Der Herr der Mark - Teil II


Derselbe Abend, die große Halle der Markgrafschaft Hohenwacht

Rauschend waren die Festlichkeiten des Hochzeitstages vorangeschritten, und sie waren auch jetzt noch nicht zu Ende. Zum Abend hin wurde es Zeit für das große Gelage unter den Adligen, und er hatte keine Kosten gescheut. Ganze Schweine standen auf den Tischen, in Teilen schon bis auf die Knochen herunter verspeist. Dazu standen Platten mit allerlei Beilagen bereit, würzigen Brot aber auch solch exotischen Dingen wie Weintrauben aus dem Süden, aus dem Königreich Azeroth. Das wichtigste für solch ein Gelage jedoch waren die Fässer voll Bier, die Karaffen mit Met und Wein, denen jeder schon reichlich zugesprochen hatte. Laut dröhnte die Musik von Trommeln, Sackpfeifen und Flöten her, vermischt mit dem üppigen Gesang der fähigsten Troubadoure, die das Hochland hergab.

Alle waren sie gekommen, seine sämtlichen Vasallen und Gäste aus anderen Teilen des Hochlandes. Dort neben ihm saß Brendan van Haven, sein Bruder nebst Verlobter, die zugleich die Schwester seiner eigenen Gemahlin war. Cathleen sah auch fast so zauberhaft wie seine eigene Gemahlin aus. Er war sich sicher, dass sie es nur nicht war, um der Braut nicht die Schau zu stehlen. Was ihn und Brendan betraf, so konnte man meinen, dass sie Zwillinge seien. Sein Bruder war von ebenso stattlichen Wuchs und derselben Haarfarbe wie er, und doch war Brendan zwei Jahre jünger als er selbst. Jetzt, da sie beide noch jung waren, fiel das aber nicht weiter auf. Brendan amüsierte sich königlich, während seine Wangen immer roter und roter wurden, desto mehr die Karaffe mit Met sich dem Grunde zuneigte. Sorge indes trug Roderick nicht um ihn, er war ein geübter Zecher.


Weiter unten am Tische fanden sich die Barone von Syburg und Nordwestmarken, seine eigenen treuen Vasallen nebst Frauen und Kindern. Die Barone hielten sich untereinander, während Lord Fuchsfels, ein alter Freund des Hauses van Haven sich daran hielt den jungen Mägden, die auffüllten und nachschenkten die Köpfe zu verdrehen.


Sogar eine Gesandtschaft aus dem fernen Lordaeron war gekommen, um ihre Aufwartung zu machen. Weit hinten am Tisch befand sie sich, eigentümliche und knorrige Menschen aus dem Süden Lordaerons geformt und gehärtet durch die Wiedrigkeiten, die das Leben in den Ausläufern der Gebirge von Alterac mit sich brachte.


Seine Lordschaft Augustus von Hillsbrad war zur Zeit in einer lockeren Konversation mit Isella Perenolde gefangen, einer entfernten Verwandten der Könige von Alterac, einer dunkelhaarigen und anmutigen Schönheit mit kohlschwarzen Augen.

Zufrieden neigte sich Roderick zu seiner Gemahlin herunter und gab ihr einen ernstgemeinten, liebevollen Kuss auf die Wange. "Es wird Zeit, nicht wahr Liebste?" Seditha hielt ihm die Wange hin und nickte dann. "Ja, das wird es. Du wirst schon die rechten Worte finden." Er selbst war sich indes nicht so sicher. Er war ein Krieger, und die Kunst der Worte, die man zu Hofe verlangte war ihm immer eher fremd geblieben. Nichtsdestotrotz musste er einige Worte zum feierlichen Anlasse sagen, hier vor dem versammelten Adel. Alles andere wäre als Unverfrorenheit gewertet worden. So gab er dem Majordomus Gregory ein Zeichen, welcher auch so gleich den Gong schlug. Gemurmel wurde laut, Stühle rückten und Füße scharrten, als die versammelten Gäste wieder zu ihren Plätzen zurückeilten, die sie zum Tanzen oder zum Plausche verlassen hatten. Es dauerte eine Weile, bis Ruhe eingekehrt war und daran gedacht werden konnte zu sprechen. Roderick war es nur Recht, so konnte er der unangenehmen Sache noch einige Augenblicke entgehen. Doch schließlich war es so weit, und er räusperte sich...

"Geehrte Gäste...", begann er wenig gelenk und schalt sich innerlich einen Tölpel. "Geehrte Gäste meines Hauses, die ihr euch in der Halle meiner Ahnen versammelt habt. Mein nunmehr angetrautes Weib und ich freuen uns sehr, dass wir euch so zahlreich begrüßen dürfen. Selbst aus fernen Ländern wie Lordaeron und Alterac seid ihr angereist, um..." Er musste innerlich Grinsen bei dem, was ihm auf der Zunge lag. "Um euch den Wanst mit meinem Wein und meinem Schwein vollzuschlagen. Und zu genüge tut ihr das. Ich werde dem Koch ausrichten, dass er sich auf Angebote aus fernen Ländern vorbereiten kann."


Während einige der fremden Adligen durchaus pikiert aussahen, rissen die arathischen Lords ihre Krüge in die Luft und lachten schallend. Es war ein so ehrliches und freundliches Gelächter, dass die vormals Pikierten sich bald anschlossen und in das Lachen mit einfielen. Was sehr gut hätte schief gehen können, hatte so das Eis gebrochen, bemerkte der junge Lord von Hohenwacht zufrieden.


"Wir schließen heute einen Bund. Einen Bund zwischen Mann und Frau, der mein Haus stärken wird. Doch zugleich einen Bund zwischen uns Völkern der Menschen, damit wir in Zukunft vereint und stark stehen möchten."


Sein Blick fiel dabei auf die Gesandtschaft aus Lordaeron, ebenso auf Isella Perenolde. Zustimmendes Nicken. "So wie meine Frau mir hoffentlich bald einige stramme Söhne gebären wird..." Ein frivoles Jauchzen kam aus der Corona. So etwas hörte man gerne, und es regte die Fantasie an. "So möge die Zusammenkunft heute uns in Zukunft Frieden, Handel und Wohlstand gebären! Trinkt und tanzt und lacht und singt bis der Morgen graut, und wenn ihr wollt darüber hinaus! Und wenn ihr dann betrunken auf den Boden sinkt um euren Rausch auszuschlafen, so seid euch sicher, dass ihr in einem freundlichen Haus und sicher seid - Abgesehen von den Ratten, die euch in die Zehen beißen! Doch seid unbesorgt, denn mit dem Alkohol in eurem Blute werdet ihr erst am nächsten Tage merken, dass die kleinen Biester euch bis auf die Knochen abgenagt haben!"

Krüge wurden in die Luft gerissen und eine Mischung aus Gelächter, Gegröhle und Jubel brandete dem jungen Lord von Hohenwacht entgegen. Die einzige, die merklich still und versonnen war, war Isella Perenolde. Für einen Moment fast nachdenklich nahm Roderick wiederum auf seinem Sitz Platz und trank einen Schluck aus seinem Krug, die Stimme zu ölen. Doch dieser Moment war schnell vergessen, die Nacht selbst wurde feuchtfröhlich und er trug sich in Sorge, dass seine eigene Hochzeitsnacht kurz werden könnte. Eine unbegründete Sorge, wie sich später herausstellen sollte. Allein der Kater am nächsten Tag war eine sehr reale Sorge.