Die Suche nach Pandaria

Teil 3


Der Dampf aus dem Teekessel verströmte einen frischen Minzduft, der Chon Po an die Zeit erinnerte, als Shen-zin Su in höheren Breitengraden schwamm und die Tage kürzer und kälter wurden. Um gegen die Kälte anzukämpfen, hatte Xiu Li immer Teewasser gekocht und die beiden Pandaren hatten die Keramiktassen in ihren Pfoten gehalten, während sie sich in warme Decken eingewickelt Anekdoten erzählt hatten. Nun schüttete jedoch nicht Xiu Li den Tee ein, sondern ihre Mutter Mei.

 

„Du bist in letzter Zeit immer so müde, Po“, bemerkte sie.

 

Chon Po nahm seine Teetasse und stellte sie dann wieder weg. Mei saß an genau dem Platz, an dem Li Li gesessen hatte, als er wegen ihr und Chen einen Wutanfall gehabt hatte. In der darauffolgenden Nacht war Li Li mit der Perle verschwunden. Seitdem hatte er nur Briefe mit unklaren Äußerungen von ihr erhalten. Er vermisste seine Tochter sehr.

 

„Ich mache mir Sorgen um Li Li“, sagte er. „Und um Chen.“

 

Mei nippte an ihrem Tee. Das grau melierte Fell an den Seiten ihres Gesichts passte zum silbernen Haar, das sie nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geflochten hatte. Als sie Chon Po anschaute, verspürte er einen kurzen Moment lang ein flaues Gefühl im Magen. Sie hatte Xiu Lis Augen. Und auch Li Lis.

 

„Es ist normal, sich um seine Familie zu sorgen“, sagte Mei.

 

„Was hab ich denn falsch gemacht?“, platzte es aus Chon Po heraus. Mei hob die Augenbrauen und trank einen weiteren Schluck Tee.

 

„Erzähl mir ein wenig mehr“, sagte sie.

 

„Ich habe versagt. Meine Familie ist zerrissen und jetzt bleibt mir nur noch mein Sohn. Meine Tochter verachtet mich.“ Seine Stimme hatte einen wütenden und frustrierten Unterton. Mei schüttelte den Kopf.

 

„Li Li verachtet dich nicht, Po“, sagte sie. „Du stellst die falsche Frage.“

 

„Welche Frage sollte ich denn deiner Meinung nach stellen?“

 

„Du solltest dich fragen, ob du daran glaubst, dass der Tod des Körpers eine größere Tragödie ist als der Tod der Seele.“

 

Chon Po zwinkerte. „Wie bitte?“

 

Mei stellte ihre Teetasse ab und faltete die Pfoten.

***

 

„Als Xiu Li starb, hast du deine Frau verloren. Ich habe eine Tochter verloren. Ich weiß, wovor du dich fürchtest, da ich es selbst erlebt habe.“

 

Chon Pos Herz pochte ihm bis zum Hals. Mei fuhr fort.

 

„Meine Tochter liebte die Fischerboote. Sie liebte das Meer; sie liebte es, wie die Arbeit zwischen Freizeit, sorgsamer Geduld und Spannung wechselte. Und ja, sie liebte auch das Risiko.“

 

Meis Blick driftete von Chon Po weg. Sie schien durch ihn hindurchzuschauen und eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge zu betrachten.

 

„Ich habe mir immer angesehen, wie sich ihr Blick erhellte, als sie sich um ihr Boot kümmerte. Jeden Tag, als sie es vom Ufer auf das offene Meer steuerte, ließ es ihr Herz höher schlagen.“

 

Mei richtete ihren Blick wieder auf Chon Po.

 

„Hättest du ihr das nehmen wollen, nur, um sie länger bei dir zu haben?“

 

Chon Po starrte auf seine Teetasse.

 

„Strongbo folgte Li Li auf meine Bitte hin und wurde getötet ...“

 

„Haben dir Li Li oder Chen erzählt, was Bo vor seinem Tod gesagt hat, Po?“

 

Er schaute überrascht zu Mei hoch und wurde plötzlich nervös.

 

„Nein“, antwortete er.

 

„In seinen letzten Worten drückte Bo seine Dankbarkeit dafür aus, mit Li Li gereist zu sein. Für ihn war es wie eine Erleuchtung. Wäre er vor die Wahl gestellt worden, hätte er es exakt genauso gemacht. Er bedauerte nichts.“

 

Chon Po kämpfte einen Moment lang gegen diese Vorstellung an.

 

„Stimmt das?“

 

„Li Li und Chen haben es mir beide erzählt. Ich glaube nicht, dass sie mich angelogen haben. Bos Tod hat ihnen das Herz gebrochen.“

 

Mei legte eine ihrer knorrigen Tatzen auf Chon Pos Pfote.

 

„Po, du kannst Li Li nicht nach deinem Willen formen. Das weißt du. Sie hat sich dir schon zweimal widersetzt. Li Li ist das, was sie ist – eine Kämpferin, genau wie du. Die Wanderlust ist Teil unseres Wesens und unser Zuhause auf Shen-zin Su ist der Beweis dafür. Aber sie wird niemals aufhören, deine Tochter zu sein. Selbst, wenn sie nicht mehr nach Hause kommen sollte, hast du Li Li nicht verloren.“

 

„Ich möchte nur, dass sie in Sicherheit ist“, sagte Chon Po und schloss die Augen.

 

„Sie wird ihre eigene Sicherheit finden“, antwortete Mei. „Und ihr eigenes Glück.“

 

Goldene Dünen rasten unter ihr hinweg und jeder Schritt beförderte sie mühelos meterweit durch den Sand. Die untergehende Sonne flammte ein letztes Mal zu ihrer Rechten auf, während Li Li über die zerklüfteten Berge der südwestlichen Grenze von Tanaris jagte. Sie ließ eine kleine Kaktusoase im Vorgebirge hinter sich und sprintete zu einem engen Pass, der so plötzlich und klar vor ihr erschien, als wäre er mit einer kosmischen Axt in den Fels gehauen worden. An der Straße standen vier streng dreinblickende prächtige Statuen. Eine sah aus wie eine normale Menschenfrau, die anderen jedoch hatten Tierköpfe. Als Li Li sich ihnen zuwandte, erwachten Sie zum Leben und streckten ihre Hände einladend aus. Sie wurde langsamer und ging neugierig auf sie zu. Plötzlich änderte sich ihr Verhalten. Sie knurrten und streckten dünne Finger mit sensenartigen Klauen nach ihr aus. Li Li öffnete ihren Mund, um zu schreien. Die Statuen verschmolzen zu einer einzelnen Person – zu ihrem Vater. Doch auch er hatte bösartige Absichten und wollte sie fangen. Sie versuchte wegzulaufen, aber ihr zuvor noch springender und müheloser Schritt war nicht mehr möglich. Sie fiel zu Boden. Sie beobachtete sich dabei, wie sie sich langsam nach vorne lehnte und jede Sekunde ihr wie eine Ewigkeit erschien. Die Steinstraße erhob sich, die Landschaft wurde flüssig und der kupferbraune Fels nahm nun eine saphirblaue Farbe an. Sie stürzte in eine raue See, mitten hinein in einen schrecklichen Sturm. Wellen so groß wie Shen-zin Su hoben sie empor und ließen sie danach wieder heftig nach unten fallen. Sie ruderte mit den Armen, um nicht unterzugehen, und schnappte nach Luft.

 

Als eine Welle sie auf ihrem Kamm trug, konnte sie einen Blick nach unten werfen. Eine andere Pandaren, ebenfalls gefangen in diesem schrecklichen Ozean, schwamm auf sie zu und rief ihren Namen.

 

„Mama!“, schrie Li Li.

 

Xiu Li rief nach ihrer Tochter. Li Li streckte beide Arme nach ihr aus und vergaß dabei zu schwimmen. Die Welle, auf der sie ritt, bewegte sich jedoch nicht weiter, sondern brach unter ihr zusammen. Li Li sauste wie die Speerspitze des Ansturms nach vorne. Das Gesicht ihrer Mutter raste auf sie zu und die Tausende von Tonnen Wasser, die hinter Li Li tosten, bildeten ein Grab, das auch sterbliche Hände nicht besser hätten ausheben können.

***

 

Etwas Nasses, das gegen ihren Kopf klatschte, weckte Li Li auf. Sie versuchte aufzustehen, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Boden, wobei sich ein Teil ihrer Ausrüstung löste.

 

„Li Li?“ Chens besorgte Stimme stabilisierte sie wieder und ließ ihre Panik schwinden. „Ist alles in Ordnung?“

 

Li Li setzte sich – diesmal etwas behutsamer – auf und rieb sich die Augen. In ihrem Geist löste sich langsam der verwirrende Knoten aus Fantasie und Realität. Sie befand sich im Wagen einer Zwergenkarawane, mit der sie Tanaris in Richtung Uldum durchquerte.

 

„Ja“, murmelte die von ihrem Schläfchen und dem Albtraum noch benommene Li Li. „Ich habe schlecht geträumt“ Das Bild des verzweifelten Gesichts ihrer Mutter blitzte in ihre Gedanken auf und ließ sie erschaudern. „Das habe ich mir schon gedacht. Du hast dich im Schlaf umhergewälzt. Dabei hast du einen der Wasserschläuche umgeworfen.“ Chen hielt den Behälter hoch, auf dem das heruntergelaufene Wasser einen dunklen Streifen hinterlassen hatte. Li Li drückte ihre Handfläche gegen die Stirn und versuchte sich einen Witz auszudenken, aber auch ihr Humor war noch nicht wieder ganz da.

 

„Was hast du denn geträumt?“, fragte Chen. „Möchtest du darüber reden?“

 

„Es begann wie die Vision, die mir die Perle in Gadgetzan gezeigt hat. Ich habe Tanaris durchquert. Ich habe die Oase und den Pass mit den Statuen gesehen. Und dann ...“ Li Li verstummte. Chen wartete geduldig.

 

„Dann verwandelte sich alles in einen Albtraum. Ich war ... in einem Sturm auf dem Meer gefangen.“

 

Chen hakte nicht weiter nach. „Es ist alles in Ordnung, Li Li“, sagte er. Seine Anwesenheit beruhigte Li Li mehr, als sie es zugeben wollte.

 

Durch die Leinenklappen an der Vorderseite des Wagens stiegen die beiden auf den Holzsitz neben der Fahrerin, einer dunkelhaarigen Zwergenfrau namens Felyae. Der goldene Sand von Tanaris erstreckte sich endlos in alle Richtungen. Die einzige Abwechslung in dieser Einöde bildete die Bergkette im Südwesten, die vor ein paar Tagen nach dem Erklimmern der Dünen am Horizont erschienen war. Zu wissen, dass die Karawane sich dem Wüstenrand näherte, ließ die Herzen aller Mitglieder höherschlagen.

 

„Wie fühls' du dich, Kleines?“, fragte Felyae sanft. „Es klang nich' so, als hättes' du dich großartig entspannt.“

 

„Sie hat schlecht geträumt“, antwortete Chen, bevor Li Li etwas sagen konnte.

 

„Ja, die Wüstensonne is' schlecht für den Geist“, erwiderte Felyae. Um dies zu unterstreichen, schlug sie die Zügel des Kamels leicht gegen die Schenkel. „Hier hat jeder Albträume un' Halluzinationen.“

 

Li Li hatte die Visionen der Perle nie zuvor als Halluzinationen angesehen, allerdings brachten sie die Erlebnisse der vorangegangenen Wochen zum Nachdenken. Nach dem Eintreffen in Gadgetzan hatte sie erwartet, dank Catelyns Verbindungen ein Schiff chartern zu können, um gemeinsam mit Chen auf der Suche nach Pandaria endlich nach Süden aufzubrechen. Doch selbst die Empfehlung einer berühmten Piratin hatte es nicht ermöglicht, einen Kapitän zu finden, der dazu bereit gewesen wäre. Danach hatte sie erneut Rat bei der Perle gesucht und von ihr einen Weg durch Tanaris, über die Berge und nach Uldum gezeigt bekommen. Und genau dorthin waren sie nun mit einer Gruppe Zwerge aus der Forscherliga unterwegs.

 

„In ein bis zwei Tagen sin' wir an der Grenze“, bemerkte Felyae und durchbrach damit das Schweigen. „Was habt ihr denn in Uldum vor?“

 

„Wir wollen in die Stadt“, sagte Chen.

 

„Ah, nach Ramkahen?“

 

„Äh, ja, nach Ramkaaa ... hen“, erwiderte Li Li, die Probleme mit der Aussprache hatte. Sie hörte den Namen der Stadt zum ersten Mal. „Das liegt am Seeufer, oder?“

 

„Am nördlichen Seeufer“, bestätigte Felyae. „Benannt nach den dortigen Einwohnern.“

 

„Den Tol'vir“, sagte Chen. Felyae nickte und Chen fragte: „Weißt du etwas über sie? Ich nur sehr wenig.“

 

„Also“, begann Felyae nachdenklich, „die Tol'vir sin' so 'ne Art Zentauren, allerdings haben sie keine Pferdekörper, sondern seh'n aus wie große Katz'n.“

 

Chen war sichtbar fasziniert und setzte sich aufrecht hin. „Sehr interessant!“

 

„Ja“, sagte sie. „Ich bin bisher einmal in Ramkahen gewesen un' habe einige getroffen. Die Tol'vir sin' in Stämme unterteilt, die nach den Städten benannt sind, in denen sie leben. Die Ramkahen leben in Ramkahen. Es gab auch mal zwei weitere – die Neferset un' die Orsis –, aber die sin' fast alle verschwunden.“

 

„Was ist denn geschehen?“, fragte Li Li.

 

Felyae schüttelte traurig den Kopf. „Krieg. Bürgerkrieg. Nun gibt es eigentlich nur noch die Ramkahen.“

 

„Das ist schrecklich“, sagte Chen leise.

 

„Ja, das ist es“, stimmte Felyae ihm zu. „Nach dem Ende des Krieges bin ich nich' mehr in der Stadt gewesen, also weiß ich nich', was Euch erwartet. Aber ich kann mich d'ran erinnern, dass der Ort ganz schön düster war. Schön, aber voller Kummer.“

 

Für eine Weile saßen die drei still auf dem sanft ruckelnden Wagen und beobachteten, wie das Kamel eine weitere Düne hinauftrottete. Als sie den Kamm erreichten, hörten Sie ein lautes Jubeln und das Rufen des Karawanenführers Dalgin.

 

„Da unten kann man schon das Disteltal sehen! Bald sin' wir in Uldum!“

 

Dalgins Aufregung war ansteckend. Li Li, Chen und Felyae grinsten nun trotz des zuvor besprochenen ernsten Themas über das ganze Gesicht. Li Li spürte, wie die Vorfreude ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließ. Chen hatte Uldum zuvor in keinem seiner Briefe beschrieben.

***

 

Als sie das Tal erreichten, hob sich die Stimmung aller Karawanenmitglieder. Der Sand wich festerem Boden und die Wagen bewegten sich nun schneller voran. Die nackten Berge erhoben sich direkt vor ihnen und eine Unterbrechung am Hang zeigte den weiteren Straßenverlauf an.Dalgin sorgte dafür, dass nichts ohne Ankündigung geschah. „Wir nähern uns dem Pass“, rief er. „Beim Einbruch der Nacht sin' wir im Lager!“

 

Die Karawane bewegte sich sachte in die Schatten an der Unterseite der steilen Felswände. Hoch über ihnen flankierten die Wächterstatuen die Reisenden und waren dabei noch größer als in Li Lis Vision. Als sie an ihren Traum dachte, erschauderte sie, doch die riesigen Figuren bewegten sich nicht. Sie waren imposant, aber harmlos.

 

Hoch über ihnen flankierten die Wächterstatuen die Reisenden und waren dabei noch größer als in Li Lis Vision. Als sie an ihren Traum dachte, erschauderte sie, doch die riesigen Figuren bewegten sich nicht. Sie waren imposant, aber harmlos.

 

Die Kamelhufe klackerten leise auf dem Boden und erzeugten sanfte Echos, die wie entfernte Glocken klangen. Li Li drehte den Kopf in alle Richtungen. Sie sehnte sich danach, das Volk kennenzulernen, das dies alles erbaut hatte, sich ihre Geschichten anzuhören und mehr über ihre Kunst zu erfahren. Während sie sich umschaute, erblickte sie kurz Chen, auf dessen Gesicht derselbe ehrfürchtige und faszinierte Ausdruck zu erkennen war. Hatte sich auch Liu Lang so gefühlt? War es das, was ihn und seine Anhänger zu Forschern werden ließ? Als sie an ihren Vater dachte, spürte sie ein Gefühl des Kummers. Er hatte keine Vorstellung davon, was er verpasste.

***

 

Nach dem Verlassen des Passes wurde die Karawane erneut von Licht durchflutet. Die Straße führte durch eine große Ruine nach Westen. Die gewaltige Statue eines katzenartigen geflügelten Wesens mit einem riesigen Schwert bewachte ein Grab. Li Li war so damit beschäftigt, sie anzustarren, dass es ihr kaum auffiel, als die Wagen abrupt zum Stehen kamen. Dalgins lautes Rufen durchbrach ihr Erstaunen.

 

„Was im Namen von Branns Bart soll das? Warum richtet ihr diese Dinger auf uns?“

 

Li Li, Chen und Felyae blickten sich argwöhnisch an. Instinktiv griff Li Li hinter sich, um ihren im Wagen verstauten Stab hervorzuholen, doch Chen hielt sie zurück. Mit seiner anderen Pfote zeigte er in Richtung der Ruinen. Li Li folgte seinem Blick.

 

Mehrere große, vierbeinige, lohfarbene, braune und onyxschwarze Kreaturen bewegten sich auf die Karawane zu. Ihre Oberkörper glichen denen von Menschen, die Unterkörper und Köpfe waren jedoch katzenartig. Li Li stockte der Atem – das waren Tol'vir! Ihre Freude hielt jedoch nur kurz an. Das waren wütend aussehende und bewaffnete Tol'vir.

 

„He!“, rief Dalgin und näherte sich den Tol'vir. „Wir haben nichts Unrechtes getan!“

 

Der Anführer der Tol'vir-Gruppe – leicht erkennbar an seiner über der Brust und dem Widerrist getragenen Kleidung – trat hervor. In einer Hand hielt er ohne Mühe einen wahrhaft riesigen Speer. Dalgin war nur halb so groß wie er. Li Li bewunderte den Mut des Zwergs. Oder seinen Leichtsinn.

 

„Ihr müsst uns zur Stadt Ramkahen begleiten“, befahl der Anführer der Tol'vir mit dröhnender Stimme. „Um eine Erklärung gegenüber König Phaoris abzugeben.“

 

„Ach, wir schau'n uns hier doch nur 'n bisschen um!“, erwiderte Dalgin. „Wir dokumentieren 'n paar Sachen un' machen Aufzeichnungen.“

 

„Wir werden Euch zur Stadt begleiten“, erwiderte der Tol'vir unnachgiebig. Dalgin murmelte etwas auf Zwergisch vor sich hin. Li Li versuchte sich vorzustellen, was er wohl meinte, und kicherte über einige der etwas derberen Übersetzungsmöglichkeiten. Die Karawane setzte sich rumpelnd wieder in Bewegung und die ernst dreinblickenden Tol'vir marschierten wortlos neben den Wagen, um sie nach Ramkahen zu führen.

 

Über einen großen Fluss und die an seinem Ufer liegende Oase gelangten sie zur Stadt. Li Li war fasziniert von der Landschaft. Sie bestaunte die vielfältige Flora und Fauna am Fluss. Palmen und Farne mit breiten Blättern in großer Anzahl boten am Flussufer Fröschen, Kröten, Eidechsen und dünnbeinigen Vögeln Unterschlupf und Schatten. Sie war erstaunt, dass so etwas Üppiges in der rauen Wüstenumgebung gedeihen konnte.

 

Plötzlich lichteten sich die Bäume. Vier Steinsäulen ragten aus dem Boden empor und über ihnen bewachten zwei weitere riesige Statuen mit Habichtköpfen den Eingang zur Stadt. Im Süden funkelte der Vir'naalsee in der glühenden Sonne, als bestünde er aus lauter Diamanten.

 

Sie hatten Ramkahen erreicht. Die Tol'vir befahlen der Gruppe, die Wagen vor den Toren zu verlassen, und führten sie in die Stadt. Li Li schwang argwöhnisch ihren Stab, als sie an den wesentlich größeren Tol'vir vorbeiging, doch niemand würdigte sie auch nur eines Blickes.

 

Ramkahen selbst wäre unter anderen Umständen für die Pandaren sicherlich faszinierend gewesen. So war Li Li jedoch viel zu verärgert, um die wunderschön gepflasterten Straßen oder die mit bunten Markisen dekorierten Türen zu bemerken. Auch Chen fühlte sich nicht gerade wohl.

 

Während sie Ramkahen durchquerten, wurde ihnen bewusst, dass etwas Ungewöhnliches geschah. Im Stadtzentrum hatte sich ein wütend schreiender Mob versammelt. Der große Platz war von Wachen umgeben, welche die Menge von irgendwelchen Dummheiten abhalten sollten.„Was im Namen von Azeroth geht hier vor?“, fragte sich Chen laut.

 

Am nördlichen Ende des Platzes befand sich ein großes Gebäude mit einer großen Treppe, die zu einer erhöhten Plattform führte. Auf ihr befanden sich fünf in schwere Ketten gelegte Tol'vir. Drei Tol'vir, von denen einer eine spektakuläre Maske trug, die sein gesamtes Gesicht verdeckte, begleiteten sie. Aus der Entfernung konnte es Li Li nur schwer erkennen, aber die Haut der Gefangenen schien sich irgendwie von der Haut der anderen Tol'vir zu unterscheiden. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte genauer hinzusehen.

 

Einer der Tol'vir an der Oberseite der Treppe rief über den Lärm hinweg.

 

„König Phaoris spricht zu euch! Seid still und hört zu!“

 

Der Mob verstummte. Der Tol'vir mit der Maske – König Phaoris – sprach, jedoch nicht zu der versammelten Menge, sondern zu den Gefangenen. Seine volle Stimme dröhnte über den Platz.

 

„Ihr, die überlebenden Neferset, werdet hiermit beschuldigt, mit dem bösartigen Drachen Todesschwinge gemeinsame Sache gemacht zu haben. Ihr werdet beschuldigt, sein Angebot angenommen zu haben, den Fluch des Fleisches rückgängig zu machen, wenn ihr ihm und seinem Verbündeten, dem Luftelementarfürsten Al'Akir, die Treue schwört. Ihr werdet beschuldigt, die von ihnen verliehene Macht für den Krieg gegen euer eigenes Volk eingesetzt zu haben.“

 

„Onkel Chen, was ist der Fluch des Fleisches?“, flüsterte Li Li.

 

„Das weiß ich nicht“, flüsterte er zurück.

 

„Das is' ein Leiden, dass die Kreationen der Titanen befällt“, antwortete die neben ihnen stehende Felyae mit leiser Stimme. Beide Pandaren blinzelten voller Überraschung. „Die Titanen erschuf'n ihre Kreaturen hauptsächlich aus Stein oder mit and'ren mechanischen Hilfsmitteln“, erklärte sie. „So konnt'n sie die ihnen übertragenen Aufgaben ausführ'n, ohne Schwäche oder Verfall fürcht'n zu müss'n. Doch es gibt äußerst boshafte Wes'n mit starker Magie, die sie aus Hass auf Titanen sabotiert'n, indem sie ihre Körper in Fleisch verwandelt'n, das denen der and'ren Kreaturen auf Azeroth gleicht.“

 

„Woher weißt du das alles?“, fragte Li Li mit gedämpfter Stimme. Felyae verzog ihr Gesicht zu einem halben Lächeln.

 

„Wir Zwerge sin' auch davon betroffen“, antwortete sie. „Einst waren wir von den Titanen selbst erschaffene Steinkreaturen.“

 

Felyaes Gesichtsausdruck verbarg nicht, dass es bei ihr für gemischte Gefühle sorgte, aus Fleisch zu bestehen. Li Li war klug genug, um nichts zu sagen, dachte jedoch an die Zeit zurück, die sie während des Braufests in Eisenschmiede verbracht hatte. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass es genauso wild und ausgelassen zugegangen wäre, wenn die Zwerge aus Stein bestanden hätten. Sie kam nicht umhin, ein bisschen froh darüber zu sein, dass sie nun bloße Kreaturen aus Fleisch und Blut wie Li Li waren.

 

„Dann müssen auch die Tol'vir von den Titanen erschaffen worden sein“, merkte Chen an. Felyae nickte.

 

Der auf der Treppe stehende König Phaoris beendete seine Rede. Li Li hatte den zweiten Teil nicht mitbekommen.

 

„... Der Hohe Rat wird die Angelegenheit am restlichen heutigen Tage und morgen besprechen. Einen Tag darauf soll dann über euer Schicksal entschieden werden. Sollte einer von euch etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen haben, so muss es innerhalb dieses Zeitraums erfolgen!“

 

„Die Gefangenen müssen sterben!“, rief jemand in der Menge.

 

„Lasst die Verräter leiden!“, rief eine andere Stimme.

 

„Die Beratungen werden nun beginnen“, sprach König Phaoris zu dem unruhigen Mob. „Jeder Bürger, der etwas dazu zu sagen hat, hat die Erlaubnis, mit dem Rat zu sprechen.“

 

Die Neferset-Gefangenen wurden von einer Gruppe Wachen unter Rufen und höhnischen Bemerkungen der Menge abgeführt. König Phaoris und seine Begleiter verschwanden in dem Prachtbau. Langsam begann sich die Menge aufzulösen, wobei immer wieder wütendes Murmeln aufbrauste. Die Li Li, Chen und die Zwerge bewachenden Tol'vir wiesen sie mit Stößen an, sich die große Treppe hinauf in den Palast des Königs zu begeben.

 

Die Gruppe wurde direkt zu König Phaoris geführt, der sie einige nervenaufreibende Momente lang betrachtete, bevor er seine Stimme erhob.

 

„Meine Wachen haben Euch aus einem bestimmten Grund zu mir gebracht“, sagte er kühl. „Was macht Ihr hier?“

 

Dalgin trat hervor. „Wir sin' Archäologen“, sagt er mit stolzgeschwellter Brust. „Von der Forscherliga aus Eisenschmiede. Wir woll'n hier alles über die antik'n Stätten von Uldum erfahr'n.“

 

Li Li hätte schwören können, dass Phaoris die Augen verdrehte, aber hinter seiner Maske war es unmöglich, das genau zu erkennen. Er stieß einen kleinen Seufzer aus.

 

„Eine Expedition der Gnome hat in den Ruinen im Süden herumgeschnüffelt und dabei vollkommen den Verstand verloren“, bemerkte er mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme. „Zwar haben Außenstehende wie Ihr uns unschätzbare Dienste im letzten Krieg erwiesen, aber vergesst nicht, dass Ihr Gäste in unserem Land seid. Manche Dinge sollte man lieber unter Verschluss halten. Ihr dürft vorerst in der Stadt bleiben, aber strapaziert unsere Gastfreundschaft nicht zu sehr. Ihr dürft nun gehen.“

 

Die Zwerge marschierten heraus und murmelten dabei leise vor sich hin. Li Li schnappte Halbsätze mit Dingen wie „Behinderung der Wissenschaft“ und „spießige alte Knacker“ auf. Sie verkniff sich ein Kichern. Chen blieb etwas zurück, wobei er seinen Blick über Architektur und Ausstattung dieses fremdartigen Ortes schweifen ließ. Li Li lächelte und trödelte mit ihrem Onkel noch ein wenig herum.

 

Kurze Zeit später wollten sie aufbrechen, um die Zwerge zu finden und nach einer Taverne oder etwas Ähnlichem in Ramkahen Ausschau zu halten. Als Chen sich in Richtung Tür aufmachte, wurde er beinahe von einem ins Gebäude stürmenden Tol'vir umgeworfen

 

„König Phaoris!“, rief dieser. „Bitte, ich muss mit Euch und dem Hohen Rat sprechen.“

 

Der König schnaubte vernehmbar. „Wir haben bereits gehört, was du zu sagen hast, Menrim.“

 

„Bitte“, wiederholte Menrim, „bitte hört mir zu. Die gefangenen Neferset verdienen Gnade ...“

 

„So etwas war von dir natürlich zu erwarten“, schnaubte eines der Ratsmitglieder. König Phaoris hob die Hand, um für Ruhe zu sorgen.

 

„Menrim, ich weiß, dass du dir über ihr Schicksal Gedanken machst. Der Hohe Rat wird dafür sorgen, dass wir Gerechtigkeit – in welcher Form auch immer – walten lassen.“

 

„Sie führten Krieg und wurden besiegt“, sagte Menrim flehend. „Reicht das etwa nicht? Müssen wir Blut mit Blut vergelten?“

 

Ein anderer Tol'vir im Raum murmelte etwas, dass sich wie ein „Ja“ anhörte.

 

Li Li und Chen eilten aus dem Gebäude, während die Aufmerksamkeit noch voll auf Menrim gerichtet war. Als sie auf dem Platz stehen blieben, da sie nicht sicher waren, wohin sie nun gehen sollten, kam Menrim die Stufen hinunter, wobei er seine sandfarbenen Pfoten bei jedem Schritt traurig schleifen ließ. Sein gesamter Ausdruck war durchdrungen von Müdigkeit und Chen fühlte mit ihm. Spontan entschied er sich, den einsamen Tol'vir anzusprechen.

 

„Ich habe gehört, was Ihr dem König gesagt habt“, sprach er zu Menrim, während er auf ihn zuging. „Ich finde, dass Ihr sehr mutig seid. Es ist nicht einfach, Gnade bei jenen einzufordern, die Euch Unrecht getan haben.“

 

Chens Worte schienen Menrim zu verblüffen. Er richtete seinen Blick auf die beiden Pandaren, offensichtliche Fremde in diesem Land. Er sprach nicht, aber sein Gesicht verlor etwas von seinem gehetzten Ausdruck.

 

„Mein Name ist Chen Sturmbräu. Meine Nichte Li Li und ich sind erst seit Kurzem hier. Wir wünschen Euch alles Gute in Euren schweren Zeiten.“

 

„Mein Name ist Menrim“, erwiderte der Tol'vir. „Danke für Euer Mitgefühl.“ Er hielt einen Moment lang inne und fügte dann hinzu: „Es wäre mir eine Freude, Euch und Eure Nichte zu einem Abendmahl einzuladen, wenn Ihr möchtet.“

 

„Wir würden uns sehr geehrt fühlten“, sagte Chen.

 

Menrim lebte in einem bescheidenen Haus mit Ausblick auf den Vir'naalsee. Als der Himmel sich verdunkelte, konnte man die Lichter der Stadt auf der anderen Seite des Wassers sehen.

 

„Welche Stadt befindet sich denn dort drüben?“, fragte Li Li, während sie auf die roten und orangefarbenen Lichter zeigte. In der Küche half sie gerade Menrim nach dem Essen beim Abwasch.

 

„Das ist Mar'at. Es lag in der Nähe von Orsis, als es Orsis noch gab.“

 

„Wurde Orsis im Krieg zerstört?“, fragte Li Li. Menrim nickte.

 

„Ja. Al'Akir schickte seine Armeen, um die Stadt unter einem gigantischen Staubsturm zu begraben“, sagte er mit einem Seufzen. „Orsis und Neferset waren wirklich schön. Besonders Neferset.“

 

„Wart Ihr mal dort?“

 

„Ich wurde dort geboren“, antwortete Menrim sanft.

 

„Oh“, sagte Li Li. Peinlich berührt trocknete sie einen Teller ab. „Seid Ihr ein Ramkahen?“

 

„Jetzt ja“, antwortete Menrim nach einer Weile. „Aber einst gehörte ich zum Neferset-Stamm.“

 

„Oh“, kam es wieder aus Li Lis Mund. Sie setzte den Abwasch fort.

 

„Ich ...“ Als Menrim ansetzte, blitzte ein trotziger Stolz in seiner Stimme auf. Er runzelte die Stirn. „Das scheint Euch nicht zu beunruhigen.“

 

Li Li zwinkerte. „Sollte es das?“

 

Menrim schaute sie seltsam an und dachte nach. „Ich schätze, dass Ihr meine Abstammung nicht unbedingt absonderlich findet.“

 

„Menrim“, sagte Li Li, „eigentlich weiß ich nichts über die Tol'vir. Es gab einen Bürgerkrieg und ich habe gehört, dass die Neferset sich mit Todesschwinge verbündet hatten.“ Menrim verzog das Gesicht, als sie den Namen des ehemaligen Drachenaspekts nannte. Li Li fuhr fort: „Aber Ihr scheint mir nichts mit Todesschwinge zu tun zu haben. Da ist nicht genug Tod.“

 

Li Lis Worte zauberten ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf Menrims Gesicht.

 

„Und auch keine Schwingen“, erwiderte er. Li Li verdrehte freundlich die Augen. Menrim holte tief Luft.

 

„In diesem Falle sollte ich Euch und Eurem Onkel wohl besser eine Geschichte erzählen.“

 

„Wir lieben Geschichten“, sagte Li Li. Er verzog das Gesicht.

 

„Diese vielleicht nicht“, sagte er.

***

 

Chen und Li Li saßen Menrim im Wohnzimmer seiner kleinen Behausung im Schneidersitz gegenüber. Menrim legte die Beine übereinander und begann.

 

„Die Stadt Neferset liegt südlich von hier. Sie ist ... war wunderschön und wesentlich größer als Ramkahen. Dort wurden ich und mein Bruder Bathet geboren.

 

Alle Tol'vir kennen unsere Geschichte. Wir wissen, dass wir von Titanen erschaffen wurden, um Uldum und seine Geheimnisse zu beschützen. Trotzdem sind wir ein eigenständiges Volk. Wir sind keine Automaten. Ursprünglich gaben uns die Titanen Körper aus Stein, damit wir ihnen besser als Wächter dienen konnten.

 

Als der Fluch des Fleisches die Tol'vir zum ersten Mal befiel, waren wir traurig über unsere geschwächten Körper. Da wir anscheinend jedoch nichts dagegen tun konnten, akzeptierten wir den Fluch und lebten weiter. Trotzdem gab es manche, die nie aufhörten, diesen Verlust zu betrauern.

 

Wie Ihr wisst, kehrte der große Drache Todesschwinge auf die Welt zurück. Er verbündete sich mit Al'Akir, dem Anführer der Luftelementare, und den Alten Göttern, die den Fluch ursprünglich ausgesprochen hatten.“

 

„Er verbündete sich mit den Alten Göttern?“, fragte Chen leise. „Das kann ich gar nicht glauben ...“

 

„Das solltet Ihr aber“, sagte Menrim mit schwerer Stimme. „Als Todesschwinge hierher kam, bot er den Tol'vir einen Handel an: Wenn wir uns ihm anschließen würden, würde er uns unsere ursprünglichen Steinkörper zurückgeben. Der Fluch wäre aufgehoben.“

 

Li Li und Chen nickten.

 

„Die vom Dunklen Pharao Tekahn angeführten anderen Neferset ließen sich sofort darauf ein. Ich hatte jedoch kein gutes Gefühl.“

 

Menrim sammelte sich.

 

„Ich versuchte andere Neferset davon zu überzeugen, dass das eine schlechte Idee war. Ja, wir würden unsere Steinkörper zurückerhalten, jedoch für immer in Al'Akirs und Todesschwinges Schuld stehen. Mein Volk war arrogant und dachte, wir könnten sie stürzen und unsere Unabhängigkeit zurückerlangen, nachdem wir wieder unsere alte Form angenommen hatten. Immer weniger teilten meine Zweifel. Und selbst Bathet war anderer Meinung. Ich flehte ihn an, noch einmal darüber nachzudenken, aber er hörte mir nicht zu. Er war einer der lautstärksten Verfechter der Allianz in der ganzen Stadt. Schließlich wurde klar, dass Gefahr für mein Leben bestand. Ich floh nach Ramkahen und wollte stattdessen König Phaoris die Treue schwören. Als die restlichen Neferset offen feindselig wurden, half ich dabei, sie zu besiegen.“

 

„Und Euer Bruder“, fragte Chen sanft. „Was geschah mit ihm?“

 

Menrim antwortete nicht sofort. Im orangefarbenen Licht der Öllampen wirkte er müde.

 

„Er hat überlebt“, erwiderte Menrim schließlich. Seine Stimme bebte. „Er ist einer der Gefangenen der Ramkahen. Sie warten darauf, dass der Hohe Rat über ihr Schicksal entscheidet.“

 

In dieser Nacht lag Chen in seinem Schlafsack wach und starrte an Menrims Wohnzimmerdecke. An Li Lis sanftem Schnarchen erkannte er, dass sie schlief. Allerdings wusste er auch, dass sie nicht gut schlief. Er hatte ihr mindestens eine Stunde beim Herumwälzen zugehört, bevor die Erschöpfung sie schließlich übermannt hatte.

 

Aber er fand keine Ruhe. Er verstand sehr gut, warum Menrim den Mut hatte, sich den anderen Tol'vir zu widersetzen und um Gnade für die Neferset-Kriegsgefangenen zu bitten. Chen musste sich nur vorstellen, wie er sich fühlen würde, falls Chon Po hingerichtet werden sollte – selbst für Verbrechen wie die von Bathet – und er wusste, dass auch er alles in seiner Macht Stehende tun würde, um das Leben seines Bruders zu retten. Je länger sich Chen mit der Situation befasste, desto mehr zog sich sein Magen zusammen. Er dachte daran, was Menrim durchmachen musste, da er vielleicht der Einzige war, der seinen Bruder noch retten konnte. Schließlich stand Chen auf und setzte sich an den Küchentisch. Er fühlte sich gleichzeitig ruhelos und extrem übermüdet.

 

„Wie ich sehe, könnt Ihr auch nicht schlafen.“ Menrims ruhige Stimme holte Chen aus seinen Gedanken. Er hatte den Tol'vir nicht hereinkommen hören und wunderte sich darüber, dass Menrim sich selbst bei seiner Größe so leise wie eine Hauskatze bewegen konnte.

 

„Ich entschuldige mich dafür, dass der Boden nicht bequemer ist“, sagte Menrim und schüttelte entschlossen den Kopf.

 

„Glaubt mir, da habe ich schon an wesentlich schlimmeren Orten geschlafen. Ich bin wach, weil ich immer wieder daran denke, was Ihr uns nach dem Essen erzählt habt.“

 

Menrim seufzte. „Ich auch. Jeder hier kennt meine Geschichte. Früher waren die Leute verständnisvoll, aber der Krieg lässt auch das mitfühlendste Herz kalt werden.“

 

„Ich habe auch einen Bruder“, erwiderte Chen. „Er ist Li Lis Vater. Wir sind nicht immer gut miteinander ausgekommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in einem Krieg auf zwei Seiten kämpfen würden.“

 

Menrim starrte vor sich hin. „Ich habe schon lange Gespräche mit dem Hohen Rat geführt. Nur wenige wollen Gnade um der Gnade willen walten lassen, aber eine Reihe der Ratsmitglieder würde die Situation überdenken, wenn die Gefangenen Reue zeigen. Das habe ich Bathet zu vermitteln versucht, aber bisher bereut er nichts.“ Menrims Stimme wurde brüchig und er ließ seinen großen Katzenkopf mit herunterhängenden Ohren auf die Brust fallen.„Meine Familie ist mir wichtiger als alles andere“, sagte er. „Ich habe immer versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich bin älter als Bathet. Ich wollte ihm zeigen, wie man ein gutes Leben führt, ihm jedoch auch nicht im Weg stehen. Ich versuchte ihm nicht vorzuschreiben, was er machen sollte, sprach aber immer aufrichtig mit ihm, wenn er zu mir kam. Als er zu solch einem überzeugten Verfechter von Todesschwinges Angebot wurde ... Da habe ich mich oft gefragt, was ich falsch gemacht hatte.“

 

„Ihr seid für seine Entscheidungen nicht verantwortlich“, sagte Chen. „Ihr könnt nur Euer eigenes Leben führen und Euch selbst treu bleiben. Bathet hat wahrscheinlich dasselbe getan, so furchtbar das auch klingen mag. Vielleicht glaubt er wirklich daran, das Richtige zu tun.“

 

„Vielleicht“, erwiderte Menrim. Er sah Chen nicht an. „Ich glaube, ich sollte wieder ins Bett gehen. Gute Nacht.“

 

„Gute Nacht“, sagte Chen. Er wusste, dass seine Worte keinen Trost boten. Er fühlte sich minderwertig und entschied, alles zu tun, um Menrim und seinem Bruder zu helfen.

***

 

Am darauffolgenden Morgen brach Chen bevor Li Li erwachte auf, um herauszufinden, wo die Neferset gefangen gehalten wurden. Als er nachfragte, wurden die Tol'vir feindselig, doch schließlich zeigte ihm eine geschäftige Orc-Frau das Osttor, durch das er mit Li Li die Stadt am Tag zuvor betreten hatte. Die nach unten führende Rampe, die sie passiert hatten, war der Eingang zum Gefängnis. Chen bedankte sich bei ihr und machte sich auf den Weg.Zwei auf Pfeilern sitzende Schakale bewachten die Oberseite der Rampe. Chen blieb stehen und schaute sie an, wobei er hoffte, dass er die Situation zum Positiven wenden könnte. Allerdings fragte er sich auch, ob eine einzelne Person imstande wäre, so etwas zu leisten. Er erinnerte sich daran, dass Einzelne schon große Taten vollbracht hatten. Er holte tief Luft und ging die Rampe hinunter. Unten versperrte eine Ramkahen-Wache den Zugang.

 

„Was habt Ihr hier zu suchen?“, fragte er und schwang eine Pike, die so groß wie Chen war.

 

„Ähm, ich würde gerne mit den Neferset-Gefangenen sprechen“, sagte Chen.

 

„Warum?“, fragte die Wache.

 

„Um etwas in Erfahrung zu bringen“, erwiderte Chen. „Ich möchte wissen, warum sie so gehandelt haben.“

 

Die Wache beäugte Chen von oben bis unten. „Ihr seid ein seltsam aussehendes Wesen“, sagte er. „Und offensichtlich habt Ihr keine Verbindungen zu irgendwelchen Tol'vir. Aber wenn Ihr mit den Inhaftierten reden möchtet, könnt Ihr das tun, wenn Ihr alles, was Ihr mitführt, bei mir lasst. Drinnen wird Euch dann eine andere Wache beaufsichtigen.“

 

Chen nickte. Er legte seinen Stab und den Rucksack auf den Boden. „Danke“, sagte er, während er die Tür öffnete.

 

Dieser Bereich unterhalb der Erde war ganz klar nicht als Gefängnis ausgelegt gewesen, sondern in Eile zu diesem Zweck umfunktioniert worden. Wie angekündigt, wartete eine andere Wache darauf sicherzustellen, dass sein Gespräch mit den Neferset nicht zu Problemen führte.

 

Die Neferset waren in ihren instabilen und offensichtlich nur vorübergehend aufgebauten Käfigen fest an die Steinmauern gekettet. Chen machte sich Gedanken darüber, welche Absicht der Hohe Rat wohl wirklich mit der langfristigen Haft dieser Tol'vir verfolgte.

 

„Wer von Euch ist Bathet?“, fragte er.

 

„Der da“, antwortete die Ramkahen-Wache und zeigte auf einen Käfig, der auf der rechten Seite an der Mauer stand.

 

Chen nickte und ging zu Menrims Bruder.

 

Nun, da er sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, sah sich Chen Bathet und die anderen Gefangenen genau an. Sie waren wirklich zu Steinkreaturen geworden. Sie glichen eher Golems als Wesen aus Fleisch und Blut.

 

„Ihr seid also Bathet?“, fragte Chen.

 

„Was interessiert Euch das?“, knurrte ihn der Neferset an. Seine Augen waren das genaue Gegenteil zu Menrims – hart, kalt und wütend.

 

„Beantworte seine Fragen“, rief die Wache und schlug mit der Pike gegen die Stäbe des Käfigs. Der Klang von Metall auf Metall tönte schrill durch den Untergrund.

 

Bathet grinste spöttisch und antwortete nicht. Stattdessen lief er ruhelos in seiner winzigen Zelle umher und fletschte die Zähne in Chens Richtung. Erneut schlug die Wache mit der Pike gegen die Stäbe.

 

„Ich komme im Namen Eures Bruders Menrim“, sagte Chen.

 

Bathet blinzelte Chen an und lachte verächtlich.

 

„Tja, das erklärt, warum Ihr Eure Zeit mit uns Besiegten in der Dunkelheit vergeuden wollt! Wahrscheinlich hat der liebe Menrim Euch gebeten, mich zur Vernunft zu bringen.“

 

„Eigentlich weiß er gar nicht, dass ich hier bin“, sagte Chen. Bathet lachte erneut.

 

„Noch besser! Er hat Euch so gerührt, dass Ihr nun die Drecksarbeit für ihn erledigt! Wunderbar.“

 

Chen legte seinen Kopf auf die Seite und betrachtete Bathet. Er wusste, dass ein direkter Konterversuch nur zu weiterem Spott führen würde, und dachte daher über den besten Ansatz nach, Bathet zu einem Gespräch mit ihm zu bewegen.

 

„Hier ist es wirklich ziemlich dreckig“, sagte Chen. „Ich gehe davon aus, dass seit geraumer Zeit niemand von Euch gebadet hat. Wie gut, dass Ihr nichts weiter als ein Haufen Steine seid.“

 

Die Ramkahen-Wache an Chens Seite schien durch die Bemerkung leicht gekränkt zu sein, kicherte aber trotzdem. Bathet wirkte überrascht, während Chen imaginären Schmutz von seinem schwarzweißen Fell wischte. Er verschränkte die Arme und schaute so selbstgefällig wie möglich zu Bathet hinüber.

 

Es funktionierte.

 

„Ihr Fleischlichen denkt wohl immer, dass Ihr so rechtschaffen seid. Das könnt Ihr auch gerne meinem Bruder erzählen. Und wenn Ihr das macht, solltet Ihr Euch seinen moralistischen, weinerlichen und leidenden Gesichtsausdruck ansehen und hören, wie er seufzt, während seine traurigen Augen sagen ‚Oh, ich bin so enttäuscht von dir, Bathet‘. Dann könnt Ihr ihm sagen, dass er ein ...“

 

Aus Bathets Mund strömte eine Reihe äußerst übler Worte, die Chen niemals wiederholen würde. Selbst die Wache war verblüfft.

 

„... Und das halte ich von ihm und seinem frommen Überlegenheitskomplex.“

 

„Na klar“, log Chen.

 

„Menrim kann sich die Worte sparen“, fuhr Bathet fort. „Selbst wenn der Rat auf seine ach so innig vorgetragenen Gnadengesuche eingeht, würde ich lieber hier mit meiner richtigen Familie sterben, als auch nur einen Augenblick in seiner Gegenwart zu verbringen.“

 

Danach wandte Bathet Chen den Rücken zu und blickte zur Mauer. Chen versuchte gar nicht erst, weiterzureden – er wusste, dass er hier fertig war.

 

„Ich gehe dann mal“, sagte er der Wache, die zur Bestätigung nickte.

 

Das Sonnenlicht blendete ihn und Chen blinzelte einige Sekunden, während sich seine Augen wieder an die Außenwelt gewöhnten. Eine Gefängniswache schloss die Tür hinter ihm, während eine andere ihn neugierig ansah.„Ich hoffe, Ihr habt erfahren, was Ihr wolltet“, sagte er. „Aber ich bezweifle, dass Ihr von den Gefangenen nützliche Informationen erhalten könnt. Das sind alles Fanatiker.“

 

Chen dachte über das Gespräch im Gefängnis nach, während er seine Sachen zusammensuchte, die er an der Tür zurückgelassen hatte. Obwohl die Bezeichnung „Fanatiker“ auf Bathet durchaus zutraf, hatte er nicht ein Mal von Todesschwinge, Reichtümern oder Macht erzählt. Nur ein tief empfundener Hass auf seinen Bruder war zum Ausdruck gekommen.

 

„Ich habe genug erfahren“, sagte Chen. In beunruhigenden Gedanken versunken ging er die Rampe hinauf.

 

„Na, wer hat sich denn da weggeschlichen?“, bemerkte Li Li. Im Schatten einer Palme wartete sie vor Menrims Haus auf ihn. Sie hatte eine der Karten aus Shen-zin Su studiert, die Orte eingetragen, an denen sie schon gewesen waren, und die fehlenden Orientierungspunkte wie beispielsweise Uldum hinzugefügt.

 

„Wie früh bist du überhaupt aufgestanden?“, fuhr sie fort. „Vergiss nicht, dass wir im Urlaub sind!“

 

Chen versuchte über die Späße seiner Nichte zu lächeln, war dazu jedoch nicht in der Stimmung. Li Li bemerkte seine Schwermut sofort.

 

„Was ist geschehen?“, fragte sie.

 

„Ich habe Menrims Bruder im Gefängnis besucht“, sagte er.

 

„Das war bestimmt ein entspanntes Morgengespräch.“

 

Chen starrte über den glitzernden Vir'naalsee, ohne zu antworten. Er dachte an Menrims Kummer und Bathets Verbitterung.

 

„Onkel Chen?“ Li Li legte eine Pfote auf sein Handgelenk. „Warum bist du dorthin gegangen?“ In ihren Augen war aufrichtige Sorge um ihn zu erkennen. Chen umarmte sie fest.

 

„Ich weiß nicht genau“, gestand er sich ein und ließ Li Li wieder los. „Ich wollte wohl herausfinden, was jemanden dazu bewegen kann, eine Wahl wie Bathet zu treffen.

 

„Bathet verachtet seinen Bruder“, sagte er. „Als ich Menrim erwähnte, war er ... na ja, nicht glücklich.“

 

Chen lehnte sich an den Stamm der Palme. „Ich weiß nicht, wie ich daraus schlau werden soll. Bathet nannte die anderen Neferset-Gefangenen seine ‚richtige‘ Familie, will sich also klar von Menrim distanzieren. Aber ich verstehe nicht, warum. Letzte Nacht hat Menrim nur darüber geredet, wie viel ihm sein Bruder bedeutet.“

 

Li Li runzelte die Stirn und sagte nichts. Chen fuhr fort.

 

„Wie kann Bathet ihn so sehr hassen? Was könnte zwischen ihnen vorgefallen sein?“

 

„Er hat ihn verlassen“, sagte Li Li leise.

 

„Natürlich hat er das“, erwiderte Chen. „Er wollte nicht für Todesschwinge arbeiten.“

 

„Nein, davor.“ Li Li schüttelte ihren Kopf. „Als du weg warst, habe ich mich mit Menrim unterhalten. Er ist älter als Bathet. Als er alt genug war, arbeitete Menrim bei den Priestern, um die Titanengeräte instand zu halten. Er war immer unterwegs. Er sah Bathet kaum.“

 

Chen schaute Li Li mit prüfendem Blick an. „Na und?“

 

„Also ... ärgerte sich Bathet wohl über ihn“, murmelte Li Li. „Er fühlte sich verlassen und herumkommandiert. Bathet ging es überhaupt nicht um Todesschwinge. Es ging ihm um einen Ort, an den er gehörte.“

 

„Woher solltest du denn wissen, was in Bathets Kopf vor sich geht?“, fragte Chen.

 

Li Li zupfte frustriert an einigen Haarsträhnen. Chen hatte solch ein Verhalten bei ihr noch nie beobachtet. Sie schien mit sich selbst zu kämpfen.

 

„Ich weiß es, weil Bo das mal gesagt hat. Über dich.“

 

„Wie bitte?“

 

Li Li sah unglücklich aus, redete jedoch weiter. „Als Papa mir Bo hintergeschickt hat. Er hat mir gesagt ...“ Li Li verstummte.

 

„Was hat er dir gesagt?“, fragte Chen. Sein Herz pochte in seiner Brust.

 

„Bo hat mir gesagt, dass du weggegangen bist, weil dir dein Bier und deine Abenteuer wichtiger waren als wir.“

 

„Das stimmt nicht!“, protestierte Chen.

 

„Das weiß ich doch!“, rief Li Li. „Onkel Chen, ich habe doch jeden Tag deine Briefe gelesen! Aber so hat sich Bo gefühlt. Eine lange Zeit. Er war sehr wütend auf dich.“

 

Chen beugte seinen Kopf nach vorn. Er erinnerte sich an seinen Streit mit Chon Po in der Nacht, bevor Li Li die Perle genommen hatte. Er konnte den Schmerz in Pos Augen sehen und hörte die Wut und die Qual in seiner Stimme.

 

„Ich erinnere mich noch daran, was Bo mir am Strand sagte, als er starb. Damals konnte ich das nicht alles begreifen, weil es so schnell ging.“ Chen rieb sich das Gesicht, da er plötzlich müde wurde. „Ich hätte es wissen sollen. Chon Po hat sich genauso gefühlt. Das tut er noch immer.“

 

Li Li sagte nichts. Über ihnen raschelten die Blätter in der warmen Brise.

 

„Ich glaube, ich weiß, was getan werden muss“, sagte Chen.

 

Chen hatte den irrationalen Drang, aus reiner Gewohnheit Tee anzubieten. Stattdessen stand er mit einem mulmigen Gefühl da und wusste nicht, wie er seine Pfoten halten sollte. Er faltete sie vor sich, ließ sie an den Seiten herunterhängen und entschied sich schließlich, sie hinter seinem Rücken zusammenzulegen.

 

Menrim stand Chen und Li Li im Wohnzimmer seines Hauses mit sanftem und fragendem Blick aus seinen blassbraunen Augen gegenüber.

 

„Ich habe heute Morgen Euren Bruder besucht“, sagte Chen. „Um mit ihm zu reden.“

 

Menrim drehte sich um und ging mit peitschendem Schwanz ein paar Schritte durch den Raum. „Was hat er gesagt?“

 

„Er ist sehr wütend“, sagte Chen. Menrim nickte.

 

„Ich weiß.“

 

Chen holte tief Luft und fragte sich, wie gut sein nun folgender Rat ankommen würde.

 

„Ihr solltet Euch bei ihm entschuldigen.“

 

Menrim drehte sich um. „Ich sollte mich entschuldigen? Er hat sich doch Todesschwinge angeschlossen!“

 

„Ja“, sagte Chen. „Aber ... ich denke, dass er glaubt, er hätte Euch nie etwas bedeutet.“

 

„Wie kann er so etwas glauben? Das ...“

 

„Menrim“, unterbrach Chen ihn mit selbst für seine Ohren schwer klingender Stimme. „Was richtig und falsch war, könnt Ihr später herausfinden. Aber wenn er eine Chance erhalten soll, Reue zu zeigen und begnadigt zu werden, bin ich mir sehr sicher, dass Ihr Euch entschuldigen müsst.“

 

„Woher wisst Ihr das?“, hakte Menrim nach.

 

„Ich weiß es, weil ich selbst Personen verlassen habe. Personen, die ich liebe, wie zum Beispiel meinen Bruder.“ In seinem Kopf schwirrten Erinnerungen an Chon Po und Strongbo umher. „Und ... das hatte Konsequenzen.“

 

Menrim ging wieder gedankenverloren durch den Raum. Dann blieb er stehen und schaute die beiden Pandaren an.

 

„In Ordnung“, sagte er. „Ich werde es versuchen. Ich werde mich bei Bathet entschuldigen.“ Er verzog das Gesicht, da ihm die Vorstellung nicht gefiel.Chen nickte und versuchte fröhlich zu wirken. „Ich glaube, dass das wirklich etwas bewegen wird“, sagte er.

 

Menrim antwortete nicht und schlich hinaus.

 

„Das ist doch gut gelaufen“, sagte Chen.

 

Li Li schaute auf ihre Pfoten. „Klar, Onkel Chen.“

***

 

Erst lange nach Sonnenuntergang kam Menrim zurück. Da Chen und Li Li nicht ohne ihn in seinem Haus hatten bleiben wollen, hatten sie es sich mit ihren Rucksäcken und Stöcken am Pier bequem gemacht.

 

Li Li war an Chens Schulter schon eingeschlafen, als Menrim mit langsamem Schritt zurückkehrte. Chen winkte, um Menrims Aufmerksamkeit zu erlangen, doch der Tol'vir reagierte nicht auf seinen Gruß. Menrim drehte seinen Kopf, schaute ihm direkt in die Augen und ging weiter.

 

Chen nahm seinen Arm herunter. „Davor hatte ich Angst“, sagte er. Sanft schüttelte er Li Li wach.

 

„Ach, was ist denn los, Chen?“, murmelte sie, während sie sich die Augen rieb.

 

„Anscheinend sind wir bei Menrim heute Nacht nicht willkommen“, sagte er. „Komm, lass uns ein Gasthaus suchen.“

 

„Zumindest gibt es da ein Bett und nicht nur einen Boden“, murmelte Li Li vor sich hin, während sie ihre Sachen nahm.

 

„Das Glas ist halb voll, was?“, sagte Chen. Einen Moment lang wünschte er, dass er den Zwergen nach ihrer Konfrontation mit König Phaoris mit Li Li direkt gefolgt wäre und Menrim niemals getroffen hätte. Dann wären die Pandaren jetzt bei der Karawane – wo auch immer sie sich aufhielt – und würden lachen und Spaß haben.

 

Nachdem sie schließlich eine Unterkunft gefunden hatten, waren sie so erschöpft, dass sie bis spät in den Morgen schliefen. Als sie erwachten, warf sie der Lärm hunderter Stimmen aus dem Bett. Eilig zogen sie sich an, um herauszufinden, was los war.

 

Draußen verstopften die Bewohner von Ramkahen die Straßen, während sie sich zum Hauptplatz drängten, wo alle ihren Blick erwartungsvoll auf das Gebäude richteten, in dem sich der König und der Hohe Rat befanden.

 

„Was ist los?“, fragte Chen. Li Li wusste die Antwort schon.

 

„Die Zeit ist um“, sagte sie leise. „Der Hohe Rat wird bald seinen Entschluss bekannt geben.“

 

Chens Herz pochte ihm bis zum Hals. Li Li schaute ihren Onkel an.

 

„Wir brauchen eine bessere Sicht.“

 

Chen nickte.

 

Sie drängten sich durch die Menge, bis sie an der riesigen Sonnenuhr im südwestlichen Abschnitt des Platzes angekommen waren. Ein Stapel Kisten schwankte in der Nähe – zu schmal für Tol'vir, aber gerade richtig als Sitzgelegenheit für Pandaren. Chen und Li Li kletterten bis ganz nach oben, von wo aus sie die Vorderseite der großen Halle gut sehen konnten.

 

Kurz danach führten Wachen die fünf Neferset-Gefangenen hinaus. Sie waren an den Hälsen, Handgelenken und Knöcheln zusammengekettet, wobei das Geräusch der schweren Fesseln von den donnernden Schreien der Menge übertönt wurde. Chen erkannte Bathet und schluckte nervös.

 

König Phaoris ging um die Gefangenen herum nach vorne und hob die Arme. Die Menge verstummte.

 

„Bürger von Ramkahen!“, sprach er mit dröhnender Stimme. „Der Hohe Rat hat eine Entscheidung gefällt. Vor ihrer Ankündigung erhält jeder Gefangene die Möglichkeit, sich selbst an die Öffentlichkeit zu wenden, damit auch ihr verstehen könnt, warum wir unseren Beschluss gefasst haben. Zeigt eure Solidarität mit jenen, die ein gerechtes Urteil nach langen und schwierigen Beratungen gefällt haben.“

 

Die Menge jubelte, doch Chen nahm einen gewissen wilden Unterton wahr, und nicht alle schienen mit den Worten des Königs vollends zufrieden zu sein. Phaoris trat zur Seite und eine Wache stieß den ersten Gefangenen. Er schaute zu beiden Seiten, um die Menge der versammelten Zuschauer auf sich wirken zu lassen. Dann begann er zu sprechen.

 

„Mein Namen ist Nanteret“, rief der erste Gefangene, „und ich stehe zu der von meinem Volk eingegangenen Allianz!“

 

Als Antwort brauste ein ohrenbetäubendes Dröhnen aus Schreien voller Wut und Hass auf. Chen bekam einen trockenen Hals.

 

„Ich bedauere nur eins“, fuhr Nanteret schreiend fort, „dass ich nicht mehr dreckige Ramkahen getötet habe!“

 

Um seine Aussage zu unterstreichen, spuckte er die Treppe hinunter. Eine Wache schob ihn schnell wieder zurück. König Phaoris forderte die Menge abermals zur Ruhe auf und die Ramkahen verstummten, um den Rest der Reden zu hören.

 

Einer nach dem anderen sprachen die Neferset-Gefangenen. Die nächsten beiden wiederholten Nanterets Aussage beinahe Wort für Wort. Schließlich trat Bathet als Vierter in der Reihe nach vorne und Chen machte sich große Sorgen, obwohl ein Funke Hoffnung immer noch vorhanden war.

 

„Ich bin stolz auf die von mir getroffene Entscheidung!“, rief er, so laut er konnte. „Ich bedauere nichts! Ich stehe an der Seite meiner Brüder!“ Chen verzog das Gesicht, als er die Betonung des letzten Wortes hörte. Li Li legte ihre Pfote auf die ihres Onkels. Die Menge schrie Bathet an und warf einige Gegenstände auf die Treppe. Ein angegessener Granatapfel traf sein Gesicht, woraufhin der dunkelrote Saft an seiner Wange herunterlief.

 

Nun sprach der letzte Neferset. Chen konnte ihn kaum hören. Was auch immer der Gefangene sagte: Die Worte waren reuelos wie die der anderen Neferset.

 

König Phaoris trat abermals nach vorne und hob die Arme.

 

„Die Neferset hatten die Möglichkeit, allen ihre Gedanken mitzuteilen. Sie bereuen ihre blasphemische Allianz mit Todesschwinge und Al'Akir nicht! Sie empfinden kein Bedauern für die Tausenden, die sie im Namen ihrer eigenen Gier nach Macht ermordet haben! Sie haben alles verraten, wofür die Tol'vir stehen!

 

Die Entscheidung des Hohen Rates ist einstimmig“, fuhr König Phaoris fort. „Sie werden alle hingerichtet.“

 

Die Menge jubelte.

 

Li Li stockte der Atem und sie hielt sich den Mund zu. Chen nahm ihren Arm.

 

„Wir müssen Menrim finden“, sagte er.

 

Sie nickte. „Gehen wir."

***

 

Irgendwann dämmerte es Chen, dass es wahrscheinlich vollkommener Wahnsinn war, eine einzelne Person in den überfüllten Straßen Ramkahens finden zu wollen. Er und Li Li waren jedoch hartnäckig, trafen jemanden, der ihn gesehen hatte, und konnten ihn schließlich finden. Halb verdeckt saß er an einem Brunnen im nördlichen Teil der Stadt. Er sah Chen und Li Li, als sie auf ihn zugingen, beachtete sie aber nicht.

 

Chen setzte sich neben ihn. „Es tut mir leid, Menrim“, sagte er.

 

Menrim drehte sich weg und sein Gesicht war nun wie versteinert. „Er hat nichts bereut. Er hat sein eigenes Schicksal besiegelt.“

 

Li Li und Chen waren beide erstaunt über Menrims Härte, die Chen dem Schock über das Urteil des Hohen Rates zuschrieb.

 

„Trotzdem weiß ich“, sagte Chen, „dass Euer Bruder Euch etwas bedeutet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwer das für Euch sein muss.“

 

Ohne ein Wort zu sagen und mit dem Plätschern des Brunnens als einzigem Geräusch saßen sie eine Weile da.

 

„Darf ich fragen“, hakte Chen behutsam nach, „wie Bathet gestern auf Euren Besuch reagiert hat?“

 

„Er hat wie erwartet reagiert“, fuhr Menrim ihn an. „Wie der verdorbene, egoistische Verräter, der er nun mal ist.“

 

„Wie hat er reagiert“, fuhr Chen fort, „als Ihr ihm gesagt habt, dass es Euch leidtut?“

 

Plötzlich stand Menrim auf und ging weg. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und drehte sich um.

 

„Für wen haltet Ihr Euch eigentlich?“, schrie er. „Ihr mischt Euch in mein Leben ein und sagt mir, was ich tun soll? Ich muss mich bei Bathet entschuldigen? Ich muss überhaupt nichts Derartiges tun! Er ist der Kriminelle, der Gotteslästerer, und ich habe unermüdlich alles dafür getan, sein Leben zu retten! Er sollte mich um Verzeihung anflehen und mir einen Dank aus den Tiefen seines Granitherzens zukommen lassen! Verglichen mit ihm bin ich ein Heiliger."

 

„Es gibt nichts, was mir leidtun müsste, und das habe ich Bathet auch gesagt. Wie könnt Ihr es wagen, mir die Schuld zu geben? Verschwindet aus meinem Leben!“, knurrte Menrim. Er wandte Chen und Li Li den Rücken zu und ging in die Stadt.

 

Chen schloss die Augen und legte seine Stirn an die Pfoten. Li Li umarmte ihn sanft.

 

„Du hast dein Bestes getan, Onkel Chen“, sagte sie. „Du kannst nicht alles in Ordnung bringen.“

 

Chen hatte keine Möglichkeit, die Gefühle von Verantwortung, Pflicht, Versagen und Schuld auszudrücken, die in seinem Herzen jeweils die Oberhand gewinnen wollten. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so elendig gefühlt hatte.

 

Da es schwierig war, einen Neferset mit Steinhaut zu töten, entschied der Hohe Rat, die Gefangenen zerquetschen zu lassen. Zu diesem Zweck hatte er eine komplexe Maschine mit Flaschenzügen und Gegengewichten in Auftrag gegeben. Mehrere Wachen würden die Hebel bedienen, um einen Haufen riesiger Steinplatten einige Meter in die Luft zu heben. Nach dem Öffnen der Sperre sollten die Platten hinunterfallen, um die Gefangenen darunter zu Staub zu zermahlen. Li Li fielen nur wenige Apparate ein, die brutaler waren.

 

Ganz Ramkahen schien sich auf der Fläche am Wasser versammelt zu haben, an der die Maschine aufgestellt wurde. Li Li und Chen kletterten auf eine Markise. Wortlos warteten sie auf den Beginn des Spektakels. Wären beide völlig ehrlich gewesen, hätte keiner von ihren die Hinrichtung mit ansehen wollen, doch Chen dachte, dass er es müsste, und Li Li ließ ihn dabei nicht im Stich.

 

Am späten Nachmittag führten die Ramkahen-Wachen die Gefangenen durch die Straßen. Die Zuschauer buhten und schrien den verurteilten Neferset Beleidigungen entgegen. Li Li wurde schlecht.

 

Die Hinrichtung war mit recht wenig Etikette verbunden. Eine Wache führte einen Neferset aus der Reihe an seinen vorgeschriebenen Platz und machte ihn dort fest. Andere Wachen aktivierten die Maschine. Li Li versuchte, aus Respekt hinzusehen, konnte es jedoch nicht ertragen. Sie kniff die Augen fest zusammen und versuchte die Ereignisse anhand der Geräusche einzuschätzen: das Quietschen der Flaschenzüge beim Hochheben der Felsen, das Wehen der verdrängten Luft beim Herunterfallen, das Knirschen des zu Tode gequetschten Gefangenen und das Klappern der Überreste, die weggefegt wurden, um Platz für den Nächsten in der Reihe zu schaffen.

 

Chen hielt sie an den Schultern fest und versuchte dabei, nicht mit den Pfoten zu zittern. Er sah sich die Hinrichtungen an, beneidete aber Li Li darum, die Augen geschlossen zu haben. Er war wie gefesselt, als ob eine nicht greifbare Macht ihn zum Zusehen zwingen würde. Wie bei den Reden war Bathet auch diesmal als Vierter an der Reihe. Er starb so schnell wie die anderen. Alles war im Nu vorbei, und doch schien es, als wären tausend Jahre vergangen. Chen wusste, dass dieser Tag ihn immer wieder heimsuchen würde.

***

 

Irgendwie erkannte er, dass seine Lungen noch atmeten und sein Herz noch schlug, doch jedes Geräusch und jedes Gefühl waren weit von ihm entfernt. Er hätte es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, wenn die Markise unter ihm zusammengebrochen wäre. Seine Gedanken schweiften ab und er starrte eine lange Zeit wie in Trance auf den See, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.

 

„Onkel Chen“, rief Li Li leise.

 

„Ja, Li Li?“, fragte er. Sie sah etwas krank aus.

 

„Ich ... ich möchte so schnell wie möglich gehen. Ich weiß nicht, warum die Perle uns hierher geführt hat. Dieser Ort ist voller Leid.“

 

„Oh.“ Als Li Li dies sagte, verspürte auch er den starken Drang, aus Ramkahen zu verschwinden.

 

„Ich weiß nicht, wohin es als Nächstes geht“, sagte Li Li, „aber so lang wir nicht hierbleiben, ist es mir egal.“

 

„So sehe ich es auch“, sagte Chen. „Ruhen wir uns einfach ein bisschen aus und verschwinden dann am Morgen.“

 

Sie kletterten von der Markise hinunter und begaben sich zurück zum Gasthaus. Als sie durch die Tür gingen, trat jemand aus dem Schatten hervor. Es war Menrim.

 

„Was wollt Ihr?“, fragte Chen ihn direkt.

 

Menrim zögerte.„Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er.

 

Chen und Li Li starrten ihn an.

 

„Ihr hattet recht“, fuhr Menrim fort. „Ihr hattet recht und ich hätte auf Euch hören sollen. Ich hätte tun sollen, was Ihr mir gesagt habt. Ich hätte ...“

 

„Dafür ist es jetzt ein bisschen zu spät, meint Ihr nicht?“, unterbrach ihn Chen. „Was wollt Ihr damit erreichen?“

 

„Ich ... Ich habe es versucht. Ich habe versucht, Bathet zu sagen, dass es mir leidtut, aber ... aber er schob mir nur die Schuld zu und ich wurde so wütend ... Und außerdem war ja auch nicht alles mein Fehler.“

 

„Oh, verschont uns damit“, sagte Li Li.

 

„Ich wollte ihn retten!“, schrie Menrim. „Ich wollte sie alle retten. Ich habe den Hohen Rat immer wieder um Gnade gebeten ...“

 

„Natürlich wolltet Ihr ihn retten“, antwortete Chen ausdruckslos, „solang es nicht darum ging, Eurem eigenen Stolz zu schaden.“

 

Menrim starrte die beiden Pandaren mit großen Augen an. „Ich weiß, dass ich versagt habe. Ich weiß es ... ich wusste es, als die Steine fielen und mein Bruder ... mein einziger Bruder ...“ Menrims Stimme wurde brüchig und er begann zu weinen. „Meine Stadt ... mein Volk ... mein Bruder ... Wie konnte das geschehen?“

 

Chen war einfach nur müde. Es stimmte, dass Menrim und alle Tol'vir schrecklich gelitten hatten. Es stimmte, dass Bathet und die anderen Neferset schlimme Dinge getan hatten. Es stimmte, dass Bathet sich zu Recht über Menrim geärgert hatte. Und es stimmte wahrscheinlich auch, dass kein Gespräch der beiden Geschwister Bathets Schicksal an jenem Nachmittag hätte verhindern können.

 

Chen kannte die Brüder kaum, aber trotzdem ...

 

„Was möchtet Ihr uns sagen?“, fragte Chen mit schwerer Stimme. „Meine Nichte und ich können Euch von nichts freisprechen. Wir können Bathet von nichts freisprechen. Wir können für niemanden irgendetwas ändern. Was geschehen ist, ist geschehen.“

 

Menrim wischte sich die Augen an seinem Arm ab und schien sich wieder etwas zu sammeln. „Ich weiß“, flüsterte er, „ich weiß. Aber ... danke, dass Ihr es versucht habt.“ Er holte Luft.

 

„Li Li“, setzte Menrim an, „wir haben uns gestern über Eure Reisen unterhalten, als Euer Onkel unterwegs war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr nach all dem noch in Ramkahen bleiben möchtet.“

 

„Absolut richtig“, sagte Li Li.

 

„Wenn Ihr dem Vir'naal nach Süden folgt, erreicht Ihr an der Mündung die Verlorene Stadt. Sie war einst eine Festung der Neferset, die dort jedoch während des Krieges vertrieben wurden. Meine Familie hatte ein kleines Boot. Soweit ich weiß, befindet es sich noch immer dort.“

 

Menrim hielt ihnen einen großen Eisenschlüssel hin. „Hiermit könnt Ihr das Schloss der Vertäuung öffnen. Nehmt ihn. So kommt Ihr wesentlich einfacher aus Uldum heraus. Die Strömung im Süden ist nicht so schlimm und der Wind dürfte nach Al'Akirs Niederlage auch schwächer geworden sein. Bitte“, sagte er. „Er gehört Euch.“

 

Li Li nahm den Schlüssel.

 

„Danke“, sagte sie leise.

 

Tränen liefen aus Menrims Augen, als er nickte. „Ich weiß nicht, ob sich mein Volk von den Vorkommnissen jemals erholen wird. Vielleicht sind die Tage der Tol'vir gezählt. Ich werde versuchen, mich zu bessern. Ich wünsche Euch beiden Glück auf Euren Reisen. Ich hoffe, dass Ihr finden werdet, wonach Ihr sucht“, sagte er.

 

„Ich wünsche Euch Frieden, Menrim“, sagte Chen mit sanfter Stimme.

 

Menrim drehte sich um und ging nach Hause.

 

Li Li und Chen kehrten ohne etwas zu sagen auf ihr Zimmer zurück. Schwermütig machten sie sich für die Nacht fertig. Als Chen ihre Rucksäcke überprüfte, um sicherzugehen, dass für die Abreise am Morgen alles bereit war, bemerkte er, dass Li Li ein Blatt Papier vor sich auf den Boden gelegt hatte.

 

„Was machst du da?“, fragte Chen.

 

„Ich schreibe einen Brief nach Hause“, antwortete sie. „Ich habe mir gedacht, dass ich das mal tun sollte. Es ist schon eine Weile her.“ Sie schaut zu ihm hoch. Chen kam ein Gedanke.

 

„Ich möchte auch einen Brief schreiben“, sagte er.

 

Li Li holte Papier und einen weiteren Stift aus ihrer Tasche. Chen setzte sich an einer anderen Stelle des Zimmers auf den Boden und legt das Blatt vor sich.

 

Lieber Chon Po, begann er.

 

Ich muss mich bei dir entschuldigen.


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