Der Herr der Mark - Teil I

Gleißend ging die Sonne über der Mark und dem Arathihochland zu diesem besonderen Tag auf. Es war einerseits der Tag, an dem er selbst, Roderick Anduin van Haven geboren worden war, der Tag an dem er nun seit zwei Jahren Lord von Hohenwacht war und würde der tag werden, an dem er die Liebe seines Lebens heiraten würde. Lord Roderick war schon in diesen jungen Jahren das Bild eines Mannes. Groß gewachsen und muskulös vom jahrelangen Training wurden die markanten Gesichtszüge von langen, blonden, aber getrimmten Haaren und einem fein säuberlich gestutzten Vollbart eingerahmt. In ihrer Mitte befand sich ein Paar sturmgrauer, intelligenter Augen. Obgleich er ein gestandener Krieger und Ritter des größten Kriegervolkes war, welches die Stämme der Menschen hervorgebracht hatten war Lord Roderick doch ein wenig nervös.

 

Man heiratete schließlich nicht jeden Tag, und nach Möglichkeit auch nur einmal im Leben. Den ganzen Morgen schon hatte er die Bediensteten in Eile gehalten, und das auch bei seiner Einkleidung. Traditionell vor den Ahnen und dem Licht würde er in der blitzenden Rüstung eines Lords des Hochlands heiraten. Gerade als man ihm den schweren Umhang aus Bärenpelz umlegte, eine Kostbarkeit für die Hochländer, da es in diesem Land keine Bären gab, wog sein Majordomus den Kopf hin und her und nickte schließlich anerkennend.

 

"Ihr seht prächtig aus, mein Lord. Man kann es nicht anders sagen. Ihr macht eurem Vater alle Ehren, dessen Ebenbild ihr von Jahr zu Jahr mehr werdet." Roderick selbst konnte nun nicht anders als ein wenig zu lachen. Im selben Atemzug entgegnete er: "Ich muss wohl prächtig sein, Gregory. Ansonsten haben alle, selbst die Frauen nur Augen für meine edle Seditha, und ich wirke daneben wie ein Wilder oder Bettler."

 

Der Majordomus von Hohenwacht fiel in das Lachen ein und schob seinem Lord einen Krug Wein hin, einen leichten, damit er später keinen schweren Kopf hatte. "Ein edler Bettler, mein Lord. Und um ehrlich zu sein, ist die Hochzeit doch eine Art Bettelei die einen auf den Lebtag verpflichtet, nicht wahr?" Zustimmend und ohne Worte hob Lord Roderick seinen Krug und stieß mit seinem Majordomus an. Beide nahmen sich ein wenig ihrer Nervosität.



Später an diesem Tage

 

Schon früh hatte sich das Volk von Hohenwacht an diesem Tage versammelt. Überall war Schabernack und Gaukelei zu sehen, Troubadoure spielten auf und der Mann, der zu einem gewöhnlichen Tage auf dem Felde stand begann schon Morgens zu zechen. Es fehlte auch nicht an fahrendem Volk und an den üblich bunt geschminkten Huren, die schon des Morgens auf Freier warteten. Die Hochzeit des Lords von Hohenwacht war, man konnte es nicht anders sagen, ein Volksfest der ganz besonderen Güte. Noch mehr, da die Mark die wie das ganze Hochland zu diesem Zeitpunkt in der Blüte stand 50 Fässer Bier ausgegeben hatte. Bier und allerlei Freuden hatten so nun über den Tag die Lebensgeister geweckt.

 

Jetzt allerdings war die Stimmung ruhig, denn der Zeitpunkt der Hochzeit rückte näher. Das Volk hatte sich um den Altar unter offenem Himmel, der Ahnen wie Licht gerecht wurde versammelt und raunte, aber stiller noch als zuvor auf dem Feste.

 

Dem Priester zugewandt und angetan in der edelsten Rüstung, die Schultern durch den Bärenpelz mächtig stand Lord Roderick mit dem Rücken zu der gasse, die man frei gelassen hatte und aus der Seditha kommen würde. Bald züchtig hatte er den Blick ein wenig gesenkt und die Hände vor dem Schoße verschränkt, der Dinge harrend, die folgen würden. Er war sich sicher, dass einige das Ringen seiner Daumen gesehen haben mussten, aber das war ihm nun gleich.

 

Es kam dem jungen Lord der Mark vor, als hätte er eine Ewigkeit dort vor dem Altar gestanden. Doch schließlich ging ein lautes Raunen, und schließlich ein aufwallender Jubel durch die Menge. Er konnte nicht anders, als leicht über die Schulter zu schauen - und dort war sie.

 

Seditha, geleitet von ihrem Vater, einem niederen Adligen aus dem Hochland, sogar aus der Hauptstadt selbst. Und er konnte das Jubilieren verstehen - schon ohne die Hochzeit war sie eine Schönheit, doch so schlicht atemberaubend.

 

Nicht nur, dass das in der Taille eng geschnittene weiße Kleid ihre Figur perfekt hervorhob, die nicht dünn, aber auch nicht dick zu nennen war: Ihre tiefblauen Augen strahlten unter ihren rotbraunen, zu einer hohen Frisur aufgesteckten Haaren und dem fließenden Schleier, der über ihren Rücken fiel förmlich, wo er doch nicht auf dem Boden schleifte, sondern von zwei Mädchen gehalten wurde. Auf ihren hohen Wangenknochen, dem weiblichen Antlitz eine edle und würdevolle Ausstrahlung verleihend, war eine leichte röte getreten, die ihre ganze Erscheinung nur noch hinreißender machte.

 

Lord Roderick konnte nicht anders, als sich leicht auf die Lippen zu beißen, als er den Blick wieder nach vorne wand. Als sie schließlich neben ihm stand, unter den tosenden Jubelrufen des gemeinen Volkes, waren sie beide für den Moment die glücklichsten Menschen des Hochlands - nein, auf der ganzen Welt.