Li Lis Reisetagebuch 4


Kapitelübersicht

 

Die rot markierten Kapitel befinden sich jeweils auf der aktuellen Seite. Alternativ steht das Reisetagebuch auch als PDF zur Verfügung.

  1. Einleitung
  2. Zurück zu den Grundlagen
  3. Das anbrechende Dilemma
  4. Wie man einen Ho-Zen fängt
  5. Der verbotene Wald
  6. Der Jadewald
  7. Das Tal der vier Winde
  8. Die Krasarangwildnis
  9. Kun-Lai-Gipfel
  10. Das Tal der Ewigen Blüten
  11. Die Tonlongsteppe
  12. Die Schreckensöde

Hier gibt es das Tagebuch als PDF-Datei: Hier klicken!


Das Tal der ewigen Blüten

Das Tal der Ewigen Blüten war wie eine eigene kleine Welt, versteckt im Herzen von Pandaria. Eine warme, sanfte Brise wehte über Hügel voller goldenem Gras. Laub und Blüten fielen von den Bäumen und erfüllten die Luft mit einem süßen Wohlgeruch. Statt trocken und spröde wie gewöhnliche Blätter zu werden, blieben diese noch tagelang weich und frisch.

 

Viele Dinge, die ich sah, schienen zu den Legenden zu passen, dich ich über das Tal gehört hatte. Die Kinder in ganz Pandaria sogen die Mythen über diesen Ort sozusagen mit der Muttermilch auf. Laut einer der beliebtesten Geschichten gab es in dieser Region einige magische Teiche und manche behaupteten sogar, dass das Wasser darin Wunder vollbringen könnte! Das Tal war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes und nicht nur ich wollte herausfinden, ob die Erzählungen über diese Region stimmten.

 

Dutzende Pandarenflüchtlinge kamen in das goldene Tal. Fast alle von ihnen waren vom Kun-Lai-Gipfel vertrieben worden, da die Yaungol ihre Häuser zerstört hatten. Die armen Leute brachten alles mit, was sie tragen konnten – in den meisten Fällen nur ihre Kleidung. Wer Glück hatte, besaß noch ein oder zwei Yaks, alte Familienerbstücke und genug zu Essen für ein paar Tage.

 

Ich schloss mich zwei Flüchtlingen – einem Pandaren namens Buwei und seinem Sohn – an, die allein unterwegs waren. Beide sagten nicht viel, bis ich den Charme der Sturmbräus spielen ließ, um ein bisschen mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich heraus, dass Buwei und sein Sohn alles bei einem Überfall der Yaungol in Kun-Lai verloren hatten – sogar den Rest ihrer Familie. Nun waren sie auf dem Weg nach Nebelhauch, einem Dorf, in dem bereits viele der Pandaren aus Kun-Lai Zuflucht gefunden hatten.

 

Wie alle Flüchtlinge glaubten auch Buwei und der kleine Fu, dass sie im Tal Frieden finden würden. Und wer sollte es ihnen auch verübeln? Bis vor ein paar Tagen war dieser Ort seit Tausenden von Jahren vom Rest Pandarias abgeschottet gewesen. Die ganze Zeit über hatten die großen Erhabenen darüber gewacht. Diese legendären Wesen hatten besondere Hüter – den Goldenen Lotus – bestimmt, ihnen dabei zu helfen, das Tal im Blick zu behalten. Die Pandaren, denen ich begegnete, sagten, es wäre eine große Ehre, als Mitglied des heiligen Ordens auserwählt zu werden. Allerdings erschien mir die Sache ein wenig seltsam. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir eines Tages eine gottähnliche Kreatur erscheinen und mich bitten würde, Freunde und Familie zu verlassen, um in einem geheimen Tal zu leben.

 

Trotzdem verstand ich, warum die Flüchtlinge ins Tal kamen. Die Erhabenen und der Goldene Lotus sorgten dafür, dass dort der wahrscheinlich sicherste Ort ganz Pandarias war.

 

Zumindest war es zuvor so gewesen.

 

Buwei sagte mir, dass sich im Tal einst der Sitz des Mogureichs befunden hatte. Kurz zuvor hatten diese großen Fieslinge einen Weg zurück dorthin gefunden und versuchten, sich ihr altes Territorium zurückzuholen. Es war zwar schwer zu glauben, dass die Mogu einst über einen solch schönen Ort wie das Tal geherrscht hatten, aber überall gab es Statuen von ihnen!

 

Trotz der Nachrichten über die Mogu besserte sich Buweis und Fus Laune im Laufe der Tage. Ich wünschte mir, ich hätte etwas damit zu tun gehabt, aber die Ehre gebührte einzig und allein meinem Beuteldachs Shisai. Das kleine Wollknäuel hatte nach unserer Abreise aus Kun-Lai seine Aggressionsprobleme größtenteils in den Griff bekommen. Für den Fall der Fälle zeigte ich den beiden Flüchtlingen aber, wie sie ihn mit Leckerchen und Kauspielzeugen wieder beruhigen konnten, falls er seine wilden fünf Minuten kriegen sollte. Buwei und sein Sohn spielten viel mit dem Beuteldachs und besonders Fu schien zu vergessen, was sie alles verloren hatten. Nur wenn er Shisai auf dem Arm hatte, lächelte er, und schon bald war er ein wahrer Meister im Umgang mit dem kleinen Kerlchen.

 

Als wir Nebelhauch schließlich erreichten, war ich überrascht, wie groß und belebt dort alles war. Die Steinstraßen des Dorfes wirkten uralt und abgenutzt, aber viele der Gebäude schienen neu erbaut worden zu sein. Laut Buwei war Nebelhauch zuvor kleiner gewesen und hatte nur aus ein paar wenigen Gebäuden bestanden, in denen der Goldene Lotus Quartier bezogen hatte. Nach der ersten Welle von Pandaren aus Kun-Lai war der Ort jedoch schnell angewachsen.

 

Die Flüchtlinge schienen hier schnell heimisch geworden zu sein. Jeder Winkel des Dorfes war erfüllt vom Plaudern, Lachen und Singen der Pandaren. Die meisten Wagen, die sie mitgebracht hatten, waren zu behelfsmäßigen Tischen und Marktständen umfunktioniert worden. Was von ihnen übrig blieb, wurde als Feuerholz benutzt, um in großen Töpfen grünes Fischcurry zuzubereiten oder Hühnchenspieße mit Erdnusssoße zu braten. Gelegentlich spähten Waldgeister wie auf der Wandernden Insel von den Dächern herab. Die boshaften Gesellen beobachteten die Flüchtlinge bei ihren Aktivitäten und verschwanden dann blitzschnell wieder.

 

Nebelhauch zu besuchen, war schön, aber den Rest des Tals wollte ich auch noch erkunden. Am darauffolgenden Morgen brach ich in aller Frühe auf. Buwei und sein Sohn schliefen noch und der kleine Fu hielt Shisai mit einem Lächeln auf dem Gesicht in seinen Armen. Eigentlich hatte ich den Beuteldachs mitnehmen wollen, konnte es aber nicht übers Herz bringen, als ich sah, wie glücklich er Fu machte. Nach allem, was er durchgemacht hatte, sollte er Shisai ruhig behalten. Außerdem war ich es leid, ständig seine Haare in meiner Kleidung, meinem Essen und im Tee zu finden. Zumindest redete ich es mir ein, um nicht wie ein Kleinkind zu flennen, als ich Vater und Sohn zum Abschied einen kleinen Brief schrieb. Danach verließ ich das Dorf.

 

Kurz nach Sonnenaufgang begann irgendjemand – oder irgendetwas - mir durch das Tal zu folgen. Ich hatte so ein Bauchgefühl, aber ein sicheres Zeichen war dieser seltsame Gestank, der die Luft wie Räucherstäbchen erfüllt. Die Mischung aus verschwitztem Fell und Fisch erinnerte mich an Ryshan und die anderen Angler in der Krasarangwildnis. Ich spürte dem Geruch nach und erwischte meinen Verfolger schließlich hinter einem großen Felsbrocken. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre Oma Mei gewesen, aber als ich dann genauer hinsah, stellte ich fest, dass dieses Ding nicht annähernd so behaart war.

 

Es war ein Grummel. In Kun-Lai hatte ich diese seltsamen Kreaturen schon gesehen, allerdings noch keinen von ihnen aus der Nähe. Sie konnten sich in den Bergen perfekt bewegen und waren dank ihres unglaublichen Geruchssinns gute Fährtensucher. Da das Leben im rauen Gebirge sie hatte abergläubisch werden lassen, trugen sie Amulette aus Münzen oder Hasenpfoten als Glücksbringer bei sich. Die Grummel nahmen sogar die Namen ihrer Lieblingsglücksbringer an, was in meinem Fall auch den Gestank erklärte ...

 

„Bote Fischflosse zu Euren Diensten!“, sagte der Grummel. „Chen Sturmbräu hat mich geschickt, um Euch zu finden – was ziemlich schwierig war. Viele Tage bin ich euch gefolgt, um sicherzugehen, dass Ihr auch wirklich Ihr seid. Nicht genug Gestank. Ihr braucht einen besseren Glücksbringer.“

 

„Ihr hättet mich aber auch einfach fragen können, wer ich bin“, antwortete ich.

 

„Ein Grummel vertraut zuallererst immer auf seine Nase.“

 

Er überreichte mir eine Schriftrolle von Onkel Chen. Zwischen all den Bierflecken und Tofustückchen auf dem Pergament erfuhr ich, dass er endlich mal seinen Allerwertesten bewegt und die Brauerei verlassen hatte. Was noch dazu kam: Er hatte noch weitere Sturmbräus im Abendlichtbraugarten gefunden, einer Art Siedlung in einer Region, die er als „Schreckensöde“ bezeichnete. Ich sollte ihn an einem der Wachtürme des Schlangenrückens treffen, der großen Mauer, die sich durch den Westen Pandarias zog.

 

„Und Li Li“, hatte Onkel Chen zum Schluss noch geschrieben, „was auch immer geschieht, geh nicht auf die andere Seite der Mauer! Dort ist es sehr gefährlich. Rühr dich einfach nicht von der Stelle, wenn du den Wachturm erreichst.“

 

Der Umstand, dass er nicht erwähnt hatte, wie ich ohne seine Erlaubnis weggelaufen war, machte mich nervös. Wenn er mir das durchgehen ließ, musste etwas Großes in der Schreckensöde geschehen. So sehr ich es auch bedauerte, das Tal zu verlassen, wusste ich, dass Onkel Chen mich brauchte. Und außerdem wollte ich mir doch zu gern mal auf der Mauer die Beine vertreten.

 

„Los, los!“ Bote Fischflosse zeigte nach Westen, wo der Schlangenrücken sich am Rande des Tals erstreckte. „Ich führe Euch zur Mauer, aber wir müssen uns beeilen. Wir haben Ostwind. Das bedeutet Glück und eine sichere Reise!“

 

Selbst aus großer Entfernung wirkte der Schlangenrücken riesig. Ich hatte die Barriere schon im Tal der Vier Winde gesehen und von diesem Moment an gehofft, eines Tages mal von ganz oben über Pandaria zu blicken.

 

Tja, und nun war dieser Tag endlich gekommen.


Die Tonlongsteppe

Eine Legende besagt, dass der Schlangenrücken aus Milliarden von Steinen besteht.

 

Ganz recht. Milliarden.

 

Als ich das zum ersten Mal hörte, hielt ich es für dummes Zeug. Aber als ich dann selbst auf der großen Mauer stand und ihre gewaltigen Ausmaße erblickte, begann ich, es doch zu glauben. Der Schlangenrücken wand sich gen Süden wie eine riesige Schlange, so weit, dass ihr Ende nicht einmal zu erahnen war. Der Wehrgang war breit genug, um gleich von mehreren Fuhrwerken nebeneinander befahren zu werden und trotzdem noch selbst einem so beleibten Pandaren wie meinem Onkel Chen bequem Platz zu bieten, zwischen ihnen herumzuschlendern. Einige Teile des Walls waren gerade frisch renoviert worden, mit flachen und exakt behauenen Steinen. Andere Bereiche wiederum waren verwittert, schroff und uneben und von vergangenen Gefechten gezeichnet.

 

Auf dem Schlangenrücken zu stehen, glich einem wahr gewordenen Traum, insbesondere nachdem mich der Weg dorthin so viel Zeit gekostet hatte. Nach den genauen Anweisungen Onkel Chens, hatte mich der Grummel-Bote Fischflosse zu einem entlegenen Wachturm in Kun-Lai geführt. Und als wir die Mauer endlich erreicht hatten, verstand ich, weshalb wir einen solchen Umweg auf uns genommen hatten.

 

Onkel Chen hatte dafür gesorgt, dass mich dort eine Eskorte erwartete ... ein Mitglied der Shado-Pan!

 

Sein Name war Min. Seit Generationen bewachte sein geheimnisvoller Orden den Schlangenrücken und schützte Pandaria vor Garstigkeiten wie den Mantis. Gekleidet war er wie die meisten Shado-Pan, denen ich bisher begegnet war: Er trug eine leichte Rüstung, einen breitkrempigen, tief ins Gesicht gezogenen Hut und hatte ein Tuch um sein Gesicht geschlungen. Er redete nicht viel, aber was er sagte, war äußerst interessant. Min erzählte mir, dass jeder Stein der Mauer eine Geschichte habe, Geschichten vom Kampf der Shado-Pan gegen die Angreifer und wie manche von ihnen ihr Leben opferten, um ihre heilige Pflicht zu erfüllen.

 

Unser Aufbruch gen Süden wurde von Regen begleitet. Statt sich jedoch in großen Pfützen zu sammeln, rann das Wasser durch feine Fugenöffnungen hindurch und stürzte an den Mauerrändern herab, wie Tausende winziger Wasserfälle. Ich war gerade damit beschäftigt die Architektur des Schutzwalls zu bewundern, als mir an Min etwas Seltsames auffiel. Er schien die Augen stets gen Westen zu richten, als wäre es ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Das Land, das dort lag, war unter dem Namen Tonlongsteppe bekannt, ein Gebiet freier, grasbedeckter Hügel und schroffer Felsen.

 

Tonlong war ein raues Land mit ebenso rauen Bewohnern: den Yaungol. Min erzählte mir, dass man in den vergangenen Jahren oft riesige Gruppen dieser bepelzten Nomaden durch die Hügel streifen sehen konnte. Im Moment wirkte das Gebiet verlassen. Geier kreisten über den glimmenden Überresten von Yaungol-Lagern.

 

Krieg war über Tonlong gekommen und wieder gegangen. Begonnen hatte er mit einer Invasion der Mantis, die die Yaungol nach Kun-Lai fliehen und Pandaren-Dörfer brandschatzen ließ. Der Einfluss des Sha hatte sie noch brutaler als gewöhnlich werden lassen. Doch schließlich konnten die Pandaren und ihre Verbündeten die Yaungol besiegen.

 

„Ich hege keinen Hass gegen die Yaungol“, sagte Min. „Die Shado-Pan tun nur, was zum Schutz der Pandaren nötig ist. Gefühle haben keinen Einfluss auf unser Handeln. Wir lernen, unsere Gefühle im Zaum zu halten, damit wir nicht von ihnen beherrscht werden. Aber keine Sorge, Kleine. Diese Nomaden sind Überlebenskünstler. Ihre Kultur wird Bestand haben. Und vor allem hoffe ich, dass sie aus diesen Ereignissen ihre Lehren ziehen.“

 

Das waren Mins letzte Worte für den Rest unserer Reise, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Es gab viel, über das ich nachzudenken hatte. Ich hätte die Yaungol für ihre Gräueltaten in Kun-Lai bestrafen wollen, doch nach dem, was ich in Tonlong gesehen hatte, wusste ich nicht mehr, was ich fühlen sollte. Sollte ich traurig oder froh sein?

 

Als wir den Wachturm erreichten, an dem wir Onkel Chen treffen sollten, hatte der Regen aufgehört und der Himmel hatte sich aufgeklart. Das gute Wetter ließ meine Stimmung steigen ... bis mir auffiel, dass mein Onkel fehlte. Die Shado-Pan, die normalerweise auf dem Turm Wache hielten, waren ebenfalls verschwunden.

 

Noch bevor ich Min fragen konnte, wo sie hin waren, griffen die Mantis an.

 

An die Außenseite der Mauer geklammert, hatten die Insekten uns aufgelauert. Plötzlich sprangen Dutzende von ihnen hinter den Zinnen hervor und kreisten uns ein. Sie stoben nach Nord, Süd und Ost, verstellten uns den Fluchtweg und drängten Min und mich gegen den Tonlong zugewandten Rand der Mauer. Ich hatte die Mantis zwar bereits im Tal der Vier Winde zurückgeschlagen, aber das machte diese erneute Begegnung mit ihnen keineswegs einfacher. Ihre bizarren Fühler, Mandibel und pergamentartigen Flügel jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken.

 

Min bahnte sich mithilfe seines Speers einen Weg durch die Reihen der Insekten. Er stieß, parierte und wich aus, als wüsste er bereits vor den Mantis, was sie als Nächstes tun würden. Ich sprang vor, um ihm beizustehen, aber er hielt mich zurück.

 

„Wir haben in der Nähe der Wachtürme geheime Vorratslager angelegt“, sprach er stoisch, während er mit einem Speerwirbel einige Mantis zurückdrängte, die sich seiner Flanke näherten. „Such nach einem Stein mit einem eingravierten fauchenden Tiger. Dem Wappen der Shado-Pan. Schieb ihn beiseite und nimm dir das Seil.“

 

Ich fand den Stein zu seinen Füßen und stemmte ihn mit meinem Stab hoch. Darunter befand sich eine große Kammer voller Taschen mit getrockneten Nahrungsmitteln und einem dicken Seil. Während er gleichzeitig die Mantis abwehrte, befahl er mir, ihm das Seil um die Taille zu schlingen und das andere Ende über den Mauerrand zu werfen.

 

Danach wies er mich an, hinunterzuklettern.

 

Panik kroch in mir hoch. Den gewaltigen Schlangenrücken hinabzuklettern war eine Sache, aber es zu tun, während meine Sicherung sich im Kampf gegen eine ganze Armee von Mantis befand, war eine vollkommen andere. Außerdem, was würde mich am Boden erwarten? Mir fiel die mysteriöse Nachricht ein, die mir Onkel Chen geschrieben hatte: Und Li Li, was auch immer geschieht, geh nicht auf die andere Seite der Mauer! Dort ist es sehr gefährlich.

 

Und hinzu kam noch, dass es mir falsch vorkam, Min im Stich zu lassen. Doch was blieb mir anderes übrig? Er war ein Shado-Pan und hochrangiger Mönch. Er wusste, was er tat, und wenn ich seinen Respekt gewinnen wollte, musste ich ihm gehorchen.

 

Also begann ich zu klettern. Meinen Weg begleiteten die Klänge von Mins Speer auf Mantis-Schwertern und -Rüstungen. Die ganze Zeit über hoffte ich darauf, er würde sich endlich über die Mauer beugen und mir bedeuten, dass der Kampf vorüber sei. Doch nichts dergleichen geschah.

 

Als ich dem Boden näher kam, wurde das Seil plötzlich schlaff. Jemand hatte es gekappt. Ich fiel und landete in einem Dornenbusch am Fuße des Schlangenrückens. Dort verharrte ich bewegungslos und befürchtete das Schlimmste. Als Min endlich seinen Kopf über den Mauerrand beugte und zu rufen begann, seufzte ich erleichtert auf.

 

Wegen der großen Entfernung waren seine Worte kaum zu hören. Allem Anschein nach hatte er die Mantis besiegt, aber der letzte hatte das Seil durchtrennt. Min zeigte immer wieder nach Süden und ruderte mit den Armen, als würde er mir noch etwas anderes zu erklären versuchen. Er war ein hervorragender Mönch (einer der besten, der mir je begegnet war), aber was Gestik anging, war er gänzlich unbegabt. Ich wusste nur, dass es keine gute Idee war, hierzubleiben. Da das Seil kaputt war, gab es keinen Weg zurück auf die Mauer. Und das die Mantis uns dort angegriffen hatten, ließ vermuten, dass sich in der Gegend noch weitere von ihnen herumtrieben, die nur auf die Gelegenheit zu einem weiteren Überfall warteten.

 

Tonlong wirkte vom Boden aus noch weitaus bedrohlicher. Das Gras fühlte sich merkwürdig kalt an. Der klare Himmel war hinter einer finsteren Wolkenschicht verschwunden. Es donnerte. Hinter jedem Hügel oder Felsbrocken konnten sich wilde Tiere verstecken, die es auf mich als Mahlzeit abgesehen hatten.

 

Doch die größten Sorgen machte ich mir um Onkel Chen. Wo steckte er bloß? Warum war er nicht am Treffpunkt gewesen? So etwas vergaß er nicht einfach. Mich überfiel kurz der Gedanke, dass die Mantis ihm etwas angetan haben könnten, aber ich wusste, dass er für diese Insekten eine Nummer zu groß gewesen wäre. Er hätte sie zu Kleinholz verarbeitet, mit einer Hand auf den Rücken gebunden (oder wahrscheinlich eher einem Krug Bier in der Hand).

 

Ich entschloss mich, südwärts in Richtung der Schreckensöde zu gehen und zu versuchen, den Abendlichtbraugarten auf eigene Faust zu finden. Vermutlich wusste man dort, was Onkel Chen widerfahren war oder wo er steckte.

 

Es war zwar nur eine Vermutung, aber etwas anderes blieb mir in meiner derzeitigen Lage nicht übrig.


Die Schreckensöde

Zum ersten Mal in meinem Leben Angst verspürt – also so richtig – hatte ich auf der Wandernden Insel. Ich war noch ganz klein und hatte in der Großen Bibliothek das Buch der Schildkröte gelesen. Nach ein paar Seiten verschüttete ich ein Tintenfass über das Pergament. Ich versuchte, die Flecken wegzuwischen, wodurch es jedoch nur noch schlimmer wurde. Ich bekam es mit der Angst zu tun, stellte das Buch in eine verstaubte Ecke der Bibliothek und hoffte, dass niemand es je erfahren würde.

 

Die folgenden drei Tage waren der Horror, da ich mir sicher war, dass man mich erwischen würde. Ich konnte nicht richtig schlafen und essen. Ich verließ mein Zimmer kaum. Die Angst hatte von mir Besitz ergriffen wie einer dieser bösartigen Waldgeister aus Oma Meis Gruselgeschichten. Am Abend des dritten Tages fanden die Bibliothekare heraus, was ich getan hatte. (Zum Glück war das Buch nur eine Abschrift.) Zur Strafe zwang mein Papa mich, den Text des „Lieds von Liu Lang“ einige Tausend Mal abzuschreiben, was jedoch kein großes Problem war. Das Schlimmste waren diese schrecklichen drei Tage gewesen.

 

Derartig viel Angst hatte ich danach nie wieder gehabt ... bis ich in die Schreckensöde kam, die Heimat der Mantis. Ich betrat die Region weiter vom Schlangenrücken entfernt, als mir lieb war. Eine riesige Schlucht trennte die Tonlongsteppe von der Schreckensöde. Ich war am Abgrund entlang nach Westen gegangen, bis ich eine Naturbrücke – einen riesigen ausgehöhlten Baumstamm – gefunden hatte, über den ich auf die andere Seite gelangen konnte.

 

Das Sha der Angst hatte aus der Schreckensöde ein bizarres Abbild der Tonlongsteppe gemacht. Das Gelände war dasselbe – grasbewachsene Hügel, Felsen und riesige Kyparibäume –, alles andere wirkte jedoch seltsam und unnatürlich. Über der Öde drehten sich dunkle Wolken in einem großen, bedrohlichen Wirbel und der sie umgebende Himmel leuchtete gespenstisch. Flecken weißer und schwarzer Sha-Energie sprudelten überall aus dem Boden. Sie erinnerten mich an die Tintenspritzer auf dem Buch der Schildkröte. Jedes Mal, wenn ich atmete oder einen Schritt tat, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und ich fühlte mich, als würde ich den Schrecken jener drei Tage voller Angst aufs Neue erleben.

 

Ich wollte weglaufen. Und das hätte ich auch getan, wenn ich nicht an Onkel Chen gedacht hätte. Ich musste den Abendlichtbraugarten finden.

 

Je mehr ich mich auf den Ort konzentrierte, desto ruhiger wurde ich. In meinem Geist wiederholte ich ständig den Namen, während ich mich zum Stamm eines Kyparibaums begab (der Kor'vess hieß, wie ich später erfuhr). Die freiliegenden Wurzeln waren so groß, dass sie sich wie riesige Torbogen über mir wölbten. Stücke aus glitzerndem Bern lösten sich von den Zweigen und flogen wie träge Glühwürmchen durch die Luft. Hier und da konnte ich im Stamm des Kyparibaums gewölbte Eingänge und Fenster mit Wabenmustern erkennen. Die Architektur hatte etwas Insektenartiges und mir wurde klar, dass die Mantis diese Strukturen erbaut haben mussten. Diese Viecher lebten im Innern des Baums!

 

Zum Glück begegnete ich keinen Mantis – zumindest keinen lebenden. Überall lagen Insektenleichen, als ob ein Kampf stattgefunden hätte. Trotzdem wollte ich auf Nummer sicher gehen und blieb in den Schatten der Kypariwurzeln, während ich nach Anhaltspunkten suchte, die mir den Weg zum Braugarten weisen könnten.

 

Der erste Wink ergab sich, als ich die Überreste eines Holzfasses fand, das ganz klar von Pandaren hergestellt worden war. Die einzelnen Stücke waren von hellem Bern umgeben. Dann kam es mir in den Sinn: Waren die in den Schreckensöden lebenden Pandaren hinter dem Saft der Kyparibäume her? Es erschien mir logisch, da die Mantis Bern von der Waffenherstellung bis zum Bauen ihrer Behausungen für alles Mögliche nutzten. Ich hatte sogar gehört, dass dieses klebrige Zeug eine heilende Wirkung besitzt. Mit anderen Worten wäre es die perfekte Zutat für ein recht ungewöhnliches Bier.

 

Ich brauchte fast eine Stunde, um den Braugarten auf einem anderen Kyparibaum in der Nähe von Kor'vess zu entdecken. Pandaren in leichter Rüstung trotteten durch die verwitterte Siedlung. Dampf entstieg Kesseln, in denen Gerste und Hopfen kochten. Vom Baum tropfte der Saft in dicken Klumpen in die darunter stehenden Fässer. Der Ort wirkte behaglich, hatte jedoch auch etwas Raues an sich.

 

Nachdem ich den Braugarten betreten hatte, hörte ich schon bald eine vertraute Stimme.

 

„... die Shado-Pan haben sie auf dem Weg zur Schreckensöde zum letzten Mal gesehen“, sagte Onkel Chen. Ich entdeckte ihn im hinteren Abschnitt der Siedlung neben drei anderen Pandaren.

 

„Also, worauf warten wir noch?“, antwortete eine ältere Frau, die ihr Haar zu zwei Knoten zusammengebunden hatte. Sie gab einem auf dem Boden dösenden beleibten Pandaren einen Tritt. „Steh auf, Dicker Dan! Wir dürfen nicht noch eine Sturmbräu verlieren.“

 

„Sucht ihr nach mir?“, unterbrach ich die Runde.

 

Alle drehten sich gleichzeitig um. Onkel Chens überraschter Gesichtsausdruck war einfach Gold wert.

 

„Li Li!“ Er hob mich hoch und umarmte mich. Plötzlich verflog all meine Angst. Ich begann mich dafür zu entschuldigen, die Brauerei ohne zu fragen verlassen zu haben, aber Onkel Chen unterbrach mich.

 

„Wie könnte ich dir böse sein, wenn du wegläufst, um Dinge zu entdecken?“, sagte er. „Das habe ich schon immer so gemacht. Ich bin nur froh, dass es dir gut geht.“

 

Onkel Chen erklärte mir, warum er sich nicht mit mir am Schlangenrücken getroffen hatte. Die Mantis hatten die große Mauer an mehreren Stellen angegriffen und dadurch den Weg versperrt. Nach dem Sieg über die Insekten hatte er den Shado-Pan-Mönch Min getroffen und von ihm erfahren, was mit mir geschehen war. Mein Onkel war erst kurz zuvor zum Braugarten zurückgekehrt und war gerade dabei, einen Suchtrupp zusammenzustellen.

 

Einen Suchtrupp voller Sturmbräus! Ihre Namen waren Han, Mama und Dicker Dan.

 

„Du hast es ganz allein durch die Tonlongsteppe und die Schreckensöde geschafft?“, fragte mich Han.

 

„Natürlich hat sie das!“ Mama zwickte mir in die Wange. „Immerhin ist sie eine Sturmbräu, nicht wahr?“

 

Der Dicke Dan schnaubte, setzte sich hin und rieb sich die Augen. Mir schien, als würde er sich nicht oft so viel bewegen ... Er starrte mich still an und sagte schließlich: „Sie ... sie ist Evie wie aus dem Gesicht geschnitten.“

 

Mama, Onkel Chen und Han nickten und senkten die Köpfe. Als ich fragte, wer diese Evie überhaupt war, führten sie mich aus dem Braugarten hinaus zur Schlucht, die an die Schreckensöde angrenzt. Am Rand des Abgrunds stand ein steinernes Denkmal, das Evie gewidmet war.

 

Evie Sturmbräu.

 

Sie war während der Jagd in der Schreckensöde von den Sha oder den Mantis (oder vielleicht von beiden) getötet worden und Onkel Chen hatte sie gefunden. Obwohl ich sie nie kennengelernt hatte, fehlte sie mir. Wenn ich, wie der Dicke Dan behauptete, wie Evie aussah – hatten wir dann auch das gleiche Wesen? Hätten wir gute Freundinnen oder vielleicht so etwas wie Schwestern sein können?

 

Die Sha und die Mantis hatten mir jede Möglichkeit genommen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ich war wütend, nicht nur wegen Evie, sondern wegen all der Dinge, die ich auf meiner Reise durch Pandaria gesehen hatte. Auf die eine oder andere Art hatten die Sha auf dem ganzen Kontinent für Ärger gesorgt. Wie viele Unschuldige wie meine Cousine sollten noch sterben?

 

„Ich bringe dich zurück zum Tal der Vier Winde“, sagte Onkel Chen. „Dort solltest du bleiben, bis die Sha und die Mantis erledigt sind. Solch ein Ödland zu erkunden, ist nicht sicher.“

 

„Nein“, antwortete ich. Erkunden war das Letzte, was mir in den Sinn kam. „Es gibt eine Zeit des Erkundens und es gibt eine Zeit, in der man standhalten und kämpfen muss. Das hast du mir mal in einem deiner Briefe geschrieben. Und nun folge ich deinem Rat. Ich möchte hierbleiben und helfen.“

 

Ich fürchtete, Onkel Chen würde ablehnen und mich trotzdem ins Tal schicken, doch nach kurzer Zeit huschte ein Lächeln über sein pummeliges Gesicht. „Hm. Gesprochen wie eine wahre Wanderin.“

 

Danach gingen wir zurück zum Braugarten. Es gab noch viel zu planen. Vielleicht würde ich nicht an vorderster Front gegen die Sha und die Mantis kämpfen, aber ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um zu helfen – und wenn ich kochen oder Verbände schneiden müsste. Ich würde dafür sorgen, dass Evie nicht umsonst gestorben war ... dass Buwei und der kleine Fu zu ihrer Familie zurückkehren und sich etwas Neues aufbauen können ... und das jeder, den ich auf meinen Reisen getroffen hatte, die Möglichkeit bekäme, frei vom Einfluss der Sha zu leben.

 

Ich würde dafür sorgen, dass es noch ein Pandaria zum Erkunden gibt, wenn das alles vorbei wäre.

 

– Li Li Sturmbräu


Kommentare: 0