Der Herr der Mark - Teil III: Der Vorbote des künftigen Schattens II


Stunden um Stunden waren sie nun geritten, durch das weite und kaum besiedelte Grenzland zwischen Alterac und Stromgarde. Der sommerliche Abend war überaus lau und angenehm, weshalb Roderick seinen schweren Pelzumhang auch auf dem Sattel zusammengerollt hatte und so, nur in seiner Rüstung dahin geritten war. Sie hatten über viele Dinge geplaudert, gemeinsame Erlebnisse aus alter Zeit, als man selbst noch ungezogene, unflätige Bengel gewesen war.

 

Doch schließlich hatten die beiden sich dem alten, aber großen Hof des Freisassen genähert, der weder Arathi noch Alteracer war. Dunkel und verlassen, fast bedrohlich lag das Gehöft dort, das Tor nur angelehnt, so dass die Angeln im milden Sommerabendwind quietschten.

 

Weder Roderick noch Brendan gefiel diese Sache, so dass sie ihre Pferde zurückließen und mit gezogenen Schwertern sich dem Hofe annäherten. Ungeschnitten noch stand der Weizen auf den umliegenden Feldern, was zu dieser Zeit der einsetzenden Ernte doch reichlich ungewöhnlich war. Ebenso klang das gedämpfte Klagen von Kühen aus den Ställen - ein Klagen, dass jeder kannte, der schon einmal Kühe gehört hatte, die zu lange nicht gemolken worden waren.

Der Hof indes war ruhig, als die beiden arathischen Adligen sich vorsichtig auf das Haupthaus zubewegten. Keine Menschenseele war zu sehen, und auch kein gedämpftes Licht von Öllampen drang durch die offenen Fenster der alten Bauernkate.

 

Brendan hob die Hand und gebot Roderick inne zu halten, der auch gleich zwei Schritte hinter seinen jüngeren Bruder verfiel. "Hallo? Ist hier jemand? McFarlum? Seid ihr hier?" rief Brendan schließlich das Haus an, doch keine Antwort folgte. Immer stärker alarmiert näherten die beiden van Haven-Brüder sich dem Eingang. Sie nahmen an der Seite der Tür Aufstellung, nickten einander zu und traten sie schließlich ein.

 

Im Inneren erwartete sie das Surren einer ganzen Heerschar von Fliegen und ein allzu bekannter Geruch - der Geruch nach frischen Blut. Ein Geruch, dessen Quelle auch die Fliegen anzog. In der Mitte des großen Raumes lagen sie - fein säuberlich aneinander gereiht die Leichen der McFarlum-Familie. Nur an der Größe konnte man erkennen, dass ganz links das Familienoberhaupt lag, neben ihm seine Frau und dann, der Größe nach die Kinder.

 

Ihre Köpfe hatte man ihnen abgeschlagen, und sie waren auch nirgends in der Nähe zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis die beiden Brüder sich über diesen grauenhaften Anblick gesammelt hatten. Roderick spuckte aus und traf eine Entscheidung. "Du durchsuchst die unteren Räume, ich sehe mich oben um. Wenn wir Lady Isella nicht finden, werden wir diese armen Leute anständig begraben."

 

Unruhig bewegte Lord Roderick, voll gerüstet und mit gezogenem Schwert durch die oberen Räume des alten Freisassengutes. Unten konnte er die schweren Schritte seines Bruders hören, was ihn gewissermaßen beruhigte. Das bedeutete, dass zumindest die Täter nicht in der Nähe waren - oder zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

 

Oben waren die Schlafstätten der Familie zu finden mit ihren Habseligkeiten. Das überraschte Roderick sehr, denn er war davon ausgegangen dass die Familie Briganten und Räubern zum Opfer gefallen war. Doch von Lady Isella war keine Spur zu finden.

 

Gerade, als er den Weg nach unten wieder antreten wollte, schlug etwas auf das Dach und rollte herunter bis es schließlich verstummte. Roderick runzelte die Stirn und betrachtete das alte Reetdach über sich. Er stach mit dem Schwert gegen das Dach, und als er es zurückzog, stach der klassische Geruch von Rauch in seine Nase, der sich nun auch in den Raum hinein kräuselte. Feuer! Er nahm das Schwert beiseite, stürzte aus dem Raum und die knarzenden Treppen herunter, wobei er auf der letzten Stufe beinahe ausglitt und der länge nach hingeschlagen wäre, hätte er sich nicht noch am Geländer halten können.

 

Durch das Gerenne bereits alarmiert, kam ihm sein Bruder entgegen, die Brauen zusammen gezogen. "Roderick?" "Feuer, Brendan! Es brennt! Wir müssen hier raus. Oben ist von Lady Isella keine Spur zu sehen." "Hier unten ist sie auch nicht. Mir gefällt das nicht, Roderick."

 

Als sie schließlich nach draußen stürzten, stoppten sie wie angewurzelt in der Bewegung. Vor ihnen stand eine Schar von sicher 15 bewaffneten Männern. Soldaten, dachte Roderick. Kampfbereit und gerüstet, die Waffen gezogen und angetan... in orangene Waffenröcke mit dem Phönix darauf. Es waren Soldaten Alteracs, ergraute Waffenknechte und Söldner. Professionelle, weit entfernt von einer Räuberbande und Briganten.

 

"Was hat das alles zu bedeuten?", herrschte Roderick die ruhig dort stehenden Männer an. Seine Augen blitzten vor Zorn bei dem Gedanken daran, dass diese Männer für den Mordbrand verantwortlich sein können.

 

Der Anführer der Alteracer trat vor, ein älterer Waffenknecht, gut gerüstet und in der Hand einen langstieligen Kriegshammer. Ein Schmunzeln trat auf sein Gesicht, als er sich in einer sarkastisch anmutenden, übertriebenen Verbeugung erging. "Lord Roderick van Haven und sein Bruder Brendan, die noblen Herren der Mark. Was hier geschehen ist, muss euch nicht mehr kümmern. Alles, was ihr tun müsst ist sterben."

 

Der Kampf tobte nun schon seit Minuten, und Lord Roderick merkte, wie sein Arm langsam ermüdete. Sie hatten 3 oder 4 Soldaten der Mörderbande außer Gefecht gesetzt, und hatten sich klugerweise in den Eingang des hauses zurückgezogen, dessen Dachstuhl bereits lichterloh brannte. Lange würde das nicht mehr gutgehen - entweder die Überzahl an Feinden würde sie überwinden, oder das haus würde brennend über ihnen zusammen stürzen. Mit einem wuchtigen Hieb durchbrach er die Parade seines derzeitigen Gegners, eines abstoßenden Söldners, dessen verzerrtes Grinsen das Fehlen mehrerer Zähne offenbarte und dessen Bart so aussah, als wäre er mit Schweinefett eingerieben worden.

 

Jetzt jedoch erstarb das Grinsen, und Roderick bemerkte jenen Blick voller Verblüffung, den Soldaten immer dann annahmen, wenn sie im Gefecht eine tötliche Verwundung erlitten. Es war immer so. Nie war es direkt Panik oder Schmerz, es war immer zuerst Verblüffung. Sein Gegner schwand aus seinem Gesichtsfeld, als er zu Boden sackte und einer seiner Spießgesellen nachrückte.

Über ihnen rauschte das Feuer und die Balken krachten und knackten bedrohlich. Rodericks Arme waren mittlerweile so schwer, dass er den Hieb der Axt nur mühsam mit dem bereits ramponierten Schild parierte. Er stach mit der Spitze des Schwertes über den Rand des Schildes hinweg, und hörte den Alteracer dahinter aufschreien.

 

Als er den Schild wieder senkte, stellte er fest dass nun auf dem gesicht des Soldaten eine blutige Wunde klaffte, die ihn aber kaum außer Gefecht setzen würde.

 

Dann allerdings geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Frisches Blut sprenkelte auf sein Gesicht, und mit einem mal ragte ein Pfeil aus dem Hals des Soldaten. Er sank in sich zusammen, und auch der Rest der Mordbande war auf einmal sehr überrascht, als auch andere von ihnen von tötlichen Pfeilen getroffen zu Boden gingen, die aus dem Nichts zu kommen schienen.

 

Gerade, als sie sich auf die neue Bedrohung einzustellen versuchten, huschten aus dem nahen Wald pfeilschnelle und präzise Gestalten, angetan in leichten Rüstungen und mit gezogenen, eleganten Schwertern und überraschten die Mordbrenner mit ihrem Angriff völlig. "ANARALAH BELORE!" klang der einstimmige und melodiöse Kriegsschrei von ihren Lippen, als ein Alteracer nach dem anderen vor dem Angriff dieser schattenhaften Krieger fiel.

 

Völlig überrascht von dieser Wendung taumelten Brendan und Roderick ins Freie, die Gesichter von Schweiß und Ruß verschmiert, hier und dort kleinere Quetschungen und Schnittwunden. Roderick fühlte sich völlig zerschlagen, als die Elfen, denn um nichts anderes konnte es sich handeln sie ausschwärmend umzingelten und mit erhobenen Bögen und Schwertern den Kreis um sie eng zogen. Er ging auf die Knie nieder, ließ seine Waffen sinken und sah ihrem Anführer entgegen, einem androgynen Elfen in einer edlen, fein geschmiedeten Kettenrüstung die mit leichten Plattenteilen verstärkt war. Hochmütig reckte dieser das Kinn und deutete mit der Spitze des Schwertes auf den Boden - erkennend, dass diese beiden abgekämpften recken ohnehin keine Gegner mehr sein würden. Lord Roderick ergab sich seinem Schicksal und der Dinge, die dort kommen mochten. Sein Bruder tat es ihm gleich.