Der Herr der Mark - Teil V: In Elfenhänden


An Leinen wurden die beiden Herren der Mark von den Elfen durch das Gelände geschliffen. Die grazilen, aber dennoch sehr ausdauernden Wesen brauchten nur wenige Pausen, und wenn sie welche machten bekamen Roderick und Brendan lediglich zu trinken. Ein Tag und eine Nacht waren sie nun in Richtung Süden gehetzt, quer durch die Grenzlande. Rodericks Hunger war mittlerweile fürchterlich geworden, seine Haut war verklebt von Schweiß und Ruß. Und immer noch machten die Elfen weder Anstalten mit ihnen zu sprechen, noch inne zu halten.

 

Erst, als schließlich ein kleiner Wald erreicht wurde, hielten die Elfen inne und begannen kleinere Feuerlöcher zu schüren. Ihre Späher schwärmten in den Wald aus und suchten nach... was auch immer. Es interessierte Roderick nicht. Seine Knie zitterten, und er sank völlig erschöpft auf den Boden darnieder. Nachdem er die Augen für einen Moment geschlossen hatte, um seinen Kreislauf unter Kontrolle zu bringen, sah er sich um. Neben ihm lag wie ein Ross schnaufend sein Bruder, die Augen zugepresst und wie er aussah, hochrot im Gesicht kurz vor dem Kollapse. Die meisten der Elfen beachteten sie nicht, doch in etwas Abstand hatten zwei von ihnen Aufstellung genommen, die Hände auf den Bögen und beobachten sie fühllosen Blickes.

 

Es waren ein Mann und eine Frau, wenn Roderick das richtig beurteilte. Beide besaßen die typischen, androgynen Gesichtszüge und die blau strahlenden Augen ihres Volkes, die über fein geschwungenen Nasen und unbewegten Mündern funkelten.

 

Besonders die Frau fing Rodericks Aufmerksamkeit. Sicher, sie war schön - für menschliche Maßstäbe waren alle Elfen schön. Die feine Rüstung der Waldläufer schmiegte sich um ihre anmutige, bald perfekte Figur und die blonden Haare umfingen ihr Gesicht wie eine Art unwirklicher Schleier. Doch zugleich umgab sie die Aura eines kalten Wintermorgens - unnahbar und distanziert. Roderick ließ den Kopf in den Nacken sinken und verfiel in einen dumpfen Dämmerzustand, der bald von einem traumlosen Schlaf abgelöst wurde.

 

Er erwachte, als man ihn trat. Sein Kopf ruckte hoch, und er hatte das Gefühl er müsse gleich explodieren, so schlimm waren die Schmerzen darin. Sein Blick war noch verschwommen, und er bewegte seine Arme und Hände ein wenig unkoordiniert. Dann jedoch schüttelte er den Kopf energisch, und der Schleier vor seinen Augen verschwand. Auch sein Bruder war wach - mit großen Augen sah er auf das, was dort vor ihnen stand. Es war die Frau gewesen, die beide so unsanft geweckt hatte - und nun war sie in Begleitung des Anführers, der immer noch in seiner edlen Rüstung angetan war.

 

"Du kannst nun gehen, Talasya Laubschatten. Ich komme mit den Herren zurecht." Die Frau neigte das Haupt, wenn auch voller Misstrauen. Sie entfernte sich raschen Schrittes, nachdem sie auf dem Absatz kehrt gemacht hatte.

Der Anführer der Elfen hingegen ging leicht in die Knie und musterte die Menschen eindringlich. Als er sich schließlich von dem überzeugt hatte, wonach er suchte nickte er leicht.

 

"Ich bin der Anführer dieser Gruppe von Weltenwanderern, und man nennt mich Keylion Phönixsturm. Ich möchte..." Und weiter kam er nicht. Brendan protestierte schneller, als er dachte."Weshalb in aller Welt haltet ihr uns fest?! Wir haben mit dieser Mordbrennerei nichts zu tun! Ihr könnt uns nicht verschleppen, unsere Familien warten auf uns!"

 

Der Elf hob die fein geschwungenen Brauen, und er verfiel in ein melodiöses, wie es schien fast amüsiertes Lachen. "Aber mein guter Herr, wir halten euch nicht fest, und wir verschleppen euch auch nicht. Wir bringen euch nach Hause." Diese Nachricht traf beide Herren der Mark wie einen Schlag. Während Roderick die Stirn runzelte, schnappte Brendan nach Luft wie ein Fisch.

 

"Nach Hause?! Indem ihr uns wie Tiere durch die Gegend schleift?"

"Nach Hause", bestätigte der Elf. "Ihr müsst verstehen, dass unser Volk, durch den großen Vorhang von euch getrennt den Umgang mit euch Menschen nicht mehr gewohnt ist. In gewisser Weise fürchten sie euch, weil ihr ihnen fremd seid. Fremd geworden seid. Deshalb habe ich eine Bedingung an euch, bevor ich euch nach Hause bringe, meine guten Herren."

 

Roderick hob die Hand gen Brendan, der sich schon wieder echauffieren wollte. "Eine Bedingung. Nun, sprecht, Phönixsturm. Wir haben kaum eine Wahl."

Der Elf erhob sich mit einem bald süffisant zu nennenden Lächeln auf den Lippen. "Das habt ihr richtig erkannt, Lord Roderick. Ihr habt keine Wahl." Was folgte, war eine kurze Pause, in der der Elf die Worte wirken ließ. "Wir stellen einer Gruppe Trolle nach, die mir ein wichtiges... Kleinod gestohlen haben. Und ihr werdet uns dabei helfen, sie zur Strecke zu bringen. Wir wollen sehen, ob immer noch dasselbe, edle Blut in den Nachfahren Thoradins steckt."

 

Roderick schluckte bei diesen Worten. Nur die Ahnen wussten, wo diese Trolle sein mögen. Er hatte keine Zeit, Trollen nachzujagen, zumal Trollen aus den fernen Elfenländern die seine Heimat nicht bedrohten. Seditha und der Haushalt warteten auf ihn, und sie wären mittlerweile sicher in heller Sorge. Bald würden sie Suchtrupps aussenden und die niedergebrannte Freisassen Kate finden. Und dann... andererseits hatte er keine Wahl. Er fürchtete, dass die Elfen ihn und Brendan verschleppen oder schlimmeres könnten, sollte er sich weigern. "Wir werden euch helfen, Phönixflug."

 

Später am Abend kam man sie wiederum "besuchen". Es war die Elfe, die ihr Anführer "Talasya" nannte. Sie brachte Essen, einfache Kost, Nüsse und Früchte, sowie filetierten, rohen Fisch den man ihnen vorsetze. Dazu gab es eine Karaffe klaren Auenwassers. Roderick lief dennoch das Wasser im Munde zusammen.

Als die Elfe sich über sie beugte, um die Nahrung aufzustellen, zog sie ein Gesicht wie Regenwetter. Ihre Aufgabe schien ihr absolut zu missfallen. Als es sich dem Ende zuneigte, hob Brendan eine Hand und führte einen Finger schließlich so, dass er sie stach. In etwa über der Hüfte berührte er sie. Roderick sah dem ganzen wie in einer Zeitlupe zu und erschrak förmlich, als die Berührung zustande kam.

Die Elfe reagierte gleich einer Explosion. Sie fuhr herum und packte erstaunlich kraftvoll das Handgelenk seines Bruders. Ihr Gesicht kam dem seinen so nahe, dass Roderick Angst hatte, sie würde ihn beißen. Einen oder zwei Augenblicke blieben die Augen der Elfe in die seines jüngeren Bruders versenkt, der den Mund leicht geöffnet hatte und sehr dümmlich und verdutzt aussah.

"Nicht. Wieder."

Das war alles, was sie sagte in ihrer melodiös gefärbten Gemeinsprache.

Schließlich stieß sie seine Hand zurück und erhob sich, die beiden Männer raschen Schrittes allein lassend. Einige Momente sahen sie der Elfe nach, ehe Brendan van Haven prustend und schnaufend loslachte, und Roderick selbst einfiel. Sie lachten und lachten, sicherlich eine Minute lang. Dann allerdings siegte der Hunger, und sie machten sich über die Nahrung her.

Und über die Grenzlande legte sich eine Nacht, die für die beiden Männer schon deutlich besser aussah als die Nacht davor.