Die Suche nach Pandaria

Teil 2


„Nur damit ich Euch richtig verstehe. Ihr wollt mir sagen, dass ich nicht mit König Magni sprechen kann, weil er sich in einen Stein verwandelt hat?“

 

Vor dem Rat der drei Hämmer im Thronsaal der ausgedehnten unterirdischen Zwergenstadt Eisenschmiede machte sich Li Li so groß sie konnte, hielt ihren Stock fest in der Hand und schob das Kinn vor, um so aufgebracht wie möglich zu wirken.

 

„So ein Unsinn“, sagte sie.

 

„Das ist die Wahrheit!“, antwortete ihr der Zwerg in der Mitte. „Ihr könn' zur Altstadt von Eisenschmiede geh'n un' selbs' nachschau'n! Mein Bruder hat kurz vor der Katastrophe ein Ritual zur Verbindung mit der Erde durchgeführt.“ Muradin Bronzebart ballte seine Finger zur Faust. „Un' das kam dabei raus.“

 

„Ihr seid ziemlich unverschämt, den Rat der drei Hämmer der Lüge zu bezichtigen“, fügte Moira Thaurissan mit betont sanfter Stimme hinzu. „Wenn sich euer Volk auch so verhält, bin ich nicht traurig darüber, es bisher noch nicht kennengelernt zu haben.“

 

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, murmelte Li Li leise vor sich hin. Dann wandte sie sich an alle drei Mitglieder des Rats. „Ich höre heraus, dass Ihr mir nicht helfen könnt.“

 

Muradin schüttelte den Kopf. „Das können wir leider nich'. Was Magni Euch eins' auch immer versproch'n haben mag, jetzt kann er's nich' mehr un' der Rat is' sich über Euch nich' einig.“

 

„Na gut. Dann verschwinde ich mal wieder.“ Li Li drehte sich um und wollte gehen.

 

„Manieren, junge Dame“, ermahnte sie Moira. Li Li hielt einen Moment inne, dreht sich dann mit einer sanften Bewegung um, legte einen Arm über ihren Bauch und neigte sich mit einer übertriebenen Verbeugung nach vorn.

 

„Oh großer Rat der drei Hämmer, Euer Taktieren verdient höchste Anerkennung! Ihr habt bewiesen, nicht weniger als der sprichwörtliche Baum zu König Magnis Borke zu sein, und ich fühle mich äußerst geehrt, zwischen den beiden zu stehen.“ Moiras Ausruf der Empörung wurde teilweise von Falstad Wildhammers schallendem anerkennendem Gelächter übertönt, und als Muradin es endlich geschafft hatte, beide niederzuschreien, war Li Li schon längst auf und davon.

***

 

In der Steinfeuertaverne war mehr von der erwarteten Gastfreundschaft der Zwerge als im Thronsaal zu spüren. Vergnügt plaudernde Gäste saßen an den Tischen, um gemeinsam zu lachen und zu trinken. Trotzdem zog Li Li es vor, allein im hinteren Teil der Taverne zu sitzen. Obwohl sie eine Art Kuriosität für die anderen war, ließen sie sie allein mit ihrem Bier schmollen.

 

„Es war wohl dumm von mir, den Kranich fortzuschicken, bevor ich mit dem Rat geredet hatte“, murmelte sie. „Ich habe ja auch nicht erwartet, dass der König von Eisenschmiede sich in einen Stein verwandelt hat.“ Sie schlürfte ihr Bier, nickte zustimmend und stützte sich auf ihren Ellbogen, während sie geistesabwesend die Muster auf dem Holztisch nachverfolgte. Tief in Gedanken versunken hörte sie nicht die Schritte, die sich ihr von hinten näherten, bis ein Schatten über sie fiel. Li Li blickte nicht auf. „Hau ab, ja? Ich bin beschäftigt.“ Die Antwort war ein vertrautes Kichern. „Zu beschäftigt, um etwas mit deinem Onkel zu trinken? Das ist schade.“ Li Li sprang auf und drehte sich auf dem Absatz um. Chen stand mit einem Rucksack und seinem Stock vor ihr. „Onkel Chen!“ Sie nahm ihn in den Arm. „Ähm, tut mir leid, dass ich so unhöflich war.“ Chen lachte, drückte sie liebevoll und setzte sich neben sie. „Kein Problem. Du ahnst wahrscheinlich schon, warum ich hier bin.“ Li Li stieß einen Seufzer aus und setzte sich hin. „Papa hat dich geschickt, um mich nach Hause zu holen.“

 

„Hat er, aber das werde ich nicht tun. Ich habe deinen Brief gelesen und außerdem erfahren, dass Wanyos Perle verschwunden ist.“

 

Li Li versuchte ihren verlegenen Gesichtsausdruck zu kontrollieren, versagte dabei aber kläglich. Chen hob eine Augenbraue.

 

„Und?“

 

Li Li wusste, dass sie erwischt worden war, holte tief Luft und erzählte, was sie vor ihrem Aufbruch nach Eisenschmiede in der Perle gesehen hatte.

 

Chen nippte nachdenklich an seinem Getränk. „Ich war mir ziemlich sicher, dass du versuchen würdest, Pandaria zu finden, da wir darüber ja schon mal gesprochen hatten. Du hast von dieser Perle wirklich eine Vision erhalten?“

 

Li Li nickte begeistert. „Deshalb habe ich sie mitgenommen. Ohne Grund hätte sie mir diese Vision nicht gewährt!“

 

Chen blickte sie kurz von der Seite an. „Ich vertraue irgendwelchen magischen Perlen, die Wanyo von einem Murloc erhalten hat, nicht wirklich, aber ich vertraue deiner Einschätzung, Li Li.“

 

„Ich bin mir ganz sicher, Onkel Chen!“

 

„In Ordnung. Also, was werden wir jetzt tun?“

 

Li Li rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Tja, es hat sich nicht alles nach meiner Vorstellung entwickelt und ich, äh, habe keinen wirklichen Plan B.“

 

Chen grinste. „Du hast doch gesagt, dass einem die Perle Visionen verleiht, oder?“

 

Li Lis Handfläche traf mit einem überzeugenden „Platsch“ auf ihre Stirn. „Natürlich. Warum habe ich daran nicht schon früher gedacht?“ Sie trank den Rest ihres Biers aus und sprang auf. „Komm. Die Perle ist in meinem Zimmer.“

***

 

Li Li saß auf der Kante ihres Betts, hielt die große Perle zwischen den Händen und ließ sich von dem beruhigenden Leuchten in Trance versetzen. Sie zwinkerte und schloss die Augen im fahlen Schein der Perle. Als Sie sie wieder öffnete, stand sie an einem Kai und blickte hinaus auf das hellblaue Meer. In der Mitte des Naturhafens erhob sich eine große Insel, auf deren Kuppe eine ramponierte Granitstatue eines einarmigen Goblins stand. Li Li drehte sich im Kreis, um sich die Umgebung anzusehen. Baufällige hölzerne Piere und Häuser waren U-förmig um die Bucht herum angeordnet. Zwischen den Gebäuden erblickte Li Li dunkelgrüne Palmenzweige und weitere dichte Dschungelvegetation. „Was hast du gesehen?“ Chens Stimme holte Li Li in die körperliche Welt des Zimmers in Eisenschmiede zurück. Sie legte die Perle wieder in ihren Rucksack neben dem Bett und verbarg sie sorgfältig unter einem Tuch.

 

„Beutebucht“, antwortete sie. „Was?“ Chen setzte sich neben sie. „Bist du sicher? Wäre es nicht einfacher, von Sturmwind aus zu reisen?“ „Ja, aber es war eindeutig in Beutebucht.“ Sie seufzte, ließ sich auf den Rücken fallen und legte einen Arm über ihr Gesicht. „Beutebucht ist so weit weg!“ Chen schnalzte mit der Zunge und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Nach kurzer Zeit klatschte er die Hände zusammen und sprang auf.

 

„Los, Li Li. Wir haben einiges zu Laufen. Erinnerst du dich? Das Leben ist ein Abenteuer!“

 

Li Li hob ihren Arm ein kleines Stück, um Chen einen Blick zuzuwerfen. Seine Augen funkelten schelmisch und sie verspürte plötzlich den Drang, ihm gegen die Füße zu treten. Nicht, dass sie sich großartige Hoffnungen machte, ihn zu überraschen – aber der Gedanke war äußerst angenehm.

 

„In Ordnung, in Ordnung.“ Sie setzte sich auf. „Dann mal los.“

***

 

Sie nahmen die südliche Tiefenbahn nach Sturmwind und fuhren zurück entlang der Strecke, auf der Li Li mit Bo auf ihrer ersten Reise durch Azeroth unterwegs gewesen war. Dieses Mal bereitete ihr die Fahrt nicht mehr ganz so viel Spaß, da sie Bos Verlust intensiv spürte, als sie an den Orten vorbeifuhren, die sie gemeinsam bereist hatten. In der Bahn hatten beide gegen einen Goblin gekämpft, bei dem sich später herausstellte, dass er für dasselbe Gespann aus Naga und Orc arbeitete, das für Bos Tod verantwortlich war. Im Nachhinein wünschte sich Li Li, dass sie die Gefahr für sich und Bo besser hätte einschätzen können. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Li Li zwang sich dazu, diese Gedanken beiseitezuschieben. Es ergab keinen Sinn, über Dinge nachzugrübeln, die man nicht mehr ändern konnte. Sturmwind hatte sich jedoch verändert, und zwar mehr, als sie es je hätte vorstellen können. Außer dem neuen Bau im Zwergendistrikt, in dem die Bahn eintraf, konnte sie verkohlte Dächer, ausgebrannte Gebäude und zerstörte Steinzinnen auf den höchsten Türmen sehen. Überall in der Stadt gab es klare Anzeichen von Feuerschäden. Chen sprach einen Händler an, um zu erfahren, was geschehen war.Der Händler runzelte die Stirn. „Todesschwinge“, sagte er. Chen drängte ihn, weitere Informationen herauszurücken. „Der große Drache Todesschwinge?“ „Ja.“ Der Händler zuckte die Achseln. „Ich hatte noch nie von ihm gehört, aber er war wohl in seinem Versteck. Zumindest sagen das die Gelehrten. Auf jeden Fall kam er zurück, verbrannte den Park und legte die halbe Stadt in Schutt und Asche.“ Die Erinnerung daran ließ ihn erschaudern. „Das war der schlimmste Tag meines Lebens, als ich sah, wie diese riesige Bestie Feuer auf uns herabregnen ließ. Ich dachte, die Welt würde untergehen.“

 

„Danke,“, sagte Chen. Als Anerkennung kaufte er bei dem Händler ein kleines Schmuckstück.

 

„Ich weiß, dass du in meinen Tagebüchern etwas über Drachen gelesen hast, Li Li“, sagte ihr Chen, als sie weitergingen. „Vor einer Weile gab es diese schrecklichen Wellen auf Shen-zin Su. Das muss zu der Zeit gewesen sein, als Todesschwinge auf die Welt zurückkehrte.“ Er blickte hinauf zum Himmel und Li Li fragte sich, ob er vielleicht erwartete, den legendären ehemaligen Aspekt vorbeifliegen zu sehen.

 

Li Li nickte. Sie wusste ein paar Dinge über die Drachen, doch Chen hatte auf jeden Fall mehr Informationen und die Nachrichten über Todesschwinge schienen ihn sehr zu beunruhigen.

 

Sie verweilten einige Tage in Sturmwind, um Vorräte für ihre Reise anzulegen. Der Weg nach Süden war lang und bis Beutebucht gab es keine größeren Städte. Nachdem sie alles besorgt hatten, gingen sie los und ließen den regen Betrieb der Stadt hinter sich.

 

Obwohl Sturmwind stark beschädigt worden war, sah der Wald von Elwynn im Großen und Ganzen wie vorher aus und nichts auf ihrem Weg erschien Li Li ungewöhnlich. Das Schlingendorntal war eine gänzlich andere Geschichte. Auf ihrem Weg über den schmalen und ausgetretenen Dschungelpfad waren die Zeichen von Todesschwinges Rückkehr überall zu sehen – von zerstörten Waldgebieten bis hin zu neu gegründeten Siedlungen der Allianz und der Horde. An einigen Stellen war die Straße wirklich gefährlich. Als sie in Beutebucht ankamen, war der Anblick der Stadt eine wahre Wohltat. Die unter Kontrolle des Dampfdruck-Kartells stehende kleine Ansiedlung erstreckte sich über die Spitze des Schlingendornkaps mit dem unvergleichlichen Trotz der endgültig Gebrochenen. Alle Arten brutaler Halsabschneider und blauäugiger Abenteurer wollten in Beutebucht Geld machen oder ganz einfach der Verfolgung in den größeren Städten entgehen. Li Li und Chen betraten die klapprigen Holzpfade mit einer Mischung aus Erleichterung und Freude.

 

„So sehr ich das Reisen auch liebe: Es wird toll sein, heute Nacht in einem Bett zu schlafen.“ Chen seufzte glücklich. Li Li wusste, dass Beutebucht einer seiner Lieblingsorte in Azeroth war. „Die Straßen in diesem Teil der Welt könnten mal ein bisschen ausgebessert werden“, schnaubte Li Li. „Wäre es zu viel verlangt gewesen, ein Schild aufzustellen? ‚Warnung: Dieser Weg endet in einem riesigen Todesstrudel‘!“ Chen wurde schnell sachlich.

 

„Todesschwinge hat wirklich einiges zertrümmert.“

 

„Aber Beutebucht wirkt noch intakt.“

 

„Ich glaube, es wären mehr als ein paar riesige Todesstrudel nötig, damit die Goblins diesen Ort aufgeben.“ Chen zwinkerte und lächelte wieder. „Los, Li Li. Hier gibt es einen Becher mit schrecklichem Goblin-Grog, auf dem mein Name steht.“

***

 

Die Taverne „Zum Salzigen Seemann“ wäre keinem Architekten jemals aufgefallen – höchstens als Lehrbuchbeispiel für Baufälligkeit. Die heruntergekommene, alte Bruchbude wirkte unvollkommen und desorganisiert. Die zusätzlichen Stockwerke und Zimmer waren einfach dort angebaut worden, wo der stetige Strom von Gästen die Kapazität des Gebäudes überstiegen hatte. In Beutebucht ging es den Eigentümern zuallererst nicht um Sicherheit und Stabilität – hier galt: Kaufen auf eigene Gefahr! Für redliche Touristen mochte die berüchtigte Kneipe also kein geeignetes Ziel sein, doch für Unterdrückte, Kleinkriminelle, Seeleute oder anderweitige Gestalten, die eher zum Rand der Gesellschaft gehörten, war sie genau das Richtige. Es gab eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich zu verstecken oder andere ungesehen zu beobachten.

 

Und genau das war eine von Catelyns beliebtesten Methoden, sich die Zeit zu vertreiben. Von ihrem Aussichtspunkt im halbgeschossartigen zweiten Stock konnte sie gut erkennen, wer hier alles ein- und ausging. Natürlich hatte sie dabei stets mögliche Gelegenheiten im Blick.

 

Nach Beutebucht kamen ungewöhnliche Leute. Trotzdem war Catelyn wirklich überrascht, zwei Pandaren durch die Tür kommen und Skindel ein paar Münzen auf die Theke legen zu sehen. Sie hatte schon von diesem Volk gehört, jedoch noch nie einen Pandaren mit eigenen Augen gesehen. Irgendetwas an ihnen weckte Catelyns Neugier. An ihren Stöcken und Rucksäcken erkannte sie schnell, dass es sich um Reisende handelte. Sie beobachtete, wie sie sich mit einem Bier an einen leeren Tisch setzten, und ging langsam an der Treppe entlang, um mehr über die beiden faszinierenden Fremden zu erfahren.

***

 

Chen bewegte den Metallbecher sanft zwischen seinen Händen und beobachtete, wie das Bier darin hin- und herfloss. „Es ist auf jeden Fall noch so schlecht, wie ich es in Erinnerung habe“, kommentierte er. „Pandaren brauen Bier, um einen Effekt wie Schießpulver zu erhalten“, sagte Li Li, „aber ich bin mir sicher, dass die Goblins es mit Schießpulver brauen.“ Nachdenklich tippte Chen an sein Kinn. „Li Li, kannst du dich noch an andere Dinge erinnern, die du über die Perle gehört hast?“ Li Li hielt mit ihrem Becher auf halbem Weg zum Mund inne.

 

„Ich habe dir und Papa alles erzählt, was mir die Naga gesagt hatte, und Wanyos Bericht hat es bestätigt.“

 

„Du hast also doch bei diesem Treffen gelauscht.“

 

Li Li starrte Chen an. „Das war ein schmutziger Trick!“

 

Chen lachte. „Das hast du alles selbst gemacht, Li Li.“ Mit einem verschmitzten Augenzwinkern hob er mahnend den Finger.

 

„Ja, in Ordnung, ich habe gelauscht“, schnaubte sie. „Na und?“

 

„Ich denke nur über diese Perle nach. Wir wissen nichts über sie, außer dass irgendeine Naga sie unbedingt in die Finger bekommen wollte und man Visionen von ihr erhält, und trotzdem folgen wir ihren Hinweisen.“

 

Li Li verstand, was Chen sagte, vertraute jedoch der Perle instinktiv.

 

„Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Vielleicht ist die Perle gefährlich. Aber sie fühlt sich nicht böse an. Es ist nichts Unheimliches an ihr.“

 

„Seinen Instinkten zu vertrauen, ist durchaus vorteilhaft, wenn es um Magie geht. Trotzdem sind die Naga normalerweise nicht besonders nett und rücksichtsvoll. Wenn eine Naga sie haben wollte, verfügt sie wahrscheinlich über zerstörerische Kräfte.“ Als Chen Li Lis Gesichtsausdruck sah, fügte er hinzu: „Ich versuche nur, auf dich aufzupassen, wie Po mich gebeten hat.“

 

Li Li stellte ihren Krug etwas fester als sonst auf den Tisch und blickte mürrisch zur Wand. Chen nahm das Thema noch einmal auf.

 

„Bist du immer noch verärgert, Li Li?“

 

„Ich werde nicht in die Bucht fallen und ertrinken oder so.“

 

Chen wollte lieber keinen Streit mit seiner Nichte haben.

 

„Ich weiß, dass du stark bist, und ich weiß, dass du kein Kind bist. Dein Vater macht sich ganz einfach Sorgen um dich.“ „Es gefällt ihm noch nicht mal, wenn wir mit den Fischerbooten unterwegs sind. Was Mama geschehen ist, jagt ihm wohl zu viel Angst ein. Aber wenn es nach ihm ginge, würde ich den ganzen Tag zu Hause sitzen, im Garten arbeiten, kochen und niemals etwas Interessantes machen.“ Li Li lehnte sich zu Chen. „Die Perle hat mir eine Vision gewährt. Es ist meine Aufgabe, und wenn ich sie abgeschlossen habe, wird Papa zugeben müssen, dass es falsch war, mich aufhalten zu wollen!“ „Väter können ganz schön anstrengend sein, was?“ Chen und Li Li blickten beide in Richtung der neuen Stimme. Die Sprecherin hielt ihre Hände beschwichtigend nach oben.

 

„Tut mir leid, dass ich euch unterbrochen habe. Die Taverne ist ganz schön voll und ich habe einfach unabsichtlich gelauscht.“ Sie zog einen leeren Stuhl heran und setzte sich neben Li Li. Die blasse Menschenfrau ließ ihre Tasche neben dem Tisch auf den Boden fallen. Anmutig legte sie einen Knöchel über ihr Knie und einen Arm über die Stuhllehne. „Ich heiße Catelyn“, stellte sie sich vor. „In dieser Gegend nennt man mich Catelyn die Klinge.“ Sie schob eine rotbraune Locke hinter ihr Ohr. „Das hört sich zugegebenermaßen etwas theatralisch an, klingt aber auch irgendwie gut, oder?“ „Klingt schneidig“, sagte Li Li. Catelyn lachte. „Du bist ziemlich intelligent!“ Sie grinste. „Ich habe euer Gespräch gehört. Um ehrlich zu sein, habe ich ohne nachzudenken geredet. Eure Geschichte klingt so vertraut.“ „Vertraut?“ „Ich habe etwas Ähnliches erlebt“, sagte Catelyn, während sie zur Decke blickte. Mit einer Hand klopfte sie auf ihr überkreuztes Bein. „Mein Vater ist ein spießiger alter Gelehrter und wollte, dass ich auch so werde. Ich konnte dieses Leben nicht ausstehen und er konnte den Gedanken nicht ausstehen, dass ich irgendetwas anderes mache, als er es will. Also bin ich gegangen. Das war vor vielen Jahren und die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe.“

 

„Tut mir leid, dass du dich nie mit deinem Vater versöhnen konntest“, sagte Chen höflich.

 

Catelyn zuckte mit den Achseln. „Das ist wirklich seine eigene Schuld. Wäre er bereit gewesen, mir zuzuhören, hätte ich nicht hinter seinem Rücken verschwinden müssen.“ Sie blickte zu Li Li herüber und kratzte sich unter dem Tisch an der Wade. Li Li starrte mit gerunzelter Stirn konzentriert auf ihr Bier.

 

„He“, sagte Catelyn mit etwas sanfterer Stimme zu ihr. „Tut mir leid, wenn ich das vielleicht nicht hätte sagen sollen. Ich wollte dich nur ein bisschen aufmuntern. Du musst du selbst sein und dein eigenes Leben führen! Wenn dein Vater das nicht verstehen kann, ist das nicht dein Problem.“

 

„Er macht es aber gerne zu meinem Problem“, murmelte Li Li. Chen kniff die Augen zusammen.

 

„Er wird es akzeptieren, Li Li“, sagte er.

 

„Vielleicht wird er es, vielleicht auch nicht“, antwortete Catelyn. „Mein Vater hat es nie akzeptiert. Aber ich bereue meine Entscheidungen nicht.“ Sie stand auf und nahm ihre Tasche. „Und ich bezweifle, dass du das wirst. Viel Spaß in Beutebucht.“ Sie winkte ihnen salopp zu und verschwand in der Menge.

 

„Das nenne ich einen ungebetenen Ratschlag“, kommentierte Chen, während er ihr nachblickte.

 

Li Li rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, leerte ihren Bierkrug und verzog bei dem Geschmack das Gesicht. „Aber sie versteht es. Sie hat das Gleiche wie ich erlebt.“ Chen warf ihr einen Blick zu. „Das stimmt wohl. Gehen wir nach oben.“ Li Li nahm ihren Stock, warf den Rucksack über die Schulter und folgte Chen. Ihr Zimmer befand sich im zweiten Stock und das kleine, schiefe Fenster ließ selbst den spektakulären Ausblick über die Bucht billig wirken.Li Li legte sich in eines der alten Betten, deren Bretter unter ihr knarrten. Ein langer Schlaf würde ihr gut tun.

 

Sie zog ihren Rucksack heran und wollte sich umziehen. Die Oberseite war merkwürdig flach, als würde etwas fehlen. Mit pochendem Herzen öffnete sie den Rucksack und riss das Tuch heraus, mit dem sie die Perle bedeckt hatte. Es war leer. Mit letzter Hoffnung verstreute sie den Inhalt auf dem Bett und wollte nicht glauben, was sie bereits wusste.

 

„Onkel Chen!“, schrie sie voller Wut. „Die Perle! Die Perle ist weg! Diese Frau – diese schmeichlerische Menschenfrau – wie hieß sie noch gleich? Cathy die Halsabschneiderin?“

 

„Du meinst Catelyn die Klinge?“

 

„Ja, sie! Sie hat sie gestohlen!“

 

Sie liefen hinunter in die Bar zurück und Li Li verspürte ein entsetzliches Gefühl in ihrem Bauch. Mit Chen suchte sie die Menge immer hastiger ab. Li Li erkannte, dass Catelyn sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr in der Taverne aufhalten würde, wollte aber nicht aufgeben und ging den gesamten Raum ab. Bei ihrer dritten Runde warf ihr der Wirt, ein dicker, alter grüner Goblin namens Skindel, einen Blick von der Seite zu, während er Münzen zählte.

 

„Na, was suchste, Kind?“

 

Chen schaltete sich ein, bevor Li Li antworten konnte.

 

„He“, sagte er. „Hast du gesehen, wie wir uns gerade mit einer Frau unterhalten haben? Brünett, ungefähr dreißig, nennt sich Catelyn die Klinge. Wir müssen sie finden.“

 

Skindel zog an einem Ohrläppchen seiner übergroßen Lauscher und Chen warf einige Münzen auf die Theke. Der Wirt grinste breit und steckte sie ein.

 

„Catelyn ist bei den Schwarzmeerräubern und arbeitet für das Dampfdruck-Kartell. Sie befehligt ein Schiff namens Neptulons Braut.“ Als er Li Lis Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hinzu: „Sucht lieber keinen Ärger. Sie ist die beste Messerkämpferin in Beutebucht. Jeder, der auch nur ein bisschen Verstand hat, stellt sich gut mit ihr – wirklich jeder.“

 

„Danke für den Rat.“ Chen warf Skindel noch eine Münze zu.

 

„He, kein Problem.“ Skindel hielt den Rand der Goldmünze an seine Schläfe und zwinkerte. „Mit Geld bringt man so manchen zum Reden.“

 

„Gehen wir“, murmelte Chen Li Li zu und verließ eiligen Schrittes die Taverne.

***

 

Sie gingen direkt zum Hafen. Es war nicht schwierig, die Neptulons Braut zu finden, und schon bald näherten sich die beiden einer bekannten Gestalt, die damit beschäftigt war, die Verladung von Fracht auf das robuste, mit einem Holzrumpf ausgestattete Kohlenschiff zu beaufsichtigten. Die beiden Pandaren kletterten an Bord und traten Catelyn gegenüber.

 

„Ach, wen haben wir denn da?“ Sie grinste selbstgefällig und legte ihre Hand keck an die Hüfte, wobei sie nichts mehr von ihrer zuvor an den Tag gelegten charmanten Freundlichkeit ausstrahlte.

 

„Du kannst dir wahrscheinlich schon denken, warum wir gekommen sind“, sagte Chen.

 

„Diebisches Miststück!“, knurrte Li Li. „Du hast unsere Perle gestohlen!“

 

„Es gibt keinen Grund, beleidigend zu werden“, antwortete Catelyn und drohte mit dem Finger. „Ihr habt recht. Ich habe sie mir genommen. Ihr solltet ein wenig vorsichtiger sein, wenn ihr in der Öffentlichkeit über seltene magische Artefakte redet – besonders in diesem Teil der Welt. „Ich weiß, dass das nicht besonders nett von mir war, aber ich habe Ausgaben und das Dampfdruck-Kartell macht auch beim Schuldeneintreiben gerne Druck, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin jedoch auch ein anständiger Mensch und da ihr mir vom ersten Moment an gefallen habt, sage ich euch was. Seht ihr dieses Schiff hier?“ Catelyn zeigte auf den Frachter. „Eure Perle ist irgendwo an Bord. Wenn ihr sie finden könnt, gehört sie euch.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Aber seid gewarnt, dass meine Besatzung zu Gewalttätigkeit neigt und Fremde nicht sonderlich mag.“ Es schien, als wären Li Li und Chen auf einmal von bedrohlichem Lächeln umgeben, von Männern und Frauen, die bis eben noch ganz normal gearbeitet hatten. Plötzlich wuchsen Waffen wie Krallen aus ihren Fäusten. Chen verzog das Gesicht und Li Li hob den Stock in ihrer Hand. „Entweder seid ihr ziemlich mutig oder ziemlich dumm“, bemerkte Catelyn. „Du hast noch nie gegen Pandaren gekämpft, oder?“, sagte Li Li. Nun zog auch Catelyn ihre Waffe, einen Dolch so lang wie ihr Unterarm.

 

„Ich glaube nicht, dass ihr großartig anders als der Rest seid“, antwortete sie.

 

Li Li stürzte sich auf Catelyn, während Chen die angreifende Besatzung aufhielt. Catelyn parierte Li Lis Stockangriff gekonnt mit ihrem Dolch und führte einen Stich in Richtung ihres Bauchs aus. Li Li wehrte ihn mit einem Tritt gegen Catelyns Handgelenk ab, der den Dolch aus ihrer Hand wirbelte. Li Li sah, wie Catelyn überrascht die Augen aufriss. Die Piratenkapitänin wusste nun, mit wem sie es zu tun hatte.

 

Catelyn sprang auf das Deck und rollte sich in Richtung ihres verlorenen Dolchs. Li Li folgte ihr, wobei sie ein wenig verzaubertes Pulver in Richtung eines anderen Piraten warf, der vom benachbarten Schiff herbeigesprungen war. Das Pulver verwandelte sich in einen kleinen Schwarm winziger wütender Vögel, die mit ihren Schnäbeln in Richtung seiner Augen hackten. Er fluchte, als er mit der Schulter gegen die Takelage stieß.

 

Chen wirbelte seinen Stock blitzschnell umher, wobei er die langsameren Seeleute überraschte und zu Boden schickte. Ein besonders kräftiger Orc bekam einen Tritt direkt gegen das Brustbein, verlor sein Gleichgewicht und fiel über die Reling auf den darunter liegenden Kai. Chen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Da hatte er schon Schlimmeres mitgemacht.

 

Irgendwo in der Ferne ertönte eine laute Glocke. Li Li hoffte, dass es sich dabei nicht um einen Ruf nach Verstärkung handelte.

 

„Bukaniere!“, rief einer der Piraten. „Blutsegelbukaniere! Wir werden angegriffen!“

 

„Ihr werdet doch schon angegriffen!“, schrie Li Li und schlug ihren Stock einem anderen Piraten gegen die Brust.

 

Trotzdem ignorierte die gesamte Besatzung sie und Chen, um in Position zu gehen. Li Li wirbelte herum und reckte ihren Hals, um zu sehen, was los war. Aus allen erdenklichen Verstecken am Hafen strömten bewaffnete Piraten mit charakteristischen hellroten Hemden hervor, überfielen die Goblinschläger aus Beutebucht und liefen in Richtung des Schiffs der Schwarzmeerräuber.

 

„Leinen los!“ Catelyns Stimme übertönte alle anderen. „Bringt uns so schnell wie möglich hier weg! Die anderen verteidigen das Schiff! Wir müssen die Fracht beschützen!“

 

Ein Blutsegelbukanier sprang über den Dollbord direkt vor Li Li auf die Neptulons Braut und schwang sein Entermesser. Sie landete einen Tritt in seine Rippen, der ihn mit den Füßen über dem Kopf zurück auf den Kai fallen ließ. Überall um sie herum schnitten die unter Catelyns Befehl stehenden Schwarzmeerräuber Seile durch oder taten alles, um die gegnerischen Piraten abzuwehren. Die Schläger am Pier versuchten, die Bukaniere aufzuhalten, waren jedoch ebenfalls überrascht worden. Chen erschien an Li Lis Seite.

 

„Wir sollten verschwinden, solange wir es noch können, Li Li.“

 

„Ohne die Perle werde ich nicht gehen!“, fuhr sie ihn an. „Sie ist irgendwo auf diesem Schiff! Wir müssen sie finden!“

 

Das Schiff unter ihnen machte einen Ruck. Catelyns Besatzung hatte die Vertäuung gelöst und versuchte jetzt, das große Frachtschiff hinaus in die Bucht zu schieben. Aus Öffnungen an der Seite des Schiffes kamen Ruder zum Vorschein und Li Li erkannte, dass sich unter Deck mehr Besatzungsmitglieder als gedacht befanden. Stoßweise begann die Neptulons Braut sich vom Hafen in Beutebucht zu entfernen.

 

„Los, los!“, schrie Catelyn. Sie kämpfte noch gegen einen der Blutsegelbukaniere und wehrte dessen Schwert mit ihrem Dolch ab. Nach kurzem Scharmützel konnte sie ihn über die Seite des Schiffs treten, woraufhin er mit einem lauten Platschen in die Bucht fiel. Sie lief zum Ruder und nahm ihren Platz ein, um das Schiff zu steuern. Andere Besatzungsmitglieder setzten die Segel, um schnell aus dem Hafen entkommen zu können. Als sie den Schutz der Bucht verließen, wurde der Wind stärker und man konnte die lange Spitze des Schlingendornkaps sehen. Die Ruder verschwanden wieder unter Deck. Die Segel schwollen und ließen das Schiff gleichmäßiger fahren. Li Li war sich nicht ganz sicher, ob sie erleichtert oder besorgt sein sollte. Einerseits hatten sie und Chen einem Kampf zwischen zwei gegnerischen Piratenfraktionen erfolgreich aus dem Weg gehen können. Andererseits waren sie nun auf Catelyns Schiff mit dem Meer als einzigem Fluchtweg gefangen. Als Beutebucht hinter ihnen schnell kleiner wurde, fragte sich Li Li, wie bald Catelyn und die Besatzung sie wieder angreifen würden, da die Gefahr des Hinterhalts nicht mehr bestand.

 

Catelyn rief einen solch vulgären Satz, dass selbst Li Li errötete.

 

Im Meer vor Beutebucht warteten knapp außerhalb der Kanonenreichweite des Hafens nicht weniger als drei Vollschiffe mit rot-schwarz gestreiften Segeln – den Farben der Blutsegelbukaniere. Catelyn fluchte erneut und auch andere Besatzungsmitglieder machten nun mit. Chen trat voller Unbehagen von einem Fuß auf den anderen. Die Neptulons Braut war direkt in eine Falle gesteuert. „Macht die Kanonen bereit!“, rief Catelyn.

 

„Verteidigungspositionen einnehmen! Das wird der Kampf unseres Lebens!“ „Für uns auch“, sagte Chen grimmig.

 

Sobald sie in Reichweite kamen, feuerten die Bukaniere. Die meisten Schüsse erreichten sie nicht, aber ein paar trafen die Neptulons Braut. Das Deck schwankte unter den Treffern und riesige Holzsplitter wirbelten durch die Luft. Li Li und Chen warfen sich auf den Boden und legten ihre Arme über die Köpfe.

 

„Es ist unerträglich“, knurrte Li Li, „sie angreifen zu sehen und nicht zurückschlagen zu können.“

 

Chen nickte. „So sind Seeschlachten wirklich schrecklich.“

 

Endlich konnten Catelyn und ihre Besatzung mit einer eigenen Kanonensalve antworten und sogar einige gute Treffer landen, doch ihre Gegner hielten weiter direkt auf sie zu. Bevor die Besatzung die Kanonen nachgeladen hätten, würde die Neptulons Braut bereits von Blutsegelbukanieren wimmeln.

 

„Zu den Waffen!“, schrie Catelyn, während die feindlichen Schiffe sich immer näher an die Braut heranschoben. „Wir werden ihnen einen Kampf liefern, den sie so schnell nicht vergessen werden!“

 

Die sich nähernden Blutsegelschiffe stießen heftig gegen die Neptulons Braut, als sie an der Seite vorbeisteuerten. Von der Takelung schwangen Besatzungsmitglieder, die alle Arten von Klingenwaffen trugen. Die Besatzung der Neptulons Braut kämpfte heftig, war jedoch stark in der Unterzahl.Catelyn nahm es mit zwei Gegnern gleichzeitig auf: einem wütenden Goblin, dem ein Teil seines Ohrs fehlte, und einer großen, schlanken Nachtelfenfrau mit einem Dolch, der fast so lang wie Catelyns Waffe war. Sie drängten sie über das Deck, bis sie Rücken an Rücken mit Li Li stand, die schnell zur Seite trat und die Nachtelfenfrau mit ihrem Stock von den Beinen holte. Die Elfenfrau fiel mit dem Gesicht auf das Deck und aus ihrer Nase troff Blut.„Jetzt tut es dir bestimmt leid, meine Perle gestohlen zu haben“, sagte Li Li.

 

„Eigentlich nicht“, antwortete Catelyn gelassen, während sie einen Blutsegelgnom um seine Innereien erleichterte, der tollkühn genug gewesen war, sie anzuspringen. „Hätte ihr nicht nach mir gesucht, würde ich jetzt mit zwei Leuten weniger an meiner Seite kämpfen.“

 

Li Li wollte antworten, aber die Bukaniere kamen näher und sie musste ihre volle Konzentration auf den Kampf richten. Sie trat, duckte sich und benutzte ihren Stab, um die Feinde niederzuschlagen und auszuschalten. Sie warf verzaubertes Pulver in alle Richtungen, woraufhin Schwärme von Bienen, kleinen Vögeln und Stechmücken die angreifenden Piraten ablenkten, aber der Ansturm der Bukaniere nahm einfach kein Ende. Es waren einfach zu viele und irgendwer nahm stets den Platz der eben gefallenen Kameraden ein.

 

Langsam erkannte Li Li, dass sie auf verlorenem Posten stand. Sie und Chen kämpften Schulter an Schulter, obwohl sie wussten, dass sie überrannt wurden. Die gesamte Besatzung der Neptulons Braut drängte sich auf der Mitte des Decks neben Catelyn, Li Li und Chen. Schwitzend, schwer atmend, mit blutenden Wunden und von allen Seiten umzingelt streckten sie ihre Waffen hervor. Li Li biss die Zähne zusammen. Der wahre Kampf hatte gerade erst begonnen.

 

Der Klang gleichmäßiger schwerer Schritte auf den Holzbalken des Decks durchbrach die Ruhe vor dem Sturm. Über den Blutsegelbukanieren bewegte sich ein Kapitänshut auf und ab, dessen Träger einen ganzen Kopf größer als alle anderen war. Er schob sich vor die Menge und Li Li konnte ihn nun klar erkennen. Er war ein riesiger Draenei mit tellergroßen Spalthufen. Seine Gesichtsranken hingen wie die Tentakel eines schleimigen blauen Tintenfischs über den roten Mantel. Sein rechtes Auge war von einer Klappe bedeckt und in der linken Hand hielt er das größte Entermesser, dass Li Li jemals erblickt hatte.

 

„In deinen Aufzeichnungen stand, dass die Draenei ein friedliches und spirituelles Volk sind!“, fauchte Li Li Chen an.

 

„Dieser Kerl hier muss mir wohl entgangen sein“, flüsterte Chen zurück.

 

„Gut, gut“, sagte der Draenei selbstgefällig mit charakteristischem Akzent. „Ich wusste, dass mir Schwarzmeerräuber ins Netz gehen würden, wenn ich es richtig anstelle. Wie schön für mich, dass es die berühmte Catelyn Runenweber sein sollte. Jetzt schaut mich nicht so an; das ist doch Euer Name, oder?“

 

„Der Name kommt mir bekannt vor“, murmelte Chen. „Wo habe ich den schon mal gehört?“

 

„Als berühmte Duellantin bedeutet Ihr Baron Revilgaz ziemlich viel, Catelyn“, fuhr der Draeneikapitän fort. „Obwohl mir zu Ohren gekommen ist, dass Ihr momentan ein paar finanzielle Probleme habt. Vielleicht könnte ich Euch dabei helfen.“

 

„Lieber lasse ich mir vom Kartell die Eingeweide rausreißen, als mich mit Euch zusammenzutun“, knurrte Catelyn. „Wer zum Teufel seid Ihr überhaupt? Ich kenne jeden Blutsegelbukanier von hier bis Ratschet.“

 

Der Draenei-Kapitän setzte seinen Hut mit übertriebenem Schwung ab.

 

„Ich bin Kapitän Koslov. Wie Ihr richtig erraten habt, bin ich ein neues Gesicht in der Hierarchie – und nach meinem heutigen Erfolg zu urteilen auch wesentlich fähiger als meine Vorgänger.“

 

In der Entfernung blitzte bei Beutebucht ein grelles indigofarbenes Licht auf. Kapitän Koslov dreht sich schnell in Richtung der Lichtquelle, doch nichts weiter geschah. Er räusperte sich lautstark und wand sich erneut Catelyn zu.

 

„Ihr und alle anderen auf diesem Schiff habt die Wahl“, fuhr Koslov fort. Aufgeben oder sterben. Einfach, oder?“

 

„Ihr habt noch nicht gewonnen“, antwortete Catelyn, während sie ihren Dolch drohend schwang.

 

„Ihr habt Euch also für das Sterben entschieden“, antwortete Koslov mit einem süffisanten Lächeln. Er hob den Arm, um das Signal für den Angriff zu geben.

 

Um das ganze Schiff herum war die Luft erfüllt von einem an Kanonenschüsse erinnernden Knallen und Krachen. Alle gingen schnell in Deckung. Die Neptulons Braut begann zu schwanken, als der Rumpf aus dem Wasser gehoben wurde. Während sich das Schiff neigte, verlor Li Li den Halt, rutschte unelegant über das Deck und stolperte über einen bewusstlosen Bukanier. Sie knallte gegen den Dollbord und stellte sich wieder hin, nachdem die Bewegungen des Schiffs nachgelassen hatten.

 

Ein großer Abschnitt des Meers um die Neptulons Braut und alle drei Schiffe der Blutsegelbukaniere herum hatte sich zu Eis verwandelt.Li Li zwinkerte. Im Osten konnte sie noch die Küste von Schlingendorn erkennen, bedeckt mit einem Dschungel aus Palmen und dichter Vegetation. Sie befanden sich in tropischen Gewässern.

 

„Was geht hier vor sich?“, brüllte Kapitän Koslov.

 

„Das würde ich auch gerne wissen“, murmelte Li Li sich selbst zu.

 

„Was hier vor sich geht? Ihr werdet kapitulieren!“, dröhnte eine männliche Stimme.

 

Alle blickten sich verwirrt um.

 

Auf dem Eis näherten sich vier Personen in violetten Roben schnell dem Schiff. Angeführt von einem Menschenmann mittleren Alters mit rotbraunem Haar und blasser Haut stiegen sie leichtfüßig über die Reling der Neptulons Braut und stellten sich auf das Deck.

 

„Wer seid Ihr denn?“, fragte Koslov vor Wut schäumend.

 

„Vater?“ Könnte der Klang einer Stimme die Realität verändern, hätte Catelyns zweifelnder Unterton diese neuen Figuren im Spiel einfach verschwinden lassen.

 

Der Anführer der Magier lächelte kaum merklich.

 

„Aha, Ihr müsst Ansirem Runenweber sein.“ Kapitän Koslov grinste spöttisch. „Welch anrührendes Familientreffen. Leider werdet ihr nun alle sterben. Tötet sie!“

 

„Oh, das bezweifle ich wirklich“, sagte Ansirem.

 

Die Blutsegelbukaniere griffen an.

 

Es einen Kampf zu nennen, wäre übertrieben gewesen. Li Li kam das Wort „Schlappe“ in den Sinn, da niemand die Magier auch nur im Ansatz erreichte. Mit kurzen Handbewegungen erzeugten sie Blitze aus arkaner Energie, die so rein war, dass selbst das Fell an Li Lis Armen sich aufstellte.

 

Die Bukaniere konnten keinem der schlagkräftigen Magier auch nur ein Haar krümmen. Die Piraten schlugen auf das Deck und gegen die Masten. Einige wurden vom Schiff geworfen und rutschten über das Eis. Wer auch nur einen Funken Verstand hatte, lief zu seinem Schiff zurück und wartete unter Deck auf das Ende des Sturms. Um die Neptulons Braut herum wirkte der Himmel wie bei einem spektakulären Feuerwerk. Bunte Lichter explodierten und regneten auf jeden herab, der es wagte, Ansirem oder seine Kameraden anzugreifen.

 

Li Li lehnte sich gegen eine Kiste auf dem Deck und sah sich alles zufrieden an. Also, das konnte man wirklich Magie nennen!

 

Kapitän Koslov hatte jedenfalls seine fünf Sinne beisammen und verschwand ziemlich schnell, nachdem die Magier ihre außergewöhnliche Beherrschung des Arkanen unter Beweis gestellt hatten. Er sprang über den Dollbord und lief voller Wut über seine Niederlage, so schnell er konnte, über das Eis.Nachdem der letzte Bukanier sein Schiff erreicht hatte, hoben die Magier gemeinsam die Hände und das alle vier Schiffe umschließende Eis begann zu schmelzen. Li Li konnte sehen, wie die Besatzungen der Blutsegelbukaniere auf den Decks herumliefen und die Segel hissten, um sich so weit wie möglich von der Neptulons Braut zu entfernen. Als sie verschwanden, legte sich eine seltsame Stille über das Schiff, während die Überlebenden die Köpfe schüttelten und wieder Haltung annahmen.

 

Catelyn Runenweber wandte sich an ihren Vater und seine aus einer Menschenfrau, einem fröhlich wirkenden weiblichen Gnom und einem großen Hochelfen bestehende Begleitung.

 

„Ich ... äh ...“, begann Catelyn. Sie seufzte und setzte noch einmal an. „Danke. Ähm. Dass ihr uns das Leben gerettet habt.“

 

„Du musst mir nicht danken“, sagte Ansirem. „Ich weiß, dass du von mir nicht viel wissen willst, aber dieses Mal hörte es sich schlimm an und ich konnte nicht einfach danebenstehen und nichts tun.“

 

„Wie hast du das erfahren?“, fragte Catelyn. „Du lebst hier ja nicht.“

 

Ansirem grinste verschmitzt. „Soweit ich mich erinnern kann, bringt man in Beutebucht mit Gold jeden zum Reden. Ich habe ein paar ‚Freunde‘, die mich immer gerne auf dem Laufenden halten, wenn etwas geschieht. Ich hatte gehört, dass jemandem eine Falle gestellt wurde, aber als ich es sicher wusste, war es leider schon zu spät.“

 

Catelyn zog die Augenbrauen hoch. „Ah, ich verstehe.“

 

„Euer Name kam mir gleich bekannt vor“, unterbrach Chen, als er sich Catelyn und dem Magier näherte. „Ich wusste, dass ich irgendwo schon mal von einem Runenweber gehört hatte.“ Er beäugte Ansirem von oben bis unten. „Ihr seid ein Erzmagier der Kirin Tor, oder?“

 

Ansirem nickte. „Das bin ich in der Tat.“ Er neigte seinen Kopf in Chens Richtung. „Ich habe von eurem Volk gelesen, bin jedoch noch nie zuvor einem Pandaren begegnet. Seid Ihr ein Mitglied der Besatzung meiner Tochter?“

 

Chen grinste so breit, dass man die Zähne sehen konnte. „Nein. Aber meine Nichte und ich sind Opfer ihrer Tätigkeit als Piratin geworden.“

 

Catelyn schluckte und ihr Gesichtsausdruck war eine seltsame Mischung aus „Auf frischer Tat ertappt“ und „Ich schlage hier gleich alles kurz und klein“. Ansirem warf ihr einen scharfen Blick zu.

 

„Catelyn ...“

 

„Oh, bei Neptulon!“, schrie sie und warf ihre Arme hoch. „Das kann doch nicht sein. Ich bin eine Piratin, Papa! Ich stehle manchmal Dinge! Das bringt die Arbeit so mit sich! Und wag es nicht, mich so anzusehen, als ob alles, was du als Erzmagier jemals gemacht hast, absolut ethisch gewesen wäre.“

 

Ansirem öffnete seinen Mund, um ihr zu widersprechen, schloss ihn dann aber sofort wieder. Die Menschenfrau der Gruppe, die ihn begleitete, musste sich ein Lachen verkneifen.

 

„Tja, erwischt, Ansirem“, sagte sie.

 

Ansirem seufzte übertrieben. „Das muss ich mir wahrscheinlich noch öfter anhören, oder, Modera?“

 

„Auf jeden Fall!“

 

„Wenn du erlaubst“, antwortete Ansirem, „gehe ich mal davon aus, dass dein Diebstahl in diesem Fall etwas mit deinen Schulden beim Dampfdruck-Kartell zu tun hat, da du keinen Kampf abgesprochen verlieren wolltest.“

 

„He, woher weißt du ...“, hob Catelyn an, unterbrach dann aber wieder. „Ich frage gar nicht erst. Ja. Es hat etwas damit zu tun.“

 

„Habe ich es mir gedacht.“ Ansirem griff in einen der weiten Ärmel seiner Robe und holte einen nahezu faustgroßen glänzenden Edelstein hervor. „Das hier ist ein verzauberter Edelstein. Er müsste wertvoll genug sein, um deine Schulden zu begleichen.“

 

Catelyn riss die Augen gierig auf. Sie streckte ihre geöffnete Hand aus. „Absolut. Verzauberte Edelsteine sind sehr begehrt. Was kann er denn?“

 

„Er sollte dem Träger beim Wirken von Zaubern helfen.“

 

Catelyn kniff die Augen zusammen. „Sollte?“

 

„Der Magier, der ihn hergestellt hat, war damals noch ein Lehrling und zugegebenermaßen auch nicht der allerbeste. Er wollte ihn zum Schummeln bei seinen Prüfungen benutzen. Durchgefallen ist er trotzdem.“

 

Alle drei Begleiter von Ansirem brachen in Gelächter aus. Catelyn wirkte misstrauisch.

 

„Hast du ihn einem deiner Lehrlinge abgenommen?“

 

„Wohl kaum“, fiel Modera Ansirem ins Wort. „Obwohl ich keine Zweifel habe, dass seine Lehrlinge so etwas oft einsetzen wollten.“

 

Ansirem verdrehte die Augen.

 

„Du hast ihn hergestellt, oder, Papa?“ Nun dämmerte es Catelyn.

 

Ansirem räusperte sich und wirkte etwas verlegen. „Ja. Na ja, wie gesagt: Es hat nichts geholfen. Schummeln bringt einfach nichts. Ich musste mir Magie auf die harte Tour aneignen.“

 

Genau wie ihr Vater kurz zuvor verdrehte nun auch Catelyn ihre Augen.

 

„Ist er denn überhaupt wirklich verzaubert?“

 

„Oh ja, das ist er. Nur nicht besonders gut. Er funktioniert nur ungefähr in der Hälfte der Fälle.“ Ansirem hielt inne. „Ich schlage vor, dies beim Verkaufsgespräch nicht zu erwähnen.“

 

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, kam der Kommentar von der immer noch kichernden Modera.

 

Ansirem stieß einen lauten Seufzer aus und legte seiner Tochter die Hände auf die Schultern.

 

„Natürlich wäre es schön gewesen, wenn du dich für eine ... etwas normalere Laufbahn entschieden hättest“, sagte er. Sein Gesichtsausdruck wurde milder. „Aber trotz allem bist du meine Tochter und das werde ich nie vergessen.“

 

„Geht es vielleicht noch ein bisschen sentimentaler?“, schnaubte Catelyn, lächelte dabei aber.Ansirem trat einen Schritt zurück und wirkte einen Zauber. Mit einem letzten Winken teleportierten er und die anderen Magier sich fort.

***

 

Zurück in Beutebucht saßen Li Li und Chen mit Catelyn in ihrem Quartier auf der Neptulons Braut. Catelyn holte einen Kasten aus einem Schrank und reichte ihn Li Li.

 

„Das gehört glaube ich dir. Es tut mir leid, dass ...“ Catelyn hielt inne und schüttelte den Kopf. „Verdammt. Mein alter Herr hatte recht.“ Sie seufzte. „Na ja, da ich sie zum Abbezahlen meiner Schulden nicht brauche, kannst du sie zurückhaben.“

 

Li Li hustete und Chen verschränkte die Arme.

 

„Ich weiß, ich hätte sie gar nicht erst stehlen sollen. Meine Güte.“

 

„Schon besser“, sagte Li Li fröhlich und nahm den Kasten. Sie blickte hinein und sah die in Samt gebettete, still vor sich hin leuchtende Perle. Zufrieden legte Li Li sie in ihren Rucksack, wo sie hingehörte.

 

Catelyn schien sich ein wenig unwohl zu fühlen. „Als Wiedergutmachung für den Diebstahl und als Dank, dass ihr mir und meiner Besatzung beim Kampf gegen die Blutsegelbukaniere geholfen habt, möchte ich euch ein Angebot machen.

 

Ich weiß, dass ihr nach Süden wollt. Der Angriff hier in Beutebucht hat ein ziemliches Chaos hinterlassen und es wird eine Weile dauern, bevor man wieder auf privaten Schiffen reisen kann. Ich muss mich in Gadgetzan mit jemandem vom Kartell treffen, um meine Schulden abzubezahlen, und wenn ihr möchtet, kann ich euch kostenlos mitnehmen. Ich habe dort einige Verbindungen und könnte helfen, jemanden zu finden, der euch führt.“

 

„Nicht schlecht, nicht schlecht!“, sagte Li Li. „Du hast wohl wirklich ein schlechtes Gewissen, weil du unser Zeug geklaut hast, oder?“

 

„Übertreib es nicht“, sagte Catelyn ausdruckslos. „Und?“

 

„Hört sich gut an“, sagte Li Li. „Ich war noch nie in Gadgetzan. Was meinst du, Onkel Chen?“

 

„Es ist schon ein bisschen her, dass ich auf einem Piratenschiff mitgefahren bin“, sagte Chen. „Ich denke, das könnte gehen.“

 

„Die Reparaturen dürften in ein bis zwei Tagen abgeschlossen sein“, sagte Catelyn. Sie stand auf und schüttelte Li Lis Hand.

 

„Bis dann“, sagte Li Li.

***

 

Die Reise nach Gadgetzan erwies sich als äußerst ereignisarm. Wieder auf See zu sein, machte Li Li etwas unruhig, obwohl es auf dem Schiff ganz anders war als auf Shen-zin Su. Immer wieder erinnerte sie sich an die Szene zwischen Ansirem Runenweber und seiner verlorenen Tochter. Li Lis Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Aber es lenkte sie ab, bis die sandige und trostlose Küste von Tanaris in Sichtweite kam.

 

Als sie sich ihrem Ziel näherten, ging Li Li zum Ruder des Schiffs, wo Catelyn das Steuerrad festgebunden hatte, um den Kurs auf Gadgetzan zu halten.

 

„Bei Einbruch der Nacht müssten wir da sein“, sagte Catelyn, als Li Li sich näherte.Li Li nickte. „He“, sagte sie. Sie zögerte, fuhr dann aber fort. „Ich möchte dich etwas fragen.“

 

Catelyn sah sie neugierig an. „Was?“

 

Li Li stellte ihren Rucksack ab und nahm die Perle heraus. „Nimm sie mal in die Hand. Konzentriere dich auf sie und sag mir, was du siehst.“

 

Catelyn wirkte skeptisch, nahm dann aber doch die Perle in beide Hände, wie Li Li es in der Großen Bibliothek auf Shen-zin Su getan hatte. Catelyns Blick verschwamm und sie stand steif auf dem sich sanft hebenden und senkenden Deck des Schiffs, während sie auf die Oberfläche der Perle starrte. Nach ein paar Minuten blinzelte sie und schüttelte sich. Mit nachdenklichem Blick schaute sie über Li Lis Kopf hinweg in die Ferne.

 

„Was hat sie dir gezeigt?“, fragte Li Li, während sie die Perle nahm und wieder behutsam in den Rucksack legte.

 

Catelyn beäugte Li Li. „Du wusstest also, dass sie die Zukunft vorhersagt?“

 

Li Li zuckte mit den Achseln. „Sie gewährt Visionen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie stimmen oder nicht.“

 

„Ich habe mich am Ruder eines Schiffs gesehen“, sagte Catelyn. „Es ähnelte diesem hier, aber ich wusste aus irgendeinem Grund, dass es mir gehörte. Wirklich mir“, fügte sie hinzu und sah Li Li wieder an. „Nicht den Schwarzmeerräubern und nicht dem Dampfdruck-Kartell.“ Einen Moment lang schwieg sie. „Mein eigenes Schiff“, sagte sie leise und verstummte dann gedankenverloren. Li Li nahm ihren Rucksack und legte ihn über die Schulter. Während sie die Treppen hinabstieg, blickte sie Catelyn an. Die junge Frau lächelte still und starrte hinaus auf das azurblaue Meer.

***

 

Nachdem sie am Abend sicher in Gadgetzan eingetroffen waren, legten Li Li und Chen sich im Gasthaus in ihre Hängematten. Li Li war erstaunt darüber, wie lang es dauerte, sich wieder an das Gefühl zu gewöhnen, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi und nichts bewegte sich.„Du warst die ganze Zeit über ziemlich still, Li Li“, sagte Chen und blickte zu ihr hinüber. „Was ist los?“

 

Li Li antwortete nicht sofort. Sie legte sich in die Hängematte und legte ihre Hände hinter den Kopf.

 

„Onkel Chen, fandest du es nicht ein wenig seltsam, als diese Magier uns vor den Blutsegelbukanieren gerettet haben?“

 

„Was? Dass vier mächtige Mitglieder der Kirin Tor sich einfach nach Beutebucht teleportierten, auf unser Schiff hüpften und unsere Gegner besiegten? Überhaupt nicht. So etwas passiert doch andauernd.“

 

„Sehr lustig“, sagte Li Li. Sie konnte Chens Grinsen förmlich hören. „Ich meinte, als Catelyns Vater ihr sagte, dass sie immer seine Tochter sein würde und er das nie vergessen würde, was auch geschähe.“

 

„Und, Li Li?“ Chens Stimme war leiser geworden.

 

„Glaubst du ...“ Li Lis Hals war plötzlich wie zugeschnürt. „Glaubst du, das stimmte?“ Bevor Li Li ihn unterdrücken konnte, kam ihr noch ein Gedanke. Denkt mein Vater auch so über mich? Oder glaubt er, ich sei ein hoffnungsloser Fall? Sie setzte sich plötzlich auf und verlor ihr Gleichgewicht, woraufhin sie fast aus der Hängematte fiel.Chen fing sie auf und hielt sie fest. Danach kniete er sich hin und hielt ihre Oberarme. Li Li wandte ihren Blick ab und wischte sich über die Augenwinkel. „Das ist nur Staub“, murmelte sie.

 

„Li Li, sieh mich an.“ Sie hob ihren Kopf.

 

„Ich habe überhaupt keine Zweifel“, sagte Chen.

 

Als Chen sie in den Arm nahm, liefen Tränen über Li Lis Gesicht und hinterließen feuchte Rinnsale im Fell ihrer Wangen.

 

„Danke, Onkel Chen“, flüsterte sie.

 

„Dein Vater liebt dich über alles“, sagte Chen. „Darauf würde ich mein Leben verwetten.“

 

Li Li nickte und legte ihr Gesicht an die Schulter ihres Onkels, als die Nacht langsam über Gadgetzan und die Wüste von Tanaris hereinbrach.


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