Li Lis Reisetagebuch 3


Kapitelübersicht

 

Die rot markierten Kapitel befinden sich jeweils auf der aktuellen Seite. Alternativ steht das Reisetagebuch auch als PDF zur Verfügung.

  1. Einleitung
  2. Zurück zu den Grundlagen
  3. Das anbrechende Dilemma
  4. Wie man einen Ho-Zen fängt
  5. Der verbotene Wald
  6. Der Jadewald
  7. Das Tal der vier Winde
  8. Die Krasarangwildnis
  9. Kun-Lai-Gipfel
  10. Das Tal der Ewigen Blüten
  11. Die Tonlongsteppe
  12. Die Schreckensöde

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Das Tal der vier Winde

In den Wochen, in denen Onkel Chen und ich den Jadewald erkundeten, begann ich mich wie eine Fremde ohne wirkliche Verbindung zu Pandaria zu fühlen. Klar, meine Vorfahren stammen aus diesen Landstrichen, aber das liegt schon Generationen zurück. Obwohl ich ein paar Ho-zen getroffen hatte (noch größer und sogar noch verrückter als ihre Brüder zu Hause), war sonst auf diesem Kontinent fast alles anders, als ich es kannte.

 

Tja, doch dann besuchte ich das Tal der Vier Winde. Dort fühlte ich mich sofort wie zu Hause, allerdings war alles wesentlich größer. Das als Kornkammer von Pandaria geltende Tal war bedeckt mit ausgedehnten Ackerflächen, gegen die die Ränge auf der Wandernden Insel wie ein kleiner Garten anmuteten. Von einer Ernte dieses Tals hätten sich wahrscheinlich alle Pandaren in Mandori – und sogar Dickerchen wie Onkel Chen – ein Leben lang ernähren können.

 

Ich könnte dieses gesamte Tagebuch mit unglaublichen Dingen füllen, die ich im Tal sah – von der tosenden Huangtzekaskade bis hin zu den magischen Teichen der Reinheit. Aber nicht das Neue hat meine Aufmerksamkeit erregt, sondern die vertrauten Dinge, die ich an einem so weit von zu Hause entfernten Ort niemals erwartet hätte.

 

Diese Entdeckungen begannen, als Onkel Chen und ich das Tal an der Seite von Helden aus anderen Ländern Azeroths erkundeten, die Pandaria ebenfalls bereisten. Auf Fremde zu stoßen, war keine große Überraschung. Mein Onkel erzählte mir, dass ihm einige Wochen zuvor Mitglieder der Horde und Allianz über den Weg gelaufen waren, während ich geschlafen hatte. Wie sich herausstellte, sorgten die beiden Fraktionen im Jadewald für allerlei Ärger. Sie hatten sogar Einheimische wie die Ho-zen und ein Fischvolk namens Jinyu in ihren Konflikt hineingezogen. Zum Glück waren Onkel Chen und ich bereits dabei, den Wald zu verlassen, als diese Dinge geschahen.

 

Kurz nachdem wir das Tal betreten hatten, trafen wir Trübtrunk, einen freundlichen Pandaren, der sein eigenes Bier mit schmutzigem Wasser braute. Er war ein bisschen verrückt, aber ich mochte den großen Kerl. Aus heiterem Himmel erzählte er uns von einer Sturmbräu-Brauerei in der Gegend. Onkel Chen und ich konnten es gar nicht glauben. Wir hatten Angehörige in Pandaria – und eine Brauerei! Diese Nachricht brachte Chen dazu, sich zum ersten Mal seit Wochen schneller als ein paar Schritte pro Stunde zu bewegen.

 

Leider war die Brauerei in einem sehr schlechten Zustand. Shed-Ling, die denen auf der Wandernden Insel bis aufs Haar glichen, hatten die Getreide- und Reislager befallen. Ho-zen hatten Teile des Gebäudes eingenommen und waren dort Sturm gelaufen. Und was noch schlimmer war: Onkel Gao, der für die Brauerei verantwortliche Sturmbräu, wollte uns nicht mal helfen! Aber Chen und ich ließen uns die größte Entdeckung unserer Familiengeschichte nicht von irgendeinem griesgrämigen Verwandten ruinieren.

 

Schließlich beseitigten wir die Schädlinge in der Brauerei, was uns ohne die anderen Neuankömmlinge nicht gelungen wäre. Als alles wieder unter Kontrolle war, wurde Gao etwas zugänglicher. Zuvor hatten viele weitere Sturmbräus in der Brauerei gewohnt und gearbeitet, waren aber nach Westen gezogen, um gegen ein uraltes Insektenvolk namens Mantis zu kämpfen. Gao hatten sie zurückgelassen, damit er sich um die Brauerei kümmert. Auf ihm muss ein ziemlicher Druck gelastet haben, der Familie gerecht zu werden, da seine Bemühungen zu einigen ziemlich instabilen Gebräuen geführt hatten – von der Sorte, die lebendig werden und einen umbringen wollen.

 

Gao wusste nicht, wann die anderen Sturmbräus zurückkehren würden, erzählte uns aber alles über sie. Er klärte uns auch über die Geschichte unserer Familie im Tal und darüber auf, wie weit sie zurückreichte. Direkt vor der Brauerei zeigte er uns einen alten, der Witwe Mab Sturmbräu und ihrem Sohn Liao gewidmeten Schrein. Von den beiden hatte mir schon mein Papa erzählt. Nachdem Mabs Mann bei einem tragischen Traubenpressenunfall ums Leben gekommen war, hatte sie mit Liao ein neues Leben auf der Wandernden Insel begonnen.

 

Außer der Familie Sturmbräu gab es noch engere Verbindungen zwischen dem Tal und meiner Heimat. Gao behauptete, dass Liu Lang – der Gründer der Wandernden Insel – in der Nähe der Brauerei geboren worden und aufgewachsen war. Das muss man sich mal vorstellen! Sein Geburtsort bei einem Dorf namens Steinpflug befand sich am westlichen Rand des Tals.

 

Jeden Tag erfuhr ich neue Dinge über die Region und meine entfernten Verwandten. Alles lief gut, bis plötzlich schlechte Nachrichten eintrafen ...

 

Am Schlangenrücken, einer riesigen Mauer im Westen, geschah etwas Großes. Viele Jahre zuvor hatten die Mogu – gigantische Bestien und die ehemaligen Herrscher von Pandaria, bevor sie von meinen Vorfahren einen Tritt in den Allerwertesten bekommen hatten – die Barriere als Schutz vor ihren Erzfeinden, den Mantis, errichtet. Mittlerweile bewachten die Pandaren den Schlangenrücken, allerdings hatten diese Insektendinger kurz zuvor ihre Verteidigung durchbrochen und begannen nun mit einer Invasion der nächsten Siedlung: Steinpflug!

 

Onkel Chen und ich schlossen uns einer großen Pandarengruppe an, die sich in Steinpflug versammelt hatte, um die Angreifer abzuwehren. Zwar erledigten wir die Mantis, allerdings hatte ich das Gefühl, dass noch weitere Angriffe folgen würden. Die Einwohner erzählten von einer anderen Macht, die für den Angriff verantwortlich gewesen sein sollte – das düstere und geheimnisvolle Sha. Beim Gedanken daran, dass es so etwas in Pandaria gab, ließ es mir kalt den Rücken runterlaufen.

 

Nach dem Angriff beruhigte sich die Situation wieder. Onkel Chen und Onkel Gao diskutierten in der Brauerei tagelang über Rezepte und probierten neue Biere aus. Für mich war das in Ordnung. Seit unserer Ankunft in Pandaria hatte mich Chen immer gebremst. Nun wollte ich unbedingt selbst auf Entdeckungsreise gehen und hatte bereits den perfekten Ort dafür ausgemacht: die Krasarangwildnis. Von dort aus hatte Liu Lang Pandaria einst auf Shen-zin Su verlassen, der Meeresschildkröte, die schließlich zur Wandernden Insel heranwachsen sollte!

 

Von Krasarang hatte mir einer der Bauern im Tal berichtet. Er hatte mich vorgewarnt, dass der Ort sehr gefährlich wäre, aber das zu hören, steigerte mein Verlangen, ihn zu erkunden, noch mehr. Also besorgte ich mir ein paar Vorräte und schrieb Onkel Chen, wohin ich gehen würde. Er steckte mit seiner Nase so tief in Säcken voller Hopfen und Gerste, dass ich davon ausging, wieder zurück zu sein, bevor er es überhaupt mitbekommt.

 

Endlich war ich frei und ging meinen eigenen Weg. Nächster Halt: die Krasarangwildnis und der Ursprung der Wandernden Insel!


Die Krasangarwildnis

Auch ohne Onkel Chens Hilfe war es einfach, die Krasarangwildnis zu finden. Aber mich in diesem düsteren Sumpfgebiet an der Küste zurechtzufinden, war eine ziemliche Herausforderung. Das dichte Blattwerk hielt das Sonnenlicht ab, wodurch es fast unmöglich war, sich zu orientieren. Wenn ich nicht über knorrige Wurzeln stolperte, verfing ich mich in diesen dummen großen Ranken, die von den Bäumen hingen. Und dann waren da noch die Tiere: Saurok, riesige fauchende Wespen und andere Arten bedrohlicher Viecher gab es dort im Überfluss.

 

Es war genauso spannend, wie ich es mir erhofft hatte!

 

Aber es störte mich, dass ich die Stelle nicht finden konnte, an der Liu Lang diesen Ort auf Shen-zin Su verlassen hatte. Nach Tagen der ergebnislosen Suche traf ich den ersten Pandaren seit geraumer Zeit: einen Angler namens Ryshan, der gerade eine Fischladung an Zhus Wacht geliefert hatte. Dieser Außenposten im Nordosten der Krasarangwildnis war erbaut worden, um gefährliche Biester wie die Saurok davon abzuhalten, Reisende auf dem Weg zur Küste anzugreifen.

 

Freunde müssen in Krasarang ein seltenes Gut sein, da Ryshan mich wie ein Familienmitglied behandelte, obwohl wir uns erst seit Kurzem kannten. Als ich erklärte, warum ich in der Wildnis unterwegs war, berichtete er mir, dass die Stelle, an der Liu Lang Pandaria verlassen hatte, in der Nähe seines Dorfes – der Anlegestelle der Angler – lag. Er war so nett, mich in seine Siedlung einzuladen, damit ich meine Vorräte aufstocken konnte, bevor ich dorthin aufbrach. Endlich lief es wieder besser!

 

Auf dem Weg zum Dorf erzählte mir Ryshan von der Geschichte der Krasarangwildnis. In diese Wälder wagen sich nur wenige Pandaren. „Nur Angler und Verrückte – falls es da überhaupt einen Unterschied gibt“, sagte er voller Stolz. Wir gingen an einigen zerfallenen alten Ruinen vorbei, die seinen Informationen nach einst den Mogu gehört hatten. Vor dem Niedergang ihres Reiches hatten einige dieser großen Ungetüme in Krasarang gelebt. Erst kürzlich waren die Mogu wieder aufgetaucht, um ihre ehemaligen Territorien zurückzufordern, allerdings wurden sie von Helden wie jenen, die Onkel Chen und mir bei der Familienbrauerei geholfen hatten, aufgehalten.

 

Als wir an der Anlegestelle der Angler ankamen, brach schon fast die Abenddämmerung herein. Da das kleine Dorf mit seinen baufälligen Hütten vor der Küste von Krasarang lag, mussten Ryshan und ich per Boot übersetzen. Kein großes Problem, oder? Von wegen: Nachdem wir losgefahren waren, schrie der Angler plötzlich auf und schwang eines der Ruder. Was konnte einen tapferen Pandaren wie ihn aus der Fassung bringen? Krokolisken? Saurok? Ich hatte wirklich Angst um mein Leben, bis ich den Missetäter schließlich erblickte: einen Beuteldachs.

 

Diese pelzigen kleinen Kerlchen waren meisterhafte Diebe und naschten unglaublich gerne Fisch. Mit anderen Worten waren sie der Fluch der Angler. Der Beuteldachs in unserem Boot war ziemlich wild. Als Ryshan mit dem Ruder auf das Deck schlug, schreckte er nicht mal zurück, sondern fauchte und schlug mit seinen Krallen nach dem Angler.

 

Beuteldachse bleiben normalerweise im Tal der Vier Winde, aber dieser hatte den weiten Weg nach Krasarang zurückgelegt. Ich beruhigte Ryshan, indem ich versprach, mich um das kleine Fellknäuel zu kümmern und dafür zu sorgen, dass er keinen Fisch in die Pfoten bekam. Das war das Mindeste, was ich tun konnte, da der Beuteldachs ja immerhin auch ein Entdecker war. Seltsamerweise erinnerte er mich an meinen älteren Bruder Shisai. Vielleicht lag es an seinem dicklichen Gesicht und den buschigen Ohren, vielleicht aber auch an der Art, wie er alte Futterreste aus seinem Fell herauspickte und ohne Rücksicht darauf, wie eklig er dabei aussah, verspeiste. Wie auch immer, ich entschied mich, den Beuteldachs nach meinem großen Bruder zu benennen. So schwierig es auch zu glauben war, ich vermisste Shisai wirklich. Nun ja ... zumindest ein bisschen.

 

An der Anlegestelle der Angler brieten Ryshan und seine Freunde einen Teil des Tagesfangs und erzählten mir ihre schönsten Anglergeschichten. Als ich ihnen sagte, dass ich von der Wandernden Insel käme, nahmen sie dies als Herausforderung, mir noch abenteuerlichere Geschichten zu präsentieren und begannen, lang und ausufernd über einen Babykraken zu berichten, den sie Jahre zuvor gefangen hatten.

 

Nur Angler und Verrückte. Ja. Das traf den Nagel auf den Kopf.

 

Eine der interessantesten Erzählungen drehte sich um den Tempel des Roten Kranichs. Dieser in der Mitte der Krasarangwildnis gelegene, massive Komplex war zu Ehren des himmlischen Chi-Ji, auch bekannt als der Rote Kranich, erbaut worden. Laut Ryshan nannte man dieses mächtige und gütige Wesen auch den Geist der Hoffnung. Vor nicht allzu langer Zeit war etwas Gefährliches aus den Tiefen des Tempels des Roten Kranichs entkommen: Sha. Dieses seltsame Übel war später bezwungen worden, doch erst, nachdem sich ein Schatten der Verzweiflung über die Wildnis gelegt hatte.

 

Ich hatte vom Sha bereits während des Mantisangriffs auf Steinpflug im Tal der Vier Winde gehört. Warum tauchten diese eigenartigen Dinger plötzlich überall auf? War wirklich ganz Pandaria davon betroffen? Wenn ich nur an das Sha dachte, bekam ich schon eine Gänsehaut. Und gut schlafen konnte ich in dieser Nacht auch nicht wirklich.

 

Als ich mich am nächsten Morgen aufmachen wollte, nach dem Ursprungsort der Wandernden Insel zu suchen, landete ein riesiger Heißluftballon an der Anlegestelle der Angler! Der Pilot, ein freundlicher Pandaren namens Shin Flüsterwolke, war aus der nördlichen Region des Kun-Lai-Gipfels gekommen, um sich eine Ladung Fisch abzuholen. Anscheinend wollte er ihn an einen heiligen Ort hoch in den Bergen – den Tempel des Weißen Tigers – ausliefern. Der Fisch in Krasarang schien zum besten in ganz Pandaria zu gehören. Warum sonst hätte Shin so weit nach Süden reisen sollen?

 

Je mehr Shin über Kun-Lai erzählte, desto mehr entstand in mir der Wunsch, es selbst zu sehen. Der Ballonpilot sagte mir, dass ich ihn gerne begleiten dürfte, wenn ich ihm helfen würde, den Fisch einzuladen. Wie konnte ich dazu schon Nein sagen? Ich hatte zwar immer noch nicht die Stelle gefunden, an der Liu Lang und die Große Schildkröte ihre Reise über das Meer angetreten hatten, aber zumindest wusste ich nun, wo ich ungefähr suchen musste. Onkel Chen und ich könnten ja irgendwann später zurückkehren. Aber wann hätte ich noch einmal die Gelegenheit erhalten, zum Kun-Lai-Gipfel zu fliegen? Da mein Onkel sich in der Brauerei verkrochen hatte, hätte es noch Wochen – oder sogar Monate - dauern können, bevor wir endlich Pandarias entfernte Winkel besuchen würden. Vielleicht wäre es auch nie dazu gekommen. Ich stellte mir vor, wie Onkel Chen in der Brauerei saß, Unmengen von Bier trank und dicker als Shins Ballon wurde – so dick, dass er nicht mal mehr durch die Tür gepasst hätte!

 

Jetzt gab es nur noch eine Sache zu tun: Ich krempelte die Ärmel hoch, hielt die Luft an und begann, Fischfässer in den am Ballon hängenden großen Korb zu verladen. Danach roch ich wahrscheinlich wie eine echte Anglerin, aber das war nur ein geringer Preis für eine kostenlose Reise zu einem solch geheimnisvollen und spannenden Ort wie dem Kun-Lai-Gipfel.

 

Nachdem ich mich von den Anglern verabschiedet hatte, steckte ich Shisai in meine Reisetasche und sprang an Bord des Ballons. Schon bald stiegen wir immer höher über die Krasarangwildnis auf! Der Wind trug uns nach Norden über den Jadewald und bis zum majestätischen Kun-Lai-Gebirge. Durch die lockeren weißen Wolken konnte ich langsam mein Ziel erkennen.

 

Als ich Shin sagte, wie schön Kun-Lai aus der Ferne wirkte, wurde er traurig. „Es ist schon seltsam, wie perfekt alles von oben aussieht“, sagte er. „Kun-Lai ist ein wundersamer Ort. Aber mittlerweile gibt es auch dort Probleme. Ein Sturm braut sich über der Region zusammen, Kleines.“

 

Shin erklärte, dass in Teilen von Kun-Lai Krieg herrsche. Allerdings sollte ich mir keine Sorgen machen, da das Gebiet, in das er mich bringen würde, sicher wäre. Trotzdem fragte ich mich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, mitzufliegen.

 

Dann erinnerte ich mich daran, dass Onkel Chen und alle anderen großen Entdecker gefährliche und friedliche Orte bereisen mussten. Für einen Wanderer gehörte das einfach dazu. Ich holte tief Luft und blickte nach vorn, bereit, mich jeder Herausforderung zu stellen, die mich in den verschneiten Bergen des Kun-Lai-Gipfels erwarten würde!


Kun-Lai-Gipfel

Ich hatte gedacht, dass der Jadewald schon ziemlich groß wäre, aber mit dem Kun-Lai-Gipfel war er nicht zu vergleichen. Die Berge waren so hoch, dass ich selbst im Heißluftballon meinen Hals recken musste, um zu erkennen, wo die verschneiten Abhänge über den Wolken verschwanden.

 

Unser Ziel – der Tempel des Weißen Tigers – befand sich im Nordosten vom Kun-Lai. Genau wie die Tempel im Jadewald und in der Krasarangwildnis war er einem der legendären Erhabenen Pandarias gewidmet, in diesem Fall dem Weißen Tiger Xuen. Der Ballonfahrer Shin nannte dieses Wesen auch den Geist der Stärke, die man in diesen unwirtlichen Bergen sicherlich gut gebrauchen kann.

 

Auf dem Tempelgelände herrschte bei unserem Eintreffen klirrende Kälte und nachdem wir die Fischfässer ausgeladen hatten, waren meine Pfoten vollkommen taub. Selbst mein Beuteldachs Shisai konnte der Kälte nichts entgegensetzen. Vom Kopf bis zum Schwanz war er mit Reif bedeckt und seine Schnurrhaare waren komplett eingefroren. Wäre er in letzter Zeit nicht so ein Miesepeter gewesen, hätte mir das kleine Kerlchen sogar leidgetan. Am Abend zuvor hatte er mich doch glatt versucht zu beißen, als ich ihn beim Stibitzen von Fisch aus den Fässern erwischt hatte!

 

Irgendwas stimmte nicht mit ihm, allerdings wusste ich nicht, was ... Noch nicht.

 

Nachdem wir unsere Lieferung ausgeladen hatten, ging es wieder gen Himmel und in Richtung der felsigen Hochlandsteppe südlich des Kun-Lai. In dieser Region lebte ein Großteil der Bevölkerung. Außer Ho-zen-Hütten und Pandarendörfern erblickte ich an einem See namens Tintenkiemenweiher eine Siedlung der Jinyu. Ich hatte gehofft, einiges über die uralte Kultur und vielfältige Geschichte dieses amphibischen Volkes zu erfahren. Aber was noch viel wichtiger war: Ich wollte unbedingt herausfinden, wie sie es schafften, winzige Fische in Blasen zu stecken und dann herumfliegen zu lassen.

 

Doch zum Erkunden des Weihers kam ich leider nicht. Außerdem konnte ich mich an keinem der faszinierenden Anblicke in Kun-Lai wirklich erfreuen, da Shisai immer gefährlicher und unberechenbarer wurde.

 

„Er ist wütend“, erklärte Shin, als er das Verhalten des Beuteldachses bemerkte. „Aber es ist nicht seine Schuld ...“ Der Pandaren erzählte mir, dass das Sha – ein Wesen aus purem Zorn – aus seinem Gefängnis hoch in den Bergen entkommen war. Es terrorisierte die Steppen und entfachte Gewalttätigkeiten zwischen den verschiedenen, dort ansässigen Völkern.

 

Und was noch schlimmer war: Ein Volk zotteliger, yakgesichtiger Nomaden namens Yaungol war von Westen aus in die Region einmarschiert. Diese Typen führten sich hier wie die großen Chefs auf und brannten alle Siedlungen nieder, die ihnen im Weg standen. Shin wusste nicht, ob das plötzliche Erscheinen der Yaungol mit dem Sha in Verbindung stand, aber sicherer machten diese Grobiane den Kun-Lai ganz bestimmt nicht.

 

Obwohl wir keine Möglichkeit hatten, viel gegen das Sha und die Yaungol auszurichten, konnten wir doch meinem Beuteldachs helfen. Shin sagte, dass es eine Person gäbe, die Shisai von seinem Zorn befreien konnte: den Mutigen Yon.

 

Yon lebte in einer kleinen Höhle auf dem Kota-Gipfel, einem abgelegenen Berg im Südwesten von Kun-Lai. Er war ein exzentrischer Pandaren und berühmt für seine Fähigkeit, wilde Tiere zu zähmen und für den Kampf zu trainieren. Da er und Shin alte Freunde waren, hieß Yon uns in seinem Zuhause willkommen und willigte ein, Shisai zu helfen. Er sah sich den mürrischen Beuteldachs genau an. Zwischendurch stellte Yon den Tieren in seiner Höhle Fragen oder murmelte leise vor sich hin. Was ich aber wirklich höchst seltsam fand, waren die an den Wänden hängenden Pullover, Schuhe und Schals für verschiedene Tierarten. Auf jedem Kleidungsstück war sogar der Name eines von Yons Haustieren eingestickt!

 

„Du kannst mich ruhig für verrückt erklären“, rechtfertigte sich der Zähmer, als er mich dabei erwischte, wie ich die Kleidung anstarrte. „Aber hier oben in der Kälte ist es wichtig, seine Haustiere warm zu halten. Sie könnten sich ja sonst etwas zerren.“

 

Ja ... Yon war schon irgendwie verrückt, aber ich mochte ihn. Er erinnerte mich an die Meistermönche auf der Wandernden Insel, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, ihre Kampfkünste zu trainieren. Statt jedoch sein inneres Gleichgewicht zu erlangen, ließ Yon Babyhäschen gegen kleine Krokilisken antreten – was auch nicht schlecht war.

 

Am darauffolgenden Tag zeigte mir Yon, wie ich mich um Shisai kümmern und „seinen Zorn bündeln“ konnte, womit gemeint war, dem Beuteldachs beizubringen, gegen andere Tiere zu kämpfen. Ich hätte nicht erwartet, dass mein ungepflegtes kleines Wollknäuel mal Kampftaktiken einsetzen würde, aber wie sich herausstellte, war er ziemlich gut darin!

 

Shisai konnte sogar gegen Yons kampferprobte Tiere wacker standhalten (natürlich dank meiner strategischen Tipps). Außerdem wurde er durch die Kämpfe wirklich ruhiger. Wenn er gerade keinen Gegnern in den Allerwertesten trat, war er wieder ganz der Alte, wenn auch mit ein paar Narben mehr.

 

Am nächsten Morgen brach ich mit Shin und Shisai vom Kota-Gipfel auf. Bevor wir abreisten, gab Yon mir einen Beutel mit altem Haustierzubehör: Kauspielzeuge, um Shisai zu beruhigen, wenn er mal wieder mürrisch würde, Leckerchen und alles mögliche andere Zeug. Um eine Bezahlung bat mich der Zähmer nicht, was ich ihm sehr hoch anrechnete. Er hatte Shisai geholfen, weil er gerne wilde Tiere zähmte. Eventuell lag es aber auch daran, dass er wusste, wie es um meine Finanzen bestellt war.

 

Shin steuerte den Ballon nach Osten und wir unterhielten uns darüber, wo er mich am besten absetzen könnte. Mitten in unserem Gespräch fiel mir etwas auf dem Boden ins Auge: Aberdutzende Pandaren gingen durch ein riesiges Tor an der südlichen Grenze des Gebirges.

 

Shin nannte es das „Tor der Himmlischen Erhabenen“ und war ganz erstaunt darüber, dass es geöffnet war. Anscheinend war die Barriere zuvor Tausende Jahre lang verschlossen gewesen. Hinter der Mauer lag ein seit Langem von Mythen und Legenden umgebener Ort: das Tal der Ewigen Blüten. Auf dieses Land hatten nur wenige jemals einen Fuß gesetzt.

 

Mit anderen Worten war es also der Traum eines jeden Entdeckers und ich wusste, dass dort die nächste Etappe meiner Reise beginnen würde.


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