen sein Gesicht spritzte, als sie die Wellen streiften. Dann stiegen sie hinauf und der Nebel lichtete sich wie ein Vorhang aus Samt. Das Meer, die Küste, die Spitzen, die Brücke und schließlich der gesamte Jadewald wurden unter ihnen immer kleiner. Koak lachte, halb vor Erleichterung, halb vor ungläubigem Staunen.

 

Seine Schlange hatte ihn nicht fallen lassen.

 

„Danke“, rief Koak und lächelte sie an. Die Schlange schaute zu ihm nach hinten und Koak hätte schwören können, dass er ein Grinsen sah.

 

Sie brachen durch die Wolken ins gleißende Licht der Sonne. Die Schlange flog einen Überschlag und selbst ohne Zügel oder Sattel blieb Koak sicher. Er hielt sich fest, als sie durch den Himmel glitten – frei, stark und schnell wie der Blitz. Im Sonnenlicht glänzten die Schuppen der Schlange hell wie poliertes Metall.

 

„Stahl“, sagte Koak, ohne nachzudenken. Die Schlange reckte wieder ihren Hals, um ihn anzuschauen. „Dein Name ist ‚Stahl‘.“

 

Die Schlange brüllte voller Zustimmung. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schossen sie hinab unter die Wolken und Koak brüllte jubelnd in den Wind. Koak flog – nein, sie flogen. Gemeinsam, zusammengeschmiedet. Es war anders, als Koak es sich je vorgestellt hatte, aber es war so, wie er es sich erhofft hatte.

 

Stahl trug ihn fort von der östlichen Küste und als sie über das Arboretum flogen, sah Koak, wie die Mitglieder des Ordens der Wolkenschlange an ihren offenen Ställen versammelt waren und ihm mit breitem Lächeln zuwinkten. Flitze hob seine Pfote hoch in die Luft, als wäre Koaks Triumph sein eigener gewesen und Anli ließ der Stolz der Lehrerin erstrahlen.

 

„Ihr schuldet mir ein Rennen, Koak!“, rief Flitze ihm zu.

 

Koak lachte. „Das sollt Ihr bekommen!“, brüllte er. „Aber zuerst gibt es noch etwas anderes zu tun!“

 

Stahl flog weiter, über die Baumwipfel des Arboretums und die Dächer von Morgenblüte, zum Tal der Ewigen Blüten und zum Schrein der Zwei Monde. Koak hatte ebenfalls eine Entscheidung getroffen. Sein Volk brauchte ihn – nicht der Drachenmalklan, sondern die Horde.

 

Der Orden der Wolkenschlange hatte Koak etwas Wichtiges gelehrt. Wahre Loyalität kann man nicht erzwingen – man kann sie sich nur verdienen. Er hatte seine Schlange großgezogen, für sie gesorgt und sich ihr anvertraut und als Gegenleistung hatte sie sein Leben gerettet. Die Horde hatte das Gleiche für ihn getan: Sie hatte ihn aufgenommen und ihm eine Familie gegeben, als er ein Waisenkind war. Nun würde Koak sich an ihrer Seite Höllschrei und dem Drachenmalklan entgegenstellen.

 

Dies würde ihn für immer zu einem Ausgestoßenen seines Klans machen. Aber die Horde war gegründet worden von Ausgestoßenen und Rebellen, heimatlosen Flüchtlingen, die sich auf niemand sonst verlassen konnten. Gemeinsam hatten sie sich ein eigenes Zuhause aufgebaut: Orgrimmar.

 

Und gemeinsam würden sie es zurückerobern.

 

„Für die Horde!“, rief Koak. Nun erinnerte er sich wieder an die Bedeutung dieser Worte. Für die Horde zu kämpfen hieß, für seine Brüder und Schwestern zu kämpfen, die Stärke des Einzelnen mit der Stärke vieler zu vereinen, um eine unverbrüchliche Verbindung zu erhalten.

 

Das war die wahre Stärke der Horde – die Stärke des Stahls.


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