Die Suche nach Pandaria

Teil 4


Vor dem Bug des robusten Tol'vir-Segelboots erstreckte sich das endlose blaue Meer. Die Nachmittagssonne warf einen Streifen auf die Wasseroberfläche, der sie wie Edelsteine funkeln ließ. Li Li lehnte sich in den Wind und der salzige Geruch erinnerte sie an die warmen Tage auf Shen-zin Sus Stränden. Chen saß mit locker auf dem Ruder liegender Pfote am Heck. Nachdem sie Uldum verlassen hatten, waren sie nun auf dem Kurs nach Südosten.

 

Li Li wandte sich ihrem Onkel zu. „Bist du nicht auch aufgeregt?“, rief sie. „Endlich sind wir wirklich auf dem Weg! Sogar die Perle macht mit. Ich habe dreimal nachgesehen und immer hat sie mich beim Segeln gezeigt.“ Sie lachte und schlug mit einer Faust in die Luft. „Nächster Halt: Pandaria!“

 

Da keiner dem anderen die gute Stimmung vermiesen wollte, ignorierten beide geflissentlich, dass die Perle ihnen noch zeigen musste, wie man die Nebel durchstoßen konnte, unter denen das sagenumwobene Heimatland ihres Volkes lag. Mit dieser Frage würden sie sich später noch befassen.

 

Bei Einbruch der Dunkelheit übernahm Li Li die erste Wache. Die Nacht war sternenklar und der samtene Himmel wirkte wie von weißen Stecknadelköpfen überzogen. Azeroths Doppelmonde standen gespenstisch hell über dem östlichen Horizont. Li Li zog die Beine unter sich und legte eine Decke über ihre Schultern, um die kalte Meeresluft abzuhalten. Das gleichmäßige Schaukeln des Bootes und der Klang des gegen den Rumpf schlagenden Wassers ließen ihre Augenlider schwer werden. Sie entschied, dass es keinen Sinn machen würde, gegen die Erschöpfung anzukämpfen, und schlief ein.

 

Sie wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen, als plötzlich ein Ruck durch das Boot ging und sie nach vorne auf ihr Gesicht fiel. Benommen blieb sie mit verdrehten Gliedern liegen.

 

Chen schüttelte sie. „Li Li, steh auf!“

 

Das Boot schwankte erneut und er fiel auf die Knie.

***

 

„Ein Sturm kommt auf“, warnte Chen. „Wir sollten das Segel reffen. Ich habe unsere Sachen schon gesichert.“ In der Dunkelheit konnte Li Li seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber in seiner Stimme lag ein Hauch von Sorge. Das robust gebaute Ramkahen-Boot war klein und würde schlechtem Wetter auf dem offenen Meer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein.

 

Erneut schwankte es heftig. Der Seegang hatte mittlerweile eine bedrohliche Stärke erreicht. Li Li verzog das Gesicht und richtete sich auf. Im Südosten konnte sie sehen, wie die heranziehenden Wolken die Sterne verdunkelten und gelegentlich Blitze auf die Meeresoberfläche niedergingen.

 

„In Ordnung“, antwortete sie Chen. „Los geht's.“

 

Der Sturm rollte mit starkem Heulen heran und trieb kalten Regen vor sich her. Turmhohe Wellen bauten sich um die Pandaren auf und drohten, ihr Boot zu verschlingen. Chen und Li Li versuchten unermüdlich, den Tol'vir-Kahn wie auf einer tückischen Hindernisstrecke parallel zu den Wellen zu steuern.

 

Ein Blitz schoss durch den Himmel, verpasste den Mast um Haaresbreite und schlug mit einem lauten Knall neben ihnen ins Wasser ein. Der Donner grollte wie Kanonenfeuer. Li Li zitterte – das war ganz schön knapp.

 

Das Boot machte einen Satz nach oben. Li Li und Chen hatten den Kurs falsch eingeschätzt und stießen nun seitlich gegen eine Welle. Sie kippten und legten sich wie ein Karren bei einer Wende steil zur Seite. Chen, dessen Füße auf dem glatten Holzdeck wegrutschten, ergriff aus Angst um sein Leben das nächstbeste Seil und hielt sich daran fest. Hinter sich hörte er Li Li aufschreien. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals.

 

„Li Li!“, brüllte er und versuchte, schnell wieder sicheren Halt zu bekommen. Auch sie klammerte sich verzweifelt an ein Seil und Chen betete, dass es ihr nicht die Pfoten ausreißen würde. Er konnte nicht loslassen, bevor das Boot nicht wieder aufgerichtet war. Die Welle rollte endlos weiter und der kleine Tol'vir-Kahn schwankte so stark, dass er zu kentern drohte.

 

Dann war die Welle endlich vorbeigezogen und das Boot begann, sich allmählich zu stabilisieren. Als die Steuerbordseite sich wieder in die Horizontale legte, erlangte Chen seinen Halt zurück und drehte sich zu seiner Nichte, um ihr zu helfen. Li Li streckte ihre Hand in seine Richtung, aber das Boot machte einen Ruck und sie wurde gegen das Dollbord geschleudert. Chen schrie und streckte seinen Arm aus, so weit er konnte.

 

„Li Li!“

***

 

Es war zu spät und er konnte nichts tun. Ihre Augen zuckten, als sie das Bewusstsein verlor. Dann glitt das Seil durch ihre schlaffen Finger und sie stürzte ins Wasser.

 

„Li Li!“ Chen rief ein drittes Mal, aber die Wellen schlugen zwischen seiner Nichte und dem Boot zusammen. Als die Wogen abebbten, war sie verschwunden.

 

Am Himmel über Shen-zin Su war von schlechtem Wetter nichts zu sehen. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die letzten Reste ihres Lichts verblassten langsam zu Indigo. In der Mitte der Insel stand Chon Po vor der großen Bibliothek und umklammerte zwei Blätter Papier.

 

Diese Bibliothek war der Lieblingsort seiner Tochter. Zwischen den Stapeln von Büchern und Briefen hatte Li Li stundenlang gelesen und jedes noch so kleine Wissenshäppchen, das sie finden konnte, verschlungen. Dieser Zeitvertreib hatte eine Träumerin aus ihr gemacht und ihr grandiose Ideen in den Kopf gesetzt, doch er hatte ihr auch Leidenschaft und Antrieb verliehen.

 

„Keine Sorge, Po.“ Mei legte mit einem ermutigenden Lächeln ihre Pfote auf seinen Arm. „Schick sie einfach ab.“

 

Chens und Li Lis letzte Briefe waren am Tag zuvor auf einem Magiestrom eingetroffen – ein alter Pandarentrick, an dessen Ursprünge sich schon seit Langem niemand mehr erinnern konnte. Chon Po war die ganze Nacht aufgeblieben, um seine Antwort zu verfassen.

 

Po holte tief Luft und nickte. Behutsam faltete er die Blätter in Form eines großen Albatros, der die Nachrichten über den Ozean tragen sollte. Dann hielt er die Figur hoch, pustete leicht dagegen und verstreute eine Prise des gleichen verzauberten Pulvers, dass Li Li immer bei sich hatte. In einem gewaltigen Farbenspiel schwang der Papiervogel seine Flügel und erhob sich in die Luft. Es war nicht leicht, ihn loszulassen. Chon Po schaute ihm hinterher, bis er den Vogel am klaren Himmel nicht mehr sehen konnte, und hoffte, dass die Briefe sicher bei seiner Tochter und seinem Bruder eintreffen würden.

 

Das Meer hatte sich in ein lebendiges Wesen verwandelt – in eine zielgerichtete Kraft. Wellen umspülten Li Li wie gierige Finger und warfen sie umher. Sie war eine gute Schwimmerin und kämpfte dagegen an. Als sie die Oberfläche durchbrechen konnte, schnappte sie nach Luft, trat und schlug gegen das Wasser und versuchte, oben zu bleiben. Doch die Strömung riss sie fort. Sie strengte sich an, aber alles begann wieder von vorn. Und schon bald begann sie, müde zu werden.

 

Ihre Muskeln brannten. Ihre Arme und Beine wurden schlaff. Als der erste Energieschub, der sie zunächst angetrieben hatte, nachließ, wich ihre Entschlossenheit der Panik.

 

Ich werde ertrinken.

 

Die Erkenntnis traf sie so hart wie die Wellen, gegen die sie ankämpfte. Chen war fort. Wer weiß, wie weit sie vom Schiff schon abgetrieben war? Das Land war noch mehrere Tage entfernt. Der Sturm war unaufhaltsam, und mit Verstand oder Stärke war ihm nicht beizukommen.

 

Ihr Instinkt zwang sie zu versuchen, die Oberfläche zu erreichen und ums Überleben zu kämpfen, obwohl ihr im Innersten klar war, dass sie nichts tun konnte. Sie wurde von einer Verzweiflung erfasst, die ihr so salzig und bitter wie das Meer selbst erschien.

 

So war es also. Oder, Mama? Li Lis Augen brannten vor lauter Meerwasser und Tränen. Sie versuchte, tapfer zu sein und ihr Schicksal anzunehmen, aber dieser Schrecken ließ sich nicht unterdrücken.

 

Mama! Mit ihrer inneren Stimme schrie sie, obwohl sie nicht sprechen konnte. Mama, Mama!Das Meer spuckte sie gen Himmel und sie bewegte sich auf dem Kamm einer Welle auf und ab. Sie schnappte wieder nach Luft und klammerte sich an jede kostbare Sekunde, bis die Welle zu brechen begann. Aus dem Augenwinkel erblickte sie im endlosen Wasser etwas anderes: eine dunkle, feste Form. Sie drehte den Kopf, um genauer hinzusehen, und schlug gegen etwas Hartes, das noch unnachgiebiger als die See war. Ihr Kopf tat weh und es wurde schwarz um sie herum.

***

 

„... Hab ich noch nie gesehen. Daran würde ich mich erinnern.“

 

„Ein Mal, in Eschental, vor vielen Jahren.“

 

„Vielleicht ist sie eine Spionin der Horde.“

 

„Gut möglich.“

 

Li Li versuchte die Augen zu öffnen, die sich anfühlten, als hätte man sie zugeklebt. Unter schmerzhaftem Protestieren ihres Körpers begann sie sich umzudrehen, sank dann jedoch mit einem Stöhnen zurück in eine weiche Masse aus Decken und Kissen.

 

Sie bemerkte, dass sie anscheinend noch am Leben war.

 

Sie öffnete die Augen, kniff sie aber, von grellem Licht geblendet, direkt wieder zusammen.

 

„Atropa – sie ist wach, bei Elune! Der Kapitän ...“

 

„Schon dabei“, antwortete die andere Stimme.

 

Li Li blinzelte zögerlich und blickte in ein lilafarbenes Gesicht mit schulterlangem dunkelviolettem Haar. Die Augen der Frau hatten keine Pupillen und leuchteten in einem sanften Silber. Es war eine Nachtelfe.

 

„Du liebe Güte, wir dachten, Ihr würdet noch mindestens einige Stunden schlafen“, sagte die Nachtelfe. „Hier muss es doch irgendwo Wasser geben.“

 

Das Gesicht verschwand. Li Li legte die Hände auf eine besonders schmerzende Stelle am Hinterkopf und spürte, dass sich dort Baumwollbandagen befanden. Selbst leichter Druck führte zu einem Schmerz wie tausend Nadelstiche. Sie zuckte zusammen und zog ihre Pfote weg.

 

„Hier, ich helfe Euch“, sagte die Nachtelfe und legte ihren schlanken Arm um Li Lis Hüfte. Die Frau stellte die Kissen hinter der jungen Pandaren auf und gab ihr einen Becher mit Wasser. Li Li trank ihn voller Dankbarkeit in einem Zug aus und hielt ihn der Frau hin, um noch mehr zu bekommen. Als sie nicht mehr durstig war, blickte Li Li nach links und rechts, wobei sie auf ihren schmerzenden Nacken achtete.

 

„Wo bin ich?“, fragte sie.

 

„Ihr seid an Bord des Allianzschiffs Elwynn“, antwortete die Elfe. „Ihr habt wirklich Glück gehabt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte Wache und sah, wie Ihr während des Sturms gegen den Rumpf geschlagen seid. Ein Schamane bat einen Wasserelementar, euch herauszuholen.“

 

Li Li lehnte sich mit pochendem Herzen wieder in die Kissen.

 

„Ich bin nicht tot“, sagte sie.

 

„Nein, zum Glück nicht“, antwortete die Elfe. „Wie heißt Ihr?“

 

„Mein Name ist Li Li Sturmbräu. Und wer seid Ihr?“

 

„Ich heiße Lintharel“, sagte die Nachtelfe. “Ich bin eine Druidin und Kaldorei im Dienst der Allianz.“

 

Die Kabinentür öffnete sich und ein grauhaariger Menschenmann betrat gefolgt von einer weiteren Nachtelfe den Raum. Mit den tropfenförmigen violetten Tätowierungen auf ihrem Gesicht sah sie fast genauso aus wie Lintharel. Offensichtlich waren es Schwestern.

 

„Ich bin Marco Heller, der Kapitän dieses Schiffs“, verkündete der Mann direkt nach dem Überqueren der Türschwelle. „Ich habe einige Fragen an Euch.“

 

„Jetzt schon?“, sagte Lintharel mit ernstem Blick. „Ich dachte, Ihr wolltet nur wissen, wann sie wach ist. Sie ist immer noch verletzt!“

 

„Warum holt Ihr dann nicht einfach noch ein paar Bandagen?“, fragte der Kapitän, obwohl sein Unterton nach einem Befehl klang. „Ihr könnt sie gerne begleiten, Atropa.“

 

„Ich werde nirgendwo hingehen“, gab Atropa zurück und verschränkte die Arme. Lintharel warf dem Kapitän einen frustrierten Blick zu, bevor sie ging. Li Li konnte hören, wie ihre Schritte im Gang leiser wurden.

 

Kapitän Heller zog einen Stuhl neben Li Lis Bett, setzte sich darauf und sah sie sich genau an. Nach einem Moment der Stille begann er damit, sie mit Fragen zu löchern. „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was macht Ihr in diesen Gewässern?“

 

„Ich heiße Li Li Sturmbräu. Ich bin eine Pandaren von der Wandernden Insel. Ich war mit meinem Onkel auf einem Segelboot, als der Sturm hereinbrach. Ich wurde über Bord gespült!“ Die Fragen zerrten an Li Lis Nerven. „Was ist hier überhaupt los?“

 

Kapitän Hellers Augen funkelten gefährlich.

 

„Ich frage mich, ob Ihr eine Spionin der Horde seid.“

 

„Wie bitte?“ Diese Anschuldigung war eine Beleidigung für Li Li. „Das ist doch lächerlich! Mein Onkel und ich waren sogar mit König Magni Bronzebart befreundet! Habt Ihr einen Kugelfisch oder etwas Ähnliches gegessen, dass Euer Kopf so voller Luft ist?“

 

Kapitän Heller runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

 

Li Li fuhr fort: „Wenn ich eine Spionin der Horde wäre, hätte ich nicht versucht, auf Euer Schiff zu gelangen, indem ich mich mitten in einem Sturm ins Meer werfe und hoffe, auf Euch zu treffen. Das ist doch total dumm.“

 

„Auch nicht, wenn ihr zwei Tage lang in Sichtweite von uns gesegelt seid?“

 

„Ich ... Was?“ Li Li blinzelte überrascht. „Gibt es hier auch ein Schiff der Horde?“

 

Der Kapitän ignorierte Li Lis Frage. Er wandte sich Atropa zu, die sich in die Ecke des Zimmers gedrängt hatte. „Was meint Ihr dazu?", fragte er sie.

 

„Ich glaube, dass sie die Wahrheit sagt“, antwortete Atropa mit leicht zusammengekniffenen Augen. „Ihre Unwissenheit ist aufrichtig.“

 

„Oh, danke“, entgegnete Li Li . „Das ist ja wirklich nett von Euch.“

 

„Ich stimme Euch zu, Atropa“, antwortete der Kapitän und stand auf. Er schaut zu Li Li herab. „Ihr seid Gast auf diesem Schiff, von meinen und der Allianz Gnaden. Wenn es dazu kommen sollte, müsst Ihr vielleicht an unserer Seite kämpfen. Habt Ihr ein Problem damit?“

 

„Ich fürchte den Kampf nicht“, sagte Li Li und warf ihm einen trotzigen Blick zu.

 

„Gut.“ Gefolgt von Atropa verließ Kapitän Heller wortlos die Kabine.

 

Erschöpft legte sich Li Li wieder hin. Sie vermisste Chen und hoffte sehr, dass er den Sturm unbeschadet überstanden hatte. Doch auch in diesem Fall dachte er wahrscheinlich, dass sie tot wäre. Li Li spürte einen Stich in ihrem Herzen. Sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, ihm eine Nachricht zu schicken, aber ihr Beutel mit verzaubertem Pulver befand sich noch auf dem Tol'vir-Boot. Da sie erst einmal nichts weiter unternehmen konnte, schloss sie die Augen und schlief ein.

***

 

Auf den Sturm folgte ein klarer, windiger Tag und das Meer um das kleine Boot herum war ruhig. Chen konnte nichts davon genießen. Li Li war spurlos verschwunden und die einzigen Erinnerungsstücke waren ihre unter Deck verstauten Besitztümer. Er fühlte sich, als hätte man ein Loch in seine Brust gerissen.

 

Er starrte in die Ferne, ohne etwas zu sehen. Auf seinem Schoß hielt er die Perle – das Erste, was er gesucht hatte, nachdem der Sturm abgezogen war. Alles, was sie ihm zeigte, waren Li Lis in einer Endlosschleife wiedergegebenen letzten Momente. Er konnte nicht länger hinsehen.

 

Ohne eine Ruhepause würde ihn die Erschöpfung früher oder später einholen, aber als er die Augen schloss, sah er noch klarer vor sich, wie Li Li ins Meer gespült wurde. In seinen Ohren hallte ihr hilfloses Schreien wider, als könnte er mit dem Meer einen Handel eingehen, der sie wieder zurückbrächte.

 

Diese für ihn untypische Verzweiflung ermöglichte es dem Kriegsschiff, ihn zu überholen und unbemerkt zu bleiben, bis er das durch den Schiffsrumpf erzeugte Rauschen des Wassers schließlich nicht mehr überhören konnte. Chen dreht sich um. Zu jeder anderen Zeit wäre er nun sofort aufgesprungen, um Verhandlungen zu führen oder zu kämpfen. Nun war es ihm aber egal. Ihm war alles egal.

 

Das Schiff fuhr auf gleicher Höhe mit ihm. Chen erblickte rote Segel mit schwarzen Markierungen und steckte die Perle schnell in seinen Rucksack.

 

„Ahoi!“, dröhnte eine Stimme über das Wasser. „An den Passagier des unbekannten Boots: Ihr befindet euch unerlaubterweise in diesen Gewässern. Bereitet Euch darauf vor, von der Horde in Haft genommen und befragt zu werden!“

***

 

Chen saß in einer Kabine dem Kapitän des Kriegsschiffs, einem bulligen Orc namens Aldrek, gegenüber. Dieser verschränkte seine vernarbten grünen Arme und sah Chen von oben bis unten an.

 

„Was macht Ihr in diesen Gewässern? Einzelne Schiffer wagen sich normalerweise nicht hierher“, blaffte ihn der Orc an.

 

Chen rieb sich müde das Gesicht. Er hatte keine Kraft für ein Verhör und wollte diese Qual einfach nur so schnell wie möglich hinter sich bringen.

 

„Meine Name ist Chen Sturmbräu“, entgegnete er. „Ich bin ein Pandaren von der Wandernden Insel. Ich war mit meiner Nichte unterwegs, als wir gestern Nacht in den Sturm gerieten und vom Kurs abkamen. Meine ...“ Chens Kehle zog sich zusammen und er bemühte sich, die Kontrolle über seine Stimme zu behalten. „Meine Nichte ist auf See geblieben.“

 

Der Kapitän antwortete nicht.

 

„Ich weiß, warum Ihr mich befragt. Ich bin kein Spion der Allianz. Ich habe vor vielen Jahren an der Seite von Thrall, Cairne und Vol'jin auf Theramore gegen Großadmiral Prachtmeer gekämpft. Wenn sich irgendjemand an Bord befindet, der an dieser Schlacht teilgenommen hat, könnte er dies bestätigen.“

 

„Einer unserer Schamanen, Karrig, hat auf Theramore gekämpft“, sagte Aldrek. Er nickte einer seiner Wachen zu. „Holt ihn, damit wir uns anhören können, was er zu sagen hat.“

 

Aldrek schaute Chen eine Weile an, bevor er weiterredete.

 

„Eines kann ich Euch sagen: Falls Ihr ein Spion seid, habt ihr großartige Arbeit geleistet, wie ein durch Erschöpfung halb verrückter Seemann zu wirken, der sich einfach ein wenig übernommen hat.“ Sein breites Grinsen gab beeindruckende Stoßzähne preis.

 

Die Wache kehrte zurück, begleitet von einem buckeligen Orc mittleren Alters, dessen langes schwarzes Haar zu einem Knoten geflochten war.

 

„Ah, Karrig!“ Aldrek klatschte in die Hände. „Diese Person behauptet, auf Theramore gegen Großadmiral Prachtmeer gekämpft zu haben. Erkennt Ihr ihn?“

 

„Es gab einen Pandaren, der sich uns im Kampf angeschlossen hat“, sagte Karrig. „Er hieß Sturmtreu oder so ähnlich.“

 

„Sturmbräu“, korrigierte ihn Chen und warf dem lachenden Kapitän Aldrek einen Blick zu.

 

„Da habt Ihr wohl noch mal Glück gehabt“, sagte der Kapitän. „Die Horde steht in Eurer Schuld!“ Aldrek schnippte mit den Fingern nach der Wache.

 

„Lasst Nita kommen“, sagte ihm Aldrek. Er drehte sich wieder zu Chen und fügte hinzu: „Sie ist eine Druidin. Eine große Tauren. Sie wird Euch im Nu wieder auf die Beine bringen. Willkommen an Bord der Faust des Kriegshäuptlings!“ Aldrek klopfte Chen auf den Rücken, doch der Pandaren reagierte kaum. Er konnte nur noch an Li Li denken und sein ganzer Körper war wie taub.

***

 

Als sie sich gut genug fühlte, um wieder aufzustehen, fragte Li Li jeden an Bord des Allianzschiffs Elwynn nach dem Tol'vir-Boot. Doch niemand hatte es gesehen. Niedergeschlagen lehnte sie sich an eine Reling auf Deck und starrte auf das große Hordenkriegsschiff, das nun an Steuerbord vor ihnen fuhr. Sie fragte sich, ob sie irgendwie mit dem Schiff Kontakt aufnehmen konnte, um herauszufinden, ob jemand Chen gesehen hatte. Allerdings würde der Versuch, mit der Horde zu sprechen, nicht gerade hilfreich dabei sein, Kapitän Hellers ursprünglichen Verdacht zu widerlegen, sie sei eine Spionin der Horde. Sie runzelte die Stirn. Falls sie und Chen nicht sehr weit vom Kurs abgekommen waren, befanden sich die Schiffe in neutralen Gewässern vor der Küste von Tanaris. Sowohl Horde als auch Allianz sollten sie also ohne Zwischenfälle befahren können. Was also ließ den Kapitän so nervös werden?

 

Li Li zerbrach sich den Kopf und versuchte einen Plan auszuhecken, dem Schiff der Horde eine Nachricht zukommen zu lassen, ohne über Bord geworfen zu werden. Da ihr keine brillanten Einfälle kamen, ließ sie es erst einmal gut sein und ging unter Deck, wo einige Besatzungsmitglieder – darunter auch die Nachtelfenzwillinge Lintharel und Atropa – Karten spielten. Li Li nahm sich einen leeren Stuhl und gesellte sich zu ihnen.

 

„Ich bin dabei“, kündigte Li Li an. Atropa warf ihr einen kritischen Blick zu, aber Lintharel lachte und kam der Bitte nach.

 

„Am einfachsten ist es, wenn Ihr es direkt beim Spielen lernt“, sagte sie. Sie nickte den anderen Spielern – zwei Zwergen – zu.

 

„Das ist Li Li, die neue Passagierin, die neulich unerwartet an Bord gegangen ist.“

 

„Ja, die Nich'-Spionin!“ Eine Zwergin lächelte. „Ich bin Trialin“, sagte sie, „und das is' mein Bruder Baenan.“

 

„Dein großer Bruder!“, fügte Baenan hinzu. „Und der führende Paladin des Lichts auf'm Schiff. Zu Euren Diensten!“ Seine Brust war vor lauter Stolz geschwellt.

 

„Ach, hör auf, du Angeber“, sagte Trialin und verdrehte die Augen.

 

„Ich sitze hier nur mit Geschwistern“, scherzte Li Li, „und mein Bruder ist nicht da. Jetzt könnte ich ihn wirklich gebrauchen ...“ Als sie an Shisai dachte, spürte sie einen heftigen Stich in ihrem Herzen. Sie fragte sich, wie es ihm wohl zu Hause auf Shen-zin Su erging. Ob er mich wohl vermisst?

 

„Das stimmt nicht ganz“, sagte Lintharel lächelnd. Sie zeigte auf Atropa und sich. „Wir sind keine Schwestern.“

 

„Oh.“ Li Li war überrascht.„Aber ähnlich seh'n sie sich schon“, bestätigte Trialin. „Den Fehler mach'n viele.“

 

„Allerdings ist Tharel die Einzige, die noch so etwas wie Familie für mich darstellt“, sagte Atropa. Lintharels Lächeln wurde wehmütig.

 

„Spiel'n wa' jetz' Karten, oder was?“ Baenan schlug mit der Faust auf den Tisch und die Melancholie der beiden Kaldorei war verflogen. Li Li schaute sich ihr Blatt an und tat so, als wüsste sie bereits Bescheid. Lintharel erklärte ihr nebenher die Regeln und obwohl Li Li nicht besonders gut spielte, verlor sie nach ein paar Runden schon nicht mehr jedes Mal.

 

„Also“, sagte Li Li und versuchte dabei locker zu klingen, „Äh, was ist mit diesem Hordenschiff? Ich dachte, die Gewässer vor Tanaris wären neutral. Warum ist es solch ein Problem, dass es hier ist?“

 

Li Lis Begleiter warfen sich einige Blicke zu und ihr wurde klar, dass es sich um ein heikles Thema handelte. Sie hatte gehofft, vielleicht eine Möglichkeit zu erhalten, das Hordenschiff zu kontaktieren, um etwas über Chen zu erfahren. Ganz offensichtlich war das eine schlechte Idee. Schließlich durchbrach Atropa das Schweigen.

 

„Eigentlich habt ihr recht“, sagte sie, während sie eine Karte aus ihrem Blatt ablegte.

 

„Aber ...?“, hakte Li Li nach.

 

„Aber einige Ereignisse der letzten Zeit sind Grund für uns, alle Hordenaktivitäten außerhalb ihres eigenen Gebiets verdächtig zu finden“, antwortete Atropa.

 

„Die sin' einfach zu nah an Theramore“, murmelte Baenan. „Wenn sie woll'n, dass wa' sie in Ruhe lassen, müssen sie dahin zurückgeh'n, woher sie gekommen sind. Denen kann man nich' trau'n.“

 

„Ich habe am Hyjal Seite an Seite mit vielen Mitgliedern der Horde gekämpft“, sagte Lintharel leise. „Erzdruide Hamuul Runentotem ist Tauren und einer der größten Anführer des Zirkels des Cenarius. Man kann nicht ein ganzes Volk anhand der Taten einiger weniger beurteilen.“

 

Baenan schüttelte den Kopf. „Ich würd' Euch gern zustimmen. Die Druiden des Zirkels des Cenarius sin' vielleicht 'ne Ausnahme, so wie die Schamanen des Irdenen Rings. Aber schaut Euch doch mal an: Ihr seid vom Hyjal zurückgekommen un' wieder zur Allianz gegangen. Eure Hordenfreunde hab'n dasselbe gemacht. Das sin' jetzt Eure Feinde und Ihr seid ihre Feindin.“

 

Lintharel hielt ihre Karten nun fester in den Händen. „Ich diene der Allianz, da es der Wille der Hohepriesterin Tyrande und des Erzdruiden Malfurion ist und ich ihnen gegenüber loyal bin.“ Sie runzelte die Stirn. „Aber die Kluft zwischen der Horde und der Allianz ist falsch.“

 

„'ne falsche Kluft, die mit echten Waffen erzwungen wird!“, schnaubte Baenan. „Kriegshäuptling Höllschrei will kein'n Frieden. Denkt nur mal an Euer Zuhause in Eschental! Er is' 'ne Bedrohung und Eure Druidenfreunde unterstützen seine Herrschaft.“ Er ließ die Karten auf den Tisch knallen, da er diese Runde gewonnen hatte. „In der Horde is' nichts und niemand vertrauenswürdig. Das musste akzeptier'n."

***

 

Am Winkel des durch das Bullauge der Krankenstation fallenden Sonnenlichts erkannte Chen, dass es später Morgen war. Körperlich fühlte er sich erholt, aber sein Geist blieb müde. In den Jahren zuvor hatte er viele seiner Lieben verloren. Einige Tode sind schwieriger zu verkraften als andere.

 

Für Chen war Li Li immer die Tochter gewesen, die er nie gehabt hatte, das einzige Familienmitglied, das ihm glich. Er drückte seine Pfoten gegen die Augen, aus denen Tränen liefen und feuchte Rinnsale im Fell seiner Wangen hinterließen.

 

„Meine Güte, gibt es so wenig Wasser auf See, dass ihr unbedingt noch mehr erzeugen müsst?“

 

Chen setzte sich abrupt auf. Ein gelangweilt aussehender Blutelf lehnte mit verschränkten Armen an der Wand der Krankenstation.

 

„Das ist jetzt wohl meine einzige Aufgabe“, klagte der Elf. „Hier den Babysitter zu spielen.“

 

Wut bot eine sichere Zuflucht vor dem Kummer. Der Chen wie eine Welle durchströmende Zorn ließ ihn aus dem Bett und quer durch den Raum springen. Chen hatte viel Erfahrung damit, Leute einzuschüchtern.

 

„An Eurer Stelle würde ich meine Zunge hüten“, knurrte er. „Ich bezweifle, dass Ihr je gegen einen meines Volkes gekämpft habt, und glaubt mir: Das wollt Ihr sicherlich nicht.“

 

Bevor der Elf antworten konnte, betrat jemand das Zimmer. Es war Karrig, der Schamane. Er hatte einen großen Stab dabei, mit dem er wütend auf den Boden schlug.

 

„Talithar!“, rief er. „Müsst Ihr immer wieder Ärger machen? Verschwindet, verflixter Elf.“

 

Der Elf Talithar warf Karrig einen Blick voller Abscheu zu, sagte jedoch nichts und verließ hoch erhobenen Hauptes die Krankenstation.

 

„Dieser arrogante kleine Mistkerl“, murmelte Karrig. „Einen Helden der Horde wie Euch sollte man mit Respekt behandeln!“ Er lächelte Chen freundlich an. „Auf jeden Fall ist es eine Ehre, Euch an Bord zu haben.“

 

„Äh, danke“, erwiderte Chen, der sich nicht ganz wohl dabei fühlte, dass Karrig ihn einen Helden genannt hatte. In Chens Erinnerungen stellten sich die Ereignisse auf Theramore etwas komplexer dar.

 

„Ich soll Euch abholen“, sagte Karrig ihm. „Kapitän Aldrek möchte mit Euch reden.“

 

Chen nickte und folgte ihm zur Kapitänskajüte, in der Aldrek ihm gegenüber mit zusammengelegten Fingern an einem Schreibtisch aus grobem Holz saß.

 

„Karrig hat einiges über Eure Taten auf Theramore erzählt“, sagte Aldrek. „Ich bin überzeugt, dass es ein Zeichen der Geister ist, Euch an Bord zu haben.“

 

„Warum?“, fragte Chen. Der Unterton in Aldreks Stimme besorgte ihn.

 

„Weil ich glaube, dass Ihr uns bei unserer Sache helfen könnt“, antwortete der Orc-Kapitän. „Sobald wir das uns verfolgende Allianzschiff los sind ...“

 

„Ich verstehe nicht, was ich da tun kann, Kapitän“, antwortete Chen höflich. Aldrek wirkte überrascht.

 

„Oh, nein! Macht Euch darüber keine Gedanken“, sagte er. „Wir haben beschlossen, erst einmal mit ihnen zu reden.“ Er winkte ab. „Mit Euch habe ich langfristigere Pläne.“

 

„Wie bitte?“

 

Aldrek lehnte sich in Chens Richtung.

 

„Also, wir sind hier auf einer reinen Aufklärungsmission, aber ...“

 

„Aufklärung für was genau?“, unterbrach Chen ihn. Aldrek und Karrig lächelten.

 

„Das kann ich Euch nicht sagen. Noch nicht. Aber als Soldat der Horde bei der ersten Schlacht auf Theramore würdet Ihr Euch doch sicherlich geehrt fühlen, auch bei der zweiten mitzukämpfen.“

 

Aldrek lehnte sich zurück und ließ seine Worte wirken. Chen bemühte sich, einen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.

 

„Das ... Das wäre in der Tat eine außergewöhnliche Erfahrung“, sagte er. „Das ist also Euer Plan?“

 

Aldrek tippte sich an die Nase und grinste verschmitzt. „Nein. Wir befinden uns ja auf einer reinen Aufklärungsmission, oder?“

 

„Genau“, antwortete Chen und stellte sich dumm. „Wir ... spähen nur.“

 

Aldrek nickte. „Spähen, ja. Wir möchten dem Allianzschiff dabei helfen, dies zu verstehen.“

 

„Wie Ihr vielleicht wisst“, schaltete sich Karrig ein, „ist es für die Horde seit ihrem Eintreffen auf Kalimdor schwierig, Vorräte zu erhalten. Es ist nicht einfach, eine Großstadt mitten in der Wüste zu versorgen.“

 

„Mir sind einige der Probleme in Orgrimmar bewusst“, sagte Chen.

 

„Dann versteht Ihr unsere Not!“ Aldrek schlug mit der Faust in die Fläche seiner anderen Hand. „Wir benötigen ausreichend Vorräte für unsere Familien und Kinder. Orgrimmar darf nicht aufs Spiel gesetzt werden!“

 

Chen entschied, sich dazu nicht weiter zu äußern. Was Aldrek und Karrig ihm sagten, machte ihn genauso nervös wie das wilde Glühen in ihren Augen, als sie von Orgrimmar und seiner Zukunft sprachen.

 

Da Kapitän Aldrek sein Schweigen als Zustimmung deutete, entspannte er sich in seinem Stuhl. „Es ist mir eine große Ehre, Euch an Bord meines Schiffes zu haben, Chen Sturmbräu“, sagte er. „Ich bin sicher, dass ihr Euch als wertvoller Verbündeter der Horde erweisen werdet. Ihr habt mein Einverständnis, Euch frei auf dem Schiff zu bewegen. Ihr könnt wegtreten.“

 

„Danke, Kapitän“, gab Chen zurück und salutierte.

***

 

Auf der Suche nach einem harten Drink und einem heißen warmen Mahl begab sich Chen zur Kombüse. Er war sich äußerst sicher, dass Aldrek und Karrig ihm die Pläne der Horde zur Invasion Theramores offenbart hatten. Aber darüber wollte er nicht nachdenken. Das Essen auf dem Schiff konnte man allerhöchstens als mittelmäßig bezeichnen.

 

Als sich eine Person auf die Bank gegenüber an den Tisch setzte, blickte er auf. Es war Nita, die Tauren, die sich am Abend zuvor um ihn gekümmert hatte. Sie lächelte und dicke Zöpfe umrahmten ihr Gesicht. Sie faltete ihre großen dreifingerigen Hände vor sich auf dem Tisch.

 

„Wie fühlt Ihr Euch heute, Chen Sturmbräu?“, fragte sie.

 

„Dank Eures Könnens ziemlich gut“, antwortete er. „Ihr seid eine sehr fähige Druidin.“

 

Sie strahlte ihn an. „Danke“, sagte sie. „Es tut mir leid, dass ich heute Morgen nicht für Euch da sein konnte. Leider musste ich mich um andere Dinge kümmern. Hat Talithar Euch zum Essen hierher geschickt?“

 

„Äh, nein“, sagte Chen. „Er war, ähm, nicht besonders freundlich.“

 

Nita blickte verdrossen drein. „Ich entschuldige mich für ihn“, sagte sie. „Er ist einer der Schiffsmagier und eine geplagte Seele. Er hat sich fast mit der gesamten Besatzung angelegt.“ Sie seufzte schwer. „Ich habe ihn gebeten, sich um Euch zu kümmern, da ich davon ausgegangen war, dass ihm ein Kontakt mit jemandem, der nicht zum Schiff gehört, guttun würde. Aber da habe ich mich wohl geirrt.“

 

„Es ist nicht Eure Schuld, dass er sich nicht benehmen kann“, sagte Chen. „Aber es ist nett von Euch, sich Gedanken über ihn zu machen.“

 

„Es ist meine Pflicht, mir Gedanken über andere zu machen“, sagte sie und lächelte wieder. „Ich bin eine Heilerin und auf die eine oder andere Art sind wir alle Kinder der Erdenmutter. Gemeinsam sind wir stark.“ Sie hielt inne und runzelte die Stirn. „Ich glaube, dass unser Kapitän das manchmal vergisst.“

***

 

An Bord der Elwynn hatte Kapitän Heller alle Besatzungsmitglieder auf Deck zusammengerufen. Der Kapitän wandte sich von der Brücke an seine Mannschaft.

 

„Wie viele von Euch wissen“, kündigte er an, „habe ich mich mit dem Kapitän des Hordenschiffs in Verbindung gesetzt.“

 

Li Lis Herz pochte ihr bis zum Hals. Wenn Heller Kontakt zum Hordenschiff hergestellt hatte, könnte sie ihn nach Chen fragen.

 

„Ihre Anwesenheit ist besorgniserregend“, fuhr der Kapitän fort, „und wir müssen sie auch weiterhin überwachen. Zu meiner Überraschung haben sie angegeben, dass sie dies verstehen und gemeinsam mit uns an einer friedlichen Lösung arbeiten wollen.“

 

Die Besatzungsmitglieder murmelten und flüsterten miteinander.

 

„Ihr Kapitän hat sich bereit erklärt, uns einen diplomatischen Gesandten zu schicken, falls wir ebenfalls einen entsenden. Ich heiße diese Vorgehensweise gut und benötige daher einen Freiwilligen. Diese Person muss tapfer und bereit sein, im Namen der Allianz zu sprechen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass auch Gefahren auftreten könnten. Wenn wir sie jedoch überzeugen, nach Durotar zurückzukehren, wird dies gewiss ein Sieg für die Allianz sein! Wer wird sich dieser Pflicht annehmen?“

 

Einige Hände wurden unter schwachen Beifallsrufen gehoben, doch eine Person trat furchtlos vor, stieg halb die Treppe zur Brücke hoch und richtete seine 1,20 Meter stolz auf. Es war der Zwerg Baenan. Li Li hörte, wie Lintharel neben ihr hörbar einatmete.

 

„Ich werde geh'n! Als Paladin des Lichts biete ich der Allianz mit Freuden meine Dienste an!“

 

Kapitän Heller nickte. „Sehr gut. Ich werde ihnen mitteilen, dass wir einen Gesandten ausgewählt haben, um den Austausch durchzuführen.“

 

Der Kapitän gab einem Draenei-Magier neben ihm das Signal, eine Reihe von farbigen Magieblitzen durch Aussprechen von Runen in die Luft zu schicken. Nach einer langen Pause konnte Li Li eine ähnliche Aktion auf dem Deck des Hordenkriegsschiffs erkennen.

 

„Der Austausch wird in einer halben Stunde stattfinden!“, erklärte Kapitän Heller. Er wandte sich an Baenan. „Kommt mit. Ich werde Euch alles Weitere über Euren Auftrag mitteilen.“

 

Baenan salutierte voller Entschlossenheit. Li Li drängte sich durch die Menge nach vorne und als Heller sie erblickte, blieb er stehen.

 

„Ja?“, fragte er schroff.

 

„Äh, ich habe da eine Frage“, sagte Li Li so höflich sie konnte. „Seit dem Sturm versuche ich herauszufinden, ob irgendjemand meinen Onkel gesehen hat. Ich würde gerne wissen, ob jemand an Bord des Hordenschiffs einen anderen Pandaren oder ein kleines Boot in der Nähe erwähnt hat.“

 

Kapitän Heller kniff die Augen zusammen, aber Li Li blieb standfest. Ihre Frage war absolut aufrichtig.

 

„Dazu hat sich niemand geäußert“, antwortete Heller schließlich, „aber Ihr könnt den Hordendiplomaten gerne selbst fragen, sobald er eingetroffen ist.“

 

„Danke, Kapitän“, sagte Li Li. Sie nickte Baenan zu. „Viel Glück“, sagte sie ihm. Er nickte entschlossen dreinblickend zurück und ging dann mit Heller weiter. Begleitet von einigen Wachen verschwanden sie unter Deck.

 

Die restliche Besatzung begann sich zu zerstreuen und Li Li konnte Trialin in der Nähe entdecken. Die Zwergin hatte voller Stolz auf ihren Bruder ihr Kinn erhoben, aber ihre Wangen waren blass. Lintharel stand mit zusammengebissenen Zähnen und verhärmten Gesicht neben Li Li. Die Druidin blickte zum Himmel und schloss ihre silbrigen, zarten Augen.

 

„Könnt Ihr es in der Luft spüren?“, fragte sie. „Heute Nacht wird es wieder stürmen.“

***

 

„Seid Ihr sicher, dass Ihr das riskieren wollt?“ Aldrek beurteilte seine freiwillige Diplomatin – keine andere als die Druidin Nita.

 

„Ich habe im Zirkel des Cenarius mit Allianzmitgliedern gearbeitet“, antwortete Nita. „Das wird sie beruhigen.“

 

Aldrek rieb sich nachdenklich sein Kinn. „Gut. Könnt Ihr hinüberrudern?“

 

Nita hätte die Form eines Vogels annehmen und hinüberfliegen können, aber da die Allianz ein Boot schickte, war es besser, ebenso vorzugehen.

 

„Ja“, antwortete sie.

 

Auf seinem Ehrenplatz neben Karrig und Kapitän Aldrek sah Chen zu, wie Nita ruhig vorgetreten war und sich als Gesandte der Allianz angeboten hatte. Er dachte an ihre Worte: Wir alle sind Kinder der Erdenmutter. Um die Spannungen zwischen den Schiffen aufzulösen, gab es keinen besseren Kandidaten.

 

Während Nita ihr kleines Boot vorbereitete, lenkte Aldrek das große Kriegsschiff in Richtung des Allianzschiffs. Damit die Gesandten die Entfernung einfach überbrücken konnten, mussten beide Schiffe recht nah aneinander heranfahren – in Feuerreichweite. Chen trat nervös von einem Fuß auf den anderen und versuchte nicht negativ zu denken, erinnerte sich aber daran, was Aldrek hinsichtlich Theramore angedeutet hatte. Was plante die Horde? Wie viel wusste die Allianz? War diese Situation wirklich das Ergebnis eines zufälligen Zusammentreffens auf See oder hatte die Allianz sie aufgespürt? Oder hatte die Horde sie vielleicht irgendwie herbeigelockt?

 

Die Faust des Kriegshäuptlings fuhr in eine parallele Position zur Elwynn. Zwei Matrosen halfen Nita, ihr Boot zu Wasser zu lassen, und sie fuhr mit stetigem Ruderschlag los.

***

 

Die Gesandten fuhren ungefähr in der Mitte zwischen den beiden Schiffen aneinander vorbei. Baenan warf dabei einen Blick auf die breitschultrige Tauren und stellte fest, dass sie typische Druidenkleidung trug. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Tauren waren normalerweise vernünftiger als Orcs und Druiden arbeiten häufig für unterschiedliche Fraktionen. Vielleicht bestand ja doch noch Hoffnung für diese Mission.

 

An seinem Ziel angekommen, wurde er von Matrosen der Horde empfangen. Als sie sein Boot aus dem Wasser hoben, schaute er zurück zur Elwynn, deren eleganter Umriss sich orange-golden vor der untergehenden Nachmittagssonne abzeichnete. Er schickte ein Gebet ans Licht, um sicher wieder zurückzukehren.

***

 

Li Li wartete vor den anderen Besatzungsmitgliedern, damit sie den Diplomaten als eine der Ersten grüßen und nach ihrem Onkel fragen konnte. Als die große Tauren an Deck stieg, trat Li Li erwartungsvoll einige Schritte vor.

 

„Willkommen an Bord!“, begrüßte Kapitän Heller sie freudig und streckte seine Hand aus. Nita schüttelte sie herzlich und die versammelten Seeleute neigten als Anerkennung die Köpfe.

 

„Danke, Kapitän“, erwiderte sie. „Ich hoffe, dass wir eine für beide Seiten zufriedenstellende Übereinkunft erzielen können.“ Sie schaute in die Menge, und als ihr Blick auf Li Li fiel, schossen ihre Augenbrauen nach oben.

 

Li Li konnte einfach nicht anders. „Ihr erkennt mich!“, schrie sie fröhlich. „Äh, also meine Art! Meinen Onkel Chen – habt Ihr ihn gesehen?“

 

„Ja, wir haben ihn am Morgen nach dem Sturm aus seinem Boot gefischt“, sagte Nita und lächelte. „Es wird ihn überglücklich machen, zu erfahren, dass Ihr in Sicherheit seid.“

 

„Danke! Danke vielmals!“, erwiderte Li Li mit vor lauter Emotionen zugeschnürter Kehle. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie besorgt sie gewesen war, bis sie gehört hatte, dass es Chen gut ging. Bald schon würden sie und ihr Onkel wieder vereint sein.

 

„Hier entlang.“ Kapitän Heller trat vor Li Li und zeigte in Richtung der Kapitänskajüte. „Besprechen wir unsere Ziele, um einen Kompromiss zu erreichen.“

 

Nita folgte Kapitän Heller, wobei ihre mächtigen Hufe bei jedem Schritt gegen das hölzerne Deck schlugen. Als sie an Li Li vorbeigingen, warf der Kapitän ihr einen unfreundlichen Blick zu. Li Li sah, wie die beiden unter Deck verschwanden, schaute hinüber zum Hordenschiff und bemerkte, dass Baenans Boot schon an Bord gezogen worden war. Nun würden die Gespräche beginnen.

 

Baenan fürchtete fast, dass jeder in der Kapitänskajüte sein pochendes Herz hören konnte. Um sich zu beruhigen, ließ er den Blick durch den Raum mit Orcs, Trollen, einer Tauren, zwei Goblins (die sich darüber stritten, wer auf dem Schreibtisch des Kapitäns stehen durfte) und einem gammelig-verfaulten Verlassenen schweifen. Auch einer dieser Pandaren fiel im sofort auf – wie das Mädchen auf der Elwynn. Er zog die Augenbrauen zusammen. Sie sagte, sie wäre mit ihrem Onkel gereist. Könnte er das gewesen sein? Und falls ja, warum war er dort bei der Horde?

 

Baenan schaute Kapitän Aldrek an, der seinen Mund zu einem breiten, raubtierhaften Grinsen verzog.

 

„Also“, setzte der Kapitän langsam an, „besprechen wir diese Angelegenheit wie vernünftige Leute.“

 

Baenan schluckte und fand seine Stimme wieder. „Wie Ihr wisst, besorgt uns die Anwesenheit von Hordenkriegsschiffen so weit südlich ...“

 

„Das hier sind neutrale Gewässer“, konterte Aldrek.

 

„Das is' wahr“, erwiderte Baenan, „aber Ihr musstet das Gebiet Theramores durchfahren, um hierherzukommen, was ...“

 

„Woher wisst Ihr, dass wir nicht vom Basislager Grom'gol im Schlingendorntal gekommen sind?“, unterbrach ihn Aldrek.

 

„Und, seid Ihr?“, fragte Baenan direkt.

 

Die Frage überraschte Aldrek und er zögerte so lange, dass die Antwort klar war. Sein Lächeln wurde härter. „Wir sind hier auf Befehl des Kriegshäuptlings – auf einer Aufklärungsmission“, sagte er mit warnendem Unterton in der Stimme.

 

„Also“, antwortete Baenan, „Ich bin 'n Zwerg. Mein Volk is' ziemlich direkt. Ihr sagt, dass Ihr auf 'ner Aufklärungsmission seid. Vielleicht is' das so, aber rausfinden können wir's nich'. Wir woll'n nur, dass unser Besitz in Theramore sicher is'. Lasst uns Euch in die Gewässer von Durotar zurückeskortieren. Das is' das Angebot meines Kapitäns.“

 

Kapitän Aldrek brach in Gelächter aus und Baenan wurde das Herz schwer.

 

„Und genau dieses Angebot lehne ich ab“, sagte der Orc. Er schnippte mit dem Finger nach einer Wache.

 

„Dieser Zwerg ist unser Gefangener.“

 

Baenan hatte im ersten Moment den Impuls, um seine Freiheit zu kämpfen, was allerdings eine äußerst schlechte Idee gewesen wäre. Er war in der Unterzahl und hatte seine Waffen abgeben müssen, als er an Bord der Faust des Kriegshäuptlings gekommen war.

 

„Ich wusste, dass Ihr 'n Haufen verlogener Feiglinge seid“, murmelte er, woraufhin er von einem anderen Orc einen Klaps auf den Kopf erhielt.

 

„Und doch habt Ihr uns vertraut“, sagte Aldrek mit selbstgefälligem Gesichtsausdruck. „Sperrt ihn in der Bilge ein und lasst ihn von jemandem bewachen. Ruft alle Matrosen an Deck. Bereitet die Kanonen vor, solange das Allianzschiff noch davon ausgeht, dass wir verhandeln.“

 

Als Baenan hinausgeführt wurde, musste Chen seine gesamte Willenskraft aufbringen, um auch weiterhin unbeeindruckt zu wirken. Fast schon wäre er dem Zwerg zu Hilfe geeilt, hatte diesen Gedanken aber schnell verworfen. Er wollte mehr über die Geschehnisse herausfinden. So sehr es ihn auch schmerzte, musste er warten, bis der richtige Zeitpunkt zum Handeln kommen sollte.

***

 

Nita saß Kapitän Heller in seiner Kajüte gegenüber. Mehrere Offiziere standen mit formell hinter dem Rücken verschränkten Händen neben den Verhandlungsführern.

 

„Kapitän“, setzte sie an, „ich möchte Euch gerne alles über die Aktivitäten unseres Schiffs erzählen ...“

 

„Nita“, unterbrach Heller sie, „mich interessieren die Aktionen der Horde und ihre Gründe dafür nicht. Ich will nur, dass Ihr verschwindet.“

 

„Diese Gewässer sind neutral“, konterte sie. „Wir haben genau so viel Recht, hier zu sein, wie Ihr.“

 

„Das mag stimmen“, fuhr Heller unbeeindruckt fort, „aber Ihr stellt eine Gefahr dar. Für mich wird sie erst eingedämmt sein, wenn Euer Schiff wieder in Durotar ist, wo es hingehört.“

 

„Ich kann das gerne an meinen Kapitän weitergeben“, sagte Nita zögerlich.

 

„Nein, ich glaube, wir werden direkt mit ihm sprechen“, sagte Heller. „Ihr bleibt als Sicherheit hier, damit unsere Botschaft auch wirklich verstanden wird.“

 

Nita klappte der Kiefer herunter. „Was? Ihr wollt mich gefangen nehmen?“

 

„Ich tue, was ich tun muss“, sagte Kapitän Heller. „Sperrt sie ein.“

 

Vier Offiziere ergriffen ihre Arme. „Das ist unerhört!“, schrie sie, als sie sich gegen ihre Gefangennahme wehrte. „Ich bin eine Druidin des Zirkels des Cenarius! Ich habe an Malfurion Sturmgrimms Seite gedient!“

 

„Schön für Euch“, antwortete Kapitän Heller. „Wenn ich ihn mal treffe, werde ich ihm auf jeden Fall sagen, dass ich Euch kenne.“

***

 

In seinen unbequemen Fesseln konnte Baenan in der Bilge der Faust des Kriegshäuptlings ein entferntes Grollen hören, das wie Marschieren und das Rollen schwerer Kanonen klang. Der widerliche Orc-Kapitän bereitete einen Angriff auf die Elwynn vor und Baenan konnte nichts dagegen tun. Es gab nichts Schlimmeres als Hilflosigkeit. Er war wütend auf die Horde.

 

Kapitän Aldrek hatte Baenan nicht allein in seinem Gefängnis gelassen. Talithar, ein überheblicher Blutelf, hielt Wache und sah dabei äußerst gelangweilt aus. Baenan hasste ihn von ganzem Herzen.

 

„Nichtsnutzige Horde“, knurrte Baenan. „Kapitän Heller wird Euch versenk'n un' dann werden Euch die Naga fress'n.“

 

„Und wenn er Erfolg hat, werdet Ihr mit uns untergehen“, antwortete Talithar. „Wirklich tragisch. Damit Ihr überleben könnt, müssen Eure Freunde verlieren.“

 

„Wenn ich weiß, dass Ihr mit mir untergeht, will ich mit Freud'n sterb'n“, entgegnete Baenan.

 

„Wie edel von Euch, so zu empfinden.“

 

Baenan spuckte dem Elfen vor die Füße. „Ihr Blutelfen wüsstet nich' mal, was ‚edel‘ bedeutet, wenn man Euch die Erklärung auf die Stirn tätowier'n würde. Ihr jämmerlichen, geifernden Magiesüchtigen habt sogar Euer eig'nes Volk verraten!“

 

Talithars Gesicht wurde blass und Baenan freute sich, einen wunden Punkt getroffen zu haben. Er wusste, dass es unklug war, seinen Bewacher zu reizen, aber das war ihm in seiner Wut egal.

 

„Ja“, setzte er nach, „Ich habe schon Hochelfen getroffen. Ich weiß, was Ihr mit ihnen gemacht habt. Ich komm' aus Loch Modan und hab die Geschichten der Weltenwand'rin gehört ...“

 

In einer beeindruckenden Demonstration reiner Körperkraft sprang Talithar quer durch den Raum, hob Baenan hoch und schlug ihn gegen die Wand. Der fast doppelt so große Blutelf hielt ihn auf Augenhöhe und starrte ihn an.

 

„Erwähnt sie nie wieder – nie wieder — in meiner Gegenwart.“ Talithars Stimme war ruhig, hatte jedoch einen bedrohlichen Unterton, der Baenan Angst einflößte. Er hatte den Elfen verärgern wollen, aber die Heftigkeit seiner Reaktion überraschte ihn. Aber da die Horde Baenan gefangen genommen und ihm seine Waffen abgenommen hatte, kämpfte er eben mit Worten. Und dieser Magier stand für alles, was er verachtete.

 

„Oh, Ihr kennt Vyrin Flinkwind also“, sagte Baenan aus reiner Gehässigkeit. „Bedeutet sie Euch etwas? Tja, nun hasst sie Euer Volk und alles, wofür es steht!“

 

Talithar warf Baenan auf den Boden. Der Zwerg landete schmerzhaft auf der Schulter und bereitete sich auf einen Wutausbruch des Magiers vor. Aber Talithar war überraschend beherrscht und unternahm nichts weiter.

 

Baenan schaffte es, sich hinzusetzen. Seine Schulter schmerzte, aber das war es wert, da er den Blutelfen hatte provozieren können. Talithar hatte den Kopf gesenkt und seine Fäuste waren so fest geballt, dass die Knöchel weiß wurden. Als er den Kopf hob, konnte es Baenan nicht fassen.

 

Talithars Gesicht war von Tränen überströmt.

 

„Normalerweise bedeutet eine Frau ihrem Ehemann etwas.“ In seiner Stimme schwangen Zorn, Demütigung und Verzweiflung. Er griff in die Vorderseite seiner Robe, riss sich eine dünne Goldkette vom Hals und warf sie Baenan vor die Füße. An der Kette befanden sich keine Perlen und kein Anhänger, sondern nur zwei kunstvoll gefertigte Ringe – einer für Männer und einer für Frauen – im Hochelfenstil.

 

„Glaubt Ihr, ich weiß nicht, was ich bin? Wir Sin'dorei hatten die Wahl: unsere Rechtschaffenheit oder unser Wohlergehen. Als ob das überhaupt eine Wahl gewesen wäre. Ich entschied mich für mein Wohlergehen. Meine Frau für ihre Rechtschaffenheit.“

***

 

Chen eilte, so schnell er konnte, bis in das unterste Deck der Faust des Kriegshäuptlings. Es war schon schwierig gewesen, dem wachsamen Blick von Kapitän Aldrek zu entgehen, und dann hatte er auch noch seine Waffen finden müssen. Doch er hatte Glück – sein Tol'vir-Segelboot befand sich neben den Rettungsbooten an Bord und die Besatzung hatte seine Sachen nicht angerührt. Selbst die Perle war noch immer sicher in seinem Reisebündel verstaut – wohl einer der Vorteile der Bewunderung, die Aldrek ihm entgegenbrachte.

 

Der Eingang zur Bilge war verschlossen. Chen holte tief Luft, trat die Tür auf und stürmte herein, während er seinen Stab schwang, der aber nur durch die Luft zischte. Chen hielt inne, um die Situation neu einzuschätzen. Der Zwergengesandte Baenan saß gefesselt und niedergeschlagen auf dem Boden. Genauso niedergeschlagen saß die ihm zugeteilte Wache Talithar an der Wand.

 

Chen nahm seinen Stab herunter. Während er Talithar im Blick behielt, sprach er Baenan an.

 

„Ich bin gekommen, um Euch bei der Flucht zu helfen“, sagte er. „Talithar, ich warne Euch ...“

 

Der Elf überraschte ihn mit einem kurzen, verbitterten Lachen. „Ich werde Euch nicht aufhalten. Verschwindet einfach.“

 

Talithars Haltung verwirrte Chen, allerdings würde er sie auch nicht infrage stellen. Schnell kniete er sich neben Baenan und holte ein Messer heraus, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. Der Zwerg schaute dankbar zu ihm hoch.

 

„Ihr seid einer von dies'n Pandaren“, sagte er, während er sich die Handgelenke rieb. „Danke, dass Ihr mich gerettet habt.“

 

„Kennt Ihr mein Volk?“, fragte Chen, während er die Seile an Baenans Beinen durchschnitt.

 

„Nich' gut“, antwortete der Zwerg. „Aber wir haben neulich 'n Pandarenmädchen während des Sturms an Bord genomm'n ...“

 

Chen zog Baenan an seinem Hemd, um ihn auf die Füße zu stellen. „Li Li?!“, rief der Pandaren hysterisch. „War ihr Name Li Li?“

 

„Ja!“, bestätigte Baenan, den es nervös machte, zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde gewaltsam nach oben befördert worden zu sein. „Ihr Name ist Li Li! Sie sagte, dass sie im Sturm über Bord gegang'n wär.“

 

„Sie lebt“, sagte Chen leise und ließ Baenan los. Seine Pfoten zitterten. „Meine Nichte lebt.“

 

„Es geht ihr gut un' sie is' an Bord der Elwynn“, sagte Baenan.

 

„Dann dürfen wir keine Sekunde vergeuden“, sagte Chen. „Aldrek bereitet sich hier auf den Krieg vor. Gehen wir.“

 

Chen drehte sich um und wollte gehen, aber der Zwerg zögerte und hob ein glänzendes Objekt vom Boden auf. Zu Chens Überraschung hielt Baenan es Talithar hin.

 

„Das gehört Euch“, sagte der Zwerg unbeholfen. „Ihr solltet es zurücknehmen. Und ...“ – Baenan hielt inne – „... was ich zu Euch gesagt habe, tut mir leid. Das war gemein von mir.“

 

Chen blinzelte. Anscheinend hatte er etwas nicht mitbekommen.

 

„Nein“, sagte Talithar leise. Er streckte die Hand aus, um über die beiden Ringe zu streichen, zog sie dann aber wieder zurück. „Ihr hattet recht. Vyrin verließ mich nicht ohne Grund. Ich traf meine Wahl. Und sie hatte Konsequenzen.“

 

„Ja, aber ...“ Der Zwerg zögerte erneut. „Da gibt es noch was. Sie hat von Euch erzählt. Also, ich wusste nich', dass genau Ihr gemeint wart, aber sie hat erwähnt, dass sie verheiratet gewesen war. Warum sie ihren Ehemann verlassen hatte, hat sie nie erwähnt.

 

„Sie hasst Euch nich'“, sagte Baenan. „Ich weiß, dass sie wütend is', aber sie vermisst Euch.“

 

Talithars Gesichtsausdruck hatte sich mehrmals verändert, während Baenan gesprochen hatte, und wich nun einer wehmütigen Melancholie. Trotzdem nahm er das Halsband nicht.

 

„Behaltet es“, sagte Talithar. „Aber tut mir bitte einen Gefallen.“

 

Baenan nickte vorsichtig.

 

„Bringt ihr die Ringe, wenn ihr nach Loch Modan zurückkehrt. Sagt ihr, dass ich sie vermisse und nie aufgehört habe, sie zu lieben.“

 

„In Ordnung“, sagte Baenan. „Das werde ich.“

 

Talithar stand auf. „Ihr werdet nur einen Versuch haben“, sagte er Chen und Baenan. „Wenn man Euch erwischt, wird man Euch auf der Stelle hinrichten. Ich werde alles tun, um die Matrosen abzulenken.“

 

„Danke“, sagte Chen. „Von ganzem Herzen.“

 

Talithar lächelte, obwohl in seinen Augen immer noch Traurigkeit lag. „Und nun geht.“

***

 

Bei Sonnenuntergang war ein Wolkenfeld von Süden herangezogen und die Luft hatte sich abgekühlt. Li Li zitterte, als sie an Deck der Elwynn gespannt den Ausgang des diplomatischen Treffens abwartete. Lintharel war verschwunden und hatte sich aufgelöst, wie es Nachtelfen gerne tun. Neben Li Li kaute Trialin vor lauter Sorge um ihren Bruder an ihrem Finger. Li Li hoffte inbrünstig, dass alles gut gehen würde. Die gesamte Situation könnte friedlich gelöst werden, wenn beide Seiten es schaffen würden, ihren Stolz beiseitezuschieben. Doch das war leichter gesagt als getan.

 

Schließlich erschienen Kapitän Heller und Nita wieder an Deck. Li Li stellte sich auf die Zehenspitzen, um etwas zu sehen. Ihr Herz wurde schwer. Nitas große Hände waren hinter ihrem Rücken zusammengebunden. Die ernsten Mienen der Wachen deuteten an, dass die Gespräche gescheitert waren.

 

Kapitän Heller hob sein Schwert.

 

„Diese Kreatur“, kündigte er an, während er mit der Klinge auf Nita zeigte, „hat mich angegriffen, als ich und meine Offiziere vom Rest der Besatzung getrennt waren! Wir konnten sie bezwingen und müssen sie nun bestrafen!“

 

„Ihr lügt! Nichts dergleichen habe ich getan!“, konterte Nita wütend, was ihr einen Schlag einer der größeren Offiziere einbrachte.

 

„Still, Hordenabschaum!“, befahl Heller.

 

Eine Reihe lauter Knalle und greller Blitze unterbrach den Kapitän. Magische Energie schoss vom Deck des Hordenschiffs und Runen erleuchtenden den sich verdunkelnden Himmel.

 

Einer der Magier rief: „Sie verlangen, dass wir aufgeben, sonst wird Baenan sterben!“

 

Heller stieß ein wütendes Knurren aus und fluchte. „Wir werden niemals aufgeben!“, rief er, als ob man ihn auf der Faust des Kriegshäuptlings tatsächlich hätte hören können.

 

Trialin legte die Hände vor den Mund und unterdrückte ein Schluchzen. Li Li legte ihren Arm um die Schultern der Zwergin.

 

Heller wandte sich an Nita. „Ihr.“ Er gab ein Signal an seine Männer, die daraufhin die Tauren nach vorne stießen. „Ist Baenans Leben verwirkt, ist es Eures auch. Blut gegen Blut.“ Er erhob das Schwert. Wie aus dem Nichts trat Lintharel mit weit ausgebreiteten Armen zwischen Nita und den Kapitän.

 

„Nein“, sagte die Nachtelfe.

 

Kapitän Hellers Gesicht war wutverzerrt. Er senkte das Schwert nicht.

 

„Lintharel?“, sagt Nita leise. Li Li legte ihren Kopf auf die Seite. Woher kannte diese Tauren Lintharels Namen?

 

„Geht mir aus dem Weg, Nachtelfe“, sagte Kapitän Heller.

 

„Am Hyjal habe ich Seite an Seite mit Nita gekämpft“, sagte Lintharel. „Ich kenne nur wenige Kameraden, die ehrenhafter und mutiger waren. Sie hat nichts Falsches getan. Lasst sie gehen.“

 

„Ihre Leute haben Baenan gefangen genommen“, sagte Heller mit zusammengebissenen Zähnen.

 

„So, wie Ihr es mit ihr gemacht habt“, erwiderte Lintharel. „Wenn die Horde von Anfang an beabsichtigt hat, Baenan gefangen zu nehmen, ist sie bereit, sie zu opfern. Sie mussten wissen, wie Ihr auf ihr Ultimatum reagieren würdet. Sie ist nicht weniger Opfer als Baenan.“

 

„Tretet zurück, Nachtelfe! Das ist ein Befehl!“

 

„Oder hattet Ihr auch geplant, den Gesandten der Horde einzusperren“, fuhr Lintharel mit erhobenem Kinn fort, „und Baenan damit dem Tode zu weihen?“

 

„Haltet den Mund!“, brüllte Heller. Die Spitze seines Schwerts befand sich nur wenige Zentimeter vor ihrer Kehle. „Ihr steht im Dienst der Allianz. Sich mir zu widersetzen, ist Verrat.“

 

„Einen Freund zu verraten ist genauso eine Schandtat“, sagte sie. „Was wiegt mehr, Kapitän? Politische oder persönliche Loyalität?“

 

Die Frage klang nach wie der Schlag eines Gongs. Li Li pochte das Herz bis zum Hals. Es herrschte Totenstille. Niemand wagte auch nur zu atmen. Jeder Klang wurde verstärkt: die gegen den Rumpf klatschenden Wellen, die vom Wind umhergewehte Takelage. Die Wolken hatten sich verdichtet und verliehen der Dämmerung ein unheimliches Grün.

 

Das gesamte Fell an Li Lis Hals und Armen stand ihr zu Berge. Die Luft war geladen mit einer fast greifbaren Spannung.

 

Und Li Li verstand.

 

Die zwischen Nita und denen, die ihr Leid antun wollten, stehende Lintharel war nicht so verletzlich, wie sie wirkte. Sie hatte alles hinausgezögert, um Zeit zu gewinnen. Sie wirkte einen Zauber. Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel.

 

„Lintharel“, sagte Kapitän mit absolut ruhiger Stimme, „das ist meine letzte Warnung.“

 

Li Li ergriff Trialins Handgelenk und trat einen Schritt zurück, fort von der Menge. Die Zwergin spürte Li Lis Drängen, folgte ihr und sagte nichts.

 

„Ich werde nicht weichen“, sagte Lintharel. Am Himmel war ein Grollen zu vernehmen.

 

„So sei es! Tötet ...“

 

Die zweite Hälfte von Hellers Befehl ging in einem dröhnenden Wind unter, der seinen Ursprung hinter Lintharels Rücken hatte und alle nach hinten stolpern ließ. Gleichzeitig schoss ein Blitz wie eine Bombe auf den Hauptmast der Elwynn herab und entzündete das Toppsegel in einem Feuerwerk aus Funken. Dolchgroße Holzsplitter regneten auf das Deck. Li Li und Trialin versteckten sich hinter einer befestigten Kiste und beobachteten, wie die Nacht von Flammen erhellt wurde.

 

Lintharel trat in den freien Bereich vor ihr, und ihre geöffneten Arme waren nun nicht mehr eine Geste des Opfers, sondern der Macht. Ihre Augen leuchteten – dem beschworenen Blitz gleich – hell wie Sterne. Der Wind umwehte sie, schleuderte ihr Haar umher und zerrte an ihrem Lederkilt, wirkte sich aber ansonsten nicht auf sie aus. Li Li sah voller Ehrfurcht zu. Lintharel wirkte wie eine Göttin.

 

„Befreit sie“, befahl sie einem auf Deck kauernden Matrosen. Er nickte mit angstgeweiteten Augen und begann, in Nitas Richtung zu kriechen.

 

Eine weitere Explosion schüttelte das Schiff durch und alle gerieten ins Straucheln. Irgendwo schrien Leute nach Wasser oder einem Heiler.

 

Die Faust des Kriegshäuptlings hatte das Feuer eröffnet.

 

Nun brach das Chaos herein. Aus den Wolken schüttete der Regen. Einige Besatzungsmitglieder stürzten herbei, um Lintharel und Nita anzugreifen, andere wollten das Schiff verteidigen. Und Kapitän Heller brüllte Befehle in dem verzweifelten Versuch, die Kontrolle wiederzuerlangen.

 

Als Erwiderung auf den Angriff des Hordenschiffs folgte eine Kanonensalve, wobei einige Kugeln ihr Ziel trafen. Li Li sprang aus ihrem Versteck hervor und warf einen Blick auf die gegen die Nachtelfe und die Tauren kämpfende kleine Gruppe.

 

„Wohin wollt Ihr?“, rief Trialin.

 

„Was sie Nita angetan haben, ist nicht richtig“, sagte Li Li trotzig. „Ich werde ihr und Lintharel helfen.“

 

Li Li hatte befürchtet, dass Trialin sich aus Wut wegen ihres Bruders mit der anderen Besatzung verbünden würde, aber zu ihrer Erleichterung nickte die Zwergin.

 

„Ja“, sagte sie. „Diplomaten anzugreifen is' an Feigheit nich' mehr zu überbiet'n.“ Sie zog ein Kurzschwert aus ihrem Gürtel und warf es Li Li zu. „Ihr werdet 'ne Waffe brauch'n.“

 

„Danke“, gab Li Li zurück und mit einem Schrei stürzten sich die beiden ins Getümmel.

***

 

Chen und Baenan eilten durch das Unterdeck und versuchten, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Baenan steckte seinen Bart ins Hemd und benutzte einen Helm, um mehr schlecht als recht sein Gesicht zu verdecken. Der grob ausgearbeitete Fluchtplan bestand darin, zum Tol'vir-Boot zu gelangen, es ins Wasser zu lassen und hinunterzuspringen. Die Chancen standen schlecht, aber an Bord zu bleiben war keine Alternative.

 

Das Schiff wurde nach einem Volltreffer der Allianzkanonen durchgeschüttelt. Chen fand die Leiter in der Nähe der Rettungsschiffe, die er gesucht hatte, schob Baenan vor und kletterte hinter ihm hoch.

 

„Da ist der Gefangene!“, brüllte eine Stimme hinter ihnen, die Chen sofort Karrig zuordnete. „Dreckiger Verräter!“, schrie er Chen an. „Wir haben Euch vertraut! Tötet sie beide!“

 

Chen riskierte einen Blick nach unten. Er zählte mit Karrig sechs Besatzungsmitglieder. Der Pandaren fluchte. Gegen sie zu kämpfen, würde eine Menge Zeit kosten.

 

„Los!“, rief eine andere Stimme. Talithar kam herbeigerannt und warf sich vor die Unterseite der Leiter. „Ich werde sie aufhalten!“

 

Die beiden Entflohenen zögerten keinen Moment. Mit stillen Worten des Dankes auf den Lippen zog Chen sich den Rest der Leiter hoch und rannte gemeinsam mit Baenan los.

 

„Ihr seid eine Schande für die Horde, Talithar Flinkwind!“, brüllte Karrig. Verräterischer, nichtsnutziger Elf!“

 

„Ich habe für die Horde auf den Schneefeldern von Eiskrone gekämpft“, erwiderte Talithar ruhig. „Und ich habe es mit Stolz getan. Aber der Horde gehört nicht meine alleinige Loyalität.“

 

„Geht uns aus dem Weg“, knurrte Karrig, „oder sterbt.“

 

Talithar hob beide Hände, über denen rote Flammenkugeln schwebten. Im grellen Licht war die Ladung des Frachtraums zu erkennen. An den Wänden standen Fässer mit Schießpulver für die Kanonen.

 

„Oh“, sagte Talithar friedlich lächelnd. „Ich habe meine Wahl getroffen.“

***

 

Unbeeinträchtigt vom Regen breitete sich das Feuer auf das Hauptsegel der Elwynn aus. Einige Matrosen versuchten verzweifelt, jedoch ohne Erfolg, den Flammen mit einer Eimerkette Einhalt zu gebieten. Schließlich brannte das gesamte Schiff.

 

„Nita“, schrie Lintharel, „Ihr müsst hier verschwinden! Nehmt eine Eurer Formen an und flieht!“

 

„Ihr habt mir das Leben gerettet“, erwiderte die Tauren. „Ich werde Euch nicht allein kämpfen lassen.“

 

„Sie ist nicht allein!“, rief Li Li, während sie sich zwischen die beiden Druidinnen stellte.

 

„Ja, wir sin' gekommen, um Euch zu helf'n!“, rief Trialin und schwang dabei meisterhaft zwei Äxte. Lintharel verschoss magische gelbe Blitze und Li Li wehrte die Matrosen ab. Zwergin, Nachtelfe und Pandaren griffen mit aller Gewalt an und konnten sich schließlich ein wenig Platz verschaffen.

 

„Das ist Eure Chance!“, rief Li Li Nita zu.

 

„Ich stehe für immer in Eurer Schuld!“, rief Nita zurück. Mit einem einzigen gewaltigen Schritt durchbrach sie die Reihe der Matrosen und sprang über Bord. Wenige Augenblicke später verschwand ein geschmeidiger Seelöwe in den Wellen.Li Li atmete erleichtert aus. Sie umfasste ihr Schwert mit festem Griff, Schulter an Schulter mit Lintharel und Trialin. Regen prasselte gegen ihr Gesicht und ihren Hals. Nun, da Nita es geschafft hatte, mussten auch sie entkommen.

 

Trialin hob eine Axt und nickte den anderen beiden zu. Eins, sprach sie leise aus. Zwei ...

 

Eine gewaltige Explosion schüttelte die Elwynn vom Bugspriet bis zum Heck durch. Das Schiff schwankte stark und der Holzrumpf ächzte unter der Kraft der Detonation. Jede einzelne Person wurde auf das Deck geworfen. Eine schwarze Rauchwolke stieg auf und vom Himmel herabregnende Klumpen aus brennendem Pech fachten das Feuer der brennenden Segel noch weiter an.

 

„Bei Elune und Ysera!“, fluchte Lintharel. Li Li rollte sich auf die Seite, um zu sehen, was geschehen war. Rauch kam aus einem klaffenden Loch in der Faust des Kriegshäuptlings, wo sich die Explosion ereignet hatte.

 

„Baenan“, flüsterte die neben Li Li liegende Trialin. „Oh, Licht, lass ihn bitte leben ...“

 

Lintharel war als Erste wieder auf den Füßen und reichte Li Li die Hand. Während Li Li sie ergreifen wollte, entdeckte sie aus dem Augenwinkel, wie sich etwas bewegte. Kapitän Heller hatte sich mit gezogenem Schwert an Lintharel herangeschlichen.

 

„Achtung!“, schrie Li Li, doch die Warnung kam zu spät. Lintharels Körper krümmte sich und ihre Augen weiteten sich vor Schreck und Schmerz, als der Kapitän sein Schwert komplett durch sie hindurchstieß. Lintharel hustete und aus ihren Mundwinkeln lief Blut. Ihre Knie stießen gegen das hölzerne Deck, als sie keuchend zu Boden fiel.

 

Heller zog sein Schwert heraus, an dessen silberner Klinge das Blut herunterlief.

 

„Die Strafe für Verrat ist der Tod“, sagte er leise und hob seine Waffe, um ihr den letzten Stoß zu verpassen.

 

Ein Schatten bewegte sich neben ihn, nahm Form an und eine geschwungene Klinge mit Prägung drückte gegen Hellers Kehle.

 

Sein Gesicht war voller Zorn. „Verräter!“

 

„Haltet den Mund.“ In Atropas Augen, die denen von Lintharel so sehr glichen, lag ein mörderischer Glanz. „Die Strafe für Gewalt gegen meine Familie ist ebenfalls der Tod.“

***

 

Als sie endlich das Hauptdeck erreichten, erwartete Baenan und Chen strömender Regen. Niemand schien sie zu bemerken, da alle viel zu sehr mit dem Kämpfen beschäftigt waren. Gegenüber stand die Elwynn in Flammen. „Wir müssen irgendwie 'rüber komm'n“, sagte Baenan. Der Pandaren und der Zwerg rannten in Richtung der Rettungsboote, zwischen denen Chen auch seinen Tol'vir-Kahn erkennen konnte.

 

Chens Füße wurden unter ihm weggerissen. Das Donnern und die Hitze einer gewaltigen Explosion verschlangen ihn und warfen ihn gemeinsam mit Baenan über das Deck, woraufhin sie in die Rettungsboote krachten.

 

Chen wusste, dass er den Kampf gegen die Bewusstlosigkeit nicht verlieren durfte. Mit schmerzenden Gelenken zwang er sich auf die Knie. Nicht weit entfernt lag Baenan, der seinen Helm bei der Explosion verloren hatte, mit dem Gesicht nach unten. Chen sah, wie sein Stab wegrollte, ignorierte die Schmerzen in seinen Beinen und machte einen Satz nach vorn, um ihn zu ergreifen. Zumindest schien nichts gebrochen zu sein.

 

„Baenan!“ Er schüttelte den Zwerg durch. „Das ist unsere Chance!“

 

„Dieser verdammte Dummkopf von Blutelf!“, stöhnte Baenan, als Chen ihm auf die Beine half. „Wir war'n im Munitionslager!“

 

„Das kann er nicht überlebt haben“, sagte Chen mit schwerer Stimme und war überrascht darüber, dass jemand, den er am Morgen noch bedroht hatte, ihn solch einen Schmerz verspüren ließ.

 

„Ja“, antwortete Baenan. Er schaut zu Chen hoch. „Das gesamte Schiff wird in 'n paar Minuten sink'n“, sagte der Zwerg. „Es wird Zeit, zu geh'n.“

 

Flammen züngelten aus dem Loch, das die Explosion in den Rumpf der Faust des Kriegshäuptlings gerissen hatte. Das Schiff lief schnell voll und bekam Schlagseite, was es Chen und Baenan erleichterte, das Tol'vir-Boot zu Wasser zu lassen.

 

Talithars Explosion hatte jeglichen Anflug von Ordnung in Chaos verwandelt und jeder dachte nur noch daran, wie er das Schiff verlassen konnte. Chen nahm sich ein Ruder und paddelte zur Elwynn, deren brennende Segel ihnen als Leuchtfeuer im Sturm dienten.

 

Als er neben das Allianzschiff fuhr, fiel eine Person von Deck und klatschte nur knapp neben dem kleinen Boot ins Wasser.

 

„Das war Kapitän Heller!“, rief Baenan.

 

Chen schaute sich die Leiche an, die noch einige Augenblicke auf dem Wasser schwamm, bevor sie in den Wellen versank. „Seine Kehle war durchgeschnitten.“

 

Sie schauten zum Deck an die Stelle, an der Heller heruntergefallen war. Chen befestigte das Tol'vir-Boot behelfsmäßig an der brennenden Elwynn, um später schnell entkommen zu können.

 

„Seid Ihr bereit?“, fragte er Baenan.

 

„Ja“, antwortete der Zwerg mit einem Schimmern in den Augen. „Wir hol'n unsere Familien. Un' dann verschwind'n wir.“

 

Gleichzeitig sprangen die beiden über das Dollbord des Tol'vir-Boots und begaben sich auf die Elwynn.

***

 

In der rosa-goldenen Dämmerung schwamm an den Stellen, an denen die beiden Schiffe gesunken waren, nur noch Treibgut. Die Rettungsboote der Überlebenden hatten sich in alle Himmelsrichtungen verstreut.

 

In einem kleinen Boot befanden sich vier Personen, von denen drei sich am Bug und am Heck drängten, um Platz für die vierte zu machen, die zugedeckt auf dem Boden lag.

 

„Ich hab' alles getan, was ich konnte“, sagte Baenan niedergeschlagen und schüttelte den Kopf. „Aber ich weiß nich' mehr weiter. Tut mir leid.“

 

Trialin legte die Hand auf den Arm ihres Bruders.

 

Atropa hielt Lintharels Kopf in ihrem Schoß und strich Haarsträhnen über die langen Ohren der Druidin. Sie beugte ihre Stirn zu Lintharel herunter, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.

 

Lintharel hatte die Augen geschlossen, lächelte aber schwach. Sie sprach nicht, sondern drückte nur Atropas Hand. Alle waren still, da sie wussten, dass es jetzt nur noch eine Frage der Zeit war.

 

Niemand bemerkte den dunklen, größer werdenden Fleck am Horizont, bis ein lauter Schrei sie aufschreckte. Ein großer brauner Vogel mit einer Flügelspanne, die fast der Länge des Rettungsboots entsprach, kreiste über ihnen. Er flog hinab und landete gekonnt auf dem hölzernen Rand. Danach blickte er sich kurz um und verwandelte sich.

 

Es war Nita.

 

Die Tauren kniete sich vorsichtig neben Lintharel, um das Rettungsboot nicht ins Schwanken zu bringen. Sie spreizte die Finger über der Taille der Nachtelfe und bedeckte die Wunde. Ein grünes Glühen kam aus ihren Handflächen und umhüllte Lintharel mit Licht.

 

Lintharel atmete heftig ein. Unter Keuchen und Husten versuchte sie, sich hinzusetzen. Atropa und Nita hielten sie sanft zurück.

 

„Ganz ruhig, meine Freundin“, sagte die Tauren. „Bald schon wird es Euch wieder besser gehen. Es gibt keinen Grund zur Eile.“

 

Lintharel nahm Nitas Hand. „Danke.“

 

Atropa ergriff Nitas breiten Unterarm. In den Augen der Nachtelfe schimmerten immer noch Tränen. „Und auch ich danke Euch vielmals.“

 

„Das war doch das Mindeste, was ich tun konnte“, antwortete Nita. „Die ganze Nacht über habe ich das Meer abgesucht. Es gibt viele Überlebende, sowohl aufseiten der Allianz als auch bei der Horde. Ich werde mein Bestes tun, um alle an Land zu führen.“

 

„Sobald ich meine Kraft zurückerlangt habe, werde ich helfen“, sagte Lintharel. Sie lächelte Atropa beruhigend zu. „Es wird nicht lang dauern.“

 

Bevor Sie das Boot verließ, wirkte Nita auch kleinere Zauber auf Baenan, Trialin und Atropa. Baenan stieß ein glückliches Seufzen aus, als der Schmerz seiner Verletzungen verschwand.

 

„Danke, Nita von den Tauren“, sagte er. Er rieb sich seinen Oberkörper, der nun nicht mehr bei jeder Berührung wehtat. Seine Finger strichen über eine Beule unter seiner Jacke.

 

„Bei Muradins Hammer!“, rief er und holte Talithars Halsband hervor, an dem sich noch die beiden Ringe befanden. „Das hatte ich ganz vergessen.“

 

„Was ist das?“, fragte Trialin.

 

„Es gehörte Talithar“, antwortete Baenan leise. „Er war 'n Blutelf auf dem Hordenschiff. Er hat mir das Leben gerettet. Die Ringe gehört'n ihm un' seiner Frau.“

 

Nita runzelte die Stirn. „Was?“

 

Baenan drehte sich zu seiner Schwester. „Trialin, erinners' du dich noch an Vyrin Flinkwind von der Jagdhütte der Weltenwanderer?“

 

„In Loch Modan? Natürlich.“

 

„Talithar war mit ihr verheiratet“, sagte Baenan.

 

„Ich ... habe ihn in den anderen Booten nicht gesehen“, sagte Nita. Baenan schüttelte den Kopf.

 

„Das konntet Ihr auch nich'.“ Er umfasste die beiden Ringe. „Er hat die Explosion auf der Faust des Kriegshäuptlings verursacht, um mir un' dem Pandaren bei der Flucht zu helfen. Er is' tot.“

 

„Was soll'n wa' Vyrin sagen?“, fragte Trialin.

 

„Dass ihr Mann als Held gestorben ist.“ Baenan schaute entschlossen hoch. „Wie kommen wir am schnellsten an Land? Ich muss 'ne Nachricht überbringen.“

 

„Fahrt nach Nordwesten“, sagte Nita. „Ihr seid nicht weit von Tanaris entfernt. Ich werde so schnell wie möglich zurückkehren, um Euch zu helfen, falls Ihr mich braucht. Möge die Erdenmutter mit Euch sein.“

 

„Und Elune mit Euch“, antwortete Atropa.

 

Nita breitete ihre Arme aus, verwandelte sich in einen Vogel und erhob sich in die Luft.

***

 

Wieder einmal bewegte sich das Tol'vir-Segelboot unter einem sternenbedeckten Himmel auf und ab. Chen zog Li Li ganz nah an sich heran. „Ich dachte, ich hätte dich verloren, Li Li“, flüsterte er. „Ich dachte, du wärst tot.“

 

Li Li legte ihr Gesicht auf die Schulter ihres Onkels. „Das dachte ich auch“, antwortete sie mit dem Anflug eines Lächelns. Chen lachte ein wenig, allerdings hörte es sich eher wie Husten an.

 

An Bord der Elwynn hatte das flammende Chaos geherrscht. Er und Baenan waren sofort getrennt worden. Chens Erinnerungen waren verschwommen. Völlig außer sich hatte er immer wieder Li Lis Namen gerufen und plötzlich war sie da und versuchte mit blutüberströmtem Gesicht dem Feuer zu entkommen. Sie waren von Bord gesprungen und erreichten in letzter Minute ihr eigenes Segelboot. Während Chen und Li Li fortruderten, erlebten sie die letzten Momente der Faust des Kriegshäuptlings und der Elwynn, deren brennende Wracks das Meer mit einem orangen Leuchten erhellten.

 

Der Pandaren schlief den Rest der Nacht unruhig. Die ganze Belastung hatte sie eingeholt und ohne Gefühl für die Zeit dämmerten sie weg und wurden immer wieder wach.

 

Li Li wusste nicht, wie viele Tage vergangen waren. Zwei? Drei? Eine dichte Wolkendecke machte es unmöglich, den Morgen vom Abend zu unterscheiden. Nur wenn der Himmel sich für mehrere Stunden verdunkelte, war klar, dass ein weiterer Tag zu Ende gegangen war. Onkel Chen lag schlafend unter dem Segel. Er war bei der Explosion auf dem Hordenschiff verletzt worden und es würde noch Tage dauern, bis er wieder auf den Beinen war.Li Li legte ihren Kopf an den Mast. Das Segel hing schlaff an der Takelage, aber sie schaffte es nicht, es einzuholen. Alles – aber auch wirklich alles – war vollkommen schiefgelaufen. Immer wieder erinnerte sie sich daran, wie sie über Bord gespült wurde, wie Kapitän Hellers Schwert durch Lintharels Körper stieß oder wie Hellers warmes Blut gegen ihr Gesicht spritzte, als Atropa ihm die Kehle durchschnitt. Li Li erschauderte ob dieser schrecklichen Erinnerungen und grausamen Anblicke.Ein Papier im Wind zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und als sie hinaufblickte, sah sie einen wunderschön gefalteten Albatros über sich flattern. Sie streckte eine Hand aus, der Vogel setzte sich darauf und erstarrte sofort, da die Magie, die ihn hierher befördert hatte, verbraucht war. Neugierig entfaltete sie das Papier und strich es so glatt sie konnte. Der Albatros bestand aus zwei Briefen, die jeweils an sie und ihren Onkel Chen gerichtet waren. Voller Überraschung erkannte sie, dass beide von ihrem Vater stammten.Da sie sich nicht in die privaten Dinge ihres Onkels einmischen wollte, faltete Li Li seinen Brief wieder zusammen und steckte ihn in seinen Rucksack. Die für sie bestimmten Zeilen las sie jedoch.

 

Meine liebe Li Li,

Worte waren noch nie meine Stärke. Jedes Mal, wenn ich versuche, mit dir zu reden, kommt anscheinend nichts so heraus, wie ich es mir vorstelle, und nie verstehen wir uns oder finden eine Gemeinsamkeit.

 

Du bist wie deine Mutter oder mein Bruder und weniger wie ich. Du hast den Sinn fürs Staunen von deinem Onkel und die Furchtlosigkeit von deiner Mutter geerbt. Das war eines der Dinge, die ich am meisten an ihr liebte, obwohl es für mich als jemand, der diesen Charakterzug nicht sein eigen nennt, schrecklich mitanzusehen war, wie sie sich in Situationen begab, die ich unter allen Umständen vermieden hätte. Genauso schrecklich ist es für mich, dich ähnliche Entscheidungen treffen zu sehen. In der Vergangenheit ließ ich zu, dass sich meine Furcht als Wut offenbarte, aber nun habe ich erkannt, dass das falsch war.

 

Du triffst in deinem Leben andere Entscheidungen als die, die ich getroffen habe. Es ist höchste Zeit, das zu akzeptieren. Was auch geschieht, du wirst immer meine Tochter bleiben und ich werde immer stolz auf dich sein.

 

In Liebe,

Dein Vater

 

Li Li las den Brief mehrere Male, um die Worte auf sich wirken zu lassen. Sie dachte daran, wie sie sich in Gadgetzan gefragt hatte, ob sie sich jemals selbst treu sein und gleichzeitig ihrem Vater gerecht werden konnte. Chen hatte ihr versichert, dass sie es könnte, und er hatte recht behalten. Li Li blinzelte mit tränengetrübten Augen, schaffte es aber nicht, klar zu sehen. Plötzlich vermisste sie ihren Vater so sehr, wie sie es nie für möglich gehalten hatte.

 

„Oh, Onkel Chen“, sagte sie niedergeschlagen, „warum hat mich die Perle auf diese dumme Reise geschickt? Lass uns nach Hause fahren. Ich will einfach nur nach Hause.“

 

Chen seufzte im Schlaf. Eine Träne lief über Li Lis in der nebligen Luft bereits feuchte Wange. Sie schloss die Augen und zog die Knie an ihren Oberkörper heran.

 

Ein lautes Rauschen erfüllte ihre Ohren, aber sie spürte keinen Wind. Als sie nach oben sah, erblickte Li Li einen endlosen, sich wie ein Strudel über ihr drehenden Nebel. Sie lehnte sich nach vorn und schüttelte ihren Onkel wach.

 

„Was ist los?“, fragte er benommen.

 

„Ich weiß nicht“, antwortete sie. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

 

Der sich immer schneller drehende Nebel ließ Li Li schwindelig werden. Dann, plötzlich, löste er sich auf und gab den Blick auf einen atemberaubenden blauen Himmel und die hell strahlende Sonne frei.

 

Vor Li Li und Chen erstreckte sich wie ein Juwel am Horizont ein Land, das keiner von ihnen erkannte.

 

„Da!“, rief Li Li und zeigte auf die Küste. „Onkel Chen ... Ist das ...?“

 

„Das ist es!“, sagte Chen. „Das muss es sein!“

 

Li Li war bereits auf den Beinen und spannte das Segel. Der Wind war wieder stärker geworden und sie würden ohne Probleme an Land gehen können. Chen half ihr und gemeinsam steuerten sie das Boot ans Ufer.

***

 

Vor ihnen erstreckte sich ein Strand, der es ihnen problemlos ermöglichte, ihr Boot mit vor Aufregung zitternden Pfoten an Land zu ziehen. Sofort machten Chen und Li Li sich auf, die Landschaft zu erkunden, und entdeckten schon bald eine schmale, aber anscheinend oft genutzte Straße. An einem Holzpfahl mit Schnitzereien schwang eine vertraut aussehende Laterne wie ein Willkommensgruß sanft in der Brise.

 

Chen fiel neben ihr fast auf die Knie. „Das haben Pandaren gemacht“, sagte er leise. „Daran besteht kein Zweifel.“

 

„Wir sind angekommen“, sagte Li Li. „Wir haben es wirklich geschafft. Pandaria.“

 

Sie kletterten einen Hügel am Ufer hinauf und starrten aufs Meer. Am klaren Himmel war keine Wolke zu sehen. Der glitzernde Ozean erstreckte sich endlos. Chen legte seinen Arm um die Schulter seiner Nichte und drückte sie liebevoll.

 

„Heißt das, der Zauber ist gebannt?“, fragte Li Li. „Sind die Nebel nun für immer verschwunden?“

 

„Ich ... Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Chen. „Aber ich glaube schon.“

 

„Also werden sie kommen“, sagte sie. „Papa, Shisai, Oma Mai und unsere ganzen Freunde. Alle werden kommen.“

 

Chen sah ein Bild vor seinem geistigen Auge. Zwei Schiffe, Seite an Seite, von Flammen verschlungen, mit feuernden Kanonen, brüllenden Matrosen und gegeneinanderschlagenden Schwertern. Eine Szene, wie sie sich vor mehreren Nächten abgespielt hatte, als er verzweifelt von der Faust des Kriegshäuptlings entkommen wollte und auch auf der Elwynn nicht fand, was er sich erhofft hatte. Chens Griff um Li Lis Schulter wurde fester.

 

„Nicht nur unsere Freunde“, sagte er. „Alle.“


Kommentare: 0